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Full text of "Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in das Neue Testament"

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SAMMLUNG 



THE0L0GI8CHEE LEHRBÜCHER 



EINLEITUNG IN DAS NEUE TESTAMENT 



BEAEBEITET 



VON 



HEINEICH JULIUS HOLTZMANN 

DR UND OBD. PROFESSOR DER THEOLOGIE 
IN STRASSBURG 




PREIBURG I. B. 1886 

AKADEMISCHE VERLAGSBUCHHANDLUNa VON J. C. B. MOHR 

(PAUL siebeck) 



LEHRBUCH 

DER 



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HISTORISCH-KEITISCH'EN 



EINLEITUNG 



IN DAS 



NEUE TESTAMENT 



VON 



HEINRICH JULIUS HOLTZMANN 

DB UND OKD. PROFESSOR DER THEOLOGIE 
IN STRAS8BUEG 



ZWEITE VERBESSEETE UND VERMEHRTE AUFLAßE 




\ 



PREIBÜRG I. B. 1886 

AKADEMISCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG VON J. C. B. MOHR 
(PAUL SIEBECK) 



Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen hehält sich die 
Verlagsbuchhandlung vor. 



Druck von 0. A. Wagner in Freiburg i. B. 



Yorwort. 



Wenn der geplante Cyklus theologischer Lehrbücher gerade mit 
vorhegendem Werke eröffnet worden ist, so hat dies seinen Grund 
lediglich darin, dass die Druckfertigmachung des Manuscriptes über 
einen Gegenstand, welchen ich im verflossenen Sommer zum zwanzig- 
stenmal in öffentlichen Vorlesungen behandelt habe, eine verhältniss- 
mässig nur kurze Zeit in Anspruch nehmen konnte. Meine Absicht 
war, ein Werk zu liefern, welches über den gegenwärtigen Stand der 
das Neue Testament betreffenden kritischen Fragen umfassende, 
gleichmässige und übersichthche Auskunft ertheilen, zugleich aber 
auch das Material der Controversen mit einer für akademische Lehr- 
und Lemzwecke genügenden Vollständigkeit bieten sollte. Der eigene 
Standpunkt konnte und sollte nicht verleugnet werden; er musste 
aber zurücktreten hinter dem Streben nach einer objectiven Dar- 
stellung, welche jedwede, einer wissenschaftHchen Begründung fähige, 
Ansicht zum Wort imd zum Recht gelangen lässt. 

Die kritischen Stimmen, welche anlässHch der ersten Auflage 
laut geworden sind, haben anerkannt, dass die oben ausgesprochenen 
Grundsätze mit dem Programm des ganzen Unternehmens überein- 
stimmen und dass auch die Ausführung nicht allzuweit hinter der 
Aufgabe zurückgeblieben ist. Für den Fall einer zweiten Auflage, 
wie eine solche gerade ein Jahr nach der ersten Veröffentlichung 
nothwendig geworden ist, haben sich mancherlei Wünsche und Be- 
gehren hören lassen. Die meisten derselben konnten im neu gestalteten 
Text stillschweigend berücksichtigt, beziehungsweise erledigt werden. 
Beispielsweise sei auf die Erweiterung der letzten Absätze auf S 193 
und 420 hingewiesen. Oft bezogen sich die Ausstellungen nur auf 
Gegenstände formaler Natur. Dass ich es in dieser Beziehung 
gleichwohl zuweilen beim Alten bewendet sein Hess, darüber glaube 
ich mich nicht in jedem einzelnen Falle ausdrückhch verantworten 
zu müssen. Insonderheit erscheint mir unerheblich die vielfach 
angeregte Controverse über die Reihenfolge der abzuhandelnden 
Stoffe. Die Stellung des besonderen Theiles hinter dem allge- 
meinen (vgl. S 20) kann sich schon auf den, besonders für den 
Druck durchschlagenden, Zweckmässigkeitsgrund berufen, dass auf 
solche Weise zahllose Wiederholungen z. B. von Büchertiteln ver- 
mieden sind. Dabei brauchte die Reihenfolge, in welcher der 



VI Vorwort. 

2. Theil die einzelnen Schriften zur Behandlung bringt, keineswegs 
eine chronologisch geordnete zu sein. Eine solche soU sich ja erst 
aus Untersuchung der genealogischen Verhältnisse und der übrigen 
Zeitspuren, welche zu beobachten sind, ergeben. Sonach können die 
neutest. Schriften nur nach den grossen Gruppen, in welche sie von 
selbst zerfallen, geschieden und geordnet, es dürfen Schriften, die 
wie die synoptischen Evglien, die Plsbriefe, die kath. Briefe innerUch 
verwandt sind und darum eine gewisse Gleichmässigkeit in der 
kritischen Behandlung verlangen, nicht etwa lediglich aus Rücksicht 
auf die Zeitrechnung auseinander gerissen werden. 

SachHch ist mehrfach der "Wunsch nach einer bestimmteren 
Sprache und Färbung, nach handgreiflicherer Bezeichnung derjenigen 
Wagschale ausgesprochen worden, welche durch das Uebergewicht 
der Gründe herabgezogen wird. Bei grundsätzHchem Einlenken in 
diese Bahn hätte ich die ganze Haltung des vorHegenden Werkes, 
die nicht ohne Bedacht gewählte und nicht ohne Selbstverleugnung 
durchgeführte, darangeben müssen. Treffend hat in dieser Richtung 
ein berufener Recensent darauf hingewiesen, „dass der wissenschaft- 
hche Zweck eines akademischen Lehrbuchs die Heranbildung des 
Lernenden zu wissenschaftlicher Selbständigkeit, sein praktischer 
Zweck die Brauchbarkeit für Angehörige aller Richtungen ist." 
„Die Sicherheit, mit welcher diese beiden Zwecke erreicht werden, 
steht in umgekehrtem Yerhältniss zu der Sicherheit, mit welcher die 
eigene Anschauung als die allein berechtigte zur Geltung gebracht 
zu werden pflegt." 

Ueberdies gestehe ich, dass meine Arbeit von vorn herein auch 
die eigenthchen Fachgenossen im Auge gehabt hat. Sie würde gern 
als Ausgangspunkt für eine annähernde Verständigung zwischen den- 
jenigen dienen, welche der evangehschen Earche den Ruhm des 
wissenschaftHchen Verständnisses auch auf dem speciellen Gebiete 
der neutestamenthchen Literaturgeschichte zu erhalten suchen. Darum 
wurde nicht blos dafür Sorge getragen, dass die auf jeder Station 
des kritischen Prozesses sich ergebenden Probleme möghchst deut- 
Hch an's Licht treten, sondern es ist auch durch Angabe der Namen, 
welche zumal in der Neuzeit für die verschiedenen Lösungsversuche 
eintreten, eine Uebersicht über den dermaligen Stand des Kampfes 
ermöglicht worden. Der Kundige wird sich angesichts solcher Zu- 
sammenstellungen mit Leichtigkeit von den zuweilen etwas abseits 
von den Bahnen der Wissenschaft gelegenen Interessen ein Bild 
machen, welche ganze Reihen von confessionell oder kirchenpoHtisch 
verbundenen Theologen auch auf dem Gebiete unserer Disciphn ver- 
eint auftreten lassen, während andererseits das Zusammentreffen von 
sonst sehr verschieden gerichteten Autoritäten auf Einem Punkt ein 
günstiges Vorurtheil für die Haltbarkeit der betreffenden These er- 
wecken wird. In nicht wenigen Fällen liegt schon in den in Rede 
stehenden Verzeichnissen eine stillschweigende Verurtheilung leicht- 
fertiger Behauptungen. Mitunter liest man z. B. immer noch die 
zuversichthch hingeworfene Behauptung, die Marcushypothese sei im 
Aussterben begriffen, die Erklärung der Synoptiker aus zwei Quellen 



Vorwort. vn 

statt aus der mündlichen Tradition habe sich überlebt u. s. w. Ein 
BHck auf die S 362 f, 375 f verzeichneten Namen genügt , um ein 
derartiges Gerede zu würdigen. Dies der Grund, wesshalb ich zwar 
nicht wenige Namen dritten und vierten Ranges jetzt wieder ge- 
strichen, manches Yerzeichniss entweder ganz getilgt oder durch 
Zurückführung auf ein anderes vereinfacht, das System der grossen 
Gruppen selbst aber nicht aufgegeben habe. Es schadet nichts, 
wenn künftige Leser aus solchen Registern unter Anderem auch 
ersehen, welche und welcherlei Yelleitäten, gichtbrüchige Hypothesen, 
„Standpunkte", die selbst nicht stehen können, zur Signatur der 
officiellen Theologie unserer Tage gehört haben*). Allerdings ist 
in solchen Registern auch jetzt noch mancher Name stehen geblieben, 
ohne dass die Titel der einschlägigen Werke beigeschrieben oder 
schon zuvor genannt worden wären. In der Regel wird man dann 
die betreffenden Nachweise in denjenigen meiner Specialarbeiten finden, 
welche an der Spitze der betreffenden Abschnitte aufgeführt sind. 
"Wenn übrigens auch der Streit der Meinungen das Erste ist, 
was bei dieser Methode hervortritt und in die Augen fällt, so sollte 
doch die positive Darstellung der Sache selbst keineswegs darüber 
zu kurz kommen. Nur muss man dieselbe am rechten Ort suchen. 
Gleich das erste Kapitel der Geschichte des Kanons giebt eine 
Skizze der altchristlichen Literaturgeschichte, wie letztere nach den 
hier vertretenen Resultaten sich gestalten müsste, so dass schon 
dadurch in allen wichtigen Fällen unzweideutig die Richtung ange- 
geben ist, nach welcher die Debatten über das Detail Entscheidung 
suchen. Im besonderen Theile aber wird bezüglich der theils be- 
jahenden, theils ablehnenden Stellung zur Tradition, welche ich bei 
Beurtheilung sämmtlicher Briefe des NT einnehme, keinerlei Zweifel 
mögUch sein. Mit etwas grösserer Zurückhaltung sind die sog. 
geschichtHchen Bücher behandelt , zumal Johannes und Apostel- 
geschichte; aber auch hier war es unmögHch, Ueberzeugungen , die 
sich mir, allerdings oft nach längerem Schwanken, zuletzt immer 
deutlicher gestaltet, immer unabweisbarer aufgedrängt haben, unter 
den Scheffel zu stellen. Nur verlange man in einem Buche, welches 
programmmässig Unparteüichkeit verspricht, nicht Anwendung einer 
Fracturschrift, die auf meilenweite Entfernung lesbar, weil auf blöde 
Augen berechnet wäre. 

Auch ein Register ist begehrt worden; das beigegebene konnte 
um so kürzer gehalten werden, als gleichzeitig das Inhaltsverzeich- 
niss durch Aufiiahme neuer Unterabtheilungen erhebHche Erweite- 
rungen erfahren hat. Was hier schon deutlich in die Augen fällt, 
also namentlich Ort und Stelle, wo die einzelnen kanonischen und 
apokryphischen Schriftstücke zur Behandlung kommen, brauchte dort 
nicht wiederholt zu werden. Vielmehr wurde in das Register nur 
aufgenommen, was zur sachhchen und sprachlichen Orientirung, zur 

*) Auch mit B. "Weiss , dem umsichtigsten und fleissigsten unter den Ver- 
tretern dieser Theologie, habe ich micli so allseitig auseinandergesetzt, dass ich 
es kaum bedauern kann, seine soeben buchhändlerisch angezeigte Einleitung in 
das NT nicht zu Gesicht bekommen zu haben. 



VIII Vorwort. 

Kenntliclimachung der Stellung alter und neuer Autoritäten zu den 
vorliegenden Problemen, zur Uebersicht über die Leistungen maass- 
gebender Schriftsteller dient. Unmöglich konnten alle Namen auf- 
genommen werden. In erster Linie wurden solche berücksichtigt, die 
an vielen oder wenigstens an verschiedenen Orten des Werkes genannt 
sind. Vermeidung von Wiederholungen war schon durch die Rück- 
sicht auf den zu Gebote stehenden Raum auferlegt. Beispielsweise 
werden daher die im zweiten Theüe vorkommenden Mittheilungen 
über die altkirchhche Bezeugung einzelner Schriften erst recht ver- 
ständhch, wenn man sie als Einzelausführungen in die Geschichte 
des Kanons, wie solche der erste Theü im grossen Zusammenhang 
gibt, hineinzeichnet. Aus demselben Grunde wurde die im Eingange 
aufgeführte Literatur der Disciplin in der Geschichte der Kritik, 
welche den Schluss der Geschichte des Kanons bildet, nicht aber- 
mals abgedruckt. Ueberhaupt ist von älterer Literatur nur was 
bleibender Bedeutung sicher scheint , von neuerer und neuester 
dagegen alles dasjenige verzeichnet worden, was dem an alte Probleme 
neu Herantretenden eben jetzt gute Dienste leisten wird. 

Im besondern Theil hat die zweite Auflage die formelle Neue- 
rung getroffen, dass die jüngeren Commentare und bedeutenderen 
Monographien über die einzelnen Bücher an die Spitze der betreffen- 
den Kapitel und Sectionen gesteht wurden. Die Abschnitte über 
2 Cor, Rm und Eph, auch über die Evglien haben erhebliche Zusätze 
erfahren. Neu hinzugekommen ist ein gedrängter Nachweis über 
den Bestand der apokryphischen Literatur und ihrer Bearbeitung. 
Ganz ohne Nachbesserungen und Erweiterungen ist wohl kein Ab- 
schnitt geblieben ; das gilt auch vom allgemeinen Theil. 

Schulden der Dankbarkeit habe ich gegen Verstorbene und 
gegen Lebende abzutragen. Unter jenen nimmt den ersten Platz 
Dr. Wilhelm Vatke ein. Ohne die nachhaltige Anregung, welche 
ich 1851 — 52 als sein Zuhörer empfing, würden die Studien, welche 
in vorhegendem Werke zu einem relativen Abschlüsse gelangt sind, 
überhaupt nicht gemacht worden sein. Aufriss und allgemeine An- 
ordnung werden sich noch heute nicht allzuweit von seinem Schema 
entfernen, welches mir zur Vergleichung nicht mehr zu Gebote 
steht. Um so erwartungsvoller sehe ich der bevorstehenden Ver- 
öffenthchung seiner Vorlesungen entgegen, deren spätere Ausgestal- 
tung mir unbekannt gebheben ist. 

Zum Danke verpflichtet mich aber auch die freundHche und 
nachsichtige Aufnahme, welche mein Werk in der Oeffenthchkeit 
gefunden hat. Für sachHche Verbesserung und Vervollständigung 
bin ich besonders den Herren Dr. A. Jülicher (Göttingische ge- 
lehrte Anzeigen 1886, S 581 f) und Lic. P. W. Schmiedel (brief- 
lich), für Unterstützung bei der Correctur zweien badischen Geistlichen, 
meinem Freunde Wilhelm Seufert und meinem Bruder Otto 
HoLTZMANN, verbunden. 

Strassburg, 1. Oktober 1886. 

H. Holtzmann. 



Inhalt. 

Seite 

Vorwort V 

Inhaltsverzeichniss IX 

Sigla der biblischen Citate XV 

Sigla der Citate aus Zeitschriften und Sammelwerken XV 

Ergänzungen und Berichtigungen XVI 

Geschichte und Literatur, Inhalt und Oliedernng der Bisciplin . . 1 

1. Alte und mittlere Zeit 1 

2. Sechszehntes und siebzehntes Jahrhundert 2 

3. Begründung der Disciplin 3 

4. Der neuere Protestantismus 4 

5. Katholische Arbeiten 6 

6. Das Ausland 7 

7. Das Reformproject 9 

8. Der Begriff der Disciplin 11 

9. Die Disciplin innerhalb der theologischen Encyklopädie .... 12 

10. Greschichte des Kanons 15 

11. Geschichte des Textes ... * 16 

12. Specielle Einleitung 19 

Allgemeiner Theil 21 

Gesohiclite des Textes 23 

Erstes Kapitel : Von der XJeherlieferung des Textes . 23 

1. Aeltere formale Geschichte des Textes. Neutestamentliches Schreib- 
und Bücherwesen 23 

2. Aeltere materiale Geschichte des Textes 26 

1. Unabsichtliche Aenderungen S 26. 2. Absichtliche Aende- 
rungen S 27. 3. Fälschungen S 28. 

Zweites Kapitel: Tom textkritischen Apparat 32 

1. Von den Handschriften 32 

1. Allgemeines S 32. 2. Stoffe S 33. 3. Schriftarten S 34. 
4. Form S 35. 5. Wort- und Satzabtheilung 36. 6. Kapitel- 
Abtheiluug S 38. 7. Terminologie S 40. 8. Die berühm- 
testen Uncialhandschriften 41. 

2. Von den Schriftstellern des kirchlichen Alterthums 46 

1. Allgemeines zur Textgeschichte S 46. 2. Die patristischen 
Citate S 49. 

3. Von den alten Uebersetzungen 52 

1. Morgenländische Uebersetzimgen 53 

1. Syrische S 53. 2. Aegyptische S 55. 3. Aethiopi- 
sche S 55. 4. Armenische S 55. 5. Georgische S 56. 
6. Arabische S 56. 7. Persische S 56. 8. Gothische 
S 57. 9. Slavischc S 57. 

2. Lateinische Uebersetzungen 58 

1. Vorhieronymianische S 58. 2. Die Vulgata S 63. 



X Inhalt. 

Seite 

Drittes Kapitel: Geschichte des gedrückten und des recensirten Textes 67 

1. Editiones principes 67 

2. Das Jahrhundert zwischen Erasmus und Elzevier 68 

3. Der Textus receptus 69 

4. Das Jahrhundert zwischen Mill und Grriesbach 70 

5. Die deutsche Arbeit der letzten 100 Jahre 74 

6. Die enghsche Arbeit der Gregenwart 81 

7. Erträgnisse der textkritischen Bemühungen 85 

1. Allgemeine Unterscheidungen S 85. 2. Grundsätze der 
recensirenden und der emendirenden Kritik S 87. 

(Jesoliiclite des Kanons 91 

Vorbemerkungen über Aufgabe und Literatur derselben ........ 91 

Erstes Kapitel: Die neutestamentliche Literatur 94 

1. Urchristliche und altkirchliche Literatur . 94 

2. Aeltere Schriftstellerei 95 

3. Apostolisches Material zur Kanonbildung 98 

4. Das nachapostolische Zeitalter 101 

5. Nachapostolisches Material zur Kanonbildung 107 

Anhang: Alttestamentliche Pseudepigraphen 109 

Zweites Kapitel: Die Torgeschichte des Kanons ...:.... 110 

1. Die älteren apostolischen Väter 110 

2. Papias 114 

3. Justin der Märtyrer 118 

4. Die späteren apostolischen Väter 122 

5. Die späteren Apologeten 129 

6. Die Gnostiker • 133 

Drittes Kapitel: Der ältere Kanon 140 

1. Der Kanon und die katholische Kirche 140 

2. Das Muratorianum 146 

3. Der Kanon des Irenäus und des Tertullian > • • 151 

4. Der alexandrinische Kanon 154 

Viertes Kapitel: Der spätere Kanon 157 

1. Von Eusebius bis zu Athanasius 157 

2. Name und Begriff des Kanons 161 

3. Name und Begriff des Apokryphischen 165 

4. Abschluss des Kanons im Morgenland 169 

5. Abschluss des Kanons im Abendland 172 

Fünftes Kapitel: Der Kanon und der Protestantismus 175 

1. Die beiden Stadien der protestantischen Kritik 175 

2. Das reformatorische Stadium . . 177 

3. Die Uebergangszeit 181 

4. Von Semler zu Baur 183 

5. Die Tübinger Schule 186 

6. Die kritische Richtung 189 

7. Phantasiemässig construirende Reaction 193 

8. Dogmatisch operirende Restauration 196 

9. Wissenschafthche Opposition 199 

10. Die Gegenwart 204 

Sechstes Kapitel : Die protestantische Kritik des Kanons. 

(Uebergang zum besonderen Theil.) 207 

1. Lage der kanonbildenden Kirche 207 

2. Unkritische Stimmung des Zeitalters 210 

3. Methodisches Vorgehen der Kirche 214 

4. Maassgebende Motive der Kanonbildung 217 

5. Psychologische Wurzel der sog. Fälschungen 221 



Inhalt. XI 

Seite 

Besonderer Theil 227 

Erstes Kapitel: Die paulinischen Briefe 229 

Die Briefe an die Thessalonicher 233 

1. Die Christengemeinde zu Thessalonich 233 

2. Veranlassung und Inhalt des 1. Briefes 234 

3. Veranlassung und Inhalt des 2. Briefes 235 

4. Echtheit 236 

5. Der eschatologische Hauptpunkt 238 

Der Brief an die Gralater 241 

1. Die galatischen Gemeinden 241 

2. Paulus und die Gralater 242 

3. Veranlassung und Inhalt des Briefes 244 

4. Datum des Briefes 245 

5. Echtheit 246 

Die Briefe an die Korinther 246 

1. Paulus in Korinth 246 

2. Die Parteien in Korinth 247 

3. Veranlassung und Inhalt des 1. Briefes 249 

4. Veranlassung und Inhalt des 2. Briefes 251 

5. Verhältniss der beiden Briefe zu einander 254 

Der Brief an die Römer 256 

1. Datum und Inhalt 256 

2. Die Leser 258 

3. Zweck 263 

4. Integrität des Briefes 269 

Der Brief an Philemon 274 

Der Brief an die Kolosser 276 

1. Paulus und die Kolosser 276 

2. Die Irrlehre 277 

3. Datum und Inhalt 279 

4. Echtheit 280 

Der Brief an die Epheser 283 

1. Inhalt 283 

2. Die Adresse 284 

3. Echtheit , 287 

4. Das Verhältniss zum Kolosserbrief 291 

1. Die Sachlage S 291. 2. Die Lösungsversuche S 293. 
3. Die Interpolationshypothese S 295. 4. Gemeinsamer 
Charakter S 296. 

Der Brief an die Philipper 297 

1. Abfassungsort und Verhältniss zu Eph, Col, Phm 297 

2. Veranlassung 298 

3. Inhalt und Integrität 300 

4. Echtheit 302 

Die Pastoralbriefe 304 

1. Inhalt 304 

2. Geschichte der Kritik 306 

3. Die vorausgesetzten Situationen im Leben des Paulus . . . 308 

4. Die Hypothese von der zweiten Gefangenschaft des Apostels 

in Rom 311 

5. Das künstlich Gemachte und Ungeschichtliche der Voraus- 
setzungen . . 315 

6. Sprachhches 317 

7. Zeitverhältnisse 321 



XII Inhalt. 

Seite 

Der Hebräerbrief , 326 

1. Inhalt 326 

2. Schicksale des Briefes 327 

3. Unpaulinischer Ursprung 330 

1. Persönliches S 330. 2. Sprachliches S 331. 3. Cita- 
tionsweise S 332. 4. Schriftstellerisches Verhältniss S 332. 
5. Theologischer Standpunkt S 334. 

4. Verfasserschaft 335 

5. Abfassungszeit 336 

6. Adresse 338 

7. Zweck 343 

Zweites Kapitel : Die Geschichtsbüclier 345 

Die synoptischen Evangelien 345 

1. Evangelium und EvangeHen 345 

2. Die Synoptiker und das synoptische Problem 347 

3. Aeltere Lösungsversuche 351 

4. Gegenwärtiger Stand der kritischen Frage 357 

1. Die Traditionshypothese S 357. 2. Die Urevangeliums- 
hypothese S 358. 3. Die Benutzungshypothese S 360. 

4. Matthäus oder Marcus S 366. 5. Vermittelungen S 370. 

5. Die Spruchsammlung 371 

6. Synoptische Tafel 376 

7. Entstehungszeit 382 

8. Das Evangelium nach Matthäus 386 

1. Echtheit S 386. 2. Ursprache S 387. 3. Dogmatischer 
Charakter und Zweck S 389. 

9. Das Evangelium nach Marcus 393 

1. Verhältniss zu Johannes Marcus S 393. 2. Verhältniss 
zu Petrus und Pls S 394. 

10. Das Evangelium nach Lucas 397 

1. Echtheit S 397. 2. Dogmatischer Charakter u. Zweck S 399. 

Die Apostelgeschichte 402 

1. Titel, Inhalt und Eintheilung 402 

2. Verhältniss zum 3. Evangelium 403 

3. Das Problem des Buches 404 

4. Die Quellenfrage . . . , 406 

5. Die Frage nach dem Zweck und geschichtlichen Charakter . 409 

1. Geschichte der Kritik S 409. 2. Instanzen der Kritik 
S 410. 3. Apologetischer Gegensatz S 414. 4. Vermitte- 
lungen S 416. 

6. Zeit • 418 

7. Bezeugung 419 

Drittes Kapitel: Die jolianneisclie Literatur 420 

Die Offenbarung 421 

1. Apokalyptik 421 

2. Inhalt 423 

3. Zeitlage 425 

4. Verfasser 429 

5. Bezeugung 435 

Das vierte Evangelium 438 

1. Das Johanneische Problem 438 

1. Einführung der Erzählung S 438. 2. Oertliches S 439. 
3. Zeithches S 439. 4. Reden und Thaten S 441 

5. Christusbild S 442. 6. Composition S 443. 7. Theolo- 
gischer Standpunkt S 444. 



Inhalt. Xni 

Seite 

2. Geschichte der Kritik 444 

1. Der Angriffs 445. 2. Vertheidigungsexperimente S 446. 
3. Vermittelungen S 447. 4. Die gegenwärtige Sach- 
lage S 448. 

3. Vorläufige Resultate bezüglich der Geschichtlichkeit des johan- 
neischen Berichts 450 

1. Künstliche Einrahmung S 450. 2. Geschichtliche 
Erinnerungen S 451. 3. Schriftstellerisches Verhältniss 
S 452. 4. Einfluss der Logoslehre S 454. 5. Menschliche 
Kehrseite S 456. 6. Doppelgesicht S 457. 7. Das Leben 
Jesu S 458. 8. Symbolik des Berichts S 460. 9. Der 
Evangelist und die Christusreden S 461. 10. Zeitgeschicht- 
liches Moment S 463. 

4. Der johanneische Ursprung 465 

1. Der Lieblingsjünger S 465. 2. Verhältniss zum Juden- 
thum S 468. 3. Speculation und Mystik S 469. 4. Evange- 
list und Apokalyptiker S 471. 5. Der Passahstreit S 474. 
6. Johannes in Ephesus S 475. 7. Zeit S 476. 

5. Bezeugung und Tradition 477 

1. Die Zeugnisse für Existenz und kanonische Werthung 
von Joh S 477. 2. Die Tradition über den ephesinischen 
Johannes S 482. 

Die Johanneischen Briefe 488 

Der erste Brief. • 489 

1. Echtheit 489 

2. Inhalt 490 

3. Verhältniss zum 4. Evangelium 491 

4. Zweck 493 

5. Zeit 494 

Die beiden kleinen Briefe 495 

1. Verhältniss zum grossen Brief . . * 495 

2. Echtheit 496 

3. Adresse und Inhalt 497 

4. Zeitlage 499 

Die übrigen katholischen Briefe 500 

Der Brief des Jakobus 504 

1. Charakter und Inhalt 504 

2. Leserkreis 505 

3. Zeitlage 506 

4. Echtheit 510 

5. Schicksale 512 

Die Briefe des Petrus 514 

Der erste Brief 514 

1. Die Adresse 514 

2. Zweck 515 

3. Inhalt 516 

4. Schriftstellerisches Verhältniss 517 

5. Echtheit 620 

6. Zeit 522 

7. Bezeugung 624 

Der zweite Brief 626 

1. Verfasser und Leser 526 

2. Verhältniss zum ersten Brief 625 

3. Verhältniss zum Judasbrief 627 



XIV Inhalt. 

Seite 

4. Zweck und Inhalt 528 

5. Echtheit 529 

6. Ueberlieferung 530 

Der Brief des Judas . 531 

Viertes Kapitel: Die Apokryphen des NT 534 

I. Allgemeines 534 

n. Apokryphische Evangelien 536 

1. Nicht mehr vorhandene 536 

1. Gruppe der Hebräerevglien S 536. 2. Evangelium der 
Aegypter S 538. 3. Gnostische Evglien S 539. 

2. Die noch vorhandenen Stücke 540 

1. Josephssagen S 540. 2. Mariensagen S 540. 3. Kind- 
heitssagen S 541. 4. Passionslegenden S 541. 5. Fremd- 
artige Nachtriebe S 542. 

in. Apokryphische Apostelgeschichten 543 

1. Nicht mehr vorhandene 545 

1. KfjpüYiAaxa, TCEptoSot und irpa^eK; des Petrus und des 
Paulus S 545. 2. 'Avaßa^^ol ^laxwßoo S 546. 

2. Die noch vorhandenen Stücke 546 

1. Petropaulinisches S 546. 2. Bamabas, Marcus, Lucas, 
Timotheus, Titus S 546. 3. Andreas, Matthäus (Matthias), 
Bartholomäus S 547. 4. Thomas S 547. 5. Thaddäus 
S 547. 6. Philippus S 548. 7. Jakobus, Simon und Judas 
S 548. 8. Johannes S 548. 9. Clemens von Rom S 548. 

IV. Apokryphische Briefe 549 

1. Paulus 549 

1. Dritter Korintherbrief S 549. 2. Brief nach Laodicea 
S 549. 3. Briefwechsel mit Seneca S 549. 

2. Clemens 550 

3. Bamabas 550 

V. Apokryphische Apokalypsen 551 

1. Eigentliche Apokalypsen 551 

1. Moses S 551. 2. Esra S 551. 3. Paulus S 551. 4. Johannes 
S 551. 5. Maria S 551. 6. Bartholomäus S 551. 7. Petrus 
S 551. 8. Thomas und Stephanus, Adam u. Abraham S 552. 

2. "Werke apokalyptischer Art 552 

1. Hermas S 552. 2. Testamente der Patriarchen S 552. 
3. Eldat und Modat S 553. 4. Elxai S 553. 5. Hermes 
trismegistus S 553. 6. Hystaspes S 553. 7. Sibylle S 553. 
8. Jesaja S 554. 9. Elia S 554. 10. Jeremia 554. 



Sida der biblischen Citate. Citate aus Zeitschriften u. Sammelwerken. xv 



Sigla der biblischen Citate. 



t 



Act = 


Acta, Apostelgeschichte. 


Jos = 


Am = 


Amos. 


Jud = 


Apc — 


: Apokalypse. 


Lc = 


Bar = 


Baruch. 


Lev =: 


Chr = 


Chronik. 


Mac = 


Cnt=: 


Canticum, hohes Lied. 


Mal = 


Coh = 


Kohelet, Prediger Salomo. 


Mch = 


Col = 


Kolosser- 1 -r. . . 
Korinther- f •*^"®*®- 


Mr = 


Cor = 


Mt = 


Dan = 


Daniel. 


Na = 


Dtn = 


Deuteronomium, 5. Moses. 


Neh = 


Eph = 


Epheserbrief. 


Num = 


Esr = 


Esra. 


Ob = 


Est = 


Esther. 


Pe = 


Ex = 


Exodus, 2. Moses. 


Phl = 


Ez = 


Ezechiel. 


Phm = 


Oal = 


Galaterbrief. 


Prv = 


Gen = 


Grenesis, 1. Moses. 


Ps = 


Hab = 


Habakuk. 


Reg =: 


Hag = 


Haggai. 


Rm = 


Hbr = 


Hebräerbrief. 


Rt = 


Hos = 


Hosea. 


Sam = 


Jac = 


Jakobusbrief. 


Sap = 


Jdc = 


Judices, Richter. 


Sir = 


Jdt = 


Judith. 


The = 


Jer = 


Jeremias. 


Thr = 


Jes 1= 


Jesaias. 


Tim = 


Jo = 


Joel. 


Tit = 


Job = 


Hiob. 


Tob = 


Joh = 


Johannes (Evangelium und 


Zeh ^ 




Briefe). 


Zph = 


Jon = 


Jonas. 




1 


3igla der Citate aus Zeitsc 


;hriften 


BL 


= Schenkel's Bibellexicon. 


ThT 


EWK 


= Allgemeine Encyklopädie 
der "Wissenschaften und 


ThZSch- 




Künste. 


ZhTh : 


HbA 


= Riehm's Handwörterbuch 






des biblischen Alterthums. 


ZKG : 


.TbW 


= Ewald's Jahrbücher für bib- 






lische Wissenschaft. 


ZlTh 


JdTh 


= Jahrbücher für deutsche 






Theologie. 


ZPK 


JprTh 


= Jahrbücher für protestanti- 






sche Theologie. 


ZTh 


PrK 


= Protestantische Kirchenzei- 






tung. 


ZWL : 


RE 


= Herzog's Real-Encyclopädie 




StKr 


= Theologische Studien und 






Kritiken. 


ZwTh : 


ThJ 


= Theologische Jahrbücher. 




ThLz 


= Theolog. Literaturzeitung. 





Josua. 

Judasbrief. 

Lucas. 

Leviticus, 3. Moses. 

Makkabäer. 

Maleachi. 

Micha. 

Marcus. 

Matthäus. 

Nahum. 

Nehemia. 

Numeri, 4. Moses. 

Obadja. 

Petrusbriefe. 

Philipperbrief. 

Philemonbrief. 

Proverbien, Sprüche. 

Psalmen. 

Reges, Könige. 

Römerbrief. 

Ruth. 

Samuel. 

Sapientia, Weisheit Salomos. 

Sirach. 

Thessalonicherbriefe. 

Threni, Klagelieder. 

Timotheus- f -o • r 

Titus- f ^^^^f^- 

Tobias. 

Zacharias. 

Zephanias. 



Theologisch Tijdschrift. 

Meili's Theologische Zeit- 
schrift aus der Schweiz. 

Zeitschrift für historische 
Theologie. 

Zeitschrift für Kirchen- 
geschichte. 

Zeitschrift für lutherische 
Theologie und Kirche. 

Zeitschrift für Protestantis- 
mus und Kirche. 

Tübinger Zeitschrift für 
Theologie. 

Luthardt's Zeitschrift für 
kirchliche Wissenschaft u. 
kirchliches Leben. 

Hilgenfeld's Zeitschrift für 
wissenschaftl. Theologie. 



XVI 



Ergänzungen und Berichtigungen. 



Ergänzungen und Berichtigungen. 



S 7 Z 


6 


V. u. lies: 


S 8 Z 


9 


V. u. lies: 


S 8 Z 


14 


V. u. lies: 


S 23 Z 


11 


V. u. streiche 


S 25 Z 


12 u. 


17 V. u. streiche 


S 45 Z 


3 


V. 0. streiche 


S 45 Z 


5 


V. 0. lies: 


S 57 Z 


17 


V. u. lies: 


S 58 Z 


8 


V. 0. lies: 


S 59 Z 


13 


V. 0. lies: 


S 82 Z 


14 


V. u. lies: 


S 129 Z 


12 


V. 0. lies: 


S 131 Z 


14 


V. u. streiche 


S 155 Z 10 


V. 0. lies: 


S 178 Z 


8 


V. u. lies: 


S 192 Z 


4 


V. u. lies: 


S 197 Z 


16 


V. u. lies: 


S 233 Z 17 


V. 0. lies: 


S 239 Z 


5 


V. u. lies: 


S 240 Z 22 


V. u. lies: 


S 246 Z 


9 


V. u. lies: 


S 254 Z 23 


V. 0. streiche 


S 274 Z 19 


V. u. lies : 


S 296 Z 10 


V. 0. streiche 


S 326 Z 13 


V. o. lies: 


S 345 Z 


7 


V. 0. lies: 


S 402 Z 15 


V. 0. lies: 


S 469 Z 25 


V. 0. lies: 



3 Bde 1885—86 statt Bd 1, 1885. 

Nieuwen statt Nieuwe. 
hinter 1885: 2. Afl 1886. 

einzig. 

übrigens. 

, nach Codex. 

"Wettstein statt Wetstein. 

1834 statt 1835. 

43 statt 42. 

(hinter Sabatier), für sich allein von Bels- 

HEIM 1885. 

43 statt 42. 

5 statt 6. 

, nach 285. 

17, 105. 107 statt 17, 107. 

1866. statt 1866, 

42 f. 387 f statt 42 f. 

1886 statt 1885. 

1883), Panek (1886). statt 1883. 
14. 11 statt 14, 11. 
6 f, statt 6 f., 

1886), Godet (1 Cor deutsch von Wunder- 
lich 2 Bde 1886). statt 1886). 
Meyer. 

8. Asg 1886). statt 7. Asg 1884). 
, nach Paulinismus. 

(1842, 2. Afl 1862) statt (1842). 
KumöL statt Küihnöl. 

1885), statt 1885). 

12. 20 statt 12, 20. 



Die Einleitung in das Neue Testament. 

Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 



1) Unsere Disciplin ist alt, wenn man auf den Namen, jung, 
wenn man auf die Sache sieht. Denn die Schriftsteller, welche 
Cassiodorius als introductores scripturae divinae empfiehlt (Instit. 
divin. literarum I, 10 ; ihre "Werke heissen in der Praefatio libri intro- 
ductorii) — Augustin (wegen De doctrina christiana) und seine beiden 
Zeitgenossen, der Donatist Tichonius und Eucherius von Lyon, 
sowie der etwas später lebende Hadrianus (Verfasser einer EtoaYtoYYj 
BiQ tac "O-stac Ypa^a?) — gehören schlechterdings nur in die Geschichte 
der Exegese und Hermeneutik. Andererseits trägt eine Leistung 
der alten Kirche, welche sich am meisten demjenigen nähert, was 
wir seit hundert Jahren unter dem gleichsam technisch gewordenen 
Ausdrucke „Biblische Einleitung" verstehen, nicht diesen Namen. 
Es sind die beiden Bücher Instituta regularia legis divinae, gewöhn- 
lich unter dem Titel De partibus legis divinae citirt, darin der gleich- 
falls von Cassiodorius aufgeführte Afrikaner Juniliüs (f 552) in 
dürftiger Weise die Lehrvorträge des Paulus von Bassora, späteren 
Metropoliten von Nisibis, über Schreibweise, Verfasserschaft, Ein- 
theilung, Kanonicität und Lehrgehalt der biblischen Schriften repro- 
ducirt hat ^). Was man in anderen The^len der Kirche von Nach- 
richten über die Entstehung einzelner Bücher besass, das findet sich 



*) Da es viel gebraucht wurde, hat sich das Buch in zahlreichen Hand- 
schriften erhalten und ist mit Einleitung, Apparat und Commentar herausgegeben 
worden von Kihn, Theodor von Mopsuestia und Juniliüs Africanus als Exegeten 
1880, S 213 f. 

Holtzmann, Einleitung. 2. Auflage. ^ 



2 Die Einleitung in das Neue Testament. 

zerstreut in den Werken des Kirchenhistorikers Eusebius, besonders 
in der Kirchengeschichte um 324, und des in seinen Fusstapfen 
wandelnden Hieronymus, besonders im Catalogus scriptorum eccle- 
siasticorum (sive De viris illustribus) und in den Vorreden zu seinen 
Commentaren und lieber Setzungen. Anderweitige Fortpflanzungs- 
mittel dürftiger Traditionen boten die Unterschriften (oTuo^saet?) der 
einzelnen Bücher in den Handschriften. Anfangs nur Wiederholungen 
der Titel, erweiterten sie sich mit der Zeit zu Bemerkungen nicht 
blos über Zahl der xs^pdXaia, GÜyoi, pri\iazct., sondern auch über die 
Abfassungsverhältnisse der betreffenden Bücher. Dabei widersprechen 
sich die Handschriften nicht blos untereinander, sondern geben auch 
erwiesenermaassen Falsches, wie z. B., dass beide The von Athen, 
Gal von Rom, 1 Cor von Philippi aus geschrieben seien. Von der- 
selben werthlosen Art sind auch die Mittheilungen der aovö(|;£t(;, d. h. 
Uebersichten über Anordnung, Inhalt und Entstehung der Bücher 
(besonders die pseudoathanasianische Synopsis scripturae sacrae) 
Biblische Gelehrte, wie Euthalius von Alexandria und Victor von 
Capua in ihren Vor- und Nachbemerkungen, Exegeten wie Theodor 
VON MopsüESTiA, Ambrosiaster, ferner Chrysostomus, Theodoret, 
auch noch Kosmas Indikopleustes um 535 (De opificio mundi V) 
liefern zuweilen beachtenswerthere Beiträge. Für die Wissenschaft 
des Mittelalters endlich wurden maassgebend die meist von Hiero- 
nymus und Augustinus, zuweilen aber auch schon von JuniKus be- 
zogenen Notizen, welche Cassiodorius zwischen 544 und 552 für 
seine Mönche zu Vivarium in dem Werke De institutione divinarum 
et saecularium lectionum (oder Hterarum) zusammengestellt hatte 
(I, 7 — 9. 12 — 14). Einiges über den Inhalt der bibHschen Bücher 
bringt noch Alcuin (Disputatio puerorum 8) ; der Minorit Guilel- 
Müs Brito (um 1300) schreibt Commentare über die Prologe des 
Hieronymus und Nicolaus von Lyra (-j- 1340) stellt in seinen 
Postillae perpetuae in universa biblia (gedruckt 1471) zusammen, was 
man zu seiner Zeit über Kanon, Autoren, Entstehung, Inhalt und 
Auslegung der bibhschen Bücher wusste. So unfruchtbar und frag- 
würdig dieses Wenige ist, so stellt es doch einen Höhepunkt dar, 
welchen die folgenden Jahrhunderte nicht mehr zu erreichen ver- 
mögen. 

2) Im Zeitalter der Reformation erst brachte die kathohsche 
Kirche Nennenswertheres auf unserem Gebiete hervor. Der Domini- 
caner Santes Pagninüs aus Lucca (f 1541) lag mit eisernem 
Fleiss den biblischen Studien ob, freilich nur um in seinem Isagogae 
ad sacras literas liber unus 1536 den Standpunkt des Hieronymus 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 3 

und Augustinus zu reproduciren. Anregender wirkte die zuerst 
1566 (zuletzt 1742) erschienene Bibliotheca sancta ex praecipuis 
catholicae ecclesiae auctoribus collecta seines Ordensbruders Sixtüs 
von Siena (f 1569), welcher, nachdem ihn die nahe gerückte Aus- 
sicht auf den Scheiterhaufen von der Irrigkeit kritischer Ansichten 
überzeugt hatte, von durchaus conservativ-kirchhchem Standpunkt 
aus sein ungeordnetes und formloses, für jene Zeit aber um seines 
literarischen Materials willen bedeutsames Sammelwerk über die Ge- 
schichte der Bibel verfasste. Ihm folgten Jesuiten, wie Alfons Sal- 
MERON (Prolegomena in universam scripturam, zuerst 1597) und 
Nicolaus Serarius (Prolegomena biblica 1612), der Karmehter 
Antonius a matre Dei (Praeludia isagogica ad sacrorum bibliorum 
intelligentiam (zuerst 1669), auch eine Isagoge in totam sacram 
scripturam von LuDOVicus de Tena (1670), Lutheraner, wie der 
ostfriesische Superintendent Michael Walther (Officina biblica 
noviter adaperta 1636, zuletzt 1703), Reformirte, wie der Franzose 
Andreas Rivetus (Isagoge sive introductio generalis ad scripturam 
sacram 1627) und der Züricher Johann Heinrich Heidegger 
(Enchiridion biblicum 1681, 5. Asg 1723). Die genannten Bücher 
bieten neben Erörterungen über Sprache, Uebersetzungen, Auslegung 
der biblischen Schriften meist noch eine Masse dogmatischer Aus- 
einandersetzungen über Inspiration, Tradition, Kanonisches und Apo- 
kryphisches, wie sie uns ähnhch auch in den polemischen und dogma- 
tischen Werken der Zeit begegnen. 

3) Dass aus diesem Chaos etwas wurde, ist zunächst das Ver- 
dienst eines französischen und eines deutschen Gelehrten, die sich 
diesmal so in die Arbeit theilten, dass jener unserer Disciphn den 
Stoff, dieser ihr die Form gab. Richard Simon, Priester und Mit- 
glied des Oratoriums, hat zuerst zwischen alt- und neutest. Stoffen 
geschieden. Nachdem 1678 die Bearbeitung der ersteren vollendet 
war, erschienen unter dem gleichen bezeichnenden Titel „Histoire 
critique" die 3 dem anderen Theile der Bibel gewidmeten Werke, 
von welchen die beiden ersten (H. c. du texte du Nouveau Testa- 
ment 1689 und H. c. des versions du NT 1690) später mit Nach- 
trägen versehen (Nouvelles observations sur le texte et les versions 
du NT 1695) und von Cramer ins Deutsche übersetzt wurden 
(R. Simon's Kritische Schriften über das NT, 3 Bde, 1776—80). 
Nicht unmittelbar hierher gehört sein drittes Werk, das gelehrteste : 
H. c. des principaux commentateurs du NT 1693 *). Dieser erste 

*) Vgl. A. Bernus, Notice bibliographique sur Richard Simon 1882, S 17 f. 

1* 



4 Die Einleitung in das Neue Testament. 

umfassende Versuch, die gegenwärtige Gestalt des NT aus seiner 
bisherigen, bis zum Ursprung hinauf verfolgten Geschichte zu be- 
greifen, liefert, ohne auf Erörterungen über Inspiration u. dgl. zu 
verzichten, bereits den wesentlichen Inhalt, wie ihn seither die Ein- 
leitungswissenschaft zu bearbeiten pflegt. Letztere ist sonach auf 
katholischem Boden begründet worden. Auch noch Louis Ellies 
DU Pin (Dissertation preliminaire ou Proleg omenes sur la Bible, 
2 Bde 1699 — das NT behandelt Bd 2) und Augustin Calmet 
(Dissertations qui peuvent servir de prolegomenes de l'ecriture sainte 
1715, sehr vermehrt 1720, deutsch von Mosheim, 2. Asg 1744), 
welche sich corrigirend und bekämpfend an den Bahnbrecher an- 
schlössen, überragen an Gelehrsamkeit und Verdienst die gleich- 
zeitigen protestantischen Bibelforscher. Unter den Producten der 
Letzteren sei die Introductio in lectionem Novi Testamenti des 
Lutheraners J. G. Pritius (1704, vermehrt von K. G. Hofmann 
1737, zuletzt 1764) nur darum erwähnt, weil seither die jetzt übliche 
Bezeichnung der Disciplin gebräuchlicher wird. Definitiv eingeführt 
hat sie Johann David Michaelis in Göttingen, dessen „Einleitung 
in die göttlichen Schriften des neuen Bundes" bei ihrem ersten Er- 
scheinen (1750 einbändig) ganz auf Simon's Leistungen fusst. Erst 
mit den späteren geordneteren und selbständigeren Ausgaben (1765 
zweibändig, 1777 zum dritten-, 1788 zum viertenmal) beginnt die 
Geschichte unserer Disciphn in Deutschland. Trotz aller dogmati- 
schen Auseinandersetzungen mit den „Zweiflern" erhält man hier 
im Grunde rein literargeschichtliche Untersuchungen; viel mehr als 
die Inspiration interessirt den Verfasser die Frage nach der Echt- 
heit, viel mehr als die fides divina beschäftigt ihn die fides humana 
der Schriften. 

4) Ganz in den von Michaelis vorgezeichneten Bahnen, so dass 
die Frage nach der Entstehung der einzelnen Schriften in den Vorder- 
grund, die bei Richard Simon überwiegenden Interessen am Texte 
in den Hintergrund treten, gingen einher die Werke von Heinr. 
Karl Alex. Hänlein (Handbuch der Einleitung in die Schriften 
des NT 1794—1800, 2. Asg 1801— -09, Auszug als „Lehrbuch der 
Einleitung" 1802), G. F. Griesinger (Einleitung in die Schriften des 
neuen Bundes 1799), Johann Ernst Christian Schmidt (Histo- 
risch-kritische Einleitung ins NT 1804 — 05, neue Titel-Asgn 1809 
und 18), Johann Gottfried Eichhorn (Einleitung in das NT 
5 Bde 1804 — 27, von welchen die drei ersten Bde mit oft sehr 
subjectiven Hypothesen über die Synoptiker — Bd 1, 2. Afl 1820 
— und die übrigen Schriften angefüllt sind, während die beiden 



Greschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 5 

letzten die allgemeine Einleitung enthalten). Ein Rückfall war es, 
wenn der Erlanger Leonhard Bertholdt in dem plan- und form- 
losen Compilatorium „Historisch kritische Einleitung in sämmtliche 
kanonische und apokryphische Schriften des A und NT" (1812 
bis 19) jüdische und christKche Literatur vermischt behandelte '). 
Wenigstens formell im Vortheil befindet sich die Isagoge historico- 
critica in libros Novi Foederis sacros von dem Jenaer Heinrich 
August Schott (1830). Aber aUe diese Bücher traten zurück 
hinter dem compendiös und präcis gearbeiteten „Lehrbuch der histo- 
risch-kritischen Einleitung in die Bücher des NT" (2. Theil des seit 
1817 erschienenen Lehrbuchs der historisch-kritischen Einleitung in 
die Bibel A und NT) von Wilhelm Martin Leberecht de Wette 
(1826, 5. Asg 1848). Wenn Messner und Lünemann (6. Asg 1860) 
den vielfach negativen Charakter der ursprünglichen Anlage im con- 
servativ-kirchlichen Interesse abzuschwächen suchten, so haben sie, 
von der dürftigen Weise der Fortarbeit abgesehen, damit gerade die 
charakteristische Seite an der Kritik de Wette's verwischt, welcher 
keine Untersuchung weiter führen wollte, als „bis zu dem Punkt, zu 
dem irgend welche Umstände berechtigten". An ihn schloss sich 
vielfach an Schleiermacher, dessen „Einleitung in das NT" Wolde 
aus handschriftlichem Nachlass und mit einem Vorwort von Lücke 
herausgegeben hat (Sämmtliche Werke I, 8, 1845). Die specielle 
Einleitung beginnt hier nicht mehr mit den Evglien, sondern mit 
den Plsbriefen. Wie Matthias Schneckenburger (Beiträge zur 
Einleitung in das NT 1832), so schrieb auch Karl August Credner 
in Giessen zunächst „Beiträge zur Einleitung in die biblischen 
Schriften" (2 Bde 1832 — 38), welchen er aber eine „Einleitung in 
das NT" folgen Hess (1836), die auf einem Schleiermacher ver- 



^) Solches erscheint nämlich angesichts der massenhaften und so weit aus- 
einanderlaufenden Studien, deren Resultate in der alttest. Einleitung hier, in 
der neutest. dort zu verarbeiten sind, nur noch zulässig in populären Werken 
Die umfangreiche protestantische Literatur, welche in dieser Richtung die „Bi- 
belkunde" behandelt, fällt ausserhalb des Bereiches unserer Aufgabe. Nur um 
ihres Titels willen mögen hier Erwähnung finden die übrigens durchaus unkri- 
tischen Werke von J. R. Huber, Einleitung in die sämmtlichcn Bücher der 
h. Schrift 1803, 3. Afl 1840, J. A. Müller, Einleitung in die sämmtlichcn Bücher 
der h. Schrift A und NT 1830, P. W. Weber, Kurzgefasste Einleitung in die 
h. Schriften A und NT 1863, 5. Afl 1884, A. Witz, Einleitung in die Schriften 
A und NT für gebildete Bibelfrcunde 1876. Von hervorragenden protestanti- 
schen Forschern haben bekanntlich nur noch De Wette, Bleek und Reüss 
beide Gebiete umfasst, aber auch getrennt behandelt. Anders freilich L. NoACK, 
Die biblische Theologie. Einleitung ins A und NT 1853. 



6 Die Einleitung in das Neue Testament. 

wandten Standpunkte steht. Doch bietet diese sorgfältige Arbeit 
blos die specielle Einleitung, deren Eesultate später im Sinne einer 
consequenteren Kritik modificirt auftreten in dem populären Werke 
„Das NT nach Zweck, Ursprung und Inhalt" (1841, 43, 47). Viel 
weniger brauchbar war die übersichtslose Materialien - Sammlung, 
welche Neudeckee als „Lehrbuch der historisch-kritischen Einlei- 
tung in das NT" (1840) veröffentHchte. Auch Heinrich Ernst 
Ferdinand Guericke begann mit (gegen de Wette gerichteten) 
„Beiträgen zur historisch -kritischen Einleitung ins NT" (2 Bde 
1828 — 31), um eine „Historisch-kritische Einleitung" (1843, 3. Afl 
als „NTHche Isagogik" 1868) folgen zu lassen. In dieselbe Zeit reicht 
auch die auf nachgelassenen Vorlesungen beruhende, meist recht 
weitläufig angelegte „Einleitung in das NT" von Friedrich Bleek 
zurück (1862 von Johannes Bleek veröffentlicht, in 3. und 4. Afl 
1875 und 1886 von Wilhelm Mangold besorgt und mit belehren- 
den Anmerkungen begleitet, welche dem neueren Stand der Kritik 
entsprechen, dem älteren Texte aber oft schnurstracks zuwiderlaufen), 
während vom Standpunkte der Tübinger If ritik aus Adolf Hilgen- 
FELD ein einheitliches, nur in Berücksichtigung der Literatur und 
fremder Standpunkte etwas ungleichmässig verfahrendes Werk als 
„Historisch-kritische Einleitung in das NT" (1875) veröffenthcht 
hat. Eecht unbedeutend ausgefallen sind die, im Zusammenhang 
mit grösseren Unternehmungen aufgetretenen, isagogischen Leistungen 
von J. Ch. K. von Hofmann (Die h. Schrift NT Bd 9, heraus- 
gegeben von VoLCK 1881) und von L. Schulze (Zöckler's Hand- 
buch der theologischen Wissenschaften in encyklopädischer Dar- 
stellung I, 1883, S 337 f, 2. Afl 1885, S 383 f). Tabellarische Dar- 
stellung hat Hertwig versucht, jedoch nur, um das Unmögliche des 
Unternehmens erkennbar zu machen (Tabellen zur Einleitung ins NT 
1849, 4. Afl von Hermann Weingarten 1872). 

5) Die katholische Kirche hat ihren ersten und zugleich glän- 
zendsten Beitrag zur Ausgestaltung unserer Disciphn geleistet in der 
„Einleitung in die Schriften des NT" von dem Freiburger Theologen 
Johann Leonhard Hug (2 Bde 1808, 3. Asg 1826; nach dem 1846 
erfolgten Tode des Verfassers erschien 1847 die 4. Asg). Auf Grund 
einer reichhaltigen und selbständigen Durchforschung der altchristl. 
Literatur lieferte dieser Gelehrte eine Arbeit, welche ebenso sehr 
durch geschmackvolle Darstellung und eine gewisse vornehme Art, 
die Gegner zur Ruhe zu verweisen, blendete wie durch wirkhche 
Gelehrsamkeit. Alles wird fast spielend behandelt, grosse Schwierig- 
keiten erscheinen als Missverständnisse, die sich aufs einfachste lösen. 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 7 

Unbedeutender, wiewohl zuweilen thatsächlich von freierem Urtheil 
eingegeben, steht daneben die „Einleitung in die Bücher des NT" 
von A. B. Feilmoser (die Asg von 1810 kommt nicht mehr in 
Betracht neben der 2. von 1830). Nur in ihrem 1. Theile gehört 
hierher die „Einleitung in die heiHgen Schriften des A und NT" von 
JoH. Martin Augüstin Scholz (3 Bde 1845 — 48). Gleichmässiger 
gearbeitet sind die Bücher des Freiburger Adalbert Maier (Ein- 
leitung in die Schriften des NT 1852) und der beiden Münchener 
Franz Xaver Eeithmayr (Einleitung in die kanonischen Bücher 
des neuen Bundes 1852) und Daniel Haneberg (Geschichte der 
bibhschen Offenbarung als Einleitung in das A und NT 1850, 4. Asg 
1876). Schwächere Seitenstücke lieferten Güntner (Introductio in 
sacros NT libros 1863) und Danko (Historia revelationis NT 1867). 
Der „Grundriss der Einleitung in das NT" von Joseph Langen in 
Bonn (1868) ist formell klar, übersichtlich und compendiarisch. Der 
traditioneU-conservative Standpunkt des "Werkes, welches schliesshch 
in eine Darstellung der Inspirationslehre ausläuft, hat ihm die Appro- 
bation des erzbischöflichen Capitel-Vicariats von Freiburg eingetragen, 
aber erst nachdem der Erzbisthumsverweser die Sätze, in welchen 
der Verfasser seine eigene Ansicht vorträgt, gestrichen hatte (vgl. 
Bonner Theologisches Literaturblatt 1869, S 782). Nachdem die- 
ser aber mittlerweile sich vom Vaticanum losgesagt hatte, wurde 
die Approbation der sachhch unveränderten 2. Auflage (1873) ver- 
sagt. Dafür hat aus dem Nachlasse des Tübinger Theologen 
M. Aberle sein Schüler und Nachfolger Paul Schanz eine „Ein- 
leitung in das NT" herausgegeben und dazu das gelehrte Material 
nachgehefert (1877) — eine Sammlung von Curiositäten darin allent- 
halben nach dem Zweck neutest. Schriftstellerei ausgespäht, regel- 
mässig aber auch ein solcher Zweck nur vermittelst ziemlich aben- 
teuerlicher und bizarrer Combinationen ausfindig gemacht wird. Eine 
neutest. Einleitung steht endlich auch bevor von Franz Kaulen 
(Einleitung in die heiHge Schrift A und NT Bd 1, 1876) und dem 
Jesuiten B,. Cornely, dessen Vorlesungen zuerst in Maria Laach, 
dann zu Rom in universitate pontificia Gregoriana gehalten worden 
sind (Historica et critica introductio in utriusque testamenti libros 
sacros Bd 1, 1885). 

6) Aber auch das Ausland betheiligte sich immer reger an der 
Entwicklung der neutest. Kritik. Ins Französische wurde — und 
zwar in Genf — zuerst die Einleitung von Michaelis übersetzt durch 
Cheneviere (1822), dann das kritisch überarbeitete Werk Hug's 
durch Cellerier (Essai d'une introduction critique au NT 1823). 



3 Die Einleitung in das Neue Testament. 

In Nordamerika hat Fkothingham die 5. Asg der Einleitung von 
de Wette importirt (1858). In England, wo Wait die Einleitung 
Hug's bekannt machte (1827), war lange Zeit das beliebteste Werk 
An introduction to the critical study and knowledge of the holy 
scriptures von Hörne (3 Bde 1818, 9. Afl 1846). Seine apolo- 
getische Eichtung ist noch geschärft in der 10. Afl (4 Bde 1856 — 61, 
von welchen der zuerst erschienene Bd 4 die Einleitung in das 
NT enthält), bearbeitet durch Tregelles (14. Afl 1877). In der- 
selben Richtung laufen unbedeutendere Arbeiten, wie in Amerika 
L. A. Sawyer's Introduction to the NT (1879), in England I. Raw- 
SON Lumby's Populär introduction to the NT (1883) und E. H. 
Plumptre's Introduction to the NT (1883). Viel sachkundiger und 
freier trat von Anfang an Samuel Davidson auf, welcher zunächst 
Sacred Hermeneutics (1843), eine Are von Geschichte der Schrift- 
erklärung, dann Treatise of biblical Criticism (2 Bde 1852, 2. Afl 
1855), eine Anleitung zur sog. äusseren Textkritik, ferner The canon 
of the Bible (1877, 3. Afl 1880), eine Geschichte der Bildung des 
Kanons in Synagoge und Kirche, herausgab. Während seine Intro- 
duction to the NT (2 Bde 1848 — 51), schon zum guten Theile auf 
deutscher Gelehrsamkeit beruhend, die Kritik der neutest Schriften 
noch mit grosser Behutsamkeit anfasste, erschien, nachdem der Ver- 
fasser zuvor seine Stellung an dem Collegium der Independenten in 
Manchester aufgegeben hatte, als ein ganz neues Werk, vollständig 
auf dem Standpunkt der Tübinger Kritik An introduction to the 
study of the NT (2 Bde 1868, 2. Afl 1882). 

Das Gegenstück zu Davidson leistete der Dubliner Theologe 
George Salmon in A historical introduction to the study of the 
books of the NT 1885. Hier wird zwischen ,, orthodoxen" und 
„skeptischen" oder „rationalistischen" Kritikern unterschieden und 
der Beweis dafür angetreten, dass jene immer Recht, diese immer 
Unrecht haben. Auch dem holländischen Seitengänger Davidson's, 
J. H. Schölten (Historisch-kritische Inleiding in de Schriften des 
Nieuwe Testaments 1853, 2. Afl 1856, auch deutsch), trat der 
Kathohk Lamy im Löwen mit einer Introductio in s. scripturas 
(2 Bde 1866 — 67) gegenüber. Zugleich machte sich in Grossbritannien 
ein Würdenträger der kath. Kirche, der spätere Erzbischof von 
Armagh Joseph Dixon, an das Werk der Rettung in A general 
introduction to the sacred scriptures (2 Bde 1852), und in 
Frankreich schrieben J. B. Glaire (Introduction historique et cri- 
tique aux livres de Tancien et du nouveau Testament, 5 Bde 1843, 
3. Afl 1861 — 62 — die beiden letzten Bde enthalten die specielle 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 9 

Einleitung in das NT) und Gilly (Precis d'introduction generale 
et particuliere ä Fecriture sainte, 3 Bde 1867 — 68). In Italien 
wurde Glaire eingeführt (Introduzione istorica e critica a'libri del 
V. et NT 1846) und schrieb Ubaldi ein Concurrenzwerk (Intro- 
ductio in sacram scripturam, 2 Bde 1879). 

Die griechische Kirche endlich ist vertreten durch Nikolaus 
Damalas, dessen 'Epfxrjvsia et? ttjv xatvYjV ötaO-YJXTjv (Bd 1 ElaaYWYYj st? 
TYjv 8p{X7]V£iav laoTYjv 1876) nach Bleek gearbeitet ist und im Uebrigen 
etwa dem Stande der deutschen Literatur um 1830 — 40 entspricht. 

7) Die Hterarhistorische üebersicht hat in ihrem bisher ge- 
schilderten Verlaufe gezeigt, wie man zu verschiedenen Zeiten Ver- 
schiedenes unter „Einleitung" verstand. Waren auch gewisse inte- 
grirende Elemente der Disciplin jederzeit vorhanden, so hat doch 
die Einleitungswissenschaft ihren eigenthümlichen Inhalt und Umfang 
erst im Laufe der letzten 100 Jahre erhalten, und noch heute wird 
darüber gestritten, ob in der ganzen Entwicklung ein formulirbares 
Princip zu erkennen, ob der DiscipHn die Einheit eines wissenschaft- 
lichen Ganzen zuzuerkennen und wo diese Einheit eventuell zu suchen 
sei. Wie de Wette die Disciplin vorfand, so war sie nichts an- 
deres als eine Zusammenstellung von allerhand Vorkenntnissen, 
welche dazu dienlich erscheinen konnten, die Leser der Bibel histo- 
risch zu Orientiren, ein Aggregat blos äusserHch verbundener Stoffe 
ohne innerlichen Zusammenhang. Der alttest. Theil seines Lehr- 
buchs beginnt daher mit der Erklärung, dass die Einleitung „eines 
wahren wissenschaftlichen Princips und nothwendigen Zusammen- 
hangs entbehrt". Indessen war der Name Prolegomena schon bei 
den Franzosen genannt worden. An die Vorbemerkungen in den 
Ausgaben classischer Schriftsteller erinnerte daher Schleiermacher, 
um für die Einleitung eine angemessene Begrenzung und Ordnung 
zu gewinnen. Sie könnte nichts anderes beabsichtigen, als die gegen- 
wärtigen Leser in die Stellung der ursprünglichen zurückzuversetzen, 
theils vermittelst einer Geschichte der Sammlung und des Textes, 
theils vermittelst Untersuchungen über die Entstehung der einzelnen 
Bücher (S 8). Damit war aber nur die Aufgabe der Kritik be- 
schrieben. Lücke bezeichnete daher in der Vorrede (S XII f) die 
Kritik des Kanons als die Hauptaufgabe der Einleitung. War 
somit die zweite Hälfte des Taufnamens, den ihr ßichard Simon 
gegeben, wiederhergestellt, so wurde die andere, die geschichtliche 
Seite betont durch Credner, welcher schon 1836 die Einleitung als 
Gescliichte des NT bezeichnete (S 2), aber freilich um zunächst nur 
eine Untersuchung der einzelnen Bücher in der Ordnung, wie sie 



10 Die Einleitung in das Neue Testament. 

im Kanon stehen, zu geben und erst in dem Werke von 1841 — 47 
eine wirkliche Ausführung des Gedankens zu versuchen. Einstweilen 
war ihm Eduard Reüss zuvorgekommen, der in seiner „Geschichte 
der heihgen Schriften NT" 1842 (5. Afl, 2 Bde 1874) zuerst eine 
zusanmienhängende Entwicklungsgeschichte der ganzen Literatur- 
gruppe, zu welcher das NT gehört, darbot und darunter auch das- 
jenige befasste, was diese Schriften erst als vereinigter Complex, als 
einheithches NT erlebt haben. Ein unerschöpfliches Nachschlage- 
buch vermöge der reichhaltigen Literaturangaben in den Anmerkungen, 
ein fesselndes Lesebuch, was den Text der Paragraphen anlangt, 
konnte das Werk, welches neben demjenigen Hug's auf unserem 
Gebiete zugleich eine schriftstellerische Kunstleistung darstellt, darauf 
Anspruch erheben, eine auch von anderen anerkannte Theorie in die 
Wirklichkeit übergeführt und ein Stück trockener Philologie in ein 
lebendiges Stück Kirchengeschichte umgewandelt zu haben (I, S 13). 
Nächste Folge dieser VeröffentHchung war eine Abhandlung von 
Hermann Hüpfeld „über Begriff und Methode der sog. biblischen 
Einleitung" (1844; später auch StKr 1861, S 3 f und Eduard 
Riehm ebend. 1862, S 392 f) : die Einleitung sei fortan als Ge- 
schichte der biblischen Literatur zu behandeln und unter diesem 
Gesichtspunkt bis auf die Gegenwart herabzuführen. 

Fernerhin fand der neue Gedanke nicht blos in der theologischen Encyklopädie, 
zumal bei I. F. Räbiger (Theologik 1880, S 269. Zur theologischen Encyklopädie 
1882, S 75), W. Grimm (ZwTh 1882, S 21 f) und Otto Zöckler (Handbuch 
der theologischen Wissenschaft in encyklopädischer Darstellung I, 1883, S 111, 
2. Afl 1885, S 114), sondern auch bei solchen Isagogikern Anerkennung, die 
dadurch in Zwiespalt mit ihrer eigenen, die alte Mode befolgenden Ausführung 
geriethen; so bei Bleek (S 4 f.). Langen (S. 1) und Guericke, der seine .Hi- 
storisch-kritische Einleitung in das NT" 1843 zu einer „Gesammtgeschichte des 
NT" oder „Isagogik" umarbeitete (1854, 3. Afl 1868); er fand Aufnahme in 
Holland durch J. J. Doedes', Abhandlung „über Begriff und Methode der Ein- 
leitung in die Schriften des NT." (Jaarboeken voor wetenschappelijke Theologie 
1845, S 143 f) und durch M. A. N. Rovers, Schets van de geschiedenis der 
nieuw-testamentische letterkunde, 3 Bde 1874 — 76. Besonders erfolgreich ver- 
trat Franz Delitzsch in einer Abhandlung „über Begrifi" und Methode der sog. 
biblischen und insbesondere der alttestam. Einleitung" (ZPK 28, 1854, S 133 f) 
das geschichtliche Princip, forderte aber doch zugleich gegen Hupfeld und Reuss 
eine specifisch theologische Behandlung der Sache. Präludirt hatte dieser For- 
derung durch Hereinziehen eines apologetischen Momentes schon Andreas 
Gottlob Rudelbach: „über den Begriff der Theologie und den der neutestam. 
Isagogik" (ZlTh 1848, S 1 f). Als Ausführung aber entspricht dem Gedanken 
von Delitzsch etwa die „Entwicklungsgeschichte des neutestam. Schriftthums" 
von Rudolf Friedrich Grau (2 Bde 1871). Verwirft Theodor Zahn die von 
diesem Theologen beliebte Eintheilung mit Recht, so hält sich doch auch seine 
eigene Theorie auf derselben Linie (RE, 2. Afl IV, 1879, S 142 f, vgl S 148, 151 f) 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. H 

8) In der That erschien auf dem neu beschrittenen Wege jenes 
von de Wette constatirte Chaos nicht unerheblich gehchtet, aus 
welchem auch Schleiermacher' s Gedanke an Prolegomena noch 
keineswegs herausgeführt hatte. Dieser könnte nämlich auf einen 
Inbegriff sämmthcher in das Verständniss der Bibel einführenden 
Sprach- und Realkenntnisse weisen, so wie z. B. Heinrich Ewald 
auch die Hermeneutik herein gezogen wissen wollte (JbW III 1851, 
S 199, IV 1852, S 14 f) und Isagogiker wie Hörne, Glaire und 
DixON auch biblische Pliilologie, Archäologie, Geographie, kurz den 
ganzen Stoff, welcher sonst in den Bible-dictionaries zusammen- 
gedrängt erscheint, wirklich in ihren betreffenden Werken behandelt 
haben. Nur wenige tragen, wie Hilgenfeld, der Thatsache Rech- 
nung, dass über die sprachhchen Verhältnisse des NT die Aus- 
legungswissenschaft Auskunft zu ertheilen hat. Kurz, die herge- 
brachte „Einleitung" hat, wie Schleiermacher in der „Hermeneutik 
und Kritik" selbst bekennt, eigenthch keine Grenzen (SämmtHche 
Werke I, 7, 1838, S 36). Sie erscheint als ein weiter, elastischer 
Sack, darin Alles zusammengepackt wird, was das NT betrifft, ohne 
in der Dogmatik Raum zu finden (I. Sepp, Proeve eener pragma- 
tische geschiedenis der Theologie in Nederland, 3. Asg 1869, S 459). 
Dem ist jedoch nicht so. Um vielmehr den Umfang des Stoffes 
mit bestimmten Linien zu umschreiben, darf man sich nur die Mo- 
tive klar machen, aus welchen ausschliesslich die biblische, in un- 
serem Falle die Literatur des NT, sei es kritisch, sei es geschicht- 
hch, zur Verarbeitung gebracht wird, nicht aber auch die mancherlei 
ganz oder fragmentarisch erhaltenen Reste der christl. Urliteratur, 
die sich zwischen die zeitHch so weit auseinandertretenden Bestand- 
theile des NT hinein schieben oder überhaupt als gleichzeitige Er- 
scheinungen neben denselben herlaufen. Warum bricht, selbst wo 
man solche Literaturreste mit berücksichtigt, die Darstellung doch 
jedenfalls dann ab, wann das am spätesten angesetzte neutest. Buch 
absolvirt ist? Darauf kann die Antwort nur lauten: weil diese 
Schriften, und eben nur sie, kanonische Schriften geworden sind. 
Diesen entscheidenden Punkt erkannte Ferdinand Christian Baur, 
als er in seiner Abhandlung über „die Einleitung in das NT als 
theologische Wissenschaft" (ThJ 1850, S 463 f, 1851, S 70 f, 222 f, 
291 f) unsere Disciplin in der Richtung auf einen einheithchen Be- 
griff zu bringen suchte, dass er aus dem Prädicate des Kanonischen, 
welches den neutest. Schriften eignet, die Hauptfrage machte. Gegen- 
stand der Einleitung sind dieselben nicht wie sie an sich sind, son- 
dern mit allen jenen Vorstellungen behaftet, welche sie für uns zu 



22 Die Einleitung in das Neue Testament. 

kanonischen Büchern machen; und Aufgabe der Disciphn ist es, 
an diese mit solcherlei Ansprüchen auftretende Literatur den Maass- 
stab der historischen Kritik anzulegen. Demnach erscheint die Ein- 
leitung als „diejenige Wissenschaft, welche die Entstehung und ur- 
sprüngUche Anlage und Beschaffenheit der zum Kanon gehörigen 
Schriften zu untersuchen und eine so viel möghch bestimmte und 
objectiv begründete Vorstellung von denselben zu geben hat" (S 483). 
Kanonik heissen übrigens Stücke der Einleitung schon bei Zyeo (St Kr 
1837, S 706 f), Pelt (Theologische Encyklopädie 1843, S 121 f) und Rudelbach 
(S 51 f, 55), die ganze Einleitung erscheint als Lehre vom Ka,non bei Hagen- 
bach (Encyklopädie und Methodologie der biblischen Wissenschaften, 11 Afl 
1884, S 161), bei Rosenkranz (Encyklopädie der theologischen Wissenschaften, 
2. Afl 1845, S 116) und im Grunde auch bei dem an diesen sich anschliessenden 
J. Ch. K. von Hofmann, welcher zwar formell an der Stelle der Einleitung eine 
Entstehungsgeschichte der biblischen Bücher bietet (Encyklopädie der Theologie 
1879, S 118 f, 164 f), dieselbe aber so eng fasst, dass z. B. die Textgeschichte 
ihr coordinirt erscheint und eine besondere Wissenschaft vom Kanon abschlies- 
send hinzutritt (S 242 f, 252). Da auch Baur nicht leugnet, dass die durchge- 
führte Kritik der einzelnen Bücher die Form einer literarhistorischen Darstel- 
lung annehmen könne, so haben wir im Grunde hier seine Auffassung, nur unter 
der bestimmten Erwartung und Voraussetzung, die z. B. Keil im „Lehrbuch der 
historisch-kritischen Einleitung in die Schriften des AT" (3. Afl 1873, S 2) offen 
ausspricht, dass nicht in der Abstreifung, wie Baur und in besonders klarer 
und umsichtiger Ausführung P. W. Schmiedel (EWK, Sect 11, 32, S 309 f, 333 f) 
meinen, sondern nur in der Bestätigung des kanonischen Charakters das schliess- 
liche Resultat des ganzen Unternehmens liegen müsse. Aehnlich ist das apolo- 
getische Moment verstanden, durch welches nach Ansicht kathol. Isagogiker 
imsere Disciplin sich von einer urchristlichen Literaturgeschichte unterscheidet 
(Aberle S 2 f ) und mit der Dogmatik verbindet (Kaulen I, S 4 f ). Aber weil 
hier die Dogmatik ihre Competenzen geltend macht, geht uns die mit der Ein- 
leitungswissenschaft in Zusammenhang gebrachte Frage, „was es um die heilige 
Schrift sei", grundsätzlich nichts mehr an (W. Grimm S. 22. Räbiger, Zur theol. 
Encyklopädie, S 36). 

9) Andererseits gehört die Controverse, ob dem Begriff des 
Kanons oder dem Gresichtspunkte der Literaturgeschichte die ent- 
scheidende Rolle zufalle, im Grunde in die theologische Encyklopädie, 
woselbst sich folgende Alternative aufthut. Da die Theologie eine 
Reihe von DiscipHnen, welche der Sache nach in das Gebiet der 
Geschichte, der Philosophie, der Philologie gehören, von dem Gesichts- 
punkte kirchlicher Zwecke aus mit einander verbindet und um einen 
gemeinsamen Mittelpunkt gruppirt, so wird die eigenthümlich praktisch 
motivirte Association verschieden gearteter Fächer, auf welchen der 
ganze Lehr- und Lernbetrieb der theologischen Fakultät beruht, 
auch wieder in jedem einzelnen Falle sich geltend machen, d. h. es 
wird bei jeder einzelnen Disciplin die gleiche MögUcbkeit bestehen, 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Grliederung der Disciplin. I3 

sie entweder unter dem specifisch theologischen Gesichtspunkt oder 
aber so zu betrachten, wie sie sich auf einem aUgemeineren Stand- 
punkte darstellt. Dort befolgen die einzelnen Disciplinen convergirende 
Richtungen, hier Hegen sie disparat nebeneinander. Als Grlied des 
Organismus der theologischen Wissenschaften ist die bibhsche Ein- 
leitung allerdings nur vom Begriffe des Kanons aus zu begreifen, 
nur in ihm findet sie ihre innere Einheit. Als Glied in dem 
Gesammt Organismus der Wissenschaften betrachtet, erscheint sie als 
ein besonderer Abschnitt der allgemeinen Literaturgeschichte, d. h. 
als Geschichte der hebräischen Nationalhteratur auf der einen, als 
Geschichte der urchristlichen Literatur auf der anderen Seite. So 
gut auch der Welthistoriker von Jesus und Paulus reden wird, so 
gewiss wird eine Darstellung der griechich-römischen Weltliteratur 
auch die Literatur des christlichen Alterthums mit umfassen. Wo 
dieser Standpunkt als der allein berechtigte gilt, die dogmatischen 
Begriffe des Kanons und des NT daher keinerlei Wirkung aus- 
üben dürfen, da wird man daher auch mit W. C. van Manen darauf 
dringen, dass Name und Begriff der „Einleitung" aus der wissen- 
schaftlichen Sprache und Praxis verbannt werden (De leerstoel der 
oud-christelijke letterkunde 1885). Andere Consequenzen aber er- 
geben sich aus der Anerkennung der Thatsache theologischer Fach- 
studien. So gut wie specifisch theologische Interessen auf eine Dar- 
stellung des religiösen Bewusstseins des Meisters und der Apostel 
im gemeinsamen Rahmen der sog. biblischen Theologie geführt haben, 
so führen sie auch auf eine nicht blos gelegentlich, sondern ex 
professo geführte Untersuchung über Entstehung, Zweck und Sinn 
theils der ganzen Sammlung, theils ihrer einzelnen Bestandtheile 
d. h. der Schriften, welche schon die alte Kirche kanonisirt hat, 
um darin einen legitimen Geburtsschein für die eigene Existenz auf- 
zuweisen, aus welchen aber auch noch jedwede Theologie der Gegen- 
wart allein zu erheben vermag, was von Christus gedacht und gewollt, 
von den Aposteln gepredigt, von den Generationen des Christenthums 
geglaubt worden ist. Dass wir aus dem grösseren Umfange altchristl. 
Literatur (vgl. unten S 94) gerade nur diese 27 Schriften zum Gegen- 
stande von Forschungen machen, welche eine eigene Disciplin füllen, 
hat seine Ursache lediglich in dem dogmatischen Begriffe, welcher 
sowohl den leitenden Gedanken bei ihrer ersten Sammlung, als auch 
das Motiv für jenes gesteigerte Interesse enthält, welches Theologie und 
Gemeinde ihnen von jeher, zumal innerhalb des Protestantismus, 
gewidmet haben (vgl. Ritschl JdTh 1876, S 316 f. Ebenso L. Schulze 
bei ZöCKLER I, 2. Afl S 384). „Einleitung" heisst „die historisch- 



14 I^e Einleitung in das Neue Testament. 

kritische Wissenschaft von der Entstehung der biblischen Bücher und 
ihrer Sammlung zum Kanon" (Hagenbach S.163). „Sie verhält sich 
zur Geschichte der folgenden christl. Literatur ähnlich wie die NThche 
Theologie zu der übrigen Dogmengeschichte oder wie die Geschichte 
Christi und der Apostel zu der übrigen Kirchengeschichte" (Bleek S 5). 

Im gegenwärtigen Falle handelt es sich um ein Lehrbuch für Zwecke des 
theologischen Studiums, und zwar um ein solches, welches nur ein Glied in einem 
Cyklus bildet. Damit ist jede Wahl ausgeschlossen. Nur der schulmässig theo- 
logische Maassstab lässt uns solche Grenzbestimmungen gewinnen, innerhalb 
welcher die sog. Einleitung herkömmlicher Weise das gegen andere abgegrenzte 
Gebiet ihrer Arbeit sieht. Wer dagegen die Anfangsperiode der christl. Lite- 
raturgeschichte zur Darstellung bringen wollte, der könnte hiefür nur a potiore 
den Titel „Geschichte der neutest. Literatur" wählen, ja er könnte auch eine 
solche Literaturgeschichte nicht schreiben, ohne zugleich eine Geschichte des 
apostolischen und nachapostolischen Zeitalters zu geben. Wir aber dürfen weder 
dem kirchen- noch dem dogmen- geschichtlichen Seitengänger vorgreifen. Nur 
sofern der Begriff des Kanonischen selbst eine gewisse Nebenrücksicht auf das 
Apokryphische bedingt, werden gleichzeitige Literaturprodukte gelegentlich oder 
anhangsweise zur Sprache kommen. Es bleibt somit bei dem seit Schmidt, 
Bertholdt, Neudecker und de Wette üblichen, auch noch von Hilgenfeld 
beibehaltenen Titel „Historisch - kritische Einleitung". Unter demselben Aus- 
hängeschild erscheint das betreffende CoUegium in der Regel auf den Vorlesungs- 
katalogen; mit Recht, sofern auch hier das Interesse der Abgrenzung gegen 
benachbarte Gebiete maassgebend ist. Damit soll natürlich nicht in Abrede 
gestellt sein, dass das den Einleitungsdisciplinen eignende Material je länger je 
mehr unter einen Gesichtspunkt rücken wird, kraft dessen es zuletzt als natur- 
wüchsiger Zweig am Baume der Literaturgeschichte erscheinen wird. Die Skizze, 
welche das erste Kapitel der unten zu gebenden Geschichte des Kanons aus- 
füllen wird, liegt selbst in dieser Richtung. Aber sie kann die betreffende Ent- 
wickelung selbstverständlich nur so darstellen, wie es die Ergebnisse der gepflo- 
genen Detailuntersuchungen fordern. Auf diese also kommt es schliesslich an. 
Die erheblichen Abweichungen derselben von anderen Versuchen, die dem gleichen 
Gegenstande gelten, dürften geeignet sein, das oft erhobene Bedenken zu be- 
gründen, welches gegen das Unternehmen, die brüchige Schale der bisherigen 
Disciplin definitiv zu sprengen, aus der Unfertigkeit der vorbereitenden Unter- 
suchungen erhoben wurde (J. G. Müller RE, 1. Afl III, 1855, S 738. Kamphausen 
in Bleek's Einleitung in das AT, 3. Afl 1870, S 3 f). „Fast nur Probleme und 
fast nirgends feststehende, wenigstens nirgends allseitig zugestandene Resultate" 
(Wagknmann JdTh 1872, S 552) — so lange solche Urtheile mit Fug gefällt 
werden können, so lange wird es von dringlichstem Interesse sein, sich den 
Stand der Acten des Prozesses in jedem einzelnen Fall gegenwärtig zu erhalten. 
Eine fortlaufende Geschichte kann nur Resultate mit gelegentlichem Hinblick 
auf ihre Entstehungsweise und Herkunft vortragen. Ein Lehrbuch der neutest. 
Einleitung muss vor Allem den kritischen Prozess, wie und soweit er sich an 
jedem einzelnen Buche bisher vollzogen hat, zur objectiven Anschauung bringen; 
es muss zeigen, wie weit die kritische Methode sich zur Stunde an den einzelnen 
Elementen der Sammlung bewährt hat. 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 15 

10) Der Begriff des neutest. Kanons beruht auf einer eigen- 
thümlichen Combination der historischen Frage nach dem aposto- 
Hschen Ursprünge gewisser Schriften und der dogmatischen nach 
der Inspiration und dem damit begründeten götthchen Charakter 
derselben Schriften. Die letztere Frage ist gestellt auf Grund von 
reHgiösen Postulaten, die uns hier nichts angehen; die erstere ist 
zu beantworten auf Grund von Wahrnehmungen, die an einem 
historischen Material von bestimmt begrenztem Umfange zu machen 
sind. Eben dies nun, und nur dies, ist Sache unserer Disciplin; 
sie soll auf denjenigen Theil der altchristl. Literatur, welchem durch 
den Begriff des Kanonischen die besondere Werthschätzung einer 
klassischen Literatur des Christ enthums zu Theil geworden ist, jene 
Gesetze der Hterarhistorischen Kritik anwenden, welchen die be- 
treffenden Bücher als schriftstellerische Producte jedenfalls unter- 
liegen — unbekümmert um die weitere Frage, ob Bestätigung, ob 
Antiquirung, ob Modification des Dogmas vom Kanon das Resultat 
einer solchen Subsumtion unter die allgemeine Kategorie Hterarischen 
Werdens bilden müsse. Darin allein besteht nämlich die theologische 
Etikette, welche an der biblischen Einleitungswissenschaft bei unserer 
Fassung hängen bleibt, dass derselbe dogmatisch construirte Begriff, 
welcher Veranlassung zu ihrer Entstehung gegeben hat, auch durch 
den Befund ihrer Ergebnisse betroffen erscheint: der Begriff des 
Kanonischen. Ein über dieses selbstverständHche und unabweisbare 
Maass hinausgehendes „Bedürfniss, ein engere Verbindung zwischen 
unserer Wissenschaft und der Dogmatik herzustellen" (Reüss I, S 14), 
kennen auch wir nicht (vgl. Kamphausen S 5). 

Unsere Aufgabe heisst Geschichte des Kanons, nicht der Lehre 
vom Kanon. In letzterer Beziehung genügen zur Orientirung wenige 
Bemerkungen. Die Orthodoxie Hebt es, die Lehre von der Schrift 
in Parallele mit der Christologie zu setzen (vgl. z. B. Augüsti, 
Versuch einer historisch-dogmatischen Einleitung in die h. Schrift 
1832, S 98 f), uijd es kann ja auch darüber kein Zweifel bestehen, 
dass die Lehre vom Kanon ein Schriftideal im Auge hat, so gut 
wie die Lehre von Christus ein persönliches oder die Lehre von 
der Kirche ein gesellschaftliches Ideal. Ein Ideal kann folgerichtig 
nur in absoluter Vollkommenheit gefasst werden, zumal wo der Begriff 
der Idealität durch Bückgang auf göttlichen Ursprung festgestellt 
wird. So bedeutet insonderheit der Begriff des Kanons, wie er ge- 
schichthch sich darbietet, nichts anderes als das Ideal einer schrift- 
Hchen Grundlage der Religion, vermöge welcher die Uebermittelung 
göttlicher Wahrheit an menschliches Verständniss unfehlbar be- 



\Q Die Einleitung in das Neue Testament, 

werkstelligt und gegen alterirende Einflüsse des unsicheren und 
schwanken Bodens, darauf letzteres seiner Natur nach sich bewegt, 
verwahrt werden soll (vgl. Schmiedel S 333). Der Kirche wenigstens 
ist der Kanon nie etwas anderes gewesen als die abgegrenzte Sammlung 
von Schriften, darin sie den authentischen, d. h. vom göttlichen 
Urheber selbst dargebotenen und beglaubigten Ausdruck der Offen- 
barung gefunden hatte. Sie hat mit anderen Worten den Begriff 
des Kanons nie gedacht ausser zusammen mit dem Begriffe der 
Inspiration (vgl. Pelt S 123 f), auf welchen das mit der ganzen 
Weltanschauung der Kirche gegebene Postulat von überleitenden 
Kanälen führen musste, wodurch die Zufuhr aus der übersinnlichen 
in die sinnhche Welt mit absoluter Sicherheit zu erfolgen schien. 

Indem wir die Entwickelung des Inspirationsbegriffes, wie es sich gebührt, 
der Dogmengeschichte überlassen, sehen wir dafür in der Geschichte des Kanons 
den Kern der Einleitungsdisciplin. "Wie dieselbe vom Namen und Begriff des 
Kanons ausgehen muss, so kann, was dieser Name und Begriff ist, nur resultiren 
aus dem richtig erfassten Verlaufe derjenigen kirchengeschichtlichen Vorgänge 
und Entwickelungen , Gegensätze und Ausgleichungen, welche zu der ersten 
Bildung einer solchen Sammlung und zuletzt zu einem allseitig anerkannten Ab- 
schluss derselben geführt haben. 

11) Warum -stellen wir der Geschichte des Kanons eine Ge- 
schichte des Textes zur Seite? Nicht ohne Grund verweist man 
(z. B. Zahn S 155) dieses ganze Kapitel theils in die Prolegomena 
zu den kritischen Ausgaben, theils in besondere Bücher, wie u. A. 
Scrivener und Schaff solche geschrieben haben (vgl. unten S 82 f). 
Indessen wurde bereits bemerkt, dass der geschichtliche Begriff des 
Kanonischen zusammenfällt mit der theologischen Vorstellung eines 
inspirirten, d. h. also jedenfalls eines solchen Textes, welchem denk- 
barste Vorkommenheit von Haus aus zukommt. Nur in seinem 
ursprüngHchsten Wortlaut ist er ganz was er sein will. Sobald die 
neutest. Schriften kanonisirt sind, begegnen wir daher auch der Be- 
hauptung einer truglosen Aufbewahrung derselben seit der Apostel 
Tagen (Irenaeus IV, 33, 8 quae pervenit usque ad nos custoditione 
sine fictione scripturarum tractatio plenissima, neque additamentum 
neque ablationem recipiens, et lectio sine falsatione). Daher seit 
derselben Epoche auch Vorkehrungen getroffen werden, um den ur- 
sprüngUchen Wortlaut gegen etwaige Alterationen sicher zu stellen. 
Aber dieselbe Geschichte des Textes, welche uns, als nächste Parallele 
zur Geschichte des Kanons, ein Wissen um die erwähnten That- 
sachen einträgt, weist uns auch eine so gut wie auf jeden Vers sich 
erstreckende Mannigfaltigkeit auf, welche durch alle Jahrhunderte 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 17 

des handschriftlich überheferten Textes läuft und in der Periode 
des gedruckten Textes erst recht bemerkbar wird. Eine ähnhche 
Ueberraschung bietet schon die Geschichte des Kanons, indem sie 
uns mit den Ungleichmässigkeiten und Schwankungen bekannt macht, 
welche der Bestand der Sammlung bis etwa zum Jahre 400 auf- 
weist. Aber an die Stelle des Herganges, wie ursprünglich Aus- 
einanderliegendes sich zusammenfindet, tritt in der Geschichte des 
Textes die umgekehrte Erscheinung, dass ursprünglich Einheitliches 
auseinandergeht, und zwar so, dass es sich unserer Beobachtung 
nur bereits in einer Mannigfaltigkeit darbietet, die sich keineswegs 
etwa blos auf die zufälHge Form erstreckt^). Um so dringhcher 
wird die Frage nach der Identität des jetzigen mit dem ursprüng- 
hchen Texte für die Lösung des Problems vom Kanon überhaupt. 
Als Hülfsmittel, um jene Frage entweder zu lösen oder ihre verhält- 
nissmässige Unlösbarkeit festzustellen, stehen uns nun aber zu Ge- 
bote: erstens die erhaltenen Handschriften selbst, wozu die patristi- 
schen Citate kommen, sofern sie als Fragmente von Handschriften 
zu betrachten sind; sodann die alten und unmittelbaren Ueber- 
setzungen, sofern aus ihnen ein Rückschluss auf die Gestalt des im 
griechischen Original vorliegenden Textdetails gemacht werden darf. 
Aber auch im unmittelbaren Interesse der Geschichte des Kanons 
selbst kann auf diese Bestandtheile der Einleitung nicht Verzicht 
geleistet werden, sofern nicht einzelne Bücher abgeschrieben oder 
übersetzt wurden, sondern die Sammlung der neutest. Schriften oder 
doch wenigstens grössere Theile dieser Sammlung; einzelne Hand- 
schriften stellen daher wichtige Dokumente für Umfang und An- 
ordnung des Kanons zur Zeit ihrer Entstehung dar, wie andererseits 
auch einige Uebersetzungen in eine Zeit hinauf reichen, da der 
Kanon noch im Werden begriffen war ; sie liefern für diese dunkelste 
Periode um so bedeutungsvollere Zeugnisse, als sie nicht Individuen, 
sondern Kirchen repräsentiren. 

Gegen die Stellung, welche nach dieser Construction die Geschichte der 
Uebersetzungen einnimmt, wendet man ein, es werde dadurch die Meinung be- 
günstigt, die Kenntniss der armenischen Bibel sei wichtiger, als diejenige der 
lutherischen (Reuss, Vorrede zur 4. Afl S X f). Doch handelt es sich hier um 



^) Tischendorf, Wann wurden unsere Evangelien verfasst? 4. Afl S 122: 
„Beschränkt sich auch diese Mannigfaltigkeit an vielen Tausenden von Stellen 
auf den blosen für den Sinn gleichgiltigen Ausdruck und auf grammatische Formen, 
so ist doch auch die Zahl derjenigen Stellen sehr erheblich, wo es sich um ge- 
wichtigere Verschiedenheiten in der Darstellung handelt, ja selbst solche fehlen 
keineswegs, die von historischem und dogmatischem Belange sind." 

Iloltzniann, Kinleitung. 2. Auflage. O 



\Q Die Einleitung in das Neue Testament. 

den bestimmten Gesichtspunkt, welcher über die Frage nach der Wichtigkeit 
entscheidet. Eine Geschichte der Uebersetzungen in der Richtung, welche man 
im Auge hat (vgl. 6. Afl II, S 168), streben schon Isagogiker wie Michaelis 
und Eichhorn an und vor ihnen Richard Simon, sofern er ältere und neuere 
Uebersetzungen „als Zeugnisse für die Ausbreitung des Gebrauches des NT 
unter den verschiedenen Völkern behandelt" (Bleek, Einleitung in das NT S 16). 
Daher fallen jetzt nicht etwa blos die lutherische Bibelübersetzung, sondern auch 
die verschiedenen Resultate der Bemühungen der Missionen und Bibelgesell- 
schaften innerhalb des Bereiches einer so orientirten Darstellung. So interessant 
und belangreich dieselbe aber an sich ist, so zielt sie doch anderswohin als 
unsere Wissenschaft, wofern nämlich letztere die historische Kritik der kano- 
nischen Schriften und sonst nichts als ihre Aufgabe betrachtet^). Will man aber 
der Disciplin wirklich eine Ausdehnung geben, vermöge welcher sie die historische 
Kritik sowohl der alt- als der neutest. Literatur und ausserdem noch die Ge- 
schichte der Bibel in ihrem vollen Umfange, also Geschichte der Auslegung, 
des Gebrauches, der Uebersetzungen etc. in sich schliesst, so überschreitet man 
damit wenigstens das Maass einer in bestimmtem Zeitrahmen zu bewältigenden 
theologischen Disciplin^). Neben einem so weitschichtigen Stoff — man denke 
an Diestel's „Geschichte des AT in der christlichen Kirche" 1869 — könnte 
eine methodische Kritik der einzelnen Schriften kaum mehr zu ihrem vollen 
Rechte kommen. Und doch ist sie es gerade, die man hier vor Allem geübt 
zu sehen erwartet und nur zu grossem Schaden der Sache zuweilen nebenbei 
und obenhin geübt sieht (vgl. hierüber Kamphausen S 4). 

Es sind daher in gleicher Weise praktische wie theoretische Gründe, 
welche darauf führen, bezüglich des Umfanges wie der Eintheilung unserer 
Disciplin denjenigen theologischen Gesichtspunkt obwalten zu lassen, unter dessen 
Zugrundelegung sich Alles einfacher zurechtstellt und nur solcher Stoff herein- 
fällt, dem man eben in diesem Fache zu begegnen gewohnt ist, während er 
nicht zugleich auch in anderen Disciplinen, wie z. B. die lutherische Bibelüber- 
setzung in der Kirchen- und in der Literaturgeschichte eine Rolle (vielleicht 
ersten Ranges) spielt. 

Handschriften, Citate, Uebersetzungen bilden zusammen den 
sog. Apparatus criticus, worunter man das gesammte Material ver- 

•) Auch Räbiger (PrK 1870, S 533 f), wiewohl er die traditionelle biblische 
Einleitung als eine unwissenschaftliche Missbildung, als ein chaotisches Durch- 
einander von blos bibliographischer Färbung verurtheilt, erklärt sich doch in 
der Nachfolge von Doedes, Hagenbach, E. Meier u. A. gegen den Versuch, in 
eine Geschichte der heiHgen Schriften auch die Geschichte der Uebersetzung, 
Auslegung und was sonst auf die Schicksale der Bibel sich bezieht, hinein- 
arbeiten zu wollen. „Unserer Ansicht nach wird sich die biblische Literatur- 
geschichte eben auf die literaturgeschichtliche Entwicklungszeit der biblischen 
Bücher beschränken müssen und aus den übrigen exegetischen Disciplinen nur 
das in sich aufnehmen dürfen, was in den Bereich jener Entwicklungszeit hinein- 
fällt und über die Literatur derselben Licht zu verbreiten im Stande ist" (S 534, 
vgl. Theologik S 266 f 270). 

») Zahn S 155: „Mit dem gleichen Recht würde der Darsteller der 
griechischen und der römischen Literatur auch die ganze Geschichte der klassischen 
Philologie zu seiner Aufgabe zu rechnen haben." 



Geschichte und Literatur, Inhalt und Gliederung der Disciplin. 19 

steht, womit die Wortkritik (die sog. niedere Kritik) arbeitet. Die 
ideale Aufgabe derselben wäre, durch Zurückführung des gangbar 
gewordenen Textes auf seine authentische Beschaffenheit den that- 
sächlichen Verlust der Urschriften unschädlich zu machen. Aber 
bei keinem alten Schriftsteller ist diese Aufgabe in absoluter Weise 
zu lösen. Es können also Verderbnisse erkannt, Fehler, Verschlimm- 
besserungen und unnütze Schnörkel der Abschreiber entfernt, die 
Folgen ihrer Nachlässigkeit und ihres Unverstandes beseitigt, immer 
aber nur ein relativ ältester Text gewonnen werden. Auch in dieser 
Beziehung theilt das NT genau die Schicksale aller Schriftwerke, 
welche Jahrhunderte lang nur durch Abschriften, später durch den 
Druck vervielfältigt worden sind. Die Darstellung des kritischen 
Apparates muss sich aber zur eigentlichen Textgeschichte ausweiten, 
schon weil auf isolirte Betrachtung der einzelnen Stellen kein Urtheil 
zu begründen ist. Erst vermittelst Kenntnissnahme von den Ge- 
schicken, welche der Text in 18 Jahrhunderten durchlaufen hat, 
lässt sich grösstmögHche Annäherung an seine ursprünghche Gestalt 
erzielen. Der Zeugenwerth der einzelnen Handschriften wird nur 
richtig beurtheilt, wo ihr genealogisches Verhältniss , überhaupt die 
zeitlichen und örtlichen Entstehungsverhältnisse derselben in Betracht 
gezogen sind. An die Geschichte der handschrifthchen Ueberlieferung 
schliesst sich ungezwungen diejenige des gedruckten Textes an, die 
sich übrigens hier, wo das blos bibHographische Interesse zurücktritt, 
nur mit denjenigen Ausgaben befassen kann, welche dazu beigetragen 
haben, dem Texte seine heutige Gestalt zu geben, wozu ausser den 
Originalausgaben (editiones principes, die nur Handschriften zur Vor- 
aussetzung haben) die Recensionen (Umgestaltungen des Textes nach 
bestimmten kritischen Grundsätzen), und die Recognitionen (nach 
neuen Gesichtspunkten, aber nicht unter Beiziehung neuen Materials 
veranstaltete Ausgaben) gehören. Es wird sonach die Geschichte 
des gedruckten zugleich als eine Geschichte des recensirten Textes 
erscheinen. 

12) Die Zweitheilung der Einleitung beruht auf älteren Tradi- 
tionen (schon AValtiieu handelt de scriptura 1) in genere 2) in 
specie), hat sich aber besonders durch Hug's symmetrische Ver- 
theilung des Stoffes auf die 2 Bde seines Werkes empfohlen und 
beruht auf der Thatsache, dass ein grosser Theil des Stoffes gleich- 
massigen Bezug auf alle einzelnen Schriften hat, sofern dieselben 
einen in sich mehr oder weniger abgeschlossenen Theil altchristlicher 
Literatur darstellen. Die Behandlung dieser Detailfragen ist mit 
gleichem Unrechte bald zum ausschliesslichen Inhalt der Einleitung 

2* 



2Q Die Einleitung in das Neue Testament. 

gemacht (Credner, Neudecker, Davidson, Salmon), bald aus der- 
selben als angebliche Domäne der Exegese ausgeschieden worden 
(Rudelbach S 54. Räbiger, Theologik S 272). Wenn die specielle 
Einleitung die Frage zu beantworten hat, inwiefern jedes einzelne 
Buch sein könne, was sie alle zusammen sein wollen (Baur S 309 f 
317), so wird dagegen der allgemeine Theil von der ganzen Samm- 
lung, ihrer Entstehung und ihren Schicksalen handeln müssen 
(Hagenbach S 161). HerkömmKche Uebung (Michaelis, Hänlein, 
Bertholdt, de Wette, Schleiermacher, Reithmayr, Güntner) 
ist es, den allgemeinen Theil voranzuschicken, was sich jedenfalls 
durch die Erwägung empfiehlt, dass die Zeugnisse über die Ent- 
stehung und Geschichte einer einzelnen Schrift erst aus dem Zu- 
sammenhang der ganzen Geschichte des Kanons ricHtig beurtheilt 
werden können. Zweckmässig ist es auch, Kenntniss von dem all- 
gemeinen Verlauf der Kritik, in dessen Darstellung die Kanon- 
geschichte ausläuft, bei Besprechung der einzelnen Probleme voraus- 
setzen zu dürfen. Andererseits setzt sich nur aus den Theilresul- 
taten, welche bei Untersuchung der einzelnen Stücke gewonnen wur- 
den, eine methodisch correct gebildete Anschauung von dem ganzen 
Verlauf zusammen, welcher in unserer jetzigen Sammlung sein defi- 
nitives Erträgniss abgeworfen hat. Erst aus der Zusammenschau 
aller gepflogenen Detailuntersuchungen über die Entstehungsverhält- 
nisse der einzelnen Bücher lässt sich überdies ein Bild des Ent- 
\Vickelungsganges der altchristl. Literatur gewinnen, wie die geschicht- 
liche Behandlung der DiscipHn es erstrebt und wir selbst es wenig- 
stens mit dem Anspruch auf vorläufige und bedingungsweise Rich- 
tigkeit entwerfen müssen, wenn die Geschichte des Kanons, die sich 
unmittelbar daran anschliesst, nicht in der Luft stehen soll. Inso- 
fern hätte die Geschichte des Kanons ihren richtigen Platz hinter 
der sog. speciellen Einleitung (so Eichhorn, Schott, Bleek, Langen, 
vgl. Schürer, StKr 1876, S 756). 

Wie allenthalben, so hat demgemäss auch auf diesem Gebiete 
Wechselwirkung statt. Beide Theile der DiscipUn bedingen sich 
gegenseitig. Die hier befolgte Praxis kann sich auf das innere Ver- 
hältniss beider Theile berufen, sofern der 2. für die im allgemeinen 
Theile gebotene Construction die speciellen Nachweise liefert. Hinter 
dem im Grossen und Ganzen fertig dastehenden Bau eröffnen sich 
hier noch Einblicke in mannigfach geartetes, auseinanderliegendes 
Detail, wo die Arbeit allenthalben noch im Gange ist und der Be- 
trachtung sich vielfach nur unfertiges Stückwerk darbietet. 



Allgemeiner Theil. 



Geschichte des Textes. 



Erstes Kapitel: Von der Ueberlieferung des Textes. 

1. Aeltere formale Geschichte des Textes. Neutestamentliches 

Schreib- und Bücherwesen. 

Die Existenz der paläographischen Wissenschaft ist auf die Studien der 
Benedictiner-Congregation Saint-Maur zurückzuführen. Das grundlegende Werk 
des Bernard de Montfaucon (Palaeographia graeca 1708) befasst sich aber erst 
mit gegen 30 Uncialhandschriften, während Tischendorf schon in dieser Be- 
ziehung über einen um das Zehnfache vergrösserten Stoff verfügte. Er ist 
übrigens nicht mehr zur Ausarbeitung des geplanten Werkes gekommen. Um so 
dankenswerther sind die Arbeiten von W. Wattenbach, Anleitung zur lateinischen 
Paläographie 1865, 3. Afl 1878-, Anleitung zur griechischen Paläographie 1867, 

2. Afl 1877; Das Schriftwesen im Mittelalter 1871, 2. Afl 1875-, Schrifttafeln zur 
Geschichte der griechischen Schrift 1876, 2. Afl unter dem Titel: Scrii)turae 
graecae specimina 1883 •, (und A. v. Velsen) Exempla codicum graecorum litteris 
minusculis scriptorum 1878. Ferner Marquardt, Römische Privatalterthümer II, 
1867, S 389 f. V. Gardthausen, Griechische Paläographie 1879. Th. Birt, Das 
antike Buchwesen in seinem Verhältniss zur Litteratur 1882. E. A. Bond und 
E. M. Thompson, The paleographical society, facsimiles of manuscripts and 
inscriptious, 12 Bde 1873—82. Vgl HbA S 1400 f. 

Gewöhnliches Schreibmaterial war zur Zeit der Entstehung des 
NT in Griechenland und Italien schon längst der in Europa einzig 
nur bei Syrakus, wo die Araber ihn eingeführt haben, vorkommende, 
jetzt selbst in Aegypten fast verschwundene Papyrus — 7ra;rüpo<; 
oder ßoßXoc (daher ßtßXo?). Es gibt griechische Papyrushandschriften, 
welche theils in ägyptischen Grabmälern (so besonders drei Reden 
des Hyperides), theils auch in einer 79 verschütteten Villa von Her- 
culaneum sich erhalten haben (fast lauter philosophische Betrach- 
tungen des Philodemus und anderer Epikureer, 1752 ausgegraben 
und theilweise herausgegeben als Herculanensium voluminum quae 
supersunt 1793 — 1855, 2. Samml. 1861 f). Der Papyrus ist zwar 
dem Verbrennen und Verkolilen leicht ausgesetzt, andererseits aber 



24 Geschichte des Textes. 

hat die Sitte, nur eine Seite zu beschreiben, und die damit zu- 
sammenhängende Gewohnheit, die beschriebene Seite nach innen zu 
wickehi, die Zerstörung durch die Lavagluth nicht so vollständig 
werden lassen, wie bei modernen Büchern unausbleiblich gewesen 
wäre. Nur der Gunst ausserordentlicher Umstände ist es demnach 
zu verdanken, wo sich ausnahmsweise einmal Papyrusschriften erhalten 
haben. Dieses ungemein vergängHche Material wurde nach Plinius 
(Hist. nat. 13, 68 — 89) so bereitet, dass man die schmalen Bast- 
streifen, welche sich unter der Einde der Staude befinden, quer über- 
einander legte und durcheinander zog, das so enstandene Gewebe 
mit Nilwasser anfeuchtete, presste und an der Sonne trocknete. Die 
5 — 6 Finger breiten und meist 6 — 11 Finger hohen Blätter (nur 
Kaiser Claudius Hess sich Papier von 1 — IVa Fuss Höhe machen) 
wurden zum Zwecke der Verwendung zu Büchern einen Finger breit 
übereinandergelegt und festgeklebt (v-öXX'o Yivsrai zb ßtßXiov). Dabei 
wurde stets die rechte Seite des einen Blattes unter die linke des 
folgenden gelegt und so ein Streifen von beliebiger Länge gewonnen. 
Der rechtsseitige Rand des letzten Blattes wurde dann wiederum 
auf einem Stabe festgeklebt und das Ganze um diesen von rechts 
nach hnks zusammengerollt. Daher der Name volumen, Band. Der 
Knopf oben am Stabe hiess umbihcus, o[jL<paXoc, daher Hbr 10, 7 
%Btpakl(; ßtßXtoo, Buchköpfchen, für Eolle. 

Während also jedes einzelne Blatt die Gestalt eines stehenden Parallelo- 
gramms besass, wie unser Schreibpapier und gleich diesem der Breite nach be- 
schrieben wurde, nahm das ganze, aus einer beliebigen Anzahl von Blättern 
(oeX'l^s?) bestehende Schriftstück die Form eines liegenden Parallelogramms an, 
welches unter Umständen zu einer kolossalen Grösse wachsen konnte. Daher 
die Möglichkeit einer RiesenbuchroUe Apc 18, 5 lv.oXk-i]d"q<zav ahz^ic, a\ djJLaptia'. 
aypt Toü o5pavoö (vgl. dazu BmT S 439). Der ein Buch aufrollende (Lc 4, 20) 
Leser fasste den Buchstab mit der rechten Hand, zog mit der Linken das Ende, 
d. h. die erste Seite der Schrift, dann die zweite u. s. f. hervor, während die 
bereits gelesenen Seiten sich zur Linken etwa um ein zweites Stäbchen wieder 
zusammenzurollen anfingen, so dass man, in der Mitte stehend, zu beiden Seiten 
eine gleiche Rolle hatte. Auf jedem Blatte stand eine Columne, welche von der 
nächsten Blattcolumne durch einen Zwischenraum von eines Fingers Breite ge- 
trennt war. Auch auf diesen Rand wurden zuweilen noch kurze Notizen gesetzt. 
Dies die „querhingeschriebene Randbemerkung" des Atticus (Cic. ad Att. 5, 1 
venio ad transversum illum extremae epistolae tuae versiculum). Solche Rand- 
bemerkungen konnten von Abschreibern in den Text hineingezogen werden — 
ein Umstand, daran Witting (Erläuterungen der Lehrart Pauli 1701) und Wilke 
(Neutest. Rhetorik 1843) ihre Textconjecturen anknüpften, während Laurent 
(Neutest. Studien 1866, S 17 f) zu gleichem Behufe daran erinnerte, dass auch 
Versetzungen von Blättern vorkommen konnten, indem der Leimer die richtige 
Ordnung verfehlte. 



T. Kap.: Von der Ueberlieferung des Textes. I. Aeltere formale Geschichte. 25 

Die NTlichen Schriftsteller haben sich jedenfalls mit dem ge- 
meinen Papier begnügt und nicht zu dem feineren gegriffen, worauf 
die vornehme Welt ihre Briefe schrieb (Augusta, Liviana u. s. f.). 
In der That wird, neben gelegenthcher Erwähnung der ;riva>tic Lc 
1, 63 (aus Wachs, als Notiztafel wie unsere Schieferplatten gebraucht) 
und des zu gleichem Gebrauch geeigneten Pergaments 2 Tim 4, 13 
(wo auch der Bücherkasten, ^sXövyjc, eigentHch (paLvöXvj?, vorkommt), 
der x^-t^'^'H^ = TraTüopo? 2 Joh 12 genannt ; dazu gehört 3 Job 13 der 
gleichfalls aus Aegypten kommende Rohrstift (xaXa{ioc, ital. cala- 
maio), welcher wie die ihn seit dem 6. Jahrb. allmälig ablösende 
Gänsefeder geschnitten und mit einer aus Buss gefertigten Tinte 
([x^Xav 2 Cor 3, 3) gefüllt wurde , um die Schrift auf das Papier zu 
bringen. Dieselben johanneischen Stellen scheinen übrigens mit 
ihrer Hindeutung auf Vieles, was noch zu schreiben gewesen wäre, 
(wenn nämlich das zu Ende gehende Papier es erlaubt hätte), einen, 
Schluss auf die Grosse des gewöhnlichen Briefpapiers zu verstatten ^). 
Sicher ist, dass, da die Rollen mit Rücksicht auf verschiedenartige 
Grössenverhältnisse der in sie aufzunehmenden Schriftstücke fabrik- 
mässig angefertigt wurden, die Schriftsteller bei Disposition ihrer 
Stoffe sich den vorhandenen Maassen (modus voluminis) accomodiren 
mussten. Dies wohl der Grund, wesshalb Lc und Act zwei fast 
gleich lange Bücher bilden, Act 1, 1 richtig Xöyol genannt; denn 
mit der Buchtheilung zerfällt der Xö^og (schriftstellerisches Werk) 
in einzelne Xöyoi. 

Urschriften des NT existiren natürlich nur in der Legende ; vgl. darüber 
HiLGENFELD S 778 f und TiscHENDORF-GrREGORY, Prolcgomena S 185 f. Eine Spur 
davon wollte man früher bald bei Ignatius, Philad. 8, 2 (wo übrigens öcp)(_ela, 
wenn überhaupt so zu lesen, nicht Archive mit Autographen, sondern Urkunden, 
schriftliche Zeugnisse bedeuten), bald (so noch Reithmayr S 185) bei Tertullian, 
Praescr. haer. 36 entdecken, wo übrigens authenticae literae apostolorum ent- 
weder den griechischen Text gegenüber dem lateinischen oder eher die echten 
Briefe gegenüber den gefälschten bedeuten. Mit den Autographen gingen übrigens 
auch verloren die auf den Briefrollen angebrachten Adressen. Denn dass die 
jetzigen nicht ursprünglich sein können, geht theils aus ihrer an sich unmöglichen 
Form (so Tcpo<; 'Eßpaioü?), theils daraus, dass sie eine Sammlung voraussetzen 
(z. B. Tzpb<; Kop'.vO-toü? -i] uptoxYj), theils endlich aus der Differenz dieser Inscrip- 
tionen hervor (z. B. 'louSa in K B, wozu A C K fügen euioToX-fj, L bietet schon 
eTttoToX-r) Toö dcYtou aTTooToXoo 'JouSa und P fügt xaO-oXtxY] bei). Uebrigens wäre 
das Autograph des Paulus nur am Schlüsse der Briefe zu suchen (1 Cor 16, 
21. Col 4, 18. 2 The 3, 17). Seine Freunde scheinen ihm die Dienste geleistet 
zu haben, für welche es damals tayuYpacpot, notarii, als Sklaven amanuenses 



') Nach Rendel Harris (NT autographs 1883) hätten 2 und 3 Joh je 5, 
Jud 11, 1 The 32, Jac 38, 1 Joh 41, Gal 47 Papyrusseiten gefüllt. 



26 Geschichte des Textes. 

genannt gab, denen man dictirte. Daneben existirten xaXXifpa^oi, librarii, Rein- 
schreiber. Letztere und die SiopO-wxal, correctores, welche zum Behuf allge- 
meiner Lesbarkeit gefertigte Handschriften zu revidiren hatten, sind bei Her- 
stellung zwar nicht der Urschriften, aber späterer Abschriften des NT betheiligt 
gewesen. 

II. Aeltere materiale Geschichte des Textes. 

1. Unabsichtliche Aenderungen. 

Je grösser die Zahl der Abschriften, in welchen ein alter 
Schriftsteller sich erhalten hat, desto grösser natürhch auch die Zahl 
der sog. Lesarten. Das NT bietet derselben daher ein Maximum. 
Wie es überhaupt, was Menge, Alterthum und Mannigfaltigkeit der 
Ueberheferungsmittel betrifft, einzig dasteht, so lässt sich auch an 
seinem Beispiele die Aufgabe der Textkritik am vollständigsten dar- 
legen. Man kann die sog. Varianten oder Lesarten unterscheiden: 

1) nach ihrem Umfange (Buchstaben, Wörter, Sätze betreffend); 

2) nach ihrer Form (Zusätze , Auslassungen , Versetzungen , Ver- 
tauschungen) ; 3) nach ihrer Quelle (Zufall, Nachlässigkeit, Willkür). 
Je weiter wir hinaufrücken in der Geschichte des Textes, um so 
mehr darf Einfluss von Nachlässigkeit und Willkür vorausgesetzt 
werden. Später dagegen, als der Buchstabe von kanonischem An- 
sehen umgeben war, musste auch die Textüberlieferung eine sorg- 
fältigere und genauere werden. Doch floss wenigstens Eine Quelle 
von Abweichungen auch jetzt noch reichhch genug, sofern es 
an Aenderungen von unabsichtlicher Natur, welche aus Irrungen 
theils des Auges, theils des Ohres stammen, beim Abschreiben oder 
beim Nachschreiben eines Textes nie gefehlt hat. 

Verirrungen des Auges sind beispielsweise im Spiele, wenn 1 The 2, 7 
nach lY^^*']^"nM'^'^ schon in K B C D vyjtcioi statt ^tccoc (so A E u. s. w.) gelesen, 
d. h. beim Mangel der AVortabtheilung der letzte Buchtabe des einen auch als 
erster des andern Wortes gefasst wurde. Dahin gehören namentlich alle sog. 
Homoioteleuta, wie wenn 2 Cor 6, 5 &xaTaoTaaiai(; oder 1 Joh 2, 23 b bn-oXo-^ihv 
xhv ülöv xat xöv izaxipa zyzi ausgelassen wurde. Nachlässigkeit im Auffassen des 
Hörens beim Dictiren gab Anlass zu allerhand Verwechslungen (wie xevoi; für 
xatvo?, katpot für ixepoc, '^ivsot.q für '^hvfiQi<;) besonders von itacistischer Art 
(von Vocalen und Diphthongen mit annähernd gleichem Laute, die allmalig wie i 
gesprochen wurden), wie sie massenhaft vorkommen-, z. B. 4]p,eT(; und 6|x£t?, aoi 
und oö, el 8^ und tos etc. So steht Act 11, 26 statt ypiaxtavoo«; in J< )(^pYjaTtavoüc 
in B yps'.axiavooc;. Nicht minder häufig sind Gedächtnissfehler, als da sind Ver- 
wechslung von Synonymen (z. B. 2 Pe 2, 21 t< A et? xa öutacu avaxa|i.t];at, B C 
6itooxpe<pai, Kec. sTTtaxpe^J^ai) und Partikeln (S-fj, ouv, Yap, ^p« u. s. w.), Auslassung 
der letzteren, Verwandlung von xat I^m in xotfo), von cdv in av, e^O-eux; in e6d'ü(; 



I. Kap.: Von der Ueberlieferung des Textes, ü. Aeltere mat. Geschichte. 27 

und umgekehrt, orthographische Confusionen (wie wenn Mt 14, 34 Genesaret auf 
neunerlei Art geschrieben vorkommt) und Umstellungen, wie wenn Mt 15, 30 
^(üXoi, xo<f\oi, xuxpot, v.oWoi in fünferlei Permutationsfällen auftreten, oder wenn 
2 Pe 1, 4 i< K L lesen xtjiia -tiiüv v.aX li-i-^ioxa ß ttjxia xal iXE^toxa •rjfxiv, C P 
l^i-^ioza xal TtjjLia -J^jj-lv (A ufJtlv), endlich die nur auf Minuskeln beruhende Kecepta 
li.i'^ioza YjfAtv xal xifAia. Daneben liegen aber auch Irrthümer des Verstandes vor, 
wo paläographische Abkürzungen falsch aufgelöst wurden. Anerkanntermaassen 
stammt 1 Tim 3, 16 die Lesart d-söq aus einer Verwechslung von OS mit 0S, 
welches dann als Abbreviatur (0S) gefasst wurde. Ebenso wurde Em 12 
11 KÖ statt mit xüptcp mit xatpü) wiedergegeben, als stünde KPß. 

2. Absichtliche Aenderungen. 

Solche können durchaus bona fide angebracht worden sein. 
Denkende Abschreiber sind unter Umständen gefährhcher als ge- 
dankenlose. Ihnen verdanken wir zahlreiche Emendationen von 
gelehrter Natur. Diese sind zunächst oft rein sprachUcher, gramma- 
tikalischer Art, und wollen den Ausdruck berichtigen, wie wenn 
Mr 8, 2=Mtl5, 32 für •^[xdpat zpsiQ gesetzt wurde i^[ispa? zpBiqj 
Mt 8, 28 iX^övTO«; aotoö in IX^övui auTcp umgesetzt oder aber um- 
gekehrt verfahren wurde (auf die eine oder andere Weise suchte 
man dem folgenden oTüTJvcYjaav aoicj) gerecht zu werden) oder Mr 9, 26 
xpdt^a? xal ojrapd^ac um des vorhergehenden 7rv£ö[xa axd^apiov willen 
schon von A in xpd^av %al ajuapa^av umgewandelt wurde. Mehr 
sachUche Verdeutlichung ist es, wenn Lc 1, 64 nach dvetj))(^7] xb 
oz6\LOL auToö Ttal ii Y^waaa aoroö zur Vermeidung eines Zeugmas eXö^Y] 
eingesetzt wurde. Bereits eine dogmatische VerdeutHchung ist es, 
wenn dem Job 7, 39 absolut stehenden 7rv£ö[j.a (X) bald ocyiov (L), 
bald §£8o(j.evov (Itala), bald beides (B) beigefügt wurde. Eben dahin 
gehört es auch, wenn Citate wie Mt 15, 8 der Form von LXX 
angepasst oder Elemente des einen Evglms in das andere übertragen 
erscheinen. So ist die Versuchungsgeschichte und das Herrngebet 
bei Lc aus Mt ergänzt, umgekelurt Mt 18, 11 aus Lc 19, 10 (welche 
Stelle auch 9, 56 antecipirt wurde), Mt 21, 44 aus Lc 20, 18 herüber- 
geschrieben worden, während umgekehrt Lc 4, 8 onoL'^e (oTüiao) \lqo) 
oaravä aus Mt 4, 10 geflossen ist. Ebenso wurde Mt 27, 35 das 
Psalmcitat aus Joh 19, 24 eingeschoben. Besonders bemerkenswerth 
ist, weil schon in K B C L (nicht aber A D) vorfindHch, die Ueber- 
tragung des Lanzenstiches Joh 19, 34 in den Vers Mt 27, 49. Weil 
aber in Folge dieses harmonistischen Versuches sich der AVider- 
spruch einstellte, dass Jesus nach Mt vor, nach Joh nach dem Tode 
durchstochen wird, übte Clemens V. auf dem Vienner Concil 1311 
Kritik und verbot den Zusatz bei Mt, so dass auf diesem Punkt 



28 Greschichte des Textes. 

die späteren Codices correcter wurden. Aber auch Act 26, 14 ist 
übertragen worden in 9, 5. 6 und 22, 7. 8. 

Nie fehlte es auch an Lesern, welche ihre erklärenden Reflexionen dem 
Bande ihres Exemplars anvertrauten; von da drangen sie dann auch in den Text 
ein als vermeintliche Supplemente oder Verbesserungen. Solcherlei motivirte 
Glossen sind leicht erkennbar, wie Mt 5, 11 <]^eu86|X£Vot, 5, 22 slx^, Rm 8, 1 [xv] 
xaxa capv.a uspiTCatoöaiv d.X\a. naxa TCVpöjJLa, 1 Cor 4, 6 <ppoveTv, 11, 24 xXtujxevov 
und 29 avaliu)?. Bei Lc sind der Stellen, die an sich auf Glossen schliessen 
Hessen, so viele, dass man entweder Zusätze aus der mündlichen Tradition in 
grösserem Maassstabe oder geradezu eine zwiefache Redaction des Werkes an- 
nehmen muss. In diesem Zusammenhange sind auch Aenderungen zu erwähnen, 
welche homiletischen und liturgischen Bedürfnissen ihren Ursprung verdanken 
oder den kirchlichen Sprachgebrauch berücksichtigen, wie die Doxologie Mt 6, 
13, das häufige Amen am Schlüsse von Briefen oder Lesestücken, wie denn die 
regelmässigen Vorlesungen im Gottesdienst den Abschreibern reichlichen Anlass 
boten zu Verdeutlichungen und Ausfüllungen, besonders auch am Anfang der 
Perikopen, wo das Subject zu nennen war (häufig Jesus, aber auch Saulus 
Act 9, 19). Eine andere Sache ist es um die Frage nach willkürHchen 
Aenderungen von tendenziöser Natur. Solche kamen ohne allen Zweifel vor in 
rein apologetischem Interesse. Porphyrius notirt den "Wegfall des lojakim Mt 1, 
11, also wird derselbe hereingesetzt ; er bemerkt die falschen Citate aus Jesaja 
Mt 13, 35 und Mr 1, 2, also lässt man den Prophetennamen an dem einen 
Orte weg (B C D) und am anderen schreibt man statt h x(^ 'Iloata tw 7i:po?p*f]x-ß 
vielmehr ev tolc; Trpocprjxa'.t; (A E F); er notirt das anstössige ohv. &vaßaw{ü 
Joh 7, 8, also ersetzt man es durch outtcd (B L). So kommen noch viele 
historische Verbesserungen vor, wie wenn Mt 27, 9 Za)(apiou für '^hp^idoo 
gesetzt wird. Schon in das Dogmatische greift es hinüber, wenn aus dem 
Worte Joh 10, 8 iravts? oooi yjX^-ov irpö I/jloö xXeTCtat stalv xal X-ßoxai viele 
Zeugen entweder TzävxBc, oder Tcpö Ijaoö weglassen, um einer naheliegenden dog 
matischen Einrede wegen der alttest. Propheten vorzubeugen. Das führt uns 
auf die Aenderungen, welche geradezu im Interesse der Orthodoxie oder 
Heterodoxie getroffen wurden. 

3. Fälschungen. 

Katholiken und Häretiker beschuldigen sich im kirchl. Alter- 
thum gegenseitig der Fälschung des neutest. Textes. So werden 
bei Euseb (KG V, 28, 13 — 17) vom Verfasser des „kleinen Labyrinthes" 
die Artemoniden verklagt, sie hätten unter dem Verwände text- 
kritischer Bemühungen (Stop^wx^vai) eine grosse Anzahl willkürlicher 
und unter sich selbst diiferirender Lesarten in die Welt gesetzt. 
Tatian aber soll die Briefe des Paulus grammatisch verbessert 
haben (Euseb. KG- IV, 29, 6), Die Marcioniten und Valentinianer 
beschuldigt Origenes (Gels. 2, 27) willkürlicher Veränderungen der 
Evglien ((xsta/apaSavtsc;). Aber selbst das ohne Frage eigenmächtige 
Verfahren des Marcion, im Literesse seines antiebjonitischen Gnosti- 



I. Kap. : Von der Ueberlieferung des Textes, ü. Aeltere mat. Geschichte. 29 

cismus geübt, unterliegt angesichts der damals allgemein begegnen- 
den Praxis einer milderen Beurtheilung (vgl. Reuss I, S 254 f II, 
S96f. Westcott, History of the Canon, 5. Afl S 314 f). An 
leidenschaftlich übertriebenen Beschuldigungen hat es zwar bis in 
die neuere Zeit nicht gefehlt. So soll er nach Rinck Eph. 3, 9 Sta 
*lT]aoü Xptaioö hinter TtTiaavTt weggelassen haben (vgl. Tertull. Marc. 
5, 18), während Schenkel (Die Briefe an die Epheser etc. 1862, 
S 45) mit jedenfalls grösserer Wahrscheinlichkeit die Athanasianer 
dafür verantwortlich macht. Ebenso erging es den Archihäretikern 
aber auch schon im Alterthum. Den jetzt allgemein (mit Ausnahme 
von Klostermann, Probleme im Aposteltext 1883, S 47 f, 58) an- 
erkannten textus receptus Gal 2, 5 erklärt TertuUian (Marc 5, 3) für 
eine von Marcion ausgegangene vitiatio scripturae; er lässt also mit 
einigen abendländischen Textzeugen das oi<; ooSs aus, so dass Paulus 
sagt, er habe auf einen Augenblick nachgegeben, d. h. dem Ver- 
langen der Eiferer in der ürgemeinde sich unterworfen — eine 
offenbar im antimarcionitischen Interesse vorgenommene Verkehrung 
des Sinnes der Stelle in sein Gegentheil. Allerdings erlaubte sich 
Marcion vielfach ganz Aehnhches, indem er z. B. Lc 16, 17 so 
modificirte, dass wie der Himmel, so auch das Gesetz und die 
Propheten eher vergehen werden, als das Wort des Herrn. Aus 
Eph 2, 20 wurden die Propheten, aus Gal 4, 4 das Ysvd{X£vov otuö 
yö{iov weggelassen, Rm 8, 12—9, 33. 10, 5—11, 32. 15, 1—16, 27 
ganz gestrichen. 

In zahlreichen Fällen wurden die Häretiker offenbar mit Unrecht und aus 
Unwissenheit angeklagt. So wenn nach Irenäus IV, 6, 1 (nicht aber I, 20, 3) 
die Valentinianer Mt 11, 27 gefälscht haben sollen. Aber die angegriffene Lesart 
o^oeI? eYvtu Tov iiaxspa tl \i.-r] b olb<; xal tov utöv st }j,yj 6 itax'fjf; findet sich zwei- 
mal (II, 6, 1. IV, 6, 3) bei Irenäus selbst, ja noch bei Epiphanius unter 11 Citaten 
siebenmal; ebenso bei Justinus (Apol I, 63) und den Homilien (17, 4. 18, 4. 13). 
Dieser Text passt jedenfalls in den Zusammenhang, wo vorher steht rcavia jxot 
Tcaf.s?öö-q UTcö Toü uatpo? fxoo, folglich um den ttaT-fjp es sich zunächst handelt. 
Weil aber die Gnostiker hierauf ihre Lehre vom unbekannten Gott bauten, stellte 
man vielleicht die Sätze um und verwandelte im Interesse der Cliristologie den 
Aorist in das zeitlose Präsens. So könnte erst um 170 diejenige Lesart ent- 
standen sein, welche in alle Handschriften und Uebersetzungen eingedrungen ist. 
Andernfalls müsste man annehmen, der Aorist verdanke der Conformation mit 
Tcr/p£Söt)-ri seine Entstehung. Weiterhin beschuldigt TertuUian (De carne Chr. 19) 
die Gnostiker, sie hätten zu Gunsten ihres semen arcanum electorum et spiri- 
tualium aus o<; l'^svvr^d^ Joh 1, 13, den (auch von Irenäus vertretenen) Plural 
0*1 EYEvvfj^aav gemacht. Aber letztere Lesart ist heute allgemein recipirt; die 
andere ist ohne jede handschriftliche Gewähr. Nach Ambro sius haben die Arianer 
das ohZk b ülo? hereingebracht (De fide 5, 8 et hoc falsarunt, qui scripturas inter- 
polavere divinas). Aber die Worte sind Mr 13, 32 jedenfalls echt und Mt 24, 36 



3(3 Geschichte des Textes. 

wahrscheinlich den Arianern zum Trotz gestrichen (wiederhergestellt von Tischen- 
dorf W. und Hort). Dagegen ist Lc 19, 41 das Weinen Jesu, wie Epiphanius 
selbst berichtet (Ancor. 31), ev zolc, öcSiop^toxo'.? äki'^pä^oK; gelesen, von den 
Orthodoxen aber aus Gründen dogmatischer Aengstlichkeit (nach Iren. I, 20, 2 
hatten die Marcianer die Stelle missbraucht), gleich der Agonie Lc 22, 43. 44 
(vo-l. Hilarius, De trinitate 10, 41), gestrichen worden. Möglich auch, dass der 
Mt 1, 25 schon in ^< B Z, ägyptischen und altlateinischen Ueber Setzungen fehlende 
Tzpuizoxo-Aoc, , welcher freilich Lc 2, 7 allenthalben stehen blieb, dogmatischen 
Tendenzen weichen musste. Haben doch viele Italahandschriften und Cureton's 
Syrer nach Mt 1, 16 xöv avSpa Mapla; beseitigt, wie ähnlich auch A und Itala 
Lc 2, 33. 43 durch Nennung des Namens Joseph thun. Nach Sokrates (KG 7, 32) 
hat Nestorius 1 Joh 4, 3 Xust in [xv] byLoXo^Bl verwandelt; aber auch Cyrill liest 
mit seinem Gegner das Richtige. 

Somit erscheint höchstens Mt 11, 27= Lc 10, 22 die dogmatische 
Reflexion einen dauernden Erfolg errangen zu haben, und zwar zu 
einer Zeit, da der Begriff der kanonischen Autorität und die strammere 
kirchliche Ordnung noch keinen Schutz boten. Nur damals war 
auch Marcions Ausmerzungssystem unbefangen und mit Erfolg zu 
üben. Späterhin konnten etwaige Aenderungsversuche der Gnostiker 
nicht mehr schaden, abgesehen davon, dass letztere immer weniger in 
der Lage waren, die Kirche selbst zu beeinflussen. Die Unternehmungen 
ihrer Kritik wurden von der Kirche sorgsamst überwacht und gerügt. 
Mehr und mehr tritt daher die Klage über versuchte Verfälschung 
hinter derjenigen über falsche Exegese zurück. Aus ähnUchen 
Gründen fielen aber auch, seitdem ein neutest. Kanon sich einmal 
constituirt hatte, selbst Aenderungen, die im Interesse der Orthodoxie 
vorgenommen wurden, sofort auf und konnten nicht in allen Theilen 
der Kirche gleichmässig durchdringen. Zur Orthodoxie selbst 
gehörte eben der Respect vor dem überheferten Buchstaben auch 
ganz abgesehen von seinem Inhalt. Später wird wohl nur das noch 
vorgekommen sein, dass man unter vorhandenen Lesarten die dog- 
matisch leichtere und durch patristische Autoritäten empfohlene 
vorzog. So erfreuten sich die Orthodoxen Rm 8, 11 der angeblich 
£v oXotc TOI? ap*/aioi(; avxiYpd'f oic vorfindlichen Lesart dioL toö 7rv£Ö{xaT0? 
(Clem. AI. ^< A C) gegenüber der von den Arianern angerufenen öia 
TÖ irv£ö[j,a (Iren. Tert. Orig. Itala, Peschito, BDL). Wahrscheinlich 
liegt hier eine sehr alte Differenz in der Auffassung des Sinnes zu 
Grunde (Hülsten Jpr Th 1879, S 355 f). Erfolgreiche Aenderungen 
sind jedenfalls nur in der dunklen Zeit bis zur Constituirung der 
kathol. Kirche denkbar. Seither wurde der Buchstabe des Textes 
ängstlich bewacht, wie sclion Irenäus und TertuUian den Beweis 
liefern. 



L Kap.: Von der Ueberlieferung des Textes. II. Aeltere mat. Geschichte. 31 

Nur Eine Fälschung ist nachweisbar über ein Jahrtausend von Einfluss 
geblieben. Dieselbe betrifft das sog. Komma Johanneum, d. h. die zwischen 
1 Joh 5, 7 oxi xpsl? elotv ol fxotpTüpoövte? und 8 zb 7cv£Ö|xa xal xö 58(op v.al t6 alfi-a 
eingeschobenen Worte iv xw oupavö), 6 TraxYjp, 6 Xö-^oi; xal x6 S^tov Ttvsöfxa, xal 
ouxoi Ol xpsl? iv slat, xal xpsi? eia'.v ol [Aapxopoüvxs«; £v x"^ -fß- I^^n ersten Anlass 
dazu bot Cyprian, in dessen Worten (De ecclesiae unitate 5 dicit dominus : ego 
et pater unum sunt, et iterum de patre et filio et spiritu sancto scriptum est: 
et tres unum sunt) Augustinus (C. Maximinum 2, 22) und Facundus von Hermiane 
(Pro defens. trium cap. 1, 3) richtig eine Deutung der betr. Stelle auf die Trinität 
gefunden haben. Aber schon Fulgentius von Ruspe sieht in Cyprian's 
Worten ein Zeugniss der hl. Schrift selbst. Der Glaube, dass Cyprian so gelesen 
habe, erzeugte die Fälschung, wie sie zuerst im Speculum Augustini und in den 
Freisinger Fragmenten der Itala zum Vorschein kommt, nachdem Vigilius von 
Tapsus (d. h. der Autor contra Varimadum) vorangegangen war. Der Zusatz 
stammt somit jedenfalls aus der nordafrikanischen Kirche, ist aber von Hiero- 
nymus ferne gehalten worden , findet sich darum auch hicht in über 50 Hand- 
schriften der Vulgata, darunter Cod. Amiatinus, Harlejanus und selbst Fuldensis, 
wiewohl in letzterer Handschrift, welche Victor von Capua 541 — 46 schreiben 
Hess, bereits eine hieronyraianische Vorrede zu den kathol. Briefen Aufnahme 
gefunden hat, welche nur dazu geschrieben wurde, um die neue Lesart zu em- 
pfehlen, als durch welche „vor Allem der kathol. Glaube gestärkt und die Eine 
göttliche Substanz des Vaters und des Sohnes und des hl. Geistes bewiesen 
wird." Der Verfasser dieses Prologus galeatus beging mithin eine Fälschung, 
um einer Fälschung Eingang zu verschaffen, und wusste dabei, da er die latei- 
nischen Handschriften, welche den Zusatz nicht bieten, gefälschter Uebersetzung 
zeiht, nicht einmal, dass die Stelle weder bei irgend einem griechischen Kirchen- 
vater noch in irgend einem griechischen Codex vorkommt. Oder wenn er es 
wusste, so log er um so dreister. Erst durch die nach La Cava, Toledo und 
Demidoff genannten Codices drang der Zusatz allmälig in die Vulgata und von 
da aus in die Literatur der griechischen Kirche ein, zuerst in die Uebersetzung 
der Acten des Lateranconcils von 1215, zuletzt auch in 2 Minuskeln, den Cod. 
Montfortianus, nunc Dublinensis (den Erasmus Britanniens nennt, 1650 Hiomas 
Montfort besass und 1854 Dobbin genau verglichen hat) und einen vaticanischen 
Graeco - Latinus. Dieser ist aus dem 15. jener erst aus dem Anfang des 16. 
Jahrh. ' In der Compluter Ausgabe stammt 1 Joh 5, 7. 8 aus direkter Ueber- 
setzung der Vulgata. Erasmus nahm den Zusatz, den er übrigens schon in der 
2. Asg gelegentlich wie ein kanonisches Schriftwort citirt (S 47 der Vorrede), 
erst in seine 3. Asg (1522) auf, ne cui foret ansa calumniandi, und Simon de 
Colines (1534) war für 200 Jahre der letzte, welcher ihn auszulassen wagte; in 
den Luther-Bibeln erscheint er erst seit 1593. Richard Simon und Wetstein 
emi)fehlen seine Eliminirung, und neuerdings sind selbst kathol. Ausgaben, wie die 
von Scholz (1836), diesem Rathe nachgekommen, nachdem der Berliner Prediger 
Pappelbaum schon 1785 (Untersuchung der Ravischen Handschrift des NT) und 
1796 (Codicis ms. NT graeci Raviani examen) gezeigt hatte, dass der Codex 
des Christian Raue in Upsala, seit 1672 in Berlin, scheinbar eine Uncial-Auto- 
rität für 1 Joh 5, 7. 8, aus Complut. und Regia zusammengeschrieben ist. 



32 



Geschichte des Textes. 



Zweites Kapitel: Vom textkritisclieii Apparat. 

I. Von den Handschriften. 

1. Allgemeines. 

Den wichtigsten Bestandtheil des kritischen Apparates, zugleich 
die unmittelbarsten und ausgiebigsten Zeugnisse für die Geschichte 
des Textes, die vollständigsten Quellen für seine v^rhältnissraässig 
früheste Gestalt bieten die erhaltenen Handschriften. Kein griechisches 
Sprachproduct kann sich so massenhafter Vervielfältigung schon vor 
der Periode der Buchdruckerkunst rühmen; überdies reichen die 
neutest. Manuscripte bis in eine Zeit hinauf, aus welcher von ander- 
weitiger Literatur zumeist nur vereinzelte Bruchstücke auf uns ge- 
kommen sind. "Wir besitzen dermalen gegen 90 Uncialhandschriften, 
von welchen zwei Drittel den Evglien gelten; Cursivhandschriften 
etwa 1000, wozu noch etwa 400 Lectionarien kommen, so dass der 
Stoff, daran sich der Scharfsinn der Textkritik zu üben hat, ein 
sehr umfangreicher und noch lange nicht ausgebeuteter ist. Doch 
gilt hier, wenn irgendwo, das non multa, sed multum. Ein nach 
quantitativem Maassstab unzweideutiger Thatbestand kann sich so- 
fort in sein Gegentheil verkehren, wo der Werth der Manuscripte 
nach der Güte des Originals, nach der Treue des Abschreibers, 
nach dem Umfang des Textes u. s. w., hauptsächhch aber nach dem 
Alter bestimmt wird, sofern füglich anzunehmen ist, dass Docu- 
mente, die nur wenige Jahrhunderte von der ersten Niederschrift 
abHegen, den Text der Originale treuer bewahrt haben müssen, als 
spätere Abschriften. 

Am häufigsten nach den Evglien schrieb man die Plsbriefe ab, bald allein, 
bald mit jenen, bald mit Act verbunden. Seltener noch als von den kathol. 
Briefen finden sich Manuscripte von Apc. Uncialhandschriften, welche das ganze 
NT enthalten (ausserdem ist dies noch in etwa 30 Cursiven der Fall), bringen 
es zugleich im Anschlüsse an LXX. Aber nur K bietet jetzt noch den voll- 
ständigen Text des NT. A und B dagegen, ganz besonders C weisen grosse 
Lücken auf, so dass ganze Bücher fehlen. Spätere Trennung ursprünglich zu- 
sammengehöriger Hefte hat auch sonst mancherlei derartige Ausfälle verschuldet. 
Viele üncialmanuscripte enthalten überhaupt nur Fragmente. Vgl die Synopse 
des NT, wie es sich auf die bekannten alten Handschriften vertheilt, in Biblio- 
thcca Sacra XXXII, 1876, S 209 f. 

Auch die Reihenfolge der Bücher ist nicht immer die gleiche geblieben, 
wie die Geschichte des Kanons ausweist. Allenthalben aber stehen die Evglien 
voran und maclit (nämlich in den Handschriften, anders in Verzeichnissen wie 



IL Kap.: Vom textkritischen Apparat. I. Von den Handschriften. 33 

Can. Ciarom. oder Indic. Afric.) Apc den Schluss, es sei denn, dass noch andere 
Bücher folgen, wie Barn, und Herrn, in J< oder die Clemensbriefe in A. 

Freilich reichen in das 4. oder 5. Jahrh. nur wenige Handschriften hinauf; 
aber gerade dies sind die auch ihrem Umfange nach werthvoUsten (J<ABC), 
wenngleich der Text auch hier alle Arten der aufzuzählenden Verderbnisse 
aufweist. Die gute Hälfte der Uncialen fällt erst in das 8. — 10. Jahrhundert. 
Sehr viele Handschriften gehören mehreren Zeitaltern an, indem sie durch die 
Hände verschiedener Correctoren gegangen sind, welche Vergleichungen mit 
andern Exemplaren anstellten. Daher in den Ausgaben die Zeichen — ^ q^^j. 
— b (von 2. Hand) u. s. w. Die Handschriften bieten auch Abbreviaturen, häufige 
Bezeichnungen falscher Wörter, Ueberschreibungen und Rasuren. Am Rande 
sind Lectiones, Capitula, Ammonianische Abschnitte und Eusebianische Canones 
angegeben; die einzelnen Bücher haben lieber- und Unterschriften, Inhaltsan- 
zeigeu, historische Bemerkungen über Pls und andere Verfasser, über Alter, 
Schreiber, Besitzer der Handschriften: viele enthalten auch Scholien; je mehr 
derartige Zuthaten sie aufweist, desto weniger macht die betreÖende Handschrift 
Anspruch auf hohes Alterthum. 

2. Stoffe. 
Wie in Aegypten auf Papyrus, so schrieb man in Asien auf 
Thierhäute (ötfp^spai). Die zwischen der alexandrinischen und per- 
gamenischen Bibliothek bestehende Concurrenz gab Anlass zur Her- 
stellung eines besonders brauchbaren Stoffes in Pergamon (charta 
Pergamena, membrana). Scheint das alexandrinische Material auch 
wohlfeiler gewesen zu sein, so war das Pergament dafiir auf beiden 
Seiten zu beschreiben und namentlich dauerhafter. Schon längst zu 
Privatzwecken im Grebrauch, fing es seit dem 4. Jahrh. auch an, 
an Stelle des Papyrus zu Bibelhandschriften verwendet zu werden, 
und schon am Ende dieses Jahrhunderts wissen kirchliche Rhetoren 
wie Chrysostomus (Hom. 31 in Joh) und Hieronymus (Praef. in 
Job) von einem frommen Luxus zu erzählen, der damit getrieben 
werde. Von dieser Art Hess Konstantin 50 Bibelhandschriften für 
die Kirchen in Konstantinopel fertigen (Euseb. Vita Const. 4, 36). 
Schon der Papyrus wurde zuweilen, das Pergament in der Regel 
gefaltet. Die unbequemen Rollen verwandelten sich so in Hefte, 
die zu Bänden vereinigt wurden. So war bequeme Ausnutzung beider 
Blattseiten ermöglicht. Zuweilen wurde die Papyrusschrift aus Gründen 
der Sparsamkeit wieder abgewaschen; die Kostbarkeit des Perga- 
ments aber begünstigte das massenhafte Vorkommen des Palimpsestes. 
Nur genügte jetzt das Waschen nicht mehr, man musste abschaben 
(rädere). So fand man neuerdings oft unter patristischen, legendari- 
schen etc. Texten einen ausgewischten biblischen (Codices rescripti, 
wie besonders C). In der Regel ist der letztere nur mit Hülfe von 
chemischen Reagentien wieder ans Licht zu fördern gewesen. Seit 

Hol tzm ann , Einleitung. 2. Auflage o 



34 Geschichte des Textes. 

dem 9. Jahrh. schrieb man nur noch besonders werthgeschätzte 
Bücher auf Pergament. Dagegen war aus China, wo seit uralter 
Zeit Papier im Gebrauch war, dieser Stoff allmähHg nach Westen 
vorgedrungen. Seit der Eroberung von Samarkand 704 bedienten 
sich die Araber desselben, und im Verlaufe der Kreuzzüge lernte 
ihn auch das Abendland schätzen und brauchen. Daher existiren 
neutest. Handschriften der Reihe nach auf Papyrus (so blos Frag- 
mente von 1 Cor 6 und 7, seit 1867, und ein Stück mit Lc 6, 
36 — 44. 10, 18 — 42, seit 1883 bekannt, jenes mit Uncial-, dieses mit 
Minuskelschrift; ausserdem ein kleines Stück, im Wesenthchen mit 
Mt 26, 30—34 = Mc 14, 26—30 stimmend, unter den Handschriften 
von Faijum im österreichischen Museum), auf Pergament (vornämlich 
die Uncialhandschriften) und auf Baumwollen- und bald darauf auch 
auf Leinenpapier (die meisten Minuskeln). 

3. Schriftarten. 

Ein 2. Kriterium des Alters der Handschriften bilden die 
Schriftarten. Aus der älteren steifen Capitalschrift hatte sich die 
Uncialschrift herausgebildet (literae unciales, eigentlich von der Grösse 
eines Zolles), Buchstaben malend neben Buchstaben, jeden aufrecht 
innerhalb der Grenzen eines Quadrats oder Kreises. Eine schlankere, 
mehr spitzbogenartige Form macht sich daneben schon frühe wenig- 
stens für allerhand Beigaben zum Texte bemerkhch und verdrängt 
im 8. und 9. Jahrh. die ältere Schrift, aber nur um den Sieg der 
Cursivschrift vorzubereiten. Letztere diente schon längst den Be- 
dürfnissen des täghchen Lebens; jetzt näherte sich ihr die mit der 
Zeit kleiner und feiner werdende uncialschrift. Seit dem 7. und 8. 
Jahrh. schon erhalten die Buchstaben immer mehr Neigung nach 
rechts, liegende und verbindungsfähigere Gestalt, die Abbreviaturen 
häufen sich. Die stiHsirte, strengen Regeln unterworfene Cursiv- 
schrift meinen wir mit dem Ausdruck „Minuskelschrift". Seit dem 
9. Jahrh. weisen nur noch splendid geschriebene Codices Uncialen 
auf. Datirte Uncialschriften, wie die EvgHen-Codices von 949 (S) 
und 844 oder 979 (P) und ein Evangehar von 995, schhessen diese 
Reihe ab, während die erste datirte Minuskelschrift schon 835 ge- 
schrieben ist (EvgUen-Codex in der Bibhothek des Bischofs Porphy- 
rius zu Kiew). Mit der Minuskelschrift steht Durchführung der 
Worttrennung und der Interpunktion, auch das Iota subscriptum 
(vorher in der Regel ausgelassen oder adscriptum) in Verbindung. 

Aber nicht blos das Alter, auch die Entstehungsart der Manuscripte ist 
an der Form der Buchstaben zu erkennen. Einfache, schöne Züge weisen auf 
griechische Abschreiber, während die abendländischen sich durch besondere 



IL Kap.: Vom textkritischen Apparat. I. Von den Handschriften. 35 

Liebhabereien und überflüssige Zuthaten verrathen. Auch Aehnlichkeit der 
Buchstaben mit lateinischer oder koptischer Schrift, Rohheit oder Güte der 
Bilder dienen als Fingerzeige. Die Anfangsbuchstaben von Abschnitten sind 
zuerst nur etwas vorgerückt (K), später werden sie grösser (A), wachsen zu 
eigentlichen Initialen heran (alle Uncialen ausser X B), die zuletzt auch Farbe 
annehmen, während die übrige Schrift mit schwarzer Tinte aufgetragen ist. 

4. Form. 

Ein 3. Kriterium der Altersverhältnisse besteht in der Form 
der Codices. Sowohl die auf Pergament wie die auf Papier ge- 
schriebenen wurden zu Heften zusammengelegt, gewöhnlich von je 
16 Blattseiten oder 4 Doppelblättern (Quaterniones, unsern Druck- 
bogen entsprechend); aber auch 5 (Quiniones, so B und S) und 
später besonders 6 Doppelblätter kommen vor. An die Stelle von 
FoHo (^< A C) und Quart (B und beide D) treten im Laufe der 
Zeiten kleinere Formate. 

Während ursprünglich jede Papyrusseite eine Columne für sich 
darstellte, hat man bei der Umsetzung der Schrift auf Pergament 
die Abtheilung nur anfangs noch beibehalten. Man brachte 3 (B) 
oder 4 {t<), bald aber nur noch 2 Columnen (asXtSs?) auf ein Per- 
gamentblatt (A F G L u. s. w.), oder man Hess die Schrift lieber 
ganz durchlaufen (C E H K u. s. w.). Auf jene Columnen, nicht 
aber auf die Blätterlagen, in welchem Falle auch von Terniones zu 
sprechen wäre, scheinen sich die Ausdrücke xptaaa und Tsipaaaa in 
der Herstellungsgeschichte der 50 Bibelexemplare bei Euseb. Vita 
Const. 4, 37 zu beziehen. Dies würde zu den Codices K B passen. 
Nicht vor 500 begegnen eigenthche Prachthandschriften wie die Co- 
dices N S 4> b e f und der gothische Codex argenteus ; nachher noch 
manche Evangelienbücher, welche zugleich die Uncialschrift bei- 
behalten haben; so der mit goldenen Buchstaben auf weissem Per- 
gament ausgeführte Folioband im Katharinenkloster auf Sinai und 
das viel kleinere Purpurevangelistarium der kaiserlichen Bibliothek 
zu Wien, beide aus dem 9. Jahrh. Auf keinen Fall älter ist die 
angeblich von der (bilderfreundlichen?) Kaiserin Theodora geschrie- 
bene Purpurminuskel der Evglien in der kaiserUchen Bibliothek zu 
St. Petersburg, daraus I. Belsheim den Text des Mc herausgegeben 
hat (1885); dem 10. Jahrh. gehört das Seitenstück dazu in Berat 
an (Codex aureus Anthymi). Die erwähnte Evglienhandschrift zu 
Petersburg weist noch die Bilder der Evangelisten auf; kleinere 
Bilder aus der evangelischen Geschichte sind meist zerstört. Da- 
gegen hat sich ein reicher Bilderschmuck erhalten in Cod. S. 

3* 



36 Geschichte des Textes. 

5. Wort- und Satz ab theilung. 

Von grösstem Belange für die Altersbestimmung der Hand- 
schriften ist endlich ihr Verhalten zu dem allmählig sich einstellen- 
den Bedürfniss nach Abtheilung der Wörter und Sätze, nach weiter- 
gehender Zerlegung des ganzen Textes meist in kleinere und grössere 
Abschnitte. 

In den älteren Manuscripten herrscht Scriptio continua. Es 
waren mithin nicht sowohl Wörter als vielmehr Buchstaben ab- 
zuschreiben ^ wer letztere copirte, konnte von dem Sinne der ersteren 
unberührt bleiben (Herm. Vis. II, 1, 4). Da auch weder Spiritus 
noch Accente gesetzt wurden, kann Mt 9, 18 ebenso gut sie sX^wv 
wie slasXO-wv, Act 17, 26 ebensogut Trpö? TsiaYixsvoD«; wie TupoorsTaY- 
jisvoüc, Gral 1, 9 ebensogut TrposipYjxa {xsv wie TuposLpv^otaiJLsv, Phl 1, 1 
ebensogut aov Itzig^otlok; wie gwstzig'üotzoiq gelesen werden. Bei gleich- 
falls mangelnder Interpunktion erklären sich auch Streitigkeiten über 
die Verbindung einzelner Sätze, wie wenn die Pneumatomachen 
Joh 1, 3 vor 6 ysyovsv, die Arianer Rm 9, 5 vor 6 m sttI :rdvT(üv 
^£Öc einen Punkt setzten. Erst in späteren Uncialen treten kleine 
Zwischenräume zwischen den einzelnen Wörtern auf. 

Aelter aber als die Wortabtheilung ist die Trennung von Sätzen 
oder Satztheilen. Schon als noch zumeist auf Papyrus geschrieben 
wurde, pflegte man Umfang und Preis von Schriftstücken nach der 
Zahl ihrer Baumzeilen {<^'ciyoi) zu schätzen, wobei der Normalstichus 
die Durchschnittslänge eines Hexameters besass (etwa 16 — 18 Silben, 
durchschnittlich 36, nicht über 40 Buchstaben). Nach diesem Maass 
scheinen die Zeilen im Codex B zu Apc, ferner in den Vorlagen 
von ^^ und B (sofern dort durchschnittlich 3, hier durchschnitthch 
2 Zeilen die Länge des Normalstichus bilden), ähnhch in altlateini- 
schen Handschriften wie g* und r berechnet gewesen zu sein. Von 
der Raumzelle unterschied man die rhetorischen und Hturgischen 
Zwecken dienende Sinnzeile (xwXov). Mehr in diese als in jene 
Richtung schlug das Unternehmen des Euthalius ein, welcher als 
Diakon in Alexandrien seinem eigenen Zeugniss gemäss (zuerst und 
am besten herausgegeben von Zaccagni, BibHothekar der Vaticana, 
Collectanea monumentorum veterum ecclesiae graec. 1698, I S 403 f) 
dem Lector in der Kirche zum ava^vcävat xata TupootpSiav behülflich 
sein, TTpöc £ooyj(jlov avdtYvwoiv verhelfen wollte. Derartige Kolometrie 
war für einzelne poetische Stücke des AT längst in Anwendung. 
Wie diese aber ßtßXot OTr/Tjpsfc hiessen, so bezeichnete auch Euthalius 
seine Methode als aTi/o{j.£Tpta (atotxYjSöv, ait)^Y]Söv, aTt)(T]pw<; oder Tcara 



II. Kap.: Vom textkritischen Apparat. I. Von den Handschriften. 37 

Gziym^ YP^9^^v? P^r cola et commata scribere)*). Die Plsbriefe voll- 
endete er 458, etwas später Act und kathol. Briefe, bei welchen 
Schriftstücken er auch die Accentuation durchführte. Um systema- 
tische Durchbildung der letzteren hatte sich schon im 2. Jahrh. 
vor Chr. der alexandrinische Gelehrte Aristophanes von Byzanz ver- 
dient gemacht. Aber in den Handschriften des NT finden sich erst 
seit dem 6. Jahrh. Andeutungen und Ansätze zur Accentuation 
(hier und da in Cantabr. und den unter sich verwandten Codices 
A F G); seit dem 8. Jahrh. ist sie allgemein übhch geworden, wenn 
auch keineswegs immer regelmässig und correct angewandt; in 
älteren Handschriften häufig von späterer Hand eingetragen. Aehn- 
hches gilt von den gleichfalls schon durch alexandrinische Gram- 
matiker zu allgemeiner Uebung empfohlenen und vereinzelt (z. B. 
hier und da in A) sogar schon vor der Accentuation auftretenden 
Spirituszeichen. Die neutest. Schriftsteller selbst haben aller Wahr- 
scheinHchkeit nach ohne Accente, Spiritus und Iota subscriptum 
geschrieben, so dass nur der Zusammenhang darüber entscheiden 
kann, ob z. B. aoTY] oder a^tifj oder aor-g zu lesen. 

Von Wichtigkeit ist die Erfindung des Euthalius für die Frage nach der 
Integrität des Textes. Seine Zahlenangaben entsprechen dem kürzeren Text 
der neuem kritischen Ausgaben mehr als dem längeren. Uebrigens ist man 
keineswegs bei seiner Stichometrie verblieben, wie weitgehende Differenzen auf 
diesem Gebiete beweisen. Nach einer Unterschrift in J< zählt Gal 312 Stichen, 
im Can. Ciarom. 350, im Cod. Ciarom. selbst 728, bei Euthalius nur 293; Eph 
befasst sowohl bei Euthalius als in J< 312, im Can. Ciarom. 375, im Cod. Ciarom. 
selbst 796 Stichen. 

Noch unberührt von den Maassnahmen des Euthalius sind in ihrer ursprüng- 
lichen Gestalt die grossen Uncialbibeln K ABC. Von Handschriften der Plsbriefe 
bieten DE und H Beispiele von Stichometrie ; auf die Evglien angewandt findet 
sie sich zuerst im Cod. Cantabrigiensis , dessen Stichen grösser sind als die im 
Claromontanus (hier durchschnittlich 9, dort bis zu 16 Silben), die kleinsten hat 
Laudianus (durchschnittlich 2 — 3 Wörter), so dass hier Act 12,000, bei Euthalius 
nur 2556 Stichen zählt. 

Zählungen der Stichen am Schiasse der betr. Schriften finden sich ver- 
einzelt bei den Plsbriefen, seit dem 9. Jahrh. häufiger bei allen Schriften, daneben 
speciell in Handschriften von Evglien auch Zählungen der Sätze (^Tjiiaxa, pr^osiq,), 
zuweilen, wo aus verschiedenen Vorlagen geschöpft wiu'de, sogar neben den 
Stichen. Die geringe Differenz beweist, dass unter beiden Ausdrücken dasselbe, 
d. h. Raumzeilcn zu verstehen sind. So hat Mt 2560 Stichen (im Claromont. 
2600) und 2522 Sätze. 



*) Nach Rendel Harris (Stichometry, aus American Journal of philology IV, 
No. 2 — 3 separat zu Baltimore 1883) würde er sich in der That an die Durch- 
ßchnittslänge des Normalstichus gehalten haben. 



3g öeschichte des Textes. 

Die Stichometrie des Euthalius hat man „eine ideale Inter- 
punktion" genannt. In der That beförderte sie den Sieg der schon 
vor ilir und neben ihr sich einbürgernden Interpunktion: J< und B 
bieten selten, A und C schon häufiger einen Punkt am Satzende. 
Die Zeilen aber brechen diese Uncialbibeln nur dem Eaum nach, 
sei es auch mitten in einem "Worte, ab, während sie den Schluss des 
Gedankens nicht selten durch Belassung eines kleinen Vacuums an- 
deuten. Mitten im Stichus bezeichnet Cantabr. zuweilen das Satz- 
ende mit einem Punkt. Doch fand man nach Einführung der 
Stichometrie bald, dass sie zuviel Raum wegnehme, imd trennte die 
Zeilen blos durch Anwendung eines grossen Anf^mgsbuchstabens 
(Cod. Boernerianus) oder durch einen Punkt (zuweilen Cod. Cyprius). 
Nichts war durch die allzuhäufige Anwendung des Punktes in den 
drei verwandten Codices AEG gewonnen (oft nach jedem Wort). 
In der Minuskelhandschrift von 835 bezeichnet ein Kreuz unter 
einem Punkt das Ende der Kola, in anderen Codices, z. B. zu den 
Evglien E und zu Plsbriefen M, begegnet oftmals eine dreifache 
Interpunktion (Punkt unten an der Zeile entspricht dem Komma, 
in der Mitte dem Strichpunkt, oben dem Schlusspunkt). Daraus 
entwickelte sich eine regelmässige Interpunktion, wie sie z. B. in Cod. 
L der EvgUen, Cod. B der Apokalypse beginnt und in den gedruckten 
Ausgaben allmäUg Durchführung findet. Auch die Stellung zur 
Stichometrie und Interpunktion gehört mithin zu den Kriterien des 
Alters der Handschriften. 

6. Kapitel- Abtheilung. 

Grössere Abschnitte neutest. Bücher scheinen gemeint zu sein, 
wenn der alexandrinische Clemens von Perikopen (Str. VII 14, 84), 
TertuUian von capitula (Ad ux. 2, 2. De pudic. 16, vielleicht auch 
De carne Christi 19), der alexandrinische Dionysius von xsipdXaia in 
Apc (bei Euseb KG VII, 25, 1) sprechen. MögHcher Weise ist 
dies aber nur so gemeint, wie Origenes, wenn er das Buch des 
Celsus bespricht, „Kapitel" desselben unterscheidet, als in sich ge- 
schlossene Hauptabschnitte, in welche eine Schrift für jeden auf- 
merksamen Leser von selbst sich zerlegt (vgl. Keim, Celsus wahres 
Wort S 199). Doch waren zu seiner Zeit eben die EvgHen ein- 
getheilt worden von dem Alexandriner Ammonius, welcher eine 
harmonistische Bearbeitung (unter dem von Tatian enthehenen Titel 
xb dia tsoadpwv soavY^Xiov) Ueferte, indem er einem Text von Mt die 
Parallelen der andern Evglien zur Seite stellte. Davon nalim 
Eusebius Anlass zu einem umfassenderen Eintheilungsunternehmen, 



n. Kap.: Vom textkritischen Apparat. I. Von den Handschriften. 39 

darüber er in dem Briefe an Karpianus berichtet. Er stellte zehn 
Kanones auf, deren 1. diejenigen Abschnitte bietet, welche allen 
Evangelisten, der 2. bis 4. diejenigen, welche dreien, der 5. bis 9. 
solche, welche zweien gemeinsam sind, der 10. die nur je von einem 
vertreten werden. Auf diese Weise zerfielen Mt in 355, Mr in 233, 
Lc in 342, Job in 232, alle 4 in 1162 xs^pdXata; so nach den über- 
einstimmenden Angaben bei Cäsarius von Nazianz (Dial. 1 resp. 39) 
und Epiphanius (Ancor. 50). Seit dem 5. Jahrb. wurden vielfach 
die Ziffern für die Kapitel (obere Ziffer) und Kanones (untere Ziffer) 
an dem Rande der EvgUen-Handschriften angemerkt, so dass man 
über das Ob und Wo der Parallelen rasche Auskunft erlangen 
konnte. Aber schon die alten Uncialbibeln führen theilweise da- 
neben auch noch eigene Abtheilungen mit sich. So theilt B am 
Rande Mt in 170, Mr in 62, Lc in 152 (ebenso im Cod. S), Job 
in 80, Act in 36 und 69, Jac in 9, 1 Pe in 8, 1 Job in 11, Jud 
in 2, die 10 Gemeindebriefe des Paulus zusammen in 93 Sectionen. 
K hat eine Kapitelabtheilung für Act 1 — 15 (42 Abschnitte), welche 
mit den kleineren Abschnitten in B stimmt. 

Noch grössere Sectionen, von dem byzantinischen Lexikographen 
Suidas um 1000 als zizXoi bezeichnet (lateinisch breves), bieten A als 
7C£pto/at, C und L als xe^paXaia: ihrer kommen auf Mt 68 (L 69), 
Mr 48, Lc 83 (L 79), Job 18. Die kurzen Inhaltsangaben dieser 
Abschnitte stehen in A C an der Spitze der einzelnen Evglien. 
Chrysostomus kennt diese Abtheilung noch nicht, während die 
späteren byzantinischen Exegeten darnach citiren. In Bezug auf die 
Plsbriefe adoptirte Euthalius eine vorgefundene Abtheilung in xs^foc- 
Xaia, welchen bereits 396 auch kurze Inhaltsangaben beigefügt waren. 
Hiemach zerfielen Hbr in 22, Rm in 19, 1 Tim in 18, Gal in 12, 
2 Cor, Eph und Col in je 10, 1 Cor und 2 Tim in je 9, die übrigen 
in noch weniger xs^paXaia. Gleichfalls schon vorgefunden scheint er 
zu haben die Abtheilung von Act in 40 Abschnitte, daneben kennt 
er aber auch eine andere in deren 36, fast durchgängig mit der 
grösseren in B stimmend. Wie auf diese Weise kleinere und grössere 
Abschnitte in denselben Büchern neben einander getreten waren, so 
theilte endlich Andreas, Bischof von Cäsarea in Kappadocien, Apc 
in 24 XöYoi und 72 xe^pdXaia, welche Eintheilung sich in manchen 
Manuscripten erhalten hat. 

Ueber neuere Kapitel und Verse vgl. S 68 f. Von diesen den Zweck des 
Citirens berücksichtigenden Eintheilungen ist die rein kirchliche, näher litur- 
gische Zwecke befolgende Eintheilung in Lesestücke, avrxYv<uget(; , irepixoicai, lec- 
tiones zu unterscheiden. Wie in den Synagogen Paraschen und Haphtharen, so 



40 Geschichte des Textes. 

las man in den Kirchen evangelische und apostolische Abschnitte vor. Schon 
bei Euthalius zerfallen Act und Briefe (nicht Apc) mit Rücksicht auf die Sonn- 
und Festtage in 57 Lesestücke. Optatus und Augustinus bezeugen das Vorhan- 
densein ähnlicher Leseabschnitte für die Evglien. Anfang und Schluss derselben 
werden in den für den liturgischen Grebrauch bestimmten Handschriften seit 
dem 9. Jahrh. mit abgekürztem &px*n und xkXoc, bezeichnet (so zuerst die Evglien- 
Codices K und M). Die den Handschriften angefügten Verzeichnisse von kirchl. 
Lesestücken heissen, wenn Sonn- und Festtagen geltend aova^dpia, wenn Heiligen- 
tagen ixYjvoXoYia. Solche bieten die Asgn des NT von Matthaei und Scholz. Bald 
genug hat das Ueberwiegen des Ceremoniells im Cultus Abkürzung dieser Stücke 
veranlasst. Man las nicht mehr die vollständigen Bücher, sondern bildete eine 
Auswahl; da gleichzeitig die Zahl der Pest- und Heiligentage sich mehrte, musste 
auch die Zahl der Lesestücke eine entsprechende Vermehrung erfahren. 

7. Terminologie. 

Das für den Kirchengebrauch redigirte NT hiess Evangeharium 
und Epistolare, die Vereinigung beider Vorlesebücher Lectionarium. 
In der griechischen Kirche heisst, so lange die Evghen vollständig 
verlesen wurden, der nach der Folge der Sonntage geordnete Index 
dazu, später die Auswahl der evangelischen Lesestücke sDaY^eXiardpiov, 
die Auswahl aus dem apostohschen Theil Tzpa^aizoGzoXoq (Act) und 
aTTÖaioXoc (Pls), das Ganze sTcXoYdSiov. Solche Lesebücher ersetzten 
nach und nach das NT; im Occident seit dem 5. und 6., im Orient 
seit dem 7. und 8. Jahrh. Das kirchliche Perikopensystem aber ent- 
wickelte sich dort auf Grund des römischen Lectionars, hier auf 
Grund des byzantinischen Eklogads. Die vollständigen Handschriften 
theilt man ein in Codices puri sive mere graeci und Codices mixti 
mit Commentar, Scholien oder Uebersetzung ; in letzterem Falle 
spricht man von Codices bilingues (besonders graeco-latini, aber auch 
koptisch-griechische). Die Uebersetzung steht bald zwischen den 
Zeilen (interHnearis), bald neben dem Text. Im kritischen Apparat 
bezeichnet man die Handschriften entweder nach ihrem Vaterland 
(z. B. Alexandrinus) oder nach ihrem Fundorte (z. B. Sinaiticus) 
oder nach ihrem jetzigen Aufenthaltsort (z. B. Vaticanus) oder nach 
ihrem einstigen Besitzer (z. B. Cardinal Passionei f 1761); die 
Bibhotheksnummern werden gewöhnhch hinzugefügt. Um die Bezeich- 
nung der einzelnen Handschriften abzukürzen, pflegt man seit Wet- 
stein Lettern und Zahlen anzuwenden, deren Folge zufällig ist; grosse 
lateinische, griechische, hebräische Buchstaben bedeuten Uncialen; 
kleine lateinische Buchstaben (gewöhnlich einzelne, doch auch gue 
und ff) die Itala; Minuskeln und alle Lectionarien (auch die mit 
Uncialen geschriebenen) werden nur mit arabischen Ziffern bezeich- 
net. Aus beifolgendem Verzeichnisse erhellt, dass derselbe Buch- 



II. Kap.: Vom textkritischen Apparat. I. Von den Handschriften. 41 

Stabe für verschiedene Theile des NT verschiedene Codices bezeich- 
nen kann — eine Unbequemlichkeit, die sich in der kleineren Reihe 
sogar steigert, sofern z. B. eine und dieselbe Pariser Minuskelschrift 
bei den Evglien 18, bei Act 113, bei den Plsbriefen 132, bei Apc 51 
heisst. Derselbe von Tregelles 1850 verglichene Codex Colbertinus 
aus dem 11. Jahrh. ist gemeint mit 33 bei den Evglien, mit 13 bei 
Act und mit 17 bei den Plsbriefen. 

8. Die berühmtesten Uncialhandschriften. 

i< Sinaiticus, nunc Petropolitanas, 346 Folioseiten, davon 147 auf das NT 
kommen, auf dem Katharinenkloster des Mosesberges schon 1844 von Tischen- 
dorf (in einem Korbe mit unnütz scheinendem Pergament), 1845 und 1850 von 
seinem nachmaligen Gegner, dem russischen Archimandriten PoRPHYRros Us- 
PENSKi, aufgespürt, 1859 von Ersterem nach Europa gebracht und auf Kosten 
der russischen Regierung 1862 herausgegeben (kunstreiche Drucknachahmung 
des Originals in 300 Exemplaren, 4 Bde), wozu noch Appendix codicum Sinaitici, 
Vaticani, Alexandrini 1867 (150 Exemplare) kommt. Der neutest. Theil 1863 
in Folio, 1865 in Quart mit den Lesarten von B und Rec. Der die ganze Bibel 
einschliesslich Barn, und Herm. umfassende Codex w^eist in seinem an sich vor- 
züglichen Text viele Gehörfehler, Auslassungen und dergl. auf; Ueber- und 
Unterschriften äusserst einfach, am Ganzen 4 Schreiber betheiligt, am NT mit 
Ausnahme von 6 — 7 Seiten und Hermas (welche Stücke vom Schreiber des NT 
in Cod. B herrühren) nur einer; später aber, besonders im 6, und 7. Jahrh. 
haben mannichfache Correcturen stattgefunden, von welchen übrigens nur drei 
von Bedeutung erscheinen : i<a der nach einem guten Exemplar arbeitende Cor- 
rector; Xb bemcksichtigt z. Th. lateinische, wie J<c syrische Lesarten. Nach 
Tischendorf gehörte der Codex zu den 50, welche Eusebius schreiben Hess, 
dessen Canones er bereits, wenngleich von zweiter Hand, enthält; während ihn 
Gardthausen (S 149) um 400, Hilgenfeld (ZwTh 1864, S 74 f, 211 f. Einl. S 
790 f) und DoNALDSON (Theological Review 69, 1877, S 504 f) um 530 setzen. 
Die Meisten datiren ihn wenigstens aus dem 4. Jahrh. 

AAlexandrinus, nunc Londinensis, seit 1098 im Besitze der Patriarchen 
von Alexandria; die nämliche Inschrift, die solches besagt, verflucht denjenigen, 
welcher den Codex entführen wird. Cyrillus Lukaris brachte ihn nach Kon- 
stantinopel und schickte ihn von da 1628 als Geschenk für Karl I. nach Eng- 
land; Georg IL vermachte ihn 1753 dem britischen Museum. Er umfasst LXX 
und NT mit Lücken in Mt, Joh, 2 Cor, dazu beide Clemensbriefe. Letztere 
gab schon P. Jüniüs 1633 heraus. Das NT veröffentlichten Woide 1786 mit 
facsimilirten Lettern (vgl. auch Spohn, Woidii notitia codicis Alexandrini cum 
variis ejus lectionibus omnibus 1788), Cowper 1860 auf Grund einer neuen 
CoUation, aber mit Spiritus, Accentcu und ausgefüllten Lücken, Hansell 1864 
im Verein mit B C D (NT gr. autiquissimorum codicum textus in ordine parallele 
(lispositi). Aber erst die von den Curatoren des britischen Museums veran- 
staltete Prachtausgabc von 1879 (Facsimile of thc Codex Alcxandrinus, Bd 4) 
• rsetzte dem biblischen Kritiker den Codex vollständig. Er ist frühestens 450 
und zwar in Acgyptcn geschrieben worden. Nach_ Griesbach und Westcott- 
HoRT gehören die Evglien der byzantinischen, die Briefe der alexandrinischeu 
Toxtgestaltung an. 



42 Geschichte des Textes. ^ 

BVaticanus (No. 1209 der päpstlichen Bibliothek), eine ganze Bibel auf 
759 Fohoblättem, aber abbrechend mit Hbr 9, 14, so dass 1 und 2 Tim, Tit, 
Phm und Apc fehlen. Die vorzügliche, im 4. Jahrh. entstandene Handschrift 
ist schwer zu lesen, weil der alte Text etwa um'^1000 mit frischer Tinte über- 
zogen, mit Accenten und Spiritus ausgestattet, zugleich aber an etwa 2000 Stellen 
verändert worden ist, so dass es gilt, die blasse Schrift hinter dem Ueberzug 
zu erkennen. Diese Aufgabe wird um so verwickelter, als nicht nur gewisse 
Aenderungen von erster Hand herzurühren scheinen (B*), sondern auch ein ziem- 
lich gleichzeitiger Corrector thätig war. Aber auch noch an anderen Schwierig- 
keiten scheiterten die längste Zeit über alle Bemühungen um die vatikanische 
Texturkunde. Denn die römische Curie hütete sie um der Abweichungen von 
Vulgata willen ebenso misstrauisch, wie sie anderseits doch auch das kostbarste 
Stück ihrer Handschriftensammlung in gebührenden Ehren gehalten wissen 
wollte. Erstmalig hat Sepulveda in einem Briefe an Erasmus 1533 die Auf- 
merksamkeit darauf gelenkt. Verschiedene CoUationen durch römische Prälaten 
(Bartolocci 1669, Mico und Eülotta um 1720) blieben fruchtlos; Birch um 
1780 und HuG 1809 drangen mit ihren Ergebnissen wenigstens in die Oeffent- 
lichkeit. Der Cardinal Angelo Mai Hess den Codex 1828—38 abdrucken, aber 
erst nach seinem Tode wagte der Testamentsvollstrecker Vercellone 1858 die 
leichtfertige, ja unbrauchbare Arbeit zu veröffentlichen. Nicht viel besser war 
die von ihm selbst 1859 besorgte Asg des vaticanischen NT. Auch Tischen- 
dorf 1843, E. VON Muralt 1844 und 1852, Tregelles 1845 und 1846, Dressel 
1855, BuRGON 1860, Alford 1861 und Cure 1862 konnten den Codex nur in 
ganz ungenügender Weise benutzen, so dass das Resultat so vieler Vergleichungen 
oft genug in constatirter Ungewissheit darüber bestand, was der Codex eigent- 
lich biete. Endlich gelang es Tischendorf, des Codex für 42 Stunden habhaft 
zu werden (zwischen 28. Februar und 20. April 1866). Schon 1867 erschien 
sein NT Vaticanum (1000 Exemplare) mit einer Appendix vom Jahre 1869, die 
veranlasst war durch die mittlerweile in der Propaganda auf Befehl des Papstes 
gedruckte Prachtausgabe, davon der das NT enthaltende Bd 5 zuerst 1868 
erschien, besorgt von Vercellone und Cozza. Auf Grund beider Ausgaben, 
die übrigens unter sich noch differiren, ist endlich eine kritische Vergleichung 
des Codex B möglich geworden. Zuletzt (1881) kam Bd 6, darin Fabiani 
und CozzA den kritischen Apparat zusammenstellten, um dann in einem Schluss- 
worte De editione romana codicis graeci Vaticani 1881 noch an Tischendorf 
Rache dafür zu nehmen, dass er ihnen mit seiner Leipziger Ausgabe zuvorge- 
kommen war. 

Für Apc bezeichnet B den patristischen Sammelcodex Vat. 2066 aus dem 
8. Jahrh., dessen bezügliche Blätter 1843 von Tischendorf und Teegelles 
geprüft und von Ersterem schon 1846, besser in der Appendix NT Vaticani 
1869 veröffentlicht wurden. 

C Codex Ephraemi rescriptus, bestehend aus 209 geretteten Folio- 
blättern, davon 145 auf das freilich auch nur fragmentarisch vorhandene (das 
Fehlende beträgt etwa V«) NT kommen. Aus Griechenland kam der Codex nach 
Florenz, durch Katharina von Medici nach Paris (Cod. Regius oder Regio-Parisi. 
ensis No. 1905, jetzt National-Bibliothek No. 9). Gefertigt in Aegypten nicht vor 
dem 5. Jahrh., seit dem 6. Jahrh. zweimal durchcorrigirt, musste der biblische 
Text im 12. Jahrh. darüber geschriebenen Tractaten des syrischen Ephraem 
weichen. Nachdem schon Wetstein 1716 versucht hatte, die alte Schrift zu 



II. Kap. : Vom textkritischen Apparat. I. Von den Handschriften. 43 

entziffern, gelangte Tischendorf 1840 — 42 auf chemischem Wege zum Ziel und 
gab mit facsimilirten Lettern 1843 das NT (1845 das AT) heraus. 

D bezeichnet zwei Codices, den ersten für Evglien und Act, den zweiten 
für Plsbriefe; beide stammen aus dem 6. Jahrb., vertreten in vorzüglicher Weise 
den abendländischen Text, sind graeco-latini, zugleich die ältesten stichometrischen 
Handschriften. Beide waren im Besitze des Theodor Beza, nach dessen Angaben 
der erste aus dem Irenäus -Kloster in Lyon, der andre aus einem Kloster in 
Clermont bei Beauvais stammen würde. 

Bezae Cantabrigiensis bietet neben dem griechischen einen altlateini- 
schen Text mit theils eigenthümlichen, theils in Itala wiederkehrenden Lesarten, ist 
oft durchcorrigirt und merkwürdig durch zahlreiche Erweiterungen, resp. Inter- 
polationen. Beza erhielt den Codex 1562, schenkte ihn 1581 der Universität 
in Cambridge. Besser als Kipling 1793 hat ihn Scrivener 1864 herausgegeben. 

Claromontanus enthält zwischen Phm und dem bald nach der ersten 
Niederschrift hinzugefügten Hbr die aus der Geschichte des Kanons bekannte 
Stichometrie (Can. Ciarom.). Auch dieser Cod. bietet einen oft überarbeiteten, 
erst später accentuirten Text mit einer zuweilen von ihm unabhängigen alt- 
lateinischen Uebersetzung. Aus Beza's Besitz ging er in denjenigen der Familie 
Dupuy (Puteanus) über, welcher ihn Louis XIV. 1656 abkaufte (Cod. Regius 
No. 2245, jetzt National-BibHothek No. 107). Nachdem Wetstein, Sabatier, 
Griesbach, Tregelles sich um ihn bemüht, gab ihn Tischendorf 1852 mit 
Facsimile heraus. 

A Cod. Sangallensis. Von einem irischen Mönch zu St. Gallen, 
wahrscheinlich unter dem Abt Hartmot (f 884) geschrieben, enthält die Evglien 
in einem bezüglich Mr merkwürdigen, bezüglich der übrigen jüngeren Texte, 
dazu eine Versio interlinearis, welche eine dem Griechischen accomodirte Vulg. 
darzustellen scheint. In allem Uebrigen, zumal auch in der zwischen Uncial- 
und Cursivschrift schwebenden Schreibart, ist er dem Cod. Boernerianus sprechend 
ähnlich. Mit musterhafter Treue und Sorgfalt hat ihn Rettig 1836 heraus- 
gegeben. 

E bezeichnet für die Evglien eine lückenhafte Uncialhandschrift aus dem 
8. Jahrh., welche von Haus aus bereits mit Spiritus, Accenten und Interpunktion, 
später noch mit liturgischen Noten versehen, während des Concils nach Basel 
gekommen und 1843 von Tischendorf und I. G. Müller, 1846 von Tregelles 
verglichen worden ist (Cod Basileensis, nicht zu verwechseln mit dem das NT 
ohne Apc enthaltenden Cod. Basileensis Reuchlinianus, einer werthvollen Minuskel 
aus dem 10. Jahrh., welche Reuchlin aus einer Klosterbibliothek erhalten hatte 
und an Erasmus zum Zwecke seiner Ausgabe übermittelte); für Act den Cod. 
Laudianus, einen im 6. oder 7. Jahrh. geschriebenen Graeco-latinus, der aus 
Sardinien nach England kam, dem Beda bekannt war, vom Erzbischof Land 
1636 der Bodleianischen Bibliothek zu Oxford geschenkt und 1715 von Hearne, 
1864 von Hansell, am besten 1870 von Tischendorf herausgegeben wurde; für 
die Plsbriefe den Sangermanensis, nunc Petropolitanus, eine um 900 ge- 
fertigte, schlechte Abschrift des bereits durchcorrigirten Claromontanus, die aus 
der Abtei St. Germain-des-Pres in Paris nach Russland gekommen ist. 

F bedeutet für die Evglien den verwahrlosten und durchaus lückenhaften 
Cod. Boreelii Rhcuo-Trajectinus aus dem 9. oder 10 Jahrh., welchen 
Heringa in Utrecht 1830 wieder gefunden nud beschi-icben hat (Disputatio de 
codico Boreeliano 1843); für Plsbriefe den Cod. Augiensis, der im 9. Jahrh. 



44 Geschichte des Textes. 

von alemannischer Mönchshand geschrieben dem Kloster Augia major oder dives 
(Reichenau) gehört hat; später besassen ihn der Reihe |[nach G. M. Wepfer, 
L. Ch. Mieg, Richard und Thomas Bentley, seit 1787 das Trinity College zu 
Cambridge. Der lateinische Text (er allein bietet auch Hbr) ist bereits ab- 
hängig von Vulgata, aber vielfach dem Urtext anbequemt. Herausgegeben hat 
ihn 1859 Scrivener. Den lat. Text haben Tischendorf 1842 und Tregjjlles 
1845 untersucht. 

G Cod. Boernerianus, nunc Dresdensis, 13 Plsbriefe; entweder das 
Original des Augiensis (Wetstein, Hort) oder mit demselben die gleiche Vor- 
lage theilend (Scrivener), geschrieben von derselben Hand, welche auch Cod. A 
gefertigt hat ; auf der Seite 1 Cor 2, 10 — 3, 2 hat ein Ire, wie es scheint der 
Mönch Moengal (Marcellus), seine auf einer Romfahrt gewonnenen Eindrücke 
in einigen Versen niedergelegt, deren Inhalt das im Tasso (1, 4) dem Antonio 
Montecatino in den Mund Gelegte antecipirt („Nach Rom zu kommen, bringt 
wenig Gewinn. Wornach dich zu Hause verlangt, bringst du es nicht mit, so 
findest du es nicht"). Später wurde wie A so auch G mit Randbemerkungen 
gegen Gottschalk und Hagano geschmückt. Die lateinische Versio interlinearis 
hat im Gegensatze zu A und F nichts mit Vulg. gemein, sondern accomodirt 
die ältere Uebersetzung dem griechischen Text. Nach dem Tode seines Be- 
sitzers, des Leipziger Theologen Ch. F. Römer, von dem ihn auch Bentley be- 
zogen hatte, kam der Cod. 1753 in die Bibliothek zu Dresden, wo Matthäi 
eine genaue VerÖffcntHchung besorgte 1791, 2. Afl. 1818. Für die Evglien 
bezeichnet G den Cod. Seidelii aus dem 9. oder 10. Jahrb., welcher, von 
A. E. Seidel aus dem Orient nach Deutschland gebracht, jetzt im britischen 
Museum sich befindet; früher für Act und alle Briefe auch den Codex Ange- 
licus (L). Das griechische F endlich bezeichnet einen späten (S 34) und de- 
fecten Evglien-Codex, welchen Tischendorf im Orient fand. 

H bedeutet für die Evglien gleichfalls einen Cod. Seidelii, jetzt auf der 
Stadtbibliothek im Hamburg; für Act einen Cod. Mutinensis aus dem 9. Jahrh.; 
für die Plsbriefe eine Anzahl von mit grossen Uncialen geschriebenen Fragmenten, 
von welchen sich 12 in der Pariser National-Bibliothek befinden (Cod. Coisli- 
nianus, genannt von ihrem Besitzer Bischof Coislin von Metz, herausgegeben 
von Montfaucon) ; 2 andere sind gelegentlich einer Feuersbrunst von Paris nach 
Petersburg gewandert, wozu überdies noch 3 weitere in dem Besitze des Archi- 
mandriten Antonius kommen ; eines gerieth in die Hände des Bischofs Porphyrius 
Uspenski; 2 sind in Moskau, 2 in Turin, 9 endlich noch auf dem Berg Athos 
(Cod. Athonus, herausgegeben von Duchesne 1876), der eigentlichen Heimath 
der im 6. oder 7. Jahrh. geschriebenen Handschrift, welche aber die Klosterbrüder 
1218 zu Einbänden von allerhand patristischer Literatur verwenden zu sollen 
glaubten; daher die Zerstreuung. 

K bedeutet für die Evglien den Cod. Colbertinus sive Cyprius, 
welcher im 9. Jahrh. geschrieben die Stichometrie mit der Interpunktion ver- 
tauscht, 1673 von Cypern in Besitz Colbert's kam (jetzt National-BibHothck No. 63), 
von Scholz 1820 beschrieben, genauer erst von Tischendorf 1842 und 1849 
und von Treqelles 1850 verglichen wurde; für die kath. und Plsbriefe eine 
vom Berg Athos nach Moskau gekommene Handschrift gleichen Alters, die 
Matthäi 1782 verglichen hat. 

L bedeutet für die Evglien den Codex Stephani octavus (Robert 
Stephanus hat ihn gebraucht), nunc P^risiensis (National-Bibliothek No. 62), 



n. Kap.: Vom textkrit. Apparat. I. Von den Handschriften. 45 

die mangelhafte aus dem 8. (Tischendorf, Scrivener, Gregory) oder 9. (Gries- 
BACH, HuG, Tregelles) Jahrh. stammende Abschrift eines alten, vorzüglichen, 
mit dem alexandrinischen Text verwandten Codex, (mit facsimilirter Schrift 
herausgegeben von Tischendorf 1846); für Act und alle Briefe den Codex 
Angelicus Romanus, früher Cod. Passionei genannt, von Wetstein, Scholz, 
anfangs auch von Tischendorf mit G bezeichnet, aus dem 9. Jahrh. ; verglichen 
von Scholz 1820, Fleck 1833, Tischendorf 1843, Tregelles 1845. Das griechische 
A bezeichnet einen von Tischendorf aus dem Orient gebrachten Text von Lc 
und Joh aus dem 9. Jahrh. 

M bedeutet für die Evglien den vollständigen Cod. Campianus (Nat.- 
Bibliothek No. 48) aus dem 9. oder 10. Jahrh.; für Plsbriefe wenige Blätter 
in London und Hamburg, Reste eines guten Textes aus dem 9. Jahrh., heraus- 
gegeben von Tischendorf 1855 und 1861. 

N heissen die Fragmente eines im 6. oder 7. Jahrh. mit silbernen Lettern 
auf Purpurpergament geschriebenen Evglien-Codex (Cod. purpureus), davon 
33 Blätter im Johanneskloster auf Patmos, 6 auf dem Vatican, 4 im britischen 
Museum und 2 auf der kaiserlichen Bibliothek in Wien sich befinden. Das auf 
Patmos befindliche Material gab Duchesne 1876, das übrige Tischendorf 
1846 heraus. 

PundQsindCodicesGuelferbytani,WolfenbüttlerPalimpseste,Evglien 
enthaltend aus dem 6. Jahrh,, welche mit Bruchstücken des gothischen Römer- 
briefes den Codex Carolinus bilden. Was er unter dem Texte des Isidorus 
Hispalensis zu lesen vermochte, hat schon Knittel 1762 veröffentlicht; wirklich 
lesbar gemacht hat beide Codices erst Tischendorf 1860 und 1869. 

R Cod. Nitriensis, Palimpsest mit Fragmenten des Lc aus dem 6. Jahrh., 
herausgegeben von Tischendorf 1857. 

S Cod.Vaticanus No. 354, vollständige Evglien-Handschriftvom Jahre 949. 

S Cod. Rossanensis, Prachtcodex der beiden ersten Evglien aus dem 
6. Jahrh. zu Rossano in Calabrien von 0. von Gebhardt und A. Harnack 1879 
entdeckt, 1880 beschrieben und 1883 herausgegeben. 

T Cod. Borgianus, Fragmente aus Lc und Joh mit nebenstehender sahi- 
discher Uebersetzung, aus dem 5. Jahrh., jetzt in der Bibliothek der Propaganda, 
herausgegeben theils von A. A. Georgi 1789, theils von Woide 1799. 

VCod. Moscuensis No. 399, Evglien-Handschrift aus dem 9. Jahrh., wahr- 
scheinlich die älteste von den vielen, die Matthäi benützt hat (1779 und 1783). 

S Cod. Zacynthius, Palimpsest mit Lucas-Fragmenten, von einer Catene 
umgeben, höchstens aus dem 7. Jahrh., aber mit altem und zwar alexan- 
drinischem Text; 1820 von Zante nach London gebracht, 1861 von Tregelles 
entziffert und herausgegeben. 

4> Cod. Beratinus, Prachtcodex der beiden ersten Evglien aus dem 7. 
Jahrh. zu Berat in Albanien von P. Batiffol verglichen und 1885 bekannt gemacht. 

Z Cod. Dublinensis rescriptus von J. Barrett 1787 im Trinity coUege 
zu Dublin entdeckt und 1801 ungenügend herausgegeben; auch die 1853 von 
Tregelles angewandten chemischen Mittel halfen nicht viel. Die letzte Ausgabe 
veranstaltete T. K. Abbott, Par palimpscstorum Dublinensium 1880. Die blasse 
Schrift stammt aus dem 6. Jahrh. und weist einen alexandrinischen, besonders 
mit ^< stimmenden Text auf. 



46 Geschichte des Textes. 

n. Von den Schriftstellern des kirchlichen Alterthums. 

Die „Kirchenväter" (das Wort im weitesten Sinne genommen) 
kommen in Betracht 

1) für die Textgeschichte überhaupt, indem sie durch eine Reihe 
wichtiger Zeugnisse Material für dieselbe Hefern; 

2) für den textkritischen Apparat insonderheit durch eine Un- 
zahl von Citaten, welche unter Umständen als Bruchstücke alter 
Handschriften gelten können. 

1. Allgemeines zur Text-Geschichte. 

1) Schon frühe begegnen wir Klagen über Verdorbenheit und 
Verderber des Textes. Dionysius von Korinth weiss, dass seine 
eigenen Schriften so gut wie die heiligen willkürliche Veränderungen 
erlitten haben (Euseb. KG- IV, 23, 12 sl %ai twv xoptaxwv paSioop- 
Y^aai Tivs? iTüißsßXTjvtai Ypa^pwv). Derselbe Irenaeus, welcher die 
Theorie von der lectio sine falsatione aufstellt (vgl. oben S. 16), 
bemerkt gelegentHch der Zahl Apc 13, 18, welche sv Tiaat toi? gtuod- 
Saiot? ocal ap/aioK; avTiYpa(pot(; 666 betrage, die Häufigkeit auch un- 
absichtlicher Irrungen (V, 30, 1). Nur wenig später beklagt sich 
Clemens von Alexandrien (Str. IV, 6, 41) zu Mt 5, 10 über das 
im Schwange gehende [xstaTL^svat lö suaYYs^Lov, was Hilgenfeld 
auf die Betriebsamkeit der Gnostiker, Eeuss auf Bereicherung des 
Textes durch Zusätze, dagegen Tregelles und Scrivener auf 
willkürliche Textalterationen beziehen, welche behufs harmonistischer 
Conformation vorgenommen wurden. Jedenfalls beweisen schon die 
Gitate der früheren Kirchenväter, auch diejenigen des Clemens selbst, 
wie man fortwährend in den Text des einen Evglms harmlos über- 
trug, was man in einem anderen gelesen hatte. 

2) Indessen reden solche Stellen blos von Vermischung der 
Parallelen oder unabsichtlichen Nachlässigkeiten, keineswegs von 
Fälschungen. Dasselbe gilt von Origenes, dem bedeutendsten Zeugen 
für die Gestalt des Textes in der 1. Hälfte des 3. Jahrh. Derselbe 
constatirt gelegentHch der Auslegung von Mt 19, 19 (T. XV, 14) 
eine ttoXXtj twv avitYp^'fwv dia^opd und bezeichnet als Quellen der- 
selben die Nachlässigkeit der Copisten (pG^^o[ita Ttvwv Ypa<p^wv), die 
Leichtfertigkeit (töXjj.tj t.vwv [Lo-zß-fipäq t^c Siopv^cbasci)? twv Ypa<po{JL^vü)v) 
und Willkür der Correctoren (ol ta saoTOic Sozoövta Iv t-J SwpO-cbosi 
Tcpoott^-^tec ^ a'fatpoövTs?). In der That ist die Unzuverlässigkeit 
selbst alexandrinischer Abschreiber auch sonst bezeugt (Strabo XHI, 
1, 64) und lässt sich auf die namhaft gemachten Ursachen die Mehr- 
zahl der älteren Varianten zurückführen, namentlich auch die topo- 



n. Kap. : Vom textkrit. Apparat, ü. Die Schriftsteller des kirchl. Alterthums. 47 

graphischen Correcturen, welche seine eigene töX(xtj in die "Welt 
setzte, wenn er Mt 8, 28 die Gerasener, wde damals die meisten, 
oder die Gadarener, wie andere Zeugen lasen, durch die Gergesener 
ersetzte, oder wenn er Joh 1, 28 gegen „fast alle Handschriften" 
Bethabara anstatt Bethanien in Umlauf brachte. Aber auch die 
Handschriften, welche er gebrauchte, waren von dem Uebel der 
durch philologische und historische Yerbesserungssucht herbeigeführ- 
ten Yerderbniss nicht frei; sie waren auch keineswegs sehr alt. Er 
selbst beruft sich (in JohT. XHI, 11) als auf eine sehr alte Hand- 
schrift auf diejenige des Herakleon, welcher kein Jahrb. vor ihm 
selbst voraus hat. Aus dem Umstände, dass Hieronymus Exemplaria 
Origenis, die ihm zu Gebote standen, denjenigen des Lucian vor- 
zieht, welcher eine selbstständige Eecension des NTlichen Textes 
vorgenommen hat, wollte man den Schluss ziehen, dass auch Origenes 
(um 240) oder Pierius (um 280) Aehnliches versucht hätten. Aber 
nur auf LXX erstreckten sich die textkritischen Bemühungen des 
Ersteren, welcher dagegen von sich selbst schreibt: in exemplaribus 
autem Novi Testamenti hoc ipsum posse facere sine periculo non putavi 
(in Mt T XV, 14). Er fürchtete somit bereits den Anstoss, welchen 
der Kirche ein solches Unternehmen geboten hätte, und die Exem- 
plaria Origenis et Pierii, welche Hieronymus rühmt (zu Mt 24, 36 
und zu Gal 3, 1), sind die von den Genannten gefertigten oder 
wenigstens corrigirten Handschriften. 

3) Dagegen erhellt allerdings aus Hieronymus, dass der ägyp- 
tische Bischof Hesychius und der antiochenische Presbyter Lucian 
(beide starben nach Euseb. KG VHI, 13, 2. 7 als Märtyrer etwa 
311) Versuche zur Herstellung des Textes veranstaltet haben. Noch 
zu seiner Zeit gab es Exemplaria Lucianea (Cat. 77). Zugleich be- 
zeichnete er dieselben aber auch in der Praefatio ad Damasum als 
hyperkritisch und falsch; er konnte sie nicht annehmen, weil sie 
sich zu weit von Itala entfernten, oder mochte sie nicht brauchen, 
weil ihm die antiochenische Theologie verdächtig und verhasst war. 
Aus ähnlichen Gründen hatten diese Recensionen überhaupt wenig 
Eingang in der Kirche gefunden (codices quos a Luciano et Hesychio 
nuncupatos paucorum hominum adserit perversa contentio), ja sie 
wurden im Abendland geradezu unterdrückt. Im Beeret des Ge- 
lasius und des Hormisdas nämlich sind die Evghen des Lucian und 
des Hesychius (Isicius) als Machwerke von Falsarii gebrandmarkt, 
80 dass wir von ihrer Beschaffenheit nichts mehr mit irgendwelcher 
Sicherheit wissen. Andererseits berichtet derselbe Hieronymus 
(Praef. in Ghr), dass die beiden Genannten auch recensirte Texte 



48 Geschichte des Textes. j 

von LXX veranstaltet haben und dass Hesychius damit in Alexandria, 
Lucian in Konstantinopel und Antiochia durchgedrungen sind. Es 
ist somit wahrscheinlich, dass sie im Morgenlande auch mit ihrer 
Recension des NT Glück gehabt, und es käme immer noch auf den 
Versuch an, den Text vor und nach Lucian und Hesychius zu unter- 
scheiden. 

4) Wie Pierius, so waren auch noch spätere Origenisten thätig 
auf dem Gebiete der Textkritik. Pamphilus beschäftigt sich mit 
avTtßaXXsLv und Stop^cbastg (Euseb. KG VI, 32, 3. Hieron. Cat. 75). 
Am Schlüsse von Tit wird im Cod. H der Plsbriefe bemerkt, dass 
diese Handschrift mit einem von Pamphilus geschriebenen Original 
vergKchen wurde. Auf eine gleiche Quelle führt sich die philoxe- 
nianische Uebersetzung der Plsbriefe zurück. Auch von BasiHus 
wird bezeugt, dass er die heiligen Texte avTcßaXwv Sitop^waaTO (Georg 
Syncell. Chronogr. S 203). Unter der Leitung des Eusebius wurden 
um 332, wie er selbst erzählt (Vita Const. 4, 36. 37), für die Neu- 
hauptstadt Konstantinopel 50 Pergamenthandschriften des NT ver- 
anstaltet. Dieselben waren ohne Zweifel Abschriften der Exemplaria 
Origenis, Pierii, Pamphih (vgl. Gardthausen S 374). Gleichfalls 
nach alexandrinischen Handschriften Hess Athanasius für Constans 
eine ganze Bibel abschreiben. | 

5) Ein wichtiges Zeugniss für die Zeit um 383 steht zu Ge- 
bote in der Vulgata des Hieronymus, welcher wenigstens bis zu 
einem gewissen Grade kritisch verfahren ist. Aenderte er auch blos 
die sinnentstellenden Fehler (Praef. ad Dam.), so sah er doch um 
so mehr auf das Alterthum einer Lesart, als ihm die mannigfache 
Verwandtschaft des alexandrinischen Textes mit der Vorlage der 
altlateinischen Uebersetzung nicht entgangen war. Er kennt auch 
bereits die Gefahren des harmonistischen Verfahrens der Abschreiber 
(unde accidit, ut apud nos mixta sint omnia, et in Marco plura 
Lucae atque Matthaei), verwirft aber gleichwohl als willkürlich die 
Hersteliungsversuche des Lucian und Hesychius. Dafür schliesst er 
sich an die vorhandene lateinische Uebersetzung an, wesshalb Vul- 
gata in ihren Abweichungen von Itala dem alexandrinischen Texte 
(in einigen Büchern besonders dem Cod. A.) näher rückt. In dem 
was er stehen Hess dürfen wir occidentalische, in dem was er ändert 
orientalische Lesarten voraussetzen, so dass Vulg. bereits ein Beispiel 
für gemischten Text darstellt. Aehnlich ist es zu beurtheilen, wenn 
EuthaHus den Text von Act und kath. Briefen nach einer Hand- 
schrift des Pamphilus, d. h. den späteren alexandrinischen nach dem 
früheren verbessert. 



n. Kap. : Vom textkrit. Apparat, ü. Die Schriftsteller des kirchl. Alterth. 49 

2. Die patristischen Citate. 

Das Verfahren mit den Citaten der Kirchenväter macht ein 
doppelter Umstand mühsam und unsicher. Ersthch sind die patristi- 
schen Texte selbst der Veränderung ausgesetzt, so dass an der- 
selben Stelle auch Citate variiren. Es ist daher darauf zu achten, 
ob die mönchischen Abschreiber nicht den zu ihrer Zeit geläufigen 
Text eingetragen oder die Herausgeber ihn dem gedruckten Text 
des NT conformirt haben. So entstellt z. B. den ganzen Text des 
Augustinus die Berücksichtigung der Vulgata. Aber noch vorher 
fragt es sich, ob der betrejffende Schriftsteller selbst genau citirt, 
resp. auch nur genau citiren will, oder aber die citirten Stellen nur 
inhalthch verwerthet und aus dem Gedächtniss reproducirt. Kriterien 
eines genau citirenden Autors werden es sein: 1) wenn derselbe 
ersichthch eine vor ihm hegende Handschrift benutzt, wesshalb die 
patristischen Commentare die sichersten Dienste leisten; 2) wenn 
er eine lange Stelle citirt, die er nicht wohl aus dem Gedächtniss 
niederschreiben konnte; 3) wenn er eine Lesart ausdrücklich als 
vorhanden angibt und bespricht (z. B. Tertulhan zuweilen gegen 
Marcion); 4) wenn auf den Wortlaut ein besonderer Nachdruck 
gelegt wird; 5) wenn die bezeugte Lesart in keinem guten Einver- 
nehmen mit der Dogmatik oder Parteistellung des betreffenden Schrift- 
stellers steht; 6) wenn derselbe sich in seinen Citaten gleich bleibt. 

Mit der nöthigen Vorsicht gebraucht, fallen die als Fragmente von Manu- 
scripten gewürdigten Citate der Väter besonders darum sehr in's Gewicht, weil 
sie den sichersten Aufschluss über Vaterland und Alter von Varianten darbieten. 
Sie zeigen z. B. auch, wie zuweilen zwei oder mehrere Lesarten an demselben 
Orte neben einander existiren konnten. Da die ältesten dieser Väter selbst 
den Uncialbibeln um Jahrhunderte überlegen sind, könnte möglicherweise ihr 
Zeugniss gelegentlich einmal gegenüber sämmtlichen Manuscripten von Bedeutung 
sein. Ein solcher Fall liegt vor bezüglich Mt 11, 27 = Lc 10, 22 (vgl. oben 
S 29 f), ein anderer betrifft die "Worte xö udox« Joh 6, 4 (vgl. Westcott und 
Hort, Appendix S 77 f). 

Bezüglich der textkritischen Verwerthung der Väter fehlt es noch an 
wesentlichen Vorbedingungen einer zusammenfassenden Darstellung. Es liegt 
dermalen nur Stückwerk vor uns. Die angeführten Stellen dürfen nämlich 
keinesfalls blos nach den oft unzuverlässigen Indices beurtheilt, vielmehr muss 
zuerst der Text eines Schriftstellers genau darauf angesehen werden, wie es mit 
seinen Beziehungen zum NT überhaupt steht. So haben Chr. B. Michaelis den 
Irenäus, Griesbach den Clemens und Origenes, Vater den Origenes behandelt ; 
Matthäi hat auf Chrysostomus , Tregelles auf Eusebius geachtet. Zuletzt hat 
RöNSCH die lateinischen Väter in Betracht gezogen, so die Bibelcitate des Au- 
gustinus (ZhTh 1867, S 606 f), Ambrosius (1869, S 433 f. 1870, S 91 f), Lactanz 
(1871, S 531 f), Cyprian (1876, S 86 f) und Tertullian (Das Neue Testament 
Tertullian's 1871). Uebrigens liefern die des Griechischen z. Th. unkundigen 

Holtzmann, Einleitung. 2. Auflage. 4 



50 Geschichte des Textes. 

Schriftsteller des Abendlandes natürlich keine unmittelbaren Zeugnisse für den 
Text, sondern kommen zunächst nur für die lateinische Uebersetzung in 
Betracht. 

Ausser den Vätern selbst sind übrigens auch die uns meist nur aus 
ihren Schriften bekannten älteren Häretiker sammt den betreifenden Apokryphen 
zu beachten, wie besonders Marcion, Ptolemäus und Theodot, aber auch 
Hebräerevglm, Protevglm Jacobi, Evglm Thomae eine Menge von theilweise 
beachtenswerthen Varianten darbieten (z. B. im Brief des Ptolemäus an Flora 
bei Epiphanius Haer. 33, 4 das Citat Mt 15, 4—9). — Polykarp citirt nicht 
genau (vgl. z. B. 1, 2 ov T^-p'P'^ ^ ^^°? statt Act 2, 24 ov 6 ^sbc, ^.vsaxYiasv). — 
JüSTmus Martyr (Samarien, Rom) vermischt in seinen Citaten aus den Evglien 
die Parallelen. Auch die pseudojustinischen Schriften sind von Belang. — 
Irenäus (Kleinasien, Rom, Gallien) bezeugt z. B. die Existenz zweier Lesarten 
der Zahl Apc 13, 18. Aber sein griechisches Original ist zum weitaus grössten 
Theil verloren gegangen. Der lateinische Uebersetzer gehört schwerlich, wie 
seit Massüet die Meisten annehmen, dem 2. oder 3., sondern vielleicht erst dem 
4. Jahrh. an (Westcott und Hort S 160) und lässt sich in seiner Wiedergabe 
der Citate durch die ihm geläufige altlateinische Uebersetzung bestimmen. — 
Tertullian (Nordafrika) citirt dieselben Schriftstellen an verschiedenen Orten 
sehr verschieden, was aus Verschiedenheit der jeweils gebrauchten Uebersetzungen 
erklärt werden wollte, wogegen nach Rönsch (S 43) wenigstens in der Regel 
eine bestimmte Uebersetzung gebraucht ist. Haüschild und v. Gebhardt be- 
trachten seine Citate vorwiegend als seine eigenen Schöpfungen, Neubildungen 
aus dem Gedächtnisse, wobei Kenntniss des griechischen Textes zuweilen von 
Einfluss ist. In zahlreichen Fällen dürfte indessen diejenige Lesart der altlatei- 
nischen Uebersetzung ausfindig zu machen sein, welche seinen freiem Abwei- 
chungen zu Grunde liegt. Directe Ausbeute für die Textkritik liefert fast nur 
das "Werk gegen Marcion. — Cyprian, sein Schüler, citirt genauer als Tertullian, 
bleibt dabei auch consequenter. — Hippolyt (Rom) hefert, wenn er Verfasser der 
Philosophumena ist, zugleich das meiste Material für den Bibelgebrauch der 
gleichzeitigen Häretiker. — Clemens von Alexandria (Athen und Alexandria) 
citirt ungenau. — Sein Schüler Origenes (Alexandria und Palästina) verglich 
die Handschriften des Herakleon, besass Forschersinn und ein verhältnissmässig 
unbefangenes Urtheil. Fälschlich beschuldigt ihn Matthäi der Corruptionssucht 
und meint, sein Verehrer Hieronymus habe die von ihm erfundenen Lesarten 
weiter verbreitet. Aber nur der griechisch erhaltene Theil seiner Werke ist mit 
Sicherheit zu benutzen; derselbe umfasst Mt 13, 36—22, 33, einige Verse von 
Lc, den 6. Theil des Joh und Einiges aus den Briefen. Von lateinischen Ueber- 
setzungen haben wir eine anonyme von Mt 22, 34—27, 66, eine hieronymianische 
der Homihen zu Lc und eine rufinische zum Römerbrief, welche zu besonders 
vorsichtigem Gebrauche auffordert. Um so grössere Bedeutung haben die Ueber- 
setzer als indirecte Zeugen für die Textgestaitung des Abendlandes. — Sein 
Gegner Methodius (Lycien und Tyrus) hat einige Fragmente auf uns vererbt. — 
EusKBros von Cäsarea (Palästina) citirt zwar ungleich, gebraucht aber die ori- 
genistischen Handschriften seines Freundes Pamphilus, bietet also alexandrini- 
schen Text. Besonders ausgiebig sind die Citate der Demonstratio evangelica. 
Seine Kirchengeschichto Hefert Bibelcitate früherer Schriftsteller; die Bücher 
gegen Marcellus zeigen, wie Marcellus selbst citirte. In der syrisch erhaltenen 
Theophania sind seine eignen und die Lesarten des Uebersetzers zu unterscheiden. 



n. Kap.: Vom textkrit. Apparat. II. Die Schriftsteller des kirchl. Alterth. 51 

— HiLARiüs (Gallien) bietet altlateinische Texte, ebenso die vier folgenden 
Schriftsteller. — Lucifer von Calaris füllt die gute Hälfte seiner Schriften mit 
biblischen Citaten. — Ambrosiüs (Italien) kennt zwar mehrere lateinische Bibel- 
texte, citirt aber stets aus einem und demselben Handexemplar, das einen aus 
alexandrinischen und asiatischen Lesarten gemischten Text voraussetzt. — Am- 
brosiaster stimmt dagegen mehr mit DFG. — Augustinus citirt die Briefe 
genauer als die Evglien. — Aphraates (Ostsyrien) hat altsyrische Lesarten. — 
Ephraem (Nisibis und Edessa) vertritt den Text der Peschito mit altsyrischen 
Varianten. Doch kommen seine Werke auch in Betracht, sofern sie früh ins 
Griechische übersetzt wurden. — Constitutiones apostolorum (Syrien) bereichern 
ihre älteren Vorlagen mit reichlichen Citaten. — Gregor von Nazianz gibt, wie 
alle griechischen Väter seit 350, einen gemischten Text. — Gregor von Nyssa 
gewährt geringe Ausbeute. — Basilius bietet in seinen YjO-wa Auszüge aus dem 
NT, hat auch mehrere alte Handschriften angesehen und merkt zu Eph 1, 1 die 
Variante ausdrücklich an (Contra Eunomium 2, 19). — Apollinaris gibt in 
xGtxa {xlpo? TC'.axci; ältere Lesarten. — Athanasius hat den spätem alexandrinischen 
Text. — Epiphanius (Cypern, Palästina) gehört zu den wegen mangelhaften 
Index erst ganz neuerdings in Untersuchung gezogenen Vätern. — Cyrillus 
von Alexandria, der Erklärer des Joh, bleibt sich in seinen Citaten meist gleich. 
Seine HomiHen zu Lc haben sich zum grössten Theil nur syrisch erhalten und 
sind demgemäss in den Citaten einigermaassen durch Peschito beeinflusst. — 
DiDYMUS von Alexandria war blind und citirte folglich aus dem Gedächtniss. — 
IsiDOR von Pelusium ist wenig zuverlässig, da er nur in Excerpten auf uns ge- 
kommen ist. — NoNNUS von Panopolis hat eine Paraphrase zu Joh in Versen 
geschrieben, welche Textkritiker und Archäologen mehr interessirt, als Poesie- 
freunde. — Chrysostomus (Äntiochia) ist von Belang als Exeget von Mt, Joh, 
Act und Plsbriefen, zumal da auch die Handschriften seiner Homilien sehr alt 
sind. — DiODOR von Tarsus ist meist verloren gegangen. — Theodor von 
Mopsuestia, von dessen Commentaren sich nur Fragmente in den Catenen und 
einige Plsbriefe in lateinischer Uebersetzung erhalten haben. — Theodoret von 
Cyrus basirt auf Chrysostomus und Theodor, gibt also den syrischen Text; für 
die Textkritik kommt er schon darum wenig in Betracht, weil Abschreiber und 
Herausgeber seine Citate dem später herrschenden Text accomodirt haben. — 
Die Kappadocier Andreas und Arethas sind wenigstens für Apc so wichtig 
wie im Abendlande Victorinus von Petabio und Primasiüs. Letzterer gibt einen 
vollständigen afrikanischen Text. — Einiges Material bieten noch Johannes von 
Damaskus (f 754), Photius (f 891) und Suidas (um 1000). — Die späteren grie- 
chischen Exegeten liefern hauptsächlich Compilationen aus den Kirchenvätern. 
So Oekumenius von Trikka (f 990) und Theophylakt (seit 1070 Erzbischof der 
Bulgaren, der Vulgarius auf dem Titel des Erasmischen NT), welche den späteren 
byzantinischen Text vertreten; auch Euthymius Zigabenus (um 1120) zieht blos 
ältere Erklärer der Evglien aus. — Die Scholien des byzantinischen Mittelalters, 
kurze, von MatthIi in seinen Ausgaben veröffentlichte Anmerkungen am Rande 
der Handschriften. — Die Ketten (osipai, catenae) sind Scholien, aus den Com- 
mentaren der Väter gezogen, ohne den Text in besonderen Handschriften 
zusammengestellt. Hier haben sich Fragmente aus zahlreichen verlorenen 
Schriftstellern erhalten. Gleichwohl fliesst für die Kritik nur eine spärliche 
Ausbeute. — Gleiches gilt von den Citaten in Concilien - Acten , worüber vgl. 
Edel, Collatio critica locorum Nov. Test, qui in actis concil. graec. laudantur 1811. 

4* 



52 Geschiclite des Textes. 

III. Von den alten Uebersetzungen. 

Sofern Uebersetzungen eine Rückübersetzung ins Griechische 
verstatteU; legen sie wenigstens ein mittelbares Zeugniss für die Be- 
schaffenheit des griechischen Urtextes ab. Daher wörtliche Ueber- 
setzungen für unseren Zweck von grösserem Werthe sind als gute 
und geschmackvolle (vgl. S. 17 f). Da insonderheit Itala und Peschito 
älter sind als unsere ältesten Handschriften, würden diese und ähn- 
liche Uebersetzungen von grösstem Gewichte für die Beurtheilung 
des Textes sein, wenn nur nicht sofort der Uebelstand wiederkehren 
würde, dass auch die Handschriften solcher Uebersetzungen Differenzen 
aufweisen, namenthch aber vielfach dem Verdacht unterhegen, beson- 
ders an dogmatisch wichtigen Stellen dem späteren griechischen 
Urtext oder der lateinischen Yulg. conformirt worden zu sein, sei 
es auch erst beim Druck. Ehe man daher eine Uebersetzung be- 
nutzen kann, muss wieder ihr eigener Text durch vorläufige Kritik 
gesichert sein, so dass das Geschäft sich hier verdoppelt. Von 
besonderem Gewichte werden darum nur solche alte Uebersetzungen 
sein, welche sich zugleich in alten Dokumenten erhalten haben, wie 
dies wenigstens bei der lateinischen der Fall ist. Es ist z. B. möghch, 
dass diejenigen Zeugen der Itala, welche Mr 6, 45 vor Bethsaida 
;rp6c bald auslassen, bald durch aTuö ersetzen, dem nichtigen näher 
kommen, als unser jetziger Text (H. Holtzmann JprTh 1878, 
S 383 f). Aber auch dem Zeugnisse anderer Uebersetzungen kann 
unter besonderen Umständen eine gewisse Beweiskraft zukommen, 
selbst wenn ihm griechische Handschriften kaum zur Seite stehen. 
Es gilt dies z. B. von der koptischen, welche im Grunde allein mit 
B den jetzt recipirten Text Mr 2, 22 aTuöXXümt xal ol aaxot vertritt. 
Wenn Mr 7, 4 ein arabischer Uebersetzer statt des in den ältesten 
Urkunden und in der koptischen Uebersetzung ganz fehlenden %al 
xXivwv las %al zXißdvwv, so liegt die Frage nahe, ob neben Bechern 
und Kesseln, die abgespült werden, Töpfe nicht passender stehen 
als Bettlager. 

Die Eintheilung der Uebersetzungen in unmittelbare und mittel- 
bare berührt uns hier nicht, weil wir es selbstverständhch nur mit 
ersteren zu thun haben. So ist z. B. die angelsächsische Ueber- 
setzung trotz ihres Alters doch auszuscliHessen als Tochter der Itala, 
so dass wir nur diese und die Yulgata unter der Kategorie der 
occidentalischen Uebersetzungen aufzuführen haben. 



H. Kap.: Vom textkritischen Apparat. III. Von den Uebersetzimgen. 53 

1. Morgenländische Uebersetzungen. 

1. Syrische Uebersetzungen. 

No. 1. Die aus koptischen Klöstern der nitrischen "Wüste in Aegypten in 
das britische Museum verbrachten 82\'2 Blätter, welche etwa im 5. Jahrh. ge- 
schriebene Fragmente der Evglien enthalten, herausgegeben von Cureton (Re- 
mains of a very ancient recension of the four gospels in Syriac 1858; Brügsch 
fand 1871 noch 3 dazu gehörige Blätter, veröffentlicht in den „Monatsberichten 
der Berliner Akademie'' Juli 1872 durch Rödiger) stellen eine freiere Ueber- 
setzung dar als Peschito, welche nach Cureton, Ewald, Tischendorf, Tregelles, 
Hermansen, Alford, Crowfoot und Hort, besonders auch Zahn (Forschungen 
I, S 221 f, 292. n, S 273) jünger, dagegen nach Scrivener und Lehir (Etüde 
1859) älter als der Syrus Curetonis (Syrc«»-) wäre. Vgl. darüber Wildeboer, De 
waarde der syrische evangehen 1880. Nestle, RE 2. Afl XV, 1885, S 192 f. 
F. Bäthgen, Evangelienfragmente. Der griechische Text des Cureton'schen Syrers 
wiederhergestellt 1885. Da die Handschrift die Ueberschrift „Evangelium der 
Getrennten" führt, so musste zuvor eine Mischung wie in Tatian's Diatessaron 
bestehen. Diesem wollte das nach Bäthgen und Nestle etwa 250 entstandene 
Werk entgegentreten, ohne sich allzuweit vom tatianischen Texte zu entfernen 
(Hilgenfeld ZwTh 1883, S 119). 

No. 2. Peschito, d.h. (nach Eichhorn „die wortgetreue", nach Bertholdt, 
Hitzig, Nestle Vulgata, nach Geiger „die übersetzte") simplex, sincera, welcher 
Name schon seit dem 9. Jahrh. in Handschriften begegnet, im Gegensatz zu 
andern Uebersetzungen. Gregorius Bar-Hebräus leitet sie aus dem apostolischen 
Zeitalter ab. Aber erst, im Verlaufe des 2. Jahrh. bildete sich eine syrische 
Literatur aus, zu deren ältesten Vertretern die Gnostiker Bardesanes und Har- 
monius gehören. Man lässt Peschito daher frühestens gegen Schluss des 2. Jahrh. 
(Wichelhaus, De NT versione syriaca antiqua, quam Peshito vocant 1850, S 63. 
Tischendorf, Wann wurden u. s. w. S 9 f, aber auch Rödiger, EWK Sect. ITT, 
Bd 18, S 292 f), lieber doch erst im Verlaufe oder gegen Ende des 3. Jahrh. 
(Hengstenberg, Die Offenbarung des h. Joh. 2. Afl. II, S 416 f. Hilgenfeld, 
Einl. S 111 f, 804. Reuss II, S 28, 168 f), neuerdings sogar erst in der Mitte 
des 4. Jahrh. entstehen (Bäthgen, Nestle). Nicht vor 350 scheint sie mit au- 
toritativem Charakter aufgetreten zu sein und frühere Uebersetzungen verdrängt 
zu haben; bei Ephraem heisst sie schlechtweg „unsere Uebersetzung". Als un- 
mittelbar legitimirt sie sich durch Beibehaltung griechischer Wörter und durch 
Fehler, welche direkte Erklärung aus dem Griechischen verlangen. Um mancher 
Differenzen im Ausdrucke willen haben ältere Gelehrte eine Verschiedenheit 
von Uebersetzem in Bezug auf Evglien und Briefe angenommen, während mau 
neuerdings die Einheit des Ucbersetzers wenigstens für das NT, vielleicht Hbr 
ausgenommen, wahrscheinlich findet (Wichelhaus S 86 f). Der Text erliegt 
dem Verdacht, durch die gelehrten Antiochener nach ihren griechischen Hand- 
schriften modificirt worden zu sein (schon Griesbach, neuerdings besonders 
Westcott und Hort, NT S 547, 552. Introd. S 84 f, 135 f, 156), in welchem 
Falle ihr textkritischer Werth sich bedeutend reducirt, während es nicht mehr 
auflällig befunden werden kann, dass er bald mit älteren occidentalisclien Zeugen, 
l)ald aber auch mit Cod. A stimmt. Es fehlen nicht blos Interpolationen, wie 
1 Joh 5, 7 und Joh 7, 53 — 8, 11, sondern auch ganze Bücher (2 Pe, 2 und 3 
Joh, Jud, Apc); die aufgenommenen stehen in der Ordnung: Evglien, Plsbriefe, 



54 Geschichte des Textes. 

Act, Jac, 1 Pe, 1 Joh. Die Editio princeps des syrischen NT veranstaltete der 
österreichische Kanzler Albrecht "Widmanstadt zu "Wien 1555. Im gelehrten 
Gebrauch erhielt sich zumeist die von Leüsden und Schaaf (1708, 2. Asg 1717). 
Der von letzterem abgefasste Theil (von Lc 18, 27 an) ist besser (daher das 
Siglum Syr^). Die Bibelgesellschaft sandte den Ausgaben von Lee (1816 und 
1823 — eine andere veranstaltete Greenfield 1828) noch eine für die Nesto- 
rianer nach (1829); amerikanische Missionare folgten in Urmiah 1846, in New- 
York 1874. 

No. 3. Charklensisch-Philoxenianische TJebersetzung. Dieselbe Hess Phi- 
loxenus (Xenaias), monophysitischer Bischof in Hierapolis (Mabug), um 508 von 
seinem Chorbischof Polykarp abfassen, weil seine Partei, um die Peschito con- 
troliren zu können, einer ganz wörtlichen TJebersetzung des NT zu bedürfen 
glaubte. Aber die Philoxeniana ist trotz ihrer sklavischen Treue rasch verdrängt 
worden durch eine Recension, welche 616 der „arme Thomas", ein palästinischer 
Mönch aus Charkel (Heraclea), in Alexandria mit Hilfe von zwei oder drei 
correcten Handschriften bewerkstelligt hat (Versio Heracleensis). Derselbe be- 
fleissigte sich eines noch weiter gehenden, selbst Geschmacklosigkeiten und 
Sprachwidrigkeiten nicht scheuenden Haftens am Buchstaben des (spätalexan- 
drinischen) Textes. Für die Kritik würde diese bereits auch 2 Pe, 2 und 3 Joh, 
Jud enthaltende TJebersetzung daher von Werth sein, wofern sie nur in besserem 
Zustande sich befände. Verwirrung entstand theils durch Hereinziehung der 
an den Rand gesetzten Varianten, theils durch nachlässige Behandlung der 
diakritischen Zeichen (Asteriskos und Obelos), welche Thomas gesetzt hatte. 
Das Werk des Thomas hat White 1778 — 1803 edirt (im kritischen Apparat 
Syr P(osterior)). Vgl. BERNSTEIN, De Charklensi NT translatione 1837, 2. Asg 
1854 ; Das hl. Evglium des Joh syrisch in charklensischer TJebersetzung 1853. 
Erst neuerdings ist aus dem Nachlasse von Julius Mohl die einzige Handschrift 
bekannt geworden, welche die ganze charklensisch-philoxenianische TJebersetzung 
enthält (zu Cambridge). 

No. 4. Evangelium Hierosolymitanum (Syr ^^), ein 1030 in einem antio- 
chenischen Kloster geschriebenes Lectionarium der Vaticana, Bruchstücke der 
Evglien bietend mit Lesarten, die von den anderen Versionen vielfach abweichen 
und dafür mit den Uncialbibeln stimmen, entdeckt von Adler (Novi Testamenti 
versiones Syriacae I, 1789, S 135 f), der sie um 500 ansetzt; Neuere noch 
etwas später (z. B. Tregelles S 287), nur Zahn viel früher (Forschungen 
I, S 329 f). Die Sprache der TJebersetzung nähert sich dem jerusale- 
mischen Talmud und gehörte dem aramäisch redenden Volke des südlichen 
Syriens an. Nach Westcott und Hort wäre die TJebersetzung nur theil- 
weise von Peschito abhängig (Introd. S 85, 157); geringer taxirt ihren 
Werth Wildeboer. Vollständige Ausgabe vom Grafen Minischalchi Erizzo 
(Evangeliarium Hierosol. 1861—64, dazu Nöldeke Zeitschrift der deutsch- 
morgenländischen Gesellschaft 1868, S 443 f). Einige in London und Petersburg 
aufgetauchte Bibelfragmente in demselben christl.-palästinischen Dialekt bei Land, 
Anecdota syriaca IV, 1875, S 103 f. 

No. 5. Die karkaphische TJebersetzung (Versio montana) in einem 980 
geschriebenen Codex der Vaticana, nach Cardinal Wiseman (Horae Syriacae I, 
1828) die bei den jakobitischen Bewohnern des Bergdistriktes Segara gebräuch- 
liche Recension der Peschito, deren Kanon übrigens hier in der ganz singulären 
Ordnung Act, Jac, 1 Pe, 1 Joh, 14 Plsbriefe, 4 Evglien erscheint. 






II. Kap.: Vom textkritischen Apparat. III. Von den üebersetzungen. 55 

2. Aegyptische üebersetzungen. 

Alexandria war langst Mittelpunkt griechischer Cultur geworden. Aber 
im Volke erhielt sich die Landessprache, besonders in den südlichen Theilen; 
sie trat sogar in den ersten christl. .lahrh. wieder hervor und beschränkte das 
Grriechische seit dem 4. Jahrh. auf das Gebiet von Alexandria. Daher das Be- 
dürfniss nach koptischen Üebersetzungen, die vielleicht schon im Verlaufe des 
3. Jahrh. entstanden sind und das NT geben in der Ordnung Evglien, 14 Pls- 
briefe, 7 kath. Briefe, Act. Trotzdem, dass wir den alexandrinischen Text, 
welchem sie folgen, genugsam aus Kirchenvätern und Handschriften kennen, 
sichert ihnen ihr Alter einen hohen Werth. Neuestes im Recueil de travaux 
relatifs k la philologie et ä l'archeologie IV, 1882, S 2 f . V, 1883, S 105 f. 
VE, 1885, S 35 f. 

No. 1. Die sahidische oder thebaische, d.h. oberägyptische, ist 
nur in einzelnen Lesarten und Bruchstücken bekannt. Solche gaben aus den 
Evglien Mingarelli (1785 und 90) und Georgi (1789), aus den Briefen Munter 
(1789). Alles sammelte Ford im Anhang zu Woide's Ausgabe des Cod. A (1799); 
NachträgHches brachten Zoega (1810), Engelbreth (1811) und 0. v. Lemm (Bruch- 
stücke der sahidischen Bibelübersetzung 1885). 

No. 2. Die memphitische oder bahirische, d.h. die niederägyptische, 
auch vorzugsweise die koptische genannt, ist noch nicht nach dem ganzen Um- 
fange des handschriftlichen Materials hergestellt (vgl. Lagarde, Orientaha I, 1879). 
Das NT gab zuerst Wilkins heraus (1716), dann die Evglien Schwartze (1846 — 47), 
Act und Briefe Lagarde (1851 — 52), das Ganze wieder R. T. Lieder unter den 
Auspicien Tattam's (1847 und 52). 

No. 3. Die basmurische oder elearchinische, neuerdings faiju- 
misch genannte Uebersetzung existirt nur in Bruchstücken, welche die schon 
genannten dänischen Gelehrten Georgi, Munter, Zoega und Engelbreth ver- 
öffentlicht haben. Indessen hat sie sich als abhängig von der sahidischen Ueber- 
setzung herausgestellt, besitzt daher Gewicht höchstens, wo diese ausgeht. 

3. Aethiopische Uebersetzung. 

Die alte, jetzt nur noch beim Cultus gebrauchte Sprache (Geez) gehörte 
urspi-ünglich einigen aus Südarabien eingewanderten Stämmen an, ist daher 
semitisch. Als sie noch gesprochen wurde, bekehrte sich das Volk zum Christen- 
thum, und es entstand eine Uebersetzung, nach Dillmann und Bleek im 4., nach 
Westcott und Hort im 5., nach Gildemeister im 6. Jahrh. Dass ihre Lesarten 
gemischt sind, kommt daher, dass die Uebersetzer mehrere Exemplare vor sich 
hatten; überdies hat sich der Text in sehr corrumpirter und interpolirter Ge- 
stalt erhalten und scheint später dem Arabs Erpenii conformirt worden zu sein. 
Das NT wurde 1548—49 in Rom, 1826—30 in Cambridge von Th. Pell Platt 
herausgegeben. 

Ein kleines Bruchstück einer Uebersetzung im amharischen Dialect, durch 
welchen die Geez verdrängt wurde, ist 1801 in Schmidt's Bibliothek für Kritik 
und Exegese (I, S 307 f) bekannt gemacht und neuerdings von Tregelles be- 
handelt worden. 

4. Armenische Uebersetzung. 

Nachdem schon zuvor eine Uebersetzung nach Peschito versucht worden 
war, brachten 431 Joseph und Eznak vom Concil zu Ephesus eine griechische 
Bibel mit. Hatte man sich vorher mit persischer oder syrischer Schrift be- 



56 Geschichte des Textes. 

holfen, so erfand für die Sprache, die einen Zweig des Persischen darstellt, 
jetzt Miesrob, veranlasst durch das Verbot der syrischen Schrift seitens der Perser, 
ein eigenes Alphabet. Die Uebersetzung besorgten um 440 der Patriarch Isaak, 
Miesrob und drei Greistliche, welche sich die Befähigung hiefür in Alexandria 
erworben hatten: Joseph, Eznak und Moses von Chorene. Zu Grunde lag wohl 
der alexandrinische oder kappadocische Text, aber von Anfang an übte auch 
Peschito einen begreiflichen Einfluss. Nach dieser soll später Gregorius Bar- 
Hebräus im 13. Jahrh. die Uebersetzung geändert haben. Ebenso vermuthete 
man Aenderungen nach Yulgata, als die Armenier sich der römischen Kirche 
näherten. Aber die abendländischen Lesarten der Uebersetzung stimmen ebenso 
oft mit Itala. Erst in den Druckausgaben begegnet ein ersichtlicher Einfluss 
der Vulgata. Die erste dieser Ausgaben besorgte ein armenischer Geistlicher 
aus dem Kloster Usci (daher UscAisrus), 1666 (die ganze Bibel) und 1668 (das NT) 
zu Amsterdam. Als die besten gelten die Ausgaben der Mechitaristen auf San 
Lazaro bei Venedig, wo schon seit 1789 Zohrab das NT und seit 1805 die ganze 
Bibel herausgab. 

5. Die georgische (grusinische) Uebersetzung entstand, als seit 
dem 6. Jahrh. die Georgier die Schrift der Armenier annahmen. Aber schon ihre 
Unmittelbarkeit ist zweifelhaft. Gedruckt wurde sie, unter Accomodation an die 
slavisch-russische Bibel, zu Moskau 1743, von der Petersburger Bibelgesellschaft 
1816—18. 

6. Arabische Ueb ersetzungen wurden nöthig, seitdem die Araber 
sich erobernd über die Ursitze des Christenthums in Syrien und Aegypten aus- 
breiteten und in Folge dessen die syrischen und koptischen Uebersetzungen 
zurückgedrängt wurden. Eben desshalb sind aber die meisten arabischen aus 
den letztgenannten geflossen. Von unmittelbaren Uebersetzungen existiren ver- 
schiedene Formen der Evglien, welche aber wahrscheinlich nur eine einzige 
Textgestaltung repräsentiren : 1) Arabs Romanus, der zuerst 1590 in Rom. ge- 
druckte Text, nach der koptischen und nach der syrischen Uebersetzung inter- 
polirt; 2) Arabs Erpenius, der erstmals im arabischen NT van der Erpe's 1616 
stehende, 1829 zu London wieder abgedruckte Evglientext (Act und Briefe sind 
dagegen aus der syrischen, Apc aus der koptischen Uebersetzung) ; 3) Arabs 
Polyglottorum, 1645 in Paris erschienen, 1657 in London nachgedruckt ; 4) der 
für die Maroniten Rom 1703 mit syrischen Buchstaben gedruckte (karshunische) 
Text; 5) Text der Melchiten, gedruckt 1706 in Haleb, 1727 in London; 6) die 
1864 von Lagarde herausgegebene Wiener Evglienhandschrift. Die übrigen 
neutest. Bücher, wie sie in den genannten Polyglotten abgedruckt sind, ent- 
stammen einer anderen, übrigens auch unmittelbaren, nach Hug in Cypern ent- 
standenen Uebersetzung. Sowohl evangelische als apostolische Schriften zusammen 
befinden sich in den Ausgaben des NT, welche die Propaganda in Rom 1671 
und die ältere englische Missionsgesellschaft 1727 in London drucken Hessen, 
nur dass die erste nach dem lateinischen, die zweite nach dem griechischen 
Text Aenderungen erfahren hat. Vgl. Storr, De evangehis arabicis 1775. 
Gildemeister, De evangehis in Arabicum e simpHci Syriaca translatis 1865. 

7. Persische Uebersetzungen der Evglien existiren zwei, beide in 
London gedruckt. Aber die der Polyglotte 1655 ist aus Peschito geflossen, die 
1652—57 von Wheloc und Pierson herausgegebene ist zwar unmittelbar, aber 
erst im späteren Mittelalter entstanden und im Druck mit Lesarten aus der 
ereteren vermischt. 



n. Kap.: Vom textkritischen Apparat. Hl. Von den Uebersetzungen. 57 

8. Grothische Uebersetzung. Ulfila, geboren 313, wirkte seit 343 
bis zu seinem 383 erfolgten Tode als (arianischer) Bischof unter seinen Lands- 
leuten, den an die Donau vorgerückten Westgothen, die er mit einer Bibel- 
übersetzung beschenkte, welche den ältesten Schatz der germanischen Literatur 
bildet; Ihr lag ein griechischer Text von der Art des Cod. A. zu Grunde; wo 
Abweichungen von diesem Typus statt haben, erfolgen sie in der Richtung von 
Itala, welcher, nachdem die Grothen nach Italien herübergekommen waren, das 
Werk des Ulfila noch weitere Concessionen zu machen hatte; von 1100 Vari- 
anten im gothischen Mr stimmen 900 mit A, 450 mit B, 500 mit D (vgl. E. Bern- 
hardt, Kritische Untersuchungen über die gothische Bibelübersetzung, 1864 und 
1868 ; Vulfila oder die gothische Bibel 1875). Die Uebersetzung ist nur noch 
fragmentarisch und zwar in dreifacher Gestalt vorhanden: 1) die Evglien im Codex 
argenteus, einem wohl um 500 für die gothische Königsfamilie gefertigten Pracht- 
codex mit regelmässigen grossen Uncialen, silbern auf purpurfarbenes Pergament 
geschrieben und silbern eingebunden, ursprünglich 330, jetzt noch 187 Blätter 
enthaltend; derselbe ist aus Italien nach dem Kloster Werden an der Ruhr, 
vielleicht schon durch dessen Stifter Liudger (f 809), gebracht, von da aber vor 
1600 nach Prag verschlagen, daselbst 1648 von den Schweden erbeutet und 
nach Stockholm entführt worden, von wo er 1655 mit Isaak Voss nach Holland 
wanderte, um 1669 auf dem Wege des Ankaufs durch den Grafen de la Gardje, 
der ihn der Universität Upsala schenkte, den Rückweg nach Schweden zu finden. 
Daselbst verlor er indessen noch 10 Blätter an einen englischen Forscher. Seit 
1665 (F. JuNiüs und Th. Mareshall) erschienen Ausgaben, die genaueste von 
Uppström (1854 mit Nachtrag 1857). 2) Bruchstücke des Römerbriefes, gegen- 
über die Itala, 1758 von Franz Anton Knittel zu Wolfenbüttel in einem spa* 
nischen Codex rescriptus, dem sog. Carolinus (S. 45) entdeckt und 1762 heraus- 
gegeben (wozu Berichtigungen von Ihre 1763). Alles bisher Vorhandene fasste 
1805 die Ausgabe von Zahn zusammen. 3) Bruchstücke aus Mt und 13 Plsbriefen 
(Hbr scheint nicht zur gothischen Uebersetzung gehört zu haben), entdeckt 1817 
in mehreren Codices rescripti der Ambrosiana zu Mailand von Angelo IVIai und 
von ihm (Ulphilae ineditum specimen 1819) und dem Grafen Castiglione 1829 — 39 
nacheinander veröffentlicht; dazu gehören auch wenige Bruchstücke aus Esr und 
Neh (die einzigen alttest. Reste) und eine 1835 von Massmann herausgegebene 
Erklärung zu Joh (4 Palimpsestblätter befinden sich bis heute unentzifferbar zu 
Turin), Gesammtausgaben veranstalteten Gabelentz und Lobe (1836 — 46), 
Gaugengigl (1848, 2. Afl 1849), Massmann (1857), Stamm und Heyne (1858, 
7. Afl 1879) und E. Bernhardt (1884). 

9. Slavische Uebersetzung. Die gleichfalls aus dem byzantinischen 
Text, aber buchstäblicher übersetzte slavische Kirchenbibel, angeblich von dem 
Slavenapostel Cyrillus um 860 verfasst, 988 mit dem Christenthum auch nach 
Russland gedrungen, erschien 1581 zu Ostrog, 1623 zu Wilna, seit 1663 zu 
Moskau ; in neuer Recension 1751. Dobrowsky, der sie 1795 für Griesbach ver- 
glich, untersuchte sie (in dei*» Zeitschrift Slovauka 1814), später noch v. MuRALT 
(1848). Die ältesten bekannten Evglienhandschriften — das 1056 geschriebene 
Evangelistarium Ostromiriense und das vielleicht ebenso alte Evglienbuch zu 
Rhcims - sind von Silvestre (1843), Wostokow (1843) und Hanka (1846) 
herausgegeben worden. Zusammen mit der officiellcn Uebersetzung der geist- 
lichen Akademie Hess die Petersburger Bibelfjesellschaft seit 1819 den alt- 
slavischen Text drucken. 



58 Geschichte des Textes. 

2. Lateinische Uebersetzungen. 
1. Yorhieronymianisohe ^). 

Der zur Herstellung derselben zu Gebote stehende kritische 
Apparat setzt sich zusammen: 

1) aus Handschriften. Einschliesslich der meist auf vor- 
hieronymianischem Grunde ruhenden, aber z. Th. selbstständige Cor- 
recturen nach dem griechischen Text versuchenden Codices graeco- 
latini (S 42 f) gibt es ihrer etwa 40. Die meisten enthalten Evghen 
(4. — 11. Jahrh.) oder Plsbriefe (6. — 9. Jahrb.), nur wenige Act 
(6. — 8. Jahrh.) oder gar den einen oder anderen der kath. Briefe 
— Alles mehr oder minder fragmentarisch. 

a. Vercellensis (Ev^lien), angeblich vom Bischof Eusebius Martyr von 
Vercelli (f 371) geschrieben, herausgeg. von Irico 1748 und Bianchtni 1749, 
jetzt in zerrissenem Zustande unter den Reliquien befindlich. 



*) Erst seit etwa 200 Jahren existirt eine bestimmte Kunde von lateinischen 
Texten neben und ausser Vulgata. Grundlegend waren die Arbeiten von Jean Mar- 
TiANAY (Vulgata antiqua, latina et itala versio evangelii secundum Matthaeum e 
vetustissimis eruta monumentis, Paris 1695, nämlich ft^), Giuseppe Bianchini 
(Blanchinus) in dem zu Rom erschienenen Evangeliarium quadruplex latinae 
versionis, nämlich a b f und £f^ (2 Bde 1749), Pierre Sabatier in Bibliomm 
sacrorum latinae versiones antiquae sive vetus italica (3 Bde, zuerst in Rheims 
1743, dann in Paris 1749—51 erschienen, der letzte enthält das NT). "Weitere 
Verdienste erwarben sich (wobei vom AT abgesehen ist) HwiiD, Munter, 
Semler, Griesbach, Matthäi, Alter, Angeld Mai (gibt h in Scriptorum 
veterum nova collect, in, 1828, m in Spicilegium Romanum IX, 1843 ; Patrum 
nova bibhotheca I, 2, 1852), I. P. Fleck (Anecdota critica 1837), Otto Fridolin 
Fritzsche (Züricher Programm von 1867 und „Lateinische Bibelübersetzungen" 
RE 2. Afl Vni, 1881, S 433 f), Tischendorf (Evangelium Palatinum 1847), 
Ceriani (Monumenta sacra et profana 1861 und 1866) , H. F. Haase (Breslauer 
Programme 1865-66), Guerrino Amelli (Un' antichissimo codice biblico 1872, 
nämlich j), E. Ranke (beschreibt StKr 1872, S 505 f die von ihm in Chur 
entdeckten, mit Cod. a stimmenden Stücke, herausgegeben als Fragmenta anti- 
quissimae evang. Lucani versionis 1872), Leo Ziegler (Italafragmente der 
paulinischen Briefe 1876 ; Bruchstücke einer vorhieronymianischen Uebersetzung 
der Petrusbriefe 1877 ; Die lateinischen Bibelübersetzungen vor Hieronymus und 
die Itala des Augustinus 1879), J. Belsheim (Schätze der Stockholmer und 
Petersburger Bibliotheken), H. Hagen (ZwTh 1884, S 470 f), T. K. Abbott (Evan- 
geliorum versio antehieronymiana ex codice Usseriano 1884), John Wordsworth, 
W. Sanday und H. J. White, welche Bentley's Plan mit Bezug auf Vulg. (vgl. S 66) 
aufnahmen, wie denselben Tregelles, Westcott und Hort mit Bezug auf den 
griechischen Text realisirt hatten (Old-latin biblical texts, d. h. Bibeltexte, 
die vor Hieronymus im Gebrauch oder doch unabhängig von seiner Textbearbeitung 
sind: Nro I g^ 1883. Nro. U a^ knopst 1886. Nro. III q 1887. In Frankreich hat 
neuerdings P. Battd'ol die einst von diesem Lande ausgegangenen Forschungen 
wieder aufgenommen (Revue archeologique 1885, S 305 f). 



n. Kap.: Vom textkritischen Apparat. III. Von den Uebersetzungen. 59 

a^ (auch t). Curiensis, Lc 11, 11—29. 13, 16—34 aus dem 5. Jahrh. herausgeg- 
von E. Ranke 1872, 2. Asg 1874 und im Anschluss hieran von "Wordswoeth 
und Sanday 1886. 

b. Veronensis (Evglien), silberner Codex der Capitelsbibliothek zu Verona, 
ebenfalls aus dem 4. oder 5. Jahrh. bei Bianchini. 

c. Colbertinus in Paris, ein vollständiger Evglien-Codex, frühestens aus 
dem 11. Jahrh. bei Sabatier. 

d. Entspricht den beiden griech. Codices D. 

e. Palatinus Vindobonensis, etwa ^/s der Evglien umfassend, Prachthand- 
schrift, nordafrikanischer (cyprianischer) Text aus dem 5. Jahrh. ; herausgeg. von 
Tischendorf 1847. Zu Act bedeutet e Laudianus (dem Grriechischen angepasst, 
bei Sabatier), zu den Plsbriefen den Sangermanensis (mit Claromontanus bei 
Sabatier). 

f. Brixianus, Prachthandschrift der Evglien mit italienischem Text des 
6. Jahrh. bei Bianchini. Für Plsbriefe Cod. Augiensis, Dagegen ff Codices 
Corbeienses (Kloster Corbey in der Picardie) enthalten Mt und Jac (ff^ wesentlich 
hieronymianisch, aber mit älteren Varianten, aus dem 8. bis 10. Jahrh., seit 
1638 in St. Germain - des - Pres, seit 1805 in St. Petersburg, herausgeg. von 
ÄIartianay in Paris 1695 und von Belshem in Christiania 1881 und 1883, Jac 
insonderheit von Wordsworth 1885) und Evglien (ff^ nach Vulg. interpolirt aus 
dem 6. Jahrh., jetzt in Paris, gedruckt bei Bianchini). 

g. Entspricht für Plsbriefe dem Boernerianus, herausgeg. von Matthäi 
(vgl. bezüglich der originellen, zuweilen auch Vulg. zur Wahl bietenden Ueber- 
setzung Rönsch ZwTh 1882, S 488 f. 1883, S 73 f, 309 f. ). Ausserdem be- 
zeichnet g einen Codex von Act und für Evglien 2 Codices Sangermanenses, 
schon von den 3 Bahnbrechern der Itala- Wissenschaft vergUchen, darunter g^ 
ein gelegentlich nach Vulg. interpolirter Text, nach Hort sogar einfach Vulgata 
herausgeg. von Wordsworth 1883. 

gue. Guelferbytanus, Wolfenbüttler Fragmente (S 57). 

h. Claromontanus, nunc Vaticanus, Mt aus dem 5. Jahrh., herausgeg. von 
Angelo Mai 1828. Zu Act einige Blätter eines afrikanischen Textes. 

i. Vindobonensis, Mr und Lc. aus dem 7. Jahrh., herausgeg. von Alter (bei 
Paulus, Repertorium der bibl. und morgenl. Literatur EU, 1791, S 115 f; Memo- 
rabilien VII, 1795, S 58 fj und von Belsheim 1885. 

j. Saretianus, Stücke aus Jöh in durchaus selbstständiger Uebersetzung, 
aus dem 4. oder 5. Jahrh, 1872 in Sarezzano entdeckt und beschrieben von 
Amelli. 

k. Bobbiensis, nunc Taurinensis, nordafrikanischer (cyprianischer) Text von 
Mt und Mr aus dem 5. Jahrh., herausgeg. von Fleck 1837, Tischendorf 1847 — 49 
und Wordsworth 1886. 

1. Rhedigeranus in Breslau, Evglienfragmente aus dem 7. Jahrh. mit 
älteren Elementen in einem wesentlich hieronymianischen Text, herausgeg. von 
H. F. Haase 1865 - 66. 

m. Speculum (Augustini), nordafrikanischer Text, Verzeichniss von Bibel- 
stellen aus dem 6. Jahrh., herausgeg. von Mai 1852; Fragmente eines besseren 
Textes auf dem britischen Museum. 

n, 0, p. Fragmenta Sangallensia aus Mt, Mr und Joh, von Tischendorf 
benutzte Reste aus dem 5. bis 8. Jahrh.; herausgeg. von Battifol 1885 und 
White 1886. 



60 Geschichte des Textes. 

q. Monacensis (Evglien), italienischer Text aus dem 6. Jahrh., von Tischen- 
dorf abgeschrieben. Dasselbe Zeichen gilt für eine Handschrift, die Jac und 
einige andere Fragmente von kath. Briefen enthält. 

r. Fragmenta Freisingiana, nunc Monacensia, Plsbriefe betreffend, aus dem 
5. und 8. Jahrh.. mit Augustinus stimmend, herausgeg von Ziegler 1876. Für die 
Evglien ein gegen 600 geschriebener Codex, aus dem Büchemachlass des Bischofs 
UsHER aufbewahrt im CoUegium Trinitatis zu Dublin, mit den Varianten anderer 
Dubliner Codices herausgeg. von T. K. Abbott 1884. 

8. theils Ambrosianus (PaHmpsest) Lc 17 — 21 aus dem 6. Jahrh., herausgeg, 
von Ceriani 1861 und Wordsworth 1886; theils Bobbiensis rescriptus, nunc 
Vindobonensis, noch unedirte Blätter aus Act. 

t. (sonst Curiensis, vgl. oben a^). Fragmenta Bernensia aus Mr 1 — 3 aus 
dem 6. Jahrh., herausgeg. von Hagen 1884 und von Wordsworth 1886. 

Gigas librorum Holmiensis, eine mancherlei enthaltende Riesenhandschrift, 
dürfte ungefähr der Vorlage des Hieronymus entsprechen; hier allein auch Apc, 
für die man zuvor auf den Commentar des Primasius verwiesen war. Belsheim, 
welcher aus diesem Cod. Act und Apc veröffentlicht hat (1879), gab auch den 
Codex aureus (sive quattuor evangelia ante Hieronymum latine translata 1878) 
heraus, ein Prachtstück der Stockholmer Bibliothek, wohl aber nur zu den 
vielen Handschriften gehörig, welche die Uebersetzung des Hieronymus geben, 
durchzogen von Nachklängen aus der alteren, hier mit c und mehr noch mit 
dem Gigastexte stimmend. Zu diesem mehr zu Vulg. als zu Itala gehörigen 
Material zählt auch der schöne Nürnberger Uncial-Codex mit einigen vorhierony- 
mianischen Elementen (Dombart ZwTh 1881, S 455 f, 511f). 

2) aus den zahllosen Gitaten lateinischer KirchenschriftsteUer 
von Tertullian bis auf Gregor den Grossen (S 50). 

Bezüglich ihrer Beurtheilung und Verwerthung ist freilich das Meiste noch 
Gegenstand der Controverse. Unsere ältesten Dokumente für Itala finden häufige 
Bestätigung ihrer Lesarten bei Tertullian und beim lateinischen Irenäus. Aber 
wie verhält sich der bei Tertullian trotz aller Freiheit des Citirens durchschim- 
mernde Text einer vorliegenden Uebersetzung zum lateinischen Irenäus? Und 
zu dem noch aufTälligere Abweichungen bietenden Cyprian? Wenn andererseits 
eine gewisse Verwandtschaft zwischen diesen älteren Repräsentanten der Ueber- 
setzung zu Tage liegt, wie auch wieder zwischen der von Augustinus gebrauchten 
Uebersetzung und der Grundlage des Hieronymus ein ähnliches Verhältniss 
statt hat, woher stammen die vielen Differenzen zwischen diesen jüngeren imd 
jenen älteren Zeugen? Dazu die Hauptfrage: ist das Verhältniss der Ueber- 
einstimmungen und Abweichungen unter den Citaten ein solches, dass auf einen 
von den betreffenden Schriftstellern nur frei variirten Text, oder von der Art, 
dass auf eine Mehrheit vorliegender Uebersetzungen geschlossen werden muss? 
In dieser Beziehung stehen sich sogar die ausdrücklichen Zeugnisse des 
Hieronymus und des Augustinus direct gegenüber. Jener kennt eine gangbare 
Uebersetzung, deren Texte aber schon vielfach von einander abweichen; daher 
in der Praefatio in evangelia ad Damasum das Urtheil: tot sunt exemplaria 
pacno quot Codices (so viele Textgestalten als Handschriften^ wozu in der 
Praefatio in Josuam noch der Erklärungsgrund, dass unusquisque pro suo arbitrio 
vel addiderit, vel subtraxerit, quod ei visum est. Augustinus dagegen schreibt 



n. Kap.: Vom textkritischen Apparat. III. Von den Uebersetzungen . 61 

in der Nachfolge von Hilarius und Ambrosius (Ziegler, Lat. Bibelübersetzungen 
S 11 f): latini interpretes nullo modo numerari possunt. Ut enim cuique primis 
fidei temporibus in manus venit codex graecus et aliquantulum facultatis sibi 
utriusque linguae habere videbatur, ausus est interpretari. An derselben Stelle 
(De doctr. christ. 2, 11) ist die Rede von latinorum interpretum infinita varielas, 
gleich darauf von diversi a se interpretes (12), von numerositas interpretum (16), 
unter welchen wörtliche und blos sinnentsprechende unterschieden werden (13). 
Und zwar vertheilen sich diese zahlreichen und selbstständigen interpretationes 
auf verschiedene Gegenden der abendländischen Kirche, daher Codices aliarum 
regionum (C. Faust 11, 2), insonderheit Codices afri (Retract. I, 21, 3). Augustinus 
unterscheidet also die Uebersetzungen nach ihrem Vaterlande. Daraus versteht 
sich die berühmte Stelle: in ipsis autem interpretationibus itala caeteris prae- 
feratur, nam est verborum tenacior cum perspicuitate sententiae (De doctr. christ. 
2, 15, was schon Isidorus Hispal. Etym. 6, 5 auf Vulgata bezogen hat). Da 
nun die Form italus auch sonst (Mommsen, Rom. Geschichte V, S. 658) und 
namentlich bei ihm selbst nachweisbar ist (Ziegler S 19), so sind alle Con- 
jecturen (illa, italica, usitata) überflüssig. Offenbar hat sich der Schüler des 
Ambrosius an den italienischen Text gehalten, wie er ihn in Rom und Mailand 
kennen gelernt hatte. Diesen latinus interpres, von welchem er häufig unter 
der Voraussetzung redet, dass seine Leser dabei an eine allgemein bekannte 
Uebersetzung denken, hat er wegen besserer. Sprache und grösserer Treue 
anderen Uebersetzungen gegenüber empfohlen und namentlich in Afrika einzu- 
bürgern gesucht. 

3) aus der Vulgata des Hieronymus, die sich möglichst eng 
an die bisher gebrauchte Uebersetzung anschhesst. Andererseits 
aber haben sich nicht blos die Citate der Väter vielfach der Vul- 
gata accomodirt, sondern es besteht auch zwischen dieser und 
den handschriftlichen Zeugen der Itala nur ein fliessender Unter- 
schied. 

Jedenfalls muss die Vergleichung aller uns zu Gebote stehender 
Fragmente erst noch weiter fortgeführt werden, ehe die Herstellung 
eines Corpus versionum antehieronymianarum , speciell auch eine 
Ausgabe der Itala versucht werden kann. Difficile est, ita diversos 
a se interpretes fieri, ut non se aliqua vicinitate contingant: diese 
schon von Augustinus (De doctr. christ. 2, 17) formulirte Schwierig- 
keit erfordert, um gehoben zu werden, die Arbeit von noch mehr 
als einem Menschenleben. Auch die Zeugen für Itala enthalten ja 
vielfach nur Versetzungen der Vulgata mit vorhieronymianischen 
Uebersetzungsversuchen. Einstweilen besteht noch immer ein Gegen- 
satz der Ansichten zwischen denjenigen Forschem, die mit Hiero- 
nymus von einer varietas exemplarium, von verscliiedenen Recensio- 
nen einer und derselben (in den meisten Apokryphen der Vulgata 
noch erhaltenen) Uebersetzung reden (Sabatier, Bianciiini, Wet- 
STEiN, Semler, Eichhorn, Wiseman, Lachmann, Tregelles, 



ß2 Geschichte des Textes. 

Tischendorf, Westcott, Scrivener, O. von Gebhardt, Ranke, 
Reusch, Cornely, Schaff) und den anderen, die mehr die be- 
deutenden Abweichungen der Codices untereinander berücksichtigend 
mit Augustin an eine copia interpretum, an viele unabhängig von 
einander entstandenen Uebersetzungen glauben (Sixtüs von Siena, 
Ernesti, J. D. Michaelis, de Wette, Leander van Ess, Rieg- 
ler, Scholz, Jahn, Herbst, Hug, Kaulen, Reithmayr, Reinkens, 
Gams, Reuss, Ziegler, Corssen, Wordsworth). Daneben läuft 
eine weitere Controverse über das Vaterland, sei es nun der ein- 
zigen, sei es der zu Hieronymus Zeiten siegreich gebliebenen Ueber- 
setzung. Für das proconsularische Afrika, beziehungsweise Kar- 
thago, stimmen Sabatier, Eichhorn, Wiseman, Hörne, Tregelles, 
ScRivENER, Davidson, Westcott, 0. Fritzsche, Bleek, Lach- 
mann, Tischendorf, Ott, Reuss, Rönsch, Hagen, Cornely; 
dagegen für ItaHen, beziehungsweise Rom, votiren Reithmayr, Gams, 
Kaulen, Ziegler (S 22 f, 27 f), wenigstens gegen Afrika auch 
Ranke (Par palimpsestorum Wirceburgensium 1871, S 428 f). 
Schliesshch hat Sanday zwei von einander unabhängige Original- 
übersetzungen (eine afrikanische und eine europäische) angenommen 
und die vorhandenen Differenzen als individuelle und locale Ab- 
wandlungen derselben taxirt (Oxforder Studia biblica 1885, S 233 f). 

Wenigstens die unclassische Form weist keineswegs ausschliesslich nach 
Nordafrika. Wie nämlich schon die Sprache, in welcher die Bibel griechisch 
auftrat, keineswegs die Bücher- sondern die Umgangssprache war, so reden auch 
die erhaltenen Proben altlateinischer Uebersetzungen die Lingua quotidiana, 
ru8tica> plebeia (ein Idiom, welches die Wurzel der romanischen Sprachen 
bildet). Speciell aber liegt, ähnlich der Uebersetzung des AT durch Aquila, 
der Werth der Itala für die Kritik gerade in jener sklavischen Nachahmung 
griechischer Constructionen, Attractionen etc. ja selbst Wortbildungen, wodurch 
der Eindruck des Unclassischen erhöht wird. Mit rücksichtslosem Streben nach 
Wörtlichkeit wird z. B. Rm 6, 23 x^P^'^M-« mit donativum, Em 8, 37 oTrepvtxäv 
mit supervincere, Act 17, 18 oTcspfxoXoYo? mit seminiverbius, 1 Pe 4, 15 äWoxpio- 
zTziov-oTzoi; mit alienispeculator, Eph 1, 12 irpoeXiriCstv mit praesperare, aber aller- 
dings auch 2 Cor 7, 10 (ScixexafxsXYjToi; mit impaenitendus übersetzt, was bei 
Apulejus wiederkehrt und darum als Africanismus gewerthet wird. Eine um- 
fassende Darstellung dieses Bibel-Latein gibt Rönsch, Itala und Vulgata 1869, 
2. Afl 1875. Nachträgliches ZwTh 1868 S 76 f. 1869 S 220 f. 1871 S 592 f. 
1872 S 466 f. 1875 S 425 f. 1876 S 287 f, 397 f. 1879 S 224 f. 1881 S 198 f. 
1882 S 104 f. 1883 S 497 f. Dazu Ott Neue Jahrbücher für Philologie und 
Pädagogik 1874 S 757 f. 1875 S 787 f. Allerdings mochte sich das Bedürfniss 
nach einer Uebersetzung in Afrika noch früher und allgemeiner regen, als in 
Rom, wo das Grriechische etwa 2 Jahrh. lang die oflficielle Sprache der Kirche 
geblieben ist. Sonst aber lagen die Bedingungen im Abendland ungefähr gleich. 
Wie man in den syrischen Synagogen das AT in die Landessprache übertrug, 



n. Kap.: Vom textkritischen Apparat. IH. Von den Uebersetzungen. 63 

80 wird man in afrikanischen, italienischen und gallischen Juden- und Christen- 
gemeinden die LXX und mit der Zeit auch das NT zunächst mündlich übersetzt 
haben. Daraus gingen verschiedenerlei Uebersetzungen einzelner Bücher und 
Theile des NT hervor, welche zur Zeit der Kanonbildung zu einem Ganzen sich 
zusammenschlössen. Dies muss in Afrika schon um 170 der Fall gewesen sein. 
Denn Tertullian setzt dem Textus authenticus (vgl. oben S 25) eine lateinische 
Uebersetzung entgegen, welche im gewöhnlichen Gebrauche war (De monog. 11 
in usum exiit). Während diese aber z. B. Xo^o? mit sermo wiedergibt, möchte 
er selbst ratio vorziehen (Prax. 5), wogegen die Grundlage des Hieronymus 
verbum bot. Auch sonst macht sich ein erheblicher Unterschied zwischen 
Tertullian's und Cyprian's Uebersetzung und derjenigen Augustin's bemerkbar 
(Ziegler S 28 f, 39 f). Bei letzterem werden wir die eigentliche Itala zu suchen 
haben, sei es nun als eine selbstständige Form der lateinischen Bibel im Gegen- 
satze zur afrikanischen (Ziegler S 61 f), sei es als die in Italien (im Gegensatz 
etwa zu Spanien, Gallien, Britannien) entstandene Recension der letzteren 
(WisEMAN, Bleek, Fritzsche, Wordsworth, Rönsch, Das NT Tertullian's S 44), 
näher als diejenige unter den jüngeren Textformen, welche Modificationen mit 
Rücksicht auf das griechische Original erfahren hat (Westcott und Hort, 
Introd. S 78 f). An sie schloss sich jedenfalls Hieronymus an. Der sich gleich- 
bleibende Grundcharakter in den meisten der zu Gebote stehenden Zeugen 
spricht wohl für eine zwischen der afrikanischen und der italienischen Form 
bestehende Continuität, sowie überhaupt für die Annahme, dass das Ansehen 
einer bestimmten Uebersetzung verschiedene andere Versuche, die theilweise 
vielleicht schon mit ihrer Beihülfe unternommen worden waren (Kaulen, Langen 
S 182) , zurückgedrängt habe, so dass Itala in sachgemäss beschränktem Sinn 
allerdings eine Vulgata vor der Vulgata heissen könnte (Martianay: editio 
antiqua vulgata). Aber stehender Ausdruck ist Vulgata (bei Hieronymus und 
Augustinus = xo'.v-fj, wie LXX wegen allgemeiner Verbreitung hiess) erst seit 
dem 13. Jahrh. für die verbesserte Bibel des Hieronymus geworden. 

2. Die Vulgata^). 

Der verwilderte Zustand der Itala, deren Text mit jeder neuen 
Abschrift neue Entstellungen erfuhr, erweckte das Bedürfniss einer 
durchgreifenden Revision. Mit diesem Geschäfte beauftragte der 
römische Bischof Damasus den gelehrten Hieronymus, welcher sich 
383 seiner Aufgabe zu entledigen anfing. Dieselbe fasste er dahin, 
ut post exemplaria scripturarum toto orbe dispersa quasi quidam 
arbiter sedeam et quia inter se variant quae sint illa, quae cum 
graeca consentiant veritate, decernam. Während er übrigens das 
AT noch einmal neu übersetzte, veranstaltete er bezüglich des NT 
blos eine Recension der vorhandenen und gangbaren Uebersetzung 
unter Berücksichtigung des Urtextes. Seiner Praefatio in evangelia 
ad Damasum zufolge ging er auch sonst sehr vorsichtig zu Werke, 



*) Leander van Ess, Pragmatische Geschichte der Vulg. 1824. Fr. Kaulen, 
Geschichte der Vulg. 1868 ; Handbuch der Vulg. 1870. 



64 Geschichte des Textes. 

denn schon hört er Jedweden, doctus pariter et indoctus, cum in 
manus volumen assumserit et a saliva, quam semel imbibit, viderit 
discrepare quod lectitat, schreien: me falsarium, me esse sacrilegum. 
Aus Furcht vor dieser Eventualität verfuhr er schon bei der Aus- 
wahl der verghchenen alten griechischen Handschriften — ne mul- 
tum a lectionis latinae consuetudine discreparent ^) — mit tenden- 
ziöser Vorsicht, um schliesslich nur die gröbsten Sinnfehler zu be- 
seitigen (ut bis tantum quae sensum videbantur mutare correctis 
reliqua manere pateremur ut fuerant). 

Manches, was nach eigener Ueberzeugung einer Aenderung be- 
durft hätte, blieb stehen, wie er es denn überhaupt oft eilfertig beim 
Nächsten bewendet sein Hess. Schon 383 waren die Evglien voll- 
endet; wohl bald darauf das Ganze (Cat. 135: NT graecae fidei 
reddidi. Epist. 71 ad Lucinium: NT graecae reddidi autoritati). 
Nichts destoweniger fanden zahlreiche Gegner (Ep. ad Marc. 102 : 
bipedes aseUi) es unrecht, die Gläubigen zu verwirren. Augustinus 
that zwar dem gelehrten Freunde den Gefallen, seine Revision des 
„Evangeliums" in einem etwa 403 geschriebenen Briefe (Ep. 71, 
bei Hieronymus Ep. 104) zu begrüssen. Sehr erbaut war aber auch 
er nicht davon, und zumal im AT hielt er sich stets an die ältere 
üebersetzung. Auch nachher noch leistete die afrikanische Kirche 
Widerstand. Aber nachdem die römischen Bischöfe einmal für 
die Neuerung eingetreten waren, setzten sie dieselbe auch in zwei- 
hundertjährigem Kampfe durch ^). Isidorus Hispalensis führt die 
revidirte Üebersetzung bereits als generaHter im Gebrauche an (Offic. 
eccl. 1, 12). Beda, der sich um Herstellung des Textes von Act 
bemühte, nennt sie nostra, und seit dem 8 Jahrb. wird Itala nur 
noch ausnahmsweise abgeschrieben. 

Um so häufiger dagegen erscheint der Text von Vulgata mit ihren Les- 
arten vermischt, und so gab es bald wieder, nach der Aussage des Cardinais 
Nicolaus, tot exemplaria quot Codices. Karl der Grosse beauftragte daher den 
Alcuin mit einer Bibelrevision und empfing von diesem schon 801 einen ver- 
besserten Text der Evglien. Er selbst beschäftigte sich in seinem Alter mit 
Corrigiren von Handschriften. Nur wenige der unzähUgen Handschriften, in 

*) Der Zusammenhang dieser Worte ist keineswegs durchsichtig. Vgl. 
gegen die gewöhnliche, oben angedeutete, Erklärung Reithmayr S 270 und 
Langen S 191 f. 

^) Aus den Verschiedenheiten, die zwischen Vulg. und dem von Hiero- 
nymus in den Commentaren vertretenem Text obwalten, will P. Corssen schliessen, 
dass in Vulg. nur eine s]»ätere, vielfach zur Itala zurückkehrende Recension des 
Werkes des Hieronymus vorliege: Epistola ad Galatas ad fidem optimorum 
codicum Vulgatae recognovit 1885. 



n. Kap.: Vom textkritischen Apparat, ü. Von den Uebersetzungen . 65 

welchen der Vulgata-Text vorliegt, gehen der Alcuinischen Recension voran. 
Aehnliche Arbeiten unternahmen im 11. Jahrh. Lanfranc, Erzbischof von Canter- 
bury ; im 12. Abt Stephan Harding von Citeaux und Cardinal Nicolaus von Rom. 
Mit dem 13. Jahrh. beginnen die sog. Correctoria biblica, Ausgaben der Vulg, 
mit kritischem Apparat als „Elemente einer christlichen Masora" (Reuss II, 
S 194). Man zog aus alten Handschriften, aus Vätern und Classikem, eine 
Reihe von Scholien , sammelte Varianten , handelte von Aussprache und Inter- 
punktion. Bei fortschreitendem Anwachsen solcher Notizen konnten sie bald 
nicht mehr an den Rand des Textes gesetzt, sondern mussten besonders zusammen- 
geschrieben werden. Zuerst veranstaltete ein solches Correctorium die Sorbonne 
zu Paris mit der Sanction des Erzbischofs von Sens (Correctorium Senonense 
1230). Dann warfen sich die Dominikaner auf das Geschäft; der vom Cardinal 
Hugo a Santo Caro herrührende Liber de correctionibus wurde vom Greneral- 
kapitel zu Paris 1256 bestätigt. Gredruckt ist blos das Correctorium von Mag- 
dalius Jacobus 1508. Aber die Verwilderung des Textes dauerte fort. Schon 
1276 klagt wieder Roger Baco: quot sunt lectiones per mundum, tot sunt 
correctores seu magis corruptores. Die ersten bedeutenderen Leistungen der 
Buchdruckerkunst galten der lateinischen Bibel, welche anfänglich ohne Ort und 
Jahreszahl erschien (wahrscheinlich zuerst 1455 zu Mainz durch Gutenberg-, 
1460 zu Bamberg). Die älteste Ausgabe mit Datum ist die von Fust und Schöffer, 
Mainz 1462, welche daher lange als Editio princeps galt. 

Aber die Hunderte von Ausgaben, welche zwischen der Erfindung der 
Buchdruckerkunst und dem Trienter Concil erschienen, Hessen nur den zerfahrenen 
Text dieser Bibel deutlicher zu Tage treten. Ausserdem hatte schon Laurentius 
Valla sein Augenmerk auch auf ihr Verhältniss zum griechischen Original 
gerichtet und eine Berichtigung nach dem Grundtexte versucht (De coUatione 
Novi Testamenti 1444, von Erasmus 1505 in Paris zum Druck befördert). 
Freilich hatte er noch keinerlei Ahnung von Varianten auch des Urtextes und 
so verwarf er vorschnell lateinische Lesarten, sobald sie nur eben nicht mit 
seinem griechischen Codex stimmten. Ausserdem musste dem Humanismus 
auch das Latein in Vulg. barbarisch klingen. Man stellte daher dem Text ent- 
weder classisch geformte Paraphrasen zur Seite, wie Erasmus that, oder man 
versuchte es mit neuen, dem herrschenden Geschmack entsprechenden Ueber- 
setzungen, wie Castellio 1551. Aber auch der Cardinal Cajetan, der Bischof 
Augustinus Steuchus und Santes . Pagninus machten der Vulgata Concurrenz, 
während Andere sie wenigstens zu verbessern suchten, wie der Benedictiner 
Isidorus Clarius (1542) und Robert Stephanus in seinen 8 Ausgaben der Vulgata 
(seit 1528), welche von der Sorbonne (1548) für ketzerisch erklärt wurden. 

Remedur gegen diese Uebelstände glaubte die Synode von Trient zu 
schaffen, als sie am 8. April 1546, considerans, non parum utilitatis accedere 
posse ecclesiae, si ex omnibus latinis editionibus, quae circumferuntur sacrorum 
librorum, quaenam pro authentica habenda sit, innotescat, der Christenheit ver- 
kündigte, ut haec ipsa vetus et vulgata editio, quae longo tot saeculorum usu in 
ipsa ecclesia probata est, pro authentica habeatur; dazu der Befehl, dass diese 
Alleinherrschaft übende Au8ga])e auch quam emendatissime gedruckt werde. 
Sogleich machten sich Privatpersonen an die Aufgabe, die im Princip beschlossene 
Normalausgabe zu liefern. So namentlich die Löwener Theologen; es erschienen 
1547 die Ausgabe von Johann Hentenius, 1573 die von Lucas von Brügge, 
welcher ein Manuscript des Dominicaner-Correctoriums benutzte, und 1692 ein NT. 

Holtzmann, Einleitung. 2. Auflage. 5 



66 Geschichte des Textes. 

Aber päpstliche Approbation konnten diese Arbeiten nicht finden. Pius IV. 
setzte vielmehr pro emendatione bibliorum eine Commission nieder, deren Ar- 
beiten Vercellone später veröfifentlicht hat. In der That war man hier kritisch 
zu Werke gegangen, indem man bessere Handschriften, ferner lateinische Väter 
und auch andere Uebersetzungen berücksichtigte. Aber schon Gregor XIII. 
sistirte die Arbeiten der Commission. Erst Sixtus V. nahm die Sache wieder 
auf, um sie mit neuen Mitteln viel rascher zu Ende zu führen, indem er die 
Druckbogen selbst corrigirte und über die Lesarten entschied. Seine Kirchen- 
ausgabe erschien 1590 mit vorangedruckter Bulle Aeternus ille vom 1. März 1589, 
in welcher sich der Papst auf die dem Nachfolger des Petrus verheissene Un- 
fehlbarkeit beruft und jedweden Aenderungsversuch mit dem Zorn Gottes bedroht. 
Zuvor hatte man gegen 50 der vom Papst verschuldeten Fehler, (ihre Gesammt- 
zahl wird auf etwa 2000 geschätzt) durch Feder, Radirmesser oder Unterklebung 
mit Blättchen unschädlich zu machen versucht. Als Gregor XIV. 1591 berieth, 
was mit der verunglückten Ausgabe anzufangen sei, wurde der Vorschlag laut, 
sie zu vernichten. Aber Bellarmin führte aus, dass man damit der Ehre des 
Papstes zu nahe trete; er schrieb daher zu der neuen Ausgabe, welche unter 
Clemens VIII. 1592 erschien, eine Vorrede, welche die Thatsache einiger Fehler 
in der Sixtina zugab, sie aber lediglich den Druckern und untergeordneten 
Personen aufbürdete, deren Vergehen schon Sixtus V. bemerkt, aber wegen 
eingetretenen Todes nicht mehr habe unwirksam machen können — eine pia 
fraus, deren sich der Cardinal in seiner Selbstbiographie rühmt, die ihn aber doch 
um den Ruhm der Heiligsprechung brachte. Thatsächlich ist die Asg von 1590 
ganz selten geworden, die Bulle aber hat weder in die neue von 1592, noch in 
das Bullarium Aufnahme gefunden, ist also mit der Sixtina stillschweigend unter- 
drückt worden , während ein von der älteren Asg abweichender Text in der 
Sixtino-Clementina in weit maassvolleren Ausdrücken Approbation fand. Aber 
nur die auffälligsten Blossen des früheren Werkes waren verdeckt. Die neue 
Asg selbst enthielt gegen 200, die nächste von 1593 sogar noch mehr Druck- 
fehler. Erst mit der 3. Clementina von 1598 war der Text endgültig festgestellt, 
während zu allen dreien Indices correctorii beigefügt wurden. In kritischer 
Beziehung hatte Clemens möglichst den Mittelweg aufgesucht, und das schliess- 
lich gelieferte Werk darf trotz seines zu vertrauensvollen Anschlusses an die 
schon vorhandenen Drucke (besonders Hentenius) als für seine Zeit anerkennens- 
werth gelten ^). 

Um Variantensammlung haben sich seither verdient gemacht die Heraus- 
geber des Hieronymus Martianay (1692—99), Vallarsi und Maffei (1734—42), 
auch BiANCHiNi (Vindiciae canonicarum scripturarum 1740). Bentley wollte dem 
griech. NT den wiederhergestellten Text des Hieronymus zur Seite stellen, was 
Lachmann und Buttmann (1842—50), Tischendorf in der Triglotte (seit 1854) 
theilweise ausführten. Katholischer Seits wurde neuerdings die Sixtino-Clemen- 
tina besonders von Vercellone in Rom behandelt (Variae lectiones Vulgatae 
latinae Bibliorum editionis, 2 Bde 1860—62) und herausgegeben (Biblia sacra 
vulgatae editionis 1861; das NT Freiburg 1868). Unter den Urkunden, auf 



*) Vgl. Thomas James, Bellum papale sive concordia discors Sixti V et 
Clementis VHI 1600 (1678). Janus (von Döllinüer, Friedrich und Huber) 1869, 
S 65. Hergenröther, Antijanus 1870, S 60. Reusch im Bonner Theol. Literatur- 
blatt 1870, S 413 f. 



m. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 67 

welche sich eine, über diesen officiellen Text hinausgreifende, kritische Asg der 
Vulgata zu stützen hätte, steht in erster Linie der 541 — 46 geschriebene Codex 
Fuldensis, welchen Bischof Victor von Capua fertigen Hess und eigenhändig 
corrigirte (wahrscheinlich von Bonifatius gebraucht, jetzt auf der Bibliothek zu 
Fulda, herausgeg. von Ranke 1868); seither ist der lateinische Text in zahl- 
reicheren Handschriften als der griechische fast von Hand zu Hand überliefert. 
Für gleichen Alters galt lange der schon für die Sixtino-Clementina benutzte, 
von Tischendorf (NT 1850, 2. Asg 1854) herausgegebene Cod. Amiatinus (aus 
der Abtei Amiati in Etrurien, jetzt in der Laurentiana zu Florenz) ; aber Langen 
(Bonner Theol. Literaturblatt 1868, S 97 ; Einl. S 193), Hamann (ZwTh 1873, 
S 596) und P. de Lagarde (Mittheilungen 1884, S 379 f) weisen dieses kalli- 
graphische Meisterstück erst dem 7. — 9. Jahrh. zu. Vorher noch kämen dann 
in Betracht für die Evglien Cod. Forojuliensis (Vulg. mit Reminiscenzen aus 
Itala), für die Plsbriefe Cod. Vaticanus Reginensis, beide aus dem 6. Jahrh., 
und zum ganzen NT der dem 8. Jahrh. angehörige Toletanus ; z. Th. schon von 
BiANCHiNi verglichen (1740 und 49). 



Drittes Kapitel: Geschichte des gedruckten und des 
recensirten Textes. 

Vergl. neben den Prolegomenen zu den kritischen Ausgaben (besonders 
Tischendorf-Gregory 1884) E. Reuss, Bibliotheca Novi Testamenti graeci 1872 
(gibt eine Liste von 584 Asgn, dazu 151 Titelasgn, darunter enthalten 501 und 
139 das ganze NT; selbst im Besitze von 582, resp. 484, Asgn hat er noch 111 
andere zur Vergleichung herbeigezogen und das gegenseitige Verhältniss der in 
24 Classen getheilten Asgn an 1000 wichtigen Stellen festgestellt). Ergänzend 
J. Hall, American greek testament, a critical bibliography of the greek New 
Testament as published in America 1882 (zählt seit Anfang des Jahrh. 257 Asgn, 
darunter 150 vollständige). Derselbe gibt bei Schaff (A companion to the greek 
Testament 1883, S 497 f) eine vervollständigte Liste aller Gesammtasgn. Katho- 
lischer Seits besonders Hündhausen, Editionen des neutest. Textes und Schriften 
zur neutest. Textkritik seit Lachmann (Literarischer Handweiser 1882). 

1. Editionen principes. 

Die Entwicklung des gedruckten Textes weist lange nur zußillige 
Resultate unsicheren Umliertastens auf. Der kritische Apparat wird 
nur sehr allmälig bekannt und erst seit 200 Jahren in weiterem 
Umfange benutzt. Noch länger dauert es, bis man zu einem metho- 
disclien Verfahren gelangt oder gar das, was man bereits wusste, 
auch offen auszusprechen wagt. Zumal im 16. und 17. Jahrh. be- 
gnügt man sich mit dem geringfügigsten Material, und bis zu Beginn 
des 18. ruhen alle Asgn auf den beiden Editioncs principes. Durch 
diese ist im kritischen Apparat eine kleine Zahl ganz junger Hand- 
schriften vertreten, welche den Herausgebern zu Gebote standen. 

6* 



68 Geschichte des Textes. 

Als solche Asgn gelten die Compluter und die Erasmische^). Jene bildet 
Bd 5 der seit 1502 in 6 Bdn erschienenen Polyglotte, veranstaltet zu Complutum 
(Alcala) durch den Cardinal Franz Ximenes ; schon" 1514 war das NT, 1517 das 
ganze "Werk vollendet, aber die päpstliche Bestätigung erfolgte erst 1520, die 
Veröffentlichung erst 1522. Einstweilen war Erasmus zuvorgekommen, veran- 
lasst durch den buchhändlerischen Speculanten Johann Froben in Basel. Die 
erste, im Laufe eines halben Jahres entstandene und nach eigenem Geständnisse 
des Verfassers übereilte, Asg (1516) nennt zwar auf dem Titel viele Codices und 
9 Väter-, in der That aber hatte Erasmus, der es nie über 8 Manuscripte brachte, 
blos 2 Basler Handschriften für die Evglien aus dem 15., für den apostolischen 
Theil aus dem 13. oder 14. Jahrh. nach 2 anderen Handschriften (S 43) ge- 
legentlich corrigirt und abdrucken lassen, dazu eine lateinische Uebersetzung 
gefertigt. 

Für Apc stellte ihm Reuchlin eine Handschrift, frühestens aus dem 13. Jahrh. 
datirend, zur Verfügung; da dieselbe den Commentar des Andreas enthielt, 
konnte er sie nicht zu unmittelbarem Abdruck befördern, sondern Hess eine 
Abschrift fertigen, die er nach Gutdünken änderte und von 22, 16 an, wo dieser 
Text abbrach, aus Vulg. ergänzte. Seitdem Delitzsch das Original der Erasmischen 
Apc in der Oettingen-Wallerstein'schen Bibliothek gefunden hat, löste sich die 
vermeintliche handschriftliche Bezeugung der eigenthümlichen Lesarten dieser 
Asg in Dunst auf. Später fand die Asg noch vier Erneuerungen von 1519 
(Luther's Quelle), 1522 (vgl. S 31), 1527 (Apc nach Complut. verbessert) und 
1535 (Grundlage für die folgenden, zumal die stephanischen Asgn), aber abge- 
sehen vom correcter gewordenen Druck, nur ein geringes Maass innerer Förderung. 

Durch beide Editiones principes ist übrigens eine verhältnissmässig junge 
Capitel-Eintheilung, welche Cardinal Hugo a Santo Caro (f 1263) zum Gebrauche 
für seine Concordanz über die Vulgata gefertigt hatte (nach Gregory S 164 f 
war vielmehr Cardinal Stephan Langton f 1228 der Urheber), in Aufnahme 
gekommen und in alle folgenden Asgn übergegangen. 

2. Das Jahrhundert zwischen Erasmus und Elzevier. 

Aus der grossen Reihe der Wiederholungen, welche die Com- 
pluter und viel mehr noch die Erasmischen Asgn fanden, sind nur 
diejenigen von einiger Bedeutung, welche den Text durch freilich 
meist geringfügige Modificationen nach neu benutzten Quellen fort- 
bilden, wie besonders die voif Stephanus und von Beza veran- 
stalteten. 

Durch eine gewisse Selbstständigkeit ragt schon die Pariser Asg des 
Simon de Colines (Colinäus) von 1534 hervor. Durchgeschlagen hat aber erst 
das wissenschaftlich freilich tiefer stehende Unternehmen seines Stiefsohnes, des 
Buchdruckers Robert Estienne (Stephanus), der die königliche Bibliothek in 
Paris benutzte und von seinem gelehrten Sohne Heinrich unterstützt wurde. 
Aber nur in den Geschichtsbüchern hat er Selbstständiges geliefert; für das 
Weitere zog er sich fast ganz auf Erasmus zurück. Diesen corrigireu die Asgn 



») F. Delitzsch, Handschriftliche Funde 1861—62; Studien zur Ent- 
stehungsgeschichte der Polyglottenbibel des Cardinais Ximenes 1871. 



m. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 69 

von 1546 und 1549 (nach der Vorrede heissen beide mirifica) zuweilen nach 
Complut. Den eigentlichen Stephanischen Text bietet erst die umfangreichere 
3. Asg (1550 genannt regia), welche zwar den Rückgang auf Erasmus noch fort- 
setzt, aber Varianten gibt, zu welchen für die Evglien erstmalig die Codices D 
und L Beiträge liefern. Mittlerweile nach Genf übergesiedelt, gab Stephanus 
hier 1551 eine griechisch-lateinische Asg heraus, welche die von ihm erfundene 
Versabtheilung mit abgerücktem Texte in die Geschichte des NT einführt (Reuss 
S 58: triste lumen nee posthac extinguendum). Direct an sie lehnen sich mit 
geringen Veränderungen die zahlreichen Asgn an, welche Theodor Beza in Genf 
veranstaltete, so dass Stephanus und er als die eigentlichen Urheber des sog. 
Textus receptus zu gelten haben. Nachdem eine lateinische Asg von Beza als 
erste vorangegangen war (1557), veröffentlichte er 1565 gleichzeitig eine Foho- 
und eine Octav-Asg, jene der englischen Königin, diese dem Prinzen von Conde 
gewidmet, beide griechisch-lateinisch. Die grosse wurde 1582, 1588 oder 1589 
und 1598 (Quelle der autorisirten englischen Uebersetzung von 1611), die kleine 
1567, 1580, 1590, 1604 und 1611 wiederholt. Nur jene weist seit 1582 Aende- 
rungen auf, zu welchen die beiden Codices D, Uebersetzungen (Vulg. Pesch. Arab.) 
und Kirchenväter Beiträge geleistet haben. Aber einen zusammenhängenden 
Gebrauch hat er von seinem vermehrten Apparat so wenig gemacht als Stephanus; 
zu festen kritischen Grundsätzen war der Mann der grossen That so wenig 
gelangt, wie der buchhändlerische Praktiker; sowohl seine lateinische Ueber- 
setzung wie sein Commentar setzen vielfach sogar einen besseren Text voraus, 
als derjenige ist, den er seinen conservativen Glaubensgenossen bietet. Gleich- 
zeitig mit dieser Textgestaltung erschienen Mischausgaben, wie die unter primärer 
Berücksichtigung der Compl. von Christoph Plantinus in der Antwerpener 
Polyglotte (zuerst 1571 in Bd 5, dann, etwas abweichend, 1572 in Bd 7, resp. 6 
oder 8 des achtbändigen Werkes) gelieferte und die Beza folgende, wegen ihrer 
Vorrede über die Gräcität des NT berühmte, von Heenrich Stephanus (1576, 
mit einer anderen Vorrede 1587 und 1604). 

3. Der Textus receptus. 
Mit Beza hören die eigentlichen ßecensioneu; von welchen frei- 
lich keine tief gegangen war, für längere Zeit ganz auf. Die fol- 
genden Herausgeber kannten keine über Nachbesserung bereits ge- 
druckter Textformen unter willkürlicher Vertauschung der Lesarten 
hinausliegende Aufgabe. Weitaus das meiste Glück unter ihnen 
machten die Elzeviere, sofern erst (he reformirte, dann auch die 
lutherische Theologie, der Macht der Gewohnheit unterhegend, den 
in gefälliger Form dargebotenen Text zu einer Art von autorisirter 
Grundlage biblischer Studien erhoben. 

Die Gebrüder Bonaventura und Abraham Elzevier, Buchhändler in 
Leiden, haben ihren Text nicht, wie lediglich aus dem Titel geschlossen wurde, 
aus der Regia, sondern aus den in Frankreich, England und Molland weit ver- 
breiteten Handasgn Bcza's entlehnt. Die Editio prima erschien 1624, die correc- 
teste 1633 mit der verhängnissvollen Von^ede : textum ergo habes nunc ab oranibus 
receptum, in quo nihil immutatum aut corruptum. Freilich war dieser Textus 
receptus eigentlich ein Phantom, da auch die Asgn der Elzeviere wieder viele 



70 Geschichte des Textes. 

Varianten aufweisen, auch gar nicht so oft (7 mal bis 1678, wozu aber zahlreiche 
Nachdrucke kommen, die übrigens selten ganz sklavisch verfahren) gedruckt 
worden und namentlich in Deutschland erst allmälig in Aufnahme gekommen 
sind. Ausserdem ist der Unterschied zwischen Beza-Elzevier und Stephanus- 
Beza so gering, dass man den Rec. ebenso gut seit 1550 datiren könnte, zumal 
da auch nach 1624 nicht wenige von der Elzeviriana unabhängige Asgn erschienen 
sind. Erst mit der Zeit acceptirten die Theologen die Aussage jener Vorrede, 
indem sie die gegen den InspirationsbegrifF rebellischen Varianten wie das Böse 
in der Dogmatik unter den Begriff der göttlichen Zulassung stellten. Bemerkens- 
werth ist dabei das Benehmen der Lutheraner in Deutschland. Hier hatten 
die Texte von Erasmus durch Luther's Vorgang lang ein geheiligtes Ansehen 
besessen. Daneben war noch Stephanus gebraucht worden, nicht aber der 
reformirte Beza, welcher erst in verwandelter Gestalt, durch die gut ausge- 
statteten und sauber gedruckten Leidener Asgn, zu Zeiten des Pietismus Auf- 
nahme fand. Jedenfalls hatten das beste Geschäft die Buchhändler gemacht, 
indem sie dem dogmatischen Bedürfniss eine Anleitung zur Handelsspeculation 
entnahmen. 

Ganz an die Elzeviriana hielt man sich in Holland. Einen ungenauen 
Varianten- Apparat aus den vorhandenen Drucken und Handschriften lieferte dazu 
der Remonstrant Etienne de Coürcelles (Cürcellaeüs) seit 1658, ohne die 
Autoritäten zu nennen, und Johann Leusden gab in seinen Asgn seit 1675 eine 
Art (unnützester) Masora dazu, indem er 1900 Verse bezeichnete, in welchen alle 
Wörter des NT zusammenstehen, und äual Xs^6\isva darin notirte. In der 
Pariser Polyglotte erscheint das fast ganz an den Antwerpener Vorgang sich 
haltende NT als Bd 5 (erschienen in zwei Theilen 1630—33); ebenso enthält 
Bd 5 der von Brian Walton besorgten Londoner Polyglotte (1657) das NT, 
aber nach der Regia, dazu Variantensammlungen aus A, den beiden D und anderen 
Handschriften (Bd 6). 

4. Das Jahrhundert zwischen Mill und Griesbach. 

Erst seit Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrh. fing man 
wieder an, den Textquellen weiter nachzuspüren und neben den 
griechischen Handschriften auch die durch den Wiederaufbau der 
orientalischen Wissenschaften in den Vordergrund gerückten Ueber- 
setzungen, endlich auch die Textbelege, welche sich in den Werken 
der Kirchenväter finden, genauer zu durchforschen, um zu dem Eesul- 
tate zu gelangen, dass der NTliche Text statt der vorausgesetzten 
Einheit vielmehr schon in den älteren und ältesten Urkunden eine 
ungeahnte Mannigfaltigkeit von Gestaltungen darbietet. 

Seit dem Erscheinen der Londoner Polyglotte werden neutest. Textstudien 
zunächst in England weiter geführt, wo John Fell (1675, wiederholt 1703) 
wesentlich den Text der Elzeviere mit Varianten herausgab, den Apparat der 
Handschriften und Uebersetzungen vermehrend, das Zeugniss der Kirchenväter 
ausschliessend. Nach seinem Tode (1686) trat John Mill in seine Fusstapfen, 
um 14 Tage vor dem eigenen Hinscheiden 1707 gleichfalls zu Oxford eine Asg 
zu veröffentlichen, welche auf Zeitgenossen und Nachkommen den Eindruck 
abschliessender Vollendung machte. Der kritische Apparat war in einem damals 



in. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 71 

beispiellosen Maasse benutzt, die Geschichte des Kanons und des Textes erzählt, 
Autoritäten gewürdigt, Parallelen beigesetzt und zu der fast ungeändert auf- 
genommenen Regia etwa 30 000 Varianten geliefert. Auch manche bewährte 
Beobachtung, wie die gewisser verwandtschaftlicher Beziehungen des abend- 
ländischen Textes zu Cod. A, weist auf Mill zurück. Aber bei näherer Be- 
trachtung zeigte sich, dass seine Asg gelehrter aussah, als sie war. Die Hand- 
schriften waren nicht sorgfältig genug verglichen, orientalische Uebersetzungen 
nur nach dem in der Polyglotte daneben stehenden lateinischen Text beurtheilt, 
Entscheidungen ungleichmässig getroffen. Uebrigens wurde sein Werk in ver- 
besserter Gestalt von Lüdolf Küster in Holland wiederholt (1710), während 
in London Bowyer seit 1715 zahlreiche Abdrücke veranstaltete, so dass Mill's 
Text in England vielfach noch heute gelesen wird. Damals aber drängte die 
Erweiterung und Ausbildung, welche der kritische Apparat durch Mill erfahren 
hatte, rasch auch über die durch seinen Namen bezeichnete Station hinaus, 
indem schon Eduard "Wells in Oxford eine Asg veranstaltete, welche erstmalig 
seit Beza im Texte selbst Aenderungen wagte und vom Rec. besonders in den 
Briefen abwich (1709 — 19). Gleichzeitig (1713) führte sein Kampf mit dem 
Freidenker Collins den grossen classischen Philologen und Professor der Theologie 
zu Cambridge Richard Bentley auf das Project einer kritischen Asg des NT. 
Seine Grundsätze, welche er 1716 dem Erzbischof Wake unterbreitete, ver- 
langten Bevorzugung desjenigen Textes, welcher sich aus den ältesten Documenten 
in Uebereinstimmung mit dem lateinischen Text des 4. Jahrh. nachweisen Hesse. 
Seine in den Proposais for printing (1720) probeweise zu Apc 22 veröffentlichten 
Lesarten haben sich fast alle bestätigt. Aber der in widerwärtige Fehden ver- 
wickelte Gelehrte legte, nachdem er in John Walker einen unentbehrlichen 
Hülfsarbeiter verloren hatte, das Werk wieder aus der Hand, weil er es, wie 
wenigstens theologische Gegner fanden, als unausführbar erprobt hatte. Aber 
gleichzeitig (1729) lieferte Daniel Mace (Macey) ein durchaus selbstständiges 
Werk, das wegen seiner auffälligen Abweichungen vom landläufigen NT seitens 
der Chorführer der herrschenden Theologie (zumal Pritz und Baumgarten) als 
abschreckendes Beispiel frivoler und blasphemischer Willkür in der Behandlung 
heiliger Texte gebrandmarkt wurde. Ihm schliesst sich würdig an die Asg 
von Eduard Harwood (1776), welche zuerst die beiden Codices D genauer ver- 
werthet und mit der Ueberlieferung völlig gebrochen, den Rec. mithin verlassen 
hat. Beide Werke gingen freilich an den Zeitgenossen verloren und sind erst 
neuerdings in ihrer vielfach prophetischen Bedeutung für die Textkritik gewürdigt 
worden. Einstweilen war die kritische Arbeit bereits von England über Holland 
nach Deutschland übergegangen. Zu Amsterdam hatte 1711 (auch 1735) der 
Bremer Syndicus Gerhard von Maestricht eine selbstständige Asg mit dem Texte 
Fell's veranstaltet. Berühmter aber wurden seine schon 1706 aufgestellten 
kritischen Regeln (Canones). Nach Holland flüchtete auch der Basler Prediger- 
sohn und Pfarradjunkt Johann Jakob Wettstein, nachdem ilmi des Professors 
Frey Feldgeschrei, novimi hoc testamcntum redolere Socinianismum, die be- 
absichtigte Edition, sowie den Aufenthalt in seiner Vaterstadt unmöglich gemacht 
hatte. Aber auch in Amsterdam erschienen 1730 die Prolegomena ad NT graeci 
editionem accuratissimam nur anonym, und wenn er seit 1733 am Seminar der 
Remonstranten lehren durfte, so mussto er dafür versprechen, seine beabsichtigte 
Asg zu unterlassen. Erst nachdem er 1744 einen Ruf nach der Vaterstadt ab- 
gelehnt hatte, gestalteten sich seine Verhältnisse besser. Zwar musste das 



72 Geschichte des Textes. 

1751 — 52 kurz vor seinem Tode (1754) erschienene NT den Rec. reproduciren, 
aber Prolegomena und Epilegomena (besonders herausgeg. von Semler 1764 
und 1766) geben über Textgeschichte und kritischen Apparat für jene Zeit 
überraschend reichhaltige Auskunft (er hatte auf Reisen, die sich auch über 
England und Frankreich erstreckten, etwa 100 Handschriften, darunter viele 
erstmalig, verglichen), und eine bescheidene und glückliche Auswahl von Varianten 
kennzeichnet den von ihm empfohlenen Text. Diesem rückte die Asg des 
Londoner Buchdruckers BowYER von 1763 („adstipulante "Wettstenio") wenigstens 
in der Regel näher. Fleiss und G-elehrsamkeit erheben Wettstein über weitaus 
die meisten seiner Arbeitsgenossen. Doch hielt er von latinisirenden Hand- 
schriften und abendländischem Text allzugeringe Stücke, so dass er sogar gegen 
Codex A misstrauisch wurde, als er dessen vielfache Uebereinstimmung mit 
Vulg. zu bemerken glaubte. Auch zählte er die Lesarten mehr, als er sie wog. 
Vor Allem aber war er nicht im Stande, den Gedanken der Gruppirung der 
Handschriften zu würdigen, welcher den einstweilen gemachten Fund der an- 
hebenden deutschen Kritik bezeichnet. Hier nämlich hatten die angelegentlichen 
Versicherungen der Dogmatiker, wonach die Varianten nur auf ganz äusserhche 
Dinge, Wortfolge, grammatische Formen u. s. w. sich erstrecken sollten, ihre 
einschläfernde Kraft dem zarten Gewissen des frommen und gelehrten Schwaben 
Johann Albrecht Bengel gegenüber eingebüsst. Schon frühe „varietate lectionis 
misere laceratus" machte er sich seit 1722 an die Textkritik als eine „res ardua 
et religionis horrorisque plena". Da er aber begriff, dass es mehr, als auf 
massenhafte Verbreitung, auf das Alter einer Lesart ankomme, gelang es ihm, 
das Geschäft der Kritik wesentlich zu vereinfachen. Entscheidend war für ihn 
in dieser Beziehung das Zusammentreffen der lateinischen Uebersetzung mit 
Cod. A, besonders wenn sein Grundsatz „difficilior lectio praeferenda" eben- 
dahin wies. Zuweilen mischte sich auch sein exegetisches Urtheil ein. Seine 
Asg, mit dem Apparatus zuerst 1734 erschienen und nach seinem Tode (1752) 
von Burk 1763 noch einmal herausgegeben, von 1734 — 1790 fünfmal als 
Handasg gedruckt, benutzt und berichtigt den Apparat von Mill, zeigt sich 
beeinflusst auch von Bentley, gibt aber nur in Apc auch solche Lesarten, die bisher 
nirgends gedruckt waren. Die mitgetheilten Varianten ordnete Bengel nach ihrem 
inneren Werthe in 5 Classen (a ß y ^ ^)j deren erste dem Rec. vorgezogene 
und heute fast durchgängig aufgenommene Lesarten enthält. Sein grösstes Ver- 
dienst aber stellt der Gedanke dar, die Lesarten auf bestimmte Classen oder 
„Familien" (afrikanische und asiatische, ältere und jüngere) zurückzuführen ; denn 
da ja oft mehrere Codices durch ein zu Tage liegendes Verwandtschaftsverhältniss 
mit einander verbunden sind, kann eventuell ein einziger, ausserhalb der Gruppe 
befindlicher, so schwer wiegen, wie viele zusammen. Diesen klaren und erfolgreichen 
Wurf würdigte, während sonst alle Häupter des Pietismus und der Orthodoxie 
gegen Bengel's Neuerung sich erklärten, Johann Salomo Semler, der Begründer 
des eigentlichen Recensioneusystems, indem er den Gedanken eines Familien- 
unterschiedes der Documente erweiterte und fortführte bis zur Unterscheidung 
einer orientalischen Textrevision des Lucian und einer occidentalischen (Her- 
meneutische Vorbereitung III, 1, 1765), von welcher er die alexandrinische Text- 
gestalt erst allmählich sondern lernte (Apparatus ad liberalem NT interpretationem 
1767). Obgleich er keine kritische Asg veranstaltete, hat er doch die Ueberzeugung, 
dass der Text Beza's nicht infallibel sei, auf einer ganzen Reihe von Punkten 
definitiv festgestellt und darin unmittelbar seinem Schüler Griesbach vorgearbeitet. 



in. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 73 

Ehe jedoch Griesbach durchschlug, veranstaltete Christian Friedrich 
Matthäi 2 Asgn, indem er sich zugleich 1804 „über die sog.Recensionen" abschätzig 
genug vernehmen Hess. Ohne Notiz von den Arbeiten Mill's und Wettstein's 
zu nehmen, untersuchte er zu Moskau mit grosser Sorgfalt über 100, vom Berg 
Athos dahin gebrachte, bisher unbekannt gewesene Handschriften, von welchen 
2 das ganze NT enthielten. Seither besass er für den byzantinischen Text, wie 
ihn seine Documente darstellten, ein ebenso günstiges Vorurtheil, wie Griesbach 
für den alexandrinischen. Geblendet durch die übereinstimmende Gestalt der 
byzantinischen Handschriften verwarf Matthäi keck das Ansehen sowohl der 
indirecten Ueberlieferung des Textes durch Citate und Uebersetzungen, als auch 
der Uncialhandschriften, welche ihm alle von Origenes corrumpirt oder der Vulg. 
accomodirt schienen. Indem er sich einfach nur an die Form der Handschriften 
hielt, unterschied er : 1) Manuscripte mit dem Textus perpetuus, 2) Lectionarien, 
nach kirchlichen Gesichtspunkten interpolirt, 3) Codices mixti mit Scholien und 
Glossen oder Commentaren. Da alle Verunstaltungen des byzantinischen Textes 
von solchem Beiwerk herrühren sollen, fand er die reinste Gestalt des Textes 
in den Handschriften der 1. Classe, zumal den auf dem Berge Athos angeblich seit 
dem 6. Jahrh. von klugen Mönchen angefertigten; nur in der Diöcese Kon- 
stantinopel habe sich der Text von den Zuthaten der ägyptischen Grammatiker 
frei erhalten. Nach solchen Gesichtspunkten gab er seinen, natürlich mit Rec. 
ziemlich übereinstimmenden, Text zuerst in der grossen Asg von 1782 — 88 
mit beigedruckter Vulgata, dann in der Handasg 1803 — 07, nach seiner Ueber- 
zeugung laborem molestum invidiosum et infamem inter convicia ranarum et 
latratus canum sustinens. Aber die gescholtenen ranae et canes hatten Recht, 
wenn sie meinten, weder habe Origenes planmässig den Text corrumpirt, noch 
sei der byzantinische Text durchaus unabhängig vom alexandrinischen. Die 
Verdienste Matthäi's beschränken sich daher darauf, dass er den Apparat mit 
neuem Material bereichert und eine Menge von Scholien und Fragmenten aller 
Art bekannt gemacht, überhaupt innerhalb seiner Sphäre sehr genaue Arbeit 
geliefert hat. 

Auf katholischem Gebiete hatte man sich mit complutensisch-plantinischen 
Asgn beholfen; auch die Versuche einiger Jesuiten (1740 in Wien und 1753 in 
Mainz) und des Theologen Christoph Fischer (1777 in Prag) spielen keinerlei 
Rolle in der weiteren Entwickelungsgeschichte des Textes, und die nach einem 
"Wiener Minuskelcodex (Lambecii) gefertigte und mit Lesarten von 21 anderen 
Wiener Handschriften versehene Asg des Exjesuiten Franz Carl Alter 
(1786—87) ist ebenso ungenau und willkürlich gearbeitet, wie ungeschickt an- 
gelegt, sofern die Collation nicht nach einem bekannten Texte gemacht wurde« 
Eine ganz andere Ausbeute lieferten auf protestantischem Gebiete die dänischen 
Gelehrten Andreas Birch, Jakob Georg Chr. Adler und Daniel Gotthilf 
"^f oldenhaüer , welche die Handschriften genauer beschrieben und auf einer 
<,'edehnten kritischen Reise, besonders zu Wien, Venedig, Florenz, Rom 
(vgl. S. 42) und im Escurial nicht wenig Stoff, zumal auch aus Uebersetzungen 
(vgl. S. 54), herbeigeschafft haben. Aber nur die Evglien erschienen vollständig, 
eine wesentliche Bereicherung des von Wettstein gesammelten kritischen Appa- 
rates (1788); die Fortsetzung störte der Kopenhagener Schlossbrand von 1795. 
Das gerettete Material erschien ohne Text als Variae lectiones zu Act und 
Briefen (1798), zu Apc (1800) und zu den Evglien (1801). 



74 Geschichte des Textes. 

5. Die deutsche Arbeit der letzten 100 Jahre. 

Seit Semler ist der Gedanke durchgedrungen, dass die Zeugnisse 
nicht gezählt, sondern gewogen sein wollen; aber erst die Periode 
welche durch die Namen Griesbach, Lachmann, Tischendorf gekenn 
zeichnet ist, hat mit dem ohne wissenschaftHche Berechtigung her- 
kömmlich gewordenen Text definitiv gebrochen und die Pflicht er- 
kannt, ausschliesslich den Text der ältesten Documente zur Dar- 
stellung und in Gebrauch zu bringen. 

Auf Grund eines reicheren Apparates, als er einem der bisherigen Kritiker 
zu Gebote stand , arbeitete Johann Jakob Griesbach von 1775 bis zu seinem 
1812 erfolgten Tode in Jena. Schon in Halle hatte er De codicibus quatuor] 
evangeliorum Origenianis (1771) geschrieben und die Synoptiker mit Apparat 
(1774) herausgegeben. Unsynoptisch, aber sammt Act und mit Uebersicht des 
Apparates und den kritischen Regeln, erschienen 1777 die Evglien, die übrigen 
Stücke des NT schon 1775. Nachdem Curae in historiam textus epistolarum 
Paulinarum (1777) und Symbolae criticae (1785 und 1793) dazwischen getreten, 
kam die durchschlagende 2. Asg an's Licht (2 Bde, 1796 und 1806). Dieselbe 
nimmt noch zur Grundlage den ohne Autoritätsangabe hingesetzten Rec. Unten- 
stehende kurze Noten geben das ganze bis dahin gewonnene und vom Heraus- 
geber erheblich vermehrte Material. Zwischen Text und Apparat finden sich 
im inneren Rande theils diejenigen Lesarten des Rec, welche verworfen wurden, 
theils solche Varianten, welche nach dem Urtheil des Herausgebers den recipirten 
ebenbürtig sind. Eine Prachtasg nur mit ausgewählten Varianten erschien 
1803 — 07. Dieser sog. Leipziger Text, welcher erst Griesbach's letztes "Wort 
darstellt, ging über in die Handasgn (1805 und 1825); dazu Synopsen (1797, 1809 
und 1822). Eine neue, nur halbvollendete, aber in den kritischen Anmerkungen 
verbesserte Asg besorgte David Schulz (1827), worin er sich, wie auch Bertholdt, 
Eichhorn, Gabler und Matthäi thaten, gegen das Recensionensystem ausspricht, 
welches Griesbach theils in den Prolegomenen, theils in dem Commentarius 
criticus in textum Novi Testamenti (1798 — 1811) entwickelt und befolgt hatte. 

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger unterschied Griesbach drei Haupt- 
richtungen oder Textformen, welche er im Anschlüsse an Semler Recensionen 
nannte, wiewohl nur die mittlere einen Anspruch auf diese Bezeichnung erheben 
konnte. Zu der 1. occidentalischen Recension, einer mit exegetischen Glossen 
ausgestatteten, hebraisirenden und insofern ursprünglicheren Textform, gehören 
Itala, Handschriften wie D und was sonst einen Text, wie er vor der Sammlung 
des Kanons war, zu repräsentiren scheint. Die 2. alexandrinische Recension mit 
grammatischen, und stilistischen Correcturen, welche bei der Zusammenstellung 
des euaY^eXiov und ötTCoaxoXtxov vorgenommen worden sein soll, ist repräsentirt 
von Origenes und den alexandrinischen Vätern, von der koptischen, äthiopischen 
und späteren syrischen Uebersetzung, namentlich aber von B C L, bei den Briefen 
auch von A. Endlich die 3. byzantinische, gemischte Recension (BengeFs asia- 
tische), welche ^^Jm des gesammten Materials, alle späteren Codices, Väter und 
Uebersetzuugen umfasst, wird nach einer früheren Gestalt im 4. Jahrh. (reprä- 
sentirt für die Evglien durch A) und nach einer späteren im 5. und 6. Jahrh. 
unterschieden. Alle Zeugen, welche zu derselben Familie gehören, werden nur 
für Einen gerechnet. Stimmen alle 3 zusammen, so ist die Lesart nicht zweifei- 



in. Kap.: Greschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 75 

haft; stimmen die 2 ersten untereinander, so muss die 3. weichen. Stimmt die 
letztere mit einer der älteren, so ist zu untersuchen, ob die Variante zum eigen- 
thümlichen Charakter der einen oder der anderen Recension gehört, in welchem 
Falle sie zweifelhaft wird. Weichen alle 3 Recensionen von einander ab, so muss 
nach inneren Gründen entschieden werden. Ganz consequent ist übrigens 
Griesbach diesen seinen Principien keineswegs geblieben, indem er vielfach 
seinem philologisch-exegetischen Urtheil Raum verstattete. Begründete In- 
stanzen gegen seine Theorie und Praxis waren, 1) dass seine Recensionen nur 
Hypothesen sind, sofern nur 2 kritische Recensionen historisch angezeigt sind 
(Lucian und Hesychius) ; dagegen ist für die Epoche, da der Kanon gesammelt 
wurde, eine Recension nicht nachweisbar; wofern aber gleichwohl etwas der- 
artiges stattgehabt haben sollte, vermöchten doch wir auf Grund von Hand- 
schriften, welche um Jahrhunderte jünger sind, als die Zusammenstellung von 
Evglien und Apostel, den Text, wie er vorher und wie er nachher aussah, kaum 
mehr zu unterscheiden. Mag aber auch der allgemeine Gesichtspunkt, dem- 
zufolge der Text sich in zwei örtlich zu unterscheidenden Richtungen entwickelt 
hat, in Geltung bleiben, so wird doch 2) in concreto das Resultat in demselben 
Maasse unsicher, als Handschriften falsch recognoscirt und gruppirt wurden. 
Griesbach ist rasch bei der Hand gewesen, Vieles nur darum, weil es eben nicht 
abendländisch ist, zur alexandrinischen Gruppe zu schlagen, während er anderer- 
seits z. B. die sahidische Uebersetzung (vgl. oben S. 55) zu der occidentalischen 
Classe rechnet. Auch geht das Geschäft, aus den selbst wieder untereinander 
abweichenden Zeugen, welche zu einer Familie gehören, den ursprünglichen 
Text, welchen diese Familie vertritt, ausfindig zu machen, keineswegs so glatt 
von statten. Griesbach selbst gesteht zu, dass in keiner einzigen Handschrift 
eine Recension in ihrer Reinheit auftrete. Dennoch gruppirt er die Hand- 
schriften, als wären sie mit Geburtsschein versehene Glieder genealogischer 
Reihen. "Wird aber die Grösse falsch bestimmt, welche die Lesart einer be- 
stimmten Familie repräsentiren soll, so stellt sich damit die ganze Rechnung 
falsch. Ueberdies verwandte Griesbach gerade auf die ältesten Codices nicht 
die gehörige Sorgfalt und nahm es mit der grammatischen Seite des Textes zu 
leicht. Jedenfalls aber Hess er sich 3) von der Fiction eines Textus receptus 
noch allzusehr imponiren. Wenn er beispielsweise Jac 5, 12 6tcö xpioiv liest, 
so stimmt dies zwar mit dem aus Colinäus und Beza von Elzevier übernom- 
menen, allerdings besser beglaubigten Text; aber seit Stephanus geben 155 
Asgn £t? üTCoxpio'.v, so dass letztere Lesart für Griesbach mindestens ebenso gut 
als Rec. hätte gelten können. Eine so zufällige Sache ist es um den Text, als 
dessen Nachbesserung sein eigener erscheint. Immerhin hat er wie kein An- 
derer die Frage nach sicheren Regeln für die neutest. Textkritik in Fluss ge- 
1 »rächt. Von ihm abhängig, wiewohl er ihn kaum nennt, ist im Allgemeinen 
HuG, welcher eine vierfache Textgestalt unterscheidet. Erstens einen älteren 
Text, welcher bis Mitte des 3. Jahrh. ein Bild steigender Verwilderung bietet; 
für ihn nahm er von LXX den Namen xoivv) exSoai? herüber (S 63). Hierher 
zieht er ungefähr die Zeugen für Griesbach's occidentalischc Recension, nament- 
lich Peschito, Itala und die Codices D. Dagegen sollen Griesbach's alexan- 
rlrinische Zeugen, namentlich B C L, eine Recension der v.otvY| durch Hesychius, 
iu Aegypten verbreitet, die konstantinopolitanischen Zeugen dagegen, namentlich 
aber die Codices E F G, eine Recension des asiatischen Textus vulgaris durch 
Lucian, in Byzanz fortlebend, darstellen. Ausserdem unterschied er eine vierte 



76 Geschichte des Textes. 

Recension (der Evglien), welche von Origenes in Tyrus nach dem palästinischen 
Texte vorgenommen und von Pamphilus adoptirt worden sein soll (Codices A K). 
Aber abgesehen von der Fiction einer dem Origenes zugeschriebenen Recension 
steht der Text, welchen Hug von Hesychius ableitet, schon bei Clemens und 
Origenes. Cod. A soll in den Evglien den Origenes, in den übrigen Bestand- 
theilen den Hesychius repräsentiren, wird aber im einen, wie im anderen Falle 
zu günstig beurtheilt. Schliesslich setzt schon die Benennung xoivy] I'xSook; Re- 
censionen voraus und ist insofern unstatthaft. Mit Recht erklärten sich daher 
gegen diese Hypothese Griesbach, Vater, Scholz, de Wette und Eichhorn, 
welcher überhaupt alle seine Vorgänger verwirft, gleichwohl aber im Wesent- 
lichen von Grriesbach und Hug abhängig ist. So wenig wie Letztgenannter hat 
er zwar eine eigene Asg des NT versucht, wohl aber ihm gleich in seiner Ein- 
leitung ein System aufgestellt, demzufolge unterschieden werden sollten ein un- 
recensirter Text in Asien (Peschito), ein gleicher in Afrika (Itala, überhaupt 
die occidentalische Classe Griesbach's), eine Recension des ersteren durch Lucian 
und des zweiten durch Hesychius (diese der alexandrinischen, jene der byzan- 
tinischen Classe Griesbach's entsprechend); endlich, was auch Hug angenommen 
hatte, eine Vermischung der beiderlei Textarten. Im kritischen Apparat solle 
man daher nur einen asiatischen und einen afrikanischen Text unterscheiden. 
In der That bleibt auch Alles, was hier über den Grundunterschied der abend- 
ländischen und der morgenländischen Textgestaltung hinaus reicht, unsicher, zu- 
mal da die Recension des Hesychius wenigstens auf den abendländischen Text 
gar keinen Einfluss geübt hat. Bios Schott pflichtete bei. 

Auch Wilhelm Friedrich Rtnck (Lucubratio critica 1830) stellte eine 
neue Untersuchung an über das Recensionenverhältniss, indem er die occiden- 
talischen Manuscripte in eine afrikanische und eine lateinische Gruppe vertheilen 
wollte und überhaupt den Vorzug der alexandrinischen und occidentalischen 
Zeugen bestritt. Gleichwohl war die Unhaltbarkeit des Rec. bereits so evident 
geworden, dass die jetzt auf Bengel's Handasgn folgenden Schultexte ihn alle 
mehr oder weniger verliessen, wobei freilich meist nur uncontrolirbarer Instinct 
und ungefähres Urtheil maassgebend waren. Es sind die von Schott (1805, 
1811, 1825, nach des Verfassers Tod noch einmal 1839 von Baumgarten-Crusius 
— meist nach Griesbach, mit einer im Anschluss an Castellio gefertigten lateini- 
schen Uebersetzung), Knapp (1797, 1813, 1824, nach des Verfassers Tod noch 
1829, 1840 von Thilo und Rödiger — Recognition des Rec. nach den wichtig- 
sten und bewährtesten Resultaten Griesbach's ; besonderer Fleiss ist auf Inter- 
punktion, Inhaltsverzeichniss und Variantensammlung unter dem Text verwendet), 
Tittmann (Stereotypasg von 1820 und 1828 ; grössere 1824 und 1831 — zwischen 
Knapp und Rec, aber 1840 und 1841 neu bearbeitet von A. Hahn, welcher sich 
in einer eigenen Asg 1861 mit unsicheren Schritten zuweilen Lachmann, Tischen- 
dorf und Tregelles näherte). Noch conservativer als Tittmann war die Handasg 
von Vater (1824), deren kritisch-exegetische Anmerkungen nicht besser sind 
als der meist elzevierische Text. Wesentlich Nachdrucke Knapp's lieferten 
C. Ch. von Lbutsch (1828) und A. Göschen (1832). 

An der katholischen Theologie waren bisher diese Bemühungen fast spur- 
los vorübergegangen, wie noch die Asgn von Gratz (gibt Complut. Tübingen 
1821, Mainz 1827 und 1851) und von Leander van Ess (1827 — ruht auf den 
beiden vom Papst bestätigten Editioues principes, zuweilen erscheint Griesbach) 
beweisen. Das allein in Betracht kommende Werk liefert ein Schüler Hug's, 



m. Kap. : Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 77 

AuGüSTiN Scholz in Bonn, welcher (nach Tischendorf-Gregory S 197 itineribus 
praeclarior quam doctrina) den kritischen Apparat bereichert hat, indem er 
Hunderte von griechischen Handschriften, deren Abfassung freihch nicht vor 
das 10. Jahrh. fällt, durchsah und verglich. Zuerst erschienen Curae criticae in 
historiam textus evangeliorum (1820), dann die „Biblisch-kritische Reise" (1823), 
endlich (1830) die Prolegomena zu seiner Asg (2 Bde 1830 — 36). Auf der Basis 
des Rec. arbeitend, unterscheidet er einen alexandrinischen Text, in welchem er 
orientalische und occidentalische Handschriften zusammenwirft, und einen asiati- 
schen oder byzantinischen. Alle Uncialen gehören zu jenem, welcher später 
auch in das Abendland gekommen sein und durchaus den Charakter willkür- 
licher grammatischer Aenderung an sich tragen soll. Bei "Weitem den Vorzug 
verdiene desshalb der andere, dessen Zeugen nur sehr wenig von einander ab- 
weichen, da er von den Urgemeinden selbst über Kleinasien nach Griechenland 
übermittelt und seit dem 4. Jahrh. gewissenhaft conservirt worden sei; die 
wenigen Varianten sollen aus den von Alexandria nach Konstantinopel ge- 
brachten Handschriften herrühren. Aber von dem abgesehen, was schon gegen 
das verwandte System Matthäi's bemerkt wurde, ist es wenigstens unerweislich, 
dass Handschriften von Alexandria auch nach Rom kamen. Grammatische 
Verschlimmbesserer sind nicht blos zu Alexandria zu Hause gewesen, und der 
Unterschied zwischen dem occidentalischen und dem alexandrinisch-orien talischen 
Text kann nicht einfach ignorirt werden ; ebensowenig die Autorität der Ueber- 
setzungen und Väter. Es haben daher Vater, Gabler, Eichhorn, de Wette, 
Tischendorf bei uns, in England Scott Porter, Tregelles, Scrivener diese Theorie 
verworfen, welcher schliesslich auch der Urheber selbst entsagte (1845). Sein 
mit grosser Leichtfertigkeit zusammengestellter Text weicht übrigens von dem- 
jenigen Griesbach's gar nicht so sehr ab, wie man glauben sollte, da er von 
ihm die Autoritäten, in der Eile selbst Citate eigener Werke Griesbach's („uti 
docuimus in Symbolis criticis") abschreibt. Gegen Scholz hat sich neuerdings auch 
der bedeutendste katholische Specialforscher erklärt, der Abbe J. J. P. Martin in 
seiner 1884—86 erschienenen Introduction ä la critique textuelle du NT (Partie 
theorique in 1 Bd, Partie pratique in 5 Bdn, dazu als Supplement die werth- 
volle Description technique des manuscrits grecs relatifs au NT conserves dans 
les bibliotheques de Paris). 

Dem neutest. Text hatten bisher nur einzelne Philologen von Fach, wie 
Grotius, Bentley, Sturz, Wyttenbach ihre Studien zugewandt. Jetzt unternahm 
auf Anregen seines Berliner Collegen Schleiermacher der berühmte Latinist und 
Germanist Karl Lachmann eine Textrecension in rein diplomatischer, dem 
Stande der von der gleichzeitigen classischen Philologie geübten Methode ent- 
sprechender Weise. Im Grunde ging er auf die kritischen Maximen Richard 
Bentley 's zurück, wie aus der Rechenschaft erhellt, welche er über seine Grund- 
sätze erstattete (St Kr 1830 S 817 f. 1835 S 570 f). Er unterscheidet blos 
occidentalische und orientalische Zeugen. Als occidentalische gelten ihm Itala 
(a b c), der lateinische Irenaeus, ferner Tertullian, Cyprian, Hilarius, Lucifer, die 
Uebersetzung des Hieronymus und die Codices D sammt Laudianus und Boer- 
nerianus ; als orientalische Origenes und die Codices ABC, auch Coisliuianus 
und einige Fragmente zu den Evglien. Stimmt die Lesart in beiden Reihen 
überein, so ist sie unbedingt vorzuziehen; differiren die orientalischen Zeugen 
untereinander, so behält diejenige Variante den Sieg, welche mit dem occiden- 
talischen Text stimmt. Byzantinische Zeugen werden als irrelevant gänzlich 



78 Geschichte des Textes. 

ignorirt. Damit war das Recensionssystem eigentlich aufgegeben und zur Auto- 
rität der ältesten Uncialhandschriften zurückgekehrt. Seither gelangten daher 
selbst Lesarten zur Anerkennung, welche sich nur in wenigen Uncialen und in 
so gut wie keinen Minuskeln finden. Durch fast ausschliessliche Befolgung einer 
geringen Anzahl ältester Manuscripte glaubte Lachmann zwar keineswegs den 
Text der Autographen herzustellen; aber doch „die älteste Lesart unter den 
erweislich verbreiteten", wo möglich „die gebilligste Lesart des Orients" wollte 
er geben — ein NT, wie es ungefähr in den Zeiten des Hieronymus aussah. 
In der That legte er einen Text vor, welcher mindestens 100 Jahre älter als 
der Durchschnittstext ist und von diesem mehr als irgend eine bisher gesehene 
Asg abweicht, so dass die Dogmatiker erschraken und die Exegeten fortfuhren, 
sich nur mit Grriesbach zu befassen. Ueberdies war die 1. Asg von 1831, 1837 
und 1846 wiederholt, flüchtig gearbeitet, der Text ohne allen Zeugenbeweis ein- 
fach hingestellt und blos am Schlüsse die Abweichungen von Rec. aufgezählt. 
Auch fand man, es seien auf diesem "Wege Schreibfehler und alexandrinische Formen, 
wofern sie nur altbezeugt gewesen, mit abgedruckt worden. In diesem Sinne 
wurde Lachmann besonders von C. F. A. Fritzsche (De conformatione NT cri- 
tica quam L. edidit 1841) scharf, aber ohne Verständniss für die Aufgabe kri- 
tisirt. Lachmann besorgte daher im Verein mit dem Berliner Prediger Philipp 
Buttmann (junior) eine neue grössere Asg (NT graece et latine, 2 Bde 
1842 — 50). Den Zeugennachweis hatte der Mitarbeiter geschickt hinzugefügt; im 
Ganzen aber waren nur wenige Aenderungen und zwar zu Gunsten von Rec. an 
der früheren Asg angebracht. Im Uebrigen fällt sofort die Sorglosigkeit auf, 
mit welcher A trotz Griesbach und Hug ganz für die orientalische Classe in 
Anspruch genommen wird, während doch von der Richtigkeit der Uebertragung 
der (^lasseneintheilung auf bestimmte Documente "Werth und Bedeutung des 
ganzen Prinzips und seiner Ausführung abhängen. In Bezug auf B C und 
Claromontanus lagen nicht einmal documentliche Asgn vor; Lachmann kannte 
sie nur auf Grund fremder und ungenügender CoUationen, so dass ihm bezüglich 
B, dem er nur zu oft ganz ausschliesslich folgt, Irrthümer in Masse begegneten. 
Der Gebrauch, welcher von Vätern oder gar Uebersetzungen gemacht wird, 
ist gleichfalls ein überaus spärlicher. Mindestens ist der Apparat für die 
ganze Operation in zu geringem Grade theils vorhanden gewesen, theils benutzt 
worden. 

Jetzt erschienen wieder Handasgn secundären Werthes, darunter besonders 
die Tauchnitzer Stereotypasgn von Theile (1844, die letzte von ihm selbst aus- 
gehende ist die 5. von 1854; die 11. besorgte 0. von Gebhardt, mit Berück- 
sichtigung von Tischendorf und Tregelles 1875, 14. Asg 1885) eine grosse Ver- 
breitung gefunden haben und den Fortschritt des eigentlichen Schultextes seit 
Knapp erkennbar machen. Derselbe veranstaltete auch eine griechisch-deutsche 
(1852) und eine griechisch-lateinische Asg (1854 und 1862, neu von Gebhardt 
1880), zusammen mit Stier seit 1845 eine griechisch-lateinisch-deutsche Poly- 
glotte mit veraltetem Text (das NT 5. Afl 1875, seit 1855 auch enghsch). Mit 
Vulg. zusammen edirte Reithmayr einen zwischen Griesbach und Lachmann 
stehenden, zugleich aber auch von der 3. Asg Tischendorfs beeinflussten Text 
(1847). Wenn schon Lachmann hauptsächlich mit Cod. B operirt hatte, so 
unternahm jetzt der Schweizer Eduard von Müralt ein NT ad fidem codicis 
principis Vaticani (Editio minor 1846, Editio major mit vollständigem Apparat 
1848 und mit einem Recensus der 1552 mal vorkommenden Abweichungen von 



m. Kap.: Die G-eschichte des gedru^^-^^^en und recensirten Textes. 79 

Mai's Vaticanus 1860). Er hatte aber den Codex nur 9 Stunden lang prüfen 
können, seine neuen russischen Quellen sind illusorisch, und wo B versagt, kehrt 
er zum Rec. zurück. Erfolgreicher war die von dem schon genannten Philipp 
Buttmann besorgte Asg von 1856 (wiederholt 1860, 1864, 1865, 1874), welche 
nur wo B ausgeht sich auf A zurückzieht, übrigens den authentischen Text des 
NT überhaupt geben will. Dagegen beschränkt sich die mit uncialförmigen 
Typen gedruckte Asg von 1862 darauf, den echten Cod. B herzustellen, wo nicht 
ein offenbarer Fehler statt hat, welcher Grundsatz bei der so unvollkommenen 
Kenntniss des vaticanischen 'Textes zu einer Reihe von puren Willkürlichkeiten 
führen musste. Abdrucke des 5. (das NT enthaltenden) Bds der Mai'schen Asg 
des Vaticanus veranstalteten gleichzeitig mit Vercellone (1859) in London die 
Firma Williams und Norgate einerseits, D. Nutt andererseits : Unternehmungen, 
welche selbstverständlich sämmtlich durch die später erfolgenden Asgn des Codex 
(vgl. S 42) antiquirt sind. Fast das gleiche gilt von dem NT ad fidem codicis 
Vaticani, welches 1860 die Leidener Professoren Kuenen und Cobet besorgten, 
indem sie die meisten etymologischen und syntaktischen Eigenthümlichkeiten 
als von ungebildeten Abschreibern herrührend ohne Weiteres entfernten und 
durch classische Wortformen ersetzten; schon hier ist übrigens Mai vielfach 
verbessert worden. Endlich veröffentlichte der katholische Theologe Loch zu 
Regensburg zugleich mit Vulg. ein zumeist mit Buttmann stimmendes NT nach 
B, beziehungsweise A (1867). 

AVährend in Holland Jakob Isaak Doedes die Autorität der alexandri- 
nischen Uncialen mit Erfolg gegen den Rec. aufrief (Verhandeling over de tekst- 
kritiek des Nieuwen Verbonds 1844), schien in Deutschland ein Rückschlag be- 
vorzustehen, als J. G. Reiche nicht blos den alten Textrecensionen Wahrheit 
und Bedeutung absprach (Codicum mss. NT graecorum aliquot insigniorum in 
bibliotheca regia Paris, asservatorum nova descriptio et cum textu vulgo recepto 
collatio 1847), sondern auch mit einem Commentarius criticus in NT (3 Bde 
1853—62) herausrückte, welcher gegen Griesbach und Lachmann den herge- 
brachten Text in der Mehrheit der streitigen Fälle in Schutz nahm und sogar 
wieder dem Ideale der genuina et vera scriptura nachjagte, deren Elemente 
ebensogut wie in den alten Uncialen auch in späteren Minuskeln enthalten sein 
können. Andererseits machte Paul de Lagarde das Gewicht der Uebersetzungen, 
sowohl der lateinischen als auch namentlich der morgenländischen geltend, in 
welchen er die noth wendige Ergänzung der UncialautoritätenLachmann's fand (DeNT 
ad versionum orientalium fidem edendo. Gesammelte Abhandlungen 1860, S 85 f). 

Die Textgeschichte nahm freilich zunächst einen ganz anderen Weg. Als 
ersten Einsatz lieferte der 25jährige Constantin Tischendorf 1841 ein NT graece 
(Leipzig bei Köhler), welches sich den kühn vorstrebenden Asgn von Mace, 
Harwood und Lachmann mit einigen ganz neuen Lesarten anreihte, so dass Tischen- 
dorfs erstes Auftreten auf die Welt den geradezu entgegengesetzten Eindruck 
machte, als derjenige gewesen ist, unter dem er 1849 und 1859 fast als von 
Reiche beeinflusst erscheinen konnte. Schon 1842 folgten 2 neue Asgn in Paris, 
deren eine, dem Minister Guizot gewidmet, zwar den Text der Evglien hier 
und da noch bestimmter auf die ältesten Codices zurückführt, daneben aber auch 
auf dem Rückzug zu Griesbach, ja sogar zum Rec. begritfen ist, während die 
andere (Editio catholica), dem Erzbischof Affre zugeeignet, unter Zurückstellung 
aller kritischen Grundsätze einen möglichst mit Vulg. stimmenden, etwa das 
griechische Original derselben darstellenden, Text geben möchte, welchen daher der 



gQ Geschichte des Textes. 

Herausgeber Didot auch noch viermal (1842—59) wiederholt hat. Seither waren 
30 Jahre unausgesetzten Wirkens der Erforschung und Herstellung des griechischen 
und lateinischen Bibeltextes gewidmet: zahlreiche Reisen führten ihn wiederholt 
nach Holland, England, Frankreich und Italien, dreimal in den Orient. Die 
meisten Uncialen sind erst durch ihn für die Textkritik recht verwerthbar 
geworden. Einige wie K hat er überhaupt erstmalig dem Staube orientalischer 
Bibliotheken entrissen, andere wie N zum erstenmale zum kritischen Gebrauche 
herangezogen; wie die genannten, so verdanken ihm auch die Codices Vaticanus, 
Ephraemi, Claromontanus, Laudianus, Parisiensis L, die Guelferbytani und manche 
kleinere Stücke die besten Editionen. Keiner seiner Vorgänger erreichte ihn 
aber auch an Glück und Erfolg; er hat es trefflich verstanden, die Welt fort- 
während in Athem zu erhalten und mit den gewonnenen Ergebnissen zu be- 
schäftigen, auf künftige zu spannen. Theilweise konnten die Ergebnisse solcher 
Bemühungen schon Verwendung finden in der 4. kritischen Asg 1849 (Leipzig, 
Winter), der ersten, die von eingreifender Bedeutung gewesen ist. Hier ist der 
vorgeschobene Standpunkt Lachmann's entschieden verlassen. Ausflüsse dieser 
conservativen Asg stellen dar einerseits die 5., d. h. die seit 1850 (Leipzig, 
Tauchnitz) erscheinenden Stereotypasgn (1862, erst seit 3. Asg 1873 einen neuen 
Text bietend; 9. Asg 1884 mit correctestem Druck), andererseits seit 1851 die 
Synopse (1854, mit erneuertem Text 1864, 5. Afl 1884). Als 6. Asg gilt das NT 
triglotton (bei Mendelssohn in Leipzig) von 1854 (wiederholt 1865), daraus die Editio 
academica seit 1855floss (erst seit 7. Asg 1873 einen neueren Text bietend, 14. Asg 
1884). Dieselbe Textform repräsentiren auch eine griechisch-lateinische (1858, 2. Afl 
1885) und eine griechisch-deutsche Asg (1864). Ein Neues stellt erst die, übrigens 
gleichfalls noch die Rückzugslinie innehaltende, an etwa 1300 Stellen vom Texte von 
1849 abweichende 7. Asg dar, welche 1859 in doppelter Form (major und minor) 
an's Licht trat (bei Winter). Einen weit vorzüglicheren, an etwa 3500 Stellen von 
dem von 1859 abweichenden, Text liefert die 8. Asg (Editio major, Leipzig 
Giesecke und Devrient, 2 Bde 1869 — 70 ; Editio minor, Bd 1 bei Mendelssohn 
1872; Bd 2 bei Hinrichs 1877). Den gleichen, die vulgären Lesarten nicht minder 
beseitigenden Text bietet auch die Handasg von 1873 und 1880 (NT gr. ad 
ed. Vni conformavit lectionibusque Sinaiticis et Vaticanis item Elzevirianis 
instruxit, bei Brockhaus). Der Vorzug des Textes von 1869 an beruht theils auf 
der mittlerweile erfolgten Entdeckung des Cod. i<, theils auf jetzt erst ermöglichter 
Zuverlässigkeit der Benutzung von Cod. B. Wie gross der Einfluss namentlich 
des ersten, von dem Entdecker im Ganzen überschätzten, Zeugen gewesen ist, 
ergibt sich aus Vergleichung der 8. mit der 7. Asg. Zusammengehalten mit den 
früheren von 1841 und 1849 stellen beide zugleich die Veränderlichkeit des 
Tischendorfschen Textes überhaupt ans Licht. Da die Differenzen keineswegs 
immer durch erhebliche Erweiterung des kritischen Apparates bedingt sind, 
constituirt der Spielraum, welcher der Wahrscheinlichkeitsrechnung, überhaupt 
dem subjectiven Moment bei Anwendung der kritischen Regeln gegönnt wird, 
einen bemerklichen Gegensatz zu Lachmann. Allerdings ist Tischendorf zuletzt 
zu einem objektiven Verfahren zurückgekehrt. Aber das Ziel, ein NT etwa 
vom Jahr 200 herzustellen, war an sich unerreichbar, wenn der gegenwärtige 
Umfang des Kanons festgehalten werden sollte, und auch das alexandrinische 
Sprachcolorit, welches Tischendorf nicht ohne Grund (vgl. Prol. zur 8. Asg 
S 64 f) aus den Uncialbibeln beibehalten hatte, will nicht auf Jedermann den 
Eindruck urapostolischer Orthographie und Grammatik machen. Man kann 



in. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 81 

fragen, wie weit er die Väter, die er anfuhrt, studirt, die Uebersetzungen, mit 
denen er operirt, gelesen hat. Immerhin bleibt dem Leipziger Professor der 
Ruhm, in seinem Fache fast ein Menschenalter lang der Erste gewesen zu sein, 
den kritischen Apparat in unvergleichlich erfolgreicher "Weise erweitert (Monu- 
menta sacra inedita 1840; Nova Collectio, 7 Bde 1855 — 71) und in einer Form 
dargeboten zu haben, die ihm alle neutest. Forscher der Gegenwart zu Dank 
verpflichtet. Sein Werk aber haben in würdigster Weise fortgesetzt und voll- 
endet Oskar von Gebhardt, der seit 1876 die Stereotypasgn besorgte und 
im NT gr. recensionis Tischendorfianae ultimae 1881, 2. Afl 1884 ein untadel- 
haftes Instrument zum Handge])rauch schuf (zugleich als Diglotte, die an Stelle 
derjenigen Theile's von 1852 treten soll), und Caspar Rene Gregory, welcher 
in Verbindung mit seinem amerikanischen Landsmann Ezra Abbot (f 1884) 
die Prolegomenen als Bd 3 zur 8. Asg lieferte (seit 1884). 

Nach Tischendorfs textkritischen Grundsätzen (erläutert StKr 1842, 
S 499 f. RE 1. Afl II, S 167, 169, 182 f. XIX, S 188. 2. Afl H, S 409 f, 429, 
434 f und in den Prolegomenen, zuletzt 8. Asg III, S 45 f, 193 f, 284 f) wären 
zu unterscheiden eine alexandrinische Classe von Zeugen repräsentirt von J< 
ABC, aber nirgends rein erhalten ; eine lateinische, repräsentirt von Itala und 
Codices wie F G für Plsbriefe; eine asiatische, in Griechenland und Kleinasien 
gebraucht, repräsentirt für die Evglien von E F G H K, aber nirgends rein 
erhalten ; eine byzantinische, später im Kaiserstaat verbreitet. Diese Unterschiede 
sollen am meisten für die Evglien, für die kath. Briefe weniger als für die 
paulinischen, am wenigsten für Apc Geltung besitzen. Selbstverständlich müssen 
die Lesarten der 4. Classe den übereinstimmenden der 1. und 2. weichen. Wo 
mit ältesten Codices zugleich die Uebersetzungen und Väter stimmen, herrscht 
ein so hoher Grad von Zuversicht, dass Tischendorf sich unter Umständen sogar 
mit einer einzigen Unciale begnügt wie K oder B. Und sel])st diesen zum 
Trotze bewegt ihn die Uebereinstimmung der älteren alexandrinischen Väter 
mit Itala und Syr. Cur. Mt 5, 4. 5 umzustellen, wofür unter den Uncialen nur 
D spricht. So strebt er überhaupt, indem er Fehlem der Abschreiber, Har- 
monisirungsversuchen und gelehrten Emendationen schon in den ältesten Codices 
nachspürt, nach einem Texte, der selbst diese an Alter noch überragen und 
womöglich gleichzeitig mit Irenäus sein soll. Ueberhaupt vermischt er wieder 
die Aufgaben der von Lachmann unterschiedenen recensirenden und der emen- 
ilirenden Kritik, sofern die Anwendung seiner textkritischen Grundsätze durch 
die Concurrenz der bewährtesten Grundsätze der inneren Kritik ])escliränkt 
<rscheint. 

Im Wesentlichen stimmt damit auch Hh^genfeld, wenn er den abend- 
ländischen Text vom morgenländischen, in jenem wieder den italienischen vom 
afrikanischen, in diesem den alexandrinischen vom antiochenischen unterscheiden 
und aus beiden letzteren den byzantinischen ableiten will (Einl. S 813), während 
sich Reuss, wenn er nur alexandrinische, konstantinopolitanische und occiden- 
talische Gruppen unterscheidet (II, S 103 f), schon an Tregelles anschliesst. 

6. Die englische Arbeit der Gegenwart. 
Neuestens ist die NTliche Textkritik wieder in ihr altes Vater- 
land England zurückgekehrt und hat durch Tregelles, Westcott 
und Hort einen hohen Grad von Vollendung und Sicherheit erreicht, 
was freilich nicht ausschliesst , dass ein negatives Resultat (gemein- 

Holtzmann, Einleitaiig. 2. Auflage. Q 



Q2 Geschichte des Textes. 

same Abkehr vom Eec.) das Maass der Uebereinstimmung in posi- 
tiven Errungenschaften noch vielfach überbietet. Allgemein aber ist 
die Ueberzeugung durchgedrungen, dass ein methodisch correcter 
Weg gefunden ist, auf welchem das Ziel annäherungsweise, d. h. 
vor Allem auch so erreicht werden kann, dass sich zuweilen zwei 
gleichwerthige Lesarten zur Auswahl bieten. 

In England und Amerika war lange am verbreitetsten der werthlose Text 
von Samuel Thomas Bloomfield (1832, 9. Asg 1855, 12. Handasg 1870 in 
London, 14. amerikanische Asg. 1868). Selbstständiges leistete Henry Alford 
(4 Bde, 1849 — 61, 2 Asg seit 1854, seit 1869 auch Handasgn, in Amerika zu- 
letzt 1880), und schon theilweise auf dem Wege von Tregelles begriffen ist 
Th. Sh. Green (The twofold testament 1865 mit Appendix 1871). Während 
in Deutschland Tischendorf vor den Augen des weitesten Publikums und unter 
hoher Protection seine Triumphe feierte, strebte jenseits des Canals einem gleichen 
Ziele in Armuth und Dunkelheit nach der Darbyst Samuel Prideaux Tregelles 
(f 1875), welcher, nach 20jähriger Vorbereitung in An Account of the printed 
text of the Greek New Testament (1854) und in seiner, zu Horne's Einleitungs- 
werk (Asg 10, Bd 4) gehörigen, Introduction to the textual criticism of the 
New Testament (1856, 3. Asg 1862) die Grundsätze entwickelte, nach welchen 
er in der Nachfolge Bentley's und Lachmann's den Text so nahe als möglich 
an die apostolische Zeit heranzurücken gedachte. Er unterscheidet im All- 
gemeinen alexandrinische und byzantinische, in angezeigten Fällen auch occiden- 
talische Handschriften. Neben den älteren Uncialen und einigen werthvollen 
Minuskeln bilden die Kirchenväter bis Eusebius und die Uebersetzungen der 
patristischen Epoche seinen Apparat. Leider konnte die römische Asg von B 
und Tischendorfs 5< erst im apostolischen Theile zu Rathe gezogen werden. 
Denn The Greek New Testament edited from ancient authorities erschien sehr 
allmählig (Mt und Mr 1857, Lc und Joh 1861, Act und kath. Briefe 1865, 
Plsbriefe 1869 — 70; Apc, von Tregelles schon einmal 1844 bearbeitet, musste, 
nachdem er erblindet war, von Freunden nachgeliefert werden 1872) ; die Prole- 
gomena wurden 1879 von Hort und Streane beigefügt und damit das Werk 
abgeschlossen. 

Im Gegensatze zu ihm hat F. H. A. Scrivener, von dessen Verdiensten 
um das textkritische Material gelegentlich die Rede war (S 42 f ), in dem Werk 
A piain introduction to the criticism of the NT (1862, 3. Afl 1884) die Grund- 
sätze einer sog. comparativen Kritik entwickelt, welcher zufolge an die Stelle 
einseitiger Bevorzugung der Uncialen vielmehr der gesammte Zeugenbestand 
verglichen und abgeschätzt werden muss; relative Sicherheit besteht nur da, 
wo alle Zeugen für den Evglientext bis zum 6., für den apostolischen bis zum 
9. Jahrh. übereinstimmen-, wo die älteren Uncialen differiren, sind die jüngeren 
sammt den Minuskeln als zum Theil Abschriften älterer, verloren gegangener 
Manuscripte zu Rath zu ziehen; ein besonderes Gewicht muss auf solche Les- 
arten gelegt werden, welche zugleich auf verschiedene, räumlich von einander 
entfernt und selbstständig dastehende Quellen zurückgehen. Obgleich daher der 
Gedanke der Familien von Handschriften als unzuverlässig ])ezcichnet wird, 
läuft schliesslich auch diese Theorie wieder hinaus auf Unterscheidung eines 
occidentalischen, in Africa, Norditalien, Gallien verbreiteten, eines ägyptischen 



III. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 83 

und eines syrischen, späterhin konstantinopolitanischen Textes. Unter allen 
Umständen hat Scrivener das relative Recht der jüngeren Handschriften wirksam 
vertreten und eine Menge derselben erstmalig verglichen. Aehnhch hat sein 
Gresinnungsgenosse Bürgon Mr 16, 9 — 20 (The last 12 verses of the gospel 
according to Mr 1871) und hat gelegentlich auch Field andere Stellen, wie 
Rec. von Lc 2, 14 mit 'Mitteln von „internal evidence" vertheidigt (Otium 
Norvicense III, 1881). 

Gleichzeitig und im Zusammenhange mit der Vollendung der Revision 
der englischen Bibelübersetzung (The New Testament, revised a. d. 1881) er- 
schienen zwei darauf bezügliche griechische Asgn. Die erste mit den zu der 
Revision passenden Lesarten von Scrivener (Te NT in the original Greek 
according to the text foUowed in the authorized version together with the 
variations adopted in the revised version), welche das Verhältniss der in den 
Uebersetzungen von 1611 und 1881 befolgten Texte ebenso klar hervortreten 
lässt, wie seine vorangehenden Asgn (NT textus Stephanici seit 1859, 8. Asg 
Cambridge 1877, New- York 1879) mit ihrer reichen Variantensammlung ein 
bequemes Mittel geboten hatten, um sich über das Verhältniss des Rec. zum 
heutigen Text zu informiren. Die zweite vom Archidiaconus E. Palmer (The 
greek Testament with the readings adopted by the Revisers), der gleichfalls den 
Text der Regia bietet mit Noten, welche die von der Revision beseitigten oder 
aber zur Wahl an den Rand gestellten Lesarten bringen (Scrivener setzt die 
neuen. Palmer die alten Lesarten an den unteren Rand). Endlich haben im 
gleichen Jahr 1881 die beiden bedeutendsten Vertreter der neutest. Textrevision 
Brocke Foss Westcott und Fenton John Anthony Hort ihre Epoche machende 
Asg veröffentlicht (The New Testament in the original Greek, London und 
New- York; 2 Handasgn London und Cambridge 1885). Die seit 1853 vor- 
bereitete Leistung der Cambridger Professoren besteht aus einem Textbd, einem 
Bd mit kritischem Apparat (Introduction) und einer Appendix, darin eine Reihe 
von einzelnen Stellen besprochen, die bei der Orthographie befolgten Grund- 
sätze entwickelt werden u. s. w. Wie die Asg von Tregelles, so unterscheidet 
sich von Tischendorf auch diese neueste schon äusserlich dadurch, dass die Un- 
sicherheit der Entscheidung in Fällen, da nahezu gleichwerthigc Formen der 
Ue])erlieferung vorliegen, durch Einklammerung der betreffenden Wörter im 
Text oder durch Beisetzung von Varianten am Rande zu Tage tritt (alternative 
Lesarten). Doppelklammern bezeichnen schon frühzeitig in den Text ein- 
gedrungene Interpolationen, zumal solche, durch welche der morgenländische 
und der abendländische Text sich charakteristisch gegenübertreten. Andere 
Zeichen führen solche Varianten specifisch oc<?identalischen Gepräges ein, welche 
zwar auf keinen Fall zum ursprünglichen Text gehört haben können, aber doch 
das Nachdenken des Kritikers oder Exegeten zu beschäftigen geeignet sind 
oder sie deuten auf eine alte und zugleicli wohl richtige Conjectur hin oder sie 
machen sonstige Emendationsvorschläge, wo Textverderbniss vorausgesetzt wird. 
Eine erhebliche Bereicherung des Materials liegt hier nicht vor. Was gleich- 
wohl diese Asg vor allem ])isher auf diesem Gebiete dagewesenen auszeichnet, 
das ist „die systematische, in solchem Umfange bisher unerreichte Verwerthung 
der Tcxtgcscliichte zur Classificirung und Abschätzung der verschiedenen Zeugen 
und die consequcutc Handhabung der so gewonnenen Grundsätze bei Ausführung 
der kritischen Operation" (0. von Gebhardt in seiner Diglotte S VII). Diesem 
Systeme nach wäre zu unterscheiden: 1) neutraler Text, am längsten erhalten 

6* • 



84 Geschichte des Textes. 

durch den sorgfältigen Betrieb der alexandrinischen Abschreiber (B, weniger 
schon t<); 2) westlicher Text, aus dem nordwestlichen Syrien schon früh nach 
Rom gebracht und von da im Abendlande verbreitet, während er im Osten 
verschwand; gekennzeichnet durch immer weiter gehende Bereicherung mit 
freien Zuthaten, Paraphrasen, Erklärungen (beide D, zuweilen auch J<, G für 
Plsbriefe, altlateinische und altsyrische Uebersetzungen, Justin, Irenäus, Hippolytus, 
Methodius, Eusebius:-, 3) alexandrinischer Text, in welchem der neutrale, seit 
etwa 200, dem Streben nach sprachlicher Correctheit Concessionen macht, aber 
auch mit Anfängen zur Paraphrasirung und Harmonisirung (zuweilen K, A im 
apostolischen Theil, L theilweise, Origenes bis Cyrill, niederägyptische Ueber- 
setzung); 4) syrischer Text, ruhend auf zwei 250 — 350 (Lucian?) veranstalteten 
Recensionen mit der Tendenz auf Deutlichkeit und Vollständigkeit, ein stark 
emendirter, mit westlichen und anderen Lesarten gemischter Text, der seit 
Chrysostomus nach Konstantinopel und von da aus zur Alleinherrschaft gelangte; 
aus Quellen geflossen, die wir sämmtlich kennen, daher in seinen Eigenthümlich- 
keiten werthlos (A im evangelischen Theil, die meisten Uncialen, schon C bietet 
eine Art Durchschnittstext; spätere Uebersetzungen, in ihrer jetzigen Gestalt 
selbst Peschito, dazu die grosse Mehrzahl der Handschriften, alle Cursive). Im 
Anschlüsse an dieses System veröffenthchte in New- York Ph. Schaff das, zu- 
nächst der Rechtfertigung und Empfehlung der englisch-amerikanischen Bibel- 
revision dienende, Sammelwerk A companion to the Greek testament and the 
english version 1883, 2. Afl 1885 (vgl. S 208 f den Abschnitt über „die genea- 
logische Methode" aus der Feder B. B. Warfield's). 

Aber was helfen alle Bemühungen um Herstellung eines möglichst correcten 
und lesbaren Textes, wenn dieselben für die theologische Praxis, ja selbst für 
den Schulbetrieb der Theologie nicht fruchtbarer gemacht werden können, als 
dies bisher der Fall war? Noch immer verbreitet die grosse britische Bibel- 
gesellschaft für massigen Preis und in hübscher Ausstattung einen Text, zu 
dessen Gunsten nichts angeführt werden kann, als dass er mit mehr oder 
weniger Fehlern und willkürlichen Aenderungen schon sehr oft gedruckt worden 
ist. Die britische Bibelgesellschaft druckt seit 1856 zu Köln lediglich die Cam- 
bi-idger Asg des Professors Jowett (erschien zuerst 1843 ) ab, welcher den fast 
gänzlich unveränderten, nur nicht correct reproducirten Rec. gibt, wie er in 
Deutschland schon seit Griesbach überwunden ist (so noch 1876 in Köln, 1877 
in London). In dieser Gestalt besitzt der griechische Text des NT zur Zeit 
die grösste Verbreitung (vgl. C. Bertheau ThLz 1877, S 102 f. 1882, S 553 fj. 
Einige wenige Anzeichen einer Wendung zum Besseren sind vorhanden. Sorg- 
fältigeren Druck bietet das für die genannte Gesellschaft zu Berlin erschienene 
„griechisch-deutsche N. Testament'* (seit 1864) in seiner 3. Asg (1880). Die privi- 
legirte Bibelanstalt in Stuttgart Hess schon in ihrer Diglotte (1853) den griechischen 
Text wenigstens nach Stier und Theile abdrucken, und die Basler Bibelgesellschaft 
wagte ein NT zum Gebrauche für Neugriechen herzustellen, dessen Text Antistes 
Stockmeyer und Professor Riggenbach nach Tischendorf frei redigirt und mit 
Varianten versehen hatten ('H xatvTj Sia^WjxT] xaxa xa äpy^ciioxaxrx avtiYP'^T« 
Exooi^slaa 1880). Dem allgemeineren Bibelgebrauche sind gleichwohl Arbeiten 
der Textkritik bisher fast nur in England und Amerika zu Gute gekommen, in 
Folge der Sachkunde und Aufrichtigkeit von Mitgliedern der Revisionscommission 
wie Tregelles, Westcott, Hort, Ellicott, Stanley, Lightfoot, Wordsworth, Alford, 
Scrivener u. A. diesseits, Ezra Abbot, Ph. Schaff u. A. jenseits des Ozeans. 



m. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 85 

7. Erträgnisse der textkritischen Bemühungen. 

I. Allgemeine Unterscheidungen. 

Der vorhegende Thatbestand führt auf die Annahme, dass sich 
Abweichungen vom Urtext zunächst nach rein zufälhgen Motiven 
ergeben haben. Mit der Zeit aber machten sich bestimmte locale 
Gesichtspunkte geltend. Der Gang, welchen das Christenthum bei 
seiner Ausbreitung nahm, die Abhängigkeit mehrerer Gemeinden 
von einer Mutterkirche, der Ruf eines Exemplars, eines textverstän- 
digen Gelehrten, eines Abschreibers, einer Bibliothek einerseits, der 
in den einzelnen Kirchenprovinzen herrschende Sprachgeist und Ge- 
schmack andererseits — dies Alles trug dazu bei, dem Texte all- 
mälig eine locale Färbung zu verleihen. Erst seit der 2. Hälfte 
des 3. Jahrb. wird dieser Prozess nachweisbar. Dagegen steht selbst 
noch der Text von ?< in einer auffälligen Verwandtschaft zu Itala, 
mit welcher von der anderen Seite her sich die nitrische Handschrift 
der syrischen üebersetzung und Tatian's Diatessaron vielfach be- 
rühren — Erscheinungen, welche auf die Existenz eines dem ur- 
sprünglichen Bestände sich nähernden, zu den späteren, local beding- 
ten Differenzen neutral sich verhaltenden Textes hinweisen. Auch 
Peschito stimmt vielfach mit Itala überein, z. B. in Bezug auf die 
Hebraismen, .an welchen man im Abendland und in Syrien weniger 
Anstoss nahm als in Alexandria; dort weil man das Griechische 
weniger verstand, hier weil die Landessprache solche Erscheinungen 
erklärte; in die syrische Version gehen daher Hebraismen einfach 
über, welche in der lateinischen sklavisch nachgeahmt werden. Da 
nun aber, wie schon Hieronymus fand, manche Lesarten des Ori- 
genes, vorher auch des alexandrinischen Clemens, mit den occiden- 
talischen Handschriften stimmen, da femer die beiden Exemplare, 
aus welchen gleichzeitig ^< und B geflossen zu sein scheinen, immer- 
hin in das 3. Jalirh. zurückreichen dürften, da wir endUcli überhaupt 
in N und B einen älteren, in A und C einen jüngeren alexandrini- 
schen Text voraussetzen dürfen, so wird noch in der Mitte des 
3. Jahrh. der zu Alexandria gelesene Text sich nicht so weit, wie 
später, von dem abendländischen und syrischen Text entfernt haben. 
Vor dem syrischen ist er aber auch durch Eusebius nach Byzanz 
gedrungen und erste Grundlage des dortigen Textes geworden. 
>amit hängt die Charakterdifferenz der Familien zusammen. Die 
|ccidentalischen "Lesarten hebraisiren mehr, enthalten' aber zugleich 
fcuch mehr sachliche Glossen, exegetische Erläuterungen und vor 
lern Zuthaten und Erweiterungen. Sprachlich dagegen war der 



86 Geschichte des Textes. 

Text im Occident, wo man das Original nicht ohne Weiteres ver- 
stand, weniger bearbeitet ; wogegen die orientalischen Handschriften 
mehr derartige Verbesserungen aufweisen. Auch war der Text im 
Orient schon desshalb mehr Veränderungen ausgesetzt, weil er hier 
mehr Abschriften fand. Bei der Beurtheilung beider Familien kann 
darum das Richtige unter Umständen auf keiner Seite mehr liegen. 
So z. B. 1 Cor 15, 51, wo bis auf Origenes gelesen wurde Tudvcsc 
00 %ot[i7]^Y3aö{JL£^a, 7ravTS(; §s aXXaYYjoöfxs^a, während später die Orien- 
talen lasen TuavTs? jisv xoi[iY]^Y]aö[is^a, o6 TuavTsg §s aXXaYYjaöjxs^a, die 
Occidentalen aber ttocvts? [Jlsv avaaryjaöjis^a, oh :ravTs? Ss aXXaYYjad- 
[ts^-a. Neben dieser allgemeinen Unterscheidung von neutralen, 
abendländischen und morgenländischen Lesarten, daraus gemischte 
Richtungen von unbestimmbarer Zahl und Gestalt hervorgegangen 
sind, ist weiterhin noch mit der Thatsache zu rechnen, dass für den 
byzantinischen Text, welcher unter den gemischten Texten allein 
eine durchschlagende Wirkung geübt hat, als ältere Grundlage der 
alexandrinische in Betracht kommt, während ihm der antiochenische 
Text die spätere charakteristische Farbe verliehen hat. Zu Zeiten 
des Chrysostomus und des Nestorius nämlich waren die Beziehungen 
zwischen Antiochia und Konstantinopel von der Art, dass der 
syrische Text nach Byzanz kommen und sich dort mit dem schon 
vorhandenen mischen musste. Anderwärts aber begegnen ähnliche 
Erscheinungen, sofern man sich theils um des materiellen Werthes 
der Bücher willen, theils weil man den überlieferten Text nicht gern 
verliess, damit begnügte, in den Handschriften Verbesserungen nach 
behebigen anderen Textgestaltungen anzubringen. Ausdrückhche 
Zeugnisse über die Gestaltung des Textes finden sich erst — und 
zwar zunächst nur spärhche — gegen Ende des 2. Jahrh. Was 
vorher hegt, ist Terra incognita. Aber gerade in diese unerkenn- 
bare Zeit fallen die tiefgehendsten Alterationen des ursprünghchen 
Sachverhaltes. Klar hegt die Textgestaltung dagegen in den Zeiten 
des Hieronymus und Chrysostomus, überhaupt der beginnenden Aus- 
legung im grossen Stil vor. Aber zwischen diesem Text, welchem 
die Mühwaltung der konstantinopolitanischen Librarii eine möghchst 
gleichförmige Gestalt verheb, und Elzevier ist der Abstand eben 
auch nur noch ein geringer, und die eingetretenen Veränderungen 
sind genau zu controliren. 

Aus den angegebenen Verhältnissen resultirt von selbst der 
Vorzug, welchen die ägyptischen Uncialen beanspruchen dürfen. 
Dagegen stehen die Uncialen des 9. und 10. Jahrh. in Bezug auf 
Güte des Textes meist auf der Linie besserer Minuskeln, ja es 



in. Kap.: Greschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 87 

kann eine Gruppe der letzteren dadurch einen jene überragenden, 
einen selbstständigen Zeugenwerth gewinnen, dass für die sie ver- 
bindenden TexteigenthümKchkeiten im Bereich der uns zugänglichen 
Uncialen keine Quelle mehr ausfindig zu machen ist. Im Uebrigen 
hängt die fast gänzliche Belanglosigkeit des später Gebotenen damit 
zusam^men, dass man im Abendlande sich an Vulg. hielt, ein Be- 
dürfniss nach weiteren Abschriften des griechischen Textes also 
nicht mehr empfand, während im Morgenlande die griechische Kirche 
sich je länger je mein* auf den von Konstantinopel beherrschten 
Umkreis concentrirte. Erst rissen die syrische und die koptische 
Kirche sich los, dann traten die Eroberungen der Araber ein. So 
bheb der konstantinopohtpnische Text zuletzt allein auf dem Platze, 
um im späteren Mittelalter mit anderen Schätzen des griechischen 
Alterthums in das Abendland zu wandern und Grundlage des Eec. 
zu werden. 

Ein Blick auf die zahlreichen Differenzen, welche selbst noch zwischen 
unseren besten Ausgaben obwalten (vgl. Gregory's Tafel bezüglich Tischendorf, 
Tregelles und Hort in der 8. Asg III, S 287 — 334), zeigt, wie weit wir noch 
vom Ziele sind. Um theils die Familien deutlicher gegeneinander abzugrenzen 
und nach ihrem verhältnissmässigen Werthe zu taxiren, theils den etwa von 
wirklichem Einfluss gewesenen Reinigungsversuchen auf die Spur zu kommen, 
wird vor allem die Textgeschichte einzelner Bücher, ja Stellen genauer zu durch- 
forschen sein. Anfänge dazu machten in Amerika Ezra Abbot z. B. bezüglich 
Joh 1, 18; in England J. B. Lightfoot bezüglich Gal, Phl, Col, Phm-, in 
Deutschland F. Delitzsch bezüglich Apc, K. Wieseler und F. Zimmer bezüg- 
lich Gal und namentlich B. Weiss bezüglich Rm und Evglien. 

II. Grundsätze der reoensirenden und der emendirenden Kritik. 

Lachmann hat in der Vorrede zu seiner 2. Asg den Unter- 
schied der recensirenden und der emendirenden Kritik und ihrer 
])eiderseitigen Aufgaben dahin bestimmt, dass die Recension des 
Textes in objectiver Weise auf Giundlage von Documenten zu er- 
folgen hat, wobei das subjective Urtheil aus dem Spiele bleibt. Der 
relativ älteste Text sei auch dann, wenn derselbe dem subjectiven 
Urtheil der Kritiker als schon verderbt erscheinen sollte, aufzustellen 
als gemeinsame Grundlage für das Geschäft der Exegeten und der, 
den Letzteren zufallenden, emendirenden Kritik. 

AVo eine Lesart in einer oder einigen der ältesten Uncialen, 
zugleich aber auch in alten Versionen und Vätern vorliegt, ist der 
Streit über ihre Verbreitung im Alterthum abgeschnitten; dennoch 
kann in Ausnahmefällen selbst der älteste nachweisbare Text nicht 
der ursprüngliche sein. Dann liegt eine doppelte Möghchkeit vor, 
je nachdem die Lesart, welche schon in den ältesten Zeugen eine 



88 Geschichte des Textes. 

Corruption darbietet, entweder bei späteren sich noch erhalten hat 
oder aber erst durch einen Schluss aus dem vorhandenen Materiale 
hergestellt werden muss. Erster es ist z. B. der Fall Act 4, 25, 
wo K A B E ein sinnloses Aggregat von Worten haben : 6 too 
TzoLzpQQ T^ixwv 8iä i:wb\LazoQ 017100 aTÖixaTog AaotS, während Versionen 
und lateinische Väter gelesen haben müssen 6 §ia 7ry£D[iaT0? a^ion 
Sia az6\LCf.zoq zob ;:arpöc i^jiwv Aaot§. Lag hier vielleicht, wie Ewald 
(Evglien und Apostelg. II, S 245) und W. und Hort vermuthen, ein 
ursprünglicher Lapsus calami vor? Wenn nicht, so ist die 2. Les- 
art jedenfalls vorzuziehen. Fast alle neueren Kritiker haben Rm 
5, 1 iyid\LBV dem Bec. s/oj^sv vorgezogen, ihren textkritischen Grund- 
sätzen gemäss mit Becht, aber mit irrendem exegetischen ürtheil 
(vgl. Weiss bei Meyer). Vollends heisst es zu weit gehen, wenn 
man vom recensirenden Kritiker verlangt, dass er in solchen Fällen 
der älter bezeugten, aber von ihm selbst als falsch erkannten, Les- 
art zu Liebe die richtige, jedoch später bezeugte, unterdrücken solle. 
So hat Lachmann z. B. Mt 27, 28 nach Origenes, bezw. auch B 
und abendländischen Zeugen svöoaavcs«; gesetzt, wiewohl er selbst 
das mittierweile auch von X, aber schon zuvor von A L und den 
syrischen Zeugen gebotene IvtSöaavrsc für richtig hielt. Gerade für 
solche Fälle bewährt sich vielmehr das englische System der alter- 
nativen Lesarten, wie auch W. und Hort svSöaavrs«; nur am Bande 
bieten. 

Auf die emendirende Kritik beziehen sich die Regeln, welche man seit 
Bengel und Griesbach für die Textkritik überhaupt aufzustellen pflegt, also 
namentlich folgende: 

1) Die zu bevorzugende Lesart muss in den Zusammenhang passen. So 
ist Act 9, 20 statt Rec. Xptoxov das von i< A B C E Vers. Iren, gebotene 'Iyjooöv 
schon darum aufzunehmen, weil das folgende ohzoc, eaxiv 6 oVoq xoö ^eoö (oder 
22 6 /ptaxo?) schlechterdings die vorausgegangene Nennung des Namens erfordert. 
Andererseits ist in solchen Fällen darauf zu achten, ob ein Zusammenhang nicht 
erst durch eine ad hoc entstandene Lesart gewonnen werden will. Einzelne 
abgerissene Sectionen der Synoptiker sind vielfach durch solche Brücken mit- 
einander in Verbindung gesetzt worden. 

2) Aufzunehmen ist diejenige Lesart, welche dem Sprachgebrauche des 
NT und speziell der sprachHchen Eigenthümlichkeit des betreffenden Schrift- 
stellers angemessen ist. Die Entscheidung liegt namentlich in Fällen auf der . 
Hand, wo an die Stelle singulärer Ausdrucksweise die gewöhnliche landläufige 
getreten ist. Nur muss vorher die Eigenthümlichkeit des Sprachgebrauches der 
Schriftsteller, wie dass z. B. Joh den Artikel vor 'Iyjooö? gern weglässt, richtig 
festgestellt und von der Eigenthümlichkeit einer Handschrift, z. B. des Cantabri- 
gieusis, welcher das Participium gern in das Verbum finitum umsetzt, oder des 
Vaticanus, welcher gern Perfect statt Aorist braucht, unterschieden sein. Les- 
arten letzteren Ursprungs sind natürlich durchweg auszuschliessen. 



III. Kap.: Geschichte des gedruckten und des recensirten Textes. 89 

3) Unter verschiedenen Lesarten ist diejenige die ursprüngliche, aus 
welcher die grösste Zahl der übrigen Erklärung empfängt. So verstehen sich 
Mr 1, 16 alle Varianten aus 6cjx(p'.ßaXXovxa(; ev x^ •O-aXdaoij^ (J< B L) und genügt 
Eph 2, 3 die Bemerkung, dass man leichter dazu kam xexva mit öpY"*!? zusammen 
zu rücken, als die Genetivverbindung durch cpucjs'. zu trennen. Nach derselben 
Regel ist Act 14, 17 aus xc/ixotY^ {i< H L P) sowohl xaixot (A B C) als xaiY^ (D E) 
abzuleiten; 17, 27 scheint dagegen doch v.aiYs B besser bezeugt als xaixoi A und 
xatxoiYs ^<. 

4) Brevior lectio praeferenda verbosiori. Doch ist darauf zu achten, ob 
die Kürzung willkürlicher oder nachlässiger Natur ist, wie vielleicht die Weg- 
lassung von v.al IkI Tcavxa? Rm 3, 22 schon in J< A B P (hergestellt von Weiss 
und Oltramare). Ueberhaupt aber ist oft sehr schwer zu sagen, ob Verkürzung 
oder Erweiterung stattgefunden hat, und gehören demnach Fälle, wo die Varianten 
auch bezüglich der Länge variiren, zu den verwickelten. Nicht selten entspringt 
die längere Lesart nur dem Bestreben, zwei nebeneinander bestehende kürzere 
zusammenzufassen. 

5) Proclivi lectioni praestat ardua oder Lectio insolentior principatum 
tenet. Während der vorigen Regel zufolge 2 Cor 10, 12. 13 die AVorte oh 
oüvioöav (resp. ooviäaiv) yjjisI«; Se zu streichen wären (nach Itala und occid. 
Zeugen), sind sie, weil eine exegetische Schwierigkeit ersten Ranges bietend, 
aufrecht zu erhalten (nach den gi'iechischen und syrischen Autoritäten), zumal 
da auch Spuren unvollständiger Restitution vorliegen (Vulg.). Statt des nur 
Lc 1, 8. Act 8. 21 stehenden svavxi wurde dort häufiger ivavxtov, hier gewöhn- 
lich evtt):tiov, in beiden Fällen das Geläufigere statt des Selteneren gesetzt. Aller- 
dings ist das Schwerere, Härtere, auf den ersten Anblick Sprachwidrige dem Ge- 
wöhnlichen, Einfachen, Deutlichen vorzuziehen. Nur darf man nicht offenbare 
Schreibfehler oder orthographische Eigenthümlichkeiten von Abschreibern als 
Anstoss begründend in den Text aufnehmen. 

6) Lesarten, welche dazu bestimmt sind, einen sittlichen oder dogmatischen 
Anstoss zu heben, geben sich eben dadurch als Glosseme zu erkennen. So z. B. 
statt ohv. das ooTzm Joh 7, 8. 

7) Bei Parallelstellen ist in der Regel diejenige Lesart aufzunehmen, wo- 
durch eine Verschiedenheit statt völliger Uebereinstimmung gewonnen wird. 

Von den Emendationen sind zu unterscheiden die Conjecturen als Les- 
arten, welche gar keine diplomatischen Zeugnisse für sich haben. In der Regel 
nennt man nur diejenigen Lesarten Conjecturen, welche in der Periode des ge- 
druckten Textes gemacht wurden. Aber schon Origenes und nach ihm viele 
Textkritiker und Abschreiber haben Conjecturen eingeführt. Nur ist es jetzt 
kaum mehr möglich zu bestimmen, was ursprünglich Conjectur, was eigentlich 
Variante ist. Anlässlich mancher glücklichen Erfolge, welche die Conjectural- 
kritik bezüglich der Classiker aufzuweisen hatte, wurde sie besonders auch auf 
NTlichem Gebiete stark betrieben, wiewohl hier schon der verhältnissmässig viel 
grössere Vorrath zuverlässiger Hülfsmittel das Bedürfniss darnach von vorn- 
herein gering erscheinen lässt. Eine Sammlung gab Bowyer (Critical conjec- 
tures and observations on the New Testament 1763, 4. Afl 1812) heraus, welche 
JoH. Chr. Fr. Schulz übersetzte und erweiterte (1774—75). Aber selbst der 
kühne Textkritiker W. IVIace hat nur eine einzige Conjectur aufgenommen mit 
dem Bemerken: there is no ms. so old as common scnse (Reüss, Bibl. S 175). 



90 Geschichte des Textes. 

Eine gute Sammlung von Conjecturen findet sich als Anhang in den Asgn 
Knapp's. Aber selbst nach dem Urtheile Hitzig's verdienen davon keine fünf 
Beifall, und unter den von diesem Gelehrten selbst vorgeschlagenen Conjecturen 
frappirt doch eigentHch nur die Verwandlung von [xavO-avouoi 1 Tim 5, 13 in 
XavO-ävoüGi (Monatsschrift des wissenschaftlichen Vereins in Zürich 1856, S 62 f). 
Als vielleicht einzig sicheres Beispiel einer begründeten Conjectur gilt vielfach 
Hbr 11, 37, wo selbst Tischendorf zwar im Texte iTCctpaoO^aav liest, in der 
Note aber mit Gataker und Bleek sTCpYjo^Tjaav conjecturirt; ebenso 0. v. Geb- 
HARDT (ThLz 1876, S 132), der ausserdem Em 13, 3 nach Patrick Joung aya- 
fl-ospYtö und Col 2, 18 nach C. Taylor aspa xsvsjJißaTsucov lesen will (ebend. 
1881, S 542). Dagegen ist im Vaterlande Valcfenaer's das Interesse für Con- 
jecturalkritik, angeregt durch Cobet (Vorrede zur Asg von 186Ö), neu erwacht, 
wie die Schrift von D. Harting, Bijdragen tot de vaststelling van den Tekst der 
Schriften van het NT 1879 und die Beantwortungen einer Teyler'schen Preisfrage 
durch VAN Manen (Conjecturaal-kritiek toegepast op den tekst van de Schriften des 
Nieuwen Testaments 1880) und van de Sande Bakhuyzen (Over de toepassing van 
de conjecturaal-kritiek op den tekst des Nieuwen Testaments 1880) beweisen, ausser- 
dem aber auch erschöpfende Spezialarbeiten von S. S. de Koe (De conjecturaal- 
kritiek en het evangelie naar Joh 1883) und J. M. S. Baljon (De tekst der 
brieven aan de Romeinen, de Corinthiers en de Galatiers als voorwerp van de 
conjecturaal-kritiek beschouwd 1884). Jener lässt übrigens auf seinem Gebiete nur 
3 — 7, dieser auf dem seinigen über 100 Conjecturen zu. Noch viel weiter geht 
Naber, Mnemosyne 1878 und 1881. Vgl. über die Genannten Th T 1880, S 74 f. 
1881, S 385 f, 617 f. I. H. A. Michaelis, Studien 1881, S 137 f. 

Gegen Scrivener (Introduction, 3. Afl 1884, S 490) muss die Conjectural- 
kritik als ein Theil der emendirenden Kritik jedenfalls im Grundsatze zugelassen 
werden. „Nur wer die Ueberlieferung der NTlichen Schriften den Gesetzen 
entrücken zu dürfen glaubt, welche für die gesammte profane Literatur gelten, 
der mag sich auch im Prinzip gegen die Zulässigkeit der Conjectur entscheiden. 
Er müsste sich aber zugleich dazu entschliessen, die offenkundigsten Thatsachen 
der ältesten Textgeschichte zu leugnen. Wenigstens dürfte es diesem Stand- 
punkt schwer fallen, sich damit auseinander zu setzen, dass aus dem 2. und 
3. Jahrh. Lesarten bezeugt werden, von denen sich weder in den uns erhaltenen 
Handschriften, noch in irgend einer alten Version eine Spur findet; dass ferner 
ebenfalls zu einer Zeit, welche über unsere ältesten Handschriften weit hinauf- 
reicht, nach dem Urtheil der gelehrtesten Kirchenväter der ursprüngliche Text 
an mehreren Stellen in den Handschriften nicht mehr erhalten war und dass 
man damals keinen Anstand nahm, wo die Handschriften versagten, durch 
Conjectur zu helfen" (v. Gebhardt ThLz 1881, S 541). Dagegen haben die 
neueren Herausgeber die Aufnahme von Conjecturen als eine Sache, die der 
Exegese zur Beurtheilung anheimfällt, mit Recht abgelehnt, obwohl sie z. Th 
(Westcott und Hort) sehr bemerkenswerthe Vorschläge in dieser Richtung 
machen. 



Geschichte des Kanons. 

Vorbemerkungen über Aufgabe und Literatur derselben. 

Der Begriff einer Geschichte des Kanons ist aus Gründen, welche aus 
dieser selbst erhellen werden, sowohl der kath. wie der prot. Theologie lange 
unerschwinglich gewesen. Man lebte des Glaubens, die Kirche habe zu jeder 
Zeit denselben Kanon gehabt. Diesen Hessen alte und neue Orthodoxie bis 
herab auf J. Chr. W. Augusti (Versuch einer historisch-dogmatischen Ein- 
leitung in die heilige Schrift 1832, S 205 f) von Johannes gesammelt sein, so 
dass Apc 22, 18. 19 als Siegel auf das Ganze galt. Zu Grunde lag ein schon 
bei Photius (Bibl. 254) begegnendes Missverständniss der Nachrichten des 
Eusebius (KG III, 24, 7) und des Hieronymus (Cat. 9), dass jener Apostel 
die synopt. Evglien gut geheissen und für den kirchlichen Gebrauch bestätigt 
habe. So heisst es in den Versus in bibliotheca des Eugenius von Toledo 
(t657): 

Summus et egregius congessit cuncta Joannes. 

Seit der Reformationszeit und dann, nachdem die ihr angehörigen Impulse 
zu einer historischen Erfassung der Sache ohne nachhaltige "Wirkung geblieben 
waren, wieder seit Anfang des vorigen Jahrh. machte man sich an der Hand 
des Locus classicus Eus. KG III, 25 mit den Zweifeln der alten Kirche bekannt, 
und die Freidenker gründeten hierauf ihre Vorstellung von dem durchaus un- 
beständigen und flüssigen Charakter des Kanons. Gleichwohl konnte noch Mill 
(1707) meinen, die Evglien seien um 100, die Briefe um 110 zusammengestellt 
worden, und erst von Semler datirt der Nachweis, dass der Kanon in jeder 
Beziehung etwas Gewordenes, nach seiner persönlichen Ueberzeugung sogar ein 
erst gegen Ende des 2. Jahrh. zu Stande gekommenes Werk der kath. Unions- 
richtung sei (Abhandlung von freier Untersuchung des Kanons 1771 — 75; Prae- 
fatio ad illustrandam originem catholicae ecclesiae in der Paraphrasis in epist. 
II Petri et epist. Judae 1784). Dagegen verwahrte sich dann sofort Chr. Fr. 
ScHMm (Historia antiqua et vindicatio canonis sacri 1775), aber um so erfolg- 
reicher schritt in Semler's Bahn Corrodi weiter (Versuch einer Beleuchtung der 
Geschichte des jüdischen und christlichen Bibel-Kanons 1792), während Chr. Fr. 
Weber (Beiträge zur Geschichte des NTlichen Kanons 1798) vermittelnd ein- 
trat. Den Kanon als Product einer langen geschichtlichen Entwickelung be- 
greiflich zu machen, dazu dienten sofort die Einleitungswerke von Eichhorn, 
welcher erst bei Marcion eine Tendenz auf Sammlung NTl icher Schriften wahr- 
nahm und den Kern des späteren Kanons durch stillschweigende Ueberein- 
stimmung der Gemeinden um 150 — 70 sich gestalten Hess, de Wette, welcher 
die allmälige Erweiterung des Kanons bis zum Abschluss um 400 bereits wesent- 



92 Geschichte des Kanons. 

lieh richtig darstellt, und Schleiermacher, der die Geschichte des Kanons rück- 
wärts zu erzählen, d. h. vom fertigen Product um 400 bis in die chaotischen 
Dunkelheiten des 2. Jahrh. vorzudringen versucht. Dazu kommen die Bear- 
beitungen der Dogmengeschichte besonders seit Münscher (1797), zuletzt bei 
A. Harnack im „Lehrbuch der Dogmengeschichte" I, 1886, S 272 f. Schon 
1844 konnte Jon. Kirchhofer eine „Quellensammlung zur Geschichte des 
NTlichen Kanons bis auf Hieronymus" veranstalten, darauf noch A. H. Char- 
TERis' Canonicity 1880 beruht (wozu The New Testament scriptures 1882 eine 
Ergänzung bildet, welche Begriff und, Thatsache einer Geschichte des Kanons 
im Interesse des Dogmas beseitigt). Etwas freier gerichtet sind die Arbeiten 
von Sanday (The gospels in the second Century 1876) und Westcott (A general 
survey of the history of the canon of the NT 1885, 5. Afl 1881). „Zur Ge- 
schichte des Kanons" gab Credner 1847 Beiträge-, seine „Geschichte des 
NTUchen Kanon" veröffentlichte Volkmar 1860 mit eigenen Ergänzungen 
(S 337 f). "Weitere gründliche Bearbeitungen des Ganzen lieferten Reüss, sowohl 
im 2. Buche seiner „Geschichte der heil. Schriften NT", wie in gesonderter 
Darstellung (Histoire du canon des saintes ecritures dans l'eglise chretienne 
1863, 2. Afl 1864, englisch von Hunter 1884), Ewald (Geschichte des Volkes 
Israel VII, 2. Asg S 448 f), Bleek-Mangold (S 821 f), F. Overbeck (Zur Ge- 
schichte des Kanons 1880), Aübe (Histoire des persecutions de l'eglise. La 
polemique pa'ienne 1878, S 202 f) und A. Hilgenfeld , welcher nicht blos die 
Geschichte des Kanons unbefangen und richtig (zumal von etwa 180 an) zur 
Darstellung gebracht (Der Kanon und die Kritik des NT 1863; Einl. 1875, 
S. 29 f), sondern auch in den vier Fascikeln seines NT extra canonem receptum 
(1866, 2. Afl, I. Clementis Romani epistulae 1876. IL Barnabae epistula 1877. 
III. Hermae Pastor 1881. IV. Evangeliorum secundum Hebraeos etc. quae 
supersunt 1884) diejenigen Schriftstücke und Fragmente zusammengestellt hat, 
welche zur Bildungsgeschichte des Kanons gehören und in demselben wenigstens 
vorübergehend Stellung gewonnen haben. 

Den Traum von einem seit Anfang des 2. Jahrh. in irgend welchem Um- 
fange bereits bestehenden Kanon auf's neue heraufzubeschwören unternahm Con- 
STANTiN Tischendorf: Wann wurden unsere Evangelien verfasst? 1865, 4. Afl 
1866. 2. Abdruck 1880. Hiernach hätten die Apostel nur einfach auszusterben 
brauchen, um ihre Autorität auf die bereits in den Händen der Kirche befind- 
liche Hinterlassenschaft zu vererben. Denselben Gedanken führte in der dem 
Leipziger Bahnbrecher gewidmeten Schrift „Basilides am Ausgange des aposto- 
lischen Zeitalters als erster Zeuge für Alter und Autorität der NTlichen 
Schriften" 1868 P. Hofstede de Groot weiter aus, um zu dem Schlüsse zu ge- 
langen, die Geschichte des Gebrauches und der Autorität der Bücher des NT 
im 2. Jahrh. müsse von vorurtheilsfreien Forschern ganz von Neuem geschrieben 
werden (S 83). Neben untergeordneteren Geistern ^) erhob eine solche Aufgabe 
zum Lebensberuf Theodor Zahn (vgl. RE 2. Afl IV, 1879, S 155) in den 



^) Vgl. z. B. Christoph Hoffmann, Bibelforschungen II, 1884, S 93 f. 
Ihm lichtet sich die „Dämmerung" , welche über der christlichen Literatur bis 
gegen 300 ruht und der Kritik ihr Diebshandwerk erleichtert (S 108) , bis zur 
deutlichen Wahrnehmung einer zu Ephesus bestehenden „Centralleitung", durch 
welche die christliche Kirche schon zu Zeiten des Apostels Johannes mit einem 
Kanon beschenkt wurde (S 178 f). 



Vorbemerkungen über Aufgabe und Literatur derselben. 93 

„Forschungen zur Geschichte des NTlichen Kanons und der altchristl. Literatur" 
(3 Bde 1881 — 84), welche Tischendorfs Gedanken, zwei Evglienharmonien des 
2. Jahrh. zum Stützpunkt einer restaurativen Operation zu machen (S 15 f), ver- 
wirklichen. Wenn übrigens selbst Tischendorfs nächste Collegen Luthardt 
(Der Johanneische Ursprung des 4. Evglms 1874) und mehr noch Wold. 
Schmidt („Kanon des NT", RE 2. Afl VII, S 451 f) ihm nur ermässigend und 
sogar corrigirend gefolgt sind, so traten dagegen mit mehr oder weniger aus- 
führlichen Widerlegungen hervor in Holland neben Krom, Stenfert Kroese, 
HoLWERDA u. A. besonders J. H. Schölten (De oudste getuigenissen angaande 
de Schriften des Nieuwen Testaments 1866, deutsch von Manchot, Die ältesten 
Zeugnisse betreffend die Schriften des NT 1867), in England Samuel Davedson 
(The canon of the Bible 1877, 3. Afl 1880) und der anonyme Verfasser des 
Werkes Supematural religion: an inquiry into the reality of divine revelation, 
2 Bde 1874, 6. Afl 1875. Bd 3, 1877. Complete edition 1879), in Deutsch- 
land VoLKMAR (Der Ursprung unserer Evglien 1866), Hilgenfeld (ZwTh 1865, 
S. 329 f. 1867, S 83 f. 1868, S. 213f), P. Overbeck (ebend, S 54 f), Lipsros 
(ebend. 1867, S 75 f), Ritschl (JdTh 1866, S 353 f) und P. W. Schmiedel 
(Allgem. Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, Sect II, Bd 32, 1883, 
S 309 f). Das eigentliche Streitobject zwischen den apologetisch gerichteten 
und den kritisch zu Werke gehenden Theologen bildet der Complex derjenigen 
Thatsachen, auf deren Constatirung im Folgenden das Recht der „Vorgeschichte 
des Kanons" beruht. Nach dem apologetischen Programm würde sich an die 
neutest. Zeit (Kap 1) vielmehr möglichst unmittelbar der kath. Urkanon (Kap 3) 
anschliessen, weil der Begriff eines Kanons verlangt, dass er in seinem richtigen 
Umfange als Norm für die kirchliche Entwickelung von Anfang an existirte, 
Dass gleichwohl positive Zeugnisse für den Kanon als Complex heil. Schriften 
des NT erst in dem Menschenalter vor 200 beginnen, dafür sprechen sel])st 
Tischendorf, indem er seine Thesis nachgehends auf die Evglien beschränkt 
(4. Afl S IV, 38, 127) und überdies in die 1. Hälfte des 2. Jahrh. eine Viel- 
gestaltigkeit des Textes derselben verlegt, die mit kanonischem Ansehen unver- 
träglich ist (S 30, 126)-, HoFSTEDE, dem zufolge „als Autorität besitzende heil. 
Schrift die Sammlung der Bücher des NT vor dem Jahr 170 kaum ausdrücklich 
vorkommt" (S 39); Zahn, der selbst noch dem Tatian „ein sehr entwickeltes 
Bewusstsein vom Unterschied des Kanonischen und des Nichtkanonischen ohnehin 
nicht zuschreiben" will (I, S 241). . Auch die durchaus conservativ angelegte 
Darstellung von Gramer (De Kanon der heilige Schrift in de eerste vier eeuwen 
der christelijke kerk 1883), übrigens eher eine Geschichte des Dogmas vom Kanon, 
als eine Geschichte des letzteren, spricht in ausdrücklichem Gegensatze zur 
Orthodoxie aus, dass die neutest. Schriftsteller keineswegs Willens waren, dem 
alttcst. Kanon eine gleichwerthigc Fortsetzung zu schaffen, sondern ihren Pro- 
ducten vielmehr erst im Laufe des 2. Jahrh. unter den eigenthümlichen Be- 
dingungen, die für die Bildung der alten kath. Kirche maassgebend waren, eine 
solche, der eigenen Beschaffenheit freilich durchaus entsprechende, Würdestellung 
zugewachsen sei (S 30 f, 42). Wahrscheinlich haben Kritiker wie Schölten, 
VoLKMAU und der englische Anonymus nicht selten ül)er das Ziel hinausgeschossen. 
Aber auf keinen Fall reichen die 4 Stellen 2 Pe 3, 16. 2 Clcm. 2, 4. Barn. 4, 14 
und Polyc. 12, 1 (die einzigen, welche gegen das o])en verzeichnete Resultat 
geltend gemacht werden könnten) hin, um die ganze Errungenschaft der histo- 
rischen Forschung seit 100 Jahren mit einem groben Schwamm ein für allemal 



94 Geschichte des Kanons. 

auszulöschen. Einem solchen Unternehmen sind schon die gleichzeitigen Fort- 
schritte der vergleichenden Religionswissenschaft tödtlich. Dieser verdanken wir 
nämUch die Entdeckung, dass das Ideal einer schrifbKchen Unterlage, welches 
dem Kanonbegriff zu Grrunde liegt (vgl. S 15), nicht etwa blos den christl. oder 
den monotheistischen Religionen eignet, sondern dass fast alle entwickelteren 
Glaubenskreise der indogermanischen und semitischen, auch einiger turanischen 
und anderweitigen Völkerschaften es gezeitigt haben, also sog. Buchreligionen 
sind (Max Müller, Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft, 2 Afl 
1876, S 94 f). „Es ist für die Religionen, welche eine specifisch religiöse 
Literatur erzeugt haben, geradezu ein Naturgesetz, auf einem gewissen Punkte 
ihrer Entwicklung sich aus derselben einen Kanon von absoluter Heiligkeit zu 
bilden" (Schmiedel S 310). Insonderheit kennt der Buddhismus einen mehrere 
Jahrhunderte füllenden Process der Kanonbildung. Eben darum erweisen sich 
aber auch alle kirchengeschichtlichen Forschungen der Neuzeit zugleich als Vor- 
arbeiten zu einer immer grössere Dimensionen annehmenden Geschichte des 
Kanons. Historischer Blick für die Gesetze, welche bezüglich der Gesammt- 
entwicklung maassgebend sind, auf der einen Seite, Unbefangenheit und objectives 
Urtheil gegenüber den Documenten, aus welchen der specielle Process der 
Kanonbildung zu erkennen ist, auf der anderen — das sind die beiden Be- 
dingungen, welchen Genüge geschehen muss, wo wenigstens relativ sichere 
Resultate in Aussicht stehen sollen. 



Erstes Kapitel: Die neutestamentliche Literatur. 

1. Urchristliche und altkirchliche Literatur^). 

Die letzten 30 Jahre des 2. Jahrh. haben abschliessende Be- 
deutung für die ur christliche Vergangenheit und leiten zugleich eine 
wesentlich anders geartete Zukunft ein. Mit dieser Periode erst 
beginnt diejenige Literatur, welche die altkirchliche heisst, weil sie 
zwar auf dem Fruchtboden des mit griechischer Bildung überzogenen 
Römerstaates erwachsen ist, ihren treibenden Factor aber in der 
neuen Rehgion hat, die sich eben anschickt, von jenem Weltreich 
Besitz zu nehmen. Erstmalig lenkten in das Fahrwasser der Welt- 
literatur die für ein heidnisches Publikum schreibenden Apologeten 
des 2. Jahrh. ein; an die christliche Rhetorik dieser schon ganz mit 
hellenischem und hellenistischem Vor Stellungsapparat arbeitenden 
Schriftsteller schliesst sich die antignostische Polemik des Irenäus 
an, und mit den Werken des alexandrinischen Clemens sind die 
Formen der griechisch-römischen Schriftstellerei dem Christenthum 
definitiv angeeignet, beginnt daher die patristische Literatur im 
strengen Sinne des Wortes. 

^) F. OvERBECK, Ueber die Anfange der patristischcn Literatur (Historische 
Zeitschrift, Bd 24, Neue Folge, Bd 12, 1882, S 417 f). 



I. Kap.: Die neutestam entliehe Literatur. 95 

Was vor der Epoche des Irenäus Hegt, ohne sich darum der 
durch Justin den Märtyrer repräsentirten Gruppe einzugliedern und 
so gewissermaassen die Avantgarde des Heeres der „Väter" zu bil- 
den — also die neutest. Schriften und ihre apokryphen Seiten- 
gänger älteren Datums, die mit letzteren theilweise schon zusammen- 
fallenden apostoHschen Väter und die problematischen schrift- 
stellerischen Grössen eines Papias und Hegesipp — das lässt sich 
vom hterarhistorischen Standpunkte aus als eine Art von paläontologi- 
schem Gebilde, als die, z. Th. fragmentarisch, z. Th. vollständig er- 
haltenen Reste einer ausgestorbenen Welt bezeichnen. Die alttest. 
und jüdischen Vorbedingungen wirken hier noch stärker nach und 
bedingen eine specifisch verschiedene Färbung. Die den Beginn 
der eigentUch patristischen Literatur unmittelbar einleitende Bil- 
dung eines neutest. Kanons bezeugt am besten und klarsten, wie 
auch im Bewusstsein der Kirche selbst bezüghch ihres literari- 
schen Betriebes ein Altes vergangen, ein Neues aber im Anzug be- 
griffen ist. 

2. Aeltere Sehr iftstellerei. 

Von Haus aus lagen weder Kanonbildung, noch überhaupt 
SchriftsteJlerei und hterarische Bewegung im Trieb und Charakter 
des Christenthums. Der Sand, in welchen Christus einer bekannten 
Erzählung zufolge geschrieben hat (Joh 8, 6. 8), ist längst verweht, 
und vergebhch hat man sich darüber den Kopf zerbrochen, was die 
Schriftzüge wohl besagt haben mögen. Wäre die Sache Jesu für 
die literarisch gebildeten Kreise bestimmt gewesen, so wäre sie auch, 
wie so manche gleichartigen Versuche einer Neubildung der Welt- 
anschauung und des Lebens, auf sie beschränkt geblieben. Dagegen 
brach sich das Christenthum von unten auf Bahn. Unter den ersten 
Gläubigen befanden sich keine Gelehrte und keine Schriftsteller. 
Gerade die Schriftgelehrten seines Volkes hatten sich an Jesu 
Messianität gestossen. Die Muttergemeinde jzu Jerusalem bestand 
vielmehr aus notorisch Armen, und sogar der gebildetsten Ge- 
meinde der apostoHschen Zeit stellt der Apostel das Zeugniss aus, 
dass es in Bezug auf ihre Zusammensetzung nicht viel anders aus- 
gesehen habe (l Cor 1, 26 — 29). Zu nichts weniger lud solche Ge- 
meinden ihre ganze Situation ein, als zum Schreiben. Eine Ge- 
nossenschaft, welche, mitten in aufregenden Kämpfen und religiösen 
Krisen stehend, jeden Tag dem AVeltende entgegensah, welche an 
eine Zukunft innerhalb der Bedingungen crfalu'ungsmässiger Wirk- 
lichkeit nicht glaubte, musste begreiflicher Weise den denkbar un- 



96 Geschichte des Kanons. 

günstigsten Boden für Entwickelung einer literarischen Thatigkeit 
bieten. Ueberdies waren die frühest berufenen und hervorragendsten 
Apostel vom Fischerhandwerk hergekommen, auf schriftstellerische 
Wirksamkeit nicht eben eingerichtet (Act 4, 13 avd-^mizoi aYpd(i{xaTot 
%al IStwrat). Schrieben die Urapostel und ihre nächsten Freunde 
und Jünger überhaupt, so folgten sie dabei einer gewissen Nöthigung, 
welche lediglich durch die sich gestaltenden Verhältnisse geboten 
wurde. Dahin gehört namentHch der Umstand, dass das Christen- 
thum bald nach seiner Entstehung auch von ausserpalästinischen 
Juden mit hellenistischer Bildung, ja auch von eigentlichen Hellenen 
ergriffen wurde. Diese waren nun theils überhaupt schreibelustiger, 
theils stellten sich in Folge der Entwickelung, in welche das Christen- 
thum mit seinem Uebergange auf hellenischen Boden eintrat, der 
Anlässe zum Schreiben immer mehrere ein. Schon was die Apostel- 
geschichte (15, 23 f, 18, 27) von dem Decrete des Apostelconvents 
in Jerusalem oder dem ephesischen Empfehlungsbriefe des Apollos 
erzählt, gibt ein anschauliches Bild von solchen Gelegenheitsursachen. 
Namenthch aber sind die Briefe des Apostels Pls, welche den 
ältesten Theil des Kanons bilden, alle als Gelegenheitsschriften im 
weitesten Sinne des Wortes aufzufassen, insofern sie theils aus Be- 
ziehungen von rein persönlicher Art, aus Verhältnissen von nur 
augenbHcklicher Natur hervorgegangen sind und stellenweise sogar 
den Charakter von Geschäftsbriefen tragen (2 Cor 8 und 9, Phl und 
Phm), theils ihre Veranlassung in der aufgenöthigten Auseinander- 
setzung mit dem Judaismus finden. Zunächst sind sie daher alle- 
sammt nicht für die Zukunft, sondern für die jeweihge Gegenwart 
bestimmt gewesen. 

Dem an sich gerechtfertigten Bedenken, ob eine so rein zuf älUg bedinget 
Form überhaupt schon als „Literatur" zu verwerthen sei, begegnet die Beob- 
achtung, dass die pauHnischen Briefe wenig oder nichts von Improvisation an 
sich haben. Zumal die Sendschreiben Gal, Cor und Rm sind mehr als auf's 
Papier geworfene Niederschläge augenblicklicher Stimmungen. Der Briefsteller 
nähert sich dem Ziel, welches er von vornherein in's Auge gefasst hat, nur 
langsam in immer enger sich windenden Kreislinien. Die wohlüberlegte Dis- 
position, die langer Hand vorbereiteten Hauptschläge auf die Gegner, nachdem 
zuvor die Freunde gestärkt und die Schwankenden gewonnen sind, die weise 
Vertheilung des Stoffes, bei welcher auch scheinbare Digressionen und Exkurse 
in der Regel einem allgemeinen Zweckgedanken unterstehen, kurz die Taktik, 
welche sich in diesen schriftstellerischen Documenten kundgibt, beweist, dass 
sie keine Briefe im gewöhnlichen Sinne sind. Sie bringen vielmehr, einer nach 
dem anderen, das System selbst zu immer vollständigerer Enthüllung und Dar- 
stellung; in jedem tritt uns eine Schwergeburt, ein Product langen und ange- 
ßtreugteu Nachdenkens entgegen. 



I. Kap. : Die neuteetamentliche Literatur. 97 

Ist es sonach zu verstehen, wie Schriftstücke, welche zunächst blos lokalen 
und vorübergehenden Bedürfnissen dienen sollten, zu einer dauernden Bedeutung 
gelangen konnten, so hat doch ihr Urheber selbst daran am wenigsten gedacht. 
Bezieht er sich auch gelegentlich auf seine Briefe (1 Cor 5, 9, 2 Cor 7, 8. 2 The 
2, 15), so verweist er doch noch häufiger die Uemeinden auf sein mündUches 
Wort (z. B. 1 Cor 15, 1. 2. 1 The 2, 11. 13. 2 The 2, 5. 3, 10) und die aposto- 
Hsche Tradition überhaupt (1 Cor 11, 16. 23. 14, 33. 36. 15, 3). Allerdings 
kann er als a(ptopic|X£vo<; tl<; BhaY(i'k'.ov ■S-soö (Rm 1, 1) dieses letztere auch ib 
zhrxY(0.iov /xoD (Rm 2, 16. 16, 25) und seine Predigt d-sob lo^oc. (1 The 2, 13) 
nennen; und wenn er nicht blos für des Herrn (1 Cor 7, 10. 9, 14. 14, 37), 
sondern auch für die dagegen ausdrücklich abgegrenzten (7, 12) eigenen Gebote 
Gehorsam fordert (7, 25), so geschieht dies auf Grund des Bewusstseins, offen- 
barungsmässig dazu qualificirt zu sein (Gal 1, 1. 1 Cor 2, 7. 10 — 13). Aber 
über das Stückwerk menschlichen Wissens weiss er sich damit nicht hinaus- 
gehoben (13, 8 — 12), und eine Grenzlinie zwischen apostolischer und gemein- 
christlicher Geistesbegabung wird von ihm selbst so wenig gezogen (7, 40, vgl. 
2 Cor 10, 7), wie von dem Verfasser von Act 2, 1. 4. 17. 18, 38. 39. 5, 32. 6,5. 10. 7, 
55. 8, 15—18. 10, 44—47, 11, 16. 17. 13, 2. 15, 8. 9. Ata irveojxaxo? äy.ou kann 
er nur ganz in derselben Weise auch zu schreiben gedenken, wie er überhaupt 
geisterfüllt handelt und Wandel im Geist auch bei allen Gläubigen erwartet. Ein 
schriftstellerisches Charisma dagegen legt er weder sich selbst bei, noch kennt 
er es bei Anderen. Vollends war der Gedanke an eine privilegirte Thätigkeit 
weniger Federn und in Folge dessen an einen singulären Ursprung der betref- 
fenden Producte ausgeschlossen, so lange die christlichen Gemeinden selbst sich 
inspirirt wussten und lebendiges Prophetenwort allen Bedürfnissen des Tages 
Genüge leistete. Nach Gal 3, 2. 5. 1 Cor 3, 16. Rm 8, 9. Eph 4, 30. 1 Joh 2, 
20. 27 galt Begabung mit dem heiligen Geist als gemeinsames Characteristicum 
der Gläubigen. Nur Eine in Schrift verfasste Autorität kennt Pls, das AT. 
Was hier geschrieben steht, ist nämlich direct für die Verhältnisse der Gegen- 
wart bestimmt (1 Cor 10,11. Gal 3, 8), eine Quelle der Lehre (Rm 15, 4. 2 Cor 
3, 7—11. 11, 3. Gal 4, 21—31) wie des Gemeinderechts (1 Cor 9, 9. 10). Vor- 
lesung des AT (2 Cor 3, 14 avdYvtuat; ty]«; TzrAa:ä<; StaO-rjxYjc;) setzt er ohne 
Zweifel in den Gemeinden voraus; anders wäre es wenigstens schwer zu ver- 
stehen, wie er beständig daraus argumentircn und damit operiren kann. Hätte 
er die eigenen AVorte als Orakel geschätzt, so wäre er der ausführlichen und 
kunstreichen Argumentation aus dem AT überhoben gewesen^). 

Das Christenthum ist sonach „Buchreligion" von Anfang gewesen. Wo 
das AT heidenchristlichen Gemeinden nicht etwa schon von ihrer Proselyten- 
Vergangenheit her als Autorität feststand, da hat Pls es als solches eingeführt. 
Was er freilich damit erreichen und durchsetzen wollte, war dieser Autorität 
nicht in jedem Sinne günstig und fcjrderlich. Dem gleichzeitigen Judenthum 
hatte sich die alttest. Offenbarung ganz auf den Begriff einer gesetzlichen Autorität 
reducirt, die Religion war im Gesetze aufgegangen, Demgemäss galt es nicht 



^) Jegliche exegetische und historische Wahrheit auf den Kopf stellend 
bezieht somit GoDET (Comm, sur Tepitre aux Romains II, S 604 f) Sta '((lutfütv 
;tp&(pY)Ttx<iv Rm 16, 26 statt auf alttest, auf apostolische Schriften, so dass Pls 
die l)is zum Jahre 59 vorhandenen neutest. Schriften mit Eiuschluss des eben 
vollendeten Briefes für kanonisch erklären würde. 

HoltzmauD, Einleitang. 2. Auflage. ij 



9J8 Greschichte des Kanons. 

blos zu erweisen, dass des Gesetzes Zeit vorüber sei (Gral 3, 6—5, 14), sondern 
auch aus dem Gesetze selbst rausste dies erwiesen sein. Diese Frage nach dem 
Verhältnisse des Neuen zum Alten bildete aber die entscheidende Lebensfrage 
der jungen Gemeinde. Von der Lösung dieser Frage hing es ab, ol) eine neue 
Religion und zwar eine "Weltreligion, oder eine neue jüdische Secte im Anzüge 
war. Daher füllt der Streit um das Gesetz den besten Theil des Lebens des 
Heidenapostels aus, und nichts drückt seiner schriftstellerischen Hinterlassenschaft 
so sehr den Stempel des Unerfindbaren, Originalen und Echten auf, als dass sie 
die Quellen darbietet, aus welchen die erste Existenzfrage des Christenthums 
sich zugleich als archimedischen Punkt für die geschichtliche Erforschung seiner 
Entstehungsverhältnisse ergeben hat. Nach diesem Maassstabe erschienen die 
4 Briefe Gal, 1 und 2 Cor, Rm der neueren Kritik als das- feste Land, von 
welchem aussichtsvolle Entdeckungsreisen zu unternehmen, als die Operationsbasis, 
auf welcher weitreichende Combinationen aufzubauen sind. Vor dem Streit um 
das Gesetz, welcher das Thema der paulinischen Homologumena bildet, liegen 
die Thessalonicher-Briefe , hinter ihm die Gefangenschaftsbriefe oder was sich 
in diesen wie in jenen als unauflöslicher Grundstock bewähren wird. 

Etwa zwischen 53 und 63 geschrieben, bieten die als sicher 
oder wahrscheinlich echt bewährten Plsbriefe mit ihrem grossen 
E-eichthum an historischen Notizen, Anspielungen und Streiflichtern 
auf Zeitverhältnisse die ergiebigste Quelle für Kenntniss des aposto- 
lischen Zeitalters. Wird dasselbe, me neuerdings mit Fug geschieht, 
mit der grossen Katastrophe des Judenthums im Jahre 70 abge- 
schlossen, so kann ihnen überhaupt nur noch Ein Werk als gleich- 
alterig an die Seite treten: die Offenbarung des Johannes, welche 
mit ihren ermahnenden und tröstenden Zuschriften an die klein- 
asiatischen Gemeinden sich auch formell an die Plsbriefe anschliesst. 
Seinem schriftstellerischen Charakter nach ist dieses Werk freilich 
weniger originell, da es sich als Fortsetzung der alttest. Prophetie, 
speciell der jüdischen Apokalyptik gibt, daher auch dem Geist des 
Judenthums ungleich näher steht als jene Briefe. 

3. Apostolisches Material zur Kanonbildung. 
Aus dem dargelegten Thatbestand erhellt, dass im apostolischen 
Zeitalter die christl. Wahrheit sowohl in paulinischer wie in judaisti- 
scher Form bereits schriftlich fixirt war. Einen ersten Schritt, 
welcher bei der Bildung des Kanons als Voraussetzung erscheint, 
sehen wir schon in diesen ältesten Schriften, die er umschliesst, 
gethan. Zwar von etwaigen Maassregeln, die Pls oder Johannes selbst 
getroffen hätten, um alle vorhandenen Gemeinden mit Abschriften 
ihrer Hinterlassenschaft zu versehen, fehlt auch die geringste Spur. ^ 
Nur dafür wird 1 The 5, 27 gesorgt, dass der Brief der gesammten 
Gemeinde feierlich vorgelesen werde, wie Gleiches auch 2 Cor 1, 13 
vorausgesetzt wird (vgl. 1 Cor 5, 9. 16, 3. 2 Cor 7, 8. 10, 9—11). 



I. Kap. : Die neutestamentliche Literatur. 99 

In schon viel tendenziöserer Weise schreitet auf derselben Bahn der 
Mann weiter, der sein Werk gleich als a7:oxdXo(|>i? 'Irpob Xpiaioö y]v 
sSwywSv aüT(j) 6 -d-sö? einführt (Apc 1, 1). Am Tage des Herrn 
(1, 10), da die irdische Gemeinde ihren Grottesdienst feiert, sieht er 
sich in die himmlische Gemeinde versetzt, wo nach dem Vorbilde 
des irdischen Cultus nicht blos Gebete und Gesänge statthaben, 
sondern auch ein Buch geöffnet wird (5, 1 f). Obwohl er nun aber 
für seine Person vor seinen Brüdern, den Propheten, die auch den 
Geist der Weissagung haben, nichts voraus hat (19, 10. 22, 9), ist 
doch sein eigenes Buch darauf eingerichtet, dass man es vorlese 
(1, 3) und anhöre (2, 7), weil die Erfüllung der darin enthaltenen 
Weissagungen in Bälde bevorstehe (22, 10); darum soll Niemand 
etwas davon oder dazu thun (22, 18). Auch der Col 4, 16 be- 
zeugte Fall , dass einzelne Gemeinden sich die an sie gerichteten 
Plsbriefe gegenseitig zur Vorlesung mittheilten, wird nicht vereinzelt 
geblieben sein. In diesem zuvor in der Synagoge üblichen Ritus 
der Anagnose liegen nun aber die Anfänge des Prozesses der Kano- 
nisation. Schon dort nämlich war öffentliche Vorlesung Zeichen 
])esonderen Ansehens der betreffenden Schriften ; diese wurden dadurch 
zu Gemeindeschriften. 

In die Zeiten vor 70 gehören ferner zwar noch nicht unsere 
kanonischen Evglien, wohl aber theils was ihnen von schriftUchen 
Darstellungen derselben Art vorangegangen sein mag, theils der ganze 
Prozess der Geschichts- oder Sagen-Bildung, als dessen Nieder- 
schlag zunächst die Synoptiker erscheinen. Die Gemeinde von 
Jerusalem, blühend unter Leitung eines leiblichen Bruders Jesu, 
hatte in der Urzeit die Zwölfe und die übrigen Hauptzeugen des 
Lebens des Messias in sich vereinigt. Der Urstoff der Evglien- 
bildung stammt aus der Muttergemeinde und trägt in formeller wie 
materieller Beziehung den Stempel dieser seiner Herkunft ^). Von hier 
wurden Jesu Aussprüche und Thaten in der skizzenhaften Um- 
rahmung, welche sie gefunden, nach den Gemeinden innerhalb und 
ausserhalb Palästinas getragen und sorgsamst gepflegt. Mehr als 
einmal erscheint darum im NT alles geistige Schaffen und Bilden, 
welches innerhalb der Gemeinden statt hatte, als erwachsen auf dem 
(jrunde stetiger Erinnerung, als ein ununterbrochenes Auffrischen 
des empfangenen Eindrucks, als ein Weitergeben und Fortleiten des 
vom Ursprungspunkte her Zugeströmten (1 Cor 11, 2. 23. 15, 1. 3. 
Job 14, 26). Als sorgfältig von den Gläubigen gewahrtes Heilig- 



') WeizsIckkr, Apost. Zeitalter S. 381 f. Holstkn, Synopt. Evglien S.159f. 

7* 



100 



Geschichte des Kanons. 



thum, als best gehüteter Schatz der Ueberlieferung erweisen sich 
namentlich die direct aus dem Munde Jesu überlieferten Worte, 
Sprüche und Befehle. Mitten in seinen brieflichen Reden (1 The 
4, 15. 1 Cor 7, 10. 12. 25. 9, 14. 11, 24. 25) erhebt Pls bedeut- 
samst seine Stimme, unterstreicht gleichsam das Geschriebene doppelt, 
so oft er etwas nicht sowohl wie seine eigene individuelle Meinung, 
als vielmehr im Anschlüsse an eine überlieferte Kundgebung des 
Messias selbst mittheilt. Das älteste Grundgesetz, gleichsam den 
mündlichen Kanon neben dem geschriebenen des AT besassen die 
Gemeinden sonach in den 'k6'(oi zopiou. Fragelos waren demselben 
Pls, welcher ein so deutliches Interesse an den überlieferten Christus- 
sprüchen an den Tag legt, auch einzelne Ereignisse aus dem Leben 
und Wirken des Messias bekannt. Aber mit Ausnahme des ge- 
legentlich (1 Cor 11, 23 — 25) mitgetheilten Abendmahlsberichtes, 
wobei es ihm jedoch in erster Linie abermals auf Worte (der Ein- 
setzung) ankommt, ist keines so sehr in den Vordergrund seines 
Bewusstseins getreten, dass es neben jenen grossen Wendepunkten 
des Todes und der Auferstehung, welche im Centrum seiner Predigt 
stehen, irgendwie gestreift würde. Gleichwohl setzt gerade jener 
paulinische Abendmahlsbericht bereits eine formulirte Erzählung von 
den Endschicksalen Jesu voraus. Denn im Zusammenhange der 
den Corinthern zu Theil werdenden Belehrungen führte nichts auf 
die einleitende Bemerkung: „Unser Herr Jesus in der Nacht, da 
er verrathen ward" (1 Cor 11, 23). Wohl aber ist aus Mr 14, 
18 — 21 = Mt 26, 21 — 25 zu ersehen, dass die Erzählung von der 
Bezeichnung des Verräthers dem Berichte vom Abendmahl unmittel- 
bar vorauszugehen pflegte. Sogar die Möglichkeit einer bereits 
schriftlichen Fixirung der bedeutsamsten Worte »Tesu, gleichsam der 
vorläufigen Reichsbefehle des Messias, ist für die Zeit der Korinther- 
briefe keineswegs ausgeschlossen, und wenn unter den Aposteln über- 
haupt Einem, so könnte am ehesten dem früheren Zollbeamten das 
erforderliche Geschick im Umgange mit dem Griffel zugeschrieben 
werden. In der That existirt eine alte Ueberlieferung, derzufolge 
gerade Matthäus Xö^ia %upia%d in der Landessprache aufgezeichnet 
haben soll (Euseb. KG III, 39, 16). Aber ein „Evangelium" im 
späteren Sinne hat der Zöllnerapostel auf keinen Fall geschrieben, 
am wenigsten ein so kunstreich gegliedertes, von Zahlensymbolik 
beherrschtes und grosse Redecompositionen wagendes, auch schon 
frühere Schriften voraussetzendes Werk., wie unseren kanonischen 
Mt, sondern die mit grösster Liebe und Sorgfalt aufbewahrten Gleich- 
nisse, Weissagungen und Lehrreden, wie sie noch in den überein- 



I 



I. Kap.: Die neutestamentliche Literatur. 101 

stimmenden Redepartien des Mt und Lc die ehemalige Existenz 
jenes "Werkes zu bezeugen scheinen, könnte er möglicherweise gegen 
jede Corruption durch fortgesetzte mündUche Ueberlieferung sicher 
gestellt haben. Weiter gehendes Wissen über die Schriftstellerei 
von Uraposteln ist fraghcher Natur, sofern es mit deai Ausfalle 
der verwickelten Verhandlungen über Job und Apc, Jac und 1 Pe 
zusammenhängt. 

Viel leichter verbindet sich die Vermuthung einer mit der Feder geübten 
Wirksamkeit mit dem Signalement, welches Act 18, 24 von dem gelehrten 
Alexandriner Apollos gegeben wird, in welchem man ja auch in der That den 
Verfasser von Hbr finden will; jedenfalls vertritt schon dieses Schriftstück den- 
selben durch verstärkte Typologie, schulmässig durchgebildete Ansicht vom 
Judenthum und metaphysisch angehauchte Gotteslehre gekennzeichneten christl. 
Alexandrinismus, welcher sich dann in Joh ein Denkmal von bleibender Be- 
deutung gesetzt hat, bei den frühesten Entwickelungskrisen der christlichen 
Sache aber noch nicht betheiligt war. Hier liegt das entscheidende Moment 
vielmehr in jenem aus der Frage nach dem Gesetz erwachsenen Antagonismus. 
Die Bildung eines Kanons aber setzt, ähnlich wie die Bildung der Kirche, für 
die er bestimmt war, vor Allem die Aufhebung jenes Gegensatzes voraus, welcher 
die eigentliche apostolische Zeit charakterisirt. Auch in dieser Beziehung ist 
die Epoche des Jahres 70 eine tief einschneidende. Eben noch war Jerusalem 
gefeiert worden als die geliebte Stadt, welche ein Engel vor dem äussersten 
Verderben behüten wird (Apc 11, 2. 13. 20, 9). Jetzt lag es in Trümmern, 
der jüdische Staat war aufgelöst, die Juden zerstreut, während gleichzeitig die 
Heidengemeindeu aufblühten. Zwar sammeln sich auf dem Boden Palästinas 
selbst Heste der Nation um das Lehrhaus zu Jahne, aber wenn die Illusion 
noch einige Zeit über vorhalten mochte, als befinde man sich seit dem Falle 
des Tempels in einem Provisorium, so musste man sich um so völliger in 
die Thatsache fügen seit den Tagen von AeHa Capitolina und dem Schreckens- 
ende des Barkochbakrieges. 

4. Das nachapostolische Zeitalter. 
Die Periode, welche von dem 1. und dem 2. jüdischen Kriege 
eingerahmt wird, lässt sich als nachapostolisches Zeitalter bezeichnen 
und geht der Epoche der eigentlichen Kirchenbildung direct voran. 
Das vom Heidenthum sich lösende Christenthum wird durch die 
Ereignisse bestätigt, das Evangelium der Heiden durch das Gottes- 
gericht des Erfolges anerkannt. Von der unwiderstehlichen Gewalt 
dieser Logik der Thatsachen ist die Frontveränderung bedingt, 
welche im Judenchristentlnim vor sich geht, so lange und so weit 
es überhaupt noch eine Macht bleibt innerhalb der werdenden Kirche. 
Schon bisher hatte das Judenthum seine zahlreichen Proselyten in 
der römisch-griechischen Welt gewissermaassen auf Kosten des Cere- 
monialgesetzes gewonnen. Man stellte letzteres bei der propagan- 
distischen Thätigkeit zurück und legte den Schwerpunkt in die Lehre 



102 Geschichte des Kanons. 

von Einem Gott und seiner bildlosen Verehrung, in die reinere Sitt- 
lichkeit und den entsprechenden Glauben an ein zukünftiges Gericht. 
Die sibylUnischen Orakel vertreten theilweise ein in solcher Rich- 
tung erweitertes, gleichsam ein säkularisirtes Judenthum, welches an 
die Stelle der Beschneidung ein Eeinigungsbad treten liess (Y, 164). 
Eine analoge Form des Judenchristenthums bekennt sich jetzt, unter 
gleicher Preisgebung der Beschneidung, die ausser Rm, Cor, Gal, 
Phl und Act nur noch Col 2, 11 = Eph 2, 11 Erwähnung findet, 
zu einem Universalismus, der z. B. im Mt schon ganz die kath. Rich- 
tung, aber immer noch jüdische Grundfarbe aufweist. Man erkannte 
in der Heidenkirche die götthche Antwort auf das Urtheil, womit 
Israel seinen Messias verworfen, aber auch seine Hoffnung weg- 
geworfen hatte. Damit brauchte man noch keineswegs grundsatz- 
mässig auf die pauHnische Seite herüberzutreten, da eine gesetzes- 
freie Heidenkirche zum Theil auch als Fortsetzung jenes gesetzes- 
freien Proselytismus erschien. Vielmehr blieben als Nachwehen alter 
Kämpfe noch vielfach Verstimmung und Vorurtheil gegen Person 
und Lehren des Heidenapostels bestehen. Seine Lehre wird in den- 
jenigen NTlichen Schriften, welche das nachapostolische Zeitalter 
auf wesentlich judenchristl. Boden gezeitigt hat, theils stillschweigend 
verleugnet, theils ausdrückHch abgelehnt. Gleichwohl konnten Schrift- 
stücke, in welchen Ersteres der Fall ist, die NTliche Kanonbildung 
eröffaen (Mt) und solche von letzterer Qualität wenigstens noch eben 
vor Thorschluss in den Kanon eindringen (Jac); zum Sondereigen- 
thum der Secte wurde dagegen, was direct gegen den Gründer der 
Heidenkirche gerichtet gewesen war. Derartige, sein Andenken 
schmähende, Schriften hatte nämKch jenes essäische Judenthum her- 
vorgetrieben, welches der pharisäisch-judenchristhchen Opposition als 
eine zweite Form des Gegensatzes zu Pls nachgefolgt war und zuerst 
in den Col 2, 4. 8. 16 f bekämpften Irriehrern deuthch in Sicht tritt. 
In dieser Form hat auch noch die Heidenkirche des 2. Jahrh. 
judaistische Zumuthungen und Attentate erlebt. Vielleicht, dass die 
ältesten Spuren einer specifisch judaistischen Literatur sich in den 
Eingang von Act mit seiner IdeaHsirung Jerusalems als des vom 
Wunderglanz umstrahlten Ausgangs- und Mittelpunktes der Kirche 
hereinerstrecken, während die letzte Ausgestaltung der gleichen Stoffe 
sicherlich in den erst nach der Mitte des 2. Jahrh. entstandenen 
Clementinen voriiegt. 

Mit der soeben erwähnten Apostelgeschichte, sofern sie vom 
Verfasser des 3. Evglms herrührt, haben wir diejenige Literatur- 
gattung berührt, welche dem Christenthum ganz eigenthümlich und 



I. Kap.: Die neutestamentliche Literatur. 103 

trotz des secundären Charakters der vorhandenen Exemplare vom 
Eindruck des Originalen sogar noch mehr begleitet ist als die pau- 
Hnischen Briefe. Es sind das die Evglien, deren ältere (Mt, Mr) 
in die Zeiten der flavischen Kaiser fallen, während das Doppelwerk 
Lc Act die Grenzen des 1. Jahrh. zu überschreiten scheint. Aus 
früheren Tagen erhaltene und von der Vorstellungskraft der Epigonen 
zu immer neuem, reicherem Leben erweckte Erinnerungen zunächst 
an Reden, dann aber auch an davon unabtrennbare Lebensgeschicke 
und Handlungen Jesu (vgl. S 100) liegen in den bruchstückartig 
aneinander gereihten Perikopen vor, in welche unsere synoptischen 
Evglien zerfallen. Dass sich die Masse dieser kleinen Bilder wenig- 
stens bis zu dem in unseren Schriftwerken vorliegenden Grade orga- 
nisiren Hess, wird freihch nur begreiflich, wenn man den unentrinn- 
baren Zwang in Anschlag bringt, womit von jetzt an mündUche 
Tradition sich in schriftliche umzusetzen beginnt. War die Ver- 
kündigung von dem Messias Jesus zuerst ausschliessKch Sache der 
Urapostel und ihrer Schule gewesen, so ging sie schon in den Blüthe- 
zeiten der paulinischen Mission in die Hände neuer Männer über, 
welche nicht mehr in der Lage waren, aus eigener Erfahrung und 
aus erster Hand Mittheilungen machen zu können. Um so maass- 
gebender wurde für die Gestaltung der noch flüssigen und bildsamen 
Theile der Ueberlieferung jenes vom Glanz der Gottheit umflossene 
Christusbild, in welchem schon die paulinische Theologie mit den 
Visionen des Apokalyptikers freundlich sich berührt hatte und in 
dessen andächtiger Verehrung jetzt auch alle diejenigen Mächte sich 
begegneten, welche das nachapostolische Zeitalter zur gemeinsamen 
Arbeit der Kirchenbildung berief. In demselben Maasse unterlag 
freilich das historische Interesse an der Vergangenheit, wie es ja 
von Anfang an dem Glaubensinteresse nur nachgewachsen war, den 
mannigfachsten Beeinflussungen von Seiten der Gesichtspunkte, 
welche die jedesmalige Gegenwart beherrschten. Allenthalben in 
den urchristhchen Gemeinden gab es prophetische und inspirirte 
Persönlichkeiten, die nicht blos in die Zukunft schauten, sondern 
auch die Vergangenheit mit neuen Bildern zu beleben und zu be- 
reichern verstanden. In dieser enthusiastischen Verkleidung bemäch- 
tigte sich die dogmatisch- rehgiöse Reflexion mehr und mehr der 
überlieferten Stoff'e und bildete dieselben zugleich in theilweise diff'e- 
rirenden Richtungen weiter. 

So kann im Eingänge des 3. Evglms bereits von „Vielen" die 
Rede sein, welche dem Aehnhches unternommen haben, was jetzt 
der Verfasser zu Gunsten des Theophilus ins Werk setzen wird, 



104 Geschichte des Kanons. 

damit dieser darin eine Basis für seine Glaubensüberzeugungen finde 
(Lc 1, 1 — 4). Denn alle Evglien sind ebenso Zeugnisse von dem, 
was der historische Jesus dem Glauben der christl. Gemeinschaft 
geworden war, wie Begründungen dieses Glaub ensbewusstseins aus 
dem, was man von und über denselben Jesus überliefert bekommen 
hatte. Der literarische Niederschlag solcher Bemühungen heisst 
aber noch einfach „Erzählung", und die Art, wie von einem solchen 
Unternehmen gesprochen wird (Lc 1, 1 sjcs/sipyjaav avatd^aa^at 
Sly^YTtjöiv), beweist am besten, wie weit entfernt man sich dabei von 
jedwedem Anspruch einer irgendwie übermenschhchen Schriftstellerei 
befand. 

Die Autorität, welche den Evglien zwar nicht aus der Absicht ihrer Ur- 
heber, aber aus der Logik der Thatsachen erwuchs, beruht darauf, dass sie je 
länger, desto ausschliesslicher jene „Worte des Herrn" vertreten, welche den 
heiligsten Schatz, den noch ungeschriebenen Kanon der Glemeinde von Anfang 
an bildeten. In der Vielheit und Differenz der Evglien finden nur die aus- 
einander getretenen Gesichtspunkte Ausdruck, unter welchen das Bild des Messias 
bereits damals gefasst war, als die Niederschrift statt hatte. Das Vorwalten 
solcher religiös-dogmatischer Gesichtspunkte gibt sich deutlich schon im ersten 
Evglm zu erkennen, welches den Uebergang vom Judaismus zum UniversaHsmus 
darstellt und vollzieht, und zwar im Namen und von Seiten der Judenchristen. 
Mr hat eine mehr „neutrale" Gestalt, die von den Einen aus seiner grösseren 
ürsprünglichkeit, von den Anderen aus der Absicht der Ausgleichung oder gar 
der Umformung judaistischer Grundlagen in's Paulinische erklärt wird. Deut- 
licher weisen die beiden Bücher des Lc paulinische Anklänge auf; formell 
hellenistischer angethan als ihre Vorgänger sind sie universalistisch angelegt in 
der Auswahl des Stoffes. So haben alle Synoptiker ein bestimmtes Interesse 
an den Gegensätzen, die auch noch in der nachapostolischen Epoche die Cliristen- 
heit bewegten, wenngleich die Kampf- und Losungsworte der apostolischen Zeit 
in nur sehr gemilderter und abgeschwächter Form darin nachklingen. Während 
aber die beiden ersten Evglien in der Hauptsache noch die älteren Stoffe der 
Ueberlieferung reproduciren, bildet das 3. schon in mancher Beziehung den 
Uebergang zum johanneischen Evglium. Letzteres setzt die Synoptiker jeden- 
falls voraus und hat, auch wenn man den darin gegebenen Grundriss des Lebens 
Jesu als geschichtlich gelten lässt, ja als das apostolische Zeugniss den synopt. 
Berichten gegenübersetzt, ein noch ausgesprochener ideales Gepräge als diese. 
Wie man aber späterhin geschichtlich aussehenden Stoff dogmatischen Zwecken 
zu lieb erfindet, zeigt die Entwickelung der nun aufwuchernden apokryphischen 
Evglienliteratur. Die Judenchristen schnitten sich Evglien auf synopt. Grund- 
lage zurecht; die Gnostiker machten neue nach Maassgabe ihrer Speculatiouen. 
An diese judaistisch oder gnostisch gefärbten Evglien schliessen sich apokryphische 
Apostelgeschichten, Briefe und Apokalypsen in beträchtlicher Menge an. Soweit 
diese Seitengänger nicht entstanden sind, um schon kanonisirten Schriften 
Concurrenz zu bieten, beruht ihr späterer Ausschluss aus dem Kanon darauf, 
dass sie denjenigen Spielraum freier Bewegung und mannigfaltiger Ausgestaltung, 
welchen das kirchliche Princip zunächst noch gewähren musste, nach der einen 
oder anderen Seite erkennbarst überschritten haben. 



I. Kap. : Die neutestamentliche Literatur. 105 

Die Heidenkirche konnte einem auf die kath. Wege einlenken- 
den Judenchristenthum um so weniger zum Anstoss gereichen, als 
sie selbst sich längst auf einen Standpunkt der Beurtheilung reli- 
giöser Verhältnisse gedrängt sah, welcher zwar nicht jüdisch von 
Haus aus, aber doch dem Wesen der Gesetzesreligion innerhch ver- 
wandt war. Nie zwar haben getaufte Heiden in grösserer Anzahl 
Lust verspürt, das Joch des jüdischen Gesetzes auf sich zu nehmen. 
In dieser Beziehung war es lediglich an der jüdischen Minorität, 
sich anzubequemen. Aber nicht ohne Wirkung konnte es bleiben, 
dass fast ein Jahrh. lang, die, ihrer nationalen EigenthümHch- 
keit allerdings entkleidete, alttest. Schrift auch für die christl. Ge- 
meinden einziger heiHger Codex geblieben ist. Insonderheit hat 
bei aUer Geistesfreiheit der christl. Alexandrinismus der Begriffs- 
welt des AT, indem er sie zum ausschliesslichen Vehikel christl. 
Belehrung auf dem Wege der Typologie erhob, zugleich maassgeben- 
den Einfluss auf die Gestaltung der christlichen Weltanschauung und 
kirchl. Praxis verschafft (vgl. die Fortsetzung der Ausführungen 
über das neutest. Hohepriesterthum in Hbr bei Clem. Rom. 36, 
40. 41). Auf der anderen Seite bedurfte die gesammte Bildungs- 
und Gemüthslage des christhch werdenden Heidenthums einer posi- 
tiven Offenbarung des göttUchen Willens, einer absolut normirenden 
Autorität. Dies eben, ein die Massen bewältigendes Gesetz, suchte 
man im Christenthum ; dies und nichts anderes begehrte man. In 
dieser Richtung vollziehen die nachpaulinischen Briefe, besonders die 
Pastoralbriefe , vollziehen vorher schon die Lucasschriften die be- 
deutsamsten Wendungen und Wandlungen. Als lebendiges Ganzes 
hat der PauHnismus überhaupt nur einmal und zwar im Geiste seines 
Urhebers existirt. Schon die von diesem selbst bekehrten Christen 
vermochten sich nur schwer oder gar nicht auf der Höhe zu halten, 
darauf sie wie mit einem Schlage gefördert schienen ^). Ein kirchl. 
Gemeinbewusstsein auszufüllen, zumal in den Zeiten der kathohschen 
Kirchenbildung, dazu war der pauHnische Lehrbegriff zu sehr von 



*) Vgl. HoLSTEN, Syn. Evglien S 169: „Hatte doch PIs selber diese Heiden- 
christen auf den Grund der Voraussetzung des Judaismus gestellt, dass das Wort 
der Schrift das Offenbarungswort Gottes sei. Wenn Pls selber den Folgerungen 
dieser Voraussetzung durch die Deutung des Schriftbuclistabens aus dem Geiste 
der Schrift sich entzog, nicht ohne der Anklage eines truglistigen Verfälschers des 
Wortes Gottes zu verfallen (2 Cor 4, 2?), so waren die Heidenchristen einer so 
geistig freien Behandlung des Schriftbuchstabens nicht gewachsen und die Ge- 
dankengänge des Pls, mit denen er diese Folgerungen des Buchstabens wider- 
legte, waren aus Tiefen geschöpft, welche die Heidenchristen nicht ergründeten 
(Gal 3, 15—4, 7. 2 Cor 3, 1—4, ö)." 



XQ6 Geschiclite des Kanons. 

individueller Lebenserfahrung eingegeben, aus Verarbeitung hetero- 
gener Elemente zu kunstvoll gebildet, zu jüdisch in seinen Voraus- 
setzungen und seinen Ausgangspunkten, zu antijüdisch in seinen 
Folgerungen und Zielpunkten. Dass das Gesetz trotz Christi und 
seiner Jünger eigener Gesetzeserfüllung den Gläubigen nichts mehr 
angehen, dass dieser vielmehr von jeder positiven Formel entbun- 
den, doch aber zugleich auch wieder allein befähigt sein sollte, des 
Gesetzes Willen im höheren und vollsten Sinne zu vollziehen — 
das bheb dem Durchschnittsbewusstsein der aus allen Völkern und 
Zungen, Schichten und Ständen gesammelten Gemeinde unerschwing- 
liche Weisheit; es lag dem praktischen Bedürfnisse des Massen- 
christenthums noch ferner als seinem theoretischen Verständnisse. 
Vom Paulinismus erhielt sich nur die Forderung des UniversaHsmus 
mit ihrer nothwendigen Vorbedingung, der Freiheit der Heiden- 
kirche von Beschneidung und Eitualgesetz , auf der einen, der all- 
gemeine Gedanke eines in Jesu als des Gottessohnes Leben und 
Sterben der Menschheit unverdient zu Theil gewordenen Gnaden- 
geschenkes Gottes auf der anderen Seite. Im Uebrigen empfahlen 
sich Vorstellungen, wie die Jac 2, 14 — 26 entwickelten, wonach 
zu dem Glauben auch die Werke treten müssen, um den Menschen 
zu rechtfertigen, durch grössere Popularität, Handgreiflichkeit, Fass- 
lichkeit, überhaupt durch direkteren Anschluss an die bisherigen 
Gedanken, Anschauungen und Erwartungen der Menschen von dem, 
was die Eehgion sein und leisten soll. Zur Signatur des nachapo- 
stolischen Zeitalters gehört daher Coordination von Glauben und 
Werken, Normirung des sittlichen Bewusstseins nach der Bergpredigt 
und den aus Propheten und alttestamentlicher Spruchweisheit er- 
gänzten Geboten der apostoHschen Briefe, überhaupt eine unwider- 
stehlich sich geltend machende Gesetzlichkeit in der Auffassung des 
religiösen Verhältnisses, welche gleichwohl nur sehr theilweise auf 
jüdische Faktoren zurückweist. Viel mehr noch ist sie das directe 
Ergebniss des religionsgeschichtlichen Prozesses selbst, wie er sich 
auf griechisch-römischem Boden schon seit Jahrhunderten gestaltet 
hatte. Sofern aber das Christenthum, unter den Auspicien von LXX 
in die Heidenwelt eingeführt, im hellenistischen Judenthum der 
Diaspora seine Vorstufe gefunden hatte und dem entsprechend im 
AT seine Vorgeschichte suchte, die ganze alttestamentliche Ent- 
wickelung für sich als das neue Israel in Anspruch nahm, Hess sicli 
der gewonnene Standpunkt am verständlichsten so ausdrücken, dass 
Christus das mosaische Gesetz theils abgeschafft als Ceremonial- 
gesetz, theils aber auch erweitert und vertieft habe als Sittengesetz, 



I. Kap.; Die neutestamentKche Literatur. 107 

Damit war das Christenthum als neue Auflage des Mosaismus, als 
„neues Gesetz" (nova lex, zaivYj IvtoXtj) gekennzeichnet ; so aber lautet 
bekanntlich das Schlagwort der alten kath. Kirche, wie sie im Ver- 
laufe des 2. Jahrh. allmälig ausgewachsen ist. 

5. Nachapostolisches Material zur Kanonbildung. 

Wie auf diese Weise der Sache des Heidenapostels nur eine 
halbe, so widerfuhr seiner Person eine ganze Restitution. Als die 
grosse Aussaat zu reifen begann, als der Triumph der Heidenmission 
entschieden war und die Gestalt der Weltkirche, in welcher sich 
geborene Heiden und Juden zusammenfanden, einer ahnenden 
Glaubensgewissheit bereits deutlichere Umrisse aufwies, wurde es 
am Grabe des Heidenapostels lebendig. Das schriftstellerische Nach- 
leben des auch selbst vorzugsweise schriftstellerisch thätig gewesenen 
Mannes begann. Erstmahg war es der Autor ad Ephesios, der den 
Meister zum Zeugen seines Sieges machte und ihm Worte des Frie- 
dens heb, hineingesprochen in eine Heidenkirche, deren Organisation 
einen zweiten Schriftsteller, welcher einige Decennien später im 
Namen desselben Pls das Wort nimmt, in 3 Schriftsstücken (1 und 
2 Tim, Tit) beschäftigt. 

Mit der Erinnerung an den alten Streit wich aber auch das Bewusstsein 
um die nur halbfreundliche Stellung, welche man in urapostolischen Kreisen dem 
späteren Lebenswerk des Apostels gegenüber eingenommen hatte. Je höher 
vielmehr die populäre Vorstellung von der Würdestellung der Apostel stieg, je 
unbedingter die Kirche ihre Lehre und ihre Einrichtungen auf die apostolische 
Ueberlieferung gründete, um so weniger konnte sie bezweifeln, dass die Apostel 
in allen Stücken durchaus einstimmig gewesen seien. So gewöhnte man sich 
allmählig, sie alle zu einer unterschiedslosen Einheit zusammenzufassen, und es 
bildete sich die Vorstellung von der Einerleiheit und solidarischen Einheit der 
gesammten apostolischen Lehrbildung. In diesem Sinne ist Eph 3, 5 von den 
„heiligen Aposteln" die Rede und feiert die Apostelgeschichte den Petrus als 
den Begründer der Heidenmission, während andererseits Pls seine Heilsbotschaft 
zunächst den Juden anbietet, so dass beide im Grunde Universalapostel werden. 
Neben diesem bereits mit der Greschichtc des Kanons im Zusammenhang stehen- 
den Sprachgebrauch, demzufolge nur die Zwölfe und Pls Apostel heissen (so 
zuerst Clemens, Ignatius und Polycarp), kennt nun aber Pls selbst (1 Cor 12, 
28. 15, 7. 2 Cor 8, 23. Rm 16, 7. 1 The 2, 6, vgl. Apc 2, 2. Act 14, 4. 14) 
und kennen zahlreiche Schriftsteller der nachapostolischen Zeit (l^esonders 
Hermas und AtSa/vi) einen weiteren, demzufolge von Gott selbst berufene, der 
ganzen Kirche angehÖrigc Missionare so heissen. Weil ihr Beruf im Unter- 
schiede von den in einer ähnlichen Stellung sich befindenden Propheten und 
Lehrern zumeist auf Gründung neuer Gemeinden, auf Ausbreitung des Christen- 
thums, auf Evangelisation der Hcidcnwelt geht, heissen sie auch zha-^^tXio'toLi 
(Eph 4, 11, vgl. 2 Tim 4, 5. Act 21, 8 und Euseb. KG IH, 37, 2. V, 10, 2). 
Ohne Zweifel verdankte die Christenheit diesen von Gemeinde zu Gemeinde 
ziehenden Wanderlehrern dasjenige Maass von Einheitlichkeit einer kirchlichen 



1Q8 Geschichte des Kanons. 

Entwicklung, in welchem sich bereits die Generationen der nachapostolischen 
Zeit zusammenfanden. Von Belang ist endlich noch die Thatsache, dass ent- 
sprechend den schon in Apc erhobenen Ansprüchen, Eph 5, 14 ein christlicher 
Prophetenspruch mit Xi-^si eingeführt wird. 

Der in ihrem ökumenischen Charakter an die urapostoHsche 
Function sich anschliessenden Thätigkeit späterer „Apostel, Pro- 
pheten und Lehrer" entspricht auf literarischem Gebiete genau die 
gleichfalls schon secundäre, andererseits aber durch eine mehr oder 
minder grosse Allgemeinheit der Adresse gegen die Plsbriefe ab- 
gegrenzte Literaturgattung der sog. kathol. Briefe ^). Dieselben 
stellen eine durchaus eigenartige Classe für sich dar. Briefe der 
'Form nach, reden sie die ganze Christenheit oder doch weite Kreise 
derselben im Namen alter Autoritäten an. Und zwar nehmen zuerst 
die Gal 2, 9 aufgeführten „Säulenapostel" das Wort, ihnen schliesst 
sich noch an, nachdem die apostolischen Namen verbraucht sind, 
Judas, als „Bruder des Jakobus". Aber die bestimmt ausge- 
sprochenen Positionen, welche die geschichtUchen Träger der be- 
treffenden Namen eingenommen haben, sind aus den Briefen kaum 
wieder zu erkennen. Vielmehr ist es eine spätere Zeit, in die sie 
bestimmend und abwehrend eingreifen. Nicht mehr sind Parteien 
in gegenseitiger Auseinandersetzung begriffen, sondern die Fusion 
ist bereits vollzogen, so dass, wer die weitläufig verwickelten litera- 
rischen Verwandtschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse dieser Briefe 
sammt den zahlreichen sonstigen Spuren jüngerer Abkunft nicht be- 
merkt, sich gleichsam auf den neutralen Ausgangspunkt der ganzen 
Bewegung zurückversetzt glaubt. So vertritt namentlich 1 Pe mit 
einer bis auf's Wort sich erstreckenden Genauigkeit des Anschlusses 
gewisse leitende Gedanken des Paulinismus, während er andererseits 
in seiner praktisch-moraHschen Auffassung des Christenthums sich 
mit Jac, und zwar abermals bis aufs Wort, berührt. Doch auch 
der Verfasser von Jac 1, 25 („das vollkommene Gesetz der Frei- 
heit") reicht über den Widerstreit des Glaubens und der Werke 
hinaus dem Pls die Hand und bekennt seine Abhängigkeit von ihm 
schon im Gebrauche der pauHnischen Formel. Wenn ferner bereits 
1 Pe 5, 12 den paulinischen Gemeinden bezeugt wird, dass sie in 
der rechten Gnade Gottes stehen, so bleibt nur noch übrig, dass 
der Felsenapostel, auf den die Kirche nach Mt 16, 18 gegründet 
war, seinem „Heben Bruder" und Mitapostel Pls selbst ein öffent- 
liches Zeugniss über dessen Rechtgläubigkeit ausstellt und sämmt- 



*) Vgl. A. Harnack (und von Gebhardt), Texte und Untersuchungen zur 
Geschichte dar altchristlichen Literatur II, 2, S 105 f. 



I. Kap.: Die neutestamentliche Literatur. 109 

liehe Irrungen einer früheren Zeit aus böswilligem Missverständniss 
der freilich mitunter etwas schwierigen und dunkeln Ausdrucks- 
weise des Heidenapostels herleitet (2 Pe 3, 15. 16). So formulirt 
sich in einem Spätling der NTlichen Literatur der Trost, kraft 
dessen sich die auf beide apostolische Titel, Petrus und Paulus, 
Anspruch erhebende Kirche über das Gedächtniss an die Krisen 
und Kämpfe ihrer Jugend, soweit solches ihr noch dämmerte, hin- 
weg gesetzt hat. 

Aber mit diesem selben Briefe, welcher nicht blos urapostolisch, sondern 
eben desshalb auch bereits kanonisch sein will, stehen wir auch schon mitten 
in der Geschichte des Kanons, sofern die Plsbriefe als gesammelt, ja als ein 
Theil der „Schrift" (3, 16 xal xäc, Xonzäc, YP«<f «?) vorausgesetzt und prophetische 
und apostolische Autoritäten coordinirt werden (3, 2 ätco tmv ä-^iiuv irpocpyjttüv 
xal z9i<; xwv 6ctcoot6X(ov üfxcüv svtoX^(;). Mit der Sammlung der Plsbriefe, zu 
welcher die einzelnen Gemeinden, die im Besitze solcher waren, beitragen 
mussten, war zugleich schon ein sehr wirksames Motiv zur Vervielfältigung durch 
Abschriften gegeben. In den späteren Theilen des NT sehen wir daher die 
Plsbriefe fast durchweg vorausgesetzt, zunächst in Hbr nur die alten und echten, 
in den kath. und in den Pastoralbriefen auch die aus der Gefangenschaft 
stammenden, im 4. Evglm so ziemlich alle. In der Stelle 1 Tim 5, 18 wird 
Lc 10, 7 wenn nicht in aller Form als YP^^^*h citirt, so doch unmittelbar an ein 
alttest. Citat angereiht, so dass immer die Versuchung bestehen wird, auch die 
6cvaYVü)at(; 1 Tim 4, 13 nicht auf das Vorlesen blos alttest. Schriften zu be- 
schränken^). Dann aber wäre man, zunächst allein an der Hand des NT selbst 
fortschreitend, bereits an einem Punkte der Entwickelung angelangt, den wir, 
wenn wir uns nun an der ausserkanonischen Literatur über die Geschichte des 
Kanons zu orientiren suchen, frühestens erst um die Mitte des 2. Jahrh. erreicht 
sehen werden. Wer dagegen 1 Tim und 2 Pe für echte Producte des apostolischen 
Zeitalters nimmt, kann allerdings am Schlüsse desselben die Kanonisation des 
NT als vollzogen setzen*). 

Anhang. Für die Geschichte des christlichen Kanons kämen um ihrer 
zahlreichen Berührungen mit neutest. Schriften willen auch mehrere, in der 
alten Kirche fleissig gelesene und auch mannigfach nachgeahmte, alttest. Pseud- 
epigraphen in Betracht, wofern nur 1) das Abhängigkeitsverhältniss, an dessen 
Realität oft kein Zweifel ist, nicht entgegengesetzter Deutung fähig wäre, 2) die 
eigene Abfassungszeit jener Apokalypsen vollkommen sicher gestellt erschiene. 
Mit zunehmender Uebereinstimmung erkennt man übrigens in den 3 zuletzt zu 
nennenden Werken bereits Spuren der Reaction gegen das Christenthum, wahrend 
diesem das erste auch in seinen späteren Bestandtheilen noch voranzugehen 
scheint. 

1) Das Buch Henoch; aus einer Ansammlung verschiedener Schichten, 
seinem Grundstock (1 — 3ß. 72 — 105) nach etwa 100 v. Chr. entstanden, ur- 
sprünglich aramäisch, aber nur äthiopisch erhalten, herausgeg. von Dillmann 



») Vgl. VON Hofmann, Die heil. Schrift NT V, S 23. H. Holtzmann, Die 
Pastoralbriefe S 118, 250, 266, 353. 

») So z. B. Warfield, Bibliotheca sacra XXII, 1885, S 545 f, 548. 



wo Geschichte des Kanons. 

1851, in deutscher Uebersetzung 1853; es bietet auffällige Berührungen mit 
S3mopt. Evglien (die „Bilderreden" 37 — 71 bringen den Menschensohn-Messias), 
Apc und paulinischem Lehrbegriff, liegt Hbr 11, 4. 5. 1 Pe 3, 19. 20. 2 Pe 2, 
4. .Tud 6. 13 zu Grunde und wird Jud 14. 15 und Barn 4, 3. 16, 5 förmlich citirt. 

2) Die Himmelfahrt des Moses, avaXYj']^'.; MtouoEtoc:, nachweisbar seitOri- 
genes (De princ. III, 2, 1), enthält in ihrem ersten, noch allein in grösserem 
Zusammenhang vorliegenden, Theile Weissagungen des Moses bis auf die 
zwischen Herodes dem Grossen und der Zerstörung Jerusalems liegende Gegen- 
wart des Verfassers; in lateinischer Uebersetzung aus dem Griechischen 1861 
aufgefunden, zuletzt herausgegeben von Hilgenfeld (NT extra can. rec. I), bietet 
es einige Berührungen mit Pls (Moses als arbiter, julsoitt]? Gal 3, 19), Hbr, Apc, 
Mt 24 = Mr 13 und liegt Jud 9 zu Grunde. 

3) Das 4. Buch Esra, bei Clem. AI. Str. III, 16, 100 "Eoopa; b irpocp-fiiY]?, 
nur noch fragmentarisch im griechischen Original, dagegen mit christl. Zusätzen 
und Interpolationen in Vulg. aufgenommen, ausserdem auch, und zwar reiner, 
syrisch, arabisch, äthiopisch und armenisch vorhanden , zuletzt herausgegeben von 
VoLKMAR (Handbuch der Einl. in die Apokryphen II, 1863), Hilgenfeld (Messias 
Judaeorum 1869), 0. F. Fritzsche (Libri apocryphi Vet. Test. 1871); der jüdische 
Kern, aus den Zeiten Domitian's bietet auffällige Berührungen mit Mt, Apc, 
1 The 4, 15 — 17. Vorausgesetzt ist das Werk ohne Zweifel schon 1 Pe 5, 8 
(= 4 Esr 11, 37), 2 Pe 1, 19 (= 4 Esr 12, 42) und im Barnabasbrief. 

4) Die Apokalypse des Baruch, ursprünglich griechisch, hat sich nur 
syrisch erhalten; herausgegeben von Ceriani (Monumenta sacra et profana 
bibliothecae Ambrosianae V, 2, 1871; latein. Uebers. ebendas. I, 2, 1866 und 
bei Fritzsche), berührt es sich mit 4 Esr und Apc, nur in sehr zweifelhafter 
Weise mit Mt, Lc und Um. 



Zweites Kapitel: Die VorgescMclite des Kanons. 

1. Die älteren apostolischen Väter ^). 

Noch gleichzeitig mit den späteren Theilen des NT sind die der 
Reihe nach wohl sämmtlich in Rom entstandenen Schriften des 
Clemens, Barnahas und Hermas. Der Erstgenannte, welcher frühe- 
stens 93, spätestens etwa 125 geschrieben hat, stellt sich in dem 
im Namen der römischen Kirche nach Korinth gerichteten Send- 
schreiben bereits als pedisequus Pauh, so gut er ihn versteht, jeden- 
falls als fleissigen Leser seiner Briefe, insonderheit Bm, ausserdem 
auch Hbr, dar. Gleichwohl wird nicht blos letzteres Schriftstück, 
wie schon Eusebius (KG III, 38, 1) sah, noch mit auffälliger Frei- 
heit des Ausdrucks ausgeschrieben, sondern auch überhaupt nur 
ein einziges Mal ausdrücklich Bezug genommen auf einen Plsbrief 



*) Opera patrum apostolicorum werden durchweg citirt nach 0. VON 
Gerhardt, A. Harnack und Th. Zahn I, 1 und 2, 2. Asg 1876—78; IT, 1876; 
m, 1877. 



n. Kap. : Die Vorgeschichte des Kanons. 1. Die älteren apostol. Väter. Hl 

(1 Cor): avaXaßcTs ttjv sTitcjToXYjv toö [laxapiot) IlaoXoo to5 aTuoaTÖXop 
(47, 1). Sind apostolische Briefe ohne Zweifel zunächst nur so 
lange verlesen worden, bis ihr Zweck erreicht, d. h. die betreffende 
Gemeinde mit ihrem Inhalte bekannt war, so begegnet hier die erste 
Spur fortgesetzter Benutzung, insofern ein wichtiges Datum, als mit 
der Anagnose christl. Schriften neben den ATUchen das treibende 
Motiv für Bildung eines NTlichen Kanons gegeben war ^). Im 
Uebrigen wird man stets darüber streiten können, ob und wie viele 
sonstige Plsbriefe Clem. voraussetzt, und insonderheit, wie man ge- 
wisse Berührungen mit 1 Pe und Jac zu beurtheilen habe. Seine 
Ghristologie hebt den Verfasser bereits über Pls weg zu der Höhe 
des Alexandrinismus. Aber eben dass er die Gedankengänge von 
Hbr so emsig verfolgt, beweist, dass ihm die johanneische Sprosse 
der Leiter noch unerreichbar, weil unbekannt, gebheben ist ^). 

Auch der zwischen 96 und 125 abgefasste Barnabasbrief, der 
ganz zur kath. Briefgattung gehört, steht unter dem entscheidenden 
Einflüsse der pauUnischen Literatur und benützt namentlich Em und 
2 Cor, während er sich bezüglich der evang. Geschichte durchaus 
an den synopt. Typus hält und zwar speciell an denjenigen von Mt, 
wiewohl er gelegentlich (15, 9) auch ganz unbefangen die Tradition 
Mt 28, 10. 16—20. Act 1, 3 hinter der Lc 24, 51. Mr 16, 14 f. 
zu Tage tretenden zurückstellt ^). 

Hermas — geschrieben um 140 — stellt eine entgegengesetzte 
Richtung auch in der Geschichte des Kanons dar. Ohne ein ein- 
ziges bibhsches Citat zu bieten, kennt er doch, vom AT abgesehen 
(Sim. y, 3, 7 ra YSYpa[^[^£va ?) ganz besonders Jac, setzt von den 
Plsbriefen mit Sicherheit wenigstens 1 Cor und Eph voraus, ausser- 
dem wahrscheinlich Hbr und 1 Pe ; die synopt. Literatur hat er vor- 
nehmlich in der Gestalt von Mr vor sich. Zweifelhaft sind seine 
Berührungen mit Job und Act; von The, Gal, Phl, Col begegnet 
nicht die geringste Spur ^). 

Alle drei Schriftstücke kennen noch eine allgemeine Geistes- 
ausgiessung (Clem. 2, 2. 46, 6. Bani. 19, 7. Herm. Mand. 3, 2 
u. 4), ein Wohnen des Herrn (Mand. 3, 1) als des prophetischen 
Princips (Barn. 16, 9) in den Gläubigen ^)y so dass hier noch wesent- 



') Weizsäcker JdTh 1876, S 493. Th. Harnack, Praktische Theologie 
I, S 419. 

2) HoLTZMANN ZwTli 1877, S 387 f, 393 f. 

«) IIOLTZMANN ZwTli 1871, S 336 f. 

*) Th. Zahn, Der Hirt des Herinas S. 396 f. 

^) Sollte Sta toö 6L'(ioo twvs6(AatO(; Clem. 63, 2 zum Vorhergehenden 6<f/' 



112 Geschichte des Kanons. 

liehe Voraussetzungen des Begriffes der Kanonicität fehlen, welchem 
bei Clem. und Barn, ohnedies gesteigerte Vorstellungen von der 
einzigartigen Heiligkeit des ATlichen Schriftbuchstabens (LXX) 
störend im Wege standen, während der Prophet Hermas sich christ- 
lichen Autoren, soweit er solche überhaupt kannte, wohl als eben- 
bürtig dachte. 

Charakteristisch ist das Verhalten aller drei Schriftsteller zu den Christus- 
sprüchen (gesammelt bei Westcott S 54f, 60). Schon wie Clem. solche citirt, 
stehen sie alle in den Synoptikern oder synoptikerartigen Apokryphen, aber 
ohne dass darum die Evglien selbst irgendwie genannt, angeführt, berücksichtigt 
würden. Nichts führt über die Annahme einer freien, auf Reniiniscenzen be- 
ruhenden Benutzung von Mt, vielleicht auch von Lc hinaus. Nur die Form, in 
welcher 15, 2 die Stelle Jes 29, 13 citirt wird, verrath wohl Leetüre von Mr 
7, 6 '). Ebenso sind die Christussprüche, welche Barn, in der Form von Mt 
anführt, immer in die eigene Rede des Verfassers aufgenommen. Eine Ausnahme 
machen nur zwei Stellen. Aber die erste (4, 9 sicut dicit filius Dei), worin 
Frühere ein \6^(io^ a^pacpov fanden, hat sich nach Entdeckung des griechischen 
Textes in einen Schreibfehler verflüchtigt (sicut decet filios dei — «>? itplirsi 
lilolc, d-Boh). Die zweite (4, 14 TCpoasy(u|xev jjlyjtcots tlx; •'(i'^^oLnxai uoXXol v-Xy^xai, 
ökv^oi hh exXexTol eups^&fjisv) bildet fortwährend einen Controverspunkt, sofern 
nach den Einen ein unbekanntes Apokryph oder 4 Esr 8, 3 multi quidem creati 
sunt, pauci autem salvabuntur (indess hier wie 9, 15 fehlt gerade v.Xyjtoi), nach 
den Andern Mt 22, 14 citirt wird^). Unter letzterer Voraussetzung würde er- 
hellen, dass zur Zeit unseres Briefstellers bereits gottesdienstliche Lectioneu 
aus Mt stattfanden. Aber auch so würde der Fall einzig dastehen, insofern das 
Ansehen der Evglien bis auf die Zeiten Justin's zwar immer entschiedener hervor- 
tritt, zunächst aber eben noch nicht in ihrer Eigenschaft als fP^^^'f^, sondern 
lediglich, weil sie die von Christus gesprochenen Worte referiren. Ueberdies 
macht, ja Barn, selbst keinen Grebrauch von der vorausgesetzten Kanonicität des 
Mt (S 111), während er dafür 12, 1 neben Ez als aXXo? upocp-riiY]? 4 Esr 5, 5 
citirt. Bezeichnender für die wirkliche Sachlage als jene mindestens der Ent- 
wickelung vorgreifende Formel in Barn, sind die Thatsachen, dass Clem. Jesus- 

•JjpLüiv '^z^fiait.ii.ivoK; gehören, so würde der Verfasser für sich selbst in Anspruch 
nehmen, was der kirchl. Theorie zufolge den neutest. Schriftstellern vorbehalten 
werden muss ; dafür spricht allerdings 59, 1 tolc, 6tc' autoü (seil. Xptaxoö) hC 'tjjjkLv 
sipY]}j.£vot<;. Doch handelt es sich in diesem Schriftstück speciell um das 
souveräne Bewusstsein der römischen Gemeinde. 

^) Schölten (Zeugnisse, S 5 ; Paul. Ev S 1 f) leugnet. Schanz (Com. über 
Lc S 8) behauptet Berücksichtigung auch des Lc. 

*'*) Für Esra Orelli, Selecta patrum eccl. capita 1820, S 5. Strauss, 
Leben Jesu 1865, S. 55. Schölten, Zeugnisse S 9 f . Volkmar, Das 4. Bucli 
Esra 1863, S 221, 290; Monumentum ineditum S 16; Ursprung unserer Evglien 
S 110 f, 119. Für eine unbekannte Quelle Eichhorn 1, S 127. Weizsäcker, 
Zur Kritik des Barnabasbriefes S 33 f. Supern. Rel. 1879, I, S 244. Für eines 
oder das Andere Schmiedel S 322. Für Mt die Meisten, Keim, Mangold, 
HiLOENFELD S 38, 70. Bamabae ep. 2. Asg S 82. Zweifelhaft bleibt doch aber 
selbst Westcott S. 51 f, 60. Vgl auch A. Harnack, Dogmengeschichte I, S 273. 



n. Kap. : Die Vorgeschichte des Kanons. 1. Die älteren apostol. Väter. 113 

Worte nur mit el^sv an Stellen citirt, in deren Umgebung das AT mit •^k-^pr/.Kxai, 
Xi'(ti TÖ TCV£ö[i.a tö äy-O'-') ^"O^-^ ^ äy.oi; \6-(0(; eingeführt wird (16, 2. 46, 8) ; dass 
ferner, nachdem Rm 1, 32 dem Gedanken und Ausdruck nach reproducirt war 
(Clem. 35, 5. 6), sofort mit Alys'. Y«p ^ YP^^T"^ ^^ ^0, 16—23 angeführt wird 
(ein späterer Katholiker hätte hier eben Rm 1, 32 selbst als Dictum probans 
für seine Meinung citirt); dass 13, 1 unter der Flagge Xrp^ xö 7cysö|ULa xb a-^iov 
Jer 9, 23 f in extenso erscheint, wobei übrigens Erinnerung an 1 Cor 1, 31 
und 2 Cor 10, 17 mit unterläuft; dass endlich 49, 5 ein ähnliches Verfahren 
gegenüber 1 Cor 13, 4. 7. 1 Pe 4, 8 beobachtet wird. Aehnhch verhält es sich 
mit Hermas, wenn er fast ermüdende Umschreibungen von Jac 1, 6 — 8 (Mand. 9) 
und Jac 4, 7 — 12 (Mand. 12, 2 — 6) gibt, ohne dass es ihm in den Sinn käme, 
die betreffenden Stellen selbst zu citiren. Das einzige Citat, welches Herm. 
überhaupt gibt, gilt einem apokryphischen Werke (Vis. 2, 3 (u? '(i-^poLizxoLi iv xu) 
'EXoaS xal MuiO'-j.x), ähnlich wie Clem. mit Xk-(zi 4] yP^^?*^ einen auch aus 2 Clem. 
11, 2-4 bekannten Prophetenspruch (23, 3. 4), Barn, mit derselben Formel das 
Buch Henoch citirt (16, 5). 

Die Ai§a'/7j zopioo 5ta twv SwSsxa aTroaiöXwv, welche sich direct 
an die älteren apostolischen Väter anschliesst und zu Barn, und 
Herm. in schriftstellerisch vermitteltem Verhältnisse steht, wäre als 
Zusammenstellung der apostolisch überlieferten Herrnlehre gar nicht 
möghch gewesen, wenn es schon einen NTlichen Kanon gegeben 
hätte. Die Autoritäten, auf welche sie sich beruft, sind das AT 
(förmhch citirt 14, 3, und 16, 7; dort Mal 1, 11. 14, wie Justin. 
Dial. 28. 41. 116. 117, hier Sach 14, 5) und 6 %6pw<;, von welchem 
Sprüche und "Weisungen fast in jedem Capitel mitgetheilt werden, 
meist (etwa 20 mal) in der Form des Mt , zuweilen (4 mal) mehr 
in der des Lc. Entweder liegt völlig freie, auch eigene Zuthaten 
nicht scheuende Citation vor oder aber eine Combination beider 
Texte von der Art, wie sie auch die Evglienharmonie des Tatian 
bietet. Johanneisch klingt Manches in Cap. 9 und 10, aber niemals 
erscheint derartiges als vom zopio? herrührend oder enthalten iv up 
süaYYsXtq) (toö xopiou), welche Formel 3 mal (8, 2. 15, 3. 4; vgl. 
11, 3 TÖ 8dY{j.a toö soaYYsXwo) begegnet, so dass man auch AT und 
TÖ euaYYsX'.ov als die Autoritäten der Ai^ayri bezeichnen kann. Ueber- 
dies wird 1, 6 mit slf/^Tai ein räthselhafter Spruch mitgetheilt, dessen 
Herkunft unbekannt ist (Erklärung seines Sinnes Const. H, 27, 4. 
ni, 4, 2). Daneben wird niemals Epistolisches citirt, und doch sind 
dem Verfasser wohl einige Plsbriefe^ bekannt gewesen (Ruf zur Ar- 
beit 12, 3 -- 1 The 5, 22. 2 The 3, 8—12; Eschatologisches 16, 
4. 6 ^- 1 The 4, 13—17. 2 The 2, 3—12; Abendmahl als pneu- 
matische Speise 10, 3 = 1 Cor 10, 3. 4; Maranatha 10, 6 -= 1 Cor 
16, 22; Standespflichten 4, 9—11 ^- Eph 6, 4—9; „Wachen für 
etwas" 5, 2 - Eph 6, 18; „das irdische Geheimniss der Kirche" 

Ho 1 tz m an n, Einleitung. 2. Auflage. o 



114 Geschichte des Kanons. 

11, 11 = Eph 5, 22 — 33). Wenn aber Pls SiaTCpLasic Ttvsofiditov 
fordert (1 Cor 12, 10. 14, 29), so nimmt unser Verfasser keinen 
Anstand, dieselben vielmehr mit furchtbarer Strafandrohung zu ver- 
bieten (11, 7). Wenig nur wollen besagen die Berührungen mit Act 
(6 ;üaic 'Itjcjoöc 9, 2. 3. 10, 2. 3 = Act 3, 13. 4, 27; 00% ipsig i'Sta 
sivat 4, 8 =-^ Act 4, 32) und mit Petrus (Enthaltung von fleisch- 
lichen Lüsten 1, 4 --- 1 Pe 2, 11, aber auch Tit 2, 12. Clem. 2 Cor. 
17, 3; 6 xpövo? r^c: ttlotsodc 16, 2 = 1 Pe 1, 17. 4, 2. 3; keinen 
Feind haben 1, 3 = 1 Pe 2, 15. 3, 13) '). 

2. Papias''^). 
Der etwa 70 — 90 geborene, 161 — 163 verstorbene Papias, Bischof 
von Hierapolis in Kleinphrygien hat um die Mitte des 2. Jahrb. ^) 
aüYTpa[X{JLaTa tusvts a xai kizqs'^paLTLzoLi XoYtwv xopiazwv s^T^YTJastg (Euseb. 
KGr III, 39, 1) geschrieben, d. h. Auslegungen oder Erläuterungen 
von Aussprüchen Jesu (Hieron. Cat. 18 explanatio sermonum domini). 
Aus dem Werke sind durch Eusebius und einige Spätere gerade 
genug E-este erhalten worden, um die Stellung dieses apyaXoc, avTJp 
in der Geschichte des Kanons einigermaassen aufzuhellen. Jeden- 
falls können die von Papias als Quellen aufgeführten Bücher nur 
solche sein, welche XöYta xoptavta enthielten, also irgendwie evangehen- 
artige Werke. Aber nur ihrer zwei erwähnt er, von welchen das 
eine in seinem hebräischen Original auf den Apostel Matthäus 
zurückgeführt wurde, das andere den Gewährsmann für seinen Bericht 
in dem Apostel Petrus finden sollte (39, 14 — 17). Mag nun sein 
Zeugniss direct unsern beiden ältesten Evangelien ^), oder nur unser m 



^) A. Harnack, Texte und Untersuch, II, 2, S. 65 f, 161, 164, 166. Ganz 
ähnlich verhält sich zur Kanonbildung auch die sog. apostolische Kirchen- 
ordnung in ihren ältesten erkennbaren Quellen, wo das AT mit ^k^^^aTzxai, da- 
neben aber nur noch Herrnworte in synoptischer oder apokryphischer Form als 
Autoritäten angeführt werden; bekannt sind auch Apc und einige Plsbriefe. Vgl. 
Texte und Untersuch. II, 5, S 49 f. 

^) Vgl. die Literatur Patres ap. I, 2, S 89 f. Darunter namentlich die 
grundlegenden Schriften von Weiffenbach, Das Papiasfragment bei Eusebius 
1874 ; Die Papiasfragmente über Mr und Mt 1878. Dazu JprTh 1877, S 323 f, 
406 f. Ausserdem Lightfoot, Contemporary Review 1875, 2, S 377 f, 828 f. 

") Nach Wieseler (Zur (xescliichte der neutest. Schrift und des Ur- 
chri8tenthumsl880, S 119, 135) 98—110 ; nach Salmon (S 108) vor 130; nach Rettig, 
Thiersoh, Weiffenbach (Das Papiasfragment S 24 f, 95 f) 130-140; nach 
Wertcott (S 70) 140—150; nach Lipsius (JprTh 1885, S 174) und Schmiedel 
(S 320) 150 -160, nach Volkmar (Ursprung S 59 f; Evglien S 548 f) 160-167. 

'') Volkmar, Geschichtstreue Theologie S 47; Ursprung unserer Evglien 
S 61, 134. Tischendorf S. 107. Zahn StKr 1866, S 690 f. Langen S 11 f, 32. 



11. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 2. Papias. 115 

Mr, daneben aber einem Urmatthäus (sei es Hebräerevglm , sei 
es Spruchsammliing) ^), oder zwar unserm Mt, daneben aber einem 
Urmarcus '^) , oder endlich sowohl einem Urmatthäus als einem Ur- 
marcus gelten ^) : sicher ist, dass Alles , was Papias über den Ur- 
sprung des einen wie des anderen Werkes mitzutheilen weiss, ganz 
von der Art ist, wie man von menschlicher Schriftstellerei spricht. 
Einerseits zwar legithniren ihre Entstehungsverhältnisse diese Werke 
als Urkunden über das christliche Urdatum (darum kommen beide 
Bücher für das eigene Unternehmen des Papias in Betracht), anderer- 
seits aber leitet Papias aus eben diesen Entstehungsverhältnissen 
eine relative Unvollkommenheit beider Urkunden ab, fremde Sprache 
hier, Mangel an Ordnung dort. Folglich sind ihm beide Werke 
auf keinen Fall als kanonische Schriften, d. h. unter dem bevorzugten 
Gesichtspunkt der Inspiration entgegengetreten. Eben darum scheint 
dem Papias auch in demselben Proömium, in welchem er die be- 
sprochenen Mittheilungen macht, „das der lebenden und bleibenden 
Stimme zu Entnehmende" nutzbringender als „das aus den Büchern", 
d. h. er zieht der schriftlichen noch die mündliche Tradition vor, 
als deren eifrigen Freund und Sammler er sich selbst einführt 
(Euseb. III, 39, 4 oo Y^p ra k% zm ß'.ßXuov ToaoöTÖv \ls w'fsXsiv i)Z£Xa{x- 
ßoLvov oaov la :üapa Cwa'/jc «pwv'^c '/tal {isvoügyjc). Yon solchen Büchern 
muss schon in dem Context vor Beginn unseres Fragmentes die 
Rede gewesen sein *), da er im 1. Satze einer bestehenden höheren 
Taxirung derselben gegenüber fast nur verschämt mit seinen Tradi- 
tionen herausrückt ^). AVas in seiner Jugend noch zeitgemäss er- 
scheinen konnte, war es in seinem Alter nicht mehr in gleichem 
Maasse^): das bedeutet die entschuldigende Wendung, „er wolle 



Leimbach, Das Papiasfragment S 124 f. Westcott S 73 f. Keim, Aus dem Ur- 
christenthum S 221 f. Wetzel, Die synopt. Evglien S 68 f, 74. Lipsius JprTh 
1885, S 174. 

') Hilgenfeld (zuletzt ZwTh 1886, S. 257 f), Godet, Grau, Resch, Das 
Formalprincip des Protestantismus 1876, S44f. Meyer- Weiss, Mt, 7. AflSUf. 
H. Wendt, Die Lehre Jesu I, 1886, S 37 f, 44 f. 

'0 ScHWEGLER, Zeller, Baur, Dlo Evglicn S 536 f, 580 f. 

") Schleiermacher, Credner, Köstlin, Schölten, Beyschlag, Nösgen, 
A. Revhj.e, Reuss, Ewald, Renan, Hanson, Weiffenbach, Die Fragmeute S 104 f, 
124 f. Jacobsen .IprTh 1885, S 167 f. Mangold bei Bleek, S 249 f. 

") So mit Recht die meisten Ausleger, z. B. Steitz StKr 1868, S 66; 
JdTh 1869, S 145. Mangold ])ei Bleek S 113. H. Lüdemann .Ti)rTli 1879, 
S 369 f. Wetzel S 70 f. Wold. Schmidt S 454. 

'') H. Lüdemann S 370, 379. 

") Falsch schliesst Wktzkl S 71 f aus dem ÖKsXajißavov, dass Papias selbst 
an dem mittlerweile eingetretenen Umschwünge betheiligt gewesen und seine Vor- 

8* 



116 Geschichte des Kanons. 

nicht anstehen, auch alles dasjenige, was er dereinst von den Aelte- 
sten gut gelernt und trefflich dem Gedächtniss eingeprägt habe, mit 
unter die spfAYjvsLai einzureihen" (nach der Lesart Gvt^xazaxd^ai) oder 
wahrscheinlicher „mit den (entsprechenden, dazu gehörigen) Aus- 
legungen (zu einem Ganzen, einem a6vTaY[j.a) zusammenzustellen, 
indem er die Wahrheit davon verbürge" (39, 3 ooz oTtvTJaw Ss aot 
xal oaa Tioxk Tuapa twv TupsaßoTSpcov ^aXw? e[ia^ov v.cd xaXw? IpTjjiövsoaa 
aovTdJai latc sp{iY]V£iai(; S'.aßsßaioüiJisvoc oTusp aotwv aX'/j^siav) ^). Im 
weiteren Fort gange des Fragments versichert Papias bei seiner Aus- 
beutung der Tradition die erforderliche Sorgfalt angewandt und sich 
nicht zufrieden gegeben zu haben bei denjenigen, welchen der grosse 
Haufen zufällt, weil sie einen entsprechenden Haufen von Mitthei- 
lungen zu machen haben, auch nicht bei denen, welche fremdartige, 
sondern nur bei denen, welche die von dem Herrn seinen Gläubigen 
gegebenen und von der Wahrheit selbst stammenden Gebote be- 
richten (ou Y^p TOic Toc TuoXXa Xsyo'^^tv s'/aipov waTisp ot ttoXXol, aXXa 
Toi<; zakrid-fi SiSdcj7,ooaiv , ouds zoIq idc dXXorpiac hzo\ä<; [j.vYj[iovs6ooaiv, 
aXXa zol(; Tdc Tüapd toö vjopioD z'q nlazsi §£So[JL£vac: xal aTu' aoT-^g :rapa- 
7£vo[jiva(; Tfj(; dXYj^£ia(;). Je mehr also das, was ihm zukam, durch 
die Persönlichkeiten der Berichterstatter und ihrer Gewährsmänner ^) 
empfohlen und verbürgt war, desto mehr reizte es seinen Forscher- 
und Sammlertrieb. Die Kirche wollte freilich später nicht mehr 
jeden so gewonnenen Fund des wegen seines Chiliasmus (39, 12) als 
a{j.ap6(; töv voöv Geltenden (39, 13) werthvoll und glücklich preisen. 
Eusebius bezeichnet die von Papias aufgetriebenen Anekdoten bald 
als TiapdSo^a bald als {iD^tz(bT£pa (39, 8. 11) und unter dem Banne 
dieses Eindrucks ist vielleicht sogar hier und da einmal eine origi- 
nelle Notiz unbeachtei^ gebheben ^) — kein befremdliches Loos für 
einen Schriftsteller, der noch so wenig um das Kanonische Bescheid 



liebe für die Tradition aufgegeben habe ; vielmehr bezeichnet es die Gleichzeitig- 
keit der inneren Motivirung mit sj^atpov, avlxpivov, und alle drei Imperfecta 
drücken die anhaltende Vorbereitung des Werkes aus; vgl. Weiffenbach, 
Das Papiasfragment S 130, 187 f. Hilgenfeld ZwTh 1886, S 271. 

^) Die Fassung des xai vor oaa als Correlat zu dem v.ai in dem später 
folgenden Satze (et Se tzou xai u. s. w.), wie Weiffenbach sie im Interesse seiner 
Hypothese durchführen will (S 20 f), ist von Lipsius, Härtens, Lüdemann, 
Hilgenfeld, Leimbach, Kattenbusch und Wetzel (S 71) verworfen und vom 
Urheber selbst als „Härte" bezeichnet worden (JprTh 1877, S 337). 

*) Beide Subjecte fallen auseinander nach der III, 39, 4 folgenden Erklä- 
rung et ok Koh xat Tzrxo'qv.o'koud^v.iiic, ziq xol? TrpsoßuTspotc; eXi^oi xob(; täv TCpsoßuTepcuv 
avixptvov Xo^oD?. 

") Zyro, Neue Beleuchtung der Papiasstelle 1869, S 19 f. 



n. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 2. Papias. 117 

weiss, dass er über den Tod des Verräthers Judas sich einer Kunde 
erfreut, die weder mit Mt 27, 5 noch mit Act 1, 18 stimmt ^). 
Und doch hat er sicher unsere synopt. EvgHen gekannt, wenn auch 
noch nicht ^unter ihren jetzigen Titeln; Lc wegen der augenschein- 
Hchen Nachahmung von Lc 1, 1 — 4 in seinem Proömium ^), Mt um 
des von ihm für die Beurtheilung des Mr entnommenen Maass- 
stabes willen ^). Man konnte mithin zur Zeit des Papias noch die 
Aussprüche des Messias als Gottessprüche schlechthin betrachten, 
ohne darum an EvgHenschriften andere Anforderungen zu stellen, 
als dass sie diese Xo^ia TCDpiazd in zuverlässiger Weise reproduciren 
müssen; die darin erzählten Thatsachen schätzte man als das Neben- 
sächHche. 

Für des Papias Stellung ist schon der Titel seiner Schrift bezeichnend, so- 
fern die Xö^irx xop'.axa, deren Erklärung sie gewidmet ist, für ihn allein normative 
Autorität sind. Um so weniger ist der Terminus \6-(t.o\i nach dem späteren patri- 
stischen Sprachgebrauch zu verstehen vom Inhalte neutest. Schriften, insonder- 
heit der Evglien (so noch Salmon S 117 f). Eben diese charakterisirt er ja, 
wie gezeigt, in einer Weise, die deutlich macht, wie wenig sie ihm unter der 
Kategorie des Orakels, des inspirirten Wortes, also eben des Xo-^iov erschienen 
sind*). Andernfalls wäre die Gleichstellung des NT mit dem AT schon hier voll- 
zogen. Denn wie Rm 3, 2. 1 Pe, 4, 11. Hbr 5, 12. Act 7, 38 xa Xo^ta Gottes- 
sprüche, und zwar alttest. sind, so bezeichnet auch noch Clem. Rom. damit den 
Inhalt des AT. Die letzteres lesenden Korinther heissen h(v.tv.ii<^6xsq el<; xa 
Xo^KA xr^c, KaiozioLc, xoö d-Boö (62, 3). Wo Jes 66, 2 xou? Xo^oo? |j-oü steht, setzt er 
dafür xa Xöy.rx (13,4). Letztere erscheinen daher parallel mit al bpalYpacpai (53, 1) 
und die alttest. Frommen heissen xaxaSs^aiJ-svoi xa X6-(ia a5xo5 (19, 1). In eine 
diesem alttest. Gotteswort ebenbürtige Stellung rücken sonach die Reden des 
Messias vor (vgl. auch S 119 über Justin, S 122 über Clem.), während Erzäh- 
lungen von diesem Xö'(ia erst heissen konnten, seitdem sie als Bestandtheile 
kanonischer Schriften selbst EfFata Spiritus Sancti geworden waren, also etwa 
bei Irenäus. Pia kommt nicht vor, es müsste denn Papias die benannte Grösse 
zu den bei Irenäus (V, 5, 1. 36, 2) 1 Cor 15, 25—28. 2 Cor 12, 4 citirenden Presbytern 
sein*). Gegentheils scheint gerade dies dem Eusebius aufgefallen zu sein, dass 
im Proömium zwar 7 Urapostel namentlich aufgeführt werden (III, 39, 4), des 
im örtlichen Bereiche des Papias wirksam gewesenen Pls aber keine Erwähnung 

1) Gegen Zahn StKr 1866, S 687. Vgl. Overbeck ZwTh 1867, S 39 f. 
Steitz StKr 1868, S 87 f. Hilgenfeld ZwTh 1875, S 264 f. Supernat. rel. 
III, S 19. 

') RiöGENBACH JdTh 1868 , S 323. Weiffenbach S 16. Hilgenfeld S 58. 

«) H. HoLTZMANN ZwTh 1880, S 69 f. 

*) Schleiermacher StKr 1832, S 738. Steitz abend. 1868, S 68 f. Weiffen- 
bach S 80 f. Dagegen Wetzel S 65: „Woher weiss man denn, dass zur Zeit 
des Papias die Evglien noch nicht für inspirirt galten?" Antwort: Aus Papias 
selbst, dessen Schrift, von Obigem abgesehen, sonst auf ihrem Titel auch den 
Artikel nicht vermissen liesse. 

') Lightfoot S 846 f. A. Haknack, Patr. ap. I, 2, S 113 f. 



118 Geschichte des Kanons. 

geschieht. Für diese getäuschte Erwartung dürfte sich Eusebius entschädigen, 
wenn er es als einen Fund betrachtet, die Hauptbriefe von 2 Aposteln durch 
Papias benutzt zu sehen (39, 17)^). Nur wenn das • nicht blos bedeuten sollte, 
dass Eusebius Anklänge an den Inhalt von 1 Pe und 1 Joh entdeckt hat, wenn 
vielmehr dem Papias diese Schriftstücke geradezu als Werke der beiden Apostel 
gegolten hätten, würde dessen Kanon, sofern von einem solchen die Eede sein 
kann, aus den Schriften von 3 Uraposteln bestanden haben. Wenn endlich 
unter den öcTcoaxoXtv.al hri^(ri<jBiq , auf deren Missverstand Eusebius (39, 12) den 
Chiliasmus des Papias zurückführt, Apc gemeint ist — das Prädicat „apostolisch" 
wird doch wohl mit Bleek (Vorlesungen über Apc S 16; Einl S 783) gegen 
HiLGENFELD (S. 60, 64) auf Rechnung des Eusebius zu setzen sein — und der 
kappadocische Andreas mit Recht auf Erläuterungen des Papias zu Apc 12, 7 
recurrirt, mit Recht auch Apc von Papias als ein inspirirtes Buch behandelt 
sieht ^), was bei dem Chiliasten allerdings von vornherein wahrscheinlich ist, so 
würde in einer solchen Werthung des Visionenbuches ein positives Moment für 
die Entstehungsgeschichte des neutest. Kanons gegeben sein, d. h. es würde 
auch von Papias gelten, was ungefähr von seinem Zeitgenossen Justin gilt^). 

3. Justin der Märtyrer*). 

Von der griechischen Philosophie herkommend und um 14ü 
bekehrt, schrieb Justin im Laufe der nächsten 20 Jahre seine bei- 
den an das antoninische Kaiserpaar gerichteten Apologien, welchen 



*) HiLGENFELD S 58 f, 61 f. Da Eusebius den Gebrauch beider Briefe 
auch bei Irenäus bemerkt (V, 8, 7), schieben ihm Ewald (Joh Schriften II, 
S 398 f) und Steitz (JdTh 1869, S 150) ein gegen die syrische Kirche gerich- 
tetes apologetisches Motiv unter. Aber wir werden erst nach seinen Zeiten un- 
sicheren Spuren davon begegnen, dass dort auch 1 Pe und 1 Joh in Misscredit 
kamen. In den Angaben über Polycarp (IV, 14, 9) hat Eusebius 1 Joh ver- 
gessen. Sonst ist seine Aufmerksamkeit unter den kath. Briefen besonders auf 
Jud gerichtet (11, 23, 25. VI, 13, 6. 14, 1), und doch bestand ein apologetisches 
Bedürfniss nicht minder auch bezüglich Jac, 2 Pe, 2 und 3 Joh. 

2) Patr. ap. I, 2, S 94 f. 

') Gegen Steitz, der dem Papias Kenntniss der meisten neutest. Schriften 
beimisst (StKr 1868, S 83), freilich aber zugleich leugnet, dass sie für ihn kano- 
nischen Charakter besessen hätten (JdTh 1869, S 142). Noch grössere Erobe- 
rungen meinten Riggenbach, Tischendorf, Leimbach, Zahn bei Papias zu machen, 
und Wold. Schmidt glaubte wenigstens „ein Recht zu der Behauptung zu haben, 
dass unsere 4 Evglien nicht ausserhalb seines Gesichtskreises und seiner Benutzung 
lagen" (S 455). 

*) J. C. Th. Otto ZhTh 1841, 2, S 77 f. 1842, 2, S 41 f. 1843, 1, 
S 34 f. G. VoLKMAR, Ueber Justin den Märtyrer und sein Verhältniss zu unsern 
EvgUen 1853. A. Hilgenfeld, Kritische Untersuchungen über die Evglien Justin's, 
der clementinischen Homilien und Marcion's 1850. H. D. Tjeenk-Willink, 
Justinus Martyr in zijne verhouding tot Paulus 1867. F. Overbeck ZwTh 1872, 
S 305 f. A. Thoma ebend. 1875, S 383 f, 490 f. M. v. Engelhardt, Das 
Christenthum Justin's des Märtyrers 1878, S 327 f. Schölten, Bijdragen S 99 f. 
Wofern übrigens als Grundlage der Altercatio Simonis et Theophili (nach 400) 



n. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 3. Justin der Märtyrer. 119 

der Dialog mit dem Juden Tryphon folgte. Hier erzählt er (7), 
wie ihn der Greis, welchem er seine Bekehrung verdankte, einst auf 
die Schriften der Propheten (nicht etwa der Apostel) verwiesen 
habe. AVas er seither über Person und "Werk seines Logos-Christus 
zu lehren hat, belegt er demgemäss stets aus der alttest. Schrift, 
die er ganz wie ein Orakelbuch verehrt und gebraucht ^). Durch 
die Propheten hat der heilige Geist Alles geweissagt, was Jesus 
betrifft (Apol. I, 61). Im Nachweis dieser Uebereinstimmung der 
Erfüllung mit der Weissagung findet der Apologet seine Hauptauf- 
gabe (z. B. Apol. I, 30. 53. Dial. 32. 40. 53). So sehr ist das AT 
heilige und inspirirte Autorität schlechthin, dass eigentliche Eben- 
bürtigkeit irgendwelcher neutest. Schriften von vornherein ausge- 
schlossen ist. Nie werden andere als alttest. Schriften als inspirirt 
behandelt und mit Formeln wie Xs^st lö aytov TcvsöjJLa citirt ; sie allein 
auch stets mit ihren Buch- und Autornamen. Letztere Ehre wider- 
fährt unter christl. Büchern nur Apc, und zwar einmalig Dial. 81 ; 
ausserdem leitet er Apol. I, 28 die Apc 12, 9. 20, 2 vorfindHchen 
Teufelsnamen h% twv r^fisTspcov aoYYpa{i[i.ar(j)v ab. Demgemäss erscheint 
bei ihm dieses Werk einerseits als Fortsetzung und Ergänzung der 
alttest. Prophetie (ähnliches gilt von der Sibylle und Hystaspes Apol. 
I, 20. 44), andererseits als Vorposten einer im Anzug begriffenen 
neutest. Sammlung, w^elche bereits Gegenstand kirchl. Lectionen, 
wenngleich nur in zweiter Ordnung geworden ist, sofern am Sonntag 
cjovsXsoaic YivsTai %al la a7:opYj[AOV£6|jLaTa twv aTToaiöXcöv t) la ao^yp«!^- 
[lara im Tipo^'/jTwv avaYivwaxsmi (Apoll, 67): dies die erste Nach- 
richt von der Vorlesung der EvgHen in den Gemeindeversammlungen. 
Aber nur erst als Complement der alttest. Offenbarung, d. h. sofern 
sie die Erfüllung des Prophetenwortes veranschaulichen und nach- 
weisen, nicht aber als eine neue Offenbarung und selbstständige Dictate 
des Logos, besitzen sie ihren immerhin schon eigenartigen Werth. 
Als selbst allem Prophetenwort überlegener Gipfel der Offenbarung 
gelten jedenfalls noch allein Xo-^ia xopioo. Da Tryphon „das von 
unserem Erlöser Gelehrte" (ra otu' Ixetvoo toö ator^po«; %wv diday^- 
^svra) gelesen hat, will Justin (Dial. 18) auch einige seiner kurzen 
Sprüche den prophetischen Citaten beiordnen (xal ßpa^^a twv sxsivoo 
XÖYia Tupöc tote Tüpo'fTjTLXoic l;ri|xvY]a^£t<;). Coordinirt hier Justin Aus- 



wirkhch die vorjustinische Altercatio Jasonis et Papisci anzunehmen wäre 
(A. Harnack, Texte und Unters. I, 3, S 1 f, 115 f), so hätte sich eine Geschichte 
des Kanons vorher noch mit den spärlichen Beziehungen dieses Schriftstückes 
auf neutest. Literatur abzufinden (Harnack S 89 f). 

*) L. DiESTBL, Geschichte des AT in der christl. Kirche S 20. 



120 GeschicMe des Kanons. 

Sprüche wie Mt 23, 13. 16. 23. 27. Lc 19, 46 der alttest. Propheten- 
rede, so doch keineswegs die Schriftwerke, aus welchen er sie kennen 
gelernt hat^). Vielmehr glaubt er dem Zeugniss letzterer z. B. 
über die jungfräuhche Geburt ledigKch, weil auch Jesaja (7, 14, 
übrigens citirt nach Mt 1, 23 gegen LXX) dieselbe schon geweis- 
sagt hat (Apol. I, 33 Jx; ot a7:o[iV7]{iov£6oavT£<; Tzd^za m Tcspl toö owT^pog 
ri\iMV 'Itjooö Xptaroö sSi§a|av oic s;riaT£Daa{j.£v sizsidri ^^^ ^^^ 'Haatoo toö 
7rpo8£S7jX(0[j.^voo rö Trpo^TjTLXOv :rv£Ö[jLa toöto y£V7j(3Ö[jl£vov s'^ yj). Dem also 
glauben die Christen, was die Propheten vorausgesagt und Christus 
gelehrt hat (Dial. 48 zolq diä zm {laxapLoov 7rpo<p7jTcoy xrjpo)(^£iat %cd 
St' aüTOö didcLyß-sioi). Andererseits aber citirt Justin nicht mehr das 
Wort Jesu als solches, sondern als ein in den Evglien aufgeschrie- 
benes ; der Uebergang von der (pwvT] Cwaa des Papias zu der selbst- 
ständigen Stellung, welche der officielle Gebrauch dem schriftlichen 
Worte verleihen musste, ist vollzogen ^). Die mündliche Tradition 
gilt als fixirt in den Evglien, die ihm, wenn nicht in einer Har- 
monie ^), so doch in einer Sammlung vorlagen. Das erste und wich- 
tigste derselben wird sogar bereits einmal wenigstens mit xal 7£Ypa7r- 
zai citirt (Dial. 49 = Mt 17, 13). Genannt aber wird sein Verfasser 
so wenig wie der Name des 2. oder 3. Evangelisten. Die Schrift- 
werke selbst führt Justin siebenmal als a^o{JLVY][iov£6[JLaTa twv aTroard- 
Xoöv ein, und dass er damit mehr als etwa nur Eine, auf die Er- 
innerungen der Apostel zurückgehende, Schrift meint, geht hervor 
aus Dial. 103 iv ^ap toic a:ro|xv7][JLOV£Ö[iaaiv a (pyi\Li otuö zm aTToaiöXwv 
aoToö xal im £X£ivoic TrapaxoXoD^Tjadvrwv aDVT£Td)(^ai und Apol. I, 66 
Ol Y^p aTTÖaioXot iv toiq Y£VO[jivoi<; otü' aorwv d7co[JLVY][iov£Ö[JLaatv a xaX£i- 
xai £oaYY£Xia. So also, Evglien, scheinen diese Berichte damals 
schon bei den Christen genannt worden zu sein, während die frühere 
Bezeichnung als §nrjY'^^^^<^ und der von Justin mit Rücksicht auf das 
Verständniss literarisch gebildeter Nichtchristen gebrauchte Titel 
a7ro|xv'ir]{j.ov£ü[JLara zurücktreten. Auch das weist auf die anhebende 
eigenthümliche Wertlmng apostolischer Berichte über Person und 
Werk Jesu, da von einer autoritativen Literatur die Vorstellungen 



^) Falsches hierüber bei Semisch, Die apostolischen Denkwürdigkeiten des 
Märtyrers Justinus 1848, S 62. Tischendorf S 37 f. Riggenbach JdTh 1868, 
S 322. Hofstede S 42 f. Luthardt S 58. Salmoh S 77 f. Theilweise Rich- 
tigeres bei v. Engelhardt S 332 f, 366 f. 

^) Weizsäcker, Zur Kritik des Barnabasbriefes 1863, S 35. 

') Gegen Sanday S 136 f. Auch v. Engelhardt S 345 f nimmt einen 
aus Mt und Lc gemischten, mit Zuthaten aus der Tradition bereicherten Text als 
Grundlage der Oitate Justin's an. 



I 



II. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 3. Justin der Märtyrer. 121 

des Zufälligen, welche mit dem Titel „Denkwürdigkeiten, Erinne- 
rungen" verbunden sind, ausgeschlossen werden mussten. So sehr 
aber bilden sie in ihrer Einheit bereits eine feststehende Grösse, 
dass sich sowohl in Justin's (Dial. 100) als in seines Gegners Mund 
(Dial. 10) die Citationsformel sv rtp soaYYsXicp findet, entsprechend 
dem gleichen Ausdrucke der ^i^ayri und dem suaYYS^^ov bei 2 Clem. 
8, 5 und Theophilus ad Aut. 3, 14. 

Gleichwohl stehen diese dem AT in der kirchlichen Vorlesung an die 
Seite rückenden Evglien noch nicht in ihrer kanonisch abgeschlossenen Vierzahl 
einer gleichgearteten Literatur gegenüber, wie ebensowohl aus der unbefangen und 
reichlich geübten Ausbeutung eines in die Familie der Hebräerevglien gehörigen 
Seitengängers der Synoptiker, als aus dem nur höchst seltenen und vorsichtigen 
Gebrauche des 4. Evglms erhellt. Zu bemerken ist noch wahrscheinliche Be- 
kanntschaft mit Act und merkliche Beeinflussung durch Hbr und Barnabasbrief, 
auch wohl 1 Pe und 1 Joh. Soweit gehört Justin der schon durch Papias 
gekennzeichneten Linie der Kanonbildung an, nur dass dieselbe etwas weiter 
fortgeführt erscheint. Wie bei Papias, so fehlt auch bei ihm der Beitrag, welchen 
der Paulinismus zur Bildung der kath. Kirche und ihres Kanons zu leisten be- 
rufen war. Nur 12 Apostel kennt er, und diesen, den von Jerusalem ausge- 
gangenen Jüngern Jesu, schreibt er nicht blos eine bestimmte Lehrtüchtigkeit 
(Apol. I, 39. 40), vermöge welcher Gottes Stimme durch sie redet (Dial. 119), 
sondern auch in ausschliesslich zu nehmendem Sinne den Charakter als Univer- 
salapostel und Instrumente der Heidenmission zu (Apol. I, 42. 45. 49. 50. Dial. 
42. 53. 109. 110). Darin liegt um so mehr System und Methode, als zugleich 
der Name Pls niemals genannt wird, wiewohl die Hauptbriefe (Rm, Cor, Gal, 
Eph, Phl, Col, The) fragelos bekannt sind. Zweifellos hat der Weitgereiste sie 
da und dort vorlesen hören. Gleichwohl vermeidet er jeden förmlichen Anschluss 
an diese Literatur, gibt die Sätze des Pls nur in wunderlicher Verschrobenheit 
wieder, rationalisirt auch gelegentlich ihre Gedanken, stumpft ihre Pointen ab, 
wofern er nicht geradezu eine halb oppositionelle Stellung dazu einnimmt. 
Wenigstens scheinbar geschieht Letzteres, wenn die Behauptung, dass der Genuss 
von e'.owXoO-oxa dem Christen erlaubt sei, mit einem Seiteublick auf <\isoBaK6zxoXot, 
welche eine Masse von Gläubigen verführen (nach Mt 24, 11. 24), als gottlose 
Irrlehre verworfen wird (Dial 35)^). Ist es somit der Begriff der AVeissagung, 
welcher die Apc als Ergänzung und die Evglien als Erfüllungsnachweis des alt- 
test. Prophetenwortes zu einem Doppelkeinie der Kanonbildung zusammenwachsen 
lässt"), so beweist doch schon die gelegenthch der Anführung von Apc zu Tage 
tretende Voraussetzung, dass die Christenheit bis auf die Gegenwart des Schrift- 
stellers herab mit dem prophetischen Geiste begabt sei (Dial. 82, vgl. 88), zum 
Ueberflusse, dass es für Justin eine im Princip abgeschlossene Sammlung urchristl. 
Schriften, einen Kanon des NT noch gar nicht geben kann, wiewohl ihm die 
meisten Schriften desselben bereits bekannt sind. 



^) Nur auf diesem Punkte dürfte v. Engelhardt (S 362) gegenüber der 
von Tjeenk -WiLLiNK, HiLGENFELD, OvERBECK, Thoma u. A. Vertretenen Beur- 
theilung des Verhältnisses zu Pls im Rechte sein. Das Uebrige (S 359 f) kann 
gegen die oben erwähnten Leistungen weniger aufkommen. 

") A. Haänack ZKG IU, 1879, S 371. W. Schmidt S 456. 



122 Geschichte des Kanons. 

4. Die späteren apostolischen Väter. 

In der aus der Mitte des 2. Jahrh. stammenden Homilie, 
welche missverständlicher Weise als 2. Brief des römischen Clemens 
überliefert und citirt wird, treten als Autoritäten la ßißXta %al ol 
aizoGvokoi auf (14, 2), d. h. das AT und diejenigen Schriften, welche 
dem Verfasser als apostolisch gelten ^). In letzterer Beziehung be- 
zeichnend ist, dass zum Belege dafür, wie man müsse ttolsiv tö d-s- 
XYj{ia Toö ;uaTpöc (10, 1) und ^oXdaasiv ra? IvroXa? toö xopioo (8, 4), 
trotz naheHegender Johann eischer Parallelen für johanneische Aus- 
drücke doch Lc 16, 10 = Mt 25, 21 und zwar in einer apokryphi- 
schen Eedaction mit der Formel XsYst ydp 6 xopio? Iv T(p sDay^eXitj) 
citirt wird (8, 5), so dass der Begriff des soaYYsXtov hier noch mit 
der synoptikerartigen Literatur zusammenzufallen scheint. Genauer 
besehen zeigt gerade diese Stelle, dass zunächst die Herrnsprüche 
einfach als solche Autoritäten sind. Aus dem Munde der Christen 
vernehmen die Völker m Xö^ia zob ^soö (13, 3). Als ein solches 
Gotteswort wird sofort Lc 6, 32 — 35 angeführt, aber doch nur wie 
aus dem Gedächtnisse (13, 4), ausdrückhch als ^pcf-^rj dagegen Mt 
9, 13 == Lc 5, 32 (2, 4). Daneben macht der Verfasser aber doch 
sehr ausgedehnten Gebrauch von einem apokryphischen, ja selbst 
häretischen Evglm, wahrscheinlich demjenigen xat' AIyotttioo?. Zu 
Pls steht er wie Hermas. 

WesentHch anders verhält es sich mit der ignatianischen Litera- 
tur, und zwar mit den 3 syrischen Briefen, welchen man heute 
freilich keinerlei Priorität mehr zuschreiben darf, so gut wie mit 
den 7 griechischen (um 170, spätestens 180)^). Der Nachdruck 
fällt durchaus auf die Plsbriefe und zwar einschhessUch Tit, 1 und 
2. Tim^). Ignatius steht insofern im charakteristischen Gegensatze 
zu Papias und Justin, bei welchen Pls im gleichen Maasse zurück- 
tritt, wie Apc im Vordergrunde steht. Letztere kennt unser Brief- 
steller nicht ^). Den Pls dagegen nennt er wiederholt, und seinen 
Briefen entnimmt er ganze Wortverbindungen und Stilwendungen, 
ja er plündert sie förmlich. Ausserdem kennt er kaum noch weitere 
apostolische Briefe^), wie auch neben Mt (Vorgeschichte Eph 18, 2. 



1) A. Harnack ZKG I, S 360 f. III, S 366. Patr. ap. I, 1, S LXXII. 

2) H. HoLTZMANN ZwTh 1877, S 187 f. 

3) H. HoLTZMANN, Die Pastoralbriefe S 259 f. Vgl. auch Kritik der 
Epheser- und Kolosserbriefe S 277 f. 

•*) Zahn, Ignatius S 609. Anders Patr. ap. 11, S 20 unter Hinweis auf 
Eph 15, 3 = Apc 21, 3 (vielmehr 2 Cor 6, 16). 

^) Unsichere Spuren von 1 Pe und Hbr bei Zahn, Ign. S 614 f. 



IL Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 4. Die späteren apost. Väter. 123 

19, 2; Herrnsprüche wie Mt 10, 16 - Polyc. 2, 2 oder Mt 12, 33 
== Eph. 14, 2) kaum noch einen Synoptiker, während Joh zuweilen 
auftaucht. Spuren von Lc insonderheit sind trotz des auffälUgen 
Anklanges Smyrn. 3, 3 an Lc 24, 41 — 43. Act 10, 41 mit vöUiger 
Sicherheit nicht zu verfolgen ^). Unmittelbar vorher (Smyrn. 3, 2) 
wird ein Herrnwort angeführt, welches sich mit Lc 24, 36 — 40. 
Joh 20, 20. 27 berührt, aber in seiner bestimmt fixirten Form erst 
dem Hebräerevglm angehört (Hieron. Cat. 16), so dass ein Gleiches 
wohl von dem ganzen Zusammenhang gelten wird ^). Bezeichnender 
Weise treten auch die Spuren der Benutzung von Clem. Eom. und 
Herm. fast ebenso deutlich hervor, wie die des Mt und der Plsbriefe, 
aus welchen beiden Elementen der Kanon dieses richtigen Vertreters 
der Katholicität bestehen würde, wenn bei ihm von einer festbegrenz- 
ten Sammlung die Eede sein könnte. 

Ob letzteres der Fall ist, hängt von der noch immer zweifelhaften Aus- 
legung von Stellen ab, wie Philad. 5, 1, wo der Briefsteller sich zum Evglm 
flüchtet als zum Fleische Christi und zu den Aposteln als zum Presbyterium 
der Kirche, um sofort weiter zu fahren (5, 2): xal xohq TCpocprjXa? Ss ä-^aTzGiiitv 
oiä x6 xal ahzobc, tlc, xb sbay^iXiov v.av(]'^^t\v.hM xal üc, aoxov eXTt'lCfiv. Entweder 
bedeutet das Evglm hier kein geschriebenes Buch, sondern die neutest. Heils- 
botschaft selbst, ganz abgesehen von ihrer Form'). Dafür steht die Parallele 
Smyrn. 5, 1 zu Gebote, wo Boay^kXiov vor Tta^Yj/xaxa eine Sache, freilich aber 
auch hinter iwpo^pYjxsIai und v6|X0(; Mcuüaecu? ein Buch bedeuten könnte. Oder 
aber „die Apostel" werden als die zweite Hemisphäre des neutest. Kosmos dem 
„Evglm" coordinirt und bei dieser Grelegenheit auch die Propheten als Vertreter 
der ailtest. Autorität erwähnt*). Darauf führen theils der Fortgang Philad. 5, 2 
£v xü) cüaYYeXi(i> xT^c, xotvYj? IXtcioo?, theils die Parallelen Smyrn. 7, 2 izpooi-/ti\i 
xol^ TrpocpYjXocic:, e^aiplxux; Se xö) thay^zXiiü ev tp x6 TrdO-oi; •f](JLiv SsBYjXioxai und 
Philad. 8, 2, wo der Irrlehrer sich auf den Satz steift eav jjiy] ev xolq äp/stot? 
Eupw, ev x(I) e5aYY£X''«> oh Titaxsüto. Wenn darauf Ignatius entgegnet, seine An- 
sicht sei eben die schriftgemässe (oxi ^(i'^paizxrxi), so antwortet Jener: irpoxeixat, 
d. h. das eben ist Gregenstand der Verhandlung, soll also nunmehr untersucht 
werden^). Darauf fährt Ignatius fort: e|JLol hl ap^eia (and. Lesart ap^aia) eaxtv 
'Iy]coÖ(; XpiQxrjq, xa aO".xxa apysla (and. Lesart apyaloi.) 6 oxaopbq aüxoö xal 6 
yiwaxoq xal -rj avdoxao'.i; ahxob, womit aber nicht etwa der persönliche Christus 
Archiven oder Schriftdenkmälern, ja Evglien, worauf sich die Gegner berufen 
hätten, gegenübergestellt^), sondern solchen, welche ihre Heterodoxie aus den 

») Zahn, Ign. S 600; Patr. ap. II, S 83, 86. 

^) Schölten, Aelteste Zeugnisse S 52-, Das paulinische Evglm S 2. 

«) Zahn, Ignatius S 431; Patr. ap. H, S 75. Reüss U, S 11. W. Schmidt 

S 452. SCHMIEDEL S 321. 

■*) Diese besonders durch Clericüs verbreitete Erklärung vertreten Hil- 
GENFELD, Einl. S 72. Tischendorf S 39. Schölten, Zeugnisse S 52. West- 
COTT S 58 f. 

") Zahn, Ign. S 377 f; Patr. ap. U, S 79. 

«) Zahn, Ign. S 375 f, 378; Patr. ap. n, S 78 f. 



124 Geschichte des Kanons. 

Propheten rechtfertigen wollten, die Antithese geboten wird, die rechten Alter- 
thümer seien Jesus Christus und sein im Evglm. bezeugtes Sterbqn und Aufer- 
stehen; vgl. 9, 2, wonach i^aipsxov xi tyzi xö shw^^kXiov, nämlich tyjv uapoootav 
Toö aü>XY]po<;, zb kü^oc, auxoö xal xy]v ocvaaxaaiv, während ol cc^rxKrixoi Ttpocfrjxai 
blos xaxYjYYstXav tlq rxhxov, xö 8s söa^Ys^tov aTCdpxtafxd eaxiv 6ccp'9'apa'.a(;^). Sonach 
ruft Ignatius auch in diesem Falle mit y^TP^''^'^^'' nicht ein Evglm, sondern, wie 
er auch sonst thut, die alttest. Autorität an^j. 

Wichtiger als die unsicheren Ergebnisse zweideutiger Stellen 
ist die Thatsache, dass auch Ignatius, freilich bereits als Bischof 
gedacht, „mit Gottes Stimme" redet (Philad. 7, 1) und mit dem der 
Gemeinde immanenten Gott (Eph. 15, 3) auch eine gemeinchristl. 
Inspiration anerkennt, die über die Grenzen apostolischer Schriften 
hinausreicht. Der Strich, den er zwischen seiner und der apostoh- 
schen Autorität zu ziehen scheint (Trall. 3, 3. Rom. 4, 3), theilt, ge- 
nauer besehen, zwischen Diesseits und Jenseits. Ganz dem Col 4, 16 
vorliegenden Falle entsprechend, erbittet sich die Gemeinde zu Phi- 
hppi von der zu Smyrna die hier befindlichen Briefe des Ignatius 
(Polyc. ad Phil. 13, 2). Hermas soll die ihm zu Theil gewordenen 
Offenbarungen an einheimische und auswärtige Gemeinden versenden 
lassen (Vis. II, 4, 2. 3). Demgemäss wurden auch noch zu Korinth 
römische Gemeindebriefe (darunter Clem. Rom.) sonntäglich öffentlich 
vorgelesen (Euseb. KG IV, 23, 11). um so weniger kann ein Zweifel 
darüber bestehen, dass Gemeinden, wie die zu Philippi und zu Ko- 
rintli, damals vor AUem auch den an sie adressirten Plsbriefen die 
gleiche Ehre erwiesen haben werden. 

In demjenigen Theile des Briefes des Polykarp von Smyrna an 
die Gemeinde zu Philippi^), welchen wir nur in lateinischer Ueber- 
setzung besitzen, wird nicht blos 11, 2 an 1 Cor 6, 2 mit sicut Paulus 
docet erinnert, sondern auch 12, 1 (aber nicht ganz sicher, weil der 
Uebersetzer schon 2, 3 willkürlich ein quod dictum est eingetragen 
hat) mit ut bis scripturis dictum est neben und nach Ps 4, 5 bereits 
Eph 4, 26 angeführt. Freihch fallen beide Stellen in den Zusammen- 
hang der früher angenommenen Interpolationen, während die zahl- 
reichen Reminiscenzen der vorhergehenden Capitel ohne alle Citations- 
formeln eingefiochten werden ^). Zu einer ungemein starken Berück- 
sichtigung der pauhnischen Literatur (Rm, Gal, Cor, Phl, Eph, The, 
Tim, Tit, aber auch Act, 1 Pe, 1 Job) ^) kommt das ausdrückliche 

^) Herkömmliche Erklärung, auch W. Schmidt S 452. 

2) HiLGENFELD ZwTh 1874, S 116. 

») Vgl. H. HoLTZMANN ZwTh 1877, S 205 f. 

*) RiTscHL, Altkath. Kirche, S 593. Mangold bei Bleek S 502. Schölten S 43 f. 

") Hofmann V, S 28 f, 32 f. H. Holtzmann, Pastoralbricfe S 261 f. 



II. Kap. : Die Vorgeschichte des Kanons. 4. Die späteren apost. Väter. 125 

Bekenntniss zur Rechtfertigungslehre (1, 3). Auch werden die Phi- 
hpper ähnlich wie die Korinther des Clem. Rom. auf Schriftliches 
verwiesen, das sie von Pls erhalten haben (3, 2). Das hängt damit 
zusammen, dass der Brief bereits das katholische Bedürfniss kennt, 
TTjV [laTatÖTYjTa twv tcoXXwv xai Ta<; (jjso^oÖLÖaaxaXiac zu verlassen und 
TÖv £^ ^PX'')'^ %t;v TüapaSo^svTa Xöyov endgültig zu behaupten (7, 2). 
Worte Jesu, wie er solche dreimal anführt, weisen das herkömmliche 
Uebergewicht von Mt auf, wobei jedoch auch Lc mitanklingt. Ein- 
mal (2, 3) tritt eine solche Combination in einer Form auf (afpiers 
xal a/LBd-rpsxoLi o[itv, iXsäis Iva sXsYj^fjis), welche nur indirect auf Lc 
6, 36. 37 = Mt 7, 1, direct aber auf Clem. Rom. 13, 2 (sXsäis tva 
IXsYjö-f^TS, arpiBZB, iva a^psd-'q ()[xlv) zurückweist ^), wie denn durchgehende 
Abhängigkeit von diesem Schriftstück ausser Zweifel steht ^); selbst 
den Hermas scheint unser Briefsteller gekannt zu haben ^). Er steht 
mit Einem Worte zum Kanon gerade so wie der Verfasser der 
Ignatianen-, alle Differenzen sind zufölliger und unwesentlicher Na- 
tur, und daran ändert auch die Stellung zu Job nichts. 

Anhangsweise sind den späteren apostoHschen Vätern die Testamente der 
12 Patriarchen und die Fragmente Hegesipp's beizuordnen. Aber jene — ein 
ursprünghch jüdisches Buch — bieten die zahlreichen Anklänge an Plsbriefe 
(mit Einschluss von 2 The und 1 Tim), auch wohl an Jac, Hbr und Apc, nur 
in der katholischen Interpolation, welcher ohne Zweifel auch die im vaticanischen 
Codex und in der armenischen Uebersetzung fehlende Stelle ßenj. 11 an- 
gehört, wo Pls als SV ßtßXoti; xulc, ä'(laiq avaYpoKpojxsvo«;, d. h. die Apostel- 
geschichte kanonisirt erscheint"*). Hegesippus, welcher zur Zeit des römischen 
Bischofs Eleutherus (175 — 189) 5 Bücher ü7ro]jLVYjjjia'ca geschrieben hat, reiste um 
155 aus seiner morgenländischen Heimath nach Rom und spürte dabei in allen 
Gemeinden, die er berührte, der unverfälschten Tradition nach. Er fand, dass 
Ev kv.ä'zx'Q Zia^jO'jrJj xrxl £v exaar/^ tcoXsi oütux; zjs', ux; o v6^o<; XYjpucjasi xal ol Kpo- 
cpYjtai v.a\ b xopioi; (Euseb. KG IV, 22, 3). Coordinirt also erscheinen noch das 
AT (6 vofxo«; y.al ol TcpocpTjtat wie Mt 7, 12. Rm 3, 21) und „der Herr". Die- 
selben Autoritäten, auf welchen der von Hegesipp in Korinth gesuchte und 
auch gefundene opö-o? \ö'(o<; beruhte (Euseb. KG IV, 22, 2), begegneten uns 
schon bei Clemens, dessen Brief Hegesipp in Korinth kennen lernte (IV, 22, 1). 
Auch die Art, wie er vom Ispo? xuiv ocTrooxoXuiv /opo? spricht, vorausgesetzt, dass 
die Worte ihm und nicht erst dem Eusebius (KG HI, 32, 8) angehören, ist im 

') Zahn S 603 f; vgl. Schölten, Das paul. Evglm S 2. 

'') Harnack, Patr. ap. I, 1, S XXIV f. Zahn, Ign. S 616 f. 

»j Zahn S 620 f. 

") VoRSTMANN, De testamentorum XII patriarcharum origine et pretio 1857, 
S 113 f. Sinker, Tostamenta XII patriarcharum. Appendix 1879, S 7, 27, 59; 
dazu A. Harnack, ThLz 1879, S 515. F. Schnapp, Die Testamente der 12 Patri- 
archen 1884; dazu Vorstmann Th T 1885, S 426 f. Schürkr, Geschichte de» 
jüdischen Volkes II, 1886, S 666. 



126 Geschichte des Kanons. 

Geiste der kath. Kirche (überdies neben Eph 3, 5 verfrühtes Beispiel der erst 
seit dem 3. Jahrh. üblicher werdenden Bezeichnung der Apostel als „Heihger"; 
vorher sind sie „die guten" oder auch „die seligen Apostel"). Einer weiteren 
Grundanschauung der Kirche entspricht in jenen Formeln der Gedanke der 
Continuität alt- und neutest. Offenbarung, wie hier auch jüdische und christliche 
Häresien eine zusammenhängende Kette bilden (IV, 22, 7)^). Euseb's Angaben, 
dass Hegesipp ein geborener Jude aus Palästina gewesen, Mittheilungen ex zob 
v-o-d"' eßpaiOD(; süaY^s^ioo ^«^ 'coö ooptavioö, wozu zhrx^'^sXioo zu ergänzen^), ge- 
macht und e4 '.ooSa'.x'T]!; «Ypa^oo Tzapahoostuc. geschöpft habe (IV, 22, 8), kenn- 
zeichnen ihn speciell als einen „katholisirenden Judenchristen" ^J. Im Uebrigen 
spricht 6 xopio? auch für ihn schon aus den Evglien. Und zwar hat er zweifels- 
ohne Mt und Lc gekannt, welchen er die vaterlose Erzeugung Jesu, die Herodes- 
geschichte (Euseb. KG III, 20, 1), das dem Jakobus geliehene Wort Lc 23, 34 
(KG II, 23, 16) und den Spruch jJLaxap'.oi ol öcpö-aXfiol 6ji,äjv ot ^XiizovxsQ v.al xä 
Sixa üfxüiv xa av.oDovta (^= Mt 13, 16, nicht Lc 10, 23) entnimmt. So wie 
Stephanus Gobarus dieses Wort im 5. Buche des Hegesippus gelesen haben will 
(Phot. Bibl. 232), kehrt es allerdings seine Spitze gegen 1 Cor 2, 9 ä otpt^aXjxo? 
ohv. siSev v.aX oo? ohv. ■^xooaev*). Daher auch schon Eusebius eine lola yvwjjlyj 
bei Hegesipp gefunden hat (IV, 22, 1), wie bei Papias eine eigene So^oc (m, 39, 
13)°). Der Sachverhalt ist ähnlich wie bei Justinus. Auch bei Hegesipp findet 
sich Aneignung einzelner Ausdrücke aus Plsbriefen, zumal aus den Pastoral- 
briefen*). Gleichwohl sind sie ihm so wenig Autorität, dass er gelegentlich 
jenes 1 Cor 2, 9 vorfindliche Wort mit |j,axv]v elp-yj^O-ai xaöxa abweisen kann. 
Ebensowenig stimmt es mit den späteren Begriffen vom Kanon, wenn er von 
dem Hebräerevglm, wahrscheinlich in seiner aramäischen Gestalt, unbefangenen 
und nicht seltenen Gebrauch machte'). 

Aus der Stellung, welche die apostolischen Väter in der Ge- 
schichte des Kanons einnehmen, erhellt, dass sie zwar in einer mit 
der fortschreitenden Zeit steigenden Anzahl von Fällen sich mit 
NTlichen Schriften berühren, dies aber in einer an die dogmatische 
Weise der späteren Kirche erinnernden Form nur in dem Maasse 
thun, als sie selbst in die eigentHche IdrchHche Aera hineinragen. 
So durchaus verläuft die Entstehung des Kanons parallel mit der 



^) HiLGENFELD, Die Ketzergeschichte des Urchristenthums 1884, S 30 f, 84 f 

2) HiLGENFELD ZwTh 1878, S 304. Zahn I, S 348. 

^) So vermittelt Keim (Aus dem Urchristenthum S 49) den Streit, ob 
Hegesipp Heidenchrist (Ritschl S 266 f, 302 f. A. Harnack, Dogmeng. I, S 224) 
oder Judenchrist (Hilgenfeld ZwTh 1876, S 297 f, 309 f j gewesen ist. 

*) Versuche, der unmissverständlichen Verwunderung des Berichterstatters 
über diesen Befund (o5y. ol8' 2xc v.a\ na^cuv) einen anderen Sinn unterzulegen, 
bei Tischendorf S 19 f. Nösgen ZKG II, S 229 f. Weizsäcker RE, 2. Afl V, 
1879, S 699: es handle sich um die Lehre einer gnostischen Partei (xou? xaöxa 
«pafxevou?). Das Richtige bei Baur, Paulus I, S 253 f. Hilgenfeld ZwTh 1876. 
S 203 f; Ketzergeschichte S 33 f. " 

^) Hilgenfeld ZwTh 1878, S 309, 320. 

®) H. Holtzmann, Die Pastoralbriefe S 263. 

') Hilgenfeld S 304 f. 



n. Kap. : Die Vorgeschichte des Kanons. 4. Die späteren apost. Väter. 127 

Entstehung der kathol. Kirche; sobald diese consolidirt ist, aber 
nicht früher, lässt sich auch der Kern unseres NTlichen Kanons 
nachweisen. Vorher waren die Ansätze zur Bildung eines solchen 
an verschiedenen Orten verschieden, und wir dürfen auch in der 
werdenden Kirche keineswegs sofort das Bestehen und allmähge 
Anwachsen einer einzigen Sammlung voraussetzen. Nur die An- 
nahme einer ursprünghchen Mannigfaltigkeit von Versuchen, welche 
aber allmälig eine gewisse Gleichmässigkeit erkennen lassen, ent- 
spricht der ganzen Geschichte der damahgen Kirche und insbesondere 
dem Verhältnisse der Sonderketten, an welchen bald pauHnische, 
bald judenchristKche, bald sonstwie eigenthümhch geartete Gemein- 
den angereiht waren, untereinander ^). Am häufigsten citirt werden 
daher Stellen aus den synopt. Evglien, zumal Mt, einerseits und den 
Plsbriefen andererseits. Aber theils die lokale Trennung der Ge- 
meinden und Personen, theils auch die sich widerstrebenden Inter- 
essen der Parteien machten es unmöglich, dass die aus der Urzeit 
erhaltenen Schriften sofort zu einer Sammlung sich zusammenfanden. 
Dazu kam noch , dass die einzelnen Volksldrchen sich zunächst in 
zu grosser Unabhängigkeit gegenüber standen, um es rasch zu einem 
einheitUchen Kanon zu bringen. Die ganze weitere Geschichte wird 
den Beweis dafür liefern. Die Zweifel der Folgezeit an der Echt- 
heit so vieler Bestandtheile des Kanons, die weitgehenden Differenzen 
der ersten Ansätze zum Kanon, die in irgend welchem Maasse von 
der Kritik anerkannten Fälle von Unterschiebungen — Alles wäre 
eine einzige Unmöglichkeit gewesen, wenn die an die apostolische 
Zeit angrenzende Epoche bereits einen festen Bestand von aposto- 
Hscher Literatur gekannt hätte. Für eine der Bildung der kathol. 
Kirche sich erst noch entgegenbewegende Christenheit war vielmehr 
(las AT, mit dessen Inhalt man sich auf dem Wege der allegori- 
schen Interpretation zurechtfand, die oberste dogmatische Autorität, 
das ausschliessHch apologetische Beweismittel. Ihm reihte sich zu- 
nächst das mündlich überHeferte Hermwort an. Er selbst ist per- 
sönlich die neue Autorität, welche den alttest. Schriften ergänzend 
und vollendend zur Seite tritt. Daher die Eolle , welche die XöYia 
xoptaxd bei Papias spielen, daher Berufung auf ta Xo'^ia (toö) xopioo 
bei Polykarp (7, 1) und Irenäus (I, praef.); daher ol toö awrfjpoc 
Yjjxwv X6'(oi noch bei Ptolemäus (Epiph. Haer. 33, 3); daher die 
(Koordination von Propheten und Aposteln (2 Pe 3, 2) bei Justin 



V) C. Weizsäcker JdTh 1868, S 525. Westcott S 3 f. H. Holtzmann, 
Die Pastoralbriefe S 279. 



128 Geschichte des Kanons. 

(Apol. I, 67) und Ignatius (Philad. 9, 1); daher die Norm xa^w? 
aoTÖ? svBX£ikoLzo %al Ol Bmy(Bki(5a.\L£voi TjjJLä? aizooioXoi -/.cd ol jupo^-^iat 
bei Polykarp (6, 3) mit ihrer Kehrseite bei Irenäus (I, 8, 1 odts 
Tzpoff^T'Xi sxTJpo^av , ooTS 6 %bpiOQ s§t§a|sv, ' 0üT£ a.'KO'^zokoi 7rap£5a)y.av) ; 
daher die Nebeneinanderstellung von 6 v6\).o<; %al ol Tupo'ffjTai v.aX 6 
xupioc bei Hegesipp (Euseb. KG IV, 22, 3; vgl. auch Stephanus 
Gobarus bei Photius, Bit)l. 232 twv ts ^eiwv Ypa'fwv xal toö xuptoo 
XsYovTog). Eben dieses aoröc s'fa, welches gleichsam das Formal- 
princip der ältesten Christenheit bildete, Hess den Herrn und Meister 
derselben um so mehr im Lichte eines neuen Gesetzgebers erscheinen, 
da er zugleich dem alttest. vöfioc; als gleichartige, wiewohl überlegene 
Autorität zur Seite trat; daher bei Hermas der Ausdruck 6 vöjxoc; 
^sob 6 SoO-eic sk oXov töv zöa|xov synonym mit 6 mbc toö -O-soö (Sim. 
"Vlli, 3, 2), sofern dieser vorbildlicher Knecht Gottes ist (Sim. V, 
2, 2 f.) ; daher bei Justin die Bezeichnung Christi als xaivöc; vö|iO(;, 
ja als aicövioc xal TsXsoraioc vö{xo<; (Dial. 11. 43). In ähnlichem Sinne 
ist er bei Ignatius (Eph. 3, 2) die Willensmeinung des Vaters 
(Yva){iy] TOÖ TraTpöc), und auch der Ausdruck X6^o<; d-sob (Magn. 8, 2) 
hat zuerst in dieser Richtung populäres Verständniss gefunden 
(Apc 19, 13). So heisst er in der Praedicatio Petri (nach Clem. 
Str. I, 29, 182. H, 15, 68) vö[iO(; xai Xöyoc, und das am Ende der 
Tage von Zion ausgehende Gesetz deutet auch noch der alexandri- 
nische Clemens (Str. VH, 3, 16; vgl. auch Ecl. pr. 58) auf den 
persönlichen Christus. Nun war aber der in Christus persönlich 
vorhandene \6^(oq und ^^oiloq der Kirche in Gestalt vieler einzelner 
Worte von ihm überliefert worden; von diesen ist jedes wieder für 
sich ein vöjio^ xai 'kQ^(0(; so sehr, dass namentlich auch die als Herrn- 
sprüche überlieferten christl. Sittenregeln (SiSaY|xaTa toö XpicjToö) unter 
den Begriif einer von Christus gegebenen Kirchenordnung fallen, 
als xavövsc sxxXvjcjLacjTaoi aufgefasst werden (vgl. ^idayri 1 — 6). üeber- 
liefert und verbürgt aber sind sie durch die Apostel (SiSa^Tj xoptoo 
§ta Twv tß' otTrooTöXcov) so gut wie die übrigen Erinnerungen an 
Christus (toc a7ro{jLVY]{xov£6|xaTa twv aTuoaTöXwv). Auch die obigen For- 
meln lassen ihm nicht blos die „Propheten" als Vertreter der voran- 
gehenden alttest. Offenbarung, sondern auch die nachfolgenden 
Apostel zur Seite treten. Nunmehr brauchte eine solche ITeber- 
lieferung und Verbürgung nur noch, um ihre Sicherheit und Zu- 
verlässigkeit festzustellen, als schriftlich durch die Apostel, die be- 
rufenen Augenzeugen, erfolgt vorgestellt zu werden, um sofort das 
Ansehen der X6^(iOL auch auf die Schriften, darin sie verzeichnet sind, 
zu ül)ertragen, selbst wenn sie wie Mr und Lc ausnahmsweise nicht 



II. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 5. Die späteren Apologeten. 129 

als direct von Aposteln herrührend galten. In diesem Sinne setzt 
erstmalig Dionysius von Korinth (bei Euseb. KG IV, 23, 12) xop'.a- 
zai Ypa'fat aller anderweitigen Literatur (raic ou zoiabzcnK;) entgegen, 
und bald darauf erscheint derselbe Ausdruck bei Irenäus (11, 35, 4. 
V, 20, 2 scripturae dominicae) und beim alexandrinischen Clemens 
(Str. Vn, 1 und 16) — also noch die alte Position, aber durchweg 
„Herrnschriften" statt „Herrnsprüche". Ja der Ausdruck Xö-jfta 
xoptaxa selbst bezeichnet scbon bei Irenäus (I, 8, 1) prophetische 
me apostolische Schriftworte, sowie später Eusebius (Vita Const. 
4, 34) xa ^sÖTüvsoata XöYta kennt und beispielsweise die erzählende 
SteUe Act 12, 23 als ein Xö^tov einführt (KGH, 10, 1)'). 

6. Die späteren Apologeten. 

Noch mit Justin in Rom zusammen war Tatian, der, gleich 
jenem durch Lesung alttest. Schriften , in denen er Orakelsprüche 
verehrt (Or. 12, 6. 15, 11), zum Christenthum bekehrt (29, 2), um 
150 — 160 seine Apologie (Xoyoc 7:^0? ^'EXkrfjac;) abfasste, worin er 
Paulinisches nur ganz leise und unbestimmt (11. 6. 20, 6. 27, 1 = 
Rm 7, 14. 1 Cor 15, 53. 54. Tit 1, 12), Synoptisches deuthcher 
streift (30, 3. 32, 4 = Mt 13, 44. Lc 6, 25), während der jolian- 
neische Prolog schon als Autorität citirt wird (5, 1. 13, 2. 19, 11). 
Synoptisches und Paulinisches (incl. Tit) bieten auch die Fragmente 
aus seiner Hinterlassenschaft. Der Periode des erst werdenden 
Kanons gehört er aber schon desshalb an, weil er einerseits die 
Plsbriefe durch stilistische Nachhülfe lesbarer zu machen versuchte 
(S 28), andererseits die Evghen, deren Urheber er übrigens niemals 
mit Namen citirt, in ein neues Werk (soaYYsXiov Sia Tsaaapwv) zu- 
sammenarbeitete, dabei mit grosser Unbefangenheit veränderte, ver- 
kürzte und zuweilen auch mit fremdartigen Zusätzen erweitei*te, wie 
aus dem 360 — 370 verfassten Commentar des Ephraem zu der 
syrischen Uebersetzung des Diatessaron, welcher sich annenisch er- 
halten hat, hervorgeht ^). 

Melito von Sardes, welcher übrigens in der kathol. Kirche noch 
als Prophet galt (Hieron. Cat. 24), stellt um 170 einen Katalog 
alttest. Schriften für einen gewissen Onesimus auf, welchem die 



*) Vgl. Harnack, Dogmengeschichte I, S. 108 f. 

*'') Evangelii concordantis exjxjsitio facta a S. Epliraemo doctore Syro, in 
latiiium translata a Aucher, cujus vcrsioneni eniendavit Mösinger 1876; vgl. dazu 
Zahn, Forschungen 1. A. Harnack, Texte und Untersuch. I, 1 und 2, S 196 f, 
213 f. HiLGENFELD ZwTh 1883, S 112 f; Ketzergeschichte S 386 f, 393 f. 
Dräseke, Der Brief an Diognetos S 102 f (JprTh 1881, S 445 f). 

Holtzmsnn, Einleitang. 2. Auflago. ^ 



;[30 Geschichte des Kanons. 

sxXoYal £X Toö vöjioo %at twv Tupo^pYjTwv Tuepl toö awr-^poc >cal TzdariQ 
zfiQ Tübrewc fj{JLü)v, wie sie Melito in 6 Büchern zusammenstellte, noch 
als schriftliche E-eKgionsunterlage genügt zu haben scheinen (Euseb. 
KGr IV, 26, 13). Dass Melito aber sie xd nakaioL ßißXia oder 
(26, 14) td T-^c TraXaiä? §ia^rjZ7]C ßtßXia nennt, sieht allerdings so 
aus, als ob ihm der entsprechende Begriff einer neutest. Sammlung 
auch bereits erschwinglich gewesen wäre. Mit Bestimmtheit ist ihm, 
dem Ohiliasten, wenigstens Bekanntschaft mit Apc, worüber er sogar 
geschrieben hat, zuzuschreiben (26, 2). Noch 20 Jahre später 
redet ein antimontanistischer Schriftsteller bei Eusebius (KGY, 17, 3) 
von alten und neuen Propheten, indem er zu letzteren Agabus, 
Judas, Silas, die Philippustöchter, Ammia und Quadratus rechnet. 
So lange ungefähr vermochte sich also das die Bildung eines neu- 
test. Kanons aufhaltende, angeblich urapostolische, Dogma zu er- 
erhalten Ssiv slvai tö Trpo^Tj'cixov )(dpia[i.a Iv Tcdaij] t*^ sxvtXyjato^ l^^X?^ 
zf^Q TsXsiac Trapooaia? (17, 4). Von jetzt ab wird dagegen immer 
ausschliesshcher Alles, was als christlich gelten darf, auf Apostolicität 
im Sinne eines historischen ürtheils zurückgeführt. In demselben 
Maasse, wie der Prozess der damit zusammenhängenden Kanonbildung 
voranschritt, mussten daher alle Ansprüche, welche sich etwa noch 
aus einer allgemeinen Geistesbegabung herleiteten, erlöschen. Daher 
der kirchliche Sprachgebrauch bald nur noch Propheten des AT 
kennt, welche mit den Aposteln (jetzt auch nur noch in dem enge- 
ren Sinne) des NT die inspirirten Urheber kanonischer Schriften 
bilden. 

Den Uebergang illustrirt Athenagoras (177), wenn er, gleich 
Justin, als neutest. Wahrheit nur gelten lässt, was aus dem AT zu 
erweisen ist (Leg. 7), gleichwohl aber neben einigen Sentenzen aus 
der Bergpredigt im Gegensatze zu Justin verschiedene Plsstellen 
citirt und insonderheit 1 Cor 15 als apostolisches Document werthet 
(De resurr. 4. 12. 16. 18. 19). Uebrigens nennt auch er bei seinen 
Evghencitaten weder Schrifttitel noch Autornamen, so dass als Sub- 
ject seiner Formel 'frpi Christus selbst gedacht werden kann '). 
Dagegen betrachtet ApoUinaris von Hierapolis (um 180) die einzel- 
nen Evglien bereits als ein solidarisches Ganzes, darin Mt und Joh 
nicht miteinander in Streit liegen dürfen (Chron. pasch, ed. Dindorf 
I, S 14). 

Wenn die von ihm bekämpfte Partei die Gewähr für ihre 
Passahpraxis bei Mt suchte, so nennt dafür Theophilus von An- 



') Dräseke, Der Brief an Diognetos S 104 f. 



II. Kap. : Die Vorgeschichte des Kanons. 5. Die späteren Apologeten. 131 

tiochia den Apostel Johannes als Verfasser des 4. Evglms (ad 
Autol. 2, 22) — das erste Beispiel namentlicher Aufführung eines 
EvangeKsten. Ueberhaupt Uefert dieser 180 — 81 schreibende Apolo- 
get erstmahg ein direktes Zeugniss für das Ansehen neutest. Bücher, 
wiewohl die Benutzung der letzteren im Vergleiche mit der Menge 
alttest. Citate auffallend spärlich erscheint ^). Auch der mit -O-sta 
Ypa^Tj (2, 10. 18), tepa Ypd{j.{i.aTa (3, 26) gleichwerthige Ausdruck 
aYLai Ypa^at gilt gelegentlich (2, 22) noch dem AT ausschhessHch. 
Dafür citirt er mit der Formel 6 d-eloQ X6^o<; xeXeusL (3, 14) neben 
Jes 66, 5 auch Mt 5, 44. 46. 6, 3. Em 13, 7. 8 (1 Tim 2, 1 f). 
Tit 3, 1, und die EvangeHsten sind nicht minder 7rv£0[j.aTo^^öpoi als 
die Propheten (2, 9. 22. 3, 12); '^ soaYYsXio? «pwvyj ist ein a-^ioQ 
Xo-^OQ (3, 13). Ausserdem hat er gegen Hermogenes von Apc Ge- 
brauch gemacht (Euseb. KG IV, 24, 1) und wenigstens nach Hie- 
ronymus (Cat. 25) commentarii in Evangelium, d. h. eine Erklärung 
der kirchl. Evgliensammlung in einem einheitlichen Werke, verfasst 
(Epist. 121 ad Algasiam: quatuor evangelistarum in unum opus 
dicta compingens) ^). 

Der Brief an Diognet lässt die paulinische Gedankenwelt mehr 
als irgend eine andere apologetische Schrift hervortreten. PauU- 
iiische und johanneische Elemente begegnen am häufigsten^'). Aber 
eine wirkhche Gleichstellung der Evghen (er kennt Mt und Joh) und 
der Briefe (Rm, Phl, 2 Cor, 1 Tim, 1 Pe, 1 Joh) mit Gesetz und 
Propheten begegnet erst in den beiden beigefügten Schlusskapiteln 
(11 und 12). Was vorhergeht dürfte dem Briefe auch nach seiner 
Stellung zur Geschichte des Kanons eine Entstehungszeit etwa um 
180 anweisen*). Zweifelhaft bleibt auch die Zeit des mit einem 
paulinischen Citat beginnenden AiaaopjJLÖg des Hermias. 



^) Dräseke S 106 f. A. Harnack, Dogmengesch. I, S 285, erkennt ihm 
den neutest. Kanon sogar uocli ab wegen des mangelnden Kriteriums der Apo- 
stolicität. 

*) Zahn II, S 86 f. III, S 198 f will eine Uebersetzung dieses Evglien- 
Commentars in einer theils unter dem Namen eines alexandrinischen Theophilus, 
theils anonym überlieferten Compilation aus lateinischen Exegeten wie Hilarius, 
Aml)rosius, Hieronymus wieder entdeckt hal)en, worin er Nachfolge fand bei Pitra. 
Analecta sacra spicilegio Solesmensi parata U, 1884, S 624 f. Vgl. dagegen A. 
Harnack, Texte und Unters. I, 4, S 97 f. 

») Otto ZhTh 1841, 2, S 80 f. 1842, 2, S 54 f. 1843, 1, S 43 f. 
Dräseke S 2. Doch vgl. Luthardt, Der johanneische Ursprung S 37: „Wie 
selten in Form des eigentlichen Citats!" 

*) HiLGEN^'ELi), Hase, Schölten, Keim, Lipsiüs, Gass, Dräseke S 99 f, 
116 f. Vgl. A. Harnack, Patr ap I, 2, S 151 f. 

9* 



132 Geschichte des Kanons. 

Minucius Felix vermeidet überhaupt wirkliche Bibelcitate, ver- 
räth übrigens Kenntniss von Act, Pls- und Petrusbriefen. Verhält- 
nissmässig stärkste Benutzung erfahren die dem Verfasser zeitlich 
und örtlich nächstgelegenen Schriften — also gerade solche, die zu 
den jüngeren und jüngsten in der neutest. Sammlung gehören, aber 
wahrscheinlich in Rom entstanden sind^). 

Spätere Apologeten, zumal Origenes, haben es hauptsächlich 
mit dem gi'ossen Christenfeind Celsus zu thun, welcher um 176 — 180 
schrieb^). Sehie Angriffe auf das Christenthum (im 'AXTj^Yjt; ^öyog) 
basiren theils auf mündlichem Bericht, welchem er sogar nicht wenige 
pauKnische Schlagworte, die sich bei ihm finden, entnommen haben 
könnte, theils aber und vorzugsweise auf seiner Leetüre christhcher 
Schriften (Orig. Geis. 2, 74). Unter diesen erwähnt er ausdrücklich 
Erzählungen und Erdichtungen der Schüler Jesu (1, 68. 2, 13. 56), 
welche sich freilich mehrfach widersprechen sollen (5, 52). Die 
Christen hätten „das Evglm" vierfach und vielfach umgebildet"). 
Diese ganze Literatur beruht ihm auf freier Variation einer TcpwTYj 
YpatpiQ, wobei er die kanonisch gewordenen Evglien noch nicht von 
den stammverwandten apokryphischen unterscheidet, wie für ihn 
überhaupt keine officieUe Literatur der Kirche, kein neutest. Kanon 
neben dem AT existirt. Aber fast Alles, was er von historischem 
Stoffe berührt, findet sich, wie schon Origenes sah (1, 40. 70), in 
unseren Evglien, zumal den synoptischen. Bei der Taufe aber erschallt 
die Stimme Ps 2, 7 (1, 48), was mit dem 4. Evglm des Justin 
(Dial 88. 108) stimmt. Werden aber auch gnostische und jüdische 
Schriften benutzt ^)y so doch bei Weitem nicht in dem Umfange der 
kanonischen ^). 

Aus der Acten- und Märtyrerliteratur können die Acta Pilati, welche 
sämmtliche Evglien (incl. Mr 16, 9 — 20) zu einem Ganzen zusammenarbeiten®), 

») Dräseke S 107 f. 115. 

^) Spätere Datirung bei Volkmar, Ursprung S 80. Supern, rel. 6 Asg 
II, S 235 f, Vgl. dagegen Keim, Celsus wahres Wort S 275 f. lieber des Celsus 
Stellung zum Kanon überhaupt ebend. S 219 f; Geschichte Jesu, 3. Bearbtg 
2. Afl, S 375 f. AüBE, Les persecutions de l'eglise. La polemique paienne S 208, 
216 f, 221 f, 236 f. 

^) Die Ausdrücke |i~xa/apaTt£tv, [texa^XaTtsiv erklärt Keim S 225 aus der 
Fabrikarbeit der Gnostiker, Westcott S 405 aus Bekanntschaft mit dem eben 
zur Vierzahl aufsteigenden Cyklus anerkannter Evglienschriften. Etwas schwie- 
riger liegt die Sache bezüglich Joh, und ganz unsicher sind Spuren von Act und 
Apc. Vgl. Keim S 225. Aube S 237. 

*) AuBii: S 231 f. 

") Keim S 227, 230 f. 

«) Lipsiüs, Die Pilatus-Acten 2. AU 1886, S 3. 



n. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 6, Die Grnostiker. 133 

trotz der Citate bei Justin Apol I, 35. 48 nicht in Betracht kommen, weil ihr 
jetziger Text erst dem 4. oder 5. Jahrh. angehört; die Passio Polycarpi mit 
ihren häufigen Berufungen auf Plsbriefe und Anklängen an Apc, Col, Hbr 
darum nicht, weil sie wohl in die Mitte des 3. Jahrh. weist i). Dagegen citirt 
das 177 entstandene Schreiben der Gemeinden von Lugdunum und Vienna 
(Euseb. KG V, 1 und 2) bereits zahlreiche Stellen aus Pls, Lc, Act und wendet 
förmHche Citationsformeln au bei Joh 16, 2 (als Herrn wort V, 1, 15) und Apc 
22, 11 (iva ^1 YP^^'f**! ^^"^Ipw^Tj V, 1, 58). Die Acta martyrum Scillitanorum (ed. 
Usener 1881) endlich bieten in der am 17. Juli 180 gehaltenen Rede des Spe- 
ratus die Formel at xaO-' Tj|xä<; ß'lßXo'. y.al vi Tirpö? Ik\ zoozoiq sicioToXal [laöXoo 
ZOO öo'lou ävi5p6?, was die lateinische Umarbeitung wohl sachlich richtig auf 
Evglien und Plsbriefe deutet, ohne jedoch die im griechischen Ausdrucke liegende 
Neuheit des Hinzutrittes der letzteren wiederzugeben^). 

6. Di e Gnostiker. 
Die bisher beschriebene Entwicklung mündet aber wie in der Kirche, so 
andererseits in der Häresie der Gnosis aus. Letztere ist an der Bildungsgeschichte 
des Kanons um so mehr betheiligt, als sie schon ein Moment in der Entstehungs- 
geschichte der neutest. Literatur selbst darstellt. In dieser wiegt zwar noch 
das schöpferisch religiöse Element allenthalben vor, daneben aber machen sich in 
steigender Anzahl Elemente eines Begriffsapparates geltend, wie er die Theologie 
imd Metaphysik der Zeit kennzeichnet. Daher schon in den Plsbriefen eine mit 
Mitteln rabbinischer Dialektik und Schriftgelehrsamkeit auferbaute Gnosis vom 
Sohne Gottes, der nach dem Fleisch am Kreuze als Sühnopfer stirbt, um nach 
dem Geiste zum Abbilde der Herrlichkeit Gottes in verklärter Menschengestalt 
aufzuleben und die Herrschaft über eine aus allen Völkern gesammelte Gemeinde 
anzutreten. Hilfsbegriffe, die aus Philo's Schule stammen, leiten in Hbr ver- 
wandte Ideengänge einem ähnlichen Ziele entgegen. Aber schon die alexandri- 
nische Weisheit selbst, die sich in diesem Briefe und im 4. Evglm erstmalig 
dem Christenthume unter- und einordnet, beruhte auf der gleichen Combination 
griechischer Reflexion und orientalischer Intuition, auf der gleichen Verbindung 
europäischer Philosophie und asiatischer Mythologie, wie auch die spätere Gnosis. 
Denn bei dieser war die phantasiemässige Einkleidung das semitische Element, 
l)ezogen aus Judenthum und Urchristenthum. Der metaphysische Kern selbst, die 
Auffassung der Wirklichkeit als eines Abfalls von der Idee, der Materie als einer 
widergöttlichen Existenz, der Leiblichkeit als eines Kerkers der Seele, die Schei- 
dung der Menschen in Fleisches-, Seelen- und Geistesmensche i und Aehnliches 
stammt direkt aus der griechischen Pliilosophie. Wie aber die Verbindung der 
letzteren mit orientalischer Cultusweisheit im Geiste jener Zeit überhaupt lag, 
so hätten sich auch die gnostischen Systeme nie zu einem solchen bunt schillern- 
den Reichthum unübersehbarer Variationen entfaltet, wenn nicht neben der plato- 
nischen Idcenlchre, dem stoischen Pantheismus und der pythagoreischen Zahlen- 
weit auch die mehr oder weniger dualistisch gefärbte Theosophie der vorder- 
asiatischen, syrischen und selbst persischen Religionssystemo mit gewissen 
religiösen Motiven uud Gedanken des Christenthums Verbindung gesucht hätten. 
Alle diese verschiedenartigen Schulen fcjlgten nun aber nicht minder dem eigenen 



>) H. HOLTZMANN ZwTh 1877, S 209 f, 214. 

«) A. Harnack ThLz 1882, S 3. Hilgenfeld ZwTh 1881, S 383. F. 
GÖRRES JprTh 1884, S 25» f. 



134 Geschichte des Kanons. 

Geschmack und Instinkt, als auch der Theorie und Mode der ganzen Zeit, wenn 
sie die phantastisch-tiefsinnigen Auslegungen des Welträthsels , darin sie sich 
gegenseitig überboten, zugleich als Deutungen höiHger Ueberlieferungen und 
Schriften einführten. Da aber bei ihnen das AT bald ganz, bald theilweise als 
ein Werk des untergeordneten Demiurgen galt, konnten es nur neuere, christ- 
liche Autoritäten sein, als deren Dollmetscher die gnostischen Schulhäupter auf- 
traten. Hier war freilich die Auswahl nicht schwer, sofern die neutest. Schrift- 
steller späteren Datums selbst schon Stellung zur Gnosis nehmen. Mit Bewusst- 
sein thut dies zuerst der Autor ad Ephesios, indem er zugleich das gnostische 
Element im Paulinismus weiter bildet und dem gesteigerten Bedürfniss nach 
solcher Wissenschaft entgegenkommt. Einfach und energisch abwehrend verfahren 
dagegen die Pastoralbriefe wider die '{vöiaic, (];eo8a)Vü[i-0(; (1 Tim 6, 20); ihnen 
schliessen sich Jud, 2 Pe und 1 Joh an, während das gleichfalls hierhergehörige 
4. Evglm mehr die Linie von Eph einhält. Der johanneische Prolog hat mit 
der Gnosis wenigstens dies gemein, dass er eine Lösung des Räthsels des Daseins 
andeuten, das Geheimniss der Entstehung aller Dinge beleuchten, namentlich 
aber auch die Aufgabe und Stellung des Menschen in der Welt erklären will. 
Beide Schriften (Eph und Joh) sind jedenfalls schon ganz durch die Zeitnähe 
der Gnosis bedingt. Die falsche Gnosis, wie sie Idee (Christus) und Geschichte 
(Jesus) auseinanderriss und durch Beschränkung der Erlösung auf die Pneu- 
matiker den Gemeindeglauben zersetzte, wollen jene christl. Schriften in dop- 
pelter Weise unschädlich machen: einmal dadurch, dass aus der gnostischen 
Gedankenwelt Aufnahme findet, was sich mit jenem Gemeinglauben verträgt, was 
ihm zur Unterstützung und Empfehlung gereicht; zweitens aber auch dadurch, 
dass die Gnosis aus der Sphäre unfruchtbarer, über der Geschichte schwebender 
Speculation und müssiger Träumerei auf den Boden der Religion, der Heils- 
geschichte und des thätigen Christenthums herabgezogen wird. Bei aller Abwehr 
gegen die erst im Anzug begriffene volle Machtentfaltung der Gnosis konnte es 
daher doch geschehen, dass die gefeiertsten Häupter der letzteren gerade die in 
Eph und Joh gepflegte Begriffswelt mit Vorliebe weiterführten und sich ihrer 
Terminologie bedienten. 

Einer neuen Sammlung heiliger Schriften bedurfte man da, wo 
das AT als Offenbarungsurkunde abgelehnt wurde, noch dringhcher 
als da, wo es in Geltung stand. Thatsache ist, dass eine der kirch- 
lichen Kanonbildung parallele Erscheinung auf haretisch-gnostischem 
Boden auftritt und jener wenigstens auf dem ersten Stadium der 
Entwickelung sogar einen Vorsprung abgewinnt. Deuthch erhellt das 
formale Princip der Kanonbildung, wie es uns sofort auf kath. Boden 
begegnen wird, schon aus den Bemühungen der Gnostiker, ihren Syste- 
men apostohsche Sanction zu verschaffen (Tert. Praescr. 23). So wenn 
Basilides sei es direct mit Matthias (Philos. 7, 20, vgl. Clem. Str. YII, 17, 
108), sei es durch Glaukias mit Petrus, Valentin durch Theodas mit Pls 
(Clem. Str. VII, 17, 106), die Ophiten durch Mariamne mit Jakobus 
(Philos. 5, 7. 10, 9) sich berühren wollen und Ptolemäus im Briefe an 
Flora die apostolischeUeberheferung für sich in Anspruch nimmt (Epiph. 
Haer. 33, 7 zr^Q aTcoaioXtXTjc TcapaSöaswc v]v sx SiaSo/'^c ^al rj[i3i<; jrapsL- 



n. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 6. Die Gnostiker. 135 

Xvj'f auL£v). Ein Gnostiker ist es aber auch, welchem die erste uns bekannt 
gewordene Zusammenstellung neutest. Schriften zugeschrieben wird. 
In den ersten Jahren des Bischofs Pius (140 — 155) kam nach 
Rom Marcion aus Pontus, um bald Haupt einer dualistischen Schule 
zu werden, die kurz vorher Cerdo (Kerdon) daselbst gestiftet hatte (Iren. 
I, 27, 1. 2). Während dieser nach Theodoret (Haeret. fab. 1, 24) 
Mt 5, 38 — 40. 43. 44 als Gebote des guten Gottes proclamirt haben 
soll, lässt ihn Pseudo-Tertulhan (Praescr. haer. 51 == Adv. omn. 
haer. 6) einen unvollständigen Lc und Plsbriefe (jedoch neque omnes 
neque totas) gebrauchen, Act aber und Apc verwerfen — Angaben, 
die allerdings aussehen, wie wenn der Kanon des Schülers, der sonst 
über den Meister hinausgeschritten ist, auf Letzteren übertragen 
wäre. Marcion selbst, dessen Kanon wir aus dem 4. und 5. der 
von TertuUian um 205 gegen ihn gerichteten Bücher, aus dem (pseudo- 
origenistischen) Dialoge ^pl tf^? d<; ^söv op^-f^c mairsöx; und aus 
Epiphanius (Haer. 42) kennen, wies auf Grund von Gal 2 eine 
DifFerentia praedicationis zwischen Pls und den Uraposteln nach 
(Tert. Marc. 1, 20. 4, 3. 5, 3. Praescr. 23), erachtete es für seine 
Aufgabe, das von den Letzteren judaisirte Evglm Christi wieder her- 
zustellen (Iren. HI, 2, 2. 11, 7. 9. 12, 12) und bediente sich zu 
diesem Zwecke theils der Plsbriefe (nach Epiph. 42, 9 in der Ord- 
nung Gal, Cor, Rm, The, Laodicener = Eph, Col, Plmi, Phl; Ter- 
tuUian stellt die beiden letzten um) mit Ausschluss von Tim, Tit 
und Hbr, theils des, in seiner pauhnischen Art gewürdigten, Lc 
(6 aTröoToXo? xai lö soaYYsXiov). Beide Theile seines Kanons emen- 
dirte er nach eigenem Ermessen (Iren. I, 27, 2), die Briefe, sofern 

i. pseudapostoU nostri et judaici evangelizatores de suo intulerint 
(Tert. 5, 19), das Evglm ut interpolatum a protectoribus Judaismi 
(4, 4). Demgemäss behaupteten die Schüler, Marcionem non tarn 
innovasse regulam separatione legis et evangelii, quam retro adul- 
teratam recurasse (Tert. 1, 20), während ihm seit Irenäus (HI, 12, 12) 
die Kjrchenväter vorwarfen, die neutest. Schriften theils verfälscht, 
theils ignorirt zu haben (vgl. S 29). Zu den in letzterer AVeise 

l behandelten Büchern (Tert. De carne Chr. 3) gehört wenigstens das 
1. Evglm, da ihm Mt 9, 17 bekannt war (Epiph. Haer. 42, 2). 

' Sein Schüler Apelles setzt nach Origenes (Epist. ad charos suos in 
Alex.) das purgirende Verfahren seines Meisters fort, indem er aus 

; Evglm und Apostel Taapd'^xovra aon]) atp£txat(Philos. 7, 38); dabei scheint 
er bereits einen etwas erweiterten Kanon (Joh ?) zu gebrauchen *). 

A. Harnack, De Apelli« j^iiosi monarchica 1874, S 75. Deäseke S 125 f. 
HiLGENFELD ZwTh 1875, S 73 f; Ketzergeschichte S 531 f. 



136 Geschichte des Kanons. 

Der an diesem Beispiele nachweisbare Fortschritt der Kanon- 
bildung in häretischen Kreisen ist auch in anderen Fällen, wo 
bestimmte Nachrichten nur hinsichtHch späterer Uebung zu Gebote 
stehen, mit WahrscheinHchkeit anzunehmen. So schreiben die um 
222 entstandenen Philo sophumena (7, 20 — 27. 10, 14) dem Basiüdes 
d. h. den occidentalischen Fortbildnern seines Systems ^), eine Menge 
von Citaten, wie aus alttest. Schriften, so auch, und zwar mit den- 
selben Formeln (xa^üx; '^s'^paizzaij wc Xsys'. i] Tpafpvj, toötö lau zb 
eipYjixsvov) eingeführt, aus Lc, Job, Rm, Cor, Eph zu. Das entspricht 
der gleichzeitigen Praxis der Kirche, während der 100 Jahre früher 
blühende Basihdes selbst nach Agrippa Castor (bei Euseb. KG 
IV, 7, 7) sich noch auf die Propheten Barkabbas und Barkoph be- 
ruft. Sein Sohn Isidorus hat nach Clemens (Strm. VI, 6, 53) den 
Propheten Parchor commentirt. Er selbst scheint bereits (120 — 140) 
eine Auslegung zu einem oder einigen der Synoptiker geschrieben, 
dagegen Hbr, Tim und Tit verworfen zu haben (nach Hieron. Praef. 
in Tit). Ausserdem führen Clemens (Str. HI, 1, 1. 2. IV, 12, 
81—83), Origenes (in Rm T. V, 5), Epiphanius (Haer. 24, 5) und 
die Acta Archelai et Manetis (55) Erklärungen des Basilides, 
des Isidorus und der Schüler an, welche Mt 5, 21 f. 27 f. 43 f. 7, 
6. 19, 11, 12. Lc 16, 20 f. Rm 7, 7—11. 1 Cor 7, 9 und wohl 
auch 1 Pe 4, 14—16 betreffen 2). 

Valentinus (später als Basihdes und gleichzeitig mit Marcion) 
hat seine Gnosis auf einen angeblichen Schüler des Pls zurück- 
geführt (Clem. Str. VII, 27, 106), also die Schriften des Letzteren 
wohl anerkannt, wie sie von seinen Schülern denn auch in den Philo - 
sophumena (6, 29 — 35) fleissig und zwar in correctester Form 
(6, 34 Toöiö loTt zb Y£Ypa[i[jL£vov sv z-^ Tpa^p'J mit Bezug auf Eph 3, 
14. 16 — 18) citirt werden. Erhaltene Fragmente Valentin' s argu- 
menth-en auch aus Mt ^). Die Notiz des Can. Mur. Valentini nihil 
in totum recipimus weist überdies auf eigene Schulschriften, wie 

*) Dass das cpYjOtv, womit die Citate des Basilides und des Valentinus 
eingetührt werden, nichts für die Stifter der Schulen selbst beweist (npAtov tj'eöSo? 
von TiacHENDORP, HoFSTEDE, Westcott, Hort u. A.), erhellt schon daraus, dass 
es mit Pluralen wechselt, als deren Subject der jeweils Betreffende und seine 
Schule bezeichnet werden (z. B. gleich 6, 29), und dass dasselbe cpYjaiv auch in 
den Abschnitten über Secten wie die Naassener und Beraten wiederkehrt. Bei- 
spielsweise wird die noch zu erwähnende ocitocpaot? jxsy«^*^ der späteren Simo- 
nianer mit Xi^ti U 6 Stjxwv oder (p-rjoi angeführt. Anerkannt von Luthardt 
S 85 f, 89. Salmon S 69 f, 73. 

») HiLGENFELD, Kctzergeschichtc S 207, 213 f. 

») HiLGENFELD S 293 f, 296 f; Vgl. auch ZwTh 1881, S 229. 



n. Kap. : Die Vorgeschichte des Kanons, 6. Die Gnostiker. 137 

Tertullian solche anführt, als Sophia (Adv. Valent. 2) und Psalmi 
(De carne Chr. 17. 20; vgl. Philos. 6, 37). In einer Homilie Trspi 
'fiXwv (Clem Str VI, 6, 52) scheint er jedwede äussere Schrift- 
autorität zu Gunsten eines innerlichen Gesetzes (Rm 2, 15) ab- 
gelehnt zu haben : TzokXa twv '^Byp'x\L\LByw^ Iv rat? §Tj{xoaiai<; ßißXotc; 
soptaxeiai y*TP^[^I^v^ ^^ ^Xi s'^^^^X'/jaic^ xoö O-eoö, m yap xeva (xotva?) 
raötd eoTt ra aizb TcapSiag pTJixara, yö{JLO(; 6 YpaTTTÖ«; sv zapöio^ i). Aber 
schon dem Irenäus repräsentirt sich der Valentinianismus vornehm- 
hch in den Zeitgenossen Marcus und Ptolemäus, und die gegen ihn 
erhobenen Beschuldigungen betreffen, abgesehen von der gelegent- 
hchen Erwähnung vieler Apokryphen (I, 20, 1), zumal einer Ver- 
mehrung der Evglien durch ein selbsterfundenes Evangelium veritatis 
(m, 11, 9), nur falsche Auslegung der Schrift (HI, 12, 12). Die 
56 neutest. Citate, welche sich in des alexandrinischen Clemens Aus- 
zügen aus den Schriften der ihm gleichzeitigen anatolischen Schule 
Valentin's finden, beweisen wirklich, wie eifrig und allseitig damals 
das NT von der Gnosis studirt (Mt, Lc, Job, Em, 1 Cor, Gal, 
Eph, Phl, Col) 2), aber auch mit welcher selbstherrlichen Freiheit 
seine Textform behandelt, sein Gedankengehalt ausgebeutet wurde. 
Andererseits benutzen Vertreter der italischen Schule wie Ptolemäus 
(Epiph. Haer. 33, 3; vgl. Iren. I, 8, 2. 5) und Herakleon, von 
dessen Johannes-Commentar Clemens und Origenes Bruchstücke be- 
wahrt haben ^), bereits das 4. Evglm mit Auszeichnung (Iren. IH, 
11, 7). Daher Tertullian's Votum über Valentin: integro instrumento 
uti videtur (Praescr. haer. 38; vgl. 17). Wenn den Valentinianern 
die kath. Briefe (mit Ausnahme von 1 Job), die kleineren Plsbriefe 
(The, Phm, 1 Tim) und Apc unbekannt geblieben zu sein scheinen, 
so steht ja um 200 auch der kirclil. Kanon auf seiner Peripherie 
noch nicht fest. Eine Differenz zwischen den Kirchenlehrern dort, 
den Schulhäuptern hier bezüglich des neutest. Kanons bestand somit 
je länger, desto weniger ^). 

Nach demselben Maassstabe ist zu beurtheilen, was die Philosophumena 
von den Naassencrn (5, 7—9), d. h. einer späteren Form des Ophitismus (Aus- 
nutzunjT der Plsbriefe, besonders Eph, und der EvgHen, besonders Joh; 8 ein 
förmliches Citat von 2 Cor 12, 2—4), von den Peraten (5, 12—17. 10, 10) als 
einer zweiten ophitischen Secte (Plsbriefe, zumal Col 1, 19. 2, 9. 1 Cor 11, 32; 
EvgHen, zumal Joh 1, 3. 4. 3, 17. 8, 44) und von den Sethiancrn (6, 19. 10, 11), 

^) HiLGENFELD, Ketzergeschichte S 301. 

^) G. Heinrici, Die valentinianische (Inosis in der heil. Schrift 1871, 
S 116. Sogar 78 Citate Hofstede S 30 f, 102; vgl. Hu^genfeld S 505 f. 
') HiLGENFELD S 473 f; Vgl. auch S 469. 
*) Heinrici S 181 f; vgl. auch S 57, 85. A. Harnack S 187 f. 



138 Greschichte des Kanons. 

welche über eine phantastische Auslegung von Phil 2, 6. 7 verfügten, zu be- 
richten wissen. Auch diese Secten führen die betreffenden Schriftstellen mit 
den Formeln der Autorität an (stpYjxat, ^k^^aTzxai^-Xk^ti 4] -(pa^r[). Derselben 
Quelle (Philos. 6, 9. 10. 14. 16) zufolge haben die Simonianer Mt, Lc, 1 Cor 
imd 1 Pe benutzt. Die Karpokratianer endlich besitzen eigene Erklärungen 
zu Mt 5, 25. Lc 12, 58 (Iren. I, 25, 4) und Rm 5, 20. 7, 7 (Clem. Str. IH, 2, 7). 

Der Regel, dass die jeweils späteren Gnostiker in Bezug auf 
Werthung und Umfang des neutest. Kanons correcter d. h. mit 
der katholischen Uebung übereinstimmender erscheinen, entspricht 
die Thatsache, dass nicht Basilides und Yalentinus, sondern erst 
die im letzten Menschenalter des 2. Jahrh. blühenden Ptolemäus 
und Herakleon für den kirchl. Kanon angerufen werden können. 
Auch die gnostischen Johannes- und Andr eas- Akten , von welchen 
wenigstens die erster en in die 2. Hälfte des 2. Jahrh. hinaufreichen, 
machen zwar nicht von der apostolischen Literatur des NT, dafür 
aber von den Evglien (insonderheit auch Job) bereits reichHchen 
Gebrauch ^). Die Entwicklung des Kanons vollzieht sich beiderseits 
in chronologisch parallelen Bahnen ^), wie ja erst die späteren Häre- 
tiker, welche die Bildung des neutest. Kanons erlebt haben, daran 
denken konnten, ihre Sondermeinungen mit den bei den kath. Ge- 
sinnten anerkannten Schriften zu decken. Die früheren waren da- 
gegen um so sorgloser im Gebrauche von nicht kanonischen, be- 
ziehungsweise nicht kanonisch gewordenen Schriften ^). 

Beispielshalber bezeugen die Philosophumena als gebrauchte Schriften bei 
den Naassenern das Aegypter- und das Thomas-Evglm (5, 7), bei den Peraten 
die irpoaaxeioi (5, 14), bei den Sethianern die di.Tzov.akü^sic, xoö 'ASajji, xal xoö 
'Aßpadfi, auch die Trapacppdost? S-fi^- (5, 22; vgl. Epiph. Haer. 26, 8. 39, 5), bei 
den Justinianern ein Buch Baruch (5, 24), bei den Simonianern die iie^äXri 
änotfaoiq (6, 11). Die Excerpte aus Theodot betreffen auch das ägyptische (67) 



*) Lipsiüs, Die apokryphischen Apostelgeschichten I, S 31, 515, 615. 

^) Nach F. NiTZSCH (Grundriss der christl. Dogmengeschichte I, 1870, 
S 250) und Westcott (S 272 f ) hätten die Grnostiker ein rein eklektisches Ver- 
fahren beobachtet, nur an einzelne Theile des Kanons sich gehalten, andere 
nach Bedürfniss verfälscht oder für untergeschoben erklärt. Aber die Kirche 
ist z. B. bei Auswahl der Evglien nicht wesentlich anders verfahren als die 
Ebjoniten und Marcioniten, wenn sie sich auf Mt oder Lc beschränkten. Nur 
die bei der Wahl leitenden Motive bedingen die Differenz des Ausfalls. 

') HoFSTEDE tröstet sich über die Thatsache, „dass unter den ältesten 
Katholiken sich nur wenige befinden, die Bücher des NT als einen Theil der 
Schrift anführen" (S 39; vgl. S 36 f), damit, dass dafür die Gnostiker um so 
früher ihre Schuldigkeit thun (S 53 f, 76 f, 79 f) und unter 167 gnostischen 
Citaten nur ganz ausnahmsweise apokryphische Stellen auftauchen. Aber eben 
dcsswegen gehören seine Citate, die ja meist den Philosophumena entnommen 
sind, erst späteren Formen der Guosis an. Vgl. Hilüenfeld ZwTh 1868, S 222. 



n. Kap.: Die Vorgeschichte des Kanons. 6. Die Grnostiker. 139 

und ein anderes apokryphisches Evglm (2). Den Kainiten aber, welchen Irenäus 
ein Evglm des VeiTäthers Judas zuzuschreiben scheint (I, 31, 1), bezeugt Epi- 
phanius wenigstens Gebrauch eines öcvaßattxöv flaoXou (Haer. 38, 2), den Seve- 
rianern (Enkratiten) aber den der Acta des Andreas, Johannes und Thomas 
(Haer. 47, 1). Nach TertulUan (Marc. 1, 19) genossen die Antithesen Marcion's 
in seiner Schule kanonisches Ansehen. Für noch viel weniger correct im späteren 
Sinne muss vollends die judenchristhche Häresie gelten. Die Cerinthianer, 

l (Epiph. Haer. 28, 5), die Ebjoniten Iren. I, 26, 2. III, 11, 7. Orig. Cels. 5, 65. 

■ Theodoret, Haer. feb. 2, 1), die Elksaiten (Orig. in Ps 82 = Euseb. KG 
VI, 38. Theodoret 2, 7), die Sampsäer (Epiph. 53, 1), die Severianer (Euseb. 
KG IV, 29, 5) verwarfen den Pls als Apostaten und hielten sich ausschliesslich 
entweder wie Cerinth an einen unvollständigen Mt (ohne Geburtsgeschichte, wie 
auch Karpokrates nach Epiph. 30, 14) oder an irgend eine Form des Hebräer- 
evglnis, vielfach auch an das zu Ergänzung des Evglms dienende OfFenbarungs- 
buch Elxai (Epiph. 19, 1. 53, 1. Philos. 9, 13). Sogar diejem'gen Nazarener, 
welche gegen die Person des Pls eine anerkemiende Stellung einnahmen, haben 
seine, freilich in einer ihnen unverständlichen Sprache abgefassten, Briefe bei 
Seite liegen lassen. Ihre Stellung zu Pls bekunden die Ebjoniten, welche übrigens 
auch den Aposteln Jakobus, Matthäus und Johannes Schriften untergeschoben 
haben sollen (Epiph. 30, 23), vor Allem durch den Gebrauch von v.fipo'fiiaxa 
und TcepioSot DeTpou, in welchen Petrus ebenso sehr im hellsten Lichte strahlt, 
wie auf Pls z. B. in den avaßaö-fxol -laxtußGü die schwärzesten Schatten fallen 
(Epiph. 30, 16. 25). In den auf Grund dieser Schriften erwachsenen Recogni- 
tionen und Homilien (Pseudo-Clemens Romanus) ist neben unseren kanonischen 
Evglien, Mt voran, wieder jenes Hebräerevglm benutzt, welches in seinen ver- 
schiedenen Formen die „heilige Schrift" des gesammten Judenchristenthums 
repräsentirt. 

Die bedeutendste Erscheinung in der späteren Apokryphen-Literatur bildet 
die Sammlung apostolischer Acta, die dem Lcucius zugeschrieben wurde. Die- 
selbe trat nebst zahlreichen anderen heiligen Schriften bei den Manichäern an 
die Stelle, bei den Priscilhanisten an die Seite des kirchl. Kanons^). Ausserdem 
gebrauchten die letzteren eine Memoria apostolorum^). 

Von grösserer Bedeutung als die Frage nach der eigenen 
Stellung der Gnostiker zu Begriff und Umfang des neutest. Kanons 
ist die Thatsache, dass die Bildung des letzteren durch das Auf- 
treten jener mitbedingt war. Der seit Justin unausgesetzt geführte 
Kampf wider die Gnosis Hess ein schon bestehendes Bedürfniss, die 
in katholischen Gemeinden vorlesbaren und vorzulesenden Bestand- 
theile der apostohschen Hinterlassenschaft in ein Verzeichniss zu 
bringen, nur noch lebhafter empfinden. In einem solchen den siche- 
ren Maassstab für die theologische Begründung des Clu-istenthums 
zu suchen, dazu forderte auch die Gefahr auf, von der Unzahl 
gnostischer Apokryphen und Sondertraditionen überfiuthet zu werden. 
Gleichzeitig musste sich die Kirche im Kampfe wider den Monta- 

') Lipsius I, S 76. 

') Zahn, Acta loannis S 210. 



140 Greschiclite des Kanons. 

nismus des enthusiastischen Elementes entledigen, welches ihr von 
Haus aus eigen gewesen war. Angesichts einer mit Autorität um- 
kleideten Sammlung aller Produkte der Inspiration wäre das Auf- 
kommen des Montanismus eine Unmöglichkeit gewesen. Nachdem 
er einmal da war, bedeutete die jetzt erfolgende Constituirung des 
Kanons „die Aussonderung einer Offenbarungsepoche und demgemäss 
einer classischen Zeit des Christen thums, unerreichbar für die Epi- 
gonen" *), und eben damit ein Princip der kirchhchen Rechtsordnung, 
welches neue Produkte angebUch fortdauernder Inspiration ausschloss. 
Uebrigens stützte sich der Montanismus auch seinerseits auf aposto- 
lische Literatur, namentlich auf die johanneische *^), und in Vertretern 
wie Tertullian wusste er sich auch mit dem Kanon abzufinden. Nur 
zu einer Zeit, da der letztere überhaupt erst im Werden begrifien 
war, könnten die Montanisten geschriebene Weissagungen der neuen 
Propheten als Urkunden einer über Jesus und die Apostel hinaus- 
führenden Offenbarung geltend gemacht haben ^). Jedenfalls gibt 
ApoUonius dem Themison (bei Euseb KG Y, 18, 5) und Cajus 
den Montanisten überhaupt Schuld, dass sie heilige Schriften nach 
eigenem Ermessen verfertigt hätten (VI, 20, 3) ^). Dagegen setzen 
die christologischen Häretiker, und zwar an ihrer Spitze schon Theo- 
dotus, den Kanon bereits voraus ^). 



Drittes Kapitel: Der ältere Kanon. 

1. Der Kanon und die katholische Kirche. 

Es ist keineswegs zufällig geschehen, wenn um dieselbe Zeit, 
da zur Reahtät der svotXyjaLa zaa-oXiXTJ sich der Name hinzufindet — 
erstmaUg bei Ignatius Smyrn. 8, 2, dem antimontanistischen Ano- 
nymus bei Eusebius (KG V, 16, 9 tj vcaO-' oXovi sx/A'^ata), dem Frag- 
mente Muratori's (Zeile 61, 66, 69), dem Martyrium des Polykarpus 
(5mal), auch bei dem alexandrinischen Clemens (Str. VH, 17. 106. 
107), direct nicht bei Irenäus, desto mehr bei Tertullian — auch 
die Schriften, auf welche diese Kirche ihren Lehr- und Verfassungs- 

*) A. Harnack, Dogmengeschichte I, S 330. 

«) HiLGENFELD, Kctzergeschichtc S 563 f, 571 f, 599 f. A. Harnack S 323. 

») Zahn S 142. 

•*) Vgl. über das Verhältniss des Montanismus zur Kauonbildung A. Har- 
nack ZKÜ III, 1879, S 358 f, 369 f, 405 f ; Dogmengeschichte I, S 326. Over- 
BECK S 73. BONWETSCH, Gcschichte des Montanismus 1882, S 128 f. Schmiedel 
S 324. 

') A. Harnack S 575. 



m. Kap.: Der ältere Kanon. 1. Der Kanon und die kath. Kirche. 141 

bestand stützte, denen des AT ebenbürtig zur Seite, also Begriff 
und Unifang eines neutest. Kanons deutlich in Sicht treten (etwa 
170 — 190). Es war dies das einfache Ergebniss der ganzen Lage, 
in welcher sich die werdende Kirche theils den Gnostikem, theils 
den Montanisten gegenüber befand. Das antignostische , speciell 
antimarcionitische Dogma von der Identität des Gottesgeistes, welcher 
erst durch die Propheten, dann durch die Apostel geredet hat, führte 
auf Gleichstellung des A und NT. Wie auf jenes, so wird das w<; 
YSYpaTCTat daher jetzt auch auf dieses angewandt. Neue Offenbarungen 
aber werden im Gegensatze zum Montanismus abgelehnt ; die Reihe 
der Offenbarungsträger gilt als abgeschlossen ^), und unter Rückgang 
auf die Autorität ihres geschriebenen Wortes vollzieht sich die Aus- 
scheidung des Ebjonitischen wie des Antinomistischen , des Gnosti- 
schen wie des Montanistischen. 

Damit hat zunächst die Stellung zur mündlichen Ueberlieferung eine gründ- 
liche Veränderung erfahren. Die drei um die Wende des 2. Jahrh. wirkenden 
Kirchenschriftsteller Irenäus, Clemens und Tertullian sind die Letzten, welche 
zuweilen noch wenigstens pro forma von der Tradition im historischen Sinn 
(als Trägerin des in der Erinnerung älterer Zeitgenossen lebenden, aber mit 
diesen immer mehr zurücktretenden Bildes Jesu und der Apostel) reden. So 
zweifelhaft schon seit Justin's Zeiten Bedeutung und Werth einer solchen Ueber- 
lieferung geworden war, so beruft sich doch Irenäus nachdrücklichst noch auf 
die lebendige Predigt, die in der Kirche überall, wohin sie sich verbreitet, aus 
dem Munde der Apostel und ihrer Jünger gehört wird (I, 10, 1. 2. III, 2, 1. 
4, 1. 2. 24, 1. IV, 26, 5. V, 20). So schreibt er an einen Jugendfreund, welcher 
der Ketzerei verfallen war (bei Euseb. KG V, 20, 4 — 7) : „Diese Lehren, o Flo- 
rinus, entstammen, um nichts Schlimmeres zu sagen, nicht der rechten Aus- 
legungsweise. Sie stimmen nicht mit der Kirche überein ; sie sind nicht 
von den Aeltesten, die vor uns lebten und Jünger der Apostel waren. Dir über- 
liefert worden. Denn ich habe, als ich noch ein Jüngling in Niederasien bei 
Polykarpus war. Dich gesehen, wie Du in Ehren warst am kaiserlichen Hofe 
und Dich beeifertest, die Zufriedenheit des Polykarpus zu erlangen. Denn was 
damals geschehen, habe ich besser im Gedächtnisse, als was sich wohl unlängst 
zugetragen. Was wir in der Jugend in uns aufnehmen, das verwächst ja gleich- 
sam mit uns selbst und haftet uns fest an. Und so würde ich Dir sogar den 
Ort angeben können, wo der selige Polykarpus sass, und sein Aus- und Ein- 
gehen, seine Art und Weise, sein Aeusseres, seine Reden zum Volke und was 
er erzählte von Johannes und den übrigen Männern, die den Herrn gesehen, 
und wie er deren Reden anführte und was er von ihnen über den Herrn 



^) A. Harnack, Dogmengcschichtc I, S 282: „Das NT hat, wenn auch 
nicht mit einem Schlage, dem Zustande ein Ende gemacht, dass ein beliebiger 
Christ, vom Geiste inspirirt, maas8gel)ende Aufschlüsse und Anordnungen geben 
und dass seine Phantasie die Geschichte der Vergangenheit in glau])würdiger 
Weise bereichem, die Ereignisse der Zukunft in ebenso glaubwürdiger Weise 
voraussagen konnte." 



142 Geschichte des Kanons. 

gehört hatte. Seine Thaten und Lehren erzählte er, wie er sie von den Augen- 
zeugen des Wortes des Lebens vernommen, in Allem übereinstimmend mit den 
heiligen Schriften (tcocvtä o6|j.tf)(ova xal? ^^ai^alc,). • Diese Dinge habe ich damals 
in Folge der göttlichen Barmherzigkeit fleissig gehört und sie nicht auf Papier, 
sondern in meinem Herzen verzeichnet und erinnere mich ihrer durch Gottes 
Gnade fortwährend." 

Aehnlich erzählt selbst der etwa ein Menschenalter nach Irenäus geborene 
Clemens (Str. I, 1, 11. 12), dass er gesammelt habe, was er von seinen Lehrern 
vernommen hatte, von denen Einer aus lonien, ein Anderer aus Coelesyrien, ein 
Dritter aus Aegypten, noch Einer aus Assyrien (Tatian?) und endlich Einer 
aus Palästina stammte. „Diese, welche die wahre Ueberlieferung der seligen 
Lehre bewahrten, die sie unmittelbar von den heiligen Aposteln Petrus, Jakobus 
Johannes und Pls, der Sohn vom Vater, empfangen hatten, sind durch den 
Geist Gottes bis auf unsere Zeit gekommen, um das Samenkorn der apostolischen 
Lehre in uns zu pflanzen." Bezeichnend für den Einschnitt, welchen Clemens 
in der christl. Literaturgeschichte überhaupt bildet (S 94), ist die Anschauung, 
dass diese seine Lehrer, die sog. Presbyter, grundsatzmässig noch nicht schrift- 
stellerisch thätig gewesen seien, sondern solches Geschäft vielmehr ihm selbst 
und seinen Zeitgenossen überlassen haben (Str. I, 11 — 14. Ecl. 27). 

Eine charakteristisch verschiedene Stellung nimmt bereits Irenäus ein, 
welcher neben jener persönlichen Tradition, die auf Polykarp und die übrigen 
Presbyter zurückgeht, sowohl für die römische (III, 3, 3) wie für die klein- 
asiatischen Gemeinden (III, 3, 4), ja für die ganze Kirche (III, 3, 1. IV, 33, 8) 
untrüglichen Wahrheitsbesitz kraft ihres eigenen Begriffes als „Ausprägung des 
Leibes Christi" und kraft der „Folge der Bischöfe, welchen die Apostel die 
Kirche an jeglichem Orte übergeben haben", in Anspruch nimmt. Noch ent- 
schiedener vertritt diesen Standpunkt Tertullian, dessen bekannter Präscriptions- 
beweis gegen die Häretiker nur der Form nach historisch ist, der Sache nach 
bereits auf der dogmatischen Voraussetzung eines der Kirche als solcher stets 
zu Gebote stehenden Wahrheitsschatzes beruht. In summa si constat id verius 
quod prius, id prius quod ab initio, ab initio, quod ab apostolis : pariter utique 
constabit, id esse ab apostolis traditum, quod apud ecclesias apostolorum fuerit 
sacrosanctum (Marc. 4, 5; vgl. Praescr. 20. 32). Das ist nicht mehr die cpwvYj 
C<üaa des Papias, des Polykarp, des Hegesipp, ja auch noch des Irenäus und 
Clemens, das ist die Stimme der lehrenden Kirche, das durch alle Zeiten hin- 
durchgehende Erkenntnissprincip des kath. Glaubens, durch welches nicht blos 
künftighin die richtige Auslegung der Schrift, sondern schon jetzt der Umfang 
dessen bestimmt wurde, was als auszulegende Schrift gelten solle. Gerade so 
wie aus einer Menge von bisher nebeneinander herlaufenden Richtungen die 
verträglicheren und zielbewussteren sich zum kath. Kirchenverband zusammen- 
schlössen, 80 wurden aus einer grösseren Anzahl von alterthümlichen Schriften 
die von apostolischen Männern herrührenden zu einem besonderen Grade von 
Ansehen erhoben und damit der tiefen Verehrung, welche man den Personen 
des apostolischen Zeitalters, so wenig Sicheres man auch von ihnen wusste, 
doch aus apriorischen Gründen (S 130) widmete. Genüge geleistet. Bei Serapiou, 
Irenäus und Tertullian werden wir diese Zusammenlegung der Begriffe Apostolisch 
und Kanonisch vollzogen finden, und um dieselbe Zeit betrachtet es ApoUonius 
als ein Privilegium der Apostel, katholische Briefe zu schreiben (Euseb. KG V, 
18, 5). Aber nicht lediglich das urapostolische, sondern das gesammtapostolische 



m. Kap.: Der ältere Kanon. 1. Der Kanon und die kath. Kirche. 143 

Wort ist schliesslich der Gegenstand einer derartigen theologischen Würdigung 
geworden. Während die Schriften des Pls bei Hermas, Papias, Justin, Hegesipp 
und 2 Clem. ad Cor. noch in völliger Verdunkelung verharren und auch da, 
wo man sie innerhalb der grösseren Hälfte des 2. Jahrh. respectirt, nicht so 
förmlich citirt werden wie bereits Stellen aus den Evglien, wird jetzt in dem- 
selben Maasse, als der marcionitische Sturm sich brach, der Name des Pls 
gleichsam wieder frei. Der Presbyter, welchen Irenäus (IV, 27 — 29) ausschreibt, 
und die Ignatianen kennzeichnen diese Wendung. Um dieselbe Zeit wird auch 
die kath. Ueberarbeitung der Testamente der 12 Patriarchen vorgenommen 
worden sein mit ihren Anklängen an paulinische und johanneische Stellen und 
mit ihrer Weissagung auf den Apostel (S 125). In dieser Schrift und im Briefe 
an Diognet überwiegen die paulinischen Reminiscenzen. Irenäus pflegt gelehrte 
i Untersuchungen über Plsbriefe (III, 7, 1. 14, 1. IV, 26, 2), und Theophilus, 
Tertullian, Clemens citiren sie gerade wie auch die Evglien. FreiUch trägt 
solches Wiederaufleben des Paulinismus einen rein theoretischen Charakter, 
d. h. Pls ist als Apostel anerkannt, so gut wie die Zwölfe; seine eigentlichen 
Grundbegriffe aber bleiben begraben*). Für die Polemik gegen eine bereits nur 
in veränderter Gestalt wiedergekehrte Gesetzlichkeit hatte die Kirche kein Ver- 
ständniss ; sie legte sich den Inhalt von Gal, Cor, Rm einfach nach dem Maass- 
stabe von Act zurecht*) und lebte von Haus aus des Glaubens : apostoli non 
diversa inter se docuerunt (Tert. Praescr. 32), fita yj ttccvtcuv ^i^ovs xtüv ^itootoXwv 
oioTcsp S'.SaoxaXia o5x(ü(; Se xal y] TcapdSoot? (Clem. Str. VII, 17, 108). 

Liegt demgemäss die treibende Ursache zur Kanonbildung in 
der Consolidirung der kath. Kirche ^), so wird auch verständhch, 
wesshalb es mit jener so rasch vorging. Der Prozess hätte einen 
viel langsameren Verlauf genommen, wenn eine übereinstimmende 
Stellung der in die kath. Conföderation sich findenden Gremeinden 
(Tert. Marc. 4, 5 ecclesiae quae apostolicis de societate sacramenti 
confoederantur) auf dem "Wege allmäHger Abklärung und Verstän- 
digung abgewartet werden musste ^). Aber statt der Gemeinden 
handeln die Bischöfe; wie die kath. Kirche ohne Episkopat undenk- 
bar wäre, so ist auch der Kanon Werk der Bischöfe. Wie sie ihre 
Einsetzung auf Apostel zurückführen , so werden auch die aposto- 



») A. Harnack ZKG in, 1879, S 376 f, 382 f. S^hmiedel S 326. 

") OvERBECK, lieber die Auffassung des Streits des Paulus und Petrus in 
Antiochien bei den Kirchenvätern 1877, S 8. 

') Treffend Mangold S 833: „Diese weiss sich als göttliche Schöpfung 
Christi, fasst in einem mittleren Durchschnitt der Lehre aller Apostel den 
Inhalt einer neuen, an sie ergangenen Offenbarung zusammen und beginnt dem- 
gemäss mit Ausschluss von Parteischriften, welche die Linie des kath. Glaubens 
nicht einhalten oder sich in Betrefl" ihrer Abkunft nicht hinlänglich legitimiren 
können, die Documente dieser Offenbarung nach dem Kriterium ihres Ursprungs 
von Aposteln und apostolischen Männern zum Kanon zu sammeln." 

*) Gegen Tischkndorp, Hofstede, Thiersch (Versuch S 321), Bleek 
(8 842) und Luthardt (Der johanneische Ursprung S 79), welclie behaupten, es 
sei damals über den Kanon nicht debattirt worden. 



144 Geschichte des Kanons. 

lischen Schriften maassgebend für die Fixirung dessen, was katholisch 
sei. Ein sprechendes Beispiel hefert Serapion, der zweite Nachfolger 
des Theophilus auf dem Bischofstuhle in Antiochia (etwa 190 — 210). 
Einer Partei in Rhossus, die sich auf ein Evglm des Petrus berief, 
gestattete er dasselbe zunächst; sobald ihm aber der häretische 
Charakter des Werkes und seiner Anhänger klar geworden war, 
untersagte er es wieder (Euseb. KG VI, 12, 3 — 6), wobei er als 
leitenden Grundsatz geltend machte, man nehme zwar die Apostel 
auf wie den Herrn selbst, aber keineswegs die Fälschung unter 
ihrem Namen in Umlauf gesetzter Schriften. Hier also fäUt ein 
Streifen historischen Lichtes gerade auf den Punkt, da der (syrische) 
Kanon in's Dasein tritt. 

Aber auch wenn wir ohne bestimmte Nachrichten in dieser 
Beziehung geblieben wären, so verstände sich unter den sonst be- 
kannten Bedingungen, welche bei Ausgestaltung der kath. Kirche 
wirksam waren, eine derartige Thätigkeit der Bischöfe von selbst ^). 
Nur die Träger der Lehrautorität, welche das Erkenntnissprincijj 
der Tradition handhabten, waren befugt, die Bücher zu bestimmen, 
welche als zur Vorlesung im öffentlichen Gemeindegottesdienst zu- 
lässig erschienen. Das Bedürfniss nach einer anerkannten Auswahl 
solcher Schriften musste mit den Ansprüchen des bischöflichen Amtes 
zu einem und demselben Gesammteffect zusammentreffen ^). Als Ur- 
heber oder vielmehr — denn sie glaubten nur zur Anerkennung zu 
bringen, was von jeher existirt hatte (vgl. Euseb. KG VI, 12, 3 
:rap£Xaßo(X£v) — Hüter des Kanons, besorgten sie sowohl das Geschäft 
der Classificirung (so Melito von Sardes für das AT) wie der Aus- 
gleichung. In letzterer Beziehung kommen wohl für das Verhältniss 
von Abendland (Italien) und Morgenland (Kleinasien) vorzugsweise 
Polykarp und Irenäus in Betracht, deren sonstiges Verhalten zum 
römischen Stuhl zugleich auf die steigende Bedeutung der Stellung 
Roms auch in der Kanonfrage schliessen lässt. Die Periode Victor's 
sah die römische Kirche bereits mit erhöhten Ansprüchen auftreten. 
Um dieselbe Zeit stimmen die Autoritäten des Abendlandes (Irenäus 
und TertuUian) mit denen des Morgenlandes (Theophilus und Cle- 
mens), die lateinischen wie die syrischen Uebersetzungen überein ni 
der Anerkennung gewisser Grundbestandtheile des Kanons. Wie 
aber der Verlauf der montanistischen und der paschalen Streitig- 
keiten schon eine gewisse Hegemonie Rom's erkennen lassen, so 

») HiLGKNFELD S 74 f. A. Harnack, Dogmengeschichte I, S 254, 275 f, 278. 
*) LuTHARDT, S 40: „So hängt die Anagnose und also auch die Ueber- 
lieferung mit der Institution des Episkopates zusammen". 



rH. Kap.: Der ältere Kanon. 1. Der Kanon und die kath. Kirche. 145 

weisen der Muratorische Kanon und Irenäus mit seinem abgekürzten 
Beweisverfahren (III, 3, 2 quoniam valde longum est in hoc taU 
volumine omnium ecclesiarum enumerare successiones , maximae et 
antiquissimae et omnibus cognitae, gloriosissimis duobus apostolis 
Petro et Paulo Romae fundatae et constitutae ecclesiae etc.) auf 
einen maassgebenden Einfluss auch in dieser Richtung '). In Dunkel 
gehüllt bleibt dabei freilich der nähere Hergang, wie auch nur Rück- 
schlüsse aus dem widerspruchsvollen Befunde der hterarischen Kritik 
es sind, welche es wahrscheinlich machen, dass die Steine, aus 
welchen die Kanon-Mauer gebildet wurde, zu diesem Behufe erst 
einigermaassen behauen und zugerichtet werden mussten ^). 

Mit Sicherheit kann wenigstens behauptet werden, dass die einzelnen 
Schnften damals mit ihren seither üblichen Titeln versehen wurden. Denn dass 
diese Titel selbst eine Sammlung voraussetzen, erhellt nicht blos aus den Ueber- 
schriften der Briefe (S 25), um deren Beschaffung sich schon Marcion bemüht 
zu haben scheint^), sondern auch die Unterscheidung der Evglien durch das 
•t.aia autoris, überhaupt ihre Zurückfuhrung auf bestimmte Persönlichkeiten des 
apostolischen Zeitalters ist erst seit Irenäus und Clemens Alex, nachweisbar. 
Chrysostomus erklärt ausdrücklich, Matthäus habe sein "Werk blos thrj.-^-^kXio^ 
genannt (Hom. I in Mt), überhaupt kein Evangelist habe sich mit Namen ge- 
nannt (Hom. I in Rm.) Wenn daher Marcion evangelio suo nulluni adscribit 
auctorern (Marc. 4, 2) oder Eph. an die Laodicener adressirt, so beruft sich Ter- 
tullian nicht etwa auf die Texte, sondern nur auf die Tradition und sagt im 
Uebrigen: nihil autem de tituhs interest, cum ad omnes apostolus scripsit dum 
ad quosdam (Marc. 5, 17). Die Wahrheit dieses Ausspruches bestätigen über- 
dies auch die Abschreiber, indem sie die Ueberschriften nach Belieben variiren. 
So heisst Act schon im Muratorischen Fragment unzutreffend Acta omnium 
apostolorum, in B D, bei TertuUian und Clemens AI nur ^tpa^st? aT^oaxoXcuv, in 
K und bei kirchlichen Schriftstellern seit Origenes blos itpd^st?; später -icpa^eK; 
TiLv «Y-ltuv aiioaxoXoDV. Apc trägt wegen 1, 1 schon im Cau. Mur. (vgl. Just. 
Dial. 81) diesen Namen. Der Verfasser aber wird bald einfach Johannes, bald 



') Vgl. Hesse, Das Muratorische Fragment S 304. A. Harnack, Texte 
und Unters. II, 2, S 105; Dogmengeschichte I, S. 363. Speciell nach Volkmar 
(bei Credner S357 f, 399; Mose's Prophetie S4f, 94) wurden um 175 in Rom 
etwa die Bücher, deren kanonische Bedeutung von Irenäus, TertuUian und 
Clemens zugleich vertreten wird, kanonisirt und zur Empfehlung dieser Sammlung 
2 Pe geschrieben, wozu um 190 noch Jud 2 und 3 Joh traten. Dazu stimmt 
die Voranstellung von Rm in der Reihe der Plsbriefe. 

^) Es handelt sich hauptsächlich um den Schluss von Mr, Joh und Rm 
(Volkmar), um Anfang und Schluss von Hbr (0 verbeck), um 2 Cor (Lipsiüs), 
um Anfang von Mr und Eph, Schluss von Lc und 1 Tim, Anfang und Schluss 
von Apc und um die, die angebliche Verfasserschaft angebenden, Tlieile von 
Jac, 1 Pe und Jud (A. Harnack, Texte und Unters. II, 2, S 10«; Dogmen- 
geschichte I, S 279). Aber wie wäre in den meisten dieser Fälle die Möglichkeit 
vorstellig zu machen, alle uugeänderten Handschriften zu unterdrücken? 

*) H. HoLTZMANN, Kritik der Epheser- und Kolosserbriefe S 10. 

Holtzmann, Einleitung. 2. Auflage. 2Q 



146 Q-eschichte des Kanons. 

Apostel, Evangelist, Theolog (= Evangelist wegen Joh 1, 1) genannt, überhaupt 
je länger desto mehr mit Epitheta ornantia versehen. So werden auch die 
Ueberschriften der Evglien immer länger. Zuerst heisst z. B. das erste blos 
xata MaTÖ-aiov , secundum Matthaeum; zuletzt begegnen Titel wie x6 Sy^ov 
^uay^Bkiov TOD xY]püY|Ji.«xoc; toö Max^aioD toö «7:00x6X00 u. s. w. 

2. Das Muratorianum. 
L. A. MuRATORi fand als Bibliothekar des ambrosianischeii 
CoUegiums zu Mailand (1694 — 1700) in einem dem 8. oder 9. Jahrh. 
angehörigen Sammelcodex einen Aufsatz ^), welcher bis auf die 
neueste Zeit ^) Gegenstand der eingehendsten Untersuchungen im 
Interesse der Kanongeschichte geworden ist. Das zu Anfang und 
zu Ende verstümmelte, auch mangelhaft abgeschriebene^), in jeder 
Beziehung anonyme Stück enthält ein Kanonverzeichniss der römi- 
schen Kirche, das älteste, das wir überhaupt kennen, da es mit der 
Notiz nuperrime temporibus nostris sedente cathedra urbis ecclesiae 
Pio das Jahr 140 als Terminus a quo setzt. Da nuper einen 
längeren Zwischenraum anzunehmen erlaubt, dürfte es dem letzten 
Menschenalter des 2. Jahrh. angehören ^). Für speciell römischen 
Ursprung sprechen die Angabe, dass vom Bruder des Bischofs Pius 
der Hirt des Hermas geschrieben worden sein soll, die Notizen über 
passio Petri und profectio Pauh ab urbe ad Spaniam und die Nicht- 
erwähnung von Hbr. Das barbarische Latein (Lingua rustica) wird 



*) VeröflFentlicht in den Antiquitates italicae medii aevi (1738—42) III, 
1740, S 853 f. Ein zuverlässiges Facsimile gibt Tregelles, Canon Muratorius 
the earliest catalogue of the books of the NT 1867. 

2) Aeltere Literatur bei Hesse, Das Muratorische Fragment 1873. Dazu 
kommen, ausser den neueren Bearbeitungen der Geschichte des Kanons und 
den S 147 angeführten Schriften von A. Harnack, A. Hilgenfeld, Overbeck, 
besonders Caspari, Quellen zur Geschichte des Taufsymbols III, 1875, S 151 f, 410. 
Jacobus Schuurmans Stekhoven, Het fragment van Muratori 1877. Joseph Langen. 
Geschichte der römischen Kirche 1881, S 160 f. Mangold bei ßleek S 833 f, 

«) Nach Hesse S 15 f waren bei Anfertigung der Handschrift 2 Schotten- 
mönche im Columban-Kloster zu Bobbio, woher sie stammt, thätig; der Dic- 
tirende habe das Latein in britischer Weise ausgesprochen. Westcott S 521 f. 
beleuchtet den sprachlichen Charakter des Fragments aus dem sich anschliessen- 
den Ambrosiustext. 

^) Um 160—170 Tischendorf S 9, 170. Um 170 Westcott S 212. 
H. Ziegler, Irenäus S 94. Wieseler, Zur Geschichte der neutest. Schrift 
S 139. Um 170—190 Credner, Zur Gesch. des K. S 93 ; Geschichte des K. 
S 167 f. A. Harnack S 402 f. Um 190—200 Volkmar bei Credner S 168. 
Unmittelbar vor dem Zeitalter des Irenäus Hesse S 40 f, 268. Gleichzeitig mit 
Irenäus Hilgenfeld S 89. Gleichzeitig mit Cajus Salmon S 62. Gleichzeitig 
mit Tertullian Keim, Urchristenthum S 116. Später als Tertulhan Overbeck 
S 72, 96 f. Supern. Relig. 6 Afl II, S 246. 



III. Kap. : Der ältere Kanon. 2. Das Muratorianum. 147 

bald als Folge von stümperhafter Uebersetzung aus dem Griechi- 
schen *) , bald als Symptom nordafrikanischen Ursprungs erklärt ^) 
— Letzteres freilich keineswegs von allen, welche die Uebersetzungs- 
hypothese überhaupt verwerfen ^). 

Streitig ist aber vor Allem, ob dieses Schriftstück uns Einblicke in die 
für die Entstehung eines neutest. Kanons maassgebenden Grundsätze und Ten- 
denzen liefert und in welcher Richtung dieselben laufen. Nach Hilgenfeld 
befinden wir uns noch in der Werdezeit des Kanons*); auch nach A. Harnack 
zeigt sich die Kirche als ihrer kanonbildenden Thätigkeit noch bewusst^); nach 
OvERBECK ist die Betrachtung des Kanons bereits die gemeinkatholische; man 
habe einfach die apostolische Literatur sammeln und über alles Spätere erheben 
wollen*). Der Erste findet in der Erweiterung des urapostolischen Kanons zu 
einem gesammt-apostolischen durch Aufiiahme der Plsbriefe einen letzten Act 
der Aussöhnung der Parteien; der Zweite will von Nachwirkung solcher Ten- 
denzen nichts wissen; der Dritte beurtheilt es vielmehr als Folge der gnostisch- 
montanistischen Stürme, wenn aller nichtapostoliche Ballast aus dem Schiff der 
katholischen Kirche herausgeworfen wurde. Nach Harnack las man umgekehrt 
aus den für apostolisch gehaltenen Schriften diejenigen aus, die um ihres kath. 
Inhaltes willen heilig zu sprechen waren. Dass der apostolische Ui"sprung die 
Zugehörigkeit eines Buches zur neutest. Schriftensammlung bestimmte (Overbeck), 
leugnen auch die beiden Anderen nicht. Nur tragen sie dem Umstände, dass 
das vorliegende Kanonverzeichniss eine consequente Durchführung des aposto- 
lischen Princips nicht darbietet, Rechnung ynd rücken als zugleich oder vorher 
noch sich aufdrängenden Gesichtspunkt bald denjenigen der Katholicität (Harnack), 
bald denjenigen der Orthodoxie (Hilgenfeld) in den Vordergrund, wobei der 
Grundsatz der Apostolicität überdies durch die Rücksicht auf das kirchliche 
Herkommen, welches ein Reihe von Schriften als gegeben bot, beschränkt 
und durchbrochen worden sei, so dass aus dem Fragment weniger das Princip, 
als die Principlosigkeit, womit bei der Kanonbildung vorgegangen wurde, er- 
hellen würde'). 

Das ursprünglich wahrscheinhch auch das AT umfassende ^) 
Fragment beginnt mit dem Schlüsse von Mittheilungen über Marcus. 



^) HuG, Bünsen, Guericke, Nolte, P. de Lagarde, Loman, Thiersch, Tre- 
gelles, Westcott, Volkmar, Mangold, besonders Hilgenfeld S 89 f; ZwTh 
1872, S 560 f. 1874, S 251 f. 1881, S 139 f, 163, 157. 

2) Credner ThJ 1857, S 300; Geschichte des Kanons S 142, 167 f. 
Volkmar ebend. S 341 f. Vgl. jedoch Ursprung unserer Evglien S 28. 

') SCHARLING, ReUSS, BlEEK, LAURENT, WiESELER, CrEDNER, A. HaRNAOK, 

Stekhoven, Overbeck, Langen, Conely, W. Schmidt, Hesse S 25 f. 

*) S 88 f. ZwTh 1872, S 560 f. 1874, S 214 f. 1878, S 25 f, 151 f. 1880 
S 114 f. 1881, S 129 f. Aehnlich Schmiedkl S 324 f. Mangold bei BleekS841. 

^) ZKG III. 1879, S 358 f, 595 f. Vgl. jedoch Dogmengeschichte I, 
S 276 f, 283 f. 

•) Zur Geschichte des Kanons 1880, S 71 f, 78 f, 94. 

Schmiedel S 326. Aehnlich B. Weiss ThLZ 1881, S 234. 

*) Van Gilsk, Volkmar, Hilgenfeld, Hesse S 12 f, 57 f. 

10* 



148 Greschichte des Kanons. 

Von Lucas, „jenem Arzt" (Col 4, 14), welchen sich Paulus zum Be- 
gleiter envählt (cum eum Paulus ut juris .studiosum secundum ad- 
sumsisset), wird gesagt, dass er erst nach der Himmelfahrt geschrie- 
ben habe *), und zwar nomine suo ex opinione, aber doch nicht nach 
eigener Anschauung, sondern auf Grund von Studien und Ermitte- 
lungen, die ihn dazu führten, auch schon die Greburt des Täufers 
mit in seine Darstellung aufzunehmen. Vom 4. Evglm wird eine 
ganze Entstehungsgeschichte mitgetheilt, wie um seinen erst neuer- 
dings erfolgten Hinzutritt zum synoptischen Cyclus zu motiviren '^). 
Neben diesen 4 kennt unser Fragment keine weiteren EvgHen mehr, 
wenn auch die Yierzahl noch nicht gerade als an sich nothwendig 
erscheint ^). Trotz der schriftstellerischen Selbstständigkeit ihrer Ver- 
fasser gelten die Evglien übrigens als in Bezug auf den Lehr- 
inhalt (Geburt, Leiden, Auferstehung) uno ac principali spiritu de- 
clarata *). 

Das vom Evglm nicht ausdrückhch unterschiedene ^) Apostoh- 
cum umfasst ausser Act 13 Plsbriefe, doch nicht ohne dass sich ein 
Bedürfniss der Rechtfertigung ihrer Aufnahme verräth. Unterschieden 
werden zunächst die grösseren, prolixius geschriebenen, worunter 
Cor gegen Schismatiker, Gal gegen die Forderung der Beschneidung 
gerichtet sind, Rm die Bedeutung des AT für das Christenthum 
feststellt ^), Dies Alles sei auch noch für die Gegenwart wichtig, 
um irrige Meinungen abzuwehren. Zwar habe Pls nicht an die 
ganze Kirche geschrieben, wohl aber, dem Apc 1, 11 vorhegenden 
Beispiele folgend, an 7 Gemeinden und insofern doch wieder öku- 
menisch ^). Vermöge dieser, auf der Symbolik der Siebenzahl be- 
ruhenden, Hülfsconstruktion wurden also die Plsbriefe gegen den 
Vorwurf, sie seien Privat- oder Gelegenheitshteratur, geschützt und 



^) Nach Hesse S 64 f im Gegensatz zu den beiden ersten Evglisten. Nach 
HiLGENFELD ZwTh 1881 S 139 und Westcott S 534 bezieht sich die Zeitangabe 
auf die Jüngerschaft des Lucas. 

Hesse S 83 f, 97 f. Hilgenfeld S 102; ZwTh 1881, S 142 f. Mangold 
bei Bleek S 836, 840. 

8) Hilgenfeld ZwTh 1872. S 578, 582. 

*) Hesse S 22. 301: Vom Geist durchhaucht. Harnack S 394 f: Vom 
Geist selbst dargelegt. 

^) Hesse S 21, 305. Vgl. jedoch Hilgenfeld S 103. Bleek-Mangold 

S 748. ÜVERBECK S 99 f. 

«) Hesse S 152 f. Harnack S 377 f, 383 f. 

') Harnack S 378 f. Hilgenfeld ZwTh 1881, S 148 f. Dabei findet es 
Letzterer S 151 f, 159 bemerkenswerth, dass für die Rechtfertigung der Plsbriefe 
das Licht von einem Urapostel ausstrahlt. 



m. Kap.: Der ältere Kanon. 2. Das Muratorianum. 149 

zum Range einer für die ganze Kirche bestimmten heiligen Literatur 
erhoben. Und zwar habe Paulus der Reihe nach Cor, Eph, Phl, 
Col, Gal, The, Rm geschrieben, an 2 Gemeinden sogar zweimal um 
der Zurechtweisung willen (pro correptione), während die Briefe an 
seine Freunde liebevoller Hochschätzung entsprungen sind (pro 
affectu et dilectione). So ist der paulinische Kanon geschlossen, 
und speciell im Abendlande erhält sich seither die Eintheilung in 
7 oder 9 Gemeindebriefe und 4 zu der ursprüngHchen Siebenzahl hin- 
zugetretene Privatbriefe ^). Unter den letzteren treten als ein be- 
sonderer Cyclus die Pastoralbriefe auf, welche trotz ihres von Haus 
aus privaten Charakters bei der kathoHschen Kirche (wohl im Gegen- 
satze zum Marcionitismus) in Ehren stehen (in honore ecclesiae ca- 
thohcae) und vermöge ihres Gebrauches bei Feststellung und An- 
ordnung des Kirchenwesens heilige Schriften geworden sind, also 
ähnlich den kirchhchen Verfassungsbestand legitimiren , wie die 
Evghen den Lehrbestand (in ordinatione ecclesiasticae discipHnae 
sanctificatae sunt) ^). Dagegen werden zwei nach Alexandria oder 
Laodicea gerichtete Briefe verworfen. Briefliches von zwei anderen 
Aposteln aber als kirchhch recipirt erwähnt. Freihch erscheint 
hier der Text ganz besonders verderbt : epistola sane Judae et super- 
scriptio Johannis duas in catholica habentur et sapientia ab amicis 
Salamonis in honorem ipsius scripta. Da superscriptio (eigentlich 
superscrictio) keinen Sinn gibt , hat man bald superscripti, bald 
superscriptae, bald superscripta daraus gemacht; duas wurde ge- 
wöhnlich in duae verwandelt; also ein Brief des Judas und zwei 
von Johannes'^). Eine unmittelbare apostoUsche Abfassung dieser 
Briefe erschiene abgelehnt , wenn sie bei der Conjectur ut *) ent- 
weder mit den Sprüchwörtern (Prv 25, 1) ^) oder mit dem alexan- 

») Credner-Volkmar S 398. Hesse S 181 f, 201. Harnack S 386 f. 

OVERBECK S 43. 

2) Hesse S 195 f. Harnack S 398, 405. Mangold bei Bleek S 838. 
Anders Hilgenfeld ZwTh 1881, S 153 f. 

') Entweder 1 u. 2 Joh (W. Schmidt, Haussleiter, Mangold, Wieseler 
S 140) oder, da 1 Joh schon bei Gelegenheit des 4. Evglms Erwähnung ge- 
funden hatte, 2 u. 3 Joh (Credner, Bunsen, Schölten, Zeugnisse S 130 f. Hesse 
S 235 f, 249. Hilgenfeld ZwTh 1881, S 155 f, 160 f. Langen S 161, 165. 
Westcott S 219 0- 

*) Credner, Lücke, Bleek, van Gilse, Hilgenfeld, Langen, AVieseler 
S 140. Verkehrt aber beziehen Letzterer und Braune (Die drei Briefe des 
Johannes 1865, S 134) die Stelle durch Verbindung mit dem Folgenden auf 
Apc. Nach LoMAN (ThT 1868, S 492 f) wäre ut vor et ausgefallen. 

*) Credner, Wieseler, Volkäur, Mangold, Hilgenfeld S 42 ZwTh 1881, 
S 166. 



150 Geschichte des Kanons. 

drinischen Apokryphum verglichen wären, welche von Freunden 
Salomo's zu dessen Ehre geschrieben wurden *). Bei der vom über- 
lieferten Text gebotenen Lesart et^) wäre dagegen die betreffende 
„Weisheit Salomo's" in das NT gerathen (wie bei Epiphanius Haer. 
76, 5; vgl. auch Euseb. KG V, 26. VI, 13, 6). 

Gar nicht erwähnt werden Jac und Pe; Hbr nur, wenn man 
einen der verworfenen Briefe damit identificirt. Den Schluss machen 
3 Apokalypsen von Johannes, Petrus und Hermas. Aber schon bei 
der 2. wird theilweiser, bei der 3. als einem nicht mehr aus apo- 
stolischer Zeit stammenden Werke gänzHcher Ausschluss vom Öffent- 
lichen Kirchengebrauch notirt. Doch bleibt der bisher in Rom hoch 
angesehene Hirte wenigstens der privaten Leetüre empfohlen: ideo 
legi eum quidem oportet, se pubHcare vero in ecclesia populo neque 
inter prophetas, completo numero, neque inter apostolos in finem 
temporum potest. 

Dann reisst das Fragment ab mit schwer entzifferbarer Erwäh- 
nung einiger häretischer Machwerke, die entschieden verworfen wer- 
den: nihil in totum recipimus ^). Aus dieser Schlussbemerkung geht 
jedenfalls hervor, dass das Fragment vor häretischen Beligionsbüchern 
warnen und den Yalentinianern, Marcioniten und Montanisten gegen- 
über die Grundlage der rechten Lehre sicher stellen will. Den 
wahren Glauben bezeugen können aber nur Schriften, die von Apo- 
steln herrühren ; darum werden die Briefe nach Laodicea und Alexan- 
dria als Pauli nomine fictae ausgeschlossen mit dem Bemerken: in 
catholicam ecclesiam recipi non potest', fei enim cum melle misceri 
non congruit — eine Phrase, die nach sonstigen Analogien auf 
Scheidung göttlicher Wahrheit von häretischer Beimischung weist ^). 
Der gleiche Grundsatz soll nun aber bei der Auswahl der Briefe 
und der Apokalypsen maassgebend gewesen sein, und wirklich fällt 
ihm Hermas zum Opfer ^) , während die Bemerkung über die Apo- 
kalypse des Petrus (quam quidam ex nostris legi in ecclesia nolunt) 
zeigt, wie für das Urtheil über die Apostolicität die Anerkennung 
durch die Gemeinde präjudicirlich wird. Alles wirklich für aposto- 



») Hesse S 48 f, 239 f. Äehnlich W. Schmidt S 461. 

') Noch festgehalten von Schölten, A. Harnack, verbeck S 133 f. 

») Darüber A. Harnack ZlTh 1874, S 275 f, 445 f. 1875, S 207 f ; ZwTh 
1876, S 109 f ; Texte und Unters. I, 1 u. 2, S 215 f. Leimbach ZlTh 1875, S 461 f. 
RöNSCH ZKG I, 1877, S 310 f. M. v. Engelhardt, Justin S 346. Vgl. dagegen 
Zahn I, S 9. II, S 299. 

*) Hilgenfeld ZwTh 1872, S 574. Hesse S 226. 

») Hesse S 23, 248, 254 f, 264 f. Hilgenfeld 1881, S 149 f, 166 f. 



III. Kap.: Der ältere Kanon. 3. Der Kanon des Irenäus ii. Tertullian. 151 

Hsch Geltende wird aufgenommen, alles allgemein Aufgenommene 
gilt aber auch für apostolisch ^). 

3. Der Kanon des Irenäus und des Tertullian. 
In Bezug auf Benennung wie auf Umfang der neutest. Samm- 
lung ist für das Abendland die Stellung maassgebend, welche damals 
der zwar von Kleinasien herkommende, aber kraft eigener Er- 
klärung 2) die römische Tradition vertretende Irenäus als Keprä- 
sentant der gallischen Kirche und TertuUian als Repräsentant des 
proconsularischen Afrika einnahmen, wozu in mancher, aber nicht 
in jeder Beziehung der alexandrinische Clemens als Dritter im Bunde 
der Zeitgenossen tritt ^). Der Terminus Ypa^pyj war bisher, von ein- 
zehien Stellen (1 Tim 5, 18. 2 Pe 3, 16. Polyc. 12, 1. 2 Clem. 2, 4) 
abgesehen, solenne Bezeichnung der alttest. Schriften geblieben. So 
lange man für die geschichthchen Entstehungsverhältnisse der neu- 
test. Schriften noch einiges Verständniss besass, konnten dieselben 
nicht einfach unter den bereits feststehenden Gesichtspunkt einer 
Orakelsammlung gebracht werden *). Jetzt aber umfasst der darauf 
deutende Name Ypa^ai das A und das NT zusammen. Wie Theo- 
philus und der gegen Artemon schreibende Anonymus (Euseb. KG 
V, 28, 13 Yf>a(pai ^siai oder «Yiat), so hebt in seinem gegen 190 ge- 
schriebenen antignostischen Werke auch Irenäus Ausdrücke wie 
^BloLi Ypa^al, XÖYta toö O-eoö (I, 8, 1. II, 27, 1. V, 20, 2)^). Speciell 
bedeutet aber soaYY^^'-ov (III, 11, 8) oder m eaaYYs^txa den 1. Theil 
des NT im Gegensatze zu ra ajroaToXtxd (I, 3, 6) ^) — eine Zwei- 

') SCHMIEDEL S 324 f. 

2) Ziegler, Irenäus, der Bischof von Lyon 1871, S 94 f. Lipsrcs, Histo- 
rische Zeitschrift, 1872, Bd 28, S 263 f. 

') Für alle 3 Schriftsteller umfasst das „Evglm" unsere 4 kanonischen 
Werke, während der Umfang des apostolischen Theils nicht durchaus identisch 
ist. Uebereinstimmend werden aufgenommen : Act, 13 Plsbriefc, 1 Pc, 1 Joh, 
Apc, schwankend bleiben die übrigen kath. Briefe und Hbr. 

*) A. Harnack ZKG III, S 364 f. Daher die paradoxe Erscheinung, 
dass in der alten Kirche das NT allmählig auf das Niveau des AT. erhoben 
wird, während die neuere Theologie umgekehrt von der absoluten Autorität des NT 
aus eine relative Autorität des AT zu begründen unternimmt; vgl. Schmiedel S 322. 

^) Es begründet keinen principiellen Unterschied, wenn III, 3, 3 Clem. Rom. 
nur Yf^'f'l <5der IV, 20, 2 (Euseb. KG V, 8, 7) Hermas blos 4j YP'^^'h heisst; 
vgl. die Bezeichnung al '(poL'frxi I, 6, 3 von Gal 5, 21, bei Eusob. KCl V, 20, 6 
(S 139) von den Evglien. 

") Nur der Pluralausdruck ist als Bezeichnung für den 2. Theil sicher, da 
als 6 arcoatoXo.; wie bei Marcion so auch in den betreffenden Stellen des Clemens, 
Tertullian und der Philosophumena der Eine Pls erscheint; vgl. Bleek-IManoold 
S 842 f, 850. 



■[52 Geschichte des Kanons. 

theilung; welche, bei Marcion und Ignatius präformirt, auch von 
Clemens (Str. Y, 5, 31. VI, 11, 88. VH, 3, 14) und TertuUian 
(Prax. 15) vertreten ist. 

An ältere Zeiten erinnert in dem Werke des Irenäus ausser 
der oben (S 141 f.) dargelegten Werthschätzung mündhcher Ueber- 
lieferung die Behauptung einer Fortdauer der Geistesgaben, insonder- 
heit der Prophetie in der Kirche (II, 32, 4. Y, 6, 1, zusammen- 
gestellt schon von Euseb. KG Y, 7, 4 — 6). Im üebrigen gründet 
er die Glaubwürdigkeit der Evglien nicht mehr wie Justinus und 
Papias auf das Augen- und Ohrenzeugniss der Apostel, auf Erzäh- 
lungen des Petrus, Aufzeichnungen des Matthäus, sondern er citii't 
sie mit denselben Formeln wie alttest. Schriften, und so gut wie 
diese ist z. B. auch Mt inspirirt (m, 16, 2). Eben desshalb gelten 
die neutest. Schriften, im Gegensatz zu den älteren Apologeten, 
auch ohne alttest. Unterstützung als selbstständige Beweisquellen 
der Kirchenlehre und maassgebende Urkunden des Christenthums, 
welchen für das neue Bundesvolk genau dieselbe gesetzliche Auto- 
rität zukommt , wie für das alte dem AT. Wie dieses von Pro- 
pheten, so rührt das NT her von Aposteln (11, 27, 2 universae 
scripturae et prophetiae et evangelia; eine bestimmte Bezeichnung 
des NT im Gegensatze zum AT kennt er noch nicht). Wie münd- 
lich, so haben die Apostel, und sie allein, das wahre Christenthum 
auch schriftlich überliefert (III, 1, 1 evangelium, quod quidem tunc 
praeconaverunt, postea vero per Dei voluntatem in scripturis nobis 
tradiderunt fundamentum et columnam fidei nostrae futurum). Daher 
kommen Mr und Lc nur in Betracht als die Autorität des Petrus 
und des Pls vertretende Werke. Auch die Häretiker können sich 
solcher Autorität nicht entziehen (HI, 11, 7 tanta est autem circa 
evangeha haec firmitas, ut et ipsi haeretici testimonium reddant eis), 
wiewohl es schweren Tadel verdient, wenn die Ebjoniten nur Mt 
die Doketen nur Mr, die Marcioniten nur Lc gelten lassen, noch 
Andere den Job verwerfen (III, 11, 9). Denn im Gegensatze nicht 
blos zu Aelteren, wie Justin und Tatian, sondern auch zu Clemens 
und Origenes, sofern diese gelegentlich auch ausserkanonische Evghen 
benutzen, steht die Yierzahl der kanonischen Evghen vollkommen 
fest und wird als nothwendig aus der Yierzahl der Weltgegenden, 
Winde, Cherubsgestalten ^) und Bündnisse erwiesen (III, 11, 8 
6 XÖYog eScDXsv i^jxfv T£Tpa(iop^ov lö soaYYsXtov, ivl §s 7rv£6(iaTi aovs'/o- 
(levov). Ausserdem gebraucht Irenäus als gleichwerthig die Plsbriefe 

•) Ueber die daher stammenden Thiersynihole der Evangelisten vgl Zahn 
II, S 267 f. 



m. Kap.: Der ältere Kanon. 3. Der Kanon des Irenäus u. TertuUian. 153 

[das Fehlen von Phm ist zufällig), 1 Pe (von 2 Pe weiss er nichts), 

und 2 Joh (das Fehlen von 3 Joh und Jud kann zufällig sein) 

^und Apc. Hbr ist unpauhnisch und Jac khngt nur ein- oder zwei- 

lal an. 

TertuUian, bei welchem scriptura und scripturae genau dem 

Gebrauche von vpa^pTJ und Ypa'f ai bei Irenäus entsprechen, kennt ein 

in allen seinen Theilen gleichmässig inspirirtes NT nicht blos in der 

jetheilten Form von Evangehum und Apostolus (De pudic. 11. 12. 

[arc. 4, 12. De bapt. 15) oder evangelicae et apostohcae Hterae 
|(Praescr. 36), sondern als seine persönliche Liebhaberei tritt der 
juristische, eine rechtskräftige Urkunde bezeichnende Ausdruck In- 
strumentum (De pudic. 10) auf. In diesem Sinne stehen dem evan- 
gelicum instrumentum (Marc. 4, 2), obwohl auch dessen kanonischer 
Werth nur auf der Abfassung durch Apostel beruht (Mr gilt als 
das Evghn des Petrus, Lc als das des Pls), als apostolica instru- 
menta (De resurrect. 39) gegenüber das instrumentum actorum 
(Marc. 5, 2), das aus 13 Briefen (seit Can. Mur. erstmahg Marc. 
5, 21 auch Phm) bestehende instrumentum Pauli (De resurr. 40) 
und das des Johannes (ebend. 38. De pudic. 19), zu welchem, da 
Joh schon im ersten Haupttheil steht, nur 1 Joh und Apc gehören ^). 
Dazu treten gelegenthch als apostoKsche Schriften auch 1 Pe und 
Jud ; unapostohsch ist und wird in Folge dessen blos ex redundantia 
citirt Hbr ; zweifelhaft bleibt Jac ^). Barn, gilt ihm als theilweise 
anerkannt, und von Herm. macht er in seiner vormontanistischen 
Teriode Gebrauch (De orat. 16), um ihn nachher um so härter zu 
Ibeschimpfen (De pudic. 10). Derselbe Schriftsteller setzt dem Aus- 
druck Instrumentum als gebräuchhcher den Ausdruck Testamentum 
gleich (Marc. 4, 1), spricht also von totum instrumentum utriusque 
testamenti (Prax. 20; vgl. 15) und nennt beide Testamente (De 
pudic. 1 utrumque testamentum) als Zusammenfassung aller Ord- 
nungen und Befehle Gottes sacramenta (Apol. 47) ^). Erhalten hat 
sich für die Sammlung blos der Ausdruck novum testamentum, 
Tj xaiv7j Sia^XY], welcher schon bei dem 190 schreibenden Anti- 
montanistcn (Euseb. KG V, 16, 3 [jltj Tifj Sö^w naiv e::iai)YYpa^£tv t] bki- 
^lotTdaosaO-at T(j) t^<; toü eoavYsXioo xaivf^<; SiaO'YJXTrj(; Xöyip), dann wieder 
bei Origcnes (De princ. 4, 1 ; vgl. auch in Joh T. I, 5. V, 3), Lac- 
tanz (Inst. 4, 20), Eusebius (KG in, 25, 1 xfi<; xaiv'^(; SiaOifixirjc 

») RÖNSCH, Das NT Tcrtullian's S 47 f, 50, 291. 

') Dafür HiLGENFELD S 87. Dagegen Credner-Volkmar S 373 f. Rönsch 
S 572 f und Davidson S 324 f. 

•'») Leimbach StKr 1871, S 488. 



154 Geschichte des Kanons. 

Ypa^ai), Epiphanius (Haeres. 30, 7) u. s. w. vorkommt und biblisch 
ist, sofern Mt 26, 28. Hbr 8, 8. 9, 16 das Christenthum als xatvY] 
oder SsoTSpa Sta^YJZY] eingeführt wird und bereits 2 Cor 3, 14 die 
jüdischen K-eligionsschriften metonymisch ri izakaw. Sta^TJZT] heissen. 
Dies trug man, die schon bei Origenes verschwundene ^) Duplicität 
von EvgUen und Apostel aufgebend, auf die christlichen ßeligions- 
schriften über, und durch Vulg. ist für diese die Bezeichnung Novum 
Testamentum gebräuchlich geworden (Novum Foedus ist nicht alter- 
thümlich). 

Der Kanon Tertullian's darf zugleich, ohne darum flügs in das Jahr 150 
hinaufzurücken ^), im Wesentlichen als derjenige der sog. Itala (S 49 f, 60 f) 
gelten, wozu ja auch der Befund im Can. Mur. stimmt. In der Stichometrie des 
Cod. Claromontanus (Versus scripturarum sanctarum) hat man den Kanon der 
afrikanischen Kirche im 3. Jahrh. erkennen wollen'}; nur aus Versehen fehlen 
hier unter den 13 Plsbriefen Phl und The, dafür erscheinen nach den kath. 
Briefen und ohne jede Abscheidung von ihnen Barnabae epistula, Johannis reve- 
latio , actus apostolorum, pastor, actus Pauli, revelatio Petri, so dass hier die 
apokalyptische Trias des Can. Mur. noch einmal zum Vorschein kommt. Auch 
Cyprian steht ähnlich zum Kanon wie sein „magister" ; sowohl von Petrus wie von 
Joh kennt er nur je eine epistola (Exhort. martyr. 9 und 10) und macht auch 
von Phm, Jac, Jud und Hbr keinen Gebrauch. Noch chaotische Zustände lässt 
dagegen die unter Cyprian's Namen erhaltene Schrift De aleatoribus erkennen, 
welche neben Plsbriefen auch Doctrinae apostolorum, Hermas und mancherlei 
ganz unbekannte apokryphische Stellen citirt^). 

4. Der alexandrinische Kanon. 

Während wir bei der römischen Kirche auf Combinationen ver- 
wiesen sind, können wir die Grenesis des alexandrinischen Kanons 
genauer verfolgen. Derselbe Clemens, welcher sich noch einbildet, in 
einem durch Tradition vermittelten Zusammenhang mit der aposto- 
hschen Zeit zu stehen, kennt zwar neben dem AT eine Masse 
apostolischer oder inspirirter Schriften, die er als Orakelsammlungen 
verehrt und in ihrer Gesammtheit ^i[i(i^ii nennt (Str. VII, 14, 84), 
aber eben desshalb noch keinen fest geschlossenen, gegen Apo- 
kryphisches abgegrenzten Kanon ^). In seinen um 200 geschriebenen. 



») W. Schmidt S 462. 

*) Gegen Tischendorf, Wann wurden unsere Evglien verfasst? 4. Afl 

S 10, 123. LUTHARDT S 44 f. 

") Vgl Tischendorf's Asg des Codex S XVIII, 468 f. Credner, Geschichte 
des K. S 175 f. Westcott S 563. 

♦) Zahn III, S 284. 

*) Vgl. A. Harnack, Dogmengeschichte I, S 286 f. Es steht dahin, ob 
Maximus Confessor (Schol. ad Dionys. theol. myst. I) ihn wirklich den Dialog 
des lason mit Papiscus aul" den Verfasser von Lc und Act zurückführen lässt 



m. Kap.: Der ältere Kanon. 4. Der alexandrinische Kanon. 



155 



Ibrigens nur in spärlichen Resten auf uns gekommenen Hypotyposen 

it er nach Eusebius (KG VI, 14, 1 ; vgl. auch Photius, Bibl. 109) 

lie gesammte hdidd-rpioq vpa'fTJ einschliessHch der kath. Briefe und 

ler Apokalypse des Petrus behandelt {nsTzoirizai xolq SnfjYijastc) *). In 

len noch zugänglichen Schriften dagegen sind 3 Job, 2 Pe und Jac 

fgnorirt, wozu die Thatsache stimmt, dass die lateinischen Adum- 

»rationes in epistolas cathohcas, welche eine lückenhafte Uebersetzung 

ler Hypotyposen darstellen 2), gerade nur 1 Pe, Jud, 1 und 2 Joh 

ifassen. Uebrigens citirt er Barn. (Str. II, 6, 31. 7, 35) und 

lern. Rom. (Str. IV, 17, 107) als Schriften von Aposteln, Herm. als 

jötthche Offenbarung (Str. 1, 29, 181. II, 1, 3. VI, 15, 131). Letzteres 

Zusammenliang damit, dass ihm prophetische Schriften überhaupt 

loch als Offenbarungsbücher im eminenten Sinne gelten ; daher nicht 

rtos die Petrus-Apokalypse (Ecl. proph. 41. 48. 49) wie eine yP^^iQ 

gebraucht, sondern auch Sibylle und Hystaspes mit Achtung ange- 

fen werden (Str. VI, 5, 43). Häufig führt er auch das XTJpoYjia 

n^Tpoo ^), dazu die TuapaSöasK; Mat^ioo an ^), citirt die Ai§a^7j als 

fpa'fTJ (Str. I, 20, 100) und macht keinen deutlichen Unterschied 

Aschen roic TrapaSsSofisvot? 7j{xtv Tdirapaty soaYveXiOK; (Str. HI, 13, 93), 

lie er übrigens auf jeden Fall als dem AT gleichwerthig betrachtet 

(daher die häufige Formel 6 vö{io? Y.cd ol Jupo'fr^Tat xal tö euaY^eXiov), 

und den xat' AIyotctioo? und xat)-' 'Eßpatoog betitelten, so dass auch 

ein ausserkanonisches Schriftwort (yivso^s Söxt{JLOi Tpa;csCttai) als '(pcurpri 

citirt werden kann (Str. I, 28, 177). 

Wofern eine Unterscheidung von neutest. Schriften ersten und 

reiten Ranges bei Irenäus ^) und Tertulhan ^) mit Unrecht gesucht 

rd, so ist dieselbe dafür um so gewisser alexandrinischenUrsprungs. 

•igenes machte zuerst die Differenzen verschiedener Landeskirchen 

im Gegenstand der Reflexion und versuchte , sofern die Tradition 



L. Harnack, Texte und Unters. I, 1 und 2, S 123) oder ob ein Schreibfehler 
Spiel und von Clemens der Act 17, 7 — 9 genannte lason gemeint ist (Zahn 
[, S 74). 

') Dafiir, dass der wirkliche Thatbestand dieser Angabe entsprach, vgl. 
UI, S 147 f, 151 f. 

^) So nach Fell, Ittig, Bunsen, AVestcott, Hilgenfeld besonders Zahn 
[, S 79 f, 133 f. Vgl. auch C. I. Neumann ThLz 1885, S 534. 

«) Zahn S 155. 

*) Vgl. Hilgenfeld, Einl. S 80 f; Nov. Test, extra can. rec. IV, 2. Afl 
49 f, 60 f, 64 f, 71 f. 

*) Overbeck S 33 f. 

«) A. Harnack ZKö IU, S 399. 



156 Geschichte des Kanons. 

über einzelne Bücher keineswegs eine durchaus einheitliche, die 
Verbreitung der Schriften keine gleichmässige war, eine Abgrenzung 
und Abstufung dessen, was kanonisch sein sollte, welche nur zeigt, 
dass wir auch hier der Strenge des dogmatischen Begriffs noch 
ferner stehen. So weiss er vom xyjpoYjjLa ITsTpoo (De princ. praef. 8 
ille liber inter ecclesiasticos non habetur) nicht, TuÖTspöv tcots Yvifjatöv 
ioTtv Tj vö^ov Tj iiiZTÖv (iu Joli T. XIII, 17). Wie sich die einzelnen 
Bücher zu dieser gelegentlich versuchten Classification verhalten, er- 
hellt theils aus Eusebius, der den Kanon des Origenes aus dessen 
Commentaren zu Mt T. I und Job T. V und den Homihen zu Hbr 
zusammengestellt hat (KGr VI, 25, 3 — 14), theils aus zerstreuten 
Notizen der übrigen Schriften. In die 1. Blasse gehören die Evglien, 
deren Vierzahl auf der Tradition beruht und die Kirche Gottes von 
den Häretikern unterscheidet (Hom. I in Lc, vgl. in Job T. I, 6), 
ferner vom Verfasser des 3. herrührend Act (in Job T. I, 5. Hom. 
7 in Jos), 13 Plsbriefe (auch Phm nach Hom. 19, 2 in Jer.), 1 Pe, 
1 Job, Apc. Aber auch Hbr enthält pauhnische Gedanken (voTJjiaia) 
und soll darum, wo in Geltung stehend, beibehalten werden; den 
Schreiber des Briefes kennt nur Gott. Origenes seinerseits citirt 
Hbr gerade wie alle anderen Plsbriefe. 

Den reinen Gegensatz zu den YVYJaia bilden als vöO-a verwerfliche 
Apokryphen. In der Mitte bewegen sich als a(i(ptßaXX6[i£va oder 
\LiY.zd Schriften, über welche Origenes zu keinem Endresultat zu ge- 
deihen vermochte. Er verhält sich mehr oder weniger kritisch 
gegen Jac, Jud, 2 und 3 Job und 2 Pe (erstmalig erwähnt). In 
den von Rufin in das lateinische und zugleich in das Orthodoxe 
übersetzten Stücken treten diese Zweifel an der Authentie der kath. 
Briefe allerdings zurück , wie dort auch 14 Plsbriefe erscheinen 
(Hom. 7 in Jos.) und divina apostoH Jacobi epistola (Hom. 13 in 
Gen. 3 in Ex.); ebenso ist Jud, dessen Echtheit dem griecliischen 
Origenes nicht unbedingt feststeht (in Mt T. XVII, 30), im latei- 
nischen Origenes Werk eines Apostels (De princ. HI, 2, 1 und zu 
Rm 1, 1). Aber auch bezüghch der apostolischen Väter besteht 
keine scharfe Abgrenzung des Kanonischen. Hermaß, den er oft 
citirt, gilt ihm als inspirirt (zu Rm 16, 14), als YP^'f^'l (Philoc. 8); 
er kennt aber auch Christen, die ihm solche Eigenschaft absprechen. 
Ausserdem weiss er von dem „katholischen Brief" des Barnabas 
und führt auf ehrenvolle Weise Clem. Rom. und Ignatius an. Nur 
nebensächliche Bedeutung haben für ilm die einigemal benützten 
Evglien der Hebräer und des Petrus, ebenso auch :rpa^£tc IlaoXou 
und ßißXoc laxcbßoo, daraus er Nachrichten gibt. 



IV. Kap.: Der spätere Kanon. 1. Von Eusebius zu Athanasius. 157 

Von Alexandria aus ging der Versuch, mit dem Corpus apocalj^^ticum 
aufzuräumen, nachdem der römische Presbyter Cajus dazu erstmalige Anleitung 
gegeben. Von der Apokalypse des Petrus schweigt bereits Origenes und sein 
Schüler Dionysius greift auch die Authentie der johanneischen an. Dafür gilt 
die Apokal)T)se des Petrus dem Methodius noch als kanonisch. Im Allgemeinen 
überwiegt im Morgenlande die in Folge der montanistischen Händel eingetretene 
Abneigung gegen Apc, während im Abendland der in Alexandria seit Clemens 
feststehende paulinische Ursprung von Hbr consequent abgelehnt wird. Bis in 
die Mitte des 4. Jahrh. erscheinen die beiden Hälften der Reichskirche in dieser 
Beziehung getrennt, wie in derselben Zeitperiode auch morgenländische und 
abendländische Lesarten in grösserer "Weite des Abstaudes auseinandertreten, 
als dies um 200 der Fall war. Anderntheils erscheinen Morgenland und Abend- 
land in sich gespalten hinsichtlich des Hirten des Hermas , welcher nicht blos 
in Gallien, sondern auch den nordafrikanischen und ägyptischen Kirchen als 
kanonisch galt, entweder schon um seiner prophetischen Form willen, oder weil 
man nach dem Vorgange des Origenes in seinem Verfasser geradezu eiüen apo- 
stolischen Mann (Rm 16, 14) sah. 



Viertes Kapitel: Der spätere Kanon. 

1. Von Eusebius bis zu Athanasius. 

Das Bedürfniss comparativer Kritik der kirchlichen Ueberlieferung 
vererbte sich von Origenes auf den palästinischen Zweig seiner Schule, 
und namentlich benutzte Eusebius von Cäsarea bei Abfassung der 
Kirchengeschichte seine ausgebreitete Belesenheit in der altkirchlichen 
Literatur zu einer umfassenden Sammlung von Zeugnissen für und 
gegen das Ansehen der bestrittenen Kanontheile. AVie Origenes, 
so bestimmte auch er nach dem Gebrauche der Kirche, daneben 
auch nach zerstreuten Aeusserungen älterer Schriftsteller, verschiedene 
Grade apostoHschen Ansehens für die einzelnen Schriften. So lange 
sein Zeugniss den Kern alles dessen ausmachte, was man überhaupt 
von einer Geschichte des Kanons wusste, mochte es überschätzt 
und für abschliessend genommen werden. An sich bezeichnet auch 
es so gut wie dasjenige seiner Vorgänger nur ein vorübergegangenes 
Stadium in der Entwickelungsgeschichte des Kanons. 

Nachdem er gelegentlich schon 4 EvgHen (HI, 24, 1 — 16), Act 
(FI, 22, 1. 6. 7), 14 Plsbriefe (III, 3, 5), 7 kath. Briefe (II, 23, 25) 
und Apc (ITI, 24, 18) erwähnt hat, hält er es für angemessen, eine 
kurze Zusammenstellung der Ergebnisse seiner auf die kanonische 
Literatur gerichteten Forschungen zu geben (III, 25, 1). Die jetzt 
folgende , viel behandelte Hauptstelle '), womit jedoch zu verbinden 

^) Aeltere Verhandlungen vgl. bei P. I. S. Vogel, De cauone Eusebiano 
commentatio, 3 Theile 1809 — 11. Die neuere Literatur beginnt mit F. Lücke, 



258 Geschichte des Kanons. 

n, 23, 24. 25. m, 3. 16. 24. 31, 6. 38. 39. VI, 13, 6. 14, 1—7. 

20, 3. 25, zeigt, dass die ^wrpid des Origeues hier als „allgemein 
anerkamite Schriften" (6[ioXoYo6[i.£va, ava[x<pLX£%Ta , avavTLppvjTa , aber 
III, 3, 4 auch YVTJaia) auftreten, nämhch Evglien, Act, Plsbriefe, 
1 Joh und 1 Pe, wozu man, wenn es recht scheint (sIys «paveiT]) Apc 
zählen könne, xai laöia [jlsv Iv 6{xoXoYOO{JL£Vot(: (III, 25, 2). Davon 
werden zunächst unterschieden avTiXs^ö^isva , 7Vü)pt[jLa Ss toic 7roXXor<;, 
d. h. Schriften, von denen Eusebius als Historiker urtheilte, dass 
weder ihre Bezeugung eine genügend alte, noch ihr dermaliger Ge- 
brauch ein ganz durchgängiger war, nämlich i^ Xe^opisvir] 'lazwßou 
y.ax ri 'looSa ^te EsTpoo Ssorspa STüiaToXY] xal i^ 6vo[iaCo[X£VY3 Ssotspa 
xat TpiTY] 'IwavvoD, siTs Toö soaYYsXtaTOö TOY/dvooaai sirs xat erspoo 
6|i.a)v{)[u>o £X£iv(j) , also richtig die {jLixia des Origenes (25, 3). Von 
hier beginnt die Unklarheit der Classification, da die zu erwartenden 
vö^a zwar auftreten, aber nicht in hinlänglich deuthcher Abgrenzung 
gegenüber den avitXsYÖfjLsva. Denn zu jenen „muss man auch rechnen" 
(25, 4 SV Tolc vö^otg xaTaTSTd/O-w zal) Acta Pauli, den sog. Hirten 
die Apokalypse des Petrus, Barnabas und At^a^ai dTroaröXcav, also 
lauter Schriften, die bei früheren, namentlich alexandrinischen Vätern 
noch als Autoritäten gegolten hatten, seither aber immer allgemeiner 
als überhaupt unapostolisch oder den Aposteln untergeschoben er- 
kannt worden waren. „Ferner, wie schon bemerkt , wenn es recht 
scheint (st (pavsiYj), die Apokalypse des Johannes, welche von Einigen 
verworfen, von Anderen zu den Homologumenen gezählt wird. Hier- 
her rechnen Einige auch das Hebräer-Evglm, dessen sich besonders 
die Judenchristen bedienen. Alle diese Bücher gehören zu den Antile- 
gomenen (25, 5 zc/xncn [isv Tüdvta twv dvTtXsYO{X£V(ov av sIt]). Sie waren 
gleichwohl aufzuzählen, wobei ein Strich gemacht wurde zwischen den 
durch die kirchliche Tradition allgemein anerkannten Schriften und 
denen, die zwar nicht lv§id^Y]xa, sondern dvrtXsYÖfxsva, dennoch aber 
bei den meisten Gremeinden bekannt sind (o|xa)c Ss ;:apd TiXsiaiot^ 
Tcbv sxxXYjataartxwv Ytv(oaxo{xsva(;)". Das lautet allerdings so, als ob 
avTtXsYÖ[i.sva gleich vö^a seien und unter dem gemeinsamen Namen 
ivStdD-Tjxa der ersten Classe gegenüber gestellt würden, so dass man 
es schon bei Unterscheidung von 2 Hauptclassen , deren zweite 
freilich verschiedenerlei Gruppen umfassen mochte, bewendet sein 
Hess '). Eine 3. findet man dagegen herkömmlicher Weise ün Fort- 
gange angedeutet, wo von den eben erwähnten unterschieden werden 

Ueber den neutest. Kanon des Eusebius 1816. Vgl. im Uebrigeu Eusebii Pani- 
phili scripta historica ed. Heinichen III, 1870, S 87 f, 662 f. 

*) So Ch. f. Schmidt, Berthold, Credner-Volkmar S 202, 204. 



IV. Kap.: Der spätere Kanon. 1. Von Eusebius zu Athanasius. 159 

„die von Häretikern unter apostolischen Namen an's Licht gebrachten 
Werke, die Evglien des Petrus, Thomas, Matthias und einiger An- 
derer ; die Thaten des Andreas, Johannes und der anderen Apostel, 
welche kein rechtgläubiger Kirchenlehrer irgendwie angeführt hat 
(25, 6). Auch nach Inhalt, Schreibart und Geist weichen sie von 
den apostolischen Werken weit ab. Man muss sie auch nicht zu 
den vö^a zählen, sondern verwerfen als ganz unzulässige und gott- 
lose Werke (25, 7 aioTua TrdvTT] xat Su^asß*^)." 

Dass Eusebius mindestens Gleichmässigkeit des Ausdrucks vermissen lässt, 
^eht schon daraus hervor, dass dieselben Bücher bald voD-a, bald avxiXsYoptsva 
lieissen. Auch sonst gebraucht er beide Termini promiscue. Jac ist in, 25, 3 
avTtXeYOH-svov, dagegen IT, 23, 25 vo^süstat, was auch von Jud gilt; Hennas ist 
III, 25, 4 vgO-ov, III, 3, 6 aber avt'.X£YO|A£vov. Auch in der principiell für die 
Dreitheilung entscheidenden Stelle III, 31, 6 sind die avxtXeY^[J-£va als ev nXüzxrxiq 
ExxXTjotatc; 5s5*r]jjLOG'.£U[i.3va (vgl. III, 3, 1 ttoXXoT«; ^^pYja'.fAot), d. h. als Schriften 
charakterisirt, in Bezug auf welche kein tiefer gehendes Schwanken im Urtheil 
der Gegenwart mehr Statt hat; gleichwohl, als wären auch sie v68-a, werden von 
ihnen als eine 3. Classe die Krxvxzküic, vo^rx zal vTi^ auociToX'.xYj? opO-ooo^ta«; 
aXXoTpia unterschieden. Während femer 6}jioXoyoujjlevo(; im Locus classicus gleich- 
werthig ist mit evocaiHjxo?, wird III, 16. 38, 1 jenes Prädicat auf den Clemens- 
brief angewandt, wo es nur allgemeine Anerkennung seines clementinischen Ur- 
sprungs, nicht Kanonicität bedeuten kann. Ihn neben Herm. und Barn, unter 
den votJ-a zu nennen, hat Eusebius III, 25, 4 wohl nur vergessen, während er 
ihn VI, 13, 6 mit Hljr, Barn, und Jud als avTiXeYojJ-svov aufführt. Der Clemens- 
brief ist also ^>}xoXoYo6jj.£vov, avxtXsYOfAsvov und voO-ov zugleich. 

Die bei der Classification zu Tage tretenden Unklarheiten und Wider- 
sprüche suchen ihre Ursache in dem Anschlüsse des Eusebius an die Dreitheilung 
des Origenes einerseits, in seiner Accomodation an mittlerweile vollzogene Ver- 
chiebungen im kirchlichen Gesammtbewusstsein andererseits. Unter jenem Ge- 
ichtspunkt erschienen die Bestandtheile des Urkanons als 1., die 5 beanstandeten 
kath. Briefe als 2., die allmälig aus dem Kanon als v6t)-a ausgeschiedenen Werke 
als 3. Classe, denen sich die navxeXü)«; v69a, d. h. häretische Fälschungen zwar 
nicht gerade wie eine 4. Classe ') — denn sie wurden nirgends zum NT gerechnet 
— al)er als eine Art Anhang, der den Gegensatz zur Lehre und Gottesdienstsitte 
<l«'r kath. Kirche illustrirt, anschliessend). Nun fiel aber die Schranke zwischen 
(U'.r 1. und 2. Classe gerade zur Zeit des Eusebius, ja durch ihn selbst, sofern er 
lür Konstantinopel (S 48) wahrscheinlich bereits 7 kath. Briefe a])schreibeu 
Hess"). Unter dieser Voraussetzung ergaben sich die Classenunterschiede der 
Stelle in, 31, 6: 1) upa Yp'^^J-'^xa, 2) avxtXsYofxsva (= voO-a), 3) ttavxeXdit; vo^ol. 
Das Schwanken der Hauptstelle zwischen beiden Eintheilungsprincii)ien erklärt 
man jetzt gewöhnlich durch die Annahme einer von Eusebius stillschweigend 
angebrachten Subdivision der 2. Classe in solche Schriften, welche der 1., und 



*) So Weber, Münscher, .T. E. Ch. Schmidt, Stroth, Eichhorn, Hornk 
1, S 73 f. 

'') So Lipsius, Die apokryphischen Apostelgeschichten I, S 48. 
*) Credner-Volkmar S 210 f. Hiloenfeld S 119. 



160 (xeschichte des Kanons. 

in solche, welche der 3. Classe näher stehen, sofern der Schatten, welchen jede 
in der Bezeugung einer Schrift angetroffene Lücke auf ihren apostolischen Ur- 
sprung fallen Hess, von der Lichtseite überboten werden oder aber der umge- 
kehrte Fall statt haben konnte '). Wenn in der 2. Unterabtheilung zunächst die 
nach Pls, Hermas und Petrus benannten Apokryphen als „auch" hierher gehörig 
auftreten, so könnte hier Rücksicht auf ein Verzeichniss obwalten, darin wie 
z. B. im Can. Claromont. gerade noch sie mit den bisher aufgeführten Schriften 
zusammengereiht waren ^). Die Scheidung, die jetzt zwischen ihnen und den 
5 kath. Briefen vollzogen wurde, hat jedenfalls Bedeutung gehabt, sofern sie 
gerade den späteren Kanon gegen die Apokryphen abgrenzt. Für Eusebius selbst 
war diese Linie eine noch theilweise flüssige, demgemäss auch der Begriff des 
Kanonischen kein ganz fester. In der Theorie deckt er sich niit dem des Aposto- 
lischen, in der Praxis bestimmt die Tradition seinen Umfang. 

Noch im Verlauf des 4. Jahrh. kommt es zum Abschluss des 
Kanons, indem ein längeres Schwanken der durch den Trinitäts- 
streit heftig bewegten Kirche, die eines sicheren Beweisinstrumentes 
bedurfte, unerträglich wurde. Wenn die Origenisten bis auf Euse- 
bius den Umfang des Kanons möglichst auf das unbedingt Sichere 
zu beschränken gedachten, so überwiegt jetzt das praktisch-kirchhche 
Interesse. Dieses war auf möglichste Erweiterung der heihgen 
Sammlung gerichtet. Nichts ApostoKsches sollte verloren gehen. 
Sah man in Jakobus und Judas nicht mehr leibliche Brüder Jesu 
— solches verbot das Dogma — sondern mit ihm verwandte Apostel, 
so fiel es um so leichter, ihre Briefe zu kanonisiren. War aber ein- 
mal die 1. Unterclasse der eusebianischen Antilegomenen kanonisirt, 
die 2. definitiv fallen gelassen, so brauchte nur noch das Morgen- 
land vom Abendland Apc, das Abendland vom Morgenland Hbr 
anzunehmen und der Kanon war fertig, d. h. der Thatbestand ent- 
sprach endlich dem Begriffe, welcher nur so lange geßlhrdet erschien, 
als noch eine zweifelhafte Mittelclasse existirte. Diese musste ver- 
schwinden, wenn das Ideal einer heihgen Literatur gleichmässig ab- 
gerundet und alle Uebergänge zwischen ihr und der profanen Lite- 
ratur abgeschnitten werden sollten. Der Situation entsprechend 
traten jetzt zumeist Kirchenmänner und Väter der Orthodoxie, wie 
Athanasius hier, Augustinus dort, in Action; Päpste und Kirchen- 
versammlungen vollendeten das Werk. 

Schon zur Zeit Tertullian's (De pudic. 10) haben sich Synoden 
mit der Frage nach dem kanonischen Charakter einzelner Bücher 
befasst. Eine um 363 im phrygischen Laodicea abgehaltene Pro- 



*) So Hänlein, Rössler, Rkuss, Bleek-Mangold, A. Harnack , Westcott 
8 421 f. W. Schmidt S 464 f. Schmiedel S 328. Zahn III, S 278 f. 
*) Credner-Volkmar S 204. 



IV. Kap.: Der spätere Kanon. 2. Name und Begriff des Kanons. \ß\ 

vincialsynode will Can. 59 keine axavövtata ßtßXta, aXXa [löva xa xavo- 
vtxa rf^<; ^nxrlf xat TiaXaia? Sta^TJZTjc zur Verlesung im Gottesdienst 
gelangen lassen; hierauf bringt Can. 60 ein Yerzeichniss, darin nur 
Apc fehlt; die 7 kath. Briefe stehen vor denen des Pls und unter 
diesen Hbr vor Pastoralbriefen; beides vorbildlich für die von jetzt 
an immer bemerklicher werdende Praxis des Morgenlandes im Gegen- 
satze zum Abendland. Ist dieses Verzeichniss auch unecht ^), so 
trifft es doch auf jene Zeit zu und könnte möglicherweise den 
Index zu einer eusebianischen Bibel (S. 48) darstellen -). 

Mit dei^elben Ausnahme (Apc, vgl. Catech. 16) vertritt unsern 
jetzigen Kanon auch Cyrill von Jerusalem, welcher 348 diejenigen 
Schriften, darauf der rechte Glaube ruht, aufzählt und vor Apo- 
kryphen wie Evglm Thomae warnt (Cat. 4, 33 — 36). In das Jahr 367 
fällt das Unternehmen (r6X|xa) des Athanasius in seiner 39. Epistola 
festahs ^^'^c sx-O-^^dat la zavovtCo[iL£va xal Tuapaoo^evta TctaTsoO-svia ts 
O-tia slva'. ßißXia. In dieser Absicht nimmt er die origenistisch- 
eusebianische Dreitheilung noch einmal auf, aber so , dass zur 
1. Classe alle kath. Briefe und Apc (erstmalig in der griechischen 
Kjrche) gehören. Von ihr sowohl wie von der 3. Classe (a:rözpo^a) 
unterschieden sind die in einer 2. vereinigten Lesebücher (avaYtvwa- 
7.d{JL£va), d. h. ausser den alttest. Apokryphen Ai^ayri twv aTroaiöXcov 
und Hermas, den Athanasius selbst erst allmähg von kanonischen 
Schriften unterscheiden lernte ^). 

2. Name und Begriff des Kanons. 

Aus der bisherigen Bildungsgeschichte des Kanons ergibt sich 
der Begriff, welchen man mit dem Namen verband. Zwei Ansichten 
stehen sich in dieser Beziehung gegenüber. Die ältere und her- 
kömmhche geht zurück auf die ursprünglichste Bedeutung des Wortes: 
gerader Stab (xavva, xdvvYj, hebr. kaneh), womit man messen kann, 
daher übertragen auf Alles, was dazu dient. Anderes zu bestimmen 
und zu beurtheilen ; also das Maassgebende, Maassstab, Richtschnur, 
Grundsatz , Regel , Norm. So Gal 6, 16. 2 Cor 10, 13—16, wo 
Vulg. übersetzt regula. So auch der kirchHche Sprachgebrauch seit 
Clem. Rom. 1, 3. 7, 2. 41, 1. In diesem Sinn hat Alles nach des 



^) So seit Spittler (Kritische Untersuchung des 60. Laod. Kanons 1777) 
und wieder seit Crkdner (Geschichte 8219) die Meisten, auch Diestel (Geschichte 
des AT S 72) und Schradkr (de Wette's Einleitung zum AT 8. Afl S 55); vgl 
Westcott S 433 f. 

") Credner-Volkmar S 217 f, 220. 

») Zahn, Hermas S 37 f. 

Holtzmann, Einlei tang. 2. Aaäage. H 



\ß2 Geschichte des Kanone. 

Valentinianers Ptolemäus Brief an Flora seinen Kanon an der Lehre 
des Herrn (Epiph. Haer. 33, 7 Tcavoviaai mymQ zobQ Xöyooc t-g toö 
aa)r^po<; tjjiwv SiSaaTtaXio^) und überschickt in der 1. Einleitung zu 
den Clementinen Petrus seine Reden an Jakobus als xavwv, damit 
dieser sie den 70 Brüdern übergebe und auf diesem Wege der Auf- 
lösung der Wahrheit gesteuert werde. Aber auch die orthodoxen 
Väter appelliren seit Polykrates, Irenäus, Clemens AI. an den Ttavcbv 
zriQ sxTtXTjaiac oder r^g aX-qd-eloLQ oder it^g tcigtsox; im Kampfe gegen 
diejenigen, welche nach dem Ausdrucke sei es des Hegesipp, sei es 
des ihn excerpirenden Eusebius (KG III, 32, 7) tov oy^^ xavöva xoö 
awTYjpioo ZYjpoYjxaTOc verderben. Wie er ihn von Polykarp empfangen, 
so hat Irenäus nach der Moskauer Recension des Martyriums Poly- 
karps den B%zXY]ataaTtxö(; xavwv xal %>x^oki%6<; weiter überliefert ^). 
Gemeint ist damit nichts Anderes , als das Gemeinbewusstsein der 
Kirche in seiner Allgemeinheit und Totalität, nach welchem alles 
Einzelne gemessen werden soll, speciell die „eine und unveränder- 
liche regula fidei" (Tertull. De virg. vel. 1), in welcher der normative 
Inhalt jenes Bewusstseins seinen überlieferbaren Ausdruck gefunden 
hatte, das bestimmt interpretirte Taufsymbol (vgl. Iren. I, 9, 4 outw (js 
y.cd 6 TÖv zavöva t"^? aXyj^ciac axXtv^ sv iaoTc]) xais^^wv ov 8ia. xoö ßaTrxia- 
\iaxo(; siXyj^s) ^). Auf die heiligen Bücher aber findet dieser ältere 
und weitere Begriff von otavwv ^; Anwendung entweder active, weil sie 
als Richtschnur dienen, maassgebend sind für den Inhalt des Glau- 
bens ^)j oder passive, weil sie am richtigen Maassstabe gemessen, 
d. h. von der Kirche bestätigt sind ^). j 

Auf Grund der entwickelten Bedeutung des Wortes bildete 
sich aber die noch bestimmtere , concretere : gezählte Reihe , ge- 
schlossene Reihenfolge , Verzeichniss oder Register ^). In diesem 



^) Patr. apost. op. 11, S 168. 

^) Vgl. A. Harnack, Dogmenschichte I, S 263. 

^) Immer in Einzahl. Erst seit etwa 300 erscheint in Anwendung auf 
Verftissung und Disciplin der Plural; den concreten Inhalt des Kirchenrechts 
bilden xavovsc; der Apostel, Concilien u. s. w. Die 10 xavovs? des Eusebius 
(S 39) jedoch sind Tabellen und gehören schon dem engeren Sprachgebrauch an. 

*) So die gewöhnliche Erklärung, zuletzt W. Schmidt S 466. 

") Westcott S 504 f, 509 f. 

®) So zuerst Semlkr, Abhandlung von freier Untersuchung des Kanons 
I, 1771. Dann Bahr ZwTh 1858, S 141 f. Holtzmann, Kanon und Tradition 
1859, S 100. RoTHK, Zur Dogmatik 1863, S 312. Steiner BL III, S 481 f. 
Insonderheit machte Hilgenfeld auf den verwandten Sprachgebrauch der alten 
Philologen aufmerksam (Kanon und Kritik des NT 1863, S 65 f; Einl. S 33 f. 
Vgl. aber Suhmieüel S311). Gegen eine absonderliche Theorie Creüner's (Zur 



IV. Kap.: Der spätere Kanon. 2. Name und Begriff des Kanons. 163 

Sinne sprechen lateinische Schriftsteller von Ordo oder Numerus 
(Quintilian X, 1, 54), wie auch Hieronymus xavcov wiedergibt (Ep 
53, 8 ad Paulinum von Hbr: a plerisque extra numerum ponitur. 
Prolog, gal. in 2 Reg). Ebenso ist zu beurtheilen der Sprachgebrauch 
bei TertulHan (Praescr. 26; vgl. 31 evolvant ordinem episcoporum. 
Marc. 3, 13 evolve prophetas et totum ordinem recognosce) und im 
Can. Mur., wenn vom completus numerus prophetarum die Rede ist *). 
Das Fragment will die beim Cultus zu gebrauchenden, öffentlich vor- 
zulesenden Bücher der Propheten und Apostel aufzählen, ist also 
selbst ein ordo oder xavwv. Die Liste der Kleriker heisst schon auf 
dem Concil zu Nicäa 325 (can. 16. 17. 19) xavwv = xaidXoYOc (daher 
xavovtxöc ein im Verzeichniss Aufgeführter). Nur wenn der Terminus 
in diesem Sinne, also eine abgeschlossene Gesammtzahl bezeichnend, 
auf die alttest. und neutest. Schriften Anwendung fand, erklärt sich 
der Passivbegriff xszavoviafxsvo?, zavoviCöfisvoc , axavövtaTOc , wie er 
gleichzeitig zu Laodicea und bei Athanasius, aber auch in der pseudo- 
athanasianischen Sovorjjic s7rtTO{xor ttj? d-da<; '^(pciLffi<; begegnet ^), die den 
Kanon des Athanasius mit schärferer Betonung der Kanonicität von 
Apc gibt und urtheilt: Tuäcja Ypa'^Tj r^i^wv XpiaTiavüJvO-sÖTrvsoaTÖg iartv, odx 
aopiGxa o£, aXXa {xäXXov wpwfxsva xai xs7tavovia[X£va l^^st ta ßtßXia ^). 



Gesch. S 1 f, 58, 60 f, halb zurückgenommen schon in der Geschichte des 
Kanons S 103 f, 211 f), vgl. Baur S 142. Westcott S 413, 504 f, 509. An 
die Zahl 22 als die Zahl des hebräischen Alphabets und zugleich, was Origenes 
und Athanasius hervorheben, des alttest. Kanons, aber auch des neutest. in seiner 
älteren Gestalt, erinnert Mangold bei Bleek S 823, 839. Das Indiculum Afric. 
zählt 24 Bücher des AT nach der Zahl der 24 Presbyter Apc 4, 4. 10. Aber 
auch die aufgeführten Bücher des NT weisen dieselbe Zahl auf, falls nämlich Jac und 
Jud nicht berücksichtigt sein sollten (vgl. unten S 172). 

') Auch den ordo scripturarum in der Angabe zu Rm übersetzt Hilgenfeld 
S 98 mit 6 Twv '(^rx'^iüv xava>y, was aber nach Mangold S 837 im Sinne von 
regula, norma zu verstehen wäre. A. Harnack ZKG III, S 362 will ordo hier 
mit argumentum (Inhalt) wiedergeben, gesteht aber zu, dass an 3 anderen 
Stellen des Can. Mur. ordo Reihenfolge ist. 

*) Gilt gewöhnlich (Bleek, de Wette, Reuss) als nicht lange nach Atha- 
nasius verfasst, ist nach Credner (Zur Geschichte S 127 f, 145; Geschichte 
S 247 f), HiL(iENFELD (S 142), Lipsiüs (Apokryph. Apostelgesch. I, S 59) und 
Tischendorf-Gregory (Prol. S 133) eine Bearbeitung der Stichometrie des 
Nicephorus, welche den Begriff ä-stai '^prxifoX exxXf)oiaC6|xevai xal xexavovtajAlvat 
kennt. Wie aber jenes Kanonverzeichniss jünger, so ist dieses erheblich älter, 
als sein angeblicher Verfasser, der konstantinopolitanische Patriarch Nicephorus 
(um 800), zu dessen Chronographia compendiaria es einen Anhang bildet. 

•^) Baur S. 147 f: „Kanonisirt oder kanonische sind die Schriften des A 
und NT, sofern ihre Zahl keine unbestimmte, willkürliche, ab- oder zunehmende, 
sondern nur diese bestimmte und kirchlich festgesetzte ist, sofern es also keine 

11* 



jß4 Geschichte des Kanons. 

Bald nach Athaiiasius schreibt derselbe Amphilochius von Ikonium, 
welcher eine verlorene Schrift Tuspl twv ^'S'^^.s^^ypa'f wv twv Tza^A alpsii- 
xotc verfasst hat, von den kirchhch anerkannten Schriften, die er 
aufzählt: odto? a(|>so8saTaToc zavwv twv ^soTüvsoatcov Ypa^pwv (lambi ad 
Sei. 318. 319). Man erklärte sich mithin das Specifische an dieser 
genau abgegrenzten Literatur aus dem, von der jüdisch-alexandrini- 
schen Theologie in bereits ausgefeiltester Grestalt bezogenen Schul- 
begriif der Inspiration. Chrysostomus spricht von einem zavwv ^stac 
Ypa'xf^c; (wofür er Hora. 10 in Gen zuerst den Gesammtnamen za 
ßtßXia Bibel hat) und definirt ihn als das, was oois Tupöcj^saiv ours 
atpatpsaiv Ss^^stat (Hom. 58 in Gen). 

Ein klares Bewusstsein um diesen Sachverhalt, demzufolge das Wort xavtov 
in seiner Anwendung auf die heil. Schriften ein Formbegriif ist und seine Er- 
klärung nicht erst auf einem Umwege über den Kirchenglauben empfängt, 
hat freilich dem kirchlichen Alterthume nicht zu Gebote gestanden. Der ältere 
und allgemeinere Gebrauch von v-aviov = regula übte einen zu grossen Druck 
aus*) und veranlasste Vermischung der "Worte und Begriffe, wie wenn Isidor 
von Pelusium xöv vtavova tyji; ftXY]^£ia<;, xä<; ö-eia? ^iqfj.1 '(pa^pdc. zur Sprache 
bringt (Epist. IV, 11). Vorangegangen war ihm in dieser, schon für den 
spanischen Isidorus (EtjTn. VI, 16, 1) selbstverständlich gewordenen, Auffassung 
des Begriffs xavtov Rufinus (Expos, symb. 37 und 38), welcher seinerseits eigen- 
mächtig den Origenes dieselbe Sprache reden lässt*). In Wahrheit aber bot 
der griechische Text des Letzteren da, wo ihm der Uebersetzer libri canonici 
oder reguläres (als hiessen sie so, weil sie regula = -xavcov enthielten) substituirt. 



andere Schriften dieser Art gibt als eben nur diese, die eben desswegen keine 
aopiaxa, sondern (upiajAsva sind. Eben daher werden sie auch als solche der un- 
bestimmbar grossen Zahl der auf sie folgenden Schriften der kirchlichen Literatur 
entgegengesetzt" . 

*) Man beachte, dass die kath. Christen sich selbst als solum verum Deum 
doctorem sequentes et regulam veritatis habentes ejus sermones (Iren. IV, 35, 4) 
geschieden wussten von den yP"^«? \^^^ •O-eia? acpoßujt; ppaStoopY'^xaai uiotsu»; 
xe Äpxata? xavova •JjO'sx-fjv.aai (Euseb. KG V, 28, 13), d. h. den Häretikern. 

*) Redensarten des lateinischen Origenes wie in canone haberi (Prol. in 
Cut und Hom. 7, 1 in Jos), scripturae canonizatae (zu Mt 23, 39 f, Comm. ser. 28) 
oder canonicae (De princ. IV, 33. Prol. in Cnt und zu Mt 24, 23 f. Comm. 
ser. 46) oder über regularis (zu Mt 27, 9. Comm. ser. 117) kommen desshalb 
am wahrscheinlichsten auf die Rechnung des Uebersetzers (so Redepenning, 
Crkdner, Schmiedel, W. Schmidt S 463, 466 gegen Hilgenfeld, Westcott u. A.), 
weil der bei allen derartigen Fragen direct an Origenes anknüpfende Eusebius 
den Terminus technicus xaviuv in diesem Sinne noch nicht kennt. Nach ihm 
hat vielmehr Origenes tov exxXTjoiaotwov ^poXatTtuv xavova nur 4 Evghen an- 
erkannt (KG VI, 25, 3); vgl. damit Origenes Hom. 1 in Lc: quatuor tantum 
evangelia probata sunt, e quibus sub persona domini et salvatoris nostri profe- 
renda sunt dogmata . . . . in his omnibus nihil aliud probamus nisi quod eeclesia. 
Wie die Auswahl so wird übrigens auch die Auslegung dieser von der Kirche 
dargebotenen Schriften durch den xavu>v tyj? niaxeo)? bestimmt (De princ. IV, 9). 



rV. Kap.: Der spätere Kanon. 2. Name und Begriff des Apokryphischen. 165 

den Ausdruck ev^iaO-T^v-o«; (Philoc. 3 Euseb. KG VI, 25, 1), welcher unsere 
Deutung nur bestätigt. Was in die gezählte Reihe der classischen Literatur 
des Christenthums aufgenommen, kanonisirt wurde, ist eben damit ein Theil der 
Sammlung geworden, welche 5tad-fjxYj heisst. Mit dem barbarischen £vBta^Yjy.O(; 
promiscue gebraucht Eusebius svSiaO-sxo? (bei Isidor. Epist. 1 synonym mit 
v.ExavovtofXEvo?, bei Epiphanius Haer. 51, 18 Gegensatz zu ftTioxpocpo?). Schon bei 
Herodot (4, 6) heisst Onomacritus oiaO-exf]«; )^p-r]a/x(Jüv tdiv Mouoaioo. So sind 
also auch die ^pa^fotX evSidö-exai wieder geordnete, redigirte, in Reihe und Glied 
gebrachte Schriften. Irenaus, Eusebius, Athanasius, Amphilochius und Severianus 
lieissen bei Kosmas Indikopleustes (Topogr. VII, ed. Montfaucou S 229) ol 

3. Name und Begriff des Apokryphischen. 

Mit ihren Abweichungen vom späteren Kanon gibt schon die 
frühere Gnosis Anlass zur Entstehung des Namens und Begriffs des 
Apokryphischen, welcher insofern älter ist als der Gegenbegriff des 
Kanonischen, daher auch nicht lediglich aus diesem Gegensatze Er- 
klärung findet. Ein a[j.6d7jTOV ^:'kf^^•0(; aTroxpo^pwv %al vö^wv Ypa^wv 
findet Irenäus (I, 20, 1) bei Marcus. Wie dieser, so führten auch 
die übrigen Gnostiker die Schriften, in welchen ihre Systeme direct 
l)egründet waren, auf dem Wege einer geheimen Sonderüberlieferung 
auf alt- und neutest. Personen zurück. Daher der Name a^xpixpa 
;unächst nur im Gegensatz zu den §Yj{iöata oder §e§7]|ioat£U{JL£va oder 
y.oivd z. B. des Valentinus (Clemens Str. VI, 6, 52) gemeint ist, was 
auf die jüdische Unterscheidung der öffentHch vorlesbaren Bücher 
von solchen, die sich dem Gemeindegebrauch entzogen, zurückweist *). 
1 n dieser Richtung unterscheidet noch Origenes von den zum öffent- 
lichen Gebrauch gelangten ßißAia zotva 7tat §£§irj[JLoaL£0[i£va (in Mt T. 
X, 18), auch 'favspa, in der Uebersetzung scripturae publicae ge- 
nannt, die aTTÖxpocpa, libri secreti, non manifesti (Epist. ad Afric. 9), 
die aber keineswegs alle von vornherein verwerflich sind (zu Mt 
27, 39. Comm. ser. 28). Andere kirchliche Schriftsteller dagegen 
verbanden mit dem Begriffe des Geheimen und Geheimnissvollen, 
welcher ursprüngHch allein im Ausdruck lag, denjenigen des Häre- 
tischen und Unechten, des Gefälschten und Verwei*flichen ^). Denn 
da öffentliche Vorlesung Zeichen des normativen Ansehens war, 
konnte nicht blos ein Beigeschmack mindern Ansehens, sondern 
.('ladezu der Begriff des Abnormen sich leicht zu der Vorstellung 



*) HiLGENFELD S 31 ; Kctzcrgeschichte S 300 f. So heissen auch die 
Schriften älterer Weisen, deren sich spatere Schulen bedienen, bei Clemens 
(Str. I, 15, 69) Ai)()kryphen. 

^) MovERs, Kirchenlexicon I, S. 32H. (Iieseler StKr 1829, S 141 f. 
JiLEEK ebeudas. 1853, S 267 f. Einleitung S 82<\ 



jgg Geschichte des Kanons. 

einer nicht allgemein zugänglichen Literatur herzufinden, zumal einer 
von ihren gnostischen Urhebern selbst als apokryphisch bezeichneten. , 
Möglich daher, dass schon Hegesipp, nicht erst der Bericht erstattende 
Eusebius (KG IV, 22, 9), den Ausdruck aTuÖTtpocpa von häretischen 
Werken gebraucht ^). Dem Irenäus ist er gleichbedeutend mit vö^a 
geworden, Bücher bezeichnend, deren Verfasser für fingirt, deren 
Inhalt für verwerflich, deren Leserkreis für ketzerisch gilt. Apokry- 
phen in diesem Sinne sind wissentlich und fälschlich im Namen von 
Aposteln in Umlauf gesetzte Schriften , die kanonisch sein wollen, 
es aber nicht oder nur für Häretiker sind. So leitet Clemens (Str. 
m, 4, 29) ein häretisches Dogma 1% Tivog aTuoxpö^oo ab, und er- 
klärt TertuUian (De pudic. 20) den Barnabasbrief für receptior 
apud ecclesias illo apocrypho pastore moechorum. Apokryphisch 
ist daher für die apostol. Constitutionen (6, 16) gleichbedeutend mit 
(pd-opoTzoi6<;y für den jerusalemischen Cyrill (Cat. 4, 36) mit (|;£oS£m- 
7pa<po<; und ßXaߣpö(;. Den verschiedenen Ursprung der in dem 
gleichen Terminus sich begegnenden Vorstellungsreihen erkennt man 
noch, wenn Philastrius (Haer. 88) die Apokryphen scripturae ab- 
sconditae nennt, welche morum causa a perfectis, non ab omnibus 
legi debent, mit der dazu wenig passenden Bemerkung: multa addi- 
derunt et tulerunt quae voluerant haeretici; oder wenn Epiphanius 
zwar mit dem Ausdrucke a7rö%pu(po(; in der Regel ein tadelndes 
Urtheil verbindet (Haer. 26, 5. 45, 4. 47, 1. 62, 2), gelegenthch 
aber Sta za sv z^l aTüozaXo^JSi ßa^-swc; %al axoTsivw? eiprjixsva dieses 
Johannesbuch, trotzdem er es in den Kanon setzt, ein Apokryphum 
heisst (51, 3); ähnHch thut noch Gregor von Nyssa (In suam ordin. 
Op. II, S 44 f Iv a7üoxpö(pot? di aivtY{iaTa)V Xsysi). Andererseits be- 
gegnet selbst in Theodoret's Angaben über die Quartadecimaner 
(Haer. fab. 3, 4 >t£)(pY]VTai %al zcnU 7r£7rXavY]{x^vai(; twv aTuooTöXwv jupa^eat 
xal zoiq akXoiQ vö^oi? . . . a xaXoöatv a;:öxpt)(pa) eine traumhafte Er- 
innerung an die häretische Herkunft des Ausdrucks. 

Von einer anderen Seite her kam ein neues Schwanken in den 
Sprachgebrauch. Die Kirche musste Stellung nehmen gegenüber 
derjenigen Literatur, welche mit Abschluss des Kanons grundsatz- 
mässig aus dem kirchhchen Gebrauch zu entfernen gewesen wäre, 
während das Urtheil der an den erbauhchen Gebrauch derselben 
gewöhnten Gemeinden ein minder rigoros- doctrinäres Wieb. Diese 
praktische NÖthigung hatte zur Bildung und längeren Aufrechterhal- 
tung jener Mittelclasse geführt, welche Athanasius für den Gebrauch 



») So HiLGENFELD, Kanon S 68; Einl. S 31; ZwTh 1876, S 194. 



I 



rV, Kap.: Der spätere Kanon. 3. Name u. Begriff des Apokryphischen. 167 

im Katechumenen-Unterricht, Riifinus (Exp. in symb. 37) sogar als 
VoiiesestofF, nur nicht als Glaubensnorm zulassen will. So lange 
die Mittelclasse existirte , war der Gegensatz zum Kanonischen ein 
doppelter: es gab nicht blos einen häretischen Gegenkanon von 
gefälschten Schriften, sondern auch einen kirchlichen Seitenkanon 
mit Büchern von nicht ausreichend beglaubigter apostolischer Her- 
kunft. Unter die letztere Kategorie fielen je nach örtlichem Her- 
kommen auch neutest. Schriften, sofern man sie als kanonisch etwa 
noch nicht gelten Hess (Hieronymus in Ps 149 Apc in ecclesiis 
legitur et recipitur, neque enim inter apocryphas scripturas habetur, 
sed inter ecclesiasticas), oder pseudoapostoHsche {Aidayri ^^^ Apo- 
calypsis Petri) und unapostohsche Schriften (Barn, und Herm. in J<, 
die Clemensbriefe in A), sofern man an ihre Verlesung im Gottes- 
dienste gewöhnt war, vielfach aber auch, von gelegentlichen Send- 
schreiben anderer Gemeinden und Bischöfe abgesehen, Acta martyrum, 
Geschichten der LocaUieiligen (legenda); so nach demselben Concil 
zu Karthago von 397 (can 47 : hceat etiam legi passiones martyrum, 
quum anniversarii eorum dies celebrantur), welches andererseits gleich 
dem von Laodicea, dem Can. apost. 60, Cyrillus (Cat. 4, 20), Isidorus 
Pelusiota (Ep. I, 369) und Innocentius I. (Epist. ad Exuperium) 
jedwedem anderen Lesestoff, neben dem kanonischen, sich widersetzt. 

Letztere Praxis war die allein consequente, nachdem die Mittelclasse der 
„Leseschriften" gefallen, d. h. vor Allem die in der 2. Unterabtheilung der 
2. Classe des Eusebius vereinigt gewesenen Schriften, deren Ebenbürtigkeit mit 
den kanonischen eine Zeitlang controvers geblieben war, auf das Niveau der 
Schriften der 3. Classe herabgesunken waren. Um nunmehr auch sie zu um- 
fassen, erweiterte sich der Begriff des Apokryphischen naturgemäss dahin, dass 
er auch Schriften von keineswegs verwerflichem Inhalte deckte, die man aber 
vom Kanon ausgesondert hatte oder fern gehalten sehen wollte. Alles, was 
sich an der Grenze des Kanonischen bewegt hatte, musste um so schärfer 
gegen den Kanon abgegrenzt werden. Apokryphisch war jetzt einfach, was 
nicht kanonisch hatte werden können, also z. B. jedes Evglm ausserhalb der 
heiligen Vierzahl, mochte es zuvor auch bei rechtgläubigen Kirchenlehrern 
einiges Ansehen genossen haben. Sofern aber kanonisch soviel bedeutete als 
echt apostolisch, inspirirt, blieb auch so am Apokryphischen der Nebenbegriff 
des überlieferungsmässig nicht Gesicherten, des Zweifelhaften und Menschlichen 
haften. Alle Apokryphen stehen ausserhalb des xavcuv == numerus, aber nur 
die Apokryphen im älteren Sinne ))ilden auch einen reinen Gegensatz zum 
xavu>v = regula. In beiden Fällen ist das Kanonische das Göttliche; aber der 
Strich, auf dessen anderer Seite das Apokryphischc liegt, scheidet Göttliches 
im einen Falle vom Widergöttlichen, im anderen nur überhaupt vom Mensch- 
lichen (contradictorischer und conträrer Gegensatz). 

Während daher Athanasius das Apokryphischc noch als das Häretische 
dem Kanonischen entgegensetzt, wird der Sprachgebrauch schon bei Hiero- 



lf)8 Geschiclate des Kanons. 

nymus und Augustinus so confus, dass Rettung nur in der Erinnerung an die 
geschichtlichen Factoren des Begriffes liegt. Jenem sind die Apokryphen ent- 
weder solche Bücher, die zwar echt sein mögen,- aber nicht kanonisch sein 
dürfen (Cat. 6 Barnabas composuit epistolam ad aedificandam ecclesiam quae 
inter apocryphas legitur), oder einfach ^sö^s-^tv^pa'fa mit zweifelhaftem Inhalt 
(Ep. 107 ad Laetam: sciat non eorum esse quorum titulis praenotantur multaque 
his admixta vitiosa et grandis esse prudentiae aurum quaerere in luto). Der 
Andere gibt eine Verhältnis smässig unschuldige Definition (Civ. Dei 15, 23 omit- 
tamus earum scripturarum fabulas, quae apocryphae nuncupantur eo quod eorum 
occulta origo non claruit patribus), verurtheilt aber, von ganz anderen Voraus- 
setzungen aus, entschieden häretische Schriften, wie die scripturas apocryphas 
Manichaei, a nescio quibus sutoribus fabularum sub apostolorum üomine scriptas . . . 
scripturae, quas canon ecclesiasticus respuit (C. Faust. 22, 79). Auf keinen 
Fall also ist mit der ecclesiastica historia, daraus Hieronymus und Augustinus 
zuweilen thatsächlich apokryphische Legenden mittheilen, die apokryphische 
Literatur als solche in Geltung gekommen. Aus dem Strom der Tradition 
überhaupt schöpfen alle kath. Schriftsteller. Haben in denselben allerdings der 
häretischen Erfindungen aus den apokryphischen Evglien und Apostelgeschichten 
nicht wenige Eingang gefunden, so beweist das nichts für eine deuterokanonische 
Werthschätzung solcher Schriften selbst^), welche vielmehr der Anweisung 
Leo's I. an Turibius von Astorga zufolge (Ep. 15) als apocryphae scripturae. 
quae sub nominibus apostolorum multorum habent seminarium falsitatum, dem 
Feuertode verfielen. So werden auch im Decret des Gelasius und Hormisdas 
(6, 18) verdammt libri omnes, quos fecit Leucius, discipulus diaboli, apocryphi. 
So ergab sich ein ungleichmässiger und schwankender Begriff des Apo- 
kryphischen, wie er vorliegt bei Isidorus Hispalensis, Etym. 6, 2 apocrypha 
autem dicta i. e. secreta, quia in dubium veniunt. Est enim occulta origo nee 
patet patribus, ex quibus usque ad nos auctoritas veracium scripturarum certissima 
et notissima succesione pervenit. In iis apocryphis etsi invenitur aliqua veritas, 
tamen propter multa falsa nuUa est in iis canonica auctoritas, quae recte a pru- 
dentibus judicantur non esse eorum credenda quibus adscribuntur. Nam multa 
et sub nominibus prophetarum et recentiora sub nominibus apostolorum ab 
haereticis proferuntur, quae omnia sub nomine apocryphorum auctoritate canonica 
diligenti examinatione remota sunt. Ebenso zählt noch im Morgenlande die 
Stichometrie des Nicephorus neben häretischen Werken, wie uspioSoi DsTpou, 
'Iwavvoo, 0(o}xä und dem Evglm Thomae, auch gut kath. Schriften auf, wie 
Ac^ay-}] 6ciToax6Xü)v und die apostolischen Väter (Ignatius, Clemens, Polykarpus, 
Hermas). Aehnliche Mischungen erscheinen als ^noxpocpa in dem anonymen 
Kanonverzeichnisse itspi xuiv §^*fjxovTa ßtßXiwv xal oaa toutcov Hxöc, hinter den 
Quaestiones et responsiones des Anastasius Sinaita, und die Synopsis Athanasii 
zählt sogar diejenigen häretischen "Werke, von welchen es katholische Redactionen 
gibt, als avTtXeYoiieva auf (irepioSoi Ilstpou, Tctploooi 'Itoavvou, itepioSo» ©a>|jLa, eüay- 
'feXiov xata Owfxäv, ^i^ayyi ^cTtooxoXcuv, KXr,jj.evTta, li wv jxexetppdaö'Yjaav hv-Xe^ivra. 
xa ötXfjö-eoTepa xal ä-eoTcveüOTa), um sie gleich darauf an sich als Kapa-^s^pat.iiiii\>a 
itavTux; xal voO-a xal äitoßXYjxa und aTcoxpucpYjc; |j,äXXov yj ava^vtcaeüx; loq aXvj'O-d)? 
oiiirx zu brandmarken. 



») Gegen Zahn, Acta Joannis S XCI f, CIV f, 201, 203 f, 243. Vgl. Lipsius, 
Die apokr. Apoetelgeschichten I, S49 f, 60. 



IV. Kap. : Der spät ere Kanon. 4. Abschluss des Kanons im Morgenland. 169 

4. Abschluss des Kanons im Morgenland. 
Nicht blos der Begriff des Kanons ist zur Zeit des Athanasius 
deutlich geworden, sondern auch der Umfang variirt nur wenig mehr. 
Epiphanius, welcher früher in Aegypten als Mönch gelebt hatte, 
hat auch in Palästina und Cypern den Kanon des Athanasius (d. h. 
Hbr als Plsbrief und Apc kanonisch) gebraucht (Haer. 76, wo 
übrigens die Reihenfolge mit Hieron. Ep. 53, 8 ad Paul, stimmt); 
die beiden Lesebücher bleiben hier bereits weg, d. h. die Mittel- 
classe verschwindet. Die kappadocischen Kirchenlehrer vertreten 
theils den alexandrinischen, theils den Kanon des Eusebius. Ueber- 
einstimmend citiren sie die kath. Antilegomena nicht ausdrücküch, 
und Apc wird im Gegensatz zu dem Brüderpaar von Gregor von 
Nazianz ausgeschlossen. Der letztere benutzt und citirt noch un- 
bedenkhch xyjpoYfJ-a HsTpoo *) und gibt einen Kanon, darin die 7 kath. 
Briefe, die er übrigens kaum je gebraucht, erst nach den 14 Pls- 
brief en stehen (Carm. 33). Schon fast Privaturtheil ist es, wenn 
der alexandrinische Didymus noch 2 Pe verwirft. Im Ausschlüsse 
von Apc (ignorirt von Chrysostomus und Theodoret) erblickt Hie- 
ronymus — er freihch als der letzte — eine EigenthümHchkeit des 
christhchen Orients ; gegen 600 fehlt sie unter den 60 Büchern des 
anonymen Kanons. Nicephorus rechnet sie 200 Jahre später noch 
mit der Apokalypse des Petrus, Barn, und Hbrevglm sogar zu den 
Antilegomena. Das sind aber lediglich gelehrte Beminiscenzen aus 
Eusebius ^). Bezeichnend für die niemals definitiv erfolgte Erledi- 
gung früherer Differenzen, sanctionirte das konstantinopohtanische 
Concil von 692 (can. 2 ; übrigens gilt dasselbe vom Concil zu Nicäa 
787 und vom Nomokanon des Photius) gleichzeitig die sich in Be- 
zug auf Apc ausschliessenden Beschlüsse von Laodicea und von Kar- 
thago, fügte überdies Canone» apostohci (vgl. unten S 170) bei, 
welche auch bei Johannes von Damaskus, der Apc anerkennt, ka- 
nonisch sind (De fide orth. 4, 17), verwarf aber die Constitutiones. 
So sind im Morgenlande die Forderungen der Rechtgläubigkeit 
stets laxer gehandhabt worden; eine päpstHche Autorität, wie sie 
im Abendlande den Prozess zum Abschlüsse gebracht hat, gab es 
dort nicht. 

Die Abweichungen, welche jetzt noch vorkommen, waren nicht blos 
Privatsache einzelner Lehrer, sondern hatten auch das Gewohnheitsrecht ganzer 
Kirchen für sich. In Syrien geht die später bei allen Sonderrichtungen im 



*) HiLGENFELD, NT extra can. rec. 2. Afl IV, S 63, H5. 
') ScHMiEDEL S 331. Daher hielt schon Credner (Zur Geschichte S 102 f) 
das dem Nicephonis beigelegte Verzeichniss für älter. 



170 Geschichte des Kanons. 

Gebrauch gebliebene Peschito (S 53 f) durch Aufnahme von Jac und Hbr über 
den gleichzeitigen Kanon der Reichskirche hinaus, differirt aber vom abend- 
ländischen durch Ausschluss von Apc; ausserdem fehlen noch 2 Pe, 2 und 3 Joh, 
Jud. Dem entspricht die syrische Doctrina apostolorum ^). Die Verordnung, 
wonach ausser dem AT nur das Evglm und Act öffentlich verlesen werden 
dürfen, findet eine authentische Erläuterung in der bald darauf erfolgenden Mit- 
theilung, dass der Kirche von den Nachfolgern der Apostel überliefert wurde 
Alles, was Jakobus aus Jerusalem (Jac?), Simon aus Rom (1 Pe?), Johannes 
aus Ephesus (1 Joh?); Marcus aus Alexandria, Andreas aus Phrygien, Lucas 
aus Alexandria und Judas Thomas aus Indien geschrieben haben. Hieran reiht 
sich die Forderung, dass der Apostel ^) Briefe und Siegesthaten in allen Kirchen 
verlesen werden sollten, damit die Einheit des A und NT erkannt werde. Als 
Siegel auf alle Schriften folgt zuletzt „das Evglm", d.h. das Diatessaron, welches 
in der syrischen Kirche neben den getrennten Evglien im Gebrauch war. 

Die ausführlichere AtSaoxaXia tuiv öcttootoXcov*), welche synoptische Christus- 
sprüche gewöhnlich als „im Evglm" stehend oder vom „Herrn" herrührend, 
gelegentlich (5, 14) doch aber auch ausdrücklich aus Mt citirt und daneben nur 
noch im Context einige Plsworte bietet, hat um 360 in den 6 ersten Büchern 
der Constitutiones apostolorum durch einen syrischen Priester eine griechische 
Umarbeitung erfahren, welche gleichfalls noch den älteren Stand erkennen 
lässt. Dreimal so oft als das NT werden Gesetz, Propheten und Psalmen citirt; 
als TÖ TouTwv ao|JLTiXY|p(ji)jx.a erscheint xö söttY^s^iov (I, 5), speciell al Ttpd^et? al 
Yj|jisxspai (die Apostelreden) xal iKtatoXal IJauXou xoö aüvspYoö yjjjlwv (II, 57). So 
gut wie Pls wird aber auch 1 Pe citirt, und sogar Atoax*q (1, 5; vgl. 4, 5—8. 
Herm. Mand. II, 4—6. Test. XII patr. Seb. 7) tritt als Autorität auf (IV, 3, 1 
Etpfjxat üTc' ahxoö, sei. xoö xuptoü). Nach den Briefen erst soll ein Diakon oder 
Presbyter die Evglien vorlesen, welche vielleicht in einer Harmonie vorgelegen 
haben*). Diese Constitutionen (oiaxaYai) selbst erscheinen in den, auf ihrer 
Grundlage entstandenen, * Canones apostolici (can. 85, al. 86, auch 76) sammt 
beiden Clemensbriefen als zum Kanon gehörig, während Apc fehlt. 

Das Diatessaron Tatian's gebraucht der Perser Aphraates (Farhad), der 
als Bischof und Abt eines östlich von Mosul gelegenen Klosters die ostsyrische 
Kirche vertritt, in seinen 336 — 45 geschriebenen Abhandlungen, während er 
Apc und kath. Briefe ignorirt. Dasselbe negative Verhalten scheint die syrische 
Doctrina Addaei zu charakterisiren*), welche im Uebrigen das Diatessaron, Act 



*) Cureton, Ancient syriac documents 1864, S24f. P.deLagarde, Reliquiae 
juris ecclesiastici antiquissimi 1856, S 89 f unter dem Titel Doctrina Addaei. 
Vgl. Lipsius, Die edessenische Abgarsage S 51 ; Die apokr. Apostelgeschichten 
II, 2, S 193. Anders Zahn I, S 92. 

2j Cureton S 32 und Westcott S 247 übersetzen „of an apostle", Zahn 
S 93 „des Apostels", Lipsius S 194 „der Apostel". 

') Didascaha apostolorum syriace ed. P. de Lagarde 1854. Bunsen, Ana- 
lecta Ante-Nicaena II (Christianity and mankind VI), 1854, S 225 f. 

*) P. de Lagarde, Const ap. S VII denkt an das Diatessaron: anders Zahn 
II, S 236 f. 

') G. Philipps, The doctrine of Addai the Apostle with an english trans- 
lation and notes 1876; vgl. S 44 der Uebersetzung ; dazu Zahn I, S 91 f, 376. 
Dagegen Lipsius, Apokr. Apostelgesch. II, 2, S 193 f. 



IV. Kap.: Der spätere Kanon. 4. Abschluss des Kanons im Morgenlande. 171 

und Plsbriefe ausdrücklich zur sonntäglichen Vorlesung bestimmt. Das genannte 
Werk ist übrigens mit der syrischen Doctrina apostolorum, welche darin als in 
Jerusalem festgestellte Kirchenordnung erscheint, verwandt und gehört den 
Kreisen des Ephraem an, welcher aber seinerseits Apc einmal citirt (Op. Syr. 
II, S 332), dagegen zu den anderen Antilegomenen eine zweifelhafte Stellung 
einnimmt und Diatessaron commentirt, wie dasselbe als „das NT" (so heisst es 
in der Doctrina Addaei) oder „Evangelium" (so heisst es bei Ephraem) einen 
Hauptbestandtheil des edessenischen Kanons gebildet hat^). Daneben hat er 
aber auch die 4 Evglien der Peschito wohl gekannt, und zwischen seinen und 
Theodoret's Zeiten wird „das Evglm der Gemischten" verdrängt durch das 
„Evglm der Getrennten", d. h. die abgesondert von einander geschriebenen 
Evglien (vgl. S 53), welche besonders Bischof Rabbula von Edessa (412—35) 
durchsetzte, wahrend bald darauf Theodoret die letzten Nachzügler der Evglien- 
harmonie seiner Diöcese ausser Gebrauch brachte*). 

Uebrigens steht Theodoret zum Kanon ganz wie schon ältere 
Landsleute. So Amphilochius von Ikonium, welcher gegen Schluss 
des 4. Jahrh. in den lambi ad Seleucum (289 — 319) 4 Evglien, 
Act, 2 mal 7 Plsbriefe und 3 kath. Briefe aufzählt und dabei er- 
wähnt, dass Andere deren 7 zählen, wieder andere Hbr verwerfen 
oder auch Apc annehmen; Chrysostomus von Antiochia, zu dessen 
thatsächhchem Verhalten es stimmt, wenn eine unter seine Werke 
aufgenommene Synopsis veteris et novi testamenti 4 kath. Briefe 
und Apc aus dem Kanon streicht (womit übrigens keineswegs gesagt 
sein soll, dass Chrysostomus diese Schriften gar nicht gekannt hätte) ; 
Theodorus von Mopsuestia, welcher (nach Leontius von Byzanz, 
Contra Nestorianos et Eutychianos 3, 13) sogar aoTTjv toö pisYaXoo 
'laxwßoo TTjv smoToXYjv V.OLI xcnQ i^"^? Twv «XXtov xaO-oXtxdc; verworfen 
haben soll, was indessen bezüghch 1 Pe und 1 Joh einer Beschrän- 
kung unterliegen dürfte, zumal wenn sein Kanon sich durch den 
Perser Paulus auf JuniUus vererbt hat ^). Mit Berufung auf die 
syrische Praxis behauptet noch 535 — 547 der Aegypter Kosmas 
Indikopleustes, dass die kath. Briefe nicht auf Apostel, sondern 
auf Presbyter zurückgeführt würden, spricht aber doch günstiger 
von 1 Pe und 1 Joh (Topogr. VII, bei Montfaucon , Nova collectio 
patrum et Script, graec. S 292). Der kritisch gesichtete Kanon 
der antiochenischen Theologie erhielt sich bei den Nestorianern, 
während die Philoxeniana (S 54) zwar Apc noch ausschhesst, dagegen 
bereits 7, ja sogar 9 kath. Briefe zählt, letztere Zahl erreichend 
durch Beizug der Clemensbriefe, an deren Stelle später die beiden, 
selbst schon den syrischen Kanon voraussetzenden, Epistolae de vir- 



Zahn S 44 f, 74, 92. 

") Zahn S 102 f, 110. 

«) KiHN S 66, 373 f, 377 f. 



J72 Geschichte des Kanons. 

ginitate aus dem Anfang des 3. Jahrh. treten *). Auch in den 
syrischen Kirchen des Mittelalters finden sich übrigens noch ver- 
einzelte Reminiscenzen an die ursprünghche Position der Peschito; 
so der Monophysit Dionysius bar Salibi f 1177 und der Nesto- 
rianer Ebed Jesu -f 1318, aber auch die Handschrift, welche Moses 
von Mardin 1552 nach Europa brachte und der ersten Druckaus- 
gabe von 1555 zu Grunde legte. 

In den ägyptischen und äthiopischen Kirchen, auch bei den Kopten 
Arabiens galt als apostolisch das grosse Rechtsbuch, an dessen Spitze die auf 
Grund der AtSax^rj und verschiedener kleinerer Rechtsbücher wohl nicht vor 
300 entstandenen xavove? IxxXYjoiaaxixol tcüv (^yiojv äitooxoXcuv stehen*): speciell 
in der äthiopischen Kirche eröffnet diese s. g. apostolische Kirchenordnung 
(vgl. oben S 114) den Synodos genannten Oktateuch, wodurch sich die Zahl 
der neutest. Bücher auf 35 erhöht; kanonische Bücher überhaupt gibt es hier 
81, darunter die Apokalypsen des Henoch, Jesaja und Esra, das Jubiläumbuch und 
andere Pseudepigraphen''). In der armenischen Kirche, die sich sonst streng an 
den Kanon des Athanasius hält, zählen auch ein Sendschreiben der Korinther 
an Pls und als Antwort darauf ein 3. Korintherbrief des Apostels zum Kanon. 

5. Abschluss des Kanons im Abenlande. 
Für das Abendland umfasst ein wahrscheinlich 359 in Africa 
geschriebenes Kanonverzeichniss im Indiculum novi testamenti ^) 
4 EvgHen, 13 Plsbriefe, Act, Apc, 1—3 Job, 1 und 2 Pe. Die 
kath. Briefe sind im Verlaufe der 2. Hälfte des 4. Jahrh. auf die 
Siebenzahl gebracht worden. In Sachen von Hbr tritt gleichzeitig 
Lucifer auf die Seite des Morgenlandes, wie er denn auch Apc 
ignorirt. Ein Seitenstück zu ihm bietet bezüglich Hbr Hilarius 
(f 366), welcher dafür zwar nicht Apc, wohl aber die 5 früher be- 



*) A. Harnack ThLz 1882, S 271 f. 1884, S 267 ; Texte und Unters. 
n, 2, S 133. Westcott S 23, 186 f. 

^) Veröfientlicht von Bickell (Geschichte des Kirchenrechts I, 1843, 
S 87 f, 107), P. deLagarde (Reliquiae, S 74 f), Pitra (Juris ecclesiastici Grae- 
corum historia et monumenta I, 1864, S 75 f ), A. Hilgenfeld (Nov. test. extra 
can. rec. IV, S 93 f. 2. Afl S 110 f) und A. Harnack (Texte und Unters. II, 
2, S 193 f, 225 f). Wie man im Abendlande die Artikel des Symbols unter 
die Apostel vertheilte, so hier die Allegorie von den 2 Wegen (Barn. 18 — 20. 
^ioajjr\ 1 — 6) und die apostolische Kirchenordnung. 

«) Dillmann JbW V, 1863, S 144 f ; RE, 2. Afl I, 1877, S 203 f. 

*) Veröffentlicht aus einem dem 10. Jahrh. entstammten Codex der Biblio- 
thek Philipps in Cheltenham durch Th. Mommsen im „Hermes" XXI, 1886, 
S 142 f. Dort schliesst es sich an den Liber generationis des Hippolyt an. 
Vgl. darüber A. Harnack ThLz S 1886, 172 f. Th. Zahn ZAVL 1886, S 113 f. 
Jener deutet das unter cpistulac Johannis tres und wieder unter epistulae Petri 
duac stehende una sola auf Jac und Jud. Dieser findet darin eine Nachwirkung 
älterer Bedenken gegen 2 Pe (warum nicht auch gegen 2 und 3 Job?), 



IV. Kap. : Der spätere Kanon. 5. Abschluss des Kanons im Abendlande. 173 

anstandeten kath. Briefe mit Stillschweigen übergeht. Vollständig 
vertritt den Kanon des Athanasius Rufinus von Aquileja (-j- 410), 
indem er unterscheidet 1) libri canonici (das NT mit 14 Plsbriefen, 

7 kath. Briefen und Apc), 2) libri ecclesiastici (ausser den alttest. 
Apokr}^phen Hermas und an der Stelle der Ai§a)(7j die sachlich ver- 
wandte Schrift Duae viae sive Judicium Petri) und 3) libri apocryphi 
(Expositio symboli 37 und 38). Hieronymus, welcher beiden Kirchen 
zugleich angehört, empfahl jeder derselben die Annahme des Kanons 

Kder anderen, indem er bald ein an die Anordnung der Bücher im 
_ Can. Mur. und Can. Ciarom. erinnerndes Yerzeichniss gibt (Ep. 53, 

8 ad Paulinum), bald an Athanasius sich hält (Liber interpretationis 
hebraicorum nominum). Für seine Person wäre er allerdings zu 
einem historisch richtigen Urtheil befähigt gewesen; denn im Cata- 
logus de viris illustribus (1 von Petrus: scripsit duas epistolas, 
quarum secunda a plerisque ejus esse negatur; 2 von Jac: ab aho 
quodam sub nomine ejus edita asseritur; 4 von Jud: a plerisque 
rejicitur; 9 Joannes scripsit unam Epistolam, reliquae duae Joannis 
presbyteri asseruntur) und in der Epistola 129 ad Dardanum be- 
richtet er den Zweifel an 5 kath. Briefen, Hbr und Apc. Ausser- 
dem folgt er wenigstens einmal einer Spur, derzufolge auch Barn, 
zur heiligen Schrift gehören würde ^), erwähnt die kirchliche Vor- 

j lesung der Clemensbriefe und des Hermas und widmet dem Hbrevglm 
: grosse Aufmerksamkeit. Philastrius von Brescia (-j* um 397) über- 
geht in seinem Verzeichnisse (Haer. 88) Hbr und Apc, aber nur 
weil er schon vorher (Haer. 60) die Verwerfung letzterer Schrift 
als ein Merkzeichen der Ketzerei angegeben hatte und gleich nach- 
her (Haer. 89) die Zweifel gegen erstere als problematische Meinung 
Einiger hinstellen will. Diesen Brief haben Hieronymus und Augu- 
stinus ebenso oft, und ohne dass sich dabei Perioden unterscheiden 
Hessen, dem Pls ab- wie zugesprochen ^), Gleichwohl wurde Hbr 
unter dem Einflüsse von Augustinus kanonisirt, als die Synoden 
von Hippo 393 (can. 36) und Karthago 397 (can. 47, al. 39) und 
419 (can. 29) die Zahl und Reihenfolge bestimmten. Schon das 
Concil von 393 hatte übrigens seine Beschlüsse der römischen Kirche 
vorgelegt, und dem von 419 wohnte ein römischer Legat bei. Schon 
405 hatte der römische Bischof Innocenz I. in einem Schreiben an 
den Bischof Exuperius von Tolosa den Kanon in dem von Athana- 
sius vertretenen Umfange festgestellt. Direct durch die römischen 

') Op. patr. ap. I, 2, S LI f. 
») OVKRBECK S 52, 69 f. 



274 (xeschichte des Kanons. 

Bischöfe ^vurde der Kanon abgeschlossen in dem sog. Decretum 
Gelasianum de libris recipiendis et non recipiendis , d. h. in einem 
schon von Damasus (366 — 384) herrührenden, dann von Gelasius 
(492—496) und von Hormisdas (514 — 523) veränderten und er- 
weiterten Yerzeichniss '). Damasus hatte noch 2 und 3 Joh dem 
Presbyter zugeschrieben^) und A^ct hinter die Briefe gestellt (so 
auch Hieronymus ad Paul, und Junilius); seine Nachfolger stellten 
die Ordnung her: Evglien, Act, Briefe. Als 1. Index librorum pro- 
hibitorum zählt das Decret eine Menge von Apokryphen auf, wie 
das Evglm des Petrus, den Hirten, die Constitutionen, ausserdem 
eine reichhche Literatur, welche, zum Beweise, wie wirksam solche 
Bücherpolizei war, seither verschwunden ist. lieber die Speciali- 
täten war man dabei schon so schlecht unterrichtet, wie jemals 
nachher ^). 

Abweichende Stimmen haben seither nur noch den Werth von Curiositäten. 
Cassiodorius hat neben dem augustinisch-hieronymianischen Kanon noch ein 
Verzeichniss vor sich, darauf Hebr und die 4 beanstandeten kath. Briefe fehlen*). 
An die syrische Schule anknüpfend, unterscheidet Junilius libri perfectae, 
mediae et nullius auctoritatis und setzt in die mittlere Classe 5 kath. Briefe 
und Apc (De part. 1, 3-7). Sogar Isidorus Hispalensis gedenkt noch älterer 
Zweifel an den Antilegomenen (Eccles. offic. I, 12). Aber schon 633 bedroht 
die 4. Synode von Toledo denjenigen mit dem Bann, welcher etwa Apc nicht 
annehmen werde. 

Gleichwohl hat das Abendland in zwiefacher Richtung länger und zäher 
die Erinnerungen an den ursprünglichen Thatbestand festgehalten^). Zunächst 
in der Stellung von Hbr ganz am Schlüsse der Plsbriefe. Während der Brief 
von Athanasius und der Synode von Laodicea an 10. Stelle aufgeführt wird 
und auch in den Uncialbibeln, überhaupt in der griechischen Kirche, vor den 
Briefen an Privatpersonen stehen bleibt, bringen ihn Rufinus, Damasus, Augu- 
stinus und seine Synoden, auch Innocenz I. als 14. hinter Phm-, so auch die 
Codices D E K L und Vulg. Zweitens in der Belassung der kath. Briefe hinter 
den Plsbriefen im Gegensatze zu der durch Cyrill von Jerusalem, Athanasius 
und die Synode von Laodicea aufgekommenen, auch in den Codices ABC und 
den späteren Handschriften der Vulg. bezeugten Neuerung des Morgenlands. 
Charakteristisch verschieden gestaltet sich demgemäss auch das Zahlenspiel, 
wonach man im Morgenlande 7 kath. Briefe und 2 mal 7 Plsbriefe zählt (Amphi- 
lochiuB, Euthalius), während in der Nachfolge des Can. Mur. Cyprian (Testim. 



*) Neu herausgegeben von Credner, der es 494 von Gelasius verfasst sein 
liess: Zur (beschichte S 149 f. Den richtigen Sachverhalt wiesen nach Thiel, 
Epi8tr)lae romanorum pontificum genuinae I, 1868, S 58 und Hilqenfeld S130f. 
Vgl. auch OvERBKCK S 63. Hepele, Conciliengeschichte, 2. Afl 11, S 619 f. 

*) Rade, Damasus 1882, S 147. 

») Lipsius I, S 55 f. 

*) CORSSEN JprTh 1883, S 619 f. 

') OvERBKCK S 68. 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 1. Die beiden Stadien. 175 

1, 20. Ad Fortunat. 11), Victorinus Petabionensis (bei Routh, Reliquiae sacrae 

2. Asg I, S 417. 11, S 459), Hieronymus (Epist. 53 ad Paulin. Cat. 5), Isidorus 
Hispalensis (Prooemia in libros vet. et novi test. 92. Etym. VI, 2, 44 f. Eccles. 
off. I, 12, 11) die Apc 1, 11 vorgebildete Siebenzahl der paulinischen Gemeinden 
hervorheben. Als Zahl der kanonischen Bücher beider Testamente erscheint 
bei Cassiodorius die gleichfalls heilige 70'). 



Fünftes Kapitel: Der Kanon und der Protestantismus. 

1. Die beiden Stadien der protestantischen Kritik. 
Die Reformation bedeutet einen kritischen Act, welchen der 
zu sich selbst kommende, in sein eigenes Wesen sich vertiefende 
Geist des Christenthums an seiner gesammten bisher durchlaufenen 
Vergangenheit ausübt. Als ihr grundlegendes Wesen macht Luther's 
Schrift „von der Freiheit des Ghristenmenschen" (1520) die Zu- 
sammengehörigkeit des allein rechtfertigenden Glaubens mit der 
diese Rechtfertigung aus Glauben verkündigenden heil. Schrift kennt- 
lich. Mit diesem „Pochen auf die Schrift" charakterisiren die Re- 
formatoren ihr Werk als einen unter Rückgang auf die apostoHsche 
Epoche unternommenen und streng an die literarischen Documente 
derselben gebundenen, aus ihnen aUein Recht wie Macht schöpfenden, 
neuen Ansatz zur Verwirklichung der christlichen Idee ^). Was der 
neuen Gedankenwelt einen festen Halt und Stand im Bewusstsein 
der weitesten Kreise sicherte, ist eben nur die in AUer Hände ge- 
legte Schrift. Somit war für die Reformation der neutest. Kanon das 
von der kath. Kirche selbst gebotene Instrument, um den dermaligen 
Bestand jener Kirche bis in die Fundamente zu erschüttern; der 
Hebel , womit in derselben Tradition, aus deren Hand man ihn 
überkommen hatte , eingesetzt wurde , um ihre einheitliche Fort- 
bewegung zu brechen '*). Erst nachdem er diesen praktisch wichtig- 
sten Dienst geleistet, konnte die theoretisch-widerspruchsvolle Lage 
in Betracht gezogen werden, in die man.gerathen war, indem man 



') CoRSSEN S 624, 627. 

2) H. HoLTZMANN, Kanon und Tradition 1859, S 360 f. 

*) SciiMiEDEL S 333 : „Der Kanon war das unzer])rechlicho öefäss, in dem 
der reli^öse Gehalt des anfänglichen Christenthums, oft unbeachtet, aber doch 
wohlbehalten, hindurchgerettet wurde durch die Stürme der Zeiten, welche alle 
ohne solche Autorität auftretenden Meinungen verwehten; er war das festeste 
Einheitsband zwischen allen Perioden und Richtungen der Kirche; ohne einen 
solchen festen Halt hätte auch die Reformation weder ihren christlichen Charakter 
" M iiüber dem Katholicismus, noch ihre Besonnenheit gegenüber der Schwärm- 
te ibterei behaupten können." 



176 Geschichte des Kanons. 

gegen die Tradition zurückging auf einen Kanon, der doch selbst ^ 
ein Product dieser Tradition war. Ein Doppeltes war möglich. 
Man konnte die Thatsache einfacher Herübernahme des Kanons 
aus dem katholischen Arsenal mit dogmatischen Hülfsconstructionen 
umgeben und verdecken, oder man konnte das Widerspruchs- 
volle dieser Thatsache begreifen, eingestehen und Remedur dagegen 
in einer consequenteren Durchbildung der gesammten protestantischen 
Theologie suchen. 

Die ältere Theologie des Protestantismus fasste ihre Aufgabe 
so auf, dass dem Gott in der Kirche der Gott in der Schrift, der 
als Gottes Prophetin sich fühlenden und geberdenden Hierarchie 
die inspirirte Bibel als „das Wort Gottes" entgegenzusetzen sei. 
Von diesem Interesse geleitet, suchte und fand der Protestantismus 
seine theologische Basis in demselben Dogma, welches schon die alte 
kath. Kirche aufgeboten oder vielmehr adoptirt hatte, um das Re- 
sultat ihrer kanonbildenden Bemühungen unter Dach zu bringen ^). 
Nach einigen Umwegen sah sich die christl. Theologie so ziemhch 
wieder auf denselben Fleck zurückgeworfen, wohin die jüdische durch 
Philo gefördert worden war. Die protestantische Dogmatik beginnt 
daher mit einem Capitel von der Inspiration, welches zuerst eine 
alles Bisherige überbietende Steigerung dieses Begriffes, dann aber 

— sobald der zu Grunde liegende Irrthum durchschaut werden kann 

— unaufhaltsamen Verfall aufweist ^). 

Die Darstellung dieser Seite an der Sache fällt ganz der Dogmengeschichte 
anheim. Mit dem dogmatischen ist aber im Begriffe des Kanons auch ein histo- 
risches Urtheil verbunden (S 15). Dieses wieder zu beleben und zu schärfen, 
war dem Reformationszeitalter schon desshalb aufbehalten, weil es zugleich das 
Zeitalter der wiedererwachenden Studien, der Renaissance, des Humanismus 
bedeutete. Nachdem schon Johann Wessel 1 Pe den vorzugsweise echten 
Petrusbrief genannt hat, schwankt Erasmus hinsichtlich 2 Pe und .lud, schreibt 
2 und 3 Joh dem Presbyter zu und zweifelt Jac an; vollends gegen Apc führt 
er eine Menge äusserer und innerer Instanzen an, um schliesslich halb ironisch 
seine Bereitwilligkeit zu erklären, sich dem anders gearteten Urtheil der Kirche 
zu unterwerfen. In seinem freieren Urtheile über Hbr und die genannten kath. 
Briefe mit Ausnahme von 2 Pe fand er einen Genossen im Cardinal Cajetan, 
dessen Commentar zum NT 1529 beendet wurde. So war der Begriff des Deutero - 
kanonischen vorbereitet, welchen Sixtus von Siena auf Hbr, 2 Pe, 2 und 3 Joh, 
Jac, Jud und Apc freilich nur in historischem Interesse anwandte, worin ihm 



*) Schenkel, Das Wesen des Protestantismus 1862, S 122 f. 

'■') Walther, Was lehren die neueren orthodox sein wollenden Theologen 
von der Inspiration? 1871. H. Schultz, Die Stellung des christHchen Glaubens 
zur heil. Schrift 1876. W. Herrmann, Die Bedeutung der Inspirationslehre für 
die evangel. Kirche 1882. 



t 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 2. Das reform. Stadium. 177 

Bellarmin (De verbo Dei 1581, I, 4, 1), Antonius a matre Dei, Bernhard Lamy 
(Apparatus biblicus 1696, S 334) und Ellbes du Pin folgten, trotzdem dass 
Erasmus von der Sorbonne, Cajetan von Ambrosius Catharinus censirt worden 
waren und hierauf das Concil von Trient alle in Vulg. enthaltenen Bücher für 
kanonisch erklärt, jeden Unterschied zwischen Homologumena und Antilegomena 
aber verwischt hatte (Beschluss vom 8. April 1546, erneuert auf dem Vaticanum, 
de fide II, 4 vom 24. April 1870), wobei die von Bellarmin (I, 10) entwickelte 
Theorie maassgebend war, dass die Kirche auch Schriften, bezüglich welcher 
frühere Zeiten uneinig gewesen sind, ex communi sensu et quasi gustu populi 
christiani für kanonisch erklären kann. 

Auch die protestantische Kritik richtet sich zunächst unter Voraussetzung 
des dogmatischen Kanonbegriffes^) nur gegen den historisch gegebenen Umfang 
des Kanons. Insofern entspricht dem kanonbildenden Processe, welcher die 
ersten Jahrhunderte der katholischen Epoche ausfüllt, eine schwächere und 
rascher verlaufende Bewegung innerhalb der protestantischen Aera^), freilich 
ohne dass es schliesslich zu einem, die innere Differenz beider Confessionen zum 
klaren Ausdruck bringenden, äusseren Gegensatz in der Stellung gekommen 
wäre, welche man beiderseits zum neutest. Kanon einnimmt. 

Gleichwohl war die an der Tradition geübte Kritik schon bis in das, im 
Verlaufe derselben Tradition erst abgesteckte, Gebiet des Kanonischen hinein 
fortgesetzt worden, und das bei solcher Gelegenheit erstarkte historische Urtheil 
sollte im zweiten Stadium der protestantischen Kritik eine zuvor ungeahnte 
Tragweite finden, so dass zuletzt nicht blos der Umfang, sondern auch der 
Inhalt des Kanonbegriffes in Frage gestellt erschien. Die Namen Carlstadt 
imd Chemnitz mögen als bezeichnend für die erste Phase erscheinen, wie Semler 
und Baur für die zweite. 

2. Das reformatorische Stadium. 

Wie jede Concession das Ideal im Grunde aufhebt, so ist auch 
der Begriff des neutest. Kanons bereits erschüttert, wo man ihn 
durch Unterscheidung von Homologumenen und Antilegomenen, von 
protokanonischen und deuterokanonischen Schriften wieder gleichsam 
in das Stadium der Entwicklungskrankheiten zurückschraubt. An- 
sätze hiezu finden sich bei Andreas Bodenstein von Carlstaüt, 
dessen Libellus de canonicis scripturis (1520) ^) im Kanon zwar das 
providenzielle AVerk der Kirche erkennt, der geschichtlichen Er- 
innerung an sein Zustandekommen aber zugleich die Concession 
macht, Jac, 2 Pe, 2 und 3 Job, Jud, Hbr als catholica ano- 



*) Gewissermaassen theilen sich in die beiden Auffassungsweisen des Wortes 
Kanon (S 162 f) die protestantischen Symbole, indem die Concordienformel 
den Begriff der maa88ge])enden „Regel und Norm" vertritt, währeud reformirte 
(Gallicana 3, Belgica 4, Westminster Conf. I, 2) Verzeichnisse und Register der 
biblischen Bücher, die ja hier nicht blos als alleinige Richtschnur, sondern als 
ausschliessliche Quelle aller Lehre gelten, bringen. 

«) H. Holtzmann S 135 f, 402 f. 

■) Neu herausgegeben von Oredner, Zur Geschichte des K. S 291 f. 

Holtzmanu, Einleitang. 2. Auflage. \2 



178 Geschichte des Kanons. 

nyma aufeuführen, während Apc bereits auf der Grenze des Apo- 
kryphischen steht; alle 7 sind libri tertiae.et infimae auctoritatis, 
während Evglien den ersten, Plsbriefe den zweiten Rang einnehmen. 
Luther hat zwar auf die historische Bezeugung, beziehungsweise 
auf den Mangel einer solchen stets geachtet ; entscheidend war aber 
doch der subjective Eindruck, wenn der berühmte, in den späteren 
Asgn unterdrückte, Schluss der Vorrede zur Uebersetzung des NT 
von 1522 ^) Hbr, weil darin vielleicht Holz, Heu und Stoppeln auf 
den rechten Grund mit erbaut seien, den übrigen Episteln nicht 
gleicherachtet, in Jud die apokryphische Gelehrsamkeit notirt, Jac 
stracks wider St Pls und alle Schrift laufend findet und in Apc 
weder prophetischen noch apostolischen Geist anerkennt, ja über- 
haupt nicht spürbar findet, dass sie vom heiligen Geist gestellet sei. 
Doch gehen neben diesem sich wider den Inhalt auflehnenden Motiv 
auch literarhistorische, die Form in Anspruch nehmende Urtheile 
her, sofern Hbr eher von Apollos als von Pls herrühren könnte 
und Jud eine Abschrift von 2 Pe darstellt. Schliesslich bleiben 
für Luther als „rechte gewisse Hauptbücher" als „Kern und Mark" 
der Schrift noch Job, die Plsbriefe und 1 Pe übrig, also weniger 
sogar als der Urkanon von circa 200 enthielt ^). Im Allgemeinen 
ist der Standpunkt der Reformation durch Rückgang auf den 
Kanon des Eusebius und in Folge dessen durch mindere Werthung 
von Hbr, 2 Pe, 2 und 3 Job, Jac, Jud und Apc gekenn- 
zeichnet ^). 

Wiewohl der Schrift-Doctrinarismus und Traditionalismus die 
reformirte Theologie eigenthümlich kennzeichnet'*), begegnen ähn- 
liche Erscheinungen doch auch auf diesem Gebiete. Für Zwingli 
ist wenigstens Apc „nit ein biblisch Buch" •'). Oekolampadius stellt 
im Briefe an die Waldenser (1530) ausserdem auch die 5 kath. 
Briefe auf eine niedrigere Stufe, und ähnlich thut Bucer's Enar- 
ratio in Evangelia. Aber selbst Calvin, den eine mechanisch 
strenge Auffassung des Offenbarungscharakters der Bibel je länger, 

') Erlanger Ausgabe der Werke Luther's, Bd 63, S 154—170 : vgl. S 114 f. 

^) G. Frank, De Luthero rationalismi praecursore 1857. M. Schwalb, 
Luther, ses opinions religieuses pendant la premiere periode de la reforme 1866, 
S. Berükr, La bible au seizieme siecle 1879, S 70 f, 96 f. Nestle in Theol. 
Studien aus Württemberg 1884, S 31 f, 138 f. 

") H. Heppe, Dogmatik des deutschen Protestantismus im 16. Jahrh. I, 
1857, S 218, 229 f. 

*) Confessio Anglica, Art. 6: NT libros omnes ut vulgo recepti sunt 
recipimus. 

*) Ausgabe seiner Werke von Schuler und Schulthbss, II, 1, S 169. 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 2. Das reform. Stadium. 179 

desto ausschliesslicher beherrscht, spricht von 2 und 3 Joh nicht, 
während er 1 Joh den kanonischen Brief des Apostels nennt, hält 
2 Pe für nicht direct apostoHsch und bringt es, wie im Commentar, 
so auch in der Institutio nicht über sich, den Pls als Verfasser von 
Hbr anzuerkennen *). Während zu letzterem Urtheil noch die Theo- 
logen von Poissy (1561) stehen (Conf. Pis. art. 3) und einzelne Dog- 
matiker dieser Ersthngszeit von Antilegomenen sprechen^), ver- 
theidigte Beza, dem bereits alle neutest. Bücher wie kanonisch, so 
auch echt sind, den paulinischen Ursprung von Hbr (zumal seit 
1598), sowie den johanneischen von Apc, wiewohl er auch mit der 
Möghchkeit gerechnet hat, dass Apollos jenes, Johannes Marcus 
dieses Buch geschrieben habe. Im 17. Jahrh. kann man in der 
Lehre von protokanonischen und deuterokanonischen Büchern fast 
ein Unterscheidungsmerlonal der lutherischen gegenüber der refor- 
mirten Orthodoxie finden. Die reformirte Auffassung der neutest. 
Bücher als einer um ihres apostolischen Ursprungs willen unfehl- 
baren und in sich abgeschlossenen Lehrautorität ist zwar gelegent- 
lich auch von Luther, mit besonders doctrinärer Strenge aber von 
Melanchthon, ungeachtet zeitweiliger Annäherung an Luther's Ur- 
theile^), ferner von Major und überhaupt von der philippistischen 
Richtung geltend gemacht worden. 

Gleichwohl dauert es auf lutherischem Boden länger, bis der 
aus den ersten frischesten Zeiten der Reformation datirende Lnpuls 
völHg zum Stillstand gebracht ist. Im Gegensatze zu dem kritik- 
losen Verfahren des Tridentinismus haben Brenz (Confessio Würtem- 
bergica 1551) und die Centuriatoren (seit 1559, vgl. Cent. I, 2, 4) 
Jud und Jac verworfen, die Kanonicität von Hehr mehr oder weni- 
ger dahingestellt sein lassen , 2 Pe, 2 und 3 Joh angezweifelt. In 
Bezug auf Apc pflichtet Brenz sogar Luther bei. Am klarsten 
aber hat Martin Chemnitz (Examen concilii Tridentini 1565 — 
1573) die protestantische Theorie in der von Carlstadt gewiesenen 
Richtung entwickelt. Um die Kanonicität eines Buches zu erweisen, 
müsse man seine Herkunft von inspirirten Subjecten, d. h. Pro- 
pheten (AT) und Aposteln (NT), darthun, was nur an der Hand 
von Zeugnissen aus dem kirchlichen Alterthum geschehen könne. 
Hatte also die Tridentiner Synode Bücher, welche die alte Kirche 
für widersprochen oder für apokryphisch gehalten, kanonisirt, so 



^j Credner, Gesch. S 333 f. Beroer S 115 f. 
^) Heppe S 254. 
») Heppe S 222 f. 



12* 



180 Geschichte des Kanons. 

spottet er dieses Unternehmens, weil ubi desunt certae, firmae et 
consentientes primae et veteris ecclesiae testificationes, sequens eccle- 
sia, sicut non potest ex falsis facere vera, ita nee ex dubiis potest 
certa facere. Zwar nicht erst verKehen habe die alte Kirche den 
neutest. Büchern ihren kanonischen Charakter, wohl aber sei sie in 
der Lage gewesen, die Echtheit von 4 Evglien, 13 Plsbriefen, 1 Pe 
und 1 Joh zu constatiren. Auf Grund dieser Erwägung trägt der 
Mitverfasser der Concordienformel kein Bedenken, die 7 Antilego- 
mena als „Apokryphen" zwar nicht vom Kanon auszuschUessen, aber 
doch ihrer bisher geübten Lehrautorität zu entkleiden ^). Die gleiche 
Unterscheidung vertreten nicht blos Brenz, Flacius und die Cen- 
turiatoren, sondern auch die Zeugen der anhebenden Rechtgläubig- 
keit Urbanus Regius, Selnecker, Lucas Osiander, Aegidius 
HüNNiüS, Schröder, Hafenreffer, Hütter, Dieterich, ebenso 
Kirchenordnungen, wie die Strassburger von 1598 '^). Auch in der 
lutherischen Bibelübersetzung sind Hbr, Jac, Jud und Apc (2 Pe 
und 2 und 3 Joh waren nicht füglich von 1 Pe und 1 Joh abzu- 
trennen) als Schriften, die „vor Zeiten ein anderes Ansehen gehabt 
haben" , an das Ende des NT gestellt und im Inhaltsverzeichniss 
nicht wie die 23 übrigen numerirt worden (ebenso das engHsche 
NT Tyndale's). Die letzte Asg dieser Art ist von 1689, während 
schon seit 1603 Asgn erschienen, die alle neutest. Bücher numeriren. 
Ein Wittenberger Pacultätsgutachten von 1619 hält den Unterschied 
zwar noch aufrecht, aber schon Johann Gerhard erwähnt seiner 
doch blos docendi causa. Anstatt Apocrypha braucht er den Aus- 
druck Libri canonici NT secundi ordinis, und Quenstedt, Baier, 
Calov sprechen von deuterokanonischen Büchern. Stets wird er- 
klärt, es handle sich dabei nur um den zuMligen Umstand, ob die 
Autores secundarii sicher bekannt seien oder nicht, nur um frühere 
oder spätere Aufnahme in den Kanon, nur um einst vorhandene, 
jetzt aber überwundene Zweifel. Hollaz lässt daher die Unter- 
scheidung ganz fallen. 

Letzteres war insofern das Richtige, als die einstweilen auf die Spitze 
getriebene Mechanisirung des Inspirationsbegriffes jedweden Unterschied inner- 
halb des Kanons mindestens werthlos, wenn nicht gefährlich erscheinen Hess. 
Seither erwies sich die protestantische Theologie immer unfähiger, ihr eigenes 
Schriftprincip so klar zu durchdenken, dass dasselbe von dem Banne der Tra- 
dition wirklich erlöst wurde. Auf die von Johannes Eck (1525) und Albert 
PiauHK (1538) formulirte und katholischer Seits stets wiederholte Instanz, dass 
die Bibel ihre kanonische Autorität und ihre Abgrenzung gegenüber dem Un- 

») H. HoLTZMANN S 34 f, 137, 152. 
") Heppe S 243 f. 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 3. Die Uebergangszeit. 181 

kanonischen doch von derselben Kirche, die man sonst verwerfe, bezogen habe, 
ist man im Grunde die Antwort schuldig geblieben. Der Rückgriff auf die reli- 
giöse Erfahrungsthatsache , die Combination des Begriffes „Wort Gottes" mit 
dem Gedanken des Testimonium spiritus intemum, von wo aus eine Lösung zu 
finden gewesen wäre, erlitt vielmehr eben dadurch seine grösste Entstellung, 
dass diesem „Zeugnisse" schon von Calvin, lutherischer Seits wenigstens seit 
HuTTERUS und Aegidiüs Hunniüs die Vorstellung eines rein supernaturalcn Actes 
untergeschoben wurde, wodurch den Gläubigen die Autorität des Kanons in dem 
von der Kirche überlieferten Umfange enthüllt werde ^). Die aus den reforma- 
torischen Kundgebungen leuchtende freudige und unmittelbare Selbstgewissheit 
hinsichtlich dessen, was Christenthum heisst und in den neutest. Schriften wieder 
zu erkennen ist, war dahin. Um so mehr begehrte man sich an einen bis auf 
den Buchstaben feststehenden, in allen seinen Theilen gleichmässig garantirten 
Kanon zu klammem und jede höhere wie niedere Kritik als Versuchung des 
Argen zu verdächtigen und abzuwehren. 

3. Die Uebergangszeit. 
Der Bann dieser Verquickung historischer und dogmatischer 
Urtheile konnte nur sehr aUmähch gelöst werden. Einen erstmaHgen 
Anstoss gaben Arminianer; so traten bei Hugo Grotiüs (Adno- 
tationes in NT 1641 — 46) Bedenken auf gegen 2 und 3 Joh, 
Bestreitung der unmittelbaren Abfassung von Hbr durch Pls, Zu- 
rückführung von 2 Pe und Jud auf jerusalemische Bischöfe. Die 
darüber aufgebrachten protest. Kanonswächter (Abraham Calov, 
Criticus sacer bibhcus 1673) haben es verschuldet, wenn die Conti- 
nuität der wissenschaftlichen Bemühungen eine Zeit lang nur bei 
iJuden, Katholiken imd von der Kirche emancipirten Protestanten 
gewahrt erscheint ^). Freigebung der Kritik hat Spinoza (Tractatus 
theologico-politicus 1670) gefordert, und praktischen Gebrauch da- 
von machten Deisten und deutsche Freigeister. Die kath. Kirche 
aber konnte wenigstens äussere und niedere Kritik vertragen. Der 
schon um 1587 von den Jesuiten Leonhard Less und Johannes 
Hamel in Löwen, Eobert Bellarmin in Rom bestimmt wahr- 
genommene Vortheil, von den Fesseln der prot. Verbalinspiration 
befreit zu sein, hat sich bei den französischen Gelehrten Richard 
Simon (f 1712), du Pin (f 1719) und Huetius (f 1721) speciell 
für unsere Disciphn fruchtbar erwiesen. Dafür hatte man freilich 
um so sorgsamer den Standpunkt der Tradition zu wahren, und so 
opcrirt auch ihre Kritik fast ledighch mit äusseren Zeugnissen. Nur 
wo Simon in der kath. Kirche selbst angesehene Vorgänger hat, 



») Schenkel S 146 f. 

'') Vergl. für den Kampf auf reformirtcm Gebiet E. Rabaud, Histoire de 
la doctrinc de rinspiration des saintcs ccritures dans Ics pays de languc fran9ai8e 
de la reformc ä nos jours 1883. 



]^g2 Geschichte des Kanons. 

fällt er rückhaltlose Urtheile. Gleichwohl fanden Bossuet und kath. 
Gegner die Lehre von der Tradition gefährdet. Mit mehr Grund 
glaubten Protestanten wie der Giessener Theologe J. H. Mai (Examen 
historiae criticae textus NT a R. Simone vulgatae 1694; Repe- 
titum examen 1699, 2. Afl 1708) ihr Schriftprincip gegen die 
Neuerung sicher stellen zu müssen. Der denselben Standpunkt ver- 
tretende Dortmunder J. W. Rump wurde durch den Tod gehindert, 
seiner nicht unbedeutenden Commentatio critica ad libros NT in 
genere (1730, 2. Afl 1757) eine Kritik der einzelnen Bücher folgen 
zu lassen. Schon damals hatte das Wiederaufleben orientalischer 
Studien das kritische Material vermehrt und die theologische Welt 
genöthigt, wenigstens am Detail des Textes zu lernen, was kritische 
Methode heisst. Von der seit Mill nicht mehr abzuleugnenden 
Thatsache verschiedener Lesarten nahm die kritische Richtung Anlass 
zu nachhaltiger Thätigkeit. Zwar sah Bengel jedwede Differenz 
der Lesarten als ein Accidens an und tröstete sich damit, dass ol 
XÖYoi xat la ndd'ri davon unberührt bleiben und ein über das Ganze 
ergossenes rfioc, quoddam delicatissimum et subtilissimum decorum 
die Unsicherheit des Wortlautes vergessen mache: aber die spätere 
Unterscheidung zwischen Schrift und Wort Gottes war damit im 
Grundsatze schon gegeben*). 

Aber nur mit dem Material der Handschriften, Uebersetzungen 
und sonstigen Hülfsmittel für Wiederherstellung des Textes befasste 
sich die sog. niedere Kritik, wie der fromme Bengel und der pro- 
fanere Wettstein sie übten. Selbst letzterer vermochte das Ge- 
wicht der gegen die pauHnische Abfassung von Hbr zeugenden 
Gründe nicht zu fassen. Die sog. höhere, die innere Kritik ist 
durchaus ein Erzeugniss derjenigen protestantischen Wissenschaft, 
w^elche sich von jeder dogmatischen Beeinflussung des Urtheils 
grundsatzmässig befreit hatte. Das Epoche machende Werk von 
J. D. Michaelis gilt zwar noch den „göttlichen Schriften des neuen 
Bundes", aber seine zwischen 1750 und 1788 erscheinenden 4 Auf- 
lagen stellen auf handgreifliche Weise dar, wie vollständig damals 
die sich selbst beglaubigende Majestät des altprotest. Schriftideals 
in die Brüche zu gehen drohte. Nur nachweisbar von Aposteln 
verfasste Bücher sollten jetzt wieder inspirirt sein; die Schriften von 
Apostelschülern bringen es nur zu Zeugnissen der Kirche für ihre 
Inspiration. Nach dieser Regel wird Jud für unkanonisch erklärt 
und muss sich Apc mit sehr unsicheren Ansprüchen begnügen. Die 



») Baur ThJ 1850, S 509, 511. 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 4. Von Semler zu Baur. 183 

Inspiration historischer Bücher vollends fällt schliesslich ganz dahin 
(4. Afl S 78 f), so dass wir uns hinsichtHch der EvgUen wieder 
auf den Standpunkt eines Papias oder Justin zurückversetzt sehen. 
Bezüglich des „innerhch gefühlten Zeugnisses des heiligen Geistes" 
bekennt er seine persönhche Unerfahrenheit (S 81). Zur selben 
Zeit machte Lessing der Orthodoxie den Cirkel ihres Schiift- 
beweises abermals fühlbar '), und der Eindruck, welchen der Gedanke 
übte, dass man sich gegen die Tradition auf einen Kanon stützte, 
den man doch der Tradition verdanke, -bewies, wie wenig man seit 
mehr als 200 Jahren vom Fleck gekommen war. 

4. Von Semler zu Baur. 
Johann Salomo Semler in Halle (f 1791) hat durch zahlreiche 
Schriften, darunter für uns die „Abhandlung von freier Untersuchung 
des Kanon" (1771 — 75) obenan steht, der üterarischen Kritik erst- 
maUg einen festen Bestand im theologischen Bewusstsein der Zeit 
verschafft, indem er dasselbe Recht, dessen sich die alte Kirche bei 
Aufstellung ihrer Kanonverzeichnisse und Luther bei seinen ab- 
schätzigen Urtheilen über einzelne Bücher bedienten, als der protest. 
Kirche unveräusserhch in Anspruch nahm. Demgemäss lehrte er 
die Verfasserschaft nach historischen Analogien und innerer Wahr- 
scheinlichkeit aus dem literarischen Product selbst bestimmen und 
kam auf diesem Wege zu deuthcher Wahrnelimung des gegensätz- 
lichen Verhältnisses von paulinischem und jüdischem Christenthum, 
während ihm die kath. Briefe als Ausgleichungsversuche erschienen. 
Am meisten überraschte das Resultat, dass der Apostel Johannes, 
wenn er das 4. Evglm geschrieben hat, unmöghch auch Verfasser 
von Apc sein könne. Schon Emesti und Storr sahen in der gegen 
Apc gekehrten Lösung des Dilemmas den Anfang eines vÖHigen 
Umsturzes. Gleichwohl hat wie jene von Semler gestellte Alter- 
native, so auch seine Beurtheilung von Stellen wie Job 5, 4. 7, 
53 — 8, 11. 1 Job 5, 7. Rm 15 und 16 bis auf den heutigen Tag 
nichts an Gewicht verloren. Er brachte femer die Bedenken gegen 
die unmittelbare Abfassung von Hbr durch Pls, von 1 Pe durch 
Petrus in Gang, verlegte 2 Pe und Jud tief in das 2. Jahrb. herab 
und hob das Ansehen hervor, in welchem ursprünglich auch un- 
kanonische Evglien standen. Mit der äusseren zeitlichen Einheit 
fiel aber zugleich auch die innere, der übernatürliche Ursprung und 
schlechthin autoritative Charakter solcher Scliriften. Li keiner Be- 



•) Ausgabe seiner Werke von Lachmann (Maltzahn) X, S 15, 129 f, 230 f. 
XI, 2, S 121 f, 182 f, 187 f, 231 f. 



]^g4 Greschiclite des Kanons. 

Ziehung ist der Kanon ein Totum homogeneum. Recht mit Fleiss 
suchte Semler in seinen Bestandtheilen stets das Zufällige, das local 
und zeitHch Bedingte, zumal das „Judenzeride" aufzuweisen, welches 
unmöglich mehr dogmatisch bindend für Christen sein könne, wäh- 
rend der kanonische Werth der Schrift auf das, was zur „geist- 
hchen Ausbesserung" dient, zu reduciren sei. 

Als erste Gegenwirkungen erschienen Kleuker's „Ausführliche Unter- 
suchungen der Gründe für die Echtheit und Glaubwürdigkeit der schriftlichen 
Urkunden des Christenthums" (1788—1800) und das neutest. Handbuch (1794), 
wie Lehrbuch (1802) von Hänlein, sofern darin kritische Anwandlungen zwar 
stets auftauchen, als letztes und durchgehendes Interesse aber das Streben zur 
Geltung gelangt, den historischen Bestand des Kanons zu rechtfertigen. Antile- 
gomenen gibt es zwar, aber die höhere Wahrscheinlichkeit spricht doch immer 
für die Echtheit, zumal da der Beweis für letztere noch summarisch geleistet 
wird: im ganzen Alterthum existiren keine bezeugteren Schriften, keine glaub- 
würdigeren als die neutest. u. s. w. Auch Johann Ernst Christian Schmidt 
(seit 1804) kennt zwar beinahe schon deuteropaulinische Briefe (2 The und 1 
Tim), beschränkt aber doch schliesslich das abgünstige Urtheil auf 2 Pe. Ein 
um so bemerklicherer Fortschritt auf der von Semler eröffneten Bahn war es, 
wenn nun Eichhorn (seit 1804) sich unabhängig von jeder Tradition stellte und 
ein rein empirisches Verfahren einleitete ; „Die Schriften des NT wollen mensch- 
lich gelesen und menschlich geprüft sein." Menschlich zugegangen ist es wie 
bei ihrer Entstehung, so bei ihrer Sammlung. Die spätere Kirche konnte den 
um die Mitte des 2. Jahrhunderts entstandenen Kanon zwar erweitern, den 
nachträglich angeschlossenen Briefen darum aber nicht denselben Grad von 
apostolischer Authentie verleihen. So erweisen sich in der brieflichen Literatur 
2 Pe und Jud als unecht, Tim und Tit aber sind wenigstens der Form nach 
unpaulinisch. Hinsichtlich der synopt. Evglien vollends blieb von der alther- 
gebrachten Ansicht kein Stein auf dem anderen. Sie selbst haben sich als 
kanonische Stücke erst spät aus der grossen Masse von Evglien, die im 2. 
Jahrh, cursirten, abgelöst, gehen aber zuletzt zurück auf ein ältestes, einheit- 
liches Urevglm. Die berühmte Hypothese von letzterem wurde sofort von dem 
Cambridger Professor Herbert Marsh cultivirt in seinen Zusätzen zu der 
Uebersetzung der 4. Asg des Werkes von Michaelis (1793, deutsch von E. F. 
K. Rosenmüller, Marsh's Anmerkungen und Zusätze zu Michaelis Einleitung, 
2 Bde 1795—1803). 

Den nächsten Gegenschlag zu Eichhorn's Auftreten bildet Hug (1808), 
sofern er bewusst oder unbewusst immer die Tradition vertritt, ein getreuer 
Repräsentant der mit Compilation kirchlicher Zeugnisse operirenden kath. Kritik 
trotz aller scheinbaren Freiheit und Eleganz der Bewegung. Hier wird Alles 
mit Anstand und Würde auf die altherkömmliche Ansicht von der Sache zurück- 
geführt, als hätten nur augenblickliche Vergessenheit und pseudokritische 
Pfuscherei je davon abzuführen vermocht. Nicht blos Evglien und Plsbriefe 
erfahren eine aTcoxataoTaaK; rtdcvtcov, sondern auch Hbr bleibt paulinisch, die 
kath. Briefe sind gerade in der Ordnung geschrieben, wie sie im Kanon stehen 
und den Schluss bildet in erfreulichster Weise Apc als unter Domitian entstan- 
denes, letztes apostolisches Werk. 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 4. Von Semler zu Baur. 185 

Während Leonhard Bertholdt's Einleitung (seit 1812) nur eigenthüm- 
lich gekennzeichnet ist durch die Caprice, für möglichst viele Schriften des 
NT aramäische Originale anzunehmen, bietet H. A. Schott (1830) in glattem 
lateinischem Ausdruck eine Reihe haltloser Vermittelungen zwischen traditio- 
nellen Vorstellungen und kritischen Instanzen. So hat ein Apostelschüler im 
Auftrage des Pls die Pastoralbriefe geschrieben. Mit demselben glücklichen 
Griffe werden auch die Schwierigkeiten gehoben, die bereits wegen 2 Pe oder 
Joh 21 geltend gemacht waren; der Apokalyptiker habe fragmenta quaedam 
visionum ex apostoli et mente et calamo profecta zur Grundlage genommen. 
Aber selbst das Urtheil de Wette's (f 1849) schwankt von einer Auflage zur 
anderen hin und her, so dass sein, den jeweiligen Stand der Wissenschaft in den 
dreissiger und vierziger Jahren treu darstellendes, Lehrbuch zum sprechenden 
Spiegel für die noch jugendlich unbeständige Kritik jener Periode geworden 
ist. Dem Zweifel wird von dem unbestechlichen Wahrheitssinn des Gelehrten 
durchweg seine volle Berechtigung eingeräumt und versichert, die Kirche könne 
davon nichts befürchten, wenn der Kritiker völlig vorurtheilslos zu den Urkunden 
über ihren Ursprung sich verhalte. Aber eben desshalb fällt dieser Kritik auch 
fast mehr nur die formale Aufgabe zu, den Forschungstrieb rege zu erhalten; 
ihre Untersuchungen sind Uebungsstätten für den gelehrten Scharfsinn der 
Theologen. Diese aber lehrt der Verfasser an seinem eigenen Beispiel, wie man 
bei aller kritischen Stimmung zuletzt doch in der Hauptsache bei solchen Er- 
gebnissen anzulangen vermöge, welche recht wohl mit den traditionellen Vor- 
stellungen vereinbar erscheinen. Nahm er doch in Bezug auf 2 The und im 
Grunde auch auf Joh später seine eigenen Zweifel wieder zurück, wie er über- 
haupt aus den Reihen der „gefährlichen Stürmer" sich zuletzt für zurückgedrängt 
erklärte in diejenigen der „conservativen Kämpfer". Zwar Apc hielt er dauernd 
für unjohanneisch, Tim und Tit für unpaulinisch, 2 Pe für unecht, 1 Pe und Jac 
für verdächtig. Aber diese Bedenken haften doch immer nur an Einzelheiten, 
wirken darum nicht nachhaltig. Selbstständiges hat de Wette hauptsächlich 
bezüglich Eph, Tim und Tit, am wenigsten dagegen bezüglich der Evglienfrage 
geleistet. 

Noch ehe er in theilweisem Anschlüsse an de AVette die Einleitung im 
Ganzen behandelte, hat Schleiermacher in seinen Arbeiten „über den sog. 
ersten Brief des Pls an den Timotheos" (1807) und „über die Schriften des 
Lucas" (1817) beredte Vertheidigungen des Rechtes der Kritik geliefert, welches 
gerade von dem reinsten Glauben um so unbedingter anerkannt sein wolle, als 
doch Niemand, der Göttliches glauben will, Täuschungen, alte oder neue, fremde 
oder eigene, glauben wolle. Auch in der „Einleitung" hält er 1 Tim für ent- 
schieden unecht, Eph wenigstens für verdächtig; die kath. Briefe sind mit Aus- 
nahme von 1 Pe und 1 Joh unecht oder verdächtig; die synopt. Evglien erst 
um die Wende des 1. Jahrh. abgcfasst; Act nur ein Aggregat von Gemeinde- 
nachrichten und Reiseberichten, unmöglich apostolisch. Eine durchgeführte 
Grundansicht tritt nicht hervor, um so mehr Vorliebe für das 4. Evglm. Aehn- 
lich steht es bei dem früheren Credner (1836). Die Pastoralbriefc sollen sowohl 
echt als unecht sein, Joh und 1 Joh sollen vom Apostel, 2 und 3 Joh sowie 
Apc vom Presbyter Johannes sein, der aber wieder unter dem Einflüsse des 
Apostels stand. Gegen 1 Pe und Jac, aber auch gegen Eph hat er nichts 
Triftiges einzuwenden. 



186 Geschichte des Kanons. 

5. Die Tübinger Schule. 
Die Gegenwart beginnt noch immer mit dem ersten Erscheinen 
des „Lebens Jesu" von Straüss (1835). Denn darin, dass alles 
Bisherige Stückwerk und mehr oder minder unsicheres Experiment 
sei, fanden sich bald auch unter den Gegnern die Urtheilsfähigen 
zusammen. Andererseits leistete Strauss selbst bezüglich der Lösung 
der sog. Einleitungsfragen so gut wie nichts Neues. Theils galt 
es daher nunmehr das Unzureichende der von ihm blos beiläufig 
geübten Quellenkritik auszugleichen und neben dem Allgemeinen des 
sagenhaften Inhaltes auch ein Auge zu gewinnen für das Besondere 
der Evghen nach ihrer Anlage und Abzweckung; theüs aber musste 
man sich auch sagen, dass wir über dieselben Gegenstände, denen 
diese Schriftwerke gewidmet sind, noch ältere und unmittelbarere 
Zeugnisse im NT besitzen. Endlich lag es auch nahe, die bezüg- 
lichen Angaben der kirchlichen Schriftsteller und die ausserkanoni- 
schen Ueberreste der ältesten Literatur zu Eathe zu ziehen, um auf 
diesem Wege blos negative Resultate durch positive zu ergänzen. 
Hier ist der Punkt, wo die Untersuchungen der sog. Tübinger 
Schule eingreifen, welche zuerst ein compactes Werk auf dem Boden 
unserer Disciplin aufgebaut hat. Der Begründer dieser Schule 
Ferdinand Christian Baur (f 1860) hatte nicht sowohl wie 
Strauss von der Philosophie, als vielmehr von der Geschichte, seinen 
Ausgangspunkt genommen und schon, bevor Strauss an die Kritik 
der Evglien gegangen war, die Kritik des NT von dem anderen 
Hauptpunkte aus begonnen, indem er in den Plsbriefen die un- 
mittelbarsten und ältesten Urkunden des Christenthums untersuchte. 
Auf sie war er im Verlaufe seiner Studien über die Gnosis geführt 
worden durch seine Forschungen über die dem römischen Clemens 
zugeschriebenen HomiHen. In diesen nämlich glaubte Baur einen 
schroffen Gegensatz zwischen judaistischem und paulinischem Christen- 
thum zu entdecken, von dem sich nicht einsehen Hess, wie er in der 
vorangegangenen apostolischen Epoche kleiner gewesen sein mochte. 
Er untersuchte daher das Verhältniss des Pls zu den älteren 
Aposteln genauer und fand, zumeist an der Hand der Korinther- 
briefe, dass man sich von dem apostolischen Zeitalter insgemein ein 
falsches Bild mache. Dasselbe könne auf keinen Fall jene goldene 
Zeit ungestörter Harmonie gewesen sein, wofür man es gewöhnlich 
ausgibt. Vielmehr erhelle aus den eigenen Aussagen des Paulus 
der Beweis tiefgehender Gegensätze und lebhafter Kämpfe, welche 
dieser Apostel mit der judenchristhchen Partei und auch mit den 
älteren Aposteln zu bestehen hatte. Damit war unter allen Um- 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus, 5. Die Tübinger Schule. 187 

ständen eine concretere Anschauung vom Inhalte der ersten Lebens- 
frage des Christenthums, von seinem Verhältnisse zum Judenthum 
imd von den Wandlungen, die es auf dem Uebergange auf heidni- 
schen Boden erfahren hat, gewonnen. Diese Anerkennung haben 
Sachkundige auch dann nicht versagt, wenn sie sich keineswegs ein- 
verstanden wussten mit dem angedeuteten Schema allgemeiner Ge- 
schichtsconstruction. Letzteres ist schon angebahnt in seinem Pro- 
gramm über die Rede des Stephanus (1829) und ausgeführt in der 
Abhandlung: „Die Christuspartei in der Korinthischen Gemeinde" 
(ZTh 1831, 4, S 61 f mit Nachtrag von 1836, 4, S 1 f). Dann 
kam es bei Gelegenheit seiner Untersuchungen über die Gnosis zur 
Herausgabe seiner Schrift über „die Pastoralbriefe" 1835. Er ging 
hier aus von Schleiermacher's Bestreitung von 1 Tim, dehnte aber 
die Zweifel auf aUe 3 Briefe aus und suchte sie aus den übrigen 
uns bekannten Verhältnissen der älteren Kirchengeschichte, d. h. 
aus den Parteitendenzen, welche im Laufe des 2. Jahrb. das bewe- 
gende Princip der sich gestaltenden kath. Kirche waren, zu erklären. 
Weitere Folgerungen aus dem hiermit gewonnenen Standpunkte 
ziehen seine Abhandlungen „über Zweck und Veranlassung des 
Römerbriefes" (ZTh 1836, 3, S 59 f) und „über den Ursprung 
des Episkopats" (ebend. 1838, 3, besonders S. 141 f). Dazu kam 
seine kritische Analyse der Apostelgeschichte, deren Widersprüche 
mit den Plsbriefen er ins Auge fasste, um schhesslich in Act eine 
irenische Parallehsirung des petrinischen und des paulinischen Stand- 
punkts zu finden. Alle Resultate fasst er zusammen in seiner 
1. Hauptschrift „Paulus, der Apostel Jesu Christi" (1845, 2. Afl 
1866 — 67), in welcher blos die 4 Briefe Rm, Cor, Gal echt bleiben. 
Gegen alle übrigen lagen Verdachtsgründe vor, die sich nach ver- 
schiedenen Seiten verfolgen und zuletzt zu der schon feststehenden 
Gesammtanschauung vereinigen Hessen. In der Folge suchte Baur 
auch die anderen neutest. Bücher aus jener Differenz heraus als 
Parteischriften irenischer oder polemischer Art zu erklären. Schon 
1844 drehte er die bisherige Betrachtungsweise der Differenzen 
zwischen den 3 ersten Evghen und dem 4. geradewegs um, indem 
er Joh für eine rein ideale Composition ohne gescliiclitlichen Halt, 
für eine nachapostolische Idealisirung der von den Synoptikern in 
ursprüngUcherer Form überlieferten evangelischen Geschichte er- 
klärte. Seine hierauf bezügliche Hauptschrift „Kritische Unter- 
suchungen über die kanonischen EvangeUen" (1847), wozu als An- 
hang erschien die Schrift über „das Markus-Evangelium" (1851), 
gellt von dem Satze aus, dass ein Evglm um so weniger für histo- 



188 Greschichte des Kanons. 

risch gelten könne, als eine bestimmte schriftstellerische Tendenz 
sich darin zu erkennen gibt ; mit diesem Maassstabe gemessen, offen- 
baren sich sogar die Synoptiker, namentlich Mt und Lc, als Tendenz- 
schriftsteller, wenn gleich in geringerem Grade als Job. Die kath. 
Briefe erweisen sich nicht minder als unecht; Apc rührt dagegen 
vom Apostel Johannes her. Die Resultate aller dieser Unter- 
suchungen fasste er zusammen im 3. Hauptwerke „Das Christen- 
thum und die christhche Eorche der drei ersten Jahrhunderte" 
(1853, 3. Asg 1863). 

Ihren Ausgangspunkt nahm somit diese Kritik nicht sowohl in 
einer kritischen Betrachtung des Lebens Jesu, von dem wir so gut 
wie nichts erfahren, als vielmehr in der Annahme, dass schon die 
Apostel und das apostoHsche Zeitalter durch den Gegensatz des 
Judaismus und des PauHnismus, einer particularistischen und einer 
universalistischen, einer alttestamentlich-gesetzlichen und einer freieren 
Auffassung des Christenthums getheilt waren : ein Gegensatz, welcher 
im Grunde auf allmäliger Versetzung des rein praktischen Stand- 
punktes des ursprünghchen Christenthums mit einer dasselbe uni- 
versalirenden Speculation beruhte. Allmälig gleicht sich die Span- 
nung, welche das Leben des Pls ausfüllte, ohne mit einem Siege 
desselben zu enden, unter mancherlei Kämpfen und unzureichenden 
Yermittelungen aus, um endlich in der kath. Kirche und ihrer Dog- 
matik ihre Endschaft zu erreichen. Das Christenthum erscheint als 
Gesetz vom Judenthum aus; aber nicht als jüdisches, sondern als 
allgemein gültiges Sittengesetz vom paulinischen Universalismus aus. 
Vorzugsweise durch die Stellung, welche sie zu diesem katholischen 
Friedensvertrag und vorher zu dem, darin zum Abschlüsse ge- 
diehenen, bürgerlichen Kriege einnahmen, bestimmte sich über 100 
Jahre lang der dogmatische Charakter der Einzelnen uud der Par- 
teien. Die Denkmale des Kampfes und der Vermittlungen, durch 
die er beendigt wurde, liegen vor in der kanonischen und ausser- 
kanonischen Literatur des ältesten Christenthums. Jedes Stadium 
des Wegs, welchen die Kirche in ihrer Entwickelung zurücklegt, 
ist nämUch durch Schriftwerke bezeichnet, von denen ein Theil, mit 
dem Namen von Aposteln und Apostelschülern theils mit Recht, 
theils aber auch mit Unrecht geschmückt, in der Folge als neutest. 
Sammlung dem heiligen Codex der Juden an die Seite gestellt 
worden ist. Diese Art der Betrachtung nannte Baur die positive 
Kritik im Gegensatze zu der blos negativen de Wette's. Erst durch 
solche positive Kritik erscheine der Gegenstand in seiner reinen 
Objectivität; erst sie zeige, wie eine Schrift im Geiste ihres Urhebers, 



V. Kap. : Der Kanon und der Protestantismus. 6. Die kritische Richtung. 189 

nicht aber ihres gläubigen Betrachters erscheine (ThJ 1850, S 481 f). 
Durch Uebung solcher positiven Kritik müsse die Einleitungswissen- 
schaft ihren fonnahstischen Charakter verHeren und einen reellen 
Gehalt gewinnen. Und zwar zerfallt diese literarische Entwickelung, 
welche den Stoff unserer DiscipUn bildet in 3 Perioden, welche auch 
in der „Neutestamenthchen Theologie" (1864) wiederkehren. Die 
erste reicht bis zur Zerstörung Jerusalems und umfasst die Pls- 
briefe, soweit sie echt sind, einerseits, die Offenbarung des Johannes 
andererseits. Hier stehen sich ebjonitisches Urchristenthum und 
Paulinismus noch in grösster Weite gegenüber. Eine 2. Periode 
umfasst die nächsten 70 Jahre und stellt zunächst die Entstehung 
der beiden grossen Evglien Mt und Lc dar, die sich auf den 
jüdischen Krieg unter Hadrian beziehen sollen. Ferner gehören 
Act und Mr, nicht minder aber auch Hbr und die pseudopaulini- 
schen, schliesslich auch die kath. Briefe in diesen Zeitraum, der 
sich dadurch charakterisirt, dass der erste Schritt zur Milderung 
des ursprünglichen Gegensatzes von Seiten des Judenchristenthums 
gethan wird, indem dieses, durch die Erfolge der Heidenmission 
belehrt, die Forderung der Beschneidung fallen lässt. Aber auch 
der Paulinismus hatte ein Interesse, die Kluft, die ihn vom Juden- 
thum trennte, soviel als möglich auszufüllen, für welches Einigungs- 
bestreben namentlich Eph und Col Zeugniss ablegen. Endlich voll- 
zieht sich in der 3. Periode unter Ausscheidung der ebjonitischen 
und gnostischen Extreme der definitive Abschluss, und zwar praktisch 
in der römischen Gemeinde und ihrer Losung „Petrus und Paulus", 
theoretisch und ideell im 4. Evglm. Diese von 140 datirende Periode 
umfasst also die Schriften, welche den Kanon schliessen, d. h. 
Pastoralbriefe und johanneische Literatur. 

6. Die kritische Richtung. 
An den Arbeiten des Meisters betheiligten sich allmälig die 
Schüler. Dahin gehört vor Allen E. Zeller, welcher von 1842 
bis 1857 die „Theologischen .Jahrbücher" zuerst allein, seit 1848 
in Verbindung mit Baur herausgab. Diese, an die Stelle der 1840 
eingegangenen älteren Tübinger Zeitschrift getretene, Unternehmung 
umfasst 16 Bde, welche zum grössten Theil mit Material zur neutest. 
Einleitung gefüllt sind. Am bedeutendsten sind Zeller's Leistungen 
auf dem Gebiete von Act (zusammengefasst 1854); andererseits hat 
er durch lichtvolle Gesammtdarstellungen und Uebersichten für die 
Verbreitung der Tülnnger Resultate innerlialb weiterer Kreise ge- 
wirkt (Vorträge und Abhandlungen gescliichtlichen Inhalts 1865, 



190 Geschichte des Kanons. 

2. Afl 1875). Den ersten Versuch zu einer solchen Zusammen- 
fassung der Baur'schen Annahmen zu einem . grossen Geschichtsbilde 
hatte schon vorher A. Schwegler (-[- 1857) gemacht in seiner 
Schrift „Das nachapostolische Zeitalter in den Hauptmomenten seiner 
Entwickelung" (1846), einem Programm der Schule, welches zwar 
etwas rasch gearbeitet ist, daher auch im Einzelnen noch manche 
empfindhche Lücken darbietet, dafür aber in mehreren Punkten des 
Meisters Arbeiten selbst vorangeeilt ist. Hierher gehören ferner 
die anregenden , Schwegler's vorgeschobenste Positionen mehr 
oder weniger aufgebenden Specialarbeiten (in ThJ) von C. Planck, 
L. Georgii und Karl Reinhold Köstlin. Insonderheit aber 
haben von hier ihren Ausgangspunkt genommen und sind den kriti- 
schen Ansichten der Schule in weiterem Sinne getreu geblieben 
Adolf Hilgenfeld in Jena und Gustav Yolkmar in Zürich, von 
welchen der Erstere die Aufstellungen Baur's möglichst zu ermässigen 
suchte, während der Zweite sie noch mannigfach überbot. Von 
Letzterem rührt eine lange Reihe verdienstvoller und scharfsinniger 
Arbeiten auf dem Gebiete der apokryphischen, apokalyptischen und 
evangelischen Literatur her. Dagegen war es wohl keine günstige 
Verknüpfung der Umstände, welche ihn sofort mit zusammenfassenden, 
das Ganze behandelnden, Schriften beginnen Hess. Dahin gehören 
seine „Religion Jesu" (1857) und die „Geschichtstreue Theologie" 
(1858). Die Evglien erscheinen hier als Tendenzschriften, deren 
Elemente fast ausschliessHch in den Erfahrungen der christlichen 
Kirche zu suchen sind; sie enthalten nicht sowohl eine Geschichte 
Jesu, als vielmehr eine Geschichte seiner Gemeinde und ihrer Partei- 
streitigkeiten, Entwickelungszustände und Begriffsbildungen. Echtes 
ist bis in's Jahr 150 nichts producirt worden als 4 Plsbriefe und 
3 Schriften Justin's. Dafür hat Volkmar besonders die Zeiten 
Trajan's und Hadrian's mit einer aus alttest. apokryphischen, neu- 
test. kanonischen, endlich auch aus pseudepigraphischen Schriften 
bestehenden Literatur ausgestattet. Eine Uebersicht über die Resul- 
tate seiner Forschungen gibt in seinem 1876 erschienenen Nach- 
wort zum Werke „Die Evangelien oder Marcus und die Synopsis" 
(1870) das chronologische Register über die altchristliche Literatur 
(S 27 f, vgl. auch „Jesus Nazarenus und die erste christhche Zeit" 
1882, S 7 f , 19 f). Praktisch wirksam wurde diese originelle Auf- 
fassung besonders durch den ungetheilten Beifall, welchen sie bei 
Heinrich Lang fand, dessen „Zeitstimmen aus der reformirten 
Kirche der Schweiz" (1857 — 71) Vieles zu ihrer weiteren Verbrei- 
tung beitrugen. Ebenso hält sich in England der Verfasser von 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 6. Die kritische Richtung. 191 

Supernatural religion (vgl. oben S 93) mit Vorliebe an Volkmar, 
überhaupt an die weitgehendsten Vertreter der kritischen Richtung 
in Deutschland. 

Adolf Hilgenfeld gibt seit 1858 die „Zeitschrift für wissen- 
schaftHche Theologie" heraus, welche als Fortsetzung von ThJ gilt. 
Seine „Einleitung" (1875) überhebt uns der Pflicht, der Gestalt, 
welche die neutest. Probleme bei diesem Forscher eingenommen 
haben, in den zahlreichen Veröffentlichungen, welche seit 1849 vor- 
fc^ liegen, nachgehen zu müssen. Schon in der Evglienkritik ist ihm 
I „die Tendenz nicht mehr Eins und AUes", wie er denn von jeher 
seine, die ganze Eigen thümlichkeit dieser Schriftwerke berücksich- 
tigende und darnach ihre Stelle in der dogmatischen Entwicklung 
bestimmende, Kritik als die „literarhistorische" der Tübinger „Ten- 
denzki'itik" gegenüber gestellt hat. Das Urchristenthum habe nicht 
aus reinem Ebjonitismus bestanden und im Verhältnisse des Pls zu 
den Uraposteln dürfe die gemeinsame Grundlage nicht verkannt 
werden; auch werden den 4 Hauptbriefen noch 3 weitere echte 
Stücke (1 The, Phl, Phm) beigefügt. Die Entstehung der kath. 
Kirche aber lässt sich nicht einfach auf dem Wege einer allmäligen 
Abstumpfung des paulinisch-judaistischen Gegensatzes ableiten, son- 
dern zu beiden Richtungen ist als ein 3. Factor die gn ostische Be- 
wegung getreten, in deren mächtigem Andrang die sich bekämpfenden 
älteren Parteien das Hauptmotiv zur Einigung fanden. Auch das 
NT nimmt in seinen letzten Schriften (Col, Eph, Tim, Tit) an 
dem grossen Geisterkampfe Theil, den die Gnosis heraufbeschworen 
hatte, und auf ihrer Spitze ist diese speculative Wendung, welche 
der Paulinismus im 2. Jahrh. genommen hat, im 4. Evglm an- 
gelangt. 

Eine fast ganz isohrt dastehende Episode in der Geschichte 
der neutest. Kritik bildet die theologische Schriftstellerei von Bruno 
Bauer (-j- 1882). Der früheren Periode gehören an die „Kritik 
der evangelischen Geschichte des Johannes" (Bremer Asg 1840) 
und „Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker" (Leipziger 
Asg 3 Bde 1841—42, 2. Afl 1846), „Kritik der Evglien und Ge- 
schichte ihres Ursprunges" (Berliner Asg 4 Bde 1850 — 52), „Die 
Apostelgeschichte" (1850) und „Kritik der pauhnisclien Briefe" 
(3 Bde 1850 — 52). Wenigstens die zuerst erschienenen unter diesen 
Werken haben seiner Zeit ein ungeheures Aufsehen erregt und dem 
Verfasser den Ruf eines kritischen Herostratus eingetragen. Bereits 
war man theologischerseits gewöhnt, ihn zu den überwundenen Stand- 
punkten und abgethanen, ja vergessenen Grössen zu reclmen, als er 



( 



192 Greschichte des Kanons. 

noch einmal auftrat, um von seiner Auffassung des Christenthums 
als einer unpersönlichen, aus der geistigen Stimmung der römischen 
Cäsarenzeit zu erklärenden Macht ein Gesammtbild zu geben, dessen 
wissenschaftUche Gewährleistung von den früheren theologischen Ar- 
beiten her vorausgesetzt war. So in den Schriften „Philo, Strauss, 
Renan und das Urchristenthum" (1874), „Christus und die Cäsaren" 
(1877) und dem Nachworte „Das UrevangeHum und die Gegner der 
Schrift: Christus und die Cäsaren" (1880). Dem in der Weise der 
römischen Biographien der Kaiserzeit entworfenen Urevangelium 
(Mr) haben Mt und Lc Kindheitsgeschichten hinzugefügt, deren 
Vorbilder man gleichfalls bei Sueton, Ovid und Vergil suchen muss. 
Den Abschluss bildet der 4. Evangelist, indem er den gnostischen 
Gegensatz gegen das Judenthum, welchem schon Urlucas gewidmet 
war, systematischer und zugleich vom Typus des Urevangeliums un- 
abhängiger durchzuführen versucht. Während aber im Morgenlande 
neben dem neutralen Inhalte des Urevangeliums die philosoi^hische 
Ideenwelt des 4. Evangelisten zur Herrschaft kam, hat im Abend- 
lande etwa gleichzeitig mit den Evglien um 130 — 70 die pauUnische 
Briefliteratur ihre Entstehung gefunden, welche dem wenig originellen 
Pls von Act einen neuen Pls entgegensetzte, der die Kosten seiner 
Schriftstellerei mit gnostischen Abfällen und mit Beminiscenzen aus 
der Leetüre Philo's und Seneca's bestreitet. 

Eine glückliche Mitte hält in selbstständigem Anschlüsse an die 
Aufstellungen der kritischen Schule Adolf Hausrath ein in dem 
wohl abgerundeten Werke „Neutestamentliche Zeitgeschichte" (1868 
—1873. 2. Afl 1873—77. Bd 1, 3. Afl 1879). 

Die mit der deutschen parallel laufende kritische Richtung der holländischen 
Theologie hat sich ein gediegenes und inhaltreiches Organ geschaöen in der seit 
1867 in Leiden erscheinenden Theologisch Tijdschrift, als deren Hauptmitarbeiter 
S. HoEKSTRA, F. W. B. VAN Bell und A. H. Blüm auftraten. In der populären 
Skizze von Rovers (1874 — 76) war das mittlere Fahrwasser eingehalten, wie 
der Leidener Altmeister J. H. Schölten (f 1885) es gewiesen hatte. Eine ent- 
schieden radicale und zuletzt mit der Continuität des theologischen Betriebes 
der biblischen Studien brechende Strömung dagegen leitete Allard Pierson 
ein, indem er sowohl die geschichtliche Person Jesu, wie die Echtheit von Gal 
(De bergrede en andere synoptische fragmente 1878), bald auch die Authentie 
sämmtlicher Plsbriefe bestritt (Verisimilia: Laceram conditionem Novi Testamenti 
exemplis illustrarunt et ab origine repetierunt A. Pierson et S. A. Naber 
1886). Ihm folgte sein Amsterdamer College A. D. Loman, dessen Quaestiones 
Paulinae (ThT 1882, S 141 f, 302 f, 452 f, 593 f. 1883, S 14 f, 241 f. 1Ö86, 
S 42 f) auf der einen Seite den durchaus mythischen Charakter des Jesusbildes 
als einer Exemplification jüdischer und urchristlicher Märtyrerideale, auf der 
andern aber die Undenkbarkeit eines in so geringem Zeitabstand von Jesus 
auftauchenden Urhebers der Plsbriefe darthuu wollen. Erst nachdem der ge- 



V. Kap.: Der Kanon und der Protestantismus. 6. Phant. constr. Reaction. 193 

schichtliche Pls eine messianische Bewegung in der jüdischen Diaspora angeregt, 
sei lange nach 70 die Messiasidee aus dem nationalen Rahmen herausgetreten 
und habe sich in die humanistische Christusidee umgesetzt, wie z. Th. schon 
die Evglien sie vertreten. Dieselbe antijüdische und universalistische Gnosis, 
welche dem Christenthum erst sein Dasein verliehen, producirte auch seit etwa 
120 die Plslegende und die, erst nach Marcion und Justin in ihre jetzige Form 
gebrachten, Plsbriefe in der Reihenfolge Rm, Cor, Gal, woran sich Joh und 
Act schlössen. Bei theilweiser Anerkennung dui-ch van Loon (Bijblad van de 
Hervorming 1882, S 119, 169 f), H. U. Meyboom (ThT 1883, S 58 f. 1884 
S 412 f) und besonders J. C. Matthes (Stemmen uit de vrije gemeente 1883, 
S 145 f. 201 f. 1884, S 21 f) fand die neue Hypothese im Lager der kritischen 
Theologie selbst energische Zurückweisung durch Rovers (Stemmen 1882, S 51 f ; 
Bibliotheek voor Moderne Theologie 1883, S 295 f j, Prins (Apologetische polemiek 
1882), VAN Manen (Stemmen 1883, S 262 f) und Schölten (Historisch-kritische 
bijdragen naar anleiding van de nieuwste hypothese aangaande Jezus en den 
Paulus der vier hoofdbrieven 1882), welcher zunächst die Geschichtlichkeit Jesu auf 
Grund des kritisch hergestellten Berichtes bei Josephus (Ant. XVIII, 3, 3) con- 
statirte, hierauf den Versuch kritisirte den apostelgeschichtlichen Pls überhaupt 
geschichtlicher zu finden als denjenigen der Briefe, ferner den Spuren des Pauli- 
nismus bei den anderen neutest. Schriftstellern nachging, um zu zeigen, dass 
auch Mt, Lc, 1 und 2 Pe, Jac und Hbr die paulinischen Homologumena voraus- 
setzen, endlich in Bezug auf das Verhältniss Justin's und Marcion's zu Pls den 
geschichtlichen Zeugnissen, die Loman für irrelevant erklärt hatte, wieder zum 
Recht verhalf ^). 

7. Phantasiemässig construireiide Reaction. 

Die Aufstellungen der Kritik brauchten nicht bis in die schwindelhafte 
Höhe, in der sie bei Einigen der zuletzt genannten Kritiker auftraten, hinauf- 
geschraubt zu werden, um den lebhaftesten Widerspruch hervorzurufen. Wie 
dieser z. Th. mit Gemüthsbedürfnissen zusammenhing, die sich von Haus aus 
auf die reichen Hülfsmittel der Phantasie gewiesen sehen, so lieferten die letzteren 
jetzt auch erstmalige Aushülfe. Demgemäss macht sich im grossen apologetischen 
Heerlager zunächst eine Gruppe von Theologen bemerkbar, welche im Unter- 
schiede von der nächsten, lediglich dem conservativen Instinkt des Traditio- 
nalismus gehorchenden, Reihe mehr von Bedürfnissen ästhetischer Art geleitet 
werden und ihre Anschauungen von der neutest. Literatur einem künstlerischen 
Entwürfe der Entwickelung von dem Auf- und Abblühen der apostolischen 
Kirche entnehmen. So schon in den, übrigens recht schwachen, AVerken von 
Heinrich Böttger (Baur's historische Kritik in ihrer Consequenz 1840 — 41 ; Das 
Urchristenthum aus dem Heiden- und Judenthum entwickelt und bewiesen 1882 
— jenes soll witzig sein, dieses will ernst genommen werden) und W. O. Dietlein 
(Das Urchristenthum 1845), der an der Stelle eines paulinisch-judaistischen Gegen- 
satzes vielmehr einen solchen zwischen Gott und Welt, Christenthum und 
Häresie wahrnimmt. In gleicher Richtung hielt G. L. Hahn seine Antritts- 
vorlesung „über den gegenwärtigen Stand der neutest. Kritik" (1848). 



*) Vgl. ül)er die Bewegung in Holland van Manen JprTh 1883, S 593 f. 
1884, S 269 f, 551 f. 1885, S 86 f, 454 f. 1886, S 418 f. 

H ol tzm ann , Einleitung. 2. Aaflago. «q 



;[94 Geschichte des Kanons. 

Eine gemeinsame und angesehene Standarte fand die Gregen- 
bewegung in der „Geschichte der Pflanzung, und Leitung der christ- 
lichen Kirche durch die Apostel" (1832—33, 5. Afl 1862) von 
August Neander, welche sich in den späteren Aflgen mit Baur 
einlässt und die innere Situation der Gemüthstheologie angesichts 
einer schon als gefährhch erkannten Sachlage in etwas formloser 
Weise zur Darstellung bringt. Entscheidend mrkte das auch in der 
„Allgemeinen Geschichte der christHchen Rehgion und Kirche" 
(seit 1824, 4. Afl seit 1863) an die Spitze gestellte Schlagwort: das 
Christenthum sei seinem Ursprünge nach übernatürhch , seiner Ent- 
wicklung nach natürlich — wobei jedoch ausdrücklich davor gewarnt 
wurde, „scharf bezeichnete Grenzen zu ziehen" (3. Afl I, 1, S 40). 
In dieser Form hat den Standpunkt seines Meisters, ohne ihn wesent- 
lich fortzubilden, aber mit Berücksichtigung der Bedürfnisse der 
amerikanischen Theologie und unter unermüdlicher und je länger 
desto unbefangener geübter Yerwerthung der Fortschritte deutscher 
Wissenschaft Philipp Schaff vertreten. Die drei Formen seines 
Werkes unterscheiden sich als „Die apostohsche Kirche" (1. Theil 
seiner „Geschichte der christHchen Kirche", deutsch Mercersbury 
1851 und Leipzig 1854), „Geschichte der alten Kirche" (englisch 
New- York 1858, deutsch Leipzig 1867, 2. Afl 1869) und „Apostolic 
christianity" (1. Theil von „History of the Christian church" 1882). 
Die constructive Macht der Phantasie aber bewährt sich hier in dem 
Schema: Jakobus des Gesetzes, Petrus der Hoffnung, Paulus des 
Glaubens , Johannes der Liebe Apostel. Unmittelbar vor den 
Plsbriefen, die sämmtlich echt sind, ist Jac, unmittelbar hernach 
1 Pe geschrieben; es folgen Mt, Mr, Lc und Apc vor 70, Job 
noch vor 100. 

Bald genug wurde jene Warnungstafel Neander's unnöthig, ja 
schädHch befunden. Gegen eine Kritik, welche die neutest. Literatur 
in den Strom des geschichtlichen Werdens hereinzog, erschien viel- 
mehr diese Literatur erst dann gesichert, wenn sie durch eine deut- 
lich gezogene Demarcationslinie geradezu dagegen abgesperrt war. 
Der „Versuch zur Herstellung des historischen Standpunktes für die 
Kritik der neutest. Schriften" (1845) von Heinkich Thierscii 
(-{- 1885) nimmt daher seinen festen Standpunkt gleich in der Vor- 
aussetzung, der Gottesgeist habe in produktiver, inspirirte Schriften 
schaffender Weise nur bis zum Aussterben der Apostel gewirkt, sei 
dann aber zurückgezogen worden, um einer rein menschlichen Ent- 
wickelung Platz zu machen. Nur die apostolische Epoche habe 
auch den Urkanon selbst zu scliaffen vermocht, in den späteren Zeiten 



V. Kap.: Der Kanon u. der Protestantismus. 7. Phant. constr. Reaction. 195 

seien noch die Antilegomena liinzugetreten. So findet er zwischen 
der Kirche des 1. und derjenigen des 2. Jahrh. einen Unterschied 
wie zwischen Tag und Nacht, ja er verlegt auf die Grenze zwischen 
])eiden gleichsam einen zweiten Sündenfall, einen Abfall vom sünd- 
losen Anfang zu einem sündigen Fortgang. Gegen Baur's Wider- 
spruch (Der Kritiker und der Fanatiker 1846) begründen denselben 
Standpunkt spätere Schriften noch allseitiger. So schon „Einige 
Worte über die Echtheit der neutest. Schriften" (1846), besonders 
jiher sein Hauptwerk „Die Kirche im apostoUschen Zeitalter" 
(1852, 3. Afl 1879). Hier liegt eine im Grunde von ästhetischen 
Gesichtspunkten bedingte Dichtung vor. Die Kirche bat den Beruf, 
die Möglichkeit einer menschlichen Entwickelung ohne Sünde darzu- 
thun (S 58). Dem kommt sie nach im apostolischen Zeitalter, wel- 
(^hes ein dreiactiges Drama darstellt (S 64); als Hauptpersonen 
treten erst Petrus, dann Pls, endlich Johannes auf. Den beiden 
ersten Handlungen gehört die gesammte neutest. Literatur mit Aus- 
nahme der Johanneischen Schriften und Jud an, welche für den, 
vom jüdischen Krieg bis zu Ende des Jahrh. reichenden, Schlussact 
vorbehalten bleiben. Zur Tragödie aber wird das Drama durch 
den Fall der Kirche nach der Apostel Zeiten ; denn daraus resultirt 
.,eine neue Stufe des Bösen, welche es weder unter den Heiden, 
noch unter den Juden jemals erreicht hatte" (S 60). 

Dieselbe rein phantasiemässige Auffassung, nur im Gegensatze zu der 
sectirerisclien Wendung Thiersch's mehr der herrschenden Orthodoxie zu Gunsten 
'/ewendet, vertritt Johann Peter Lange (f 1884). Sein „Apostolisches Zeit- 
itlter" (1853 54) beruht ganz auf dem, als Gedankenblitz ja wohl annehmbaren, 
l']infalle, die apostolische Zeit als typisches Lebensbild der Kirche aller Zeiten 
/ii vervverthen. Auch sein „theologisch-homiletisches Bibelwerk", welches seit 
1857 in 16 Theilen das NT behandelt, weist hier und da die gleiche Beleuchtung 
auf, und wie nahe er namentlich zu Thiersch steht, erhellt z. B. daraus, dass 
er selbst an Apc 2, 5 uofl-sv exireTfctoxa? nicht vorbeikommt, ohne den Gegen- 
:i1/. von kanonischen und ausserkanonischen Schriften zu vermerken (Die Offen- 
ItaiuiiL'' Johannis S 83). Ganz beherrscht von ähnlichen Grundanschauuugen 
• rwrist sich H. I. Bestmann, Geschichte der christl. Sitte II, 1882 — 85; Die 
Anfänge des kath. Christenthums und des Islams 1884. Hiemach wären vor dem 
.lahre 70 die Judenchristen mit Einschluss des Jakobus und der Act 21, 20 
«gekennzeichneten Eiferer lauter gesetzesfreie, evangelische Christen gewesen. 
Krst infolge des jüdischen Krieges trat dann die „Nationalisirung", d. h. die 
volksthümliche Vergröberung der neuen Ideenwelt, mit einem Worte die Ver- 
jiidung dos Christenthums ein, womit das Judenchristenthum den ersten Anlasszu 
lortschreitcnder Assimilation fremder Stoffe gegeben hat. Auch die hciden- 
thristliche Gnosis, für welche „der unruhige Nikolaus" Act 6, 5 verantwortlich 
j^enmcht wird, und der Montanismus werden mit dem Judenchristenthum in 
eausale Verliinduug gebracht. Unter solchen Einflüssen schreitet die „innere 

13* 



196 Geschichte des Kanons. 

Dekompositiou", der Verlarvungsprozess des Christenthums, rasch weiter und 
ergreift die Nationen mit unwiderstehlicher Macht. Auch E. de Pressense 
(Histoire des trois premiers siecles de l'eglise chretiBnne — die erste, 1858 er- 
schienene, Serie behandelt das apostolische und nachapostolische Zeitalter, 
deutsch von Fabarius 1862 — 63) unterscheidet eine petrinische, paulinische und 
Johanneische Periode des apostolischen Zeitalters, von denen die 1. die der 
absoluten Uebernatürlichkeit sein soll, während in der 2. das Menschliche hervor- 
tritt, in der 3. endlich Göttliches und Menschliches sich durchdringen; der 
Uebergang vom apostolischen Zeitalter in das nachapostolische vollzieht sich 
auch hier schliesslich durch einen Fall (II, S 371 : La distance est considerable, 
et on peut meme dire la chute est grande). Ein solcher Strich zwischen den 
literarischen Producten beider Epochen, wie ihn eine rein geschichtliche Auf- 
fassung in der Wirklichkeit nirgends nachweisen kann, wird um so willkürlicher 
angenommen, als gerade das Hauptmerkmal der angeblich eingetretenen Ver- 
änderungen, das Aufhören der übernatürlichen Geistesgaben, insonderheit der 
prophetischen Inspiration, von den Hauptrepräsentanten der beginnenden kirch- 
lichen Schriftstellerei direct verleugnet wird (vgl. S 111 f, 152). 

Gleichwohl rauscht der Wasserfall von der kanonischen Höhe in die 
menschliche und sündige Tiefe noch für weite Kreise der heutigen Theologie. 
Darum bezeichnet z. B. Johann Tobias Beck den Strom des kirchengeschichtlichen 
Werdens im Gegensatz zur apostolisch-kanonischen Höhe, von der er herab- 
gestürzt, als „apokryphische Zeit" (Erklärung der zwei Briefe an Timotheus 
1880, S 132). 

8. Dogmatisch operirende Restauration. 
Der erste Theologe, welcher gegen Baur mit einer umfassenden 
Gesammtdarstellung hervortrat, war sein Schüler G. V. Lechler, 
dessen „Geschichte des apostolischen und nachapostolischen Zeit- 
alters" (1851, 2. Afl 1857, 3. Afl 1885) auch in ihrer neuesten 
Gestalt trotz gelegenheitsweise herbeigezogener und nach Bedürfniss 
berücksichtigter neuerer Literatur die Opposition nur in der Gestalt 
vertritt, wie sie noch bei Baur's Lebzeiten beschaffen war. Der 
dogmatisch bedingte Charakter derselben verräth sich gleich in dem 
Versprechen des Nachweises, dass die Construction Baur's „weder 
dem Interesse des Glaubens, noch der geschichtlichen Wahrheit ge- 
recht wird" (S 4). Allerdings habe dieselbe eine befriedigende 
Einsicht in den realen Vorgang, in die walirhaft geschichtliche Ent- 
wickelung des Urchristenthums erstmalig angebahnt (S 1). Aber 
weit entfernt davon, dass die Kirche aus einem Gegensatze erwachsen 
sein sollte, ist sie einerseits einfach als Erweiterung der Einen Ur- 
gemeinde in Jerusalem zu betrachten (S 91), andererseits erscheint 
der Paulinismus als der nur vorübergehend angefochtene, im Grunde 
aber durchschlagende und beherrschende Mittelpunkt des apostolischen 
Zeitalters, als das ideale Substrat der Kirche. Die ganze Bewegung 
des nachapostolischen Zeitalters aber besteht darin, dass in Folge 



V. Kap.: Der Kanon u. der Protestantismus. 8. Dogm. operir. Restauration. 197 

des Ereignisses des Jahres 70 und der seither auf Seiten des Juden - 
thuras immer fanatischer werdenden Christusfeindschaft (S 214, 526 f) 
eine allmähge Loslösung von jüdischer Sitte und gesetzHch befangenem 
Wesen auch auf judenchristhcher Seite statt hat (S211f, 216). Im 
2. Jahrh. aber wurden alle Spuren einer ebjonitischen Machtstellung 
verwischt. Höchstens erscheint noch eine von heidnischen Ideen 
ausgehende Gnosis als geföhrlich. „Hingegen war nach allen uns 
zu Gebote stehenden Urkunden der späteren apostoHschen Zeit das 
Judenthum wie als poKtische Macht gebrochen, so als geistige Macht 
für die Kirche Christi kein gefährlicher Gegner mehr" (S 223). Im 
Uebrigen ist des Verfassers Bemühen durchaus darauf gerichtet, 
[ den bösen Riss, der sich im Gemälde der apostolischen Zeit selbst 
'. aufzuthun drohte, mit allen Mitteln traditioneller Harmonistik aus- 
zugleichen (vgl. darüber Gott. Gel. Anzeigen 1886, S 233 f). Ih die- 
selbe Reihe gehört, sofern er die Echtheit aller einzelnen Bestand- 
theile in erster und letzter Instanz aus dem Postulate eines der 
Kirche unabkömmlichen Schriffcideals ableitet, Johann Christian 
Konrad von Hofmann (f 1877). Nachdem derselbe in einer grund- 
I legenden Abhandlung „zur Entstehungsgeschichte der heiligen Schrift" 
(ZPK, 28, 1854, S 85 f) verlangt hatte, es müsse an die Stelle 
einer durch Gegensätze hindurchgehenden Entwickelung vielmehr 
organische Entfaltung eines einheitlichen Princips treten, veröffent- 
lichte er eine, diesen Gedanken durchführende, weitläufige Erklärung 
der neutest. Schriften (Die heilige Schrift Neuen Testamentes zu- 
sammenhängend untersucht I, 1862, 2. Asg 1869. II, 1863—66, 
2. Asg 1872—77. HI— XI, 1868—85— die drei letzten, von Volck 
herausgegebenen, Theile enthalten die Einleitung in das NT, die 
neutest. Geschichte und die neutest. Theologie, die 8 ersten Aus- 
legungen der pauhnischen und der kath. Briefe, auch Lc; es fehlen 
Mt, Mr, Act und die gesammte johanneische Literatur). Hier wird 
nun selbst die paulinische Abfassung von Hbr und die petrinische 
Authentie von 1 und 2 Fe aufrecht erhalten. Die kritischen Schluss- 
abhandlungen der Commentare befassen sich fast nur mit Baur's 
Aufstellungen, und die ganze Grundauffassung ist auf die schmale 
Unterlage der vollkommenen Uebereinstimmung von Gal 2 und~Act 15 
gebaut, die als „Ausgangspunkt der Untersuchung" in einer einlei- 
tenden Abhandlung dargelegt wird. Die „Einleitung" selbst besteht 
aus einem, in ganz nothdürftiger Beziehung zur Continuität der 
Wissenschaft stehenden , Verzeichniss von dogmatisch bedingten 
Decreten über die Entstehung der neutest. Bücher, und das zum 
voraus in Aussicht gestellte Ziel wird in durchgängiger und voll- 



198 Geschichte des Kanons. 

ständiger Rechtfertigung des Kanons in seinem gegenwärtigen Um- 
fange erreicht. 

Noch etwas leichter macht sich seine Aufgabe Rudolf Friedrich Grau, 
dessen „Entwickelungsgeschichte des neutest. Schriftthums" (1871 — 72) die 
lutherische Lehre vom Worte Gottes nicht blos gegenüber der katholischen und 
reformirten Doctrin, sondern auch ganz insonderheit gegenüber der modernen 
Wissenschaft festzustellen unternimmt, ohne jedoch jedem einzelnen Antilegomenon 
seine Echtheit wiedergeben zu können. Denn der Verfasser will „nicht sowohl 
eine Rettung des Einzelnen als des Ganzen vollbringen" (II, S 531). Es soll 
nämlich das Ganze ein „Organismus" sein, und als solcher sich zu erkennen geben 
in der Angemessenheit und Zweckmässigkeit der Gliederung. Solcher Glieder 
weist der Verfasser drei nach: die kerygmatische Stufe, welche synoptische 
Evglien und Act umfasst, dann die epistolische, ein höheres subjcctives und 
reflectirendes Moment repräsentirende, schliesslich die prophetische, Apc Hbr 
und Joh begreifende Stufe; das Kerygma entspreche dem Epos, die Epistel- 
literatur dem Melos, die Prophetie dem Drama u. s. f. Demselben Geist huldigt 
sein Bibelwerk für die Gemeinde (das NT in 2 Theilen 1878—80). 

Aelter jedoch als die Orthodoxie des 17. Jahrh., welche in den An- 
schauungen der Schulen Hofmann's und Hengstenberg's zu Tage tritt, ist die-' 
jenige Luther's, der Centuriatoren und ihrer Nachfolger. Auch sie wurde 
repristinirt, und zwar von der strengsten confessionellen Richtung, so dass gerade 
auf diesem äussersten Elügel der lutherischen Schlachtreihen freiere Urtheile 
über einzelne Stücke des Kanons gehört werden konnten. Anknüpfend an die 
schon von Schleiermacher, C. J. Nitsch und Bleek wieder hervorgezogene Unter- 
scheidung protokano nischer und deuterokanonischer Bücher, haben Dogmatiker wie 
Philippi (Kirchliche Glaubenslehre I, 1854, S 118 f), Kahnis (Zeugniss von den 
Grundwahrheiten des Protestantismus 1862, S 68 f; Die lutherische Dogmatik 
.2. Afl 1874, I, S 255, 260 f), H. Voigt (Pundamental-Dogmatik 1874, S 481 f, 
511, 556) die Autorität der Schrift wieder ganz auf die historische Frage nach 
ihrem apostolischen Ursprung zurückgeführt und demgemäs Luther's „rechte 
Hauptbücher" den „Antilegomena" übergeordnet. Einzelnes sogar (2 Pe und Jud 
bei Voigt) für unkanonisch erklärt. Im Gegensatz zu der freieren Beurtheilung, 
welche namentlich die kath. Briefe in der correct confessionellen Theologie er- 
fuhren, begegnet man in gleichem Betreff einem schon gebundeneren Urtheil in 
der breiten Mitte der herrschenden Theologie, wie dieselbe etwa durch die 
„Theologischen Studien und Kritiken" (seit 1828 — auf dem Gebiete der neu- 
test. Wissenschaften seit 30 - 40 Jahren vorzugsweise conservativen Tendenzen 
dienend) und durch die „Jahrbücher für deutsche Theologie" (1856—78 — nur 
theilweise freier gerichtet) vertreten ist. Und wie für diese geachteten Zeit- 
schriften, so kann für weite Kreise der wissenschaftHch strebenden Geistlichkeit 
Leonhard Hug, dessen Kritik im Grunde so gut kathoHsch war, so wenig sie 
es scheinen mochte, als Typus und Ideal aller „besonnenen Forschung" gelten. 
Nur gibt man vielfach 2 Pe als vereinzeltes Beispiel eines Missgriffes der Kirche 
preis, um, trotz aller Uebereinstimmung in der Sache, doch den neutest. Kanon 
nicht unbesehen aus den Händen der afrikanischen Synoden und der Macht- 
sprüche verkündigenden Bischöfe Roms in Empfang genommen zu haben^). 

*) Vgl. G. V. Lechlbr, S 421, 440 f. H. Holtzmann, Kanon und Tra= 
dition 1859, S 162. Tischendorf, Wann wurden u. s. w. S 127. Reuss, Ge- 



V. Kap. : Der Kanon u. der Protestantismus. 9. Wissenschaftl. Opposition. 199 

Insonderheit zeigt sich fast unsere ganze Commentarliteratur von dem Interesse 
beherrscht, eine möglichst vollständige Echtheitserweisung der neutest. Schriften 
zu liefern. Statt vieler sei H. A. W. Meyer's seit 1832 erscheinender „kritisch- 
exegetischer Commentar über das NT" genannt. Auch für Bünsen (Bibelwerk 
Vni, 1866, S 585 f, 589 f ) bilden die kath. Briefe den ältesten Theil der neu- 
test. Literatur und stellen die vorpaulinische Entwickelungsform der Kirche dar. 
Als bedeutendster und wirksamster Vertreter der ganzen Richtung aber darf 
Bernhard Weiss mit seinen einflussreichen und viel gelesenen Arbeiten zur 
neutest. Exegese, Kritik und Theologie gelten^), welchem bezüglich aller 
Hauptfragen Willibald Beyschlag zur Seite steht'-^). 

9. Wis senschaftliche Opposition. 
Als E. Reüss mit seiner „Geschichte der heiligen Schriften 
Neuen Testamentes" erstmalig hervortrat (1842), verfuhr er in Be- 
urtheilung der urchristlichen Literatur meist freier und unbehinderter 
als dies der deutschen Theologie vor dem Auftreten der Tübinger 
Kritik möglich gewesen war. Im Vergleiche mit der letzteren, von 
der schon die 2. Afl (1853) Notiz nimmt, erscheint er freihch con- 
servativ, wiewohl er ihr in der Gesammtauifassung verwandt ist. Der 
paulinisch-judaistische Gegensatz wird schon dadurch gemildert und 
der Ausgleichung näher gerückt, dass theils das Christentimm Christi 
selbst von Haus aus die Schranken einer innerjüdischen Entwicke- 
lung bereits durchbrochen und auch das Jiidenchristenthum über 
das gemein jüdische Niveau hinausgehoben hat, theils aber auch die 
Urapostel von vornherein zwar die Gemeinschaft mit der jerusalemi- 
schen Mutterkirche und dem eigentlichen Judenchristenthum nie ver- 
leugnen , andererseits aber auch paulinischen Anschauungen und 
Formeln sich zugänglich erweisen. Obwohl daher die Frage nach 



schichte der hl. Schrift NT I, S 111. Kahnis, Dograatik, I, S 178. Walz, Die 
Lehre der Kirche von der hl. Schrift nach der Schrift selbst geprüft 1884, S 117. 

') Das Leben Jesu, 2 Bde 1882, 2. Afl 1884. Biblische Theologie des NT, 
4. Afl 1884. Hiernach sind Joh und Apc gleicherweise vom Apostel verfasst 
(Leben I, S 97 f, 353 f ), wenn er auch allerdings ein Anderer war, als er dieses, 
ein Anderer, als er jenes Werk schrieb (Theol. S 596); Lc und Act rühren 
direct vom historischen Lucas (Leben I, S 67), Mr vom historischen Marcus 
(S 38 f, 44), Mt wenigstens indirect vom Apostel Matthäus (S 34), Jae und Jud 
von Brüdern Jesu her (S 271; Theol. S 120, 475); echt sind nicht blos die 
Pastoralbriefe (S 203; Leben I, S 38), sondern selbst 2Pe (S355; Theol. S474), 
wobei allerdings in beiden letzten Fällen die Möglichkeit, dass dio betreffenden 
Schriften sich als unecht erweisen sollten, wenigstens in Rücksicht gezogen 
wird. Alles Andere, Eph, Col, 2 The, 1 Pe, unterliegt nicht der mindesten 
Beanstandung und Hbr ist jerusaleraisch-urapostolisch (Theol. S 470, 473 ; Leben 
I, S 7 f). 

■*) Das Leben Jesu, I, 1885, S 62 f. Doch hat er gelegentlich die Pastoral- 
briefe und 2 Pe den bezüglichen Verfassern aberkannt. 



200 Geschichte des Kanons. 

der Verbindlichkeit des mosaischen Gesetzes eine tiefe Kluft im 
apostolischen Zeitalter aufgerissen hatte, so war doch schon am 
Schlüsse desselben, d. h. beim Ableben der (xeneration, welche die 
Zerstörung Jerusalems erlebt hatte, ein gemeinchristhches Bewusst- 
sein vorhanden, das den zur Secte gewordenen Zelotismus der 
extremen Judaisten hinter sich Hess, aus dem vorgeschrittenen Pau- 
linismus wenigstens die Abrogation des Gesetzes, überhaupt den 
Gedanken der Welt- und Völkerkirche aufnahm, im Uebrigen aber 
vielfach zu dem den Massen verständlicheren Lehrtypus der ürapostel, 
zu ascetischen und hierarchischen Tendenzen und zu eschatologisch 
veräusserlichten Glaubensformen zurückkehrte. Wenn auf solche 
Weise Gegensatz und Ausgleichung nicht successiv, sondern gleich- 
zeitig auftreten, brauchen Schriften, welche die Tendenz der Ver- 
mittelung erkennen lassen, freilich nicht in das 2. Jahrh. verwiesen 
zu werden. Mit Ausnahme von 2 Pe verbleiben vielmehr alle neu- 
test. Schriften innerhalb des 1. Jahrb., wenn auch bezüghch nicht 
weniger derselben (Job, 1 Tim, Tit, 1 Pe, Jac, Jud) die Echtheits- 
frage mit steigender Unsicherheit behandelt, ein im Laufe der Zeit 
schärfer und negativer zugespitztes Urtheil aber in den letzten Auflagen 
(1864 und 1874) offenbar nur um der Rücksicht auf die Form des 
Buches willen, welche sonst hätte umgegossen werden müssen, etwas 
zurückgedrängt wird. Uebrigens ruht der Hauptwerth des Werkes nicht 
zum wenigsten in manchen, von dem gemeinen Betrieb der Ein- 
leitung mehr oder weniger vernachlässigten Partien, ganz besonders 
in der Behandlung der mittelalterUchen Bibelgeschichte und der 
Geschichte des gedruckten Textes. Für letztere hat Reuss über- 
dies in der BibHotheca NT graeci (vgl. S 67) eine grundlegende 
Arbeit gehefert. Wie sie dem 3. Buch der „Geschichte der hl. Schriften'^, 
so entspricht die Histoire du canon des saintes ecritures dans l'eglise 
chretienne (1863, 2. Afl 1864, englisch 1883), dem 2. und stellt 
die Histoire de la theologie chretienne au siecle apostoHque (1852, 
3. Afl 1864) die innere Seite des im 1. Buche behandelten Stoffes 
dar, während La Bible, traduction nouvelle avec introductions et 
commentaires (1875 — 81) das Gesammtergebniss enthält. 

Während übrigens die vielfach von Reuss bediente Strassburger Revue de 
Theologie (1850—57, 15 Bde; Nouvelle revue de Theologie 1858—62, 10 Bde; 
Troisi^me serie 1863—69, 7 Bde) in ihren späteren Jahrgängen unter Colani's 
Leitung meist die Tübinger Positionen vertrat und überhaupt die Erträgnisse 
der deutschen Kritik den Franzosen übermittelte, hat letztere bei Ernst Renan 
in seiner Histoire des origines du Christianisme auch unmittelbare Berück- 
sichtigung gefunden. Das Werk besteht aus 7 Theilen: La vie de Jesus (1863, 
17, Afl 1882), Les apotres (1866), Saint-Paul (1869), L'Autechrist (1871 -, Le? 



V. Kap. : Der Kanon n. der Protestantismus. 9. "Wissenschaftl. Opposition. 201 

evangiles et la seconde generation chretienne (1877), L'eglise chretienne (1879), 
Marc-Aurele (1882). Bei aller Sachkunde macht sich doch des Verfassers divi- 
natorisch'künstlerische Begabung zu stark geltend, als dass er seine Ansichten 
über die Quellen des Urchristenthums einer ganz unerbittlich durchgeführten 
Methode literarischer Kritik unterzuordnen vermöchte. Im Gegensatz dazu 
entstand das weniger anziehend geschriebene Concurrenzwerk von Ernst Havet, 
Le christianisme et ses origines, dessen Bd 4 (1884) die neutest. Schriften als 
zunächst wirkungslos gebliebene Documente einer jüdischen Vorgeschichte der 
wesentlich heidnisch ausgestatteten Kirche behandelt. 

Gleichzeitig mit Renan's und D. F. Strauss' (zweitem) „Leben Jesu" war 
in Deutschland das nicht minderes Aufsehen erregende „Charakterbild Jesu" 
von Daniel Schenkel erschienen (1864, 4. Afl 1873), welches der Tübinger 
Schule in Beurtheilung der Johannesfrage beitritt, in Bezug auf die synoptischen 
Evglien Opposition leistet. Seither war auch aus den einschlägigen Artikeln in 
seinem Bibel-Lexicon (5 Bde 1869 — 75) zu ersehen, dass der Herausgeber dem 
durch die Tübinger Schule hervorgerufenen Umschwung keineswegs mit durch- 
gängiger Theilnahme gefolgt war, und einen principiellen Gegensatz bekundete 
seine letzte Veröffentlichung „Das Christusbild der Apostel und der nachpauli- 
nischen Zeit" (1879), welche, direct an die Erstlingsschrift (Dissertatio de ecclesia 
Corinthiaca primaeva factionibus turbata 1838) anknüpfend, dem Pls schon in 
Korinth anstatt fanatischer Judaisten nur theosophisch überspannte Schwärmer 
zu Gegnern gab und die Bedenken der modernen Kritik an der Echtheit der 
Gefangenschaftsbriefe daraus erklärte, dass „der Kampf gegen die Christiner in 
Korinth unverstanden geblieben ist" (S 87). Ist vollends auch 1 Pe dem Zwölf- 
apostel zuzuschreiben, so kann von einem tiefgehenden Conflict, welchen die 
Frage nach dem Gesetz im apostolischen Zeitalter hervorgerufen hätte, die Rede 
nicht mehr sein. Der Felsenmann war schon auf dem Apostelconvcnt des 
Paulus „principieller Bundesgenosse". „Nicht Petrus wider Paulus, sondern 
Petrus und Paulus — so lautet das Ergebnis s unserer Untersuchung" (S 52), 
wobei jedoch zu bemerken, dass Apc und Jac antipaulinisch bleiben, daher 
überhaupt späterhin eine Vermittelung, vorgenommen unter dem Namen des 
Pls in Tim und Tit, unter dem des Petrus in 2 Pe, nöthig fiel und ein „Unions- 
christenthum" den letzten Abschluss bildet, welches im 4. Evglm speculative 
Begründung erfährt. 

Antitübingisch trat auch CARji Hase auf in seinem unter dem Titel „Die 
Tübinger Schule" veröffentlichten „Sendschreiben an D. von Baur" (1855), worin 
er, von apostolischer Verfasserschaft des 4. Evglms ausgehend, den Gnmd- 
gedanken Baur's als Uebcrtreibung einer an sich berechtigten Beobachtung dar- 
stellt (S 59). Nach ihm nehmen die Säulenapostel den Standpunkt eines 
milderen Judenchristcnthums ein, welches die Nothwendigkeit des Gesetzes nur 
aus Pietät und für geborene Juden behauptete, so dass zu Lebzeiten des Pls 
nebeneinander das gesetzliche Christcnthum unter den bekehrten Juden, das 
gesetzesfreie unter den Heiden bestand (S 67). Die Inconsequenz dieser Con- 
föderation einsehend, gingen freilich von Jerusalem fortwährend Eiferer aus, 
welche die Heiden zur Uebemahmo des Gesetzes zu überreden suchten. Aber 
Pls selbst erlebte noch den unzweifelhaften Sieg seiner Sache (S 69). Nachher 
setzt sich nur noch der Ausscheidungsprozess des immer mehr verkümmernden 
Judenchristcnthums fort. Schon um 100 gab es eigentliche Judenchristen nur 
noch in Syrien, wHhrend ija den Heidengemcipden z,vf^r nicht der Paulinismus, 



202 Geschichte des Kanons. 

aber doch die paulinischen Grundgedanken von der allgemeinen Völkerberufung 
und von der, durch kein jüdisches Gesetz beschränkten, Gnade Gottes durch- 
gedrungen waren (Kirchengeschichte auf der Grundlage akademischer Vorlesungen 
I, 1885, S 175 f). 

Ein erklärter und leidenschaftlicher Gregner der Tübinger Schule 
war Heinrich Ewald (f 1875), der nicht blos einzelne Theile 
der neutest. Literatur besonders behandelt (Die drei ersten Evghen 
1850; Die Sendschreiben des Apostels Paulus 1857; Die johannei- 
schen Schriften 1860 — 61; Das Sendschreiben an die Hebräer und 
Jakobus' Sendschreiben 1870; Sieben Sendschreiben des Neuen 
Bundes 1870; Die Bücher des neuen Bundes übersetzt und er- 
klärt 1870 — 72), sondern auch in seiner „Geschichte des Volkes 
Israel", nämhch in Bd 5 (Geschichte Christus' 1855, 3. Afl 1867), 

6 (Geschichte des apostohschen Zeitalters 1858, 3. Afl 1868) und 

7 (Geschichte der Ausgänge des Volkes Israel und des nachaposto- 
lischen Zeitalters 1859, 2. Afl 1869), die Entstehung des Christen- 
thums im Zusammenhang dargestellt hat. Ausserdem sind auch 
seine 12 „Jahrbücher der biblischen Wissenschaft" (1849 — 65) mit 
Polemik gegen Alles, was Tübinger Schule im weitesten Sinne heissen 
kann, angeftillt. Gleichwohl fielen seine eigenen Resultate nicht 
durchweg conservativ aus. Sieht man vom 1. Evglm ab, das aber 
auf einer Urschrift des Matthäus beruht, so rüliren allerdings die 
anderen historischen Schriften ziemlich direct von den Verfassern 
her, denen sie zugeschrieben werden. Unter den pauHnischen Schriften 
bleiben dagegen Eph, Tim und Tit unecht. Die Stärke dieser Kritik 
ruht meist in den Abhandlungen über die synopt. Evglien, wo er 
mit neuem Zeug in's Feld zu rücken vermochte. Dagegen ist die 
Kritik der johanneischen Schriften (nur Apc ist unecht) und der 
kath, Briefe oberflächlich ausgefallen, und man muss gestehen, dass 
Ewald's Verdienste um das AT diejenigen weit überragen, die er 
sich um das NT erworben hat. Auf letzterem Gebiete fehlte es 
ihm schon an der umfassenden Kenntniss der altkirchlichen Literatur, 
wie sie seinen Gegnern zu Gebote stand. 

Als der auf dem Gebiete der altkirchlichen Literatur belesenste 
und gefährlichste Gegner der Tübinger Schule erwies sich Albrecht 
RiTSCHL, welcher noch in seiner Schrift über „das Evglm Marcion's" 
(1846) die Vorraussetzungen Baur's getheilt hatte, dann aber in der 
1. Afl seines Werkes über „die Entstehung der altkatholischen 
Kirche" (1850) schon bedeutende Milderungen eintreten Hess und 
namentlich an die Stelle der übergrossen Ausdehnung, welche der 
Ebjonitismus bei Schwegler erfahren hatte, eine weit überwiegende 



V. Kap.: Der Kanon u. der Protestantismus. 9. Wissenschaftl. Opposition. 203 

Herrschaft des Paiilinismus oder wenigstens des Heidenchrist enthums 
setzte. Nachdem er den Gegensatz in seinen Untersuchungen über 
Mr (ThJ 1851, S 381 f) und über die Essäer (ebd. 1855, S 315 f) 
weiter geführt hatte, veröffentUchte er in der 2. Afl der genannten 
Schrift (1857) ein Werk, welches den durchgehenden Widerspruch 
mit der Tübinger Kritik scharf hervorhebt und auch einen öffent- 
lichen Bruch mit den Vertretern der letzteren nach sich zog (JdTh 
1861, S 429 f). Directe Einwirkung auf die Kritik der neutest. 
Bücher hat zwar dieses Werk nicht geübt; es lässt vielmehr der- 
artige Untersuchungen zunächst bei Seite liegen und will nur mittelst 
des zu Gebote stehenden Materials der alt-kirclil. Literatur ein an- 
schauhches Büd der werdenden Katholicität Hefern, welches mit 
seiner eigenen Haltbarkeit auch für die Eichtigkeit der voraus- 
gesetzten Resultate der Kritik bürgen soll. Als Subject der wer- 
denden kath. Kirche soll in keiner Weise mehr das Judenchristen- 
thiun gelten, dessen ganze Entwickelung vielmehr nur darin bestan- 
den hat, dass es allmähg aus der Kirche hinausgedrängt wurde. 
Andererseits hat sich das siegreiche Heidenchristenthum keineswegs 
im reinen Einklänge mit dem ursjDrünglichen Sinne des Auftretens 
Jesu oder gar des Paulus entwickelt ; blos Entfernung von jüdischer 
Sitte und die Ueberzeugung , selbst an die Stelle der Juden im 
Reiche Gottes getreten zu sein, bilden seine Merkmale. Als Gegen- 
pol zu diesem Heidenchristenthum trat erst nach der Zerstörung 
Jerusalems ein essenisches Judenchristenthum auf, welches Baur in 
Folge seiner Forschungen über die Clementinen fälschlich als eine 
auf das urapostoUsche Christ enthum zurückreichende Grossmacht 
aufgefasst habe. Die in jener Schrift vorgegebene Solidarität zwischen 
den essenischen Ebjoniten und den Uraposteln habe einen solchen 
Eindruck auf ihn gemacht, dass er nicht nur alle sonst bemerk- 
baren Unterschiede jüdisch-christlicher Fraktionen zu leugnen suchte, 
sondern auch aus Gal eine grundsätzliche Forderung der Beschnei- 
dung, welche die Urapostel an die Heidenchristen gestellt hätten, 
herauslas (JdTh 1861, S 457 f). In Wahrheit sei vielmehr von dem 
eigenthchen Judenchristenthum, welches die Verbindliclikeit des Ge- 
setzes auch für die heidnische Gemeinde behauptete, ein urapostoli- 
scher Judaismus zu unterscheiden, welcher nur für geborene Juden am 
Gesetze festhielt, die paulinische Heidenmission dagegen freigab. 
Eben zur Constatirung dieses Standpunktes werden von Ritsclil ausser 
Act 15, 23 — 29 (Aposteldecret) und Apc auch Jac und 1 Pe auf- 
geboten, welche beide Briefe daher aus ilirem „Exil des 2. Jahr- 
hunderts" erlöst und als „Documente der vor Pls bestehenden Auf- 



204 GrescMchte des Kanons. 

fassung des Chris tenthums" (Die christliclie Lehre von der Recht- 
fertigung und Versöhnung II, 1874, S 317, 2. Afl 1882, S 320) 
festgehalten erscheinen, während für den PauHnismus Eph nicht mehr 
angerufen wird (S 325 f. 2. Afl S 328 f). 

10. Die Gregenwart. 

Wie die von Ritschi statuirte Annahme urapostolischer Schriftwerke von 
Seiten der strengeren Kritik als Umstempelung dessen, was schon theilweise 
Rückbildung des Paulinismus ist, zu einer Vorbedingung desselben abgelehnt 
wurde (vgl. z. B. R. A. Lipsiüs in der Jenaer Literaturzeitung 1878, S 19 f, 
281 f), so hat man es auch hier als „die abstracte Umkehrung der Schwegler'- 
schen Greschichtsauffassung" gewerthet, wenn nur das Festhalten an Beschneidung 
und Ceremoniell als entscheidende Symptome des Judenchristenthums gelten 
sollten, so dass selbst Schriften wie Herm. einfach als heidenchristl. Kundgebungen 
genommen und die gegen Pls gleichgültige Stellung von Schriftstellern wie 
Papias, Justin und Hegesipp ignorirt oder verleugnet wurde. Konnte man 
aber auch die positiven Errungenschaften des von Bonn und Göttingen gegen 
Tübingen unternommenen Kriegszuges nicht allesammt acceptiren, so hat man 
dafür um so dankbarer schon den negativen Ertrag gewürdigt, dass dem Vor- 
urtheil begegnet war, als ob überall, wo wir im 2. Jahrh. einem erkennbaren 
Abzug an paulinischem Gedankengehalt begegnen, sofort positives Judenchristen- 
thum zu Tage trete. Die Gesichtspunkte, unter welchen Ritschi in dieser Be- 
ziehung die Schriften der apostolischen Väter und des Märtyrers Justin be- 
trachtet, lassen sich mit geringen Modificationen auch auf verschiedene Docu- 
mente unseres neutest. Kanons, vorab auf Lc, Act und fast die gesammte nach- 
paulinische Briefliteratur anwenden. So wurde, und darin bestand der positive 
Gewinn, eine Form des christl. Bewusstseins denkbar, welche nicht mehr Pau- 
linismus im eigentlichen Sinne des Wortes ist, sondern dem urapostolischen 
Christenthum vielfach näher steht, in manchen seiner Formen geradezu als nach- 
apostolisches Judenchristenthum erscheint. In Jac, 1 Pe, Hbr und sogar in 
den Johanneischen Schriften ist somit wenigstens ein gewisses Nachwirken der 
neutralen Basis urchristlicher Lebensanschauung discutirbar geworden. Baur's 
Nachfolger auf dem Tübinger Lehrstuhl Carl Weizsäcker bringt „das aposto- 
lische Zeitalter der christlichen Kirche" (1886) unter Voraussetzungen zur Dar- 
stellung, welche mindestens ebenso sehr das höhere Recht dieser SiaSoxv) be- 
kunden, wie sie andererseits auch im Gegensatze zu dem Vorgänger gewonnen 
wurden und die Erträgnisse der an seinem System geübten Kritik zusammen- 
fassen. Er bezeichnet es als ein Vorurtheil, dass es im nachapostolischen Zeit- 
alter nur Pauliner und gesetzliche Judenchristen gegeben habe, und weist auf 
die breite Grundlage des christl. Lebens hin , auf welcher der Principienstreit 
von vornherein entschieden war. Die Urapostel selbst seien nie eigentliche 
Gegner des Pls gewesen, aber gefördert und unterstützt haben sie ihn noch 
weniger, als in Folge der Verhandlungen in Jerusalem die Heidenfrage brennend 
wurde und dem zur Entbindung auch jüdischer Gewissen vom Gesetz fortschrei- 
tenden Pls ein schroficr Judaismus sich entgegenwarf. Sie Hessen ihn seiner 
Wege ziehen und blieben Juden; das Heidenchristenthum an sich aber haben sie um 
80 weniger verurthcilt, als dasselbe ja nicht einmal ausschliessliche Schöpfung 
des Pls war, sondern Ansätze dazu auf Barnabag und Apollos zurücklaufen und 



V. Kap. : Der Kanon und der Protestantismus. 10. Die Gegenwart. 205 

an Orten wie Antiochia und Rom gesetzesfreie Gemeinden ohne Zuthun des Pls 
entstanden, gleichsam ein wildwachsendes Heidenchristenthum, um dessen Erobe- 
rung sich später sowohl Pls, wie die Judaisten erst bemühen konnten (vgl. auch 
JdTh 1876, S 301 f, 306). Wieder in anderer Weise und z. Th. directer an 
RrrscHL schliessen sich W. Mangold (bei Bleek S 50 f), E. Schürer (StKr 
1876, S 760 f) und A. Harnack (ZKG I, 1876, S 112; Texte und Unter- 
suchungen n, 2, 1884, S 64; Lehrbuch der Dogmengeschichte I, 1886, S 33, 
63 f, 93, 215 f) an, ohne darum seine kritischen Voraussetzungen alle zu theilen ; 
Mangold insonderheit ist bei diesen fast nur bezüglich Jac stehen geblieben, 
wo er daher ausnahmsweise conservativer als Bleek selbst erscheint, während 
er andererseits gegen Weizsäcker die Unwahrscheinlichkeit der autochthonen 
Entstehung gesetzesfreier Gemeinden für das apostolische Zeitalter nachweist 
(Der Römerbrief 1884, S 285 f, 288 f). A. Harnack seinerseits führt den Gegen- 
satz zu Baur bis auf die Spitze der Behauptung, dass „wir im NT überhaupt 
kein judenchristliches Denkmal besitzen, es sei denn in den paulinischen Briefen" 
(Dogmeng. S 223 f), geht dafür aber bezüglich der Datirung neutest. Schriften häu- 
figer auf der Tübinger, als auf der Göttinger Fährte. Nicht minder deutlich 
treten andererseits die convergirenden Linien der kritischen Bewegung zu Tage 
in den Kundgebungen zweier um die Förderung der paulinischen Studien ver- 
dienten Gelehrten, welche in den entscheidenden Controverspunkten auf Seiten 
der Tübinger stehen. Otto Pfleiderer bekennt sich zu der Grundanschauung 
vom „Entwickelungsgang des Paulinismus zum Katholicismus , dass derselbe 
nemlich auf dem organischen Wege rein innerer Umbildung und nicht auf dem 
mechanischen äusserer Transactionen und Compromissacte zu Stunde gekommen 
ist" (Der Paulinismus 1873, S 494), indem er zugleich (vgl. PrK 1877, S 225 f) 
der, ebenfalls zu den Symptomen der Verständigung zu zählenden, Beobachtung 
Carl Holsten's sich anschliesst, dass Paulus selbst schon jenen irenischen und 
versöhnlichen Ton angeschlagen habe (Rm), welchen dann die nachpaulinische 
und katholische Briefliteratur stärker ertönen lässt (JprTh 1876, S 84 f). In 
den Schriften „Die drei ursprünglichen noch ungeschriebenen Evangelien" (1883) 
und „Die synoptischen Evglien nach der Form ihres Inhalts" (1885, S 165 f) 
bietet Holsten eine Construktion , deren Hauptfortschritt im Verhältniss zu der 
alttüy)ingischen und theilweise auch noch zu des Verfassers früherer Schrift 
„Zum Evglm des Paulus und des Petrus" (1868) in der Unterscheidung zwischen 
einem ursprünglichen soaYYeXiov x-rjc; Trsptxofj.Yjt; Gal 2, 7 und dem etspov zha-^^sKiov 
2 Cor 11, 4. Gal 1, 6 besteht. Erst das letztere bildet einen schroffen Wider- 
spruch zum Paulinismus, wie es auch im bewussten Gegensatze zu den pauli- 
nischen Gemeindegründungen entstanden ist. Dagegen war Petrus dem Geiste 
der Gesetzesinnerlichkeit und Gleichgültigkeit gegen die äussere Gesetzesform, 
welchen Jesus in ihm geweckt hatte, wenigstens anfänglich treu geblieben. Wenn 
ihm auch der Kreuzestod des Messias nur den Erlass der Sündenschuld, dagegen 
dem Pls auch das Geschenk der Gerechtigkeit vermittelt: für beide ist jener 
Tod Ausdruck des göttlichen Heilswillens, für das petrinische Evglm als Moment, 
für das paulinische als Princip. Für beide ist das vergeistigte und vorinner- 
lichte Gesetz des Moses von ewiger Bedeutung, für beide das äusserlichc Gesetz, 
Cultus und Lebensform von zufälliger Gleichgültigkeit. Für beide endlich ist 
das Werk des Messias und das messianische Reich gleich universal. Dagegen 
unterscheiden sich petrinisches und judaistisches Evglm wie ideales Judeuthum 
und handgreifliches, nationales Judenthum, welchem nur in der Messiauität 



206 Geschichte des Kanons. 

Jesu eine, mit der Thatsache des Kreuzes kaum vereinbare, Eigenthümlichkeit 
zuo-ewachsen war. In diesem Sinne also erfolgte seit dem Gral 2, 11 f gezeich- 
neten Moment die Rückbildung des Judenchristenthüms in den eigentlichen 
Judaismus. Dieser stellt mithin nicht sowohl eine anfängliche und darum mangel- 
hafte Form des christl. Bewusstseins , sondern die erste Reaktion gegen den 
viel weiter treibenden Impuls dar, welcher von Jesus ausgegangen und von 
Petrus wenigstens nicht sofort verläugnet worden war. 

Gewisse Hauptresultate, bezügKch welcher die competenten 
Forscher der bezeichneten Heerlager untereinander übereinstimmen, 
erweisen sich schon jetzt als der Tragweite noch obschwebender 
Differenzen überlegen. Denn ausgeschlossen für immer erscheinen 
alle Phantasien vom „Fall", sobald einmal vom Standpunkt des 
apostolischen Zeitalters zu dem der beginnenden Kirchlichkeit Brücken 
und Verbindungslinien überhaupt aufgewiesen sind. Ausgeschlossen 
ist im Grunde auch jede Vorstellung, derzufolge die neutest. Bücher 
ihren Ursprung in einem so eng begrenzten Zeitabschnitte gefunden 
hätten, dass ihr durchaus einheitlicher Inhalt schon durch ihre Ent- 
stehungsverhältnisse verbürgt wäre. Vielmehr weist die Geschichte 
ihres Ursprungs auf eine längere Entwickelungsbahn , welche das 
Christenthum zurückzulegen hatte, bis aus der Urgemeinde zu Jeru- 
salem die Gestalt einer kath. Kirche geworden ist. Unter keinen 
Umständen ist der Gedanke, jene Bücher als Kesultate eines derarti- 
gen Prozesses aufzufassen, mehr rückgängig zu machen, und nur 
darum kann es sich zwischen den kühnsten Kritikern und den 
wissenschaftUch operirenden Erhaltern noch handeln, ob, wie die 
Tübinger Schule annimmt, an diesen Schriften wirklich der ganze 
Verlauf jenes Prozesses bis zu seinem im 2. Jahrh. eingetretenen 
Abschlüsse nachzuweisen ist, oder ob sie in weit überwiegender 
Mehrzahl in ein verhältnissmässig frühes Stadium desselben fallen 
— nämlich in das gegen die Epoche der werdenden Kirchlichkeit 
als „apostolisches Zeitalter" abgegrenzte. Letzteres selbst betref- 
fend, waltet noch Meinungsverschiedenheit ob hinsichtlich der Weite 
der Entfernung, darin sich Pls und Apc (beziehungsweise Mt, Jac, 
Hbr) gegenüber stehen. Aber einfaches Product eines urapostoli- 
schen Gegensatzes und seiner allmäligen Ausgleichung ist das katho- 
lisch werdende Christenthum schon deswegen nicht, weil jener Gegen- 
satz weder die neutrale Basis völlig verdrängt, noch überhaupt, wie 
schon der christliche Alexandrinismus beweist, die ganze Geschichte 
des Urchristenthums ausgefüllt hat. Aus der Auseinandersetzung 
zwischen den verschiedenen, am Ursprungspunkt des Christenthums 
arbeitenden, Faktoren geht gleichwohl die neutest. Literatur nach 
der Tübinger, wie nach der Göttinger Construction hervor. Lief 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 207 

der Gegensatz früher darauf hinaus, dass nach jener Formel die 
Ausgleichung unter dem Uebergewicht des Judenchristenthums sich 
vollzog, während nach dieser die kathol. Kirche als ein Entwicke- 
lungsstadium des selbst wieder gesetzlich gewordenen Heidenchristen- 
thums erschien, so besteht jetzt im Grunde nur noch die „müssige 
Streitfrage, ob man diese Abwendung von dem specifisch paulinischen 
Lehrbegriif auf die Unfähigkeit des Heidenchristenthums, die tlieo- 
logischen Voraussetzungen des Pls zu verstehen , oder auf juden- 
christliche Einflüsse, denen auch die Heidenkirche sich nicht ent- 
ziehen konnte, zurückführen soll" (Lipsiüs, Historische Zeitschrift, 
Bd 28, 1872, S 247). 



Sechstes Kapitel: Die protestantisclie Kritik des Kanons. 

(Uebergang zum besonderen Theil.) 

1) Das katholische Bewusstsein verhält sich zum Ergebnisse 
des kanonbildenden Prozesses als zu einem integrirenden Theile des 
Gesammtlebens der Kirche einfach bejahend. Das protestantische 
unterzieht die kathohsche Kirchenbildung im Ganzen, folghch auch 
die ein Moment derselben bildende Geschichte des Kanons einer 
vielseitigen, specieU auch einer historischen Kritik. Die Frage, 
welcherlei Gewähr für die Richtigkeit des Begriffes und des Um- 
fanges des Kanons in seiner mit steigender Klarheit durchschauten 
Entstehungsgeschichte liege, kennzeichnet den Protestantismus und 
seine Aufgaben auf dem Gebiete der biblischen Einleitungswissen- 
schaft. Ist es dem protestantisch geschulten Wissen, dem prote- 
stantisch gekräftigten Gewissen noch möglich, die neutest. Schriften 
im Einzelnen imd im Ganzen einfach aus der Hand der Vorzeit 
mit den von den Bischöfen und Vätern der alten katli. Kirche 
daran geklebten Titeln und Etiquetten hinzunehmen? Ist es über- 
haupt noch möglich, den Begriff des Kanons festzuhalten im Gegen- 
satze zu der Tradition der Kirche, nachdem es sich herausgestellt 
hat, dass, wie die Tradition, so auch der Kanon nicht etwas zu 
jeder Zeit in der Geschichte der Kirche Fertiges, sondern etwas 
Gewordenes, ja geradezu selbst eine Bildung im Strome d(»r pro- 
ductiven Tradition ist ? Wird nicht unsere Kritik geradezu heraus- 
gefordert, wenn wir den Kanon in seinen wesentlichen Bestand- 
theilen erst gegen 200, in seinen jetzigen Bestandtheilen erst gegen 
400 fertig uns entgegentreten sehen? Und selbst zwischen diesen 
beiden Terminen sehen wir noch fast das gesammtc Abendland von 



203 Geschichte des Kanons. 

dem nichtpaulinischen Ursprung von Hbr, fast das gesammte Mor- 
genland von der nichtapostolischen Abfassung von Apc überzeugt 
und bezüglich der kath. Briefe, von denen nur wenige Spuren bis 
in das 2. Jahrh. hinaufreichen, ist man noch im 4. Jahrh. keines- 
wegs sehr zuversichtlich gestimmt. Andererseits werden bis in das 
3. und in spätere Jahrhunderte hinein Schriften zu dem neutest. 
Kanon gerechnet, welche doch schon seit 400 als principiell aus- 
geschlossen gelten mussten. Bald bei einem, bald bei mehreren 
Vätern werden nämhch als authentisch, als inspirirt, als kanonisch, 
jedenfalls irgendwie als heiHge Schriften aufgeführt und gebraucht 
Stücke wie das Hbrevglm (benützt vielleicht schon von Papias und 
Justin, gewiss von Hegesipp und den Alexandrinern, allerdings nicht 
als ebenbürtig mit den kanonischen EvgUen), Acta Pauli (in hoher 
Achtung bei Origenes, auch Can. Ciarom.), der Hirt des Hermas 
(kanonisches Buch bei Irenäus, im Cod. J< und Can. Ciarom., in- 
spirirt bei Clemens, Origenes und Pseudo-Cyprian, De aleator. 2), 
die Briefe des römischen Clemens und des Barnabas (apostolische 
Schriften beim alex. Clemens, in hohem Ansehen bei Origenes, jene 
im Cod A und Can. apost. 85, dieser im Cod. J< und Can. Ciarom.), 
auch der des Polycarp (noch um 400 hier und da kirchlich ver- 
lesen), die TuapaSöasic; MarO-ioo (beim alex. Clemens), die Apokalypse 
des Petrus (Can. Mur. und Ciarom., Clemens Alex.), die Weis- 
sagungen des Hystaspes und der Sibylle (prophetische Bücher bei 
Justin und Clemens Alex.), die Eecognitionen des Clemens (bei 
Origenes echt), die AiSa^Yj (beim alex. Clemens, auch später noch 
Lehrbuch), die Constitutiones apostolorum (Can. ap. 85 und gelegent- 
lich Epiphanius), die Canones apostohci (Synoden von Constanti- 
nopel 692 und von Nicäa 787, Johannes von Damaskus) und das 
römische Symbolum apostolicum (im wörtlichen Sinne, als von den 
Aposteln verfasst, bei Ambrosius, Rufinus, Hieronymus und römi- 
schen Bischöfen). Besonders bemerkenswerth ist die reiche, dem 
Petrus zugeschriebene Literatur (Hieron. Cat. 1); sDa^Y^Xiov (an- 
fänglich von Serapion anerkannt), 7.ifjpDY|j.a (bei Clem. AI. echt; vgl. 
aber auch Origenes, Lactantius und Gregor Naz.), a7:oxaXü(|>t(; (com- 
mentirt vom alex. Clemens; vgl. Can. Mur. und Can. Ciarom., als 
kanonisch benutzt noch von Methodius und um 440 von palästini- 
schen Gemeinden). Nimmt man dazu die zwei kanonisch geworde- 
nen Briefe, das einmal (S. 173) an der Peripherie des Kanons 
auftauchende eTudicium und die stets ausserkanonisch gewesenen 
Acta Petri, so würde sich, falls alle diese Schriften jemals zusam- 
men gestanden hätten, ein umfangreiches Instrumentum Petri ergeben. 



VI. Kap. : Die protestantische Kritik des Kanons. 209 

Wenn nun aber die Kirche allmälig dazu gelangte, aus diesem ganzen 
Haufen angeblich petrinischer Schriften nur den 1. und schliesslich zur Noth 
noch den 2. Brief als echt anzuerkennen, dagegen sämmtliche eben aufgeführten 
Schriften aus dem Kanon auszuscheiden, so ist nicht zu leugnen, dass dabei 
auch solche Motive, wie sie unserem geschichtlich und wissenschaftlich ge- 
schulten Urtheil entsprechen, wirksam gewesen sind. Denn es fehlte der alten 
Kirche keineswegs an Ansätzen zur Kritik und Forschung. Schon die Existenz 
von sog. Antilegomenen beweist dies. Hätte man nur beabsichtigt alles Er- 
))auliche, dem rechten Grlauben Entsprechende zu sammeln, was aus alter Zeit 
und gar unter apostolischem oder urchristlichem Namen überliefert war, so 
r .hätte die Kirche mit Leichtigkeit einen heiligen Codex von zehnfach grösserem 
Umfange zusammenzustellen vermocht. Denn der untergeschobenen und apo- 
kryphischen Schriften war nach Irenäus (S 165) Legion. Epiphanius (Haer. 
26, 12) schätzt sie auf 1000. Das Urtheil der Gesammtkirche muss daher doch 
immerhin von einem gewissen geschichtlichen Takte nicht ganz verlassen ge- 
wesen sein, wenn z. B. der Clemensbrief, trotzdem dass er an Alter vielleicht 
»einem ganzen Dutzend neutest. Schriften überlegen ist, dennoch ausgeschlossen 
^rwurde, weil er sich nicht apostolisch erwies. Schon Irenäus legt einen gewissen 
Sinn für das Eigenthümliche im Stil an den Tag, und noch bewusster ver- 
fahren in dieser Richtung die Origenisten. Die A loger, welche der Kirche 
wenigstens nicht ferner standen, als ihre montanistischen Gegner, haben bezüglich 
der Johanneischen Schriften wirkliche historische Kritik geübt. Dionysius von 
Alexandria erkennt die Verschiedenheit, die zwischen Joh und Apc obwaltet. 
Auch die Stildifferenzen zwischen Hbr und Pls machten den alexandrinischen 
Gelehrten zu schaffen und riefen Hypothesen über die Mitthätigkeit des Lucas 
oder Clemens ins Leben, während der Widerspruch, welchen das Abendland 
durch das ganze 2. und 3. und die 1. Hälfte des 4. Jahrh. gegen die paulinische 
Authentie dieses Briefes erhob, eines der hervorragendsten Symptome von dem 
Nachwirken richtiger geschichtlicher Erinnerungen darstellt. Wie so unter den 
kanonisch gewordenen Schriften besonders Apc und Hbr in verschiedenen 
Theilen der Kirche verschiedene Beurtheilungen erfuhren, so gab unter den 
ausser dem Kanon bleibenden Hermas dem kritischen Bewusstsein Anlass, sich 
zu entfalten. Selbst auf römischen Synoden muss sein apostolischer Charakter 
nach Tertullian (De pudic. 10) untersucht und verworfen worden sein. Und 
diese Untersuchung konnte nur einen historischen Charakter tragen, da mau 
zwar mit dem Inhalte des Buches sympathisirte, aber wusste, dass es nuperrime 
temporibus nostris (Can. Mur.) geschrieben war. Auch sonst sehen wir zuweilen 
auf kirchlichen Versammlungen kritische Sorgen auftauchen. Sogar noch auf 
einem 532 zu Konstantinopel gehaltenen Religionsgespräch, darauf die Severiauer 
zum erstenmal Schriften des Dionysius vom Areopag citiren, bestreitet Hypatius, 
der Wortführer der Katholiken, die Echtheit dieser Schriften, weil von den- 
selben im kirchl. Alterthum keine Spur begegne, also auf historischem AVege. 
Gleichzeitig war Junilius bestrebt, die kritischen Studien der Schule von Nisibis 
im Abendland fortzuführen. Andererseits beweisen die vielen Klagen über die 
Fruchtbarkeit häretischer Apokrypheulitcratur, welche sich finden bei Hegesippus 
(Euseb. KG IV, 22, 9), Cajus (ebeud. VI, 20, 3), Irenäus (1, 20, 1. III, U, 7. 
9. 12, 12), Origenes (Hom I zu Lc) und Eusebius (KG III, 25, 6. 7), dass man 
keineswegs bereit war, sich Alles Vneten zu lassen. Schon Bkllarmin ') macht 

») De verbo Dei IV, 4, 21. 

Hol tz maua , EinloitUDg. 2. Auflage. ^^ 



210 Geschichte des Kanons. 

in diesem Interesse aufmerksam auf den Schnitt, welchen nach Eusebius (KG- 
VI, 12, 3) Serapion zwischen der apostolischen Autorität und der angemaassten 
Würde von fälschlich unter apostolischen Namen in Umlauf gesetzten Schriften 
anbrachte. "Wie Vorkehrungen gegen etwaigen schriftstellerischen Betrug lesen 
sich die Stellen 2 The 2, 2. 3, 17. Sicher verwahrt sich (bei Euseb. KG IV, 
23, 12) der korinthische Dionysius gegen die Fälschung seines eigenen Briefes 
an die Römer. Irenäus beschwört seine Abschreiber bei der Zukunft Christi 
und seinem Gericht über Lebende und Todte, keine Fälschung zu begehen 
(ebend. V, 20, 2). Aehnliche Anathematismen begegnen bei Eusebius vor der 
Chronik und bei Cyrill von Jerusalem in der Prokatechesis. Der 59. apostolische 
Kanon verhängt Amtsentsetzung über Geistliche, die Pseudepigraphen verbreiten, 
welche Strafe vollzogen wurde an dem Presbyter, der die Acta Pauli et Theclae 
erfunden hatte. Im Allgemeinen hielt man bei der Kanonbildung dafür, dass 
Alles darauf ankomme, dass das heutige Christenthum an das apostolische, an 
das Urchristenthum anknüpfe. Diese Ansicht von der Sache musste nothwendig 
von irgendwelchem Maass von kritischer Sorge begleitet sein. Allenthalben 
finden wir Spuren eines Kampfes nicht blos gegen häretische, sondern auch 
vielfach gegen an sich wohlmeinende und nicht zu beanstandende, aber irr- 
thümlicher Weise als apostolisch geltende oder fälschlich sich für apostolisch 
ausgebende Schriften. Im Verlaufe dieses Kampfes musste aber die Kirche bis 
zu einem gewissen Grade lernen, schwarz und weiss zu unterscheiden. So übel 
eine Mischung von Galle und Honig behagen würde, so unziemlich wäre es, 
dem Can. Mur. zufolge, wenn man echte und gefälschte Bücher zusammen- 
stellen wollte'). 

2) Aber schon diesen Thatsachen lässt sich, genau besehen, 
auch eine andere Seite für die Betrachtung abgewinnen. Gerade 
der Umstand, dass man Vorkehrungen treifen musste, beweist die 
Unsicherheit aller, auch der schriftlichen Ueb erlief er ung (vgl Apc 22, 
19. Henoch 104, 11). Ebenso geht aus den angeführten Stellen 
von 2 The nur hervor entweder, dass dieser oder wenigstens dass 
andere Briefe untergeschoben worden sind^). Wie Dionysius von 
Korinth, so hatte sich Origenes sogar noch bei Lebzeiten über Ver- 
fälschung seiner Schriften zu beklagen (Epist. ad charos suos in 
Alex.). Aus der Erzählung des TertulUan von den Acta Pauli et 
Theclae (Bapt. 17) aber erhellt, dass das Hauptverbrechen jenes 



^) Seltsam ist es freilich, wenn gerade die moderne Apologetik sich auf 
die Spuren und Ansätze von historischer Kritik beruft, welche sich im kirch- 
lichen Alterthum finden; denn sie desavouirt und revocirt ja angelegentlichst 
jene patristischen TJrtheile auf Unechtheit von Jac, Jud, beziehungsweise auch 
2 Pe, worin sich der freiere Blick der alten Kirche zumeist bewährt hat. 
Aehnlich ergeht es dem in Alexandria bezüglich Joh und Apc aufgestellten 
disjunctiven Kanon, und in einem Fall, wo Eusebius selbst einmal an der 
Tradition Kritik geübt hat, in Sachen des Apostels Johannes (Euseb. KG III, 
39, 2 — 7), ist der Brunnen, den er gegraben hat, sorgfältigst wieder zuge- 
schüttet worden. 

») HoEKSTRA ThT 1867, S, 423 f. Steck ThZSch 1884, S 41 f. 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 211 

Presbyters nicht sowohl in der Fälschung, als darin bestand, dass er 
ein Weib als lehrend und taufend dargestellt hatte im Gegensatz zu 
der Regel 1 Cor 14, 34. 

Dagegen weist das Alterthum überhaupt wenig Interesse an der geschicht- 
lichen Wahrheit an sich auf*). Man kennt dasselbe wenig, wenn man es in 
irgend welcher Tiefe von Problemen bewegt und für die Frage zugänglich 
nimmt, was historisch beglaubigt, was echt und treu überliefert sei. Schon der 
verhältnissmässige Mangel an kritischen Hülfsmitteln machte eine scharfe und 
sichere Nachforschung zur Unmöglichkeit. Während untergeschobene Schriften 
in reicher Fülle auftauchen, finden wir kritische Streitfragen selten ernstlich 
verhandelt ^). Selbst Aristoteles steht in dieser Beziehung nicht über seinem 
Zeitalter. Wie manches Verdienst dann auch die alexandrinischen Gelehrten 
sich auf diesem Felde erworben haben, so ist ihnen doch Vieles in fast un- 
begreiflicher Weise entgangen. Es gab Gedichte, die dem Orpheus und Musäus 
untergeschoben waren. Unter dem Namen des Königs Numa schrieben spätere 
Pythagoreer die Bücher, welche 181 v. Chr. in Rom auftauchten und auf Befehl 
des Senats verbrannt wurden (Liv 40, 29. Plin H. n. 13, 27. Plut Numa 22). 
Dem Pythagoras oder den Pythagoreern der alten Schule wurde über ein 
halbes Hundert unechter Schriften durch die Neupythagoreer untergeschoben, 
ohne dass in nächster Zeit sich eine Stimme dagegen erhoben hätte. Solches 
geschah öfters wohl geradezu in Alexandria, unter den Augen der literarischen 
Kritik; jedenfalls aber in einer Periode, die theils unmittelbar vor der neutest. 
Literatur, theils mit dieser gleichzeitig ist. Pseudonymität und Mystification 
bildet eine herv'orragende schriftstellerische Passion dieses ganzen Zeitalters. 
„Schriftsteller zu erdichten, Leuten, die keinen Buchstaben geschrieben haben, 
ganze Reihen von Büchern unterzuschieben, das Neueste in ein graues Alterthum 
zurückzudatiren, die bekanntesten Philosophen Ansichten aussprechen zu lassen, 
die ihrer wirklichen Meinung schnurstracks zuwiderlaufen — diese und ähnliche 
Dinge sind gerade in den letzten vorchristlichen und in den ersten christlichen 
Jahrhunderten ganz gewöhnlich" *). Von vornherein wird schwerlich anzunehmen 
sein, dass gerade die gleichzeitigen Juden und Christen eine rühmliche Aus- 
nahme von einer so allgemeinen Eigenschaft gemacht hätten. Nur das hatten 
die Christen eine Zeitlang vor den Juden voraus, dass sie, so lange der Glaube 
an die eigene Inspiration vorhielt, weniger veranlasst waren, ihre schrift- 
ßtellerischen Leistungen unter den Schutz erborgter Autorität zu stellen. Die 
alexandrinischen Juden dagegen erwiesen sich auf dem Gebiete der Pseudonymen 
Schriftstellerei und Interpolation besonders fruchtbar. Um den Monotheismus 
zu Ehren zu bringen, erdichteten sie nicht blos lange sibyllinische Orakel, 
sondern versahen auch griechische Dichter, wie den Orpheus (Justin, Monarch. 2. 
Coh. ad Graec. 15. Clem. AI. Protr. 7, 74. Str. V, 12, 79. 14, 123—127. Euseb. 
Praep. ev. XIII. 12,5. 13, 50 — 64) und selbst die grossen Tragiker Aeschylus, 



») A. Hausrath, Kleine Schriften S 123 f. 

2) Zu den glüciklichsten Ausuahmerällen ist es zu rechnen, wenn die Er- 
weiterung des Corpus Demosthenischer Heden theils durch gleichzeitige Reden, 
theils durch spätere Fälschungen schon von Dionysius von Halikamassus er- 
kannt worden ist. 

') Zellkr, Vorträge und Abhandlungen I, S 298. 

14* 



212 Creschichte des Kanons. 

Sophokles und Euripides, dazu auch die Komödiendichter Philemon, Menander 
und Diphilus mit tendenziösen Einschaltungen^). Dem Gnomiker Phokylides, 
der im 6. vorchristl. Jahrh. lebte, wurde ein monotheistisches Lehrgedicht 
untergeschoben 2). Dem Hekatäus von Abdera, einem Zeitgenossen Alexander's, 
schrieb man schon vor 200 v. Chr. ein ganzes Buch irspl 'loüSaiwv zu, wahr- 
scheinlich die Quelle der meisten jener den epischen und scenischen Dichtern 
untergeschobenen Verse') — freilich eine so auffällige Fälschung, dass diesmal 
ausnahmsweise der Zweifel rege wurde (vgl. Herennius Philo bei Orig. Geis. 

I, 15). Beispielloses Glück hat der unter dem Namen Historia LXX inter. 
pretum bekannte Brief des Aristeas an Philokrates — ein jüdisch-alexandrinisches 
Elaborat — gemacht. Die zur Verherrlichung des jüdischen Namens aus heid- 
nischem Munde erzählte Fabel von der Entstehung der LXX durch 70 oder 72 
unabhängig von einander arbeitende Interpreten erzählen nicht blos Philo und 
Josephus, sondern auch Justin, Irenäus, Tertullian, Eusebius gläubig nach. Der 
von ihnen weiter ausgebildeten Legende zufolge arbeiten die 72 in ebenso vielen 
Cabineten, und weist es sich am Ende aus, dass sie alle buchstäblich den 
gleichen Text für die ganze Bibel geliefert haben, auch solche Bücher mit in- 
begriffen, welche zur Zeit des Ptolemäus Philadelphus, unter dem die Ueber- 
setzung veranstaltet worden sein soll, noch gar nicht existirten*). 

Weder Clemens von Alexandria (Str. V, 14, 108), noch Eusebius von 
Cäsarea (Praep. ev. XIII, 12, 13 — 16. 13, 34) tragen das mindeste Bedenken, 
wenn sie (aus Aristobul) Verse citiren, darin Homer, Hesiod und Linus (Kalli- 
machus) vom Sabbath reden. Schon Justin (Apol. 1, 20. Cohort. ad Graec. 16) 
und der alexandrinische Clemens (Protr. 2, 27. 4, 50. 62. 6, 70. 71. 7, 74. 8, 
77. Paed. II, 10, 99. III, 3, 15. Str. III, 3, 14, V, 14, 108. 115) berufen sich auf die 
Weissagungen der Sibylle (LEI — V), welche sich Braut und Nachkommin Noah's 
nennt (III, 826), im Uebrigen aber nicht blos vom Thurmbau zu Babel, sondern 
auch vom Muttermord Nero's und vom Ausbruch des Vesuv unter Titus redet-, 
schon in diesen älteren Stücken wird inmitten rein jüdischer Umgebung „der 
vom Himmel kommende treffliche Mann, der seine Hände ausbreitet am frucht- 
bringenden Holze" als Josua eingeführt (V, 256 — 259); die späteren weissagen 
Specialia aus dem Leben Jesu (VI, 21—26. VIII, 270—336. 457—480) und 
bringen sogar ein Akrostichon auf die Formel 'Ifjaoö? Xpioxbq d-sob olbc, aa>xY,p 
(VIII, 217 — 242). Der alexandrinische Clemens beruft sich auf ein Buch, darin 
Zoroaster, nachdem er vom Tod in's Leben zurückgekehrt, das Todtenreich be- 
schrieben hat (Str. V, 14, 104). Wir wundern uns, wie gnostische Secten des 
Glaubens leben konnten, im Besitze der schriftlichen Hinterlassenschaft Seth's, 
des Sohnes von Adam und Eva, zu sein (vgl. S 138). Aber auch der Verfasser 

Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi 

II, S 809 f. 

2) J. Bernays, Gesammelte Abhandlungen I, 1885, S 192 f. Schürer 
S 824 f. 

») Schürer S 811 f, 816 f. 

*) Reuss, Die Geschichte der h. Schriften AT 1881, S 536: „Es ist dies 
das glänzendste Beispiel von dem, was man überhaupt von literär-historischeu 
Aussagen der Kirchenväter zu halten hat, und sollte doch die Schule ein bischeu 
behutsamer machen in Betreff solcher angeblich geschichtlicher Mittheiluugen 
derselben, die uns noch näher angehen". 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 213 

von Jud 14 beruft sich auf das Henochbuch als eine Schrift des Urgrossvaters 
von Noah (Gen. 5, 21 — 24). TertuUian kennt wohl das Bedenken, dass die 
grosse Fluth zwischen uns und Henoch liege, tröstet sich aber mit der Erwä- 
gung, dass des Letzteren Buch entweder von Noah mit in die Arche genommen 
oder aber mit dem gesammten AT durch Esra auf wunderbarem Wege wieder- 
hergestellt worden sein könne (De cultu fem. 1, 3). 

Dieselben Personen aber, welche leichtgläubig jede Fälschung hinnehmen, 
erweisen sich auf der anderen Seite auch zu jeglicher Fälschung disponirt. In 
aller Unbefangenheit veränderte man die Uebersetzung der LXX in christlichem 
Interesse (vgl. Justin. Dial. 72. 73) und schob dem Josephus (Ant. XVIII, 3, 3) 
ein anerkennendes Zeugniss über Christus unter. Und mit der prompten Be- 
dienung, welche so die Fälschung leistet, hält der ebenso prompte Glaube, den 
sie findet, gleichen Schritt. Die Legende von der Bekehrung Abgar's V. zum 
Christenthum ist zur Zeit Abgar's VIII. (176—213), des ersten christl. Königs 
von Edessa, entstanden. Aus dem edessenischen Archiv theilt 100 Jahre später 
Eusebius (KG I, 13, 4 — 10) mit diplomatischer Sorgfalt einen Briefwechsel Jesu 
mit Abgar V. mit, ohne auffallend zu finden, dass darin Jesus selbst sich auf 
das 4. Evglm {'(i-^prxTZ'zai jrspl Ifxoö Joh 20, 29) beruft. Ebenso leichtgläubig 
nahm man den Bericht des Pilatus an Tiberius hin und gewisse Edicte der 
römischen Kaiser zu Gunsten der Christen, auf welche sich schon die gleich- 
zeitigen Apologeten berufen. Hinter Justin's grösserer Apologie stehen nämlich 
1) eine Verfügung des Kaisers Hadrian an den Proconsul von Asien Minucius 
Fundanus, 2) ein Schreiben des Antoninus Pius irpo? xö -kov/o)^ xyj? 'Acta?, 3) ein 
Erlass Marc Aurel's, worin dieser Kaiser die wunderbare Errettung seines 
Heeres durch das Gebet christl. Soldaten (das Wunder der sog. legio fulminata) 
berichtet, welche im Jahre 174 müsste stattgefunden haben. Zum Beweis, wie 
schnell solche untergeschobene ^) Schriften sich verbreiteten, citirt schon um die 
Wende des Jahrh. (197 — 204) TertuUian das kaiserliche Schreiben, ohne zu 
bedenken, wie wenig dasselbe zu der 177 unter demselben Fürsten verhängten 
Christenverfolgung stimmt (Ad Scapul. 4. Apol. 5). Ebenso thut nach ihm 
Eusebius (KG V, 5, 1 f Chron. ad. ann. 13. Marci Aur.) und bei ihm (KG V, 
5, 4), wahrscheinlich schon vor Beiden, Claudius Apollinaris. An die Echtheit 
des ersten Schriftstückes aber glauben Melito bei Eusebius (KG IV, 26, 10) 
und dieser selbst (IV, 8, 6 f). Was das Zweite anlangt, so soll Melito in den 
Apologien nach Eusebius (KG IV, 13, 8) seine Echtheit gleichfalls bestätigen, 
während freilich in der hergehörigen Stelle jener Schrift, die Eusebius selbst 
anderswo (IV, 26, 10) mittheilt, weder jenes untergeschobenen Erlasses, noch 
der den Anklägern der Christen darin angedrohten Strafe, sondera nur solcher 
Edicte Antonin's Erwähnung geschieht, die er an verschiedene griechische 
Städte Tiepl coö jjLYjSev vetuxspiCeiv Ttepl -fiixtüv erlassen hat. 

Berichten demgemäss die Schriftsteller, auf deren Angahen die 
traditionellen Urtheile über Kanon und kanonische Bücher beruhen, 
und welche als Zeugen für die Entstehungsverhältnisse der neutest. 
Schriften angerufen werden, des offenbar Missverstandenen, an- 
erkannt Ungeschichthchen, ja Fabelhaften genug, so verhält sich 



*) Vgl. OvERBECK, Studien zur Geschichte der alten Kirche S 93 f. Keim, 
Aus dem Urchristenthum S 181 f. 



2X4: Geschichte des Kanons. 

unser protestantisches Bewusstsein zu der von ihnen repräsentirten 
Tradition überhaupt nicht mehr einfach bejahend, erscheint mit- 
hin die den Traditionsbeweis führende äussere Kritik mindestens 
ungenügend. 

3) Sehen wir vollends herüber auf die Anwendung, welche das 
kirchl. Alterthum in der Praxis von seinen etwaigen kritischen 
Grundsätzen machte, so stellt sich das Urtheil noch ungünstiger. 
Die Väter um 200 bringen es nie und nirgends über die Versiche- 
rung hinaus, die neutest. Schriften hätten sich seit den apostolischen 
Zeiten in der Kirche erhalten^). Bei Tertullian ist die Berufung 
auf die Tradition der Sedes apostolicae (Praescr. haer. 19. 27) nur 
Schein. Allerdings geht er für die johanneische Abfassung von Apc 
auf die Succession der Bischöfe zurück (Marc. 4, 5 ordo episco- 
porum ad originem recensus in loannem stabit autorem). Aber 
die Untersuchungen, welchen die alten Bischofslisten der Gemeinden 
von Kom, Antiochia, Edessa unterzogen wurden, haben gezeigt, wie 
solche Kataloge in dem bekannten kathohschen Interesse, die Suc- 
cession der Bischöfe bis auf die apostolischen Zeiten hinauf reichen 
zu lassen, schon im 2. Jahrh. nach Analogie und Symmetrie ent- 
worfen wurden, ohne dass ihren Verfertigern historische Notizen 
von irgend bedeutenderem Gewicht vorgelegen hätten. Je weiter 
hinauf diese Bischofslisten reichen, desto fabelhafter werden sie. 
Gibt doch der Bischof Dionysius von Corinth seine Gemeinde für 
eine gemeinsame Stiftung der Apostel Petrus und Pls aus (Euseb. 
KG U, 25, 8), trotzdem dass ihm die Corintherbriefe bekannt sind, 
vielleicht gerade wegen 1 Cor 1, 12. Schon die Zeit der werdenden 
kath. Kirche war aber nicht mehr im Stande, die Entstehungsver- 
hältnisse des Christenthums im objectiven Lichte zu erblicken, weil 
ihr als unvermeidliches Medium der Betrachtung die Voraussetzung 
diente, dass die Entstehung des Christenthums zusammenfalle mit 
der Entstehung der Kirche. Die Tradition der kath. Kirche hat 
daher ihren Ursprung in einer tedenziösen Hypothese; sie ist eine 
Fiction, hervorgegangen aus dem Bedürfniss, das jeweils Gegen- 
wärtige als uralt, als ewig dagewesen darzustellen 2). 

^) Th. Zahn RE, 2. Afl IV, S 143: „Aber mit dieser Versicherung war die 
Sache auch wesentlich abgethan, und zu Forschungen in der bezeichneten Richtung 
sehen sich die kirchUchen Theologen nicht dadurch veranlasst." Auch B. AVeiss 
Ijckennt ThLz 1881, S 234, „dass nach dem Geist und nach den Mitteln jener 
Zeit (des Can. Mur.) eine wirkHche Untersuchung über den apostolischen Ur- 
sprung einer überlieferten Schrift nicht mehr möglich war." 

*) A. Harnack, Texte und Untersuchungen II, 2, S 108 : „Damals begann 
jene weitgreifende Correctur der Greschichtc und der Literatur, die durch die 



r 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 215 



Bei Clemens, bei Origenes vollends und seiner Schule, also bei 
denjenigen Theologen, welche den Kanon im Detail ausbildeten, 
mangelt fast jegliches historische Bewusstsein um die Urzeit der 
Kirche und den Sinn der von dorther stammenden Literatur, über- 
haupt um die historischen Bedingungen der christl. Sache und "Welt- 
anschauung. Thatsächhch verdankt Clemens der TrapaSoat? twv 
avsxa^cv TTpsaßoTSpiov ganz Falsches über Marcus (Euseb. KG. VI, 
14, 5 f), dem „sehgen Presbyter", d. h. wahrscheinHch dem Pan- 
tänus, aber das Vorurtheil vom paulinischen Ursprung von HGbr 
sammt einer fadenscheinigen apologetischen Hypothese hierüber 
(Euseb. KG VI, 14, 4). Letzteres hat, vermehrt mit der eigenen 
Vermuthung des Clemens, die Redaction des Briefes gehe auf einen 
Apostelgehülfen zui'ück, von ihm Origenes überkommen. Nichts 
destoweniger spricht er bereits geradezu von a^ycfXoi avSps?, welche 
Hbr als paulinisch überliefert hätten, so dass, wenn eine Gemeinde 
den Brief so taxirt, sie keinen Tadel verdiene (Euseb. KG VI, 25, 
13). Damit war sonach eine höchstens zwei Generationen alte 
Lösung des Bäthsels, wie Pls Urheber zwar der Gedanken, nicht 
aber der AVorte sein könne, bereits mit dem Glorienschein der 
Tradition umgeben, und 100 Jahre später liest sogar ein Theodoret 
aus den betreffenden Angaben des Eusebius heraus, dass alle Alten 
für die pauHnische Abfassung von Hbr eintreten (Op. IH, S 542 
ed. Hai.). Und so beruhen die Urtheile der Kirchenväter über 
die Herkunft neutest. Schriften theils auf exegetischen Schlüssen 
und Vermuthungen, deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit sich noch 
controlliren lässt, wie z. B. des Eusebius Schluss aus 2 Tim 4, 6. 
16 — 18 auf die Abfassung des letzten der Pastoralbriefe in einer 
2. römischen Gefangenschaft^); theils aber sind sie Bestandtheile 
einer in der alten kath. Kirche seit der Epoche ilu-er Stiftung zu 
officiellem Ansehen gelangten Fable convenue, deren Entstehungs- 
verhältnisse und Motive zuweilen, wie z. B. bezüglich der römischen 
und der korinthischen Gründungsthätigkeit des Petrus, mit beleidi- 
gender DeutHchkeit zu Tage hegen. 



strenge Durchführung einer einzigen Fiction die wirkliche Geschichte auslöscht 
und eine neue Geschichte gemacht hat. Diese Fiction war, dasa Alles, was in 
den Gemeinden eben in Geltung stand oder in Geltung gesetzt werden sollte, 
von den Aposteln — das Wort im strengen Sinne — herrühre." 

*) H. HoLTZMANN, Die Pastoralbriefe S 38 f. Dasselbe gilt von dem hier 
besprochenen Wissen des Hieronymus um die spanische Reise des Pls, wahr- 
scheinlich auch von der Verbannung des Johannes nach Patmos und vielen 
Nachrichten der Väter über die Lebensverhältnisse dos Lucas, 



216 Geschichte des Kanons. 

Niemand, der von der Entstehung des Gnosticismus eine Vorstellung hat, 
nimmt heutzutage noch den Kirchenvätern, die dafür den Magier Simon verant- 
wortlich machen, die mancherlei Sagen von diesem .gläubig ab. Aber die Fabel 
von dem grossen Triumph, welchen Petrus über diesen Simon zu Rom erficht 
(Philos. 6, 20), und die Legende von dem ebendaselbst in siedendes Oel ge- 
tauchten, aber unversehrt daraus hervorgegangenen Johannes (Tertull. Praescr. 36) 
treten schon als Theile der römischen Localtradition zu einer Zeit auf, da kurz 
zuvor der gleichfalls römische Can. Murat. eine förmliche Entstehungsgeschichte 
des 4. Evglms mitgetheilt hatte. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir noch, 
dass der Apostel Johannes überdies auch Apc abgefasst und mit seinen 7 Briefen 
ein Prodecessor des an 7 Gemeinden schreibenden Pls gewesen ist. Letzteres 
glaubt heute überhaupt Niemand mehr; Ersteres, die Identität des Verfassers 
von Joh und Apc, ist so problematisch geworden als möglich. Derselbe Irenäus, 
welcher durch eine nachweisbare Ueberlieferungskette mit dem Johannes, dem 
auch er beide Schriften zuschreibt, zusammenzuhängen scheint, weiss trotz dieses 
seines ausdrücklich hervorgehobenen Verkehrs mit Johannesjüngern (V, 30, 1) 
nur unrichtige Deutungen der apokalyptischen Räthselzahl 666 zu berichten 
(V, 30, 3). Dass, wie am gleichen Orte berichtet wird, Apc unter Domitian ge- 
schrieben sei, wollen selbst die traditionell gerichteten Theologen kaum mehr 
glauben, und dass das 3. Evglm eine Niederschrift der Vorträge des Pls 
gewesen sei (III, 1, 1), nimmt jenem hervorragendsten Vertreter dessen, was 
altkirchl. Tradition heissen kann, heute angesichts von Lc 1, 1 — 4 Niemand 
mehr ab. Ein nicht minder ungläubiges Verhalten erlaubt man sich, ohne einer 
Censur zu verfallen, gegenüber demselben Schriftsteller, wenn er aus dem Munde 
von unmittelbaren Schülern des Johannes und aus dem 4. Buche des Papias 
zustimmend anführt, in der Endezeit würden für die Gläubigen Weinstöcke 
wachsen mit je 10,000 Aesten, der einzelne Ast mit je 10,000 Reben, die Rebe 
mit je 10,000 Schösslingen, der Schössling mit je 10,000 Trauben, die Traube 
mit je 10,000 Beeren, und jede Beere werde 25 Maass Wein geben, und aus 
diesen, nachweisbar der jüdischen Apokalyptik angehörigen (Hen. 10, 19. Apc 
Baruch 29, 5) Elementen einen durch den Apostel Johannes garantirten Aus- 
spruch Jesu macht (V, 33, 3. 4. Patr. ap. I, 2, S 87 f). Wenn aber derselbe 
Irenäus demselben Apostel das 4. Evglm zuspricht, so wird er auf einmal als 
letzte Instanz, als treuer Zeuge und Träger einer unanfechtbaren Ueberlieferung 
gewerthet, und ebenso alle Kirchenväter, wo sie nur Ansichten aussprechen, 
die dem heutigen Stand des Kanons günstig sind^). Aber was soll man denn 
in den gar nicht seltenen Fällen anfangen, wo die Tradition, deren ehrwürdiges 
Alterthum man preist, ihre ganze Unsicherheit schon durch innere Gespalten- 
heit und Gegensätzlichkeit beweist? So besteht Dissensus gleich in Bezug auf 
einen der wichtigsten Punkte der Evglienfrage, wenn nach Irenäus (III, 11, 1) 
Lc, nach Clemens (bei Euseb. KG VI, 14, 5) Mr das letztgeschriebene Evglm 
unter den Synoptikern ist, und im Passahstreite stossen sich bekanntlich petri- 
nische und Johanneische Traditionen aufs Härteste. 



^) ScHMiEDEL S 330 : „Es gilt, den unendlich oft wiederholten Satz, diese 
oder jene neutest. Schrift sei bezeugt schon von (beispielsweise) Irenäus, Ter- 
tullian und Clemens Alexandrinus, dahin abzuändern, dass sie erst von diesen 
Männern bezeugt sei und auch dies nur insofern, als durch Anführung von 
Citaten oder Nennung ihres Titels ihre Existenz bewiesen wird." 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 217 

4) Es steht somit fest, dass der alten Kirche weder ein kriti- 
sches Bedürfniss noch behufs Erforschung eines historischen That- 
bestandes kritische Mittel und Grundsätze von hinreichend sohdem 
Umfange zu Gebote standen, während die Leichtgläubigkeit ihrer 
theologischen Vertreter um so grösser war. Aber noch mehr — 
ihr Absehen bei Entscheidung über die Kanonicität einzelner Bücher 
war auch keineswegs immer auf Klarstellung der geschichtUchen 
Wahrheit gerichtet. Im Princip stand fest, dass nur sicher Aposto- 
lisches kanonisch sein dürfe; in der Praxis hielt sich sogar Eusebius 
in der Bestimmung dessen, was apostolisch und kanonisch sein sollte, 
ledigHch an das Merkmal des Herkommens ^). Den praktischen Ent- 
scheidungsgrund zur Beurtheilung dessen, was kanonisch heissen soll, 
bildet ii airooToXiXY] 6p^oSo|ia (KG III, 25, 7. 31, 6. 38, 5), und in 
Fällen, wo er die Lückenhaftigkeit seines Traditionsbeweises, die 
Undurchführbarkeit des Grundsatzes der Apostolicität klar erkannte, 
capituHrte er einfach mit dem kirchlichen Bedürfniss, wie es jeder- 
zeit auf „etwas Festes" drang (vgl. das alte und neue Schlagwort 
schon Clem. Hom. 1, 3). In einem Athem kann er versichern, dass 
es schlecht um die Echtheit von Jac steht (KG II, 23, 25 larsov 
Ss W(; vo^-sostai) und dass das Urtheil der Mehrheit diesem Uebel- 
stand Abhülfe leiste (©{xcog Ss la{X£V xal zoluzolq [istoc twv Xoittwv sv 
jrXsiaraK; SsSYjiioaiaOjisvac ixxXYjoiatc)^). Noch über ausgedehntere 
Mittel, wenn es galt, Kritik zu üben, verfügte Hieronymus. Aber 
in gleichem Maasse überwogen auch Schwäche und Eitelkeit; jedes 
kritische Bedenken trat zurück hinter der Sorge um die eigene 
Orthodoxie. Er weiss nur allzu guten Bescheid um die schweren 
Bedenken, zu welchen die genannten Briefe hinsichthch ihrer äusseren 
Bezeugung Veranlassung geben, ist aber der Ansicht, dass den An- 
sprüchen, womit sie auftreten, gleichsam als ein Ersatz für die 
Lücken des gelehrten Zeugenbeweises die Ausdauer zu Gute komme, 
womit sie praktisch zur Geltung gebracht wurden (bezüglich Jac 
Cat. 2: licet paulatim tempore procedente obtinuerit auctoritatem, 
und bezüghch Jud Cat. 4: auctoritatem vetustate jam et usu meruit). 
Dass trotz des guten und begründeten Wissens des Abendlandes 
um den nichtapostolischen Ursprung sowohl von Hbr als von Hermas 
beide Schriften im Morgenlande kanonisirt werden konnten, mag aus 
der herrschenden Unkritik und dem überwiegenden Interesse am 



A. Harnack ZKG 1879, S 404; Texte und Untersuchungen 11, 2, 

S 7 f . SCHMIEDEL S 328. 

") HiLGENFELD S 164: „In der Aufnahme eines Theils der Antilegomena 
scheint Eusebius seiner Ueberzeugung einen Stoss gegeben zu haben." 



218 Gescliichte des Kanons. 

Inhalte Erklärung finden. Dass aber Hbr im Abendlande auf die 
Dauer zur paulinischen Hinterlassenschaft geschlagen wurde, konnte 
nur geschehen bei einer Accomodationsfähigkeit der Tonangeber, des 
in der ascetisch-conservativen Zeitrichtung befangenen Hieronymus 
und des rein traditionsgläubigen Augustinus'), die unseren Glauben 
an das Interesse der Kirchenväter für geschichthche Wahrheit be- 
deutend ermässigt^). Was gerade damals den kritischen Trieb, von 
dem frühere Zeiten manches Lebenszeichen gesehen hatten, rasch 
und fast vollständig lahm gelegt und sogar Fälschungen nach grossem 
Maassstabe hervorgerufen hat, das waren die dogmatischen Kämpfe, 
welche die ganze Kirche seit den Zeiten des Eusebius bewegten^). 
Bald genug behandelte man alle Fragen, die mit dem Begriff des 
Kanons im Zusammenhang standen, ganz nach Analogie der dog- 
matischen Fragen. Der Vater der Orthodoxie geht daher auch in 
der grossen Angelegenheit des Kanonschlusses voran, und Rufin, 
Hieronymus, Augustinus und Innocenz I. übertragen sein ürtheil in 
das Abendland, wo das Bedürfniss nach handgreiflichem Wahrheits- 
besitze noch massivere Formen aufwies. 

Anfänglich konnte Athanasius (De incarn. 3. De decr. syn. Nie. 4. Epist. 
fest. 11) noch die günstigen Urtheile des Origenes über Hermas zu einer Zeit, 
da dieser im Abendlande nach dem Urtheil des Hieronymus (Cat. 10) paene 
ignotus war, vertreten. Als sich aber die Gegner auf Hermas beriefen, wusste 
sofort auch Athanasius besseren Bescheid und betonte den unkanonischen 
Charakter des Buches (De decr. syn. Nie. 18. Ad Afros 5. Epist. fest. 39). 
Nach solchem Maassstab war aber von jeher in der Kirche geurtheilt worden, 



*) WoLD. Schmidt S 467: „Er ist, wie Hieronymus, den auf etwas Festes 
und Fertiges gerichteten "Wünschen jener Zeit nur entgegengekommen.'* 

^) Hatch, Die Gresellschaftsverfassung der christlichen Kirchen im Alter- 
thum (Deutsche Asg von A. Harnack) S 5: „Wir haben uns zu erinnern, dass 
sie sämmtlich Advocaten gewesen und viele von ihnen Parteimänner." Vgl. 
Hausrath S 127 f. 

^) A. Harnack, Texte und Untersuchungen II, 2, S 223: „Das Zeitalter 
des arianischen Kampfes, in welchem sich die Reichsordnung in der Kii'che 
durchzusetzen begann, in welchem die verschiedenen provinzialkirchlichen Ord- 
nungen aufeinander trafen, in welchem Gewohnheitsrechte, eben erst sanctionirt, 
durch den grossen Umschwung der Dinge bald sich als nicht mehr haltbar er- 
wiesen, in welchem endlich die inneren Stürme unaufhörlich Bischöfe wegfegten, 
den Klerus spalteten, die Grenzen der Diöcesen verrückten, Uebergriffe unver- 
meidlich machten — dieses Zeitalter scheint vor Allem dasjenige gewesen zu 
sein, in welchem sich viele und verhängnissvolle Fictionen aus dem Dunkel an 
das Tageslicht gewagt und sich in demselben behauptet haben. Unter diesen 
Fictionen sind zwei die wichtigsten" — nämlich im Abendland die Zurück- 
führung des römischen Symbols auf die Apostel (Symbolum apostolicum) und 
die apostolischen Kirchenordnungen, Constitutionen u. s. w. im Morgenland. 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 219 

wie schon 150 Jahre vorher Tertullian beweist. Trotzdem nämlich, dass man 
im Abendland den späteren Ursprung jenes Buches kannte, daher nur seinen 
Privatgebrauch gestattete (Can. Mur.), niemals aber es zu den apostolischen 
und kanonischen Schriften zählte, behandelt Tertullian es da, wo es ihm Dienste 
leistet (De orat. 16, al. 12), als scriptura. Nach seinem Uebertritt zum Mon- 
tanismus aber steht er dogmatisch anders dazu; jetzt weiss er (De pudic. 10. 20), 
dass der Pastor moechorum auch in Rom nicht als ai)ostolisch gilt, obwohl 
Zephyrin seine milde Busspraxis daraus rechtfertigt. 

Gleichzeitig hatte Serapion von Antiochia gegen das Petrusevglm lange 
nichts zu erinnern gefunden, bis er die Entdeckung machte, dass das Werk 
gnostische Elemente in sich befasse; jetzt setzte er es ausser Gebrauch imd 
damit war es ein 'l^suBsTctYprx'.pov geworden. Wäre es nur orthodox gewesen, so 
hätte seiner Aufnahme in die Vorlesebücher nichts im Wege gestanden. Ihm 
wäre der bei Gelegenheit des S 213 erwähnten Urtheils über Henoch formu- 
lirte Grundsatz des Tertullian zu Gute gekommen : a nobis quidem nihil omnino 
rejiciendum est, quod pertineat ad nos. Nach diesem Maassstabe verfuhr mau 
sicherlich, wenn man sich endlich entschloss, 2 Pe in den Kanon zuzulassen'). 
Je länger, desto weniger Sorge machte man sich um den Verfasser einer Schrift, 
wenn nur ihr Inhalt dem Geschmack und Bedürfniss der Zeit zusagte^). Ver- 
mochte aber die alte kathol. Kirche ihr eigenes religiöses Bewusstsein in einer 
gegebenen Schrift nicht mehr zu erkennen, so schützte auch das unzweifelhafteste 
Alterthum und die beste Bezeugung dieselbe nicht gegen mancherlei Ungunst. 
Jahrhunderte lang war Apc schon als prophetisches Orakel respectirt gewesen; 
da ward man im Gegensatz zum Montanismus und Chiliasmus irre an ihr, und 
von dem alexandrinischen Dionysius an datirt eine lange Reihe von griechischen 
Vätern, die sie entweder dem Apostel absprechen oder stillschweigend aus dem 
Kanon entfernen. Erst Athanasius hat dem Abendlande, welches sich in Ver- 
theidigung der Homousie so gesinnungstüchtig erwies, neben dem negativen 
Urtheil über Hermas auch das positive über Apc abgenommen, während Hiero- 
nymus sein geschichtliches AVisscn um die schlecht bezeugte Authentie von Hbr 
zurückdrängte mit der Erwägung, nihil interesse cujus sit, cum ecclesiastici viri 
sit et quotidie ecclesiarum lectione celebretur (Epist. 129 ad Dard. 3), und in 
Befolgung dieses bequemen Grundsatzes bezüglich 2 und 3 Joh sogar ortho- 
doxer und katholischer ward, als der gleichzeitige Papst (Damasus) selbst ge- 
wesen ist. Zu dieser Zeit des ausgewachsenen Kirchenthums fragt Augustin 
nur nach der Allgemeinheit einer Annahme und beurtheilt hiernach ihren Werth. 
Tenebit igitur hunc modum in scripturis canonicis, ut eas quae ab omnibus 
accipiuntur ecclesiis catholicis praeponat eis quas quaedam non accipiunt; in eis 



») Steck ThZSch 1884, S 44: „Das Urtheil der Kirche war eben in 
solchen Dingen in erster Linie ein Werthurtheil. Was ist heilsam, was ent- 
spricht dem richtigen Glauben, was kann die Kirche erbauen und vor den 
Gefahren der Irrlehre schützen? Das war die Hauptfrage, auf die es vor 
Allem ankam." 

*) ZuMPT, Das Geburtsjahr Christi 1869, S 10: „Jene ganze Zeit war 
ohne geschichtlichen Sinn, die Studien i)hilosophi8ch und rhetorisch; die christ- 
lichen Schriftsteller führten die Vertheidigimg ihrer Religion mit den AVafieu, 
welche ihnen diB Bildung ihrer Zeit gewährt. Nur um Dogmatik kümmerten 
sie sich." 



220 Geschichte des Kanons. 

vero quae non accipiuntur ab omnibus praeponat eas, quas plures gravioresque 
accipiunt, eis quas pauciores minorisque auctoritatis ecclesiae tenent (De doctr. 
Christ. 2, 8). Offenbar ein rein illusorisches Verfahren! Nachzuweisen wäre 
eigentlich das Alterthum eines Urtheils gewesen; dem nicht mehr nachweisbaren 
Alterthum substituirt er die kirchliche Mehrheits-Entscheidung in der Gegen- 
wart*). Der ßückschluss aus dieser auf das Alterthum ist der Nerv der kath. 
Traditionslogik. Es geschieht noch recht viel, wenn man ausnahmsweise einmal 
im 4. oder 5. Jahrh. noch Zeugnisse anführt von Papias, Polykarp und anderen 
Autoritäten des Alterthums. Schon Eusebius aber beruft sich vielfach nur auf 
Origenes, welcher seinerseits nur nach Verbreitung und Anerkennung der Bücher 
gefragt hat. Indessen sind selbst diese Fälle, in welchen man sich überhaupt 
auf bestimmte Angaben von Zeugen einlässt, Ausnahmen. In der Regel hält 
man es für selbstverständlich, dass die Bücher von denjenigen Verfassern her- 
rühren, welchen die Tradition sie beilegt. Zumal dann ist solches der Fall, 
wenn ihr Inhalt dem Eürchenglauben adäquat befunden wird. Denn die ge- 
schlossene Lehreinheit des apostolischen Zeitalters und seine Uebereinstimmung 
rückwärts mit dem AT, vorwärts mit der fixirten Kirchenlehre bildet eine allen 
Kirchenvätern gemeinsame Voraussetzung, deren Schranke immer unübersteig- 
licher wird, während gleichzeitig die Liebhaberei für Zahlenspiele bei Fest- 
stellung der Vierzahl der Evglien (S 152 f), der Siebenzahl der katholischen 
und auch der auf die doppelte Siebenzahl gebrachten Plsbriefe (S 148, 171, 174 f) 
wirksam erscheint. 

Aus dem Gesagten erhellt, dass die patristische Tradition seit 
dem Zeitalter der arianischen Kämpfe gar nichts mehr bedeutet, 
dass sie dagegen beachtenswerthe Fingerzeige vor Allem da ent- 
halten wird , wo sie über die durch die Entstehung der Kirche 
bezeichnete Grenzlinie, d. h. etwa über das Jahrzehend 170 — 80, 
wirkhch hinaufreicht. Zeugnisse der nächsten 70 Jahre nach dem 
Ende des apostolischen Zeitalters fallen ungleich mehr in's Gewicht 
als die der 1700 Jahre, welche seitdem verflossen. Nun sind aber 
die Zeugnisse, welche uns bezüglich der neutest. Schriften zwischen 
70 und der Mitte des 2. Jahrh. zu Gebote stehen (bei den aposto- 
lischen Vätern und Justin), ausserordentlich dünn gesäet und zudem 
oft zweideutig, unklar und dunkel. Um so mehr ist das aus so 
spärlichen Resten bezüglich der Entstehungsverhältnisse der neutest. 
Schriften herzustellende Ergebniss nach einem Maassstabe, der zumeist 
nur dem eigenen Inhalte und dem gegenseitigen Verhältnisse dieser 

*) Wo das Interesse besteht, sich über diesen Thatbestand zu täuschen, 
da hilft die Fiction von der ab ipsius praesentiae Christi temporis bestehenden 
ßuccessio episcoporum (C. Faustum 11, 5. 33, 6). Wo er aufrichtiger zu Werke 
geht, sagt er einfach z. B. von Hbr: me movet auctoritas ccclesiarum orien- 
talium, quae hanc quoque in canonicis habent (De peccat. mer. 1, 27). Ebenso 
von den Acta des Andreas und des Johannes: si illorum essent, recepta 
essent ab ecclesia (C. advers. legis et prophetarum 1, 20); ebenso würde der 
Briefwechsel Jesu mit Abgar, wäre er echt, längst im Kanon stehen (C.Faust. 28, 4). 



I 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 221 

Schriften entnommen ist, zu prüfen und auf dem Wege der rein 
inneren Kritik zu ergänzen. Zwar werden seit etwa 180 die Zeug- 
nisse reichlicher und wir haben von jetzt an eine constante Tradition. 
Aber diese selbst erstreckt nur ausnahmsweise einmal ihre Wurzeln 
in eine tiefere Vergangenheit; denn eben damals vollzog sich jener 
Umschwung, in dessen Folge die Entstehung der Kirche mit der 
Entstehung des Christenthums identificirt und die ursprünglichen 
Verhältnisse des letzteren durchweg von schiefen Voraussetzungen 
aus beurtheilt wurden *). Ueberhaupt aber ist, wenn einmal zwischen 
dem angeblichen Verfasser einer Schrift und ihrer ersten Erwäh- 
nung schon ein Zeitraum von einem halben bis zu einem ganzen 
Jahrh. in der Mitte liegt, damit für eine Zeit, die der Buchdrucker- 
presse noch entbehrte, offenbar die weiteste Möglichkeit der Irrung 
gegeben 2). 

Viel wichtiger als die ausdrücklichen Aussagen der Kirchen- 
väter über die Entstehungsverhältnisse der neutest. Schriften sind 
die nicht ausdrücklich abgelegten Zeugnisse, die sie durch ihr that- 
sächhches Verhalten über Vorhandensein und Benutzung dieser 
Schriften hefern. In dieser Beziehung kann Schritt für Schritt der 
Beweis geliefert werden, dass die einzelnen Bestandtheile des NT 
fast genau in derselben Reihenfolge, in welcher sie innerhalb der 
kirchl. Literatur allmälig in Sicht treten, zuvor auch in's Dasein 
getreten sind. So gefasst stimmen äussere und innere Kritik durch- 
aus überein. 

5) Bei diesem Befunde wird die innere Kritik das letzte Wort 
doch auch in solchen Fällen mitzusprechen haben, wo schon die Ab- 
hör der Zeugen, d. h. die Tradition, zu einem einheitlichen End- 
ergebniss zu führen scheint. Wenn beispielsweise — um nur ein 
einziges Moment, die schriftstellerischen Verwandtschaftsverhältnisse 
der neutest. Autoren unter sich, hervorzuheben — das 4. Evglm 
die Gegensätze des apostolischen Zeitalters nicht blos, sondern auch 
die schriftlichen Erzeugnisse desselben nachweisbar zur Voraussetzung 
hat und von den letzteren , also vorab von Plsbriefen und von 



*) Irreführend trotz ihrer Richtigkeit ist daher die Bemerkung von Lut- 
HARDT S 38: „Solchen Zeitaltern der Kirche ist um so mehr ein traditioneller 
und conservativer Sinn eigen." Richtiger Zahn, Hermas S 3: Die grossen 
Kirchenlehrer der altkatholischen Zeit stehen der hauptsächlich dunkeln Zeit 
doch zu fem, und ihr eigener geschichtlicher Blick reicht nicht weit genug 
zurück." 

*) Welcherlei Irrthümer selVjst unter der Herrschaft der Presse möglich 
sind, siehe bei H. Holtzmann, Recht und Pflicht der Kritik 1874, S 24 f. 



222 Geschichte des Kanons. 

den synopt. Evglien, auch wohl von Act und Apc, in Abhängigkeit sich 
befindet, so führt ein solcher Thatbestand auf die Frage, ob das Werk 
von einem Urapostel herrühren kann, auch wenn alle Yäter, seit 
Theophilus und Polykrates diese Frage längst bejaht haben, ja auch 
wenn es sich selbst für die Niederschrift eines Augenzeugen ausgeben 
sollte. Ein Brief, welcher von der aus den Plsbriefen zu erschliessenden 
Weise der Urapostel das Reich Gottes zu verkündigen abweicht 
und dafür in den Gedankengängen, Ausdrucksformen und Sprach- 
grenzen jener Briefe sich bewegt, berechtigt zu der Frage, ob er 
wirklich von Petrus herrühren kann, auch wenn schon Polykarp ihn 
gelesen hat, ja selbst wenn jener Name als der des Autors auf der 
Zuschrift geschrieben steht. Umgekehrt rufen Briefe, welche wie 
Tim und Tit von der paulinischen Weise des Evglms abweichen, 
ihr theilweise sogar zuwiderlaufen, dafür aber Kenntnissnahme von 
beiden Lucasschriften verrathen, die Frage hervor, ob sie aus der 
Feder des Pls geflossen sein können, trotzdem sie schon im Kanon 
der alten kath. Kirche stehen und den Namen des Apostels an der 
Spitze führen. Treten zu dem beispielsweise allein betonten Momente 
noch andere, wie Berücksichtigung späterer Zeitverhältnisse in einem 
angeblich urapostolischen Document, Nachweisbarkeit seines Alibi 
auf früheren Stationen der literarischen und kirchl. Entwickelung, 
so wächst in demselben Maasse auch die Grösse des Fragezeichens, 
welches die innere Kritik hinter die Tradition über die betreffende 
Schrift setzen muss. 

Aber bedroht dasselbe Fragezeichen nicht auch den persönlichen Charakter 
der betreffenden Autoren? Sofern es sich nämlich herausstellen sollte, dass 
manche Schriften des NT im Widerspruche mit der altkirchlichen Ueberlieferung 
nicht blos, sondern auch mit ihren eigenen Angaben apostolischen und anderen 
bekannten Männern der neutest. Geschichte von späteren Verfassern nicht ohne 
Absicht und Bewusstsein untergeschoben sind. Berechtigt uns ein solcher Be- 
fund nicht zu der Klage, das Christenthum sei auf Täuschung erbaut? Auf 
diesem Punkte ist unsere Empfindungsweise nicht blos wenig antik, sondern sie 
ignorirt auch einen zu jeder Zeit gleich stark wirkenden Drang des die Aussen- 
welt in sich nachbildenden und verarbeitenden Geistes, die zeitliche Ununter- 
brochenheit eines Prozesses, wo sie erfahrungsmässig nicht zu constatiren ist, 
mit Mitteln der eigenen Phantasie herzustellen und die Lücken der Beobachtung 
durch Einschaltung derjenigen Momente, die zufällig nicht zu beobachten waren, 
zu ergänzen. Für ein Zeitalter, welchem der Gedanke einer Entwickelung durch 
Gegensätze, Rückbildung und Umschwung noch nicht erreichbar, das Bedürfniss, 
die jedesmalige Gegenwart als direct gewolltes und herbeigeführtes Product 
einer göttlichen Wirkung zu begreifen, um so unabweisbarer war, bestand in dieser 
Beziehung geradezu ein psychologischer Zwang. Was zwar von den Aposteln 
nicht selbst geschaffen worden war, nichts desto weniger aber als ein mehr oder 
weniger mannigfach vermitteltes Ergebniss ihrer Lebensarbeit sich eingestellt 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 223 

hatte, das wusste die interpolirende Verstandesoperation späterer Greschlechter, 
ausgehend von der Voraussetzung, dass die immer sich selbst gleiche Kirche 
mit Einem Schlage von den Aposteln in's Leben gerufen worden sei, nach- 
träglich auf die eigene Rechnung jener zu bringen^). Schwierigkeiten standen 
einem solchen Unternehmen um so weniger im Wege, als mit dem rein objectiv 
historischen Interesse auch der Begriff des geistigen Eigenthums nur der Neuzeit 
angehört und nicht zurückdatirt werden darf in Zeiten, welchen er fremd war. 
Im Allgemeinen ist das Alterthum überhaupt für die Frage, was geschrieben 
steht, interessirter als für die andere, wer etwas geschrieben hat^). So treten 
schon in der hebräischen Literatur die wirklichen Verfasser der Geschichts- 
bücher ganz in den Hintergrund, während Namen, welche die Tradition z. ß. den 
Büchern Moses', Josua's, Samuel's vorgesetzt hat, offenbar nur darum gewählt 
sind, weil ihr Inhalt diesen Männern gewidmet ist. Weiter geht es schon, wenn 
der sog. Prediger sich ausdrücklich als eine Rede Salomo's gibt, der ihn doch, 
selbst nach conservativstem Urtheile, nicht abgefasst haben kann, und ungeachtet 
so vieler bestimmt lautender Ueberschriften lassen sich die Sprüchwörter (Prv) 
auf Salomo, die Psalmen auf David schwerlich auch nur so zurückführen, wie 
die Pandekten auf Justinian. Vollends zeigt das Buch der Weisheit wie der 
Name Salomo's zur Etiquette für eine gewisse Schriftstellerei geworden ist. Und 
nicht minder begegnet uns in der apokalyptischen Literatur die Manier, Weisen und 
Propheten des Alterthums mit Bezug auf neueste Vorkommnisse Orakel in den 
Mund zu legen (Henoch, die zwölf Patriarchen, Moses, Jeremia,Baruch,Daniel, Esra). 
Aehnlichen Grundsätzen folgte aber auch das classische Alterthum, wenn 
z. B. griechische und römische Geschichtsschreiber ganz unbedenklich und meist 
ohne sich darüber zu äussern, ihren Helden Reden in den Mund legen, welche 
einfach Eigenthum der betreffenden Schriftsteller sind. Offenbar besteht zwischen 
solchem Verfahren und eigentlicher Unterschiebung ganzer Schriftwerke kein 
sachlicher oder sittlicher Unterschied. „In beiden Fällen werden eben einem 
Anderen Aeusserungen zugeschrieben, die er nicht wirklich gethan hat, und ob 
dies schriftliche oder mündliche, längere oder kürzere sind, ist durchaus uner- 
heblich." „Wenn Plato seinen Sokrates ganze Bände hindurch sagen lässt, 
was er in seinem Leben nie gesagt oder gedacht hat, und wenn er diese Reden 
recht geflissentlich an geschichtliche Veranlassungen anknüpft und mit allem 
Schein der geschichtlichen Wirklichkeit zu umgeben sucht, wenn Xenophon, 
Aeschines und andere Sokratiker in ihrer Art ebenso verfahren sind, so kann 
man nicht sagen, diese Männer wollten jene Reden nicht für geschichtlich aus- 
geben. Das Richtige ist vielmehr, dass sie gegen die geschichtliche Wahrheit 
mit Ausnahme weniger Darstellungen vollkommen gleichgültig sind, dass ihnen 
das Geschichtliche nur ein unselbstständiges Vehikel ihrer Gedanken ist"'). Es 
handelt sich in solchen Fällen um eine gemeinübliche, unverfängliche Ein- 
kleidungsform. Für das Verfahren, welches Cicero in seinem Buche ü])er die 
Freundschaft einschlägt, darin er seine Ansichten nicht in eigenem Namen 
vorträgt, sondern dem berühmten Laelius in den Mund legt, rechtfertigt er 
sich mit dem grösseren Ansehen, welches dadurch dem Gesagten erwächst, also 



^) Vgl. 0. Liebmann, Die Klimax der Theorien 1884, S 80, 94 f. Dazu 
HoLTZMANN PrK 1884, S 269 f. Auch C. Hülsten, Synopt. Evglien S 154 f. 
«) Vgl. hierüber Zkllkr S 305 f. 
») Zeller S 309. 



224 Geschichte des Kanons. 

mit einem Grundsatz, welcher für diese ganze Classe von Literatur maassgebend 
ist (De amic. I, 4 genus autem hoc sermonum, positum in hominum veterum 
auctoritate et eorum illustrium, plus nescio quo pacto videtur habere gravitatis). 
Mit dem Namen eines angenommenen Verfassers bezeichnet sonach das 
Alterthum überhaupt nur die Tendenz und den Inhalt einer Schrift in bündigster 
Weise. So gut und auf ähnlichem Wege, wie zuvor der platonische Dialog, konnte 
in christlichen Kreisen auch der apostolische Brief zu einer bestimmten Form 
schriftstellerischer Darstellung werden. Jener wie dieser hatte sich in einem 
bestimmten Kreis von concreten Lebensverhältnissen erzeugt, welche die Bedin- 
gungen enthielten für weitergehende Productivität in derselben Richtung und unter 
denselben Formen. Sollten daher Briefe wie 2The,Eph,Tim,Tit,Pe eine derartige 
Erklärung verlangen, so würden sie eine trotz aller aufgewandten Kunst doch 
naive Form schriftstellerischer Thätigkeit repräsentiren, möglich in einer Zeit, 
welche die Sorgen kritischer Geschichtsschreibung nicht kannte, dafür aber desto 
mehr sittliche und religiöse, speculative und dogmatische Gährung in sich be- 
fasste. So wenig glaubte man damit ein Unrecht zu thun an den Männern, 
welchen man Schriften unterschob , dass Jamblichus die Pythagoreer dafür nur 
lobt, dass sie ihre Werke, auf eigenen Ruhm verzichtend, dem Meister der 
Schule zugeschoben haben ^), oder dass der Verfasser der Legende von Pls und 
Thekla, über seine Erdichtung zur Rede gestellt, erklären konnte, er „habe das 
aus Liebe zu dem Apostel gethan" (id se amore Pauli fecisse). Fast mit den- 
selben Worten motivirt der Verfasser einer apokryphischen Kindheitsgeschichte 
sein Beginnen (amor ergo Christi est cui satisfacimus) ^), während Can. Mur. die 
(Weisheit Salomo's zu Ehren desselben von seinen Freunden abgefasst worden 
sein lässt (S 149 f) — ein bezeichnendes Urtheil, in welchem theils ein gewisser 
kritischer Trieb, soweit er erwacht ist, sich mit der herkömmlichen Annahme 
auszugleichen sucht, theils aber in der Art, wie dieses geschieht, die ganze 
Unbefangenheit zu Tage tritt, womit damals geübt und taxirt wurde, was wir 
Heutige Fälschung und Unterschiebung nennen. Ebenso beurtheilt der Ver- 
fasser von Act die Reden , welche er nach zweifelsohne nur allgemeinen An- 
haltspunkten den Aposteln Petrus und Pls in den Mund legte. War man aber 
einmal so weit, so war von da nur noch ein Schritt zu Versuchen, unter des 
Pls oder des Petrus Namen auch zu schreiben. Es ist dies nicht anders zu 
beurtheilen, als wenn inmitten des 19. Jahrh. Jemand den Dr. Martin Luther 
zum Redner an die eigene vorgerücktere Zeit einführen wollte ^). Das Bewusst- 
sein geistiger Einheit liegt dabei zu Grunde. Man will die alten Heroen nicht 
sterben lassen, sondern immer neu sollen sie aufleben in jedesmal veränderter 
Gestalt, so wie eben die jedesmalige Gegenwart sie brauchte. „Grosse, hervor- 
ragende Geister des Alterthums beurkunden auch dadurch die Grösse ihrer 
Bedeutung, ihre das ganze Bewusstsein der Zeit beherrschende Macht, dass 
was in ihrem Geiste gedacht wird, auch nur in ihrem Namen gesagt werden zu 
können scheint. Es ist nur die Fortwirkung ihrer überwiegenden Persönlichkeit, 
dass man sie auch noch nach ihrem Tode reden und schreiben lässt, wie sie im 



') Zeller S 48, 310. 

'^) Schade, Liber de infantia Mariae et Christi salvatoris ex codice Stutt- 
gartensi 1869, S 11. 

") Luther's Wiederkunft und Ansprache an das Geschlecht dieser Zeit, 
Berlin 1844. Schon 1817 Hess Bretschneider „Luther an unsere Zeit" reden. 



I 



VI. Kap.: Die protestantische Kritik des Kanons. 225 

Leben geredet und geschrieben haben" ^). Gerade dem Pls, als dem vorzugs- 
weise schriftstellerisch thätigen Apostel, entsprach auch ein derartiges Nach- 
leben, wie er denn auch in der That derjenige berühmte Namen der Christen- 
heit ist, der für eine derartige Thätigkeit Späterer zuerst in Anspruch genom- 
men wurde, während Jakobus, Petrus und Johannes ihm nur folgten. 

Nach Analogie dieser Erscheinungen will es auch beurtheilt sein, 
wenn die schriftstellerischen Erzeugnisse des christl. Alterthums von 
der ältesten üeberlieferung vielfach zugleich fortgebildet werden, so 
dass sie fast mit jeder neuen Abschrift eine Ueberarbeitung zu finden 
scheinen. Man hielt oft weniger auf ein neues Copiren bestehender 
Texte als auf fortgesetztes Anpassen derselben an neu sich gestaltende 
Verhältnisse, an fortrückende Entwickelungen. Man dachte den be- 
züghchen Schriften Jugend und Wirksamkeit zugleich zu wahren, 
indem man sie von Zeit zu Zeit neu herausgab. Schon Celsus sagt 
nicht unrichtig, die Christen hätten das Evglm aus der ersten Schrift 
drei-, vier- und vielfach umgebildet (Orig. Geis. 2, 27). In der That 
weisen sowohl unsere synopt. Evglien , als die zur Famihe des 
Hebräerevglms gehörigen Werke Umbildungen ursprünglicher Stoffe 
im Sinne fortrückender Zeiten und auseinander gehender Interessen 
auf. Fast ebenso reich ist die Genealogie judenchristl. Apokalypsen 
(Henoch und die SibyUinen) und Apostelgeschichten (die Clementinen) 
und ein noch bekannteres Beispiel fortschreitender Erweiterung 
bieten die Ignatianen. In verschiedene Schichten, die sich in noch 
zu erkennenden Zeitunterschieden über einander lagern, zerfällt end- 
lich auch die ganze Literatur der Symbole, der Liturgien und der 
Rechtsordnungen, welche nach und nach, am unverhülltesten erst in 
den Zeiten der Reichskirche, ihren Anspruch auf apostolische Her- 
kunft geltend macht ^). Da diese Literatur mit ihrem Wachs thume 



>) Baür, Paulus II, S 120 f. 

') Bezüglich der Rechtsbücher (Doctrinae, Constitutiones, Canones aposto- 
lorum u. dgl.) vgl. A. Harnack, Texte und Unters. II, 1, S 223: „Man formte 
apostolische Kirchenordnungen, indem man entweder die Apostel gemeinsam 
oder auch jeden Einzelnen der Reihe nach reden liess. Diese neuen Kirchen- 
ordnungen sollten ältere Ordnungen mit bescheideneren Titeln und der neuen 
Zeit nicht mehr zusagendem Inhalt verdrängen; daher das Aufgebot höchster 
Autorität nöthig war." S 239: „Zugleich aber änderte man in diesen Büchern 
selbst fortwährend, indem man Veraltetes ausmerzte oder corrigirte und Neues 
einschob. Das Ergebnias dieser Entwickelung war, dass in den verschiedenen 
Provinzen der Reichskirche seit dem 4. .laluh, kirchliche Rcclitsbücher in ver- 
schiedenen Recensionen in Ansehen standen, deren Abfassung man direct auf 
die Apostel selbst — hier und da durch Vermitteluug eines Amauuensis wie 
des Clemens — zurückführte, ja es kam so weit, dass die einzelnen Rechts- 
Holtzmann, Einleitang. 2. Auflage. 1 e 



226 Geschichte des Kanons. 

ganze Jahrhunderte ausfüllen konnte, so wird es wenigstens nicht 
a Hmine abzulehnen sein, wenn die Kritik auch bezüglich Tim und 
Tit, ferner Eph und Col, endlich Jud und 2 Pe zu analogen Resul- 
taten gelangt, ja vielleicht auch in Bezug auf Apc nicht bei einer 
einmahgen Geburtsstunde stehen zu bleiben vermag. 



Satzungen an die einzelnen Apostel vertheilt wurden und oft ganz junge und 
neue gesetzliche Bestimmungen, die eben nöthig erschienen, einem Petrus oder 
Philippus u. s. w. in den Mund gelegt wurden." S 265: „Uebrigens ist ein 
genaues Studium dieser Interpolationen namentlich auch den neutest. Kritikern 
zu empfehlen .... da die allgemeinen literarischen Zustäiide im 2. und 4. 
Jahrh. nicht wesentlich verschieden waren". 



Besonderer Theil. 



15« 



\ \ 



Erstes Kapitel: Die paulinisclien Briefe. 

Das Leben des Heidenapostels ist oft genug dargestellt worden. 
So weit es überhaupt historisch erkennbar ist, ist es bedingt von 
den Resultaten der Kritik von Act einerseits, den zu besprechenden 
Briefen anderseits. 

"Wir nennen aus den Zeiten der älteren Apologetik "William Paley 
(Horae Paulinae, übersetzt von Henke 1797), aus der Uebergangszeit die "Werke 
von J. T. Hemsen (Der Apostel Paulus 1830) und Karl Schrader (Der Apostel 
Paulus, 5 Bde 1830 — 36). AVeitere "Verdienste im Einzelnen haben sich erworben 
Menken (Blicke in das Leben des Apostels Paulus 1828), H. A. Schott (Er- 
örterungen einiger wichtiger Punkte in Pauli Leben 1832), A. Tholuck (Ein- 
leitende Bemerkungen in das Studium der paulinischen Briefe StKr 1835, 
S 364 f-, Vermischte Schriften 11, S 274 f), Köllner (Geist, Lehre und Leben 
des Apostels Paulus 1835) und Paret (JdTh 1858, S 1 f). In umfassender 
Weise ist die geschichtliche Betrachtung erst durch Baur's „Paulus" (1845, 2. 
Afl 1866 — 67) angeregt worden. Im Anschlüsse an ihn haben Heinrich Lang 
(Religiöse Charaktere I, 1862, 2 Afl 1872 •, Das Leben des Apostels Paulus 
1866) und A. Hausrath (Der Apostel Paulus 1865, 2. Afl 1872) geistvoll aus- 
geführte Geschichtsbilder, Renan (St. Paul 1869) und Krenkel (Paulus, der Apostel 
der Heiden 1869) anders geartete, aber z. Th. eigenthümliche Darstellungen 
geliefert, während "Winer (Biblisches Real Wörterbuch, 3. Afl II, S 209 f) und 
H. A. "W. Meyer in der Einleitung zu Rm (Commentar über das NT IV, 6. Afl 
S 1 f ) präcise Zusammenfassungen des . Thatbestandes geben. Eine geschicht- 
liche Entwickelung seiner Gedankenwelt findet sich (abgesehen von der dem 
„paulinischen Lehrbegriff^ gewidmeten Literatur) bei A. Sabatier (L' apotre 
Paul, esquisse d'une histoirc de sa pensee 1870, 2. Asg 1882) und 0. Pfleiderer 
(Der Paulinismus 1873; Lectures on thc influence of the apostle Paul on the 
development of christianity 1885). Dazu kommen noch die Biographien von 
Fleury (1853), CoNYBEARE Und HowsoN (1852, 3. Afl 1864), Beets (aus dem 
Holländischen von Gross 1857), Bungener (1867), Vallotton (1870), Thomas 
Lewin (1874), J. "W. Straatman (1874), Moriz Schwalb (1876), H. Rodriguez 
(1876), Krähe (1878, 2. Afl 1883), Vix (1879), Farrar (1879), Kämmlitz (1881), 
A. Dewes (1882), WOLD. Schmidt (RE, 2. Afl XI, 1883, S 356 f i, W. Beyschlag 
(HbA 1884, S 1145 f), 0. H. Taylor (1884), J. Stalker (1884), Hatoh (Encycl. 
Britannica 70, 1885, S 415 f), Berchter (1885). 

Zu den Briefen vgl. im Allgemeinen (die specicllo Literatur bei den ein- 
zelnen Ueberschriften) : Flatt, Vorlesungen über Rm 1825, Cor 1827, Gal und 



230 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

Eph 1828, Phl, Col, The und Phm 1829, Tim und Tit 1831. K. Schrader 
(Bd 4 und 5 des oben genannten Werkes 1835~3Q). , H. Olshausen, Biblischer 
Commentar über sämmtliche Schriften des NT : Bd 3 und 4 (Um, Cor, Gal, 
Eph, Col, The) seit 1835, 2. Afl 1840—44, Bd 5 von W esinger (Phl, Tim, Tit, 
Phm) und Ebrard (Hbr) 1850. De "Wette, Kurzgefasstes exegetisches Hand- 
buch zum NT, Bd2 seit 1835: Rm 4. Afl 1847, Cor 3. Afl von Messner 1855, 
Gal und The 3. Afl von Möller 1861, Col, Phm, Eph, Phl 2. Afl 1847, Tit, 
Tim, Hbr 3. Afl von Möller 1867. H. A. W. Meyer, Kritisch-exegetischer, 
Commentar über das NT: Bd 4 Em 1836, 7. Afl von B. Weiss 1886, Bd 5 1 
Cor 6. Afl von Heinrici 1881, Bd 6 2 Cor 6. Afl von Heinrici 1883, Bd 7 Gal 
6. Afl von Sieffert 1881, Bd 8 Eph 6. Afl von W. Schmidt 1886, Bd 9 Phl, 
Col, Phm 4. Afl von Lünemann 1874, Bd 10 The 1852 von Lünemann, 4. Afl 
1878, Bd 11 Tim und Tit 1850 von Hüther, 5. Afl von B. Weiss 1886, Bd 
13 Hbr von Lünemann 1855, 4. Afl 1878. H. Ewald, Die Sendschreiben des 
Apostels Pls 1857. I. P. Lange, Theologisch-homiletisches Bibelwerk, NT: Bd 
6 Rm von Lange und Fay, 3 Afl 1880, Bd 7 Cor von Kling, 2. Afl 1865, 3. 
Afl von Braune 1876, Bd 8 Gal von Schmoller, 3. Afl 1875, Bd 9 Eph, Phl, 
Col von Schenkel 2. Afl 1867 und von Braune 2. Afl 1875, Bd 10 The von 
AuBERLEN und RiGGENBACH, 3. Afl 1884, Bd 11 Tim, Tit, Phm von v. Ooster- 
ZEE, 3. Afl 1874, Bd 12 Hbr von Moll, 3. Afl 1877. J. Ch. K. v. Hofmann, 
Die h. Schrift NT: Bd 1 The 1862, 2. Afl 1869. Bd 2, 1 Gal 1863, 2. Afl 
1872. Bd 2, 2. 1 Cor 1864, 2. Afl 1874. Bd 2, 3 2 Cor 1866, 2. Afl 1877. 
Bd 3, Rm 1868. Bd 4, 1 Eph 1870. Bd 4, 2 Kol, Phm 1870. Bd 4, 3 Phl 
1871. Bd 5 Hbr 1873. Bd 6 Tim, Tit 1874. A. Bisping, Exegetisches Hand- 
buch zum NT : Bd 5, 1 Rm 3. Afl 1870. Bd 5, 2. 1 Cor, 3. Afl 1883. Bd 6, 
1. 2 Cor, Gal, 3. Afl 1883. Bd 6, 2 Eph, Phl, Col. 2 Afl 1866. Bd 7, 
1 The, Tim, Tit, Phm, 2 Afl 1864. Bd 7, 2 Hbr, 2 Afl 1865. E. Reuss, La 
Bible NT HI, Les epitres Pauliniennes, 2 Bde 1878. K. v. d. Heydt, Exege- 
tischer Commentar zu neun Briefen des Apostels Pls, 2 Bde 1882. 

Mit Paulus beginnt die literarische Existenz des Christenthums, 
sofern die als seine Hinterlassenschaft geltenden Briefe den ver- 
hältnissmässig ältesten Theil des Kanons bilden. Mindestens ist 
dies von den echten zu sagen, wiewohl ganz ohne Anfechtung seitens 
der Kritik kein Bestandtheil dieser Sammlung gebheben ist. 

Es lässt sich jedoch in dieser Beziehung eine Classification durchführen, 
welche zugleich mit der chronologischen Abstufung zusammentrifft, wenn wir 
unterscheiden : 

1) The, Gal, Cor, Rm als die 6 in die Missionsthätigkeit des Apostels 
fallenden Sendschreiben. Unter ihnen sind nur die beiden The auch von der 
Tübinger Kritik (noch vertreten von Th. Ziegler, Geschichte der christl. Ethik 
1886, S 72) angefochten worden, während die 4 übrigen die paulinischen Ho- 
mologumenen im modernen Sinne des Wortes bilden. Wenigstens in Bezug auf 
sie lässt sich noch ein genereller Echtheitsbeweis in der Weise führen, wie ihn 
im Gegensatz zu Toland und den Freidenkern die ältere Apologetik (Paley) 
für alle zusammen unternommen hat. Die von Evanson, B. Bauer, A. D. Loman, 
A. Pierson und S. A. Naber unternommenen Angriffe gehören theils bereits 
der Geschichte der Kritik an, theils werden sie dermalen fast ausschliesslich 



I. Kap. : Die paulimschen Briefe. 231 

innerhalb der holländischen Theologie verhandelt^). — Jedenfalls bilden die 4 
grossen Briefe schon rein lexikalisch ein eigenes Sprachgebiet innerhalb des 
NT. Unter den 1850 "Wörtern, die letzteres umfasst, eignen jenen gegen 320, 
(mit 1 und 2 The über 340) ausschliesslich, davon die Mehrzahl (über 180) den 
Korintherbriefen, Rm gegen 90, Gal etwa 30 angehören^). Aber auch die all- 
gemeine Anlage haben die Briefe dieser Classe miteinander gemein. Sie beginnen 
mit Grussformeln, Danksagungen gegen Gott, Lob oder Tadel der betreffenden 
Gemeinden und schliessen mit Privatangelegenheiten und Segenswünschen. Un- 
erfindbar, und durchaus originell stehen sie auch stilistisch genommen da, sofern 
die griechische Sprache, welche von Haus aus einer ganz anderen Vorstellungs- 
welt zum Ausdruck gedient hatte, hier erst müh- und gewaltsam dazu gebracht 
wird, als Form für einen Inhalt zu dienen, der zwar in alttest. und jüdischen 
Gedankenbildungen Anknüpfungspunkte findet, in der Hauptsache aber als etwas 
Neues, zuvor nie Dagewesenes erscheint. Nur die Uebersetzung der LXX, von 
welcher Paulus kaum je bewusst abweicht^) und der er zum guten Theil seine 
Terminologie verdankt, liefert formell, der synoptische Evangeliencyklus mate- 
riell mancherlei Factoren, welche sich dem Exegeten der Plsbriefe als schon 
bekannte Grössen zur Verfügung stellen. Trotzdem bleiben sie dunkel und 
schwerverständlich (2 Pe 3, 16) wie wenige Producte des Alterthums, zumal da 
die correcte Form, die rhetorische Rundung und künstlerische Vollendung clas- 
sischer Produkte hier nicht anzutreffen sind. Daher die Anakoluthen, Nachläs- 
sigkeiten, Zwischensätze, Auslassungen. Um so grossartiger wirkt die ungesuchte 
Rhetorik des mit voller Kraft arbeitenden Geistes in Cor, die unerbittliche 
Stärke der Argumentation trotz der störenden Gedankensprünge in Gal, trotz 
der verschlungenen Schlussreihen in Rm, allenthalben die gleiche geistreiche 
Speculation und mystische Tiefe. Für dialektische Begründung stehen dem 
Apostel eine Menge eigenthümlicher Formeln zu Gebote. Trotzdem kann die 
geniale Conception oft mehr geahnt, als nachgewiesen werden, wie überhaupt 
diese Briefe nicht gelesen, sondern studirt sein wollen. In bunter Fülle drängen 
sich Schwierigkeiten, entsprungen aus dunkler Kürze des Gefüges oder aus Ab- 
bruch des Gedankens. Auf Schritt und Tritt begegnen alle A rten von redne- 
rischen Figuren, Antithesen, Steigerungen, Allegorien, Ausrufungen, Fragen. Es 
ist ein tief angelegter, durchgearbeiteter, dabei ausserordentlich lebendiger, stets 
in ebenso gewaltiger, wie unruhevoller Production begriffener und affectvoller 
Geist, dessen Ausdruck eine solche Schreibweise ist. Insofern liegt neben ihrer 
materiellen Unerfindbarkeit (S 98) der Beweis für die Echtheit solcher Schriften 
auch in der für sich selbst redenden Originalität ihrer Form. 

2) Phm, Col, Eph, Phl als die sog. Gefangenschaftsbriefe, welche sofern 
echt erst der Periode von Cäsarea und Rom angehören. Schon in der Form 
neu ist die Theilung ixx 2 Hälften, die sich in Col und Eph wie die theoretischn 



*) Sonst erfreuen sie sich noch des Beifalles von Dr. M. Igel, Blicke in 
die Religionsgeschichte zu Anfang des zweiten christl. Jahrhunderts: II. Der 
Conflict des Heidenthums mit dem Christenthum in seinen Folgen für das Juden- 
thum 1883, S 17, 81 f, 88. Vgl. dagegen H. Oort ThT 1883, S 509 f. 

'^) B. A. Lasondeb, Specimen litcrarium exhibens discjuisitioncs de liuguae 
Paulinae idiomate, 2 Bde 1866. 

') E. F. Kaützsch, De veteris Testamenti locis a Paulo apostolo allegatis 
1869. 



232 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

und die praktische Kehrseite zu einander verhalten. Der Inhalt weist mehr oder 
weniger Differenzen auf, welche in das Gebiet der biblischen Theologie fallen. 
Am wenigsten Schwierigkeiten bietet Phm, am leisten Eph. An letzterem 
Punkt hat die Kritik eingesetzt, um weiterhin Col als theilweise dieselben An- 
griffspunkte bietend zu berühren und Phm wenigstens noch leicht zu streifen, 
während umgekehrt die Apologetik Phm als Operationbasis benutzt, um von 
da zunächst Col, wo dieselben Personalien und Situationen wiederkehren, sicher- 
zustellen, Eph aber als gleichzeitig damit entstandenen Zwillingsbrief zu begreifen. 
So tritt immerhin noch die Mehrzahl für die Echtheit aller oder der meisten 
dieser Briefe ein. Die strenge Schule verwirft sie sämmtlich ; de Wette, Ewald, 
und Renan geben wenigstens Eph, Hilgenfeld, Rovers, Davidson, Weizsäcker 
auch Col, überdies 2 The auf und zählen 7 Plsbriefe, Andere, wie Schenkel, 
Beyschlag zählen ihrer dagegen 10, indem sie nur Tim, Tit, Hbr verwerfen. 

3) Tim und Tit als die auf alle Fälle der späteren Lebensperiode des 
Apostels angehörigen, übrigens besonders seit Eichhorn verdächtig gewordenen 
Pastoralbriefe, welche in der That ein ganz anderes Gepräge tragen. 

4) Hbr als der Brief, über den in der alten Kirche zwar das Urtheil eine 
Zeit lang schwankte, dessen paulinische Autorschaft aber in neuerer Zeit fast 
allgemein preisgegeben wurde. 

Die einzelnen Briefe sind erst mit der Zeit gesammelt und mit 
einander verbunden worden. Die Meinung, sie seien nach ilirem 
Umfange geordnet^), lässt sich fast vollkommen durchführen, sobald 
man annimmt, dass die Gemeindebriefe den Briefen an Einzelne 
vorangehen. Nur Eph ist etwas länger als Gal. Wahrscheinlich 
aber gestaltete sich die kath. Ordnung nach einer willkürhchen Rang- 
ordnung der Gemeinden (vgl. S 145). Doch war die Anordnung nicht 
überall die gleiche (vgl. über Marcion S 135, über Can. Mur. S 149). 
Bemerkbare Störungen haben später noch die beiden Eindringlinge, 
Hbr und Laodicenerbrief, verursacht^). Sicherlich stand der Apostel 
in sehr regem brieflichen Verkehr. Aus 1 Cor 16, 3. 2 Cor 11, 
28. Col 4, 16 geht hervor, dass ihm das Abfassen von Briefen etwas 
Geläufiges war, dass die Veranlassung dazu täglich nahe lag. Paulus 
selbst schrieb zwar selten, nennt vielmehr im Eingang oder Schluss 
gewöhnHch Gehülfen, die auch seine Schreiber waren. Wahrschein- 
lich hat er eigenhändig nur an die Galater^) und an Philemon (19) 
geschrieben. Dagegen sind Rm (16, 22), 1 Cor (16, 21), Col 
(4, 18) und 2 The (3, 17) erweisHch dictirt (S 25 f). Wo sich 
der Schreiber nicht, wie Rm 16, 22 Tertius, ausdrücklich be- 



*) Laurent, Neutestamentl. Studien 1866, S 43 f. 

2) VoLKMAR bei Credncr S 397 f. 

*) Nur Wenige, zumal Bleek, Wieseler und Hopmann, aber auch Gardt- 
HAUSEN 8 298, vertreten noch die ältere Auslegung von Gal 6, 11, als habe 
Paulus den ganzen Brief selbst geschrieben; die Meisten lassen ihn nur 6, 11- 18 
eigenhändig beifugen. 



Die Briefe an die Thessalonicher. 1. Die Christengemeinde zu Thessalonich. 233 

zeichnet, ist er wohl im Mitbriefsteller zu suchen (1 Cor 1, 1 
Sosthenes, 2 Cor 1, 1 Timotheus). Dem Apostel machte das 
Schreiben Mühei er dictirte also, und daraus erklärt sich das Un- 
geordnete und wenig Gefeilte seiner Schreibweise. Die Exegese hat 
selbst mit der Möglichkeit zu rechnen, dass nachträgliche Zusätze*) 
oder Randbemerkungen^) in den Text aufgenonmien werden mussten, 
wodurch dieser freilich nicht durchsichtiger werden konnte. Oft 
genug mochte dem Apostel das Dictiren zu langsam gehen, er kam 
während der Schreiber seine Buchstaben malte, auf neue Gedanken, 
verlor den Faden und veranlasste auf diese Weise exegetische Pro- 
bleme, deren etliche vielleicht für immer unlösbar bleiben. 

Die Briefe an die Thessalonicher. 

Specialcommentare von Pelt (1830), Schott (Epistolae Pli ad Thessalo- 
nicenses et Galatas 1834), Baumgarten- ÖRüsros (Commentar über die Briefe an 
die Philipper und Thessalonicher 1848), Koch (1849, 2. Afl 1855), Iowett (The 
epistles of St. Paul to the Thessalonians, Galatians, Romans 1856), Ellicott 
(1865), Eadie (1877), Hutchinson (1883. Dazu A. B. van der Vies, De beiden 
brieven aan de Thessalonicensen 1865. "W. C. v. Manen, Onderzoek naar de echt- 
heid van Paulus tweeden brief aan de Thessal. 1865. H. Holtzmann BL V, 
1875, S 499 f. T. F. Westrik, De echtheid van den tweeden brief aan de 
Thessal. 1879. P. ScnmoT, Der erste Thessalonicherbrief neu erklärt nebst 
einem Excurs über den zweiten gleichnamigen Brief 1885. H. v. Soden StKr 
1885, S 263 f. 

1. Die Christengemeinde zu Thessalonich. 

In der Handelsstadt an der Nordspitze des thermaischen Meer- 
busens, welche zugleich Vorort des 2. unter den 4 Bezirken Mace- 
doniens war, wohnten neben der griechisch-römischen Bevölkerung 
wie heute, so damals auch zahlreiche Juden, deren Synagoge nach 
Act 17, 1 Anknüpfungspunkt für die Entstehung einer christlichen 
Gemeinde gebildet hat. Der Hergang lässt sich aus Act 17, 1 — 10. 
18, 1. 5 vgl. mit 1 The 1, 1. 5. 7. 8. 2, 9. 3, 1—6 mit genügen- 
der Vollständigkeit feststellen. Nur Kleinigkeiten sind controvers 
gebheben. 

1) Die Gemeinde wird bald nach Act 17, 1. 4 (nur Juden und Prose- 
lyten) als eine gemischte (Holsten JprTh 1876, S 151), bald nach 1 The 1, 
9. 2, 14 (nur Heiden) als eine wesentlich heidenchristliche betrachtet; so die 
Meisten. 

2) Die 3 bis 4 Wochen des paulinischen Aufenthaltes in Thessalonich 
Act 17, 2 scheinen für Begründung des Christenthums daselbst nicht auszu- 
reichen (Wieseler, Chronologie S 40. Rbüss, Gesch. I, S 70. van Manen 

') Renan S 232 f. 
») Laurent S 3 f. 



234 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

S 37. V. Soden S 289). Aber gerade die Kürze dieser Frist wurde Anlass zu 
sofortiger Sendung des Timotheus und zur Correspondenz. 

3) Die Differenz, dass Timotheus nach 1 The 3, 1—6 von Athen wieder 
zurückgesandt wurde und dem Apostel günstige Kunde von Thessalonich nach 
Korinth brachte, dagegen nach Act 17, 14—16. 18, 5 Silas und Timotheus, 
die in Beröa zurückgebliebenen, den Apostel zwar in Athen einholen sollten, 
daselbst auch von ihm erwartet wurden, aber erst in Korinth wirklich trafen, 
wird zu Gunsten bald von Act (Hug, 4. Afl, II, S 293. Reuss Ep. Paul. I, S 26. 
V. Soden S 291), bald von 1 The (Hausrath III, S 200) gelöst; auch die Har- 
monisirungsversuche erklären bald 1 The nach Act (Wieseler S 249), bald Act 
nach 1 The (P. Schmidt S 41, 95); vgl. dagegen Overbeck bei de Wette zu 
Act 4. Afl S 273. 

2. Veranlassung und Inhalt des 1. Briefes. 
Am liebsten wäre Paulus so schnell als möghch selbst wieder 
zu einer Gemeinde zurückgekehrt, die er allzu früh hatte verlassen 
müssen; den Juden, die ihn dazu genöthigt (Act 17, 5 f), hat er 
dies noch nicht vergessen (1 The 2, 15. 16). Tag und Nacht 
quälte ihn der Gedanke an die neugestiftete Gemeinde, die er in 
einem Zeitpunkte, da sie sich eben aus der Atmosphäre des Heiden- 
thums herausheben sollte, ausser Augen verloren hatte (3, 10). Um 
so begieriger ergriff er die nächste Gelegenheit, sich der Ver- 
waisten anzunehmen, und da er auch durch die Sendung des Timo- 
theus nicht vollständig beruhigt worden war, reagirte er auf die, 
von diesem nach Korinth gebrachte, Botschaft mit dem ersten und 
grösseren unserer beiden Sendschreiben, welches etwa ^53^ spätestens 
^^^^^eschrieben ist, während des anderthalbjährigen Aufenthalts in 
Korinth (1, 1. 3, 6 = Act 18, 5). Gleich nach dem Eingangsgruss 
(1, 1) legt ein freier Herzenserguss die persönlichen Beziehungen 
des Apostels zur Gemeinde dar, spricht dankbare Freude aus über 
den ungev/ohnten Erfolg seiner Wirksamkeit unter den Thessa- 
lonichcrn (1, 2 — 10), gehobene Erinnerung an die bei ihnen in 
Mühe und Arbeit, aber auch in Kraft und Segen verlebten Tage 
(2, 1 — IG), endlich noch Sehnsucht sie wiederzusehen (2, 17 — 3, 10). 
Ein Wunsch für die Förderung ihres Christenstandes (3, 11 — 13) 
schliesst diesen 1. Theil ab. Erst der 2. lässt deutHcher erkennen, 
von welcher Natur die von Timotheus gebrachte Kunde gewesen 
ist. Besprechung der aus dem früheren heidnischen Leben der Ge- 
meindegUeder herrührenden sittHchen Schäden (4, 1 — 12) leitet über 
zu der Hauptsache, den Belehrungen über die Parusie (4, 13—5, 11), 
woran sich eine Eeihe von Ermalmungen bezüglich des Gemeinde- 
lebens knüpft (5, 12—24). Briefliches (5, 25—28) bildet den 
Scliluss. 



Die Briefe an die Thessalonicher. 3. Veranlassung u. Inhalt des 2, Briefes. 235 

Das Schreiben ist somit motivirt durch gewisse bedenkliche 
Erscheinungen, die innerhalb der Brüderschaft selbst zu Tage ge- 
treten waren. Ueberall unfertige, unzulängliche Zustände! Bald 
zeigte es sich, dass die heidnische Zuchtlosigkeit im Geschlechts- 
verkehr auch innerhalb der neuen Gemeinde noch stark nachwirkte 
(4, 3 — 5); ja selbst die brüderliche Liebe zog in der grossen Handels- 
stadt öfters den Kürzeren gegenüber dem specuHrenden Kaufmaims- 
geiste (4, 6). Gleichzeitig fehlte es auch nicht an solchen, welchen 
die saure Arbeit um das tägliche Brod eine zu äusserliche und 
gemeine Sache dünkte, als dass ein Christ sich ihr zu Liebe in 
seinem Nachdenken und Reden über die himmlischen Dinge ein 
Maass auferlegen sollte (4, 11. 12. 5, 14; vgl. 2 The 3, 6—12). 
In frommer Müssiggängerei erforschte man die Zukunft und ge- 
tröstete sich demnächstiger Umkehr aller Weltverhältnisse. Zu be- 
dauern fand man nur, dass einige Gemeindeglieder schon innerhalb 
der kurzen Spanne Zeit, die verflossen war, gestorben waren. An 
ihren Gräbern hatte sich der erste Stachel des Zweifels in die Seelen 
der Jünger gebohrt. Viele Erlebnisse dieser Art sind zwar in der 
kurzen Zwischenzeit kaum denkbar. Aber für die, sei es auch nur 
wenigen, Todten schienen eben die glänzenden Aussichten nicht 
mehr zu bestehen, auf welche hin sie Christen geworden Ovaren; die 
Theilnahme am demnächst zu errichtenden messianischen Reiche 
war ihnen, den zuvor Weggestorbenen, versagt (4, 13 — 18). Eine 
um so angelegentlichere Sorge war es für die Ueberlebenden, sich 
selbst von der Nähe des Tages zu überreden-, darauf, dass jeden- 
falls sie ihn erleben sollten, schien ihnen alles anzukommen (5, 1). 

Von untergeordneter Bedeutung ist die Controverse der Exegeten, ob der 
Cap. 2 bemerkbare apologetische Ton durch persönliche Verdächtigungen des 
Apostels seitens Solcher veranlasst war, welche ihm die junge Gemeinde ab- 
trünnig machen wollten; so gegen die Mehrzahl Hilgenfeld S 241, Sabatier 
S 90, P. Schmidt S 25 f, 96, nach welchen Juden, Hofmann (I, 2, Afl 
S 193, 276) und v. Soden S 302 f, 306 f, nach welchen Heiden die Urheber 
der Verleumdungen gewesen wären. Gegen die Hypothese einer nur prophylak- 
tischen Abwehr vgl. P. Schmidt S 93 f, 99 und v. Soden S 304 f. 

3. Veranlassung und Inhalt des 2. Briefes. 

Bald darauf, nach 2 The 3, 2 vielleicht in der Zeitnähe von 
Act 18, 6 oder 12. 13, erscheint Paulus in der Lage, abermals 
einen Brief nach Thessalonich richten zu müssen, welcher durch neu 
eingelaufene Nachrichten über die dortigen Gemeindezustände motivirt 
sein könnte (3, 11 axo6o[JLcv). Unter fortgesetzten Verfolgungen 
(solche waren noch 1 The 1, 6. 2, 14. 3, 3. 4 als etwas Neues 



236 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

behandelt worden) waren die Gremeindeglieder standhaft geblieben 
(2 The 1, 4). Dagegen war die Mahnung- des Apostels, sich keinen 
Grübeleien bezüglich des Zeitpunktes der Wiederkunft hinzugeben, 
weniger von Erfolg begleitet. Vielmehr hatte sich in der Gemeinde 
das aufgeregte uud ungeduldige Harren auf den „Tag" gesteigert; 
theils waren "Weissagungen und Lehrvorträge gehört worden, welche 
lauteten, als sei derselbe schon so gut wie da (Ivsanrjxs), theils hatte 
ein angebhch vom Apostel herrührender Brief diese Erwartungen 
genährt (2, 2). Daher ein 2. Sendschreiben nach dem Eingangs- 
gruss (1, 1. 2) zuerst in Form einer Danksagung die Standhaftig- 
keit der Gemeinde in den Verfolgungen belobt (1, 3 — 12), dann 
zur Hauptsache (2, 1 — 12) übergeht, zu der Belehrung über den 
Tag des Herrn, der noch nicht da sein kann, weil die vor seinem 
Eintreten zu erwartende Erscheinung des avO-pcöTroc t"^? avofiiac 
ebenfalls noch der Zukunft angehört. Zuerst muss nämhch die 
Bosheit ihren Gipfel erreichen, d. h. auftreten der avTL>C£i{i£Vo?, 
„welcher sich überhebt über alles, was Gott oder Heiligthum heisst, 
also dass er sich in den Tempel Gottes setzt und von sich selbst 
kund thut, er sei Gott" (2, 4). Insgeheim wirke zwar diese, über 
alle aus der gemeinen Sündhaftigkeit entnommenen Vorstellungen 
hinausgehende, Gottesfeindschaft schon jetzt. Was aber ihr un- 
verhülltes Hervortreten noch hindert (tö v.a.zkyo'J), ist den Thessa. 
lonichern schon bekannt. Es folgt hierauf die Zurückführung dieses 
Lehrstückes auf seinen praktischen Zweck (2, 13 — 17), dann ein 
vorläufiger Schluss (3, 1 — 5). Nur wie ein Nachtrag wird noch 
eine besondere Unterweisung bezüghch der amxTO)? ^rspiJuaioövTs^, 
d. h. derjenigen, welche nicht mehr am gewöhnlichen Tagewerk 
festzuhalten waren, angefügt (3, 6 — 16). Ein eigenhändiger Gruss 
(3, 17. 18), der zugleich als Zeichen der Echtheit gelten soll, be- 
schliesst den Brief. 

4. Echtheit. 

AVenn die angegebenen Abfassungsverhältnisse in sich vollkommen 
haltbar und klar sind, so möchte wohl dieser Umstand als der 
sicherste Stützpunkt der Echtheit gelten. Indessen steht letztere 
keineswegs unbedingt fest, und namentlich verhält es sich in dieser 
Beziehung mit dem 2. Briefe wieder anders als mit dem 1. Gegen 
die paulinische Abfassung des 2. äusserte zuerst J. E. Ch. Schmidt 
(1801, 1804, 1809) gewisse Zweifel, die dann von Schrader (V, 
S 41 f). Mayerhoff (Der Brief an die Cplosser 1838, S IX), 
Kern (ZTh 1839, 2, S 145 f) und auch von de Wette in der 



Die Briefe an die Thessalonicher. 4. Echtheit. 237 

1. und 2. Asg seines Lehrbuches getheilt wurden. Nachdem diese 
Bedenken von demselben de Wette in den späteren Asgn, ausser- 
dem aber auch von Heydenreich, Reiche, Guericke, Pelt, 
Schott bekämpft worden waren, schärfte Baur (II, S 94 f, 341 f) 
die von den bisherigen Bestreitern gebrauchten Waffen imd richtete 
den Angriff zugleich auch gegen die Echtheit des 1. Briefes. In- 
dessen ist auf diesem Punkte ein nicht geringes Schwanken inner- 
halb des Lagers der Kritik selbst bis zu dieser Stunde bemerkbar. 
Während Noack (Der Ursprung des Christenthums 1857, II, 
S 313 f), A. B. VAN der Vies (1865) und Volkmar (Mose Pro- 
phetie und Himmelfahrt 1867, S 114 f, 160) beide Briefe verwerfen, 
auch Hülsten (JprTh 1875, S 425 f. 1876, S 58 f, 282 f. 1877, 
S 731 f) und Steck (ebend. 1883, S 509 f) ausdrückHch die ün- 
echtheit des 1. behaupten, haben LiPSius (StKr 1854, S 905 f), 
Hn.GENFELD (S 239 f, 642 f). Weisse (Philos. Dogmatik I, 1855, 
S 146; Beiträge zur Kritik der pauHnischen Briefe 1867, S 9) 
und VAN Manen (1865) das Urtheil der Unechtheit wieder auf den 

2. beschränkt, den auch Hausrath (Neutest. Zeitgeschichte, 2. Asg 
II, S 254 f. III, S 198, 506), 0. Pfleiderer (Paulinismus S 28), 
Bahnsen (JprTh 1880, S 681 f) und Weizsäcker (S 258 f, 521) 
aufgeben, während P. Schmidt (S 127 f), Davidson (I, S 338 f, 
347 f) und Hase (Kirchengeschichte I, 1885, S 284) darin Ueber- 
arbeitung einer (geringfügigen) paulinischen Grundlage erblicken. 
Als Apologet ist zuletzt Westrik aufgetreten (vgl. dagegen H. Holtz- 
mann ThLz 1880, S 26 f). 

Die Debatte bewegt sich um folgende Punkte: 

1) Mangel des antijudaistischen Themas der Plsbriefe; dafür conciliato- 
rische Stellung, kein cn.Tzöo'zo'koc, in der Aufschrift, keine Polemik wider das 
(resetzeschristenthum. Aber nicht blos kennt der paulinische Lehrbegriff seine 
Entwickelungsstadien, auch der Horizont einer blutjungen Heidengemeinde kommt 
in Betracht (P. Schmidt S 77, 97 f, 100 f). Der apostolische Titel war noch 
nicht Gegenstand des Streites und der Eifersucht geworden (Sabatier, 2. Afl 
S 89 f). 

2) Der Inhalt bringe nur aus Act Bekanntes. Aber vgl. 1 The 1, 9. 2, 14 
(gegen Act 17, 1. 4. 5) und 3, 1—6 (gegen Act 17, 14. 15. 18, 5). 

3) Die Briefe weisen Reminiscenzen aus 1 und 2 Cor auf. Aber ähnliche 
Verhältnisse, wie sie in Thessalonich und Korinth statt hatten, bringen auch 
ähnliche Maassnahmen (eigene Reisepläue, Sendungen von Apostelgehülfen) und 
Auseinandersetzungen (apologetische Berufungen auf das eigene Gewissen und 
uuf das Zeugniss der Leser für den Apostel) mit sich (P. Schmidt S 102 f. H. 
V. SoDKN S 289 f). Auffällig bleibt nur 2 The 3, 7—9 (-- 1 Cor 9, 4. 12. 2 
Cor 11, 7—9). 14 (= 1 Cor 4, 14, 5, 9. 11. (i, 5. 15, 34), wobei auch das nur 
■^, 9 begegnende Motiv der Handarbeit des Apostels zu beachten (um Andern 
v'm Beispiel der Arbeitsamkeit zu geben). An Apc erinnert ausser dem ganzen 



238 Besonderer Theil. Die paulmischen Briefe. 

Inhalt von 2 The (vgl. S 239) auch 1 The 1, 3 (die paulinische Trias ubtt?, 
i/L'^ärcri, eXict? combinirt mit Apc 2, 2 epYOV, xoito?, oTCop-ovY]). 

4) Unpaulinisches in der Sprachform. Dieselbe weist aber in 1 The neben 
18 sonst im NT nicht wieder begegnenden Wörtern durchaus paulinischen 
Grundcharakter und nicht wenig ganz specifisch paulinische Ausdrücke und 
Wendungen auf, daneben allerdings auch einzelne Berührungen mit Eph, Tim, 
Tit, Hbr, Lc und Act (van Manen S 122 f. P. Schmidt S 75 f. von Soden S 264 f). 
Dagegen liefert 2 The eine auffallend grosse Anzahl von ganz eigenthümlichen 
Ausdrücken und Bezeichnungsweisen, wie sie sich weder bei Pls noch überhaupt 
im NT wiederfinden (Westrik S 77 f), wozu noch eine Reihe charakteristischer 
Abweichungen von 1 The kommen, wie s&x^aptaxElv o(psiXo|A£v 1, 3. 2, 13 für 
£u^aptoToö/i£V (1 The 1, 2. 2, 13), die Ersetzung von d'soc, durch xopio? (^^ Grott, 
was bei Pls nur in alttest. Citaten sicher der Fall ist) in den Formeln 6 v-öpioc, 
TYj? etpTiVY]? 3, 16 (vgl. 1 The 5, 23), "Yi-^aTz^it-hoc, otco y.optou 2, 13 (vgl. 1 The 
1, 4), TzioToc, b xopto? 3, 3 (vgl. 1 The 5, 24), 6 v.öpioc, xateui^üvai 3, 5 (vgl. 
1 The 3, 11). 

5) Mit Ausnahme von 2 The 2, 1 — 12 ist der ganze 2. Brief eine z. Th. 
erweiternde, z. Th. steigernde Wiederholung paralleler Stellen des 1., so dass 
schon daran eine ältere Hypothese scheitert, welche ihn nicht blos echt, sondern 
auch vor dem 1. geschrieben sein liess (H. Grotius, Bunsen, Ewald, van der 
ViEs, Laurent S. 49 f). 

6) Das viele Reden von Briefen 2 The 2, 2. 15. 3, 17 passt in eine Zeit, 
für welche der Apostel nur noch in seiner Hinterlassenschaft existirte, besser 
als in den Anfang seiner Wirksamkeit, wo namentlich auch das Zeichen der 
Echtheit 3, 17 befremdet. 

7) Die Briefe lassen die üblichen Citate aus dem AT vermissen. An 
Reminiscenzen dagegen mangelt es nicht. 

8) Die Philippica wider die Juden 1 The 2, 14 — 16 ist um so auffallender, 
als sie nach Sinn und Ausdruck an Mt 23, 32 = Lc 11, 49 — 51 erinnert. Doch 
könnte Pls wie 1 The 4, 15 so auch hier h X6yü> xüptoo sprechen, und an 
geschichtlichen Anlässen zur Urtheilsbildung scpö-aosv Itc' ahzohc, tj opY*)^ et? 
tkloc, fehlt es nicht (W. Grimm StKr 1850, S 774. P. Schmidt S 86 f. von 
Soden S 298). 

9) Zur frühen Abfassungszeit stimmen nicht Stellen, welchen zufolge die 
Thessalonicher schon als Christen allgemein bekannt sind (1 The 1, 7. 8. 4, 10) 
Vorsteher haben (5, 12), schon eine Reihe von Todesfällen beklagen (4, 13 f), 
bereits die Rückkehr des Apostels erwarten (2, 18. 3, 10. 11). Die obige Dar- 
stellung der Veranlassung des 1. Briefs dient wohl zur Erledigung dieses und 
des vorigen Punktes. 

10) Die Briefe sind erst in Can. Mur. direct nachweisbar. Aber schon 
Marcion hatte sie, und Reminiscenzen finden sich bei den apostolischen Vätern 
(Westrik S 10 f), auch in den Test. XII patr. (Levi 6 = 1 The 2, 16). 

5. Der eschatologische Hauptpunkt. 

Das „schlagende Hauptargument"; welches man unter diesen 
Contro verspunkten vermisst (Reüss, Gesch. I, S 73), hegt in der Be- 
handlung des eschatologischen Themas. Im 1. Brief schwinden alle 
Schwierigkeiten, sofern die Rücksicht auf die Gestorbenen 1 Cor 15, 



%.- 



Die Briefe an die Thessalonicher. 5. Der eschatologische Hauptpunkt. 239 

auf die Lebenden 1 The 4 eine gemsse Verschiedenheit der Ge- -- 7 ^ 
Sichtspunkte von vornherein bedingt (v. Soden S 275 f, 282 f). Die /Jo^- «^ 
Erörterung geht nur durch die sinnHche Ausmalung einer aTudviTjatc at^^jjf ' 
£v vsfpsXai? 4, 17 über 1 Cor 15, 51. 52. 2 Cor 5, 1 — 4 hinaus. 
Und welcher später Schreibende hätte eine Besorgniss erfinden sollen, 
welche nur angesichts der ersten, in einer Messiasgemeinde vor- 
gekommenen, Todesfälle begreiflich wird? Welcher Falsarius sollte 
nach dem Tode des Pls diesen schreiben lassen 1 The 4, 15 r^^x.üz 
Ol CwvTs? Ol 7:spiX£i7rö[X£V0t SIC TYjv Trapooaiav ? Dagegen kann Pls, 
wenn er nach 1 The 5, 2. 3 den Thessalonichem das Eintreten der 
f^fispa als Sache des unberechenbaren Momentes dargestellt hat, 
nicht zugleich gelehrt haben, wie 2 The 2, 5 vorausgesetzt ^vird. 
Dort gibt es keinerlei Anzeichen der, wie ein Dieb in der Nacht | ^pTl 
hereinbrechenden, Parusie; von der unbedingten Unbestimmbarkeit L «. 
der letzteren haben die Leser ein klares Wissen (axpißw? oiSais); 
hier dagegen wird vorausgesetzt, dass Pls sie schon mit dem In- 
halte von 2, 3. 4 bekannt gemacht hat, demzufolge die Nähe des 
Endes durch einen allgemeinen Abfall, durch das Auftreten eines 
avTiX£i(i£V0(; und dessen Attentat auf den Tempel signalisirt wird, zu 
welchen 3 Indicien nach 2, 6. 7 noch das Verschwinden des xats^^wv 
tritt. Sind das Alles aus dem Rahmen sonstiger paulinischer Eschato- 
logie heraustretende Neuigkeiten, so erklären sich solche Züge dafür j 
um so durchgängiger aus Apc. So die aTroaraaia 2, 3 aus Apc 13, \/^W/j^- 
4. 8. 12. 14. 15, die Selbstvergötterung und Gotteslästerung 2, 4 ^ 

aus Apc 13, 6. 12. 14. 15. 19, 20, die Trapouaia xai' ivepYsiav "^^^^ /jJkoeAM 
aaiavä sv TüdcoTj] Sovajxst xal aY]|Astoi(; %at i^paaiv t]>£u3oo<; 2, 9 aus Apc 
13, 2. 12—14. 16, 13. 19, 20, der oiöc vif, aTrwXsiac 2, 3 über- 
haupt aus dem st? ajrcoXstav oTuaYstv Apc 17, 8. 11; daher auch mit 
dem hier gesetzten r^v xal ou% lortv das [loaiTJpiov vif avo[jLiac 2, 7 
zusammenhängen muss. So gut wie 6 avo{io<; ist auch der seinem 
Offenbarwerden im Wege stehende Ttai^wv 2, 7 ein Individuum, das 
zugleich eine Sache vertritt (tö xax^^^ov 2, 6). Dies passt nur auf 
die römische Staatsmacht, deren Repräsentant der dennahge Kaiser 
ist, ähnlich wie Apc 13, 1. 17, 11 (so schon Tertull. Apol. 32. De 
resurr. carn. 24). Dem entsprechend werden die Leiden der Christen- 
heit 2 The 1, 5 — 7 aus dem Gesichtspunkt der vergeltenden Ge- 
rechtigkeit betrachtet (Apc 6, 10 f. 7, 14, 11, 18), wie denn auch 
die ^775X01 Süvd(jL£ü)(; aotoö 1, 7 an Apc 19, 14, das itöp ^Xoyöc 

I, 8 an Apc 19, 12, der SXe^po? alwvtoc 1, 9 (gegen Rm 5, 18. 

II, 22. 1 Cor 15, 22. 28) an Apc 20, 10, der bei der Parusie den 
avTiX£t[jL£vo<; mit seinem Munde tödtende Herr 2, 8 an Apc 19, 15, 



240 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

21 erinnert. Der Brief ist somit geschrieben, um die apokalyptische 
Eschatologie in die paulinische Gedankenwelt zu übertragen (2, 
1 — 12) und gewisse Manifestationen der apokalyptischen Stimmung, 
welche in der Praxis missliebig bemerkt wurden, zurückzudrängen 
(3^ Q — 10). Somit könnte 2 The frühestens kurz vor oder umJO 
abgefasst sein (Schmidt, Kern, Baijr, van der Vies, Volkmar, 
Davidson). Nur weil er den Antichristen im Gnosticismus erblickt, 
setzt Hilgenfeld den 2. Brief in die Zeit Trajan's herab (S 650f; 
ähnlich auch C. Hase, Lehrbuch der Kirchengeschichte, 10. Afl 
, /p. S 69. Bahnsen JprTh 1880, S 696 f). Dann müsste freihch der 
■^'^ 2, 4 erwähnte Tempel, an dessen Fortdauer der Briefsteller glaubt 
wie der Urheber von Apc 11, 2, das geistliche Heiligthum der 
christl. Kirche bedeuten. Im Uebrigen aber ist heute nicht die 
Frage, ob der Brief in das nachapostolische Zeitalter herabzudrücken 
sei, sondern ob er nicht gegentheils in die Lebzeiten des Apostels 
hinauf reiche, folglich echt und bald nach 1 The (um 54) geschrieben 
sein müsse. 

Dieses Ziel zu erreichen sind 2 Wege beschritten worden: 

1) Der &vTix£i|X£VO(; wird gedacht als aus dem Schoosse des Judenthums 
hervorgehend, als Held der bereits Ausbruch drohenden jüdischen Rebellion; 
psychologisch stimme dies zu 1 The 2, 14—16; Präformationen zu solchem 
Bilde des Antichrists seien gegeben theils in den falschen Propheten und 
Messiasen Mt 24, 5. 11. 23 — 26, theils in den wunderthätigen Magiern Act 
8, 8 f. 13, 6 f., theils in der Apotheose des Agrippa Act 12, 21 f. So Schnecken- 
burger (vgl. E. Böhmer JdTh 1859, S 405 f), Mangold (bei Bleek S 507 f), 
Schenkel (Christusbüd S 69, 239 f ) und besonders B. Weiss (StKr 1869, S 20 f ; 
Theol. des NT S 217 f). Aber die aiioQzaoia 2 The 2, 3 hat mit der Politik 
nichts zu thun; Ausdrücke wie 6 av^O-ptoTco? x-rjc; avo|JLia; 2, 3, tö |JLuax-^piov ttj? 
^vojxta? 2, 7, 6 avofxo? 2, 8, dazu auch der danielische Prototyp des Antichrists, 
Antiochus Epiphanes, und die zeitgenössische Erinnerung an das die apo- 
kalyptische Phantasie wieder belebende Attentat Caligula's auf den Tempel 
(Josephus, Bell. 11, 10, 1) weisen mit aller Bestimmtheit auf heidnischen Boden; 
auch hat in dem Bilde von Israel's Zukunft E,m 11, 25 f, überhaupt in der 
ganzen Vorstellung des Apostels vom Volk der Verheissung ein jüdischer Anti- 
messias keinen Raum. 

2) Den ötviixeijAsvo? fanden schon Zeitgenossen Augustin's (De civ. Dei 
20, 19) in Nero, cujus jam facta velut Antichristi videbantur. Der xate^wv 
wäre also der Kaiser, unter dem Pls den Brief geschrieben hätte, Claudius, ent- 
weder als „der Inhaber" des Thrones (Döllinger, Christenthum und Kirche in 
der Zeit der Grundlegung S 288) oder als der einstweilen noch bestehende 
Riegel, qui claudit (Hitzig, Geschichte des Volkes Israel S 583). Aehnlich 
auch Renan (St. Paul S 255) und Märcker (Einige dunkle Umstände im Leben 
des PI« 1871, S 11). Aber die unter Nero geschriebene Stelle Rm 13, 1 f 
verräth nichts weniger als das Bewusstsein, dem Regimente eines satanischen 
&vo\i.o(i zu unterstehen, und Ausdrücke wie ÄTcoxaXüTC'ceaO'ai 2, 3. 8 und napoocia 



Der Brief an die Galater. 1. Die galatischen Gemeinden. 241 

2, 9 deuten wenigstens nicht auf simple Thronfolge; zum Antichristen endlich 
wurde Nero, der anfangs zahm aufgetreten (Suet. Nero 9), erst durch den 
Christenmord 64 gestempelt, welches Ereigniss Pia gerade 10 Jahre lang vorher- 
gesehen haben müsste. 

Der Brief an die Galater. 

Specialcommentare von Winer (1821 4. Afl 1859), Paulus (Des Apostels 
Pls Lehrbriefe an die Galater- und Römerchristen 1831), Rückert (1833), 
Matthies (1833), Usteri (1833), Schott (vgl. oben S 233), Sardinoux (1837), 
Windischmann (1843), Baumgarten-Crusius (1845), Hilgenfeld (1852), Jowett 
(vgl. oben S 233), Jatho (1856), Trana (1857), Wieseler (1859), J. B. Lightfoot 
(1865, 5. Afl 1880), Ellicott (1854, 4. Afl 1867), Eadie (1869), Brandes (1869), 
C. Hülsten (Das Evangelium des Paulus I, 1: Der Brief an die Gemeinden 
Galatiens und der erste Brief an die Gemeinde in Korinth 1880) , Schaff 
(1881), Wörner (1882), Philtppi (1884), Köhler (1884), Beet (1885). 

1. Die galatischen Gemeinden. 

In durchaus eigenthümHcher Weise fanden sich in dem Gebirgs- 
land zwischen den Flüssen Halys und Sangarius orientahsche und 
classische Culturelemente, phrygische und griechische Religionstypen, 
römische und keltische Staatsformen zusammen. Während die seit 
etwa 280 v. Chr. daselbst ansässigen barbarischen Horden — FaXa- 
zoLij Gallograeci — in den grösseren Handelsstädten, wie Ancyra 
(Sitz des römischen Proprätors) , Pessinus (Cybeletempel) und 
Tavium (an Stelle des alten Gordium) griechischer Cultur und 
Sprache sich accomodirten, soll man auf dem Lande noch zur Zeit 
des Hieronymus (Prol. in libr. II comm. in ep. ad Gal.) eine 
Sprache ähnhch der in der Gegend von Trier gesprochenen gehört 
haben ^). 



*) lieber die ethnographischen und historischen Notizen vgl. Hermes, 
Rerum galaticarum specimen 1828. Wieseler, Commentar über den Brief an 
die Galater 1859, S 521 f. Contzen, Die Wanderungen der Kelten 1861. 
Perrot, De Galatia provincia romana 1867-, Exploration archeologique de la 
Galatie 1872. F. Sieffert, Galatien und seine ersten Christengemeinden ZhTh 
1871, S 257 f. W. Grimm StKr 1876, S 199 f. Th^rry, Histoire des Gaulois 
10. Afl 1877. Droysen, Geschichte des Hellenismus III, 1, 2. Afl 1877. Th. 
Mommsen, Römische Geschichte V, 1885, S 308 f. Speciell handelt es sich 
darum, ob die Galater Germanen waren, (so Hermes, Hua, Winer, Rückert, 
Meyer, Hilgenfeld S 250, Hülsten I, 1, S 43, Beyschlag, Griechenthum und 
Christenthum 1875, S 77 und besonders Wikseler, Die deutsche Nationalität 
der kleinasiatischen Galater 1877; Zur Geschichte der kleinasiatischen Galater 
1879) oder Kelten (Dieffenbach, Celtica II, 1, S 7 f. Rettberg, Kirchen- 
geschichte Deutschlands I, S 19. F. Sieffert S. 260 f. W. Grimm S 205 f. 
Schürer ThLz 1877, S 419 f. 1879, S 226 f. Hertzbkrg StKr 1878 S 525 f). 
Vgl. auch Liohtfoot 3. Afl S 235 f. 

Holtzmann, Einleitung. 2. Auflage. ig 



242 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

Wichtiger für uns ist, dass Josephus (Ant. XVI, 6, 2) auch von Juden 
in Galatien weiss, so dass unter den Streitpunkten gleich 

1) die Frage sich einstellt, ob das jüdische Clement auch in der Christen- 
gemeinde vertreten war, wofür 3, 2. 13. 14. 23 — 25, 4, 3. 5 sprechen dürfte 
(gegen Schneckenburger, Baur, Hilgenfeld, von Hofmann, Hülsten und Weiz- 
säcker) ; die grosse Mehrzahl bildeten jedenfalls die geborenen Heiden (3, 3. 29. 

4, 8-12. 17. 21. 5, 2. 3. 6, 12. 13). 

2) Einzig unter allen echten Plsbriefen ist Gal an eine ganze Reihe von 
Gemeinden adressirt (1, 2), und wo immer auch sonst im NT galatische Christen 
Erwähnung finden, geschieht es wie 3, 1 ohne Angabe bestimmter Oertlichkeiten 
(1 Cor 16, 1. Act 16, 6. 18, 23. 1 Pe 1, 1. 2 Tim 4, 10). Der geographische 
Begriff FaXatia wird daher entweder im Sinne der alten Landschaft, die nördlich 
von Bithynien und Paphlagonien, östlich von Pontus, südöstlich von Kappa- 
docien, südlich von Lykaonien, westlich von Phrygien umschlossen ist (so die 
herkömmliche Annahme, auch noch Grimm, Hilgenfeld, Hülsten, Vülkmar, 
Schaff, Sieffert bei Meyer zu Gal 6. Afl S 6 f), oder aber im Sinne der seit 
25 V. Chr. bestehenden römischen Provinz verstanden, welche auch Pisidien, 
Isaurien und Lykaonien umfasste, so dass die „Galater" die Einwohner von 
Antiochia, Ikonium, Lystra und Derbe Act 13, 14 — 14, 23 sein könnten (Jüh. 
JoACH. Schmidt, Niemeyer, Paulus, Böttger, Mynster, Ulrich, Thiersch, Renan, 
Weizsäcker, Hausrath, Paulus 2. Afl S 216 f, 261 f ; Zeitgeschichte 2. Afl HI, 

5. 135 f. H. H. Wendt bei Meyer zu Act, 5. Afl S 341. Jacobsen, Die Quellen 
der Apostelgeschichte S 17). Im populären Sprachgebrauch wenigstens heissen 
freilich Pisidier und Lykaonier keineswegs Galater; auch wäre eine solche Auf- 
fassung nicht im Sinne von Act, da hier Pls und Silas von Syrien und Cicilien 
aus (15, 41) nach Derbe und Lystra 16, 1 (vgl. die aus Gründen umgekehrte 
Ordnung 14, 6) kommen, worauf 16, 2 Ikonium erwähnt wird; erst auf die 
„Städte Lykaoniens" (14, 6) folgen als weitere Reisestationen 16, 6 Phrygien 
und Galatien — ein verwirrendes Hysteronproteron, wenn unter Galatien nur 
wieder Lykaonien gemeint sein sollte. Daran hängt 

3) die Frage, ob Pls die galatischen Gemeinden (deren Gründer er nach 
Gal 1, 6 f. 4, 13 f. 19 ist) auf der 1. oder 2. Missionsreise gestiftet habe. Ersteres 
nach Annahme derer, welche die Gemeinden in der Provincia Galatiae suchen, 
Letzteres nach der exegetischen Tradition (auch Hülsten S 35 f), sofern Pls 
als er Act 18, 23 zum zweitenmal Galatien berührt, die dort vorfindlichen 
Jünger „stärkt", woraus folgt, dass der 16, 6 erzählte erste Eintritt in raXaxtxv] 
X^wpa den Moment der Gemeindegründung bezeichnet. Freilich wird gerade 
hier eine derartige Thätigkeit nicht berichtet, ja sogar ausgeschlossen für den 
Fall, dass xcuXuä-evTe? mit ^iyjX'Ö'Ov gleichzeitig gedacht wäre. In Wahrheit will 
es begründen, warum die Apostel nicht sofort in das proconsularische Asien 
vordrangen. Endlich aber breitet der Verfasser von Act, dem die Frage nach 
der Beschneidung der Heidenchristen mit dem Apostelconvent für abgeschlossen 
galt, über die unerfreulichen Ereignisse in Galatien überhaupt einen Schleier, 

2. Paulus und die Galater. 
Bei seinem ersten Durchzug durch Galatien war Pls nach 4, 
13. 14 durch einen jener 2 Cor 12, 7 — 9 beschriebenen Krankheits- 
anfälle zu längerem Aufenthalte gezwungen gewesen. Damals kam 
es zu den ersten Bekehrungen. Aber das Gal 3, 2. 5. 4, 6. 6, 1 



Kac 



Der Brief an die Galater. 2. Paulus und die Galater. 243 

beschriebene Glaubensleben ging bald einer sehr gefährlichen Krisis 
entgegen anlässlich des jetzt zum erstenmal auf dem Kampfplatze 
erscheinenden sispov soaYYdXtov der Judaisten (1, 6). 

Ein unausgefochtener Streit besteht darüber, ob Pls gewisse Erfolge der 
judenchristlichen Bearbeitung der Galater schon bei seiner 2. Anwesenheit unter 
ihnen vorgefunden und bekämpft habe, was aus 1, 9. 4, 16. 18. 20. 5, 3. 21 
geschlossen werden will (Hemsen, Schott, Rückert, Credner, Neudecker, 
Wieseler, Schaff, Sieffert, Hilgenfeld, Reuss, Lipsros, Hausrath, Hülsten, 
Weizsäcker S 224 f), oder ob er erst bald nach seiner Abreise von der plötzlich 
eingetretenen Gefahr erfuhr, wofür man 1, 6. 3, 1. 5, 8 geltend macht (Eichhorn, 
DE Wette, Ne ander, Bleek, Renan, Philippi, Schenkel S 65 f). Ausgleichend 
nimmt A. H. Pranke (StKr 1883, S 133 f j eine in sich getheilte Strömung 
der Opposition wahr, sofern die Juden, welche von Anfang an in den galatischen 
Gremeinden sich befunden haben, nachträglich von Jerusalem aus Verstärkung 
gefunden hätten („Evolution innerhalb des galatischen Gemeindelebens"); mit 
dem „eklektischen Judenthum", das ihm noch in Galatien selbst entgegen- 
getreten war, sei er persönlich fertig geworden, mit den jerusalemischen Send- 
lingen und Gesetzeseiferern dagegen musste er den Kampf brieflich aufnehmen j 
vgl. dagegen Hilgenfeld ZwTh 1884, S 333 f. Mangold bei Bleek S 549 f 
(übrigens unter Anerkennung eines doppelten Angriffs der Judaisten auf die 
paulinische Position in Galatien). 

Klar ist nur die Position der xapaaaovTs? (1, 7. 5, 10) und 
avaaraToövTsc (5, 12) selbst. Ihre Schlagwörter heissen aTuepfia 'Aßpaa{jL 
(3, 16) und lspooaaX7]{i tjtlc sadv {iTJiYjp '^[jlwv (4, 26). Die Schrift- 
beweise, die Pls gegen sie aufbietet, zeigen, wie sie es meinten. 
Das AT , darauf jener immer verwies , wisse nichts von einer Ab- 
schaffung des Gesetzes ; wer in den Bund Gottes trete, müsse auch 
die entsprechenden Verpflichtungen auf sich nehmen; wer sich der 
Verheissungen getrösten wolle, müsse das Gesetz, an dessen Beob- 
achtung sie geknüpft sind, erfüllen. Insonderheit verleihe erst die 
eschneidung dem Menschen die wahre Vollendung; nur aus Miss- 
gunst sei sie ihnen bisher vorenthalten worden (3, 3. 4, 16), ja nur 
zur grössten Gefalir ihrer Seligkeit; denn der Mensch bedürfe 
sclilechterdings der Zucht des göttlichen Gesetzes ; die Freiheit, die 
Pls verkündigt, führe zur sittlichen Laxheit (5, 13 f). Gegen die 
Urapostel, die ihrerseits dem Gesetz seine Ehre liessen, könne Pls, 
der angebliche Apostel, gar nicht aufkommen, zumal er, was er 
überhaupt von Jesus und seiner Sache zu sagen weiss, nur von 
jenen überkommen haben kann (1, 1. 10 — 12. 18. 19) und sich 
ihnen dalier auch melirfach stellen und unterordnen musste (1, 11 f. 
2, 1. 6. 9). Alles fasst sich zusammen in die Forderung, die noch 
der Jude Trypho als Heilsbedingung dem »lustin stellt (Dial. 8): 
1) soll man sich beschneiden lassen (5, 2), 2) die heiligen Zeiten 

16* 



244 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

(„den Sabbath und die Feste und die Neumonde Gottes") beob- 
achten (4, 10), 3) überhaupt das ganze Gresetz respectiren (3, 2 f). 
Unklar bleibt dabei freiHch noch Manches^ so ganz besonders 
die gegenseitigen Anschuldigungen, hier Pls predige selbst gelegent- 
hch die Beschneidung (5, 11), dort die Beschnittenen seien selbst 
nicht willens, ihre Lebensführung dem Gesetze zu unterwerfen (6, 13 
TrspiTSTiiYjiisvoL, währcud die Lesart 7r£ptT£[xvö[j.£voi auf Proselyten inner- 
halb der Gemeinde hinzuweisen scheint). Fügt man zu diesen con- 
troversen Punkten noch die zahlreichen Probleme der Exegese — 
Stellen wie 1, 10. 2, 4. 14 — 18. 3, 20 werden niemals eine Aus- 
legung finden, bei der es sein Bewenden haben muss — so dürfte 
Gal, scheinbar eines der durchsichtigsten Stücke des NT, zu den 
schwierigeren Räthseln desselben zählen. 

3. Veranlassung und Inhalt des Briefes. 

Als Pls schrieb, war noch keineswegs die Mehrzahl der Galater 
abgefallen (1, 7. 3, 3. 4, 9. 17. 21. 5, 10) oder gar beschnitten 
worden (5, 2. 3. 6, 12. 13). Nur an den jüdischen Festzeiten hatte 
man Gefallen gefunden (4, 10). Aber das eben erst der Natur- 
religion entwachsene Christenthum der Galater war nicht reif für 
die GeistesreHgion (4, 8); viel einleuchtender erschien das iispov 
eoaYYsXiov mit der Handgreiflichkeit seiner Forderungen und der 
irdischen Geschichthchkeit seiner Ursprünge. So drohte der gering- 
fügige Sauerteig bereits die Masse anzustecken (5, 9). Pls muss 
fürchten, die Galater möchten den Geist vergeblich empfangen 
haben (3, 4), vergeblich auch möchte seine Arbeit an ihnen ge- 
wesen sein (4, 11). Fast sieht es aus, als müsse er wieder von 
vom anfangen (4, 19). Daher das unmittelbare Eintreten in rem, 
der leidenschaftliche Unmuth des Anfangs (1, 6. 3, 1), welcher erst 
allmälig einer milderen Stimmung Raum gibt (4, 19. 20), während 
er gegen die Verstörer sich fortwährend steigert (5, 7 — 12. 6, 
12. 13); daher aber auch der Mangel alles weiteren Brieflichen 
— keine Erkundigungen oder Nachrichten, keine Aufträge oder 
Grüsse. 

Vielmehr ist der Brief schon im Eingang (1, 1 — 5) wie im 
Schlüsse (6, 11 — 18) dem unmittelbar praktischen Zwecke dienstbar, 
die galatischen Gemeinden von dem Abgrunde, an dessen Rande 
sie stehen, zurückzuführen. Die Hauptmasse des Briefs wird her- 
kömmlicher Weise nach den Gesichtspunkten der Theorie (1, 6 — 5, 
12) und Praxis (5, 13 — 6, 10) geschieden. Aber im lehrhaften 
Theil selbst haben Bauk (I, S 285) und Hilgenfeld (zuletzt Einl. 



Der Brief an die Galater. 4. Datum des Briefes. 245 

S 255 f) die historisch-apologetische Ausführung (1, 6 — 2, 21) von 
der rehgionspliilosophischen über die Stellung des Gesetzes inner- 
halb der Heilsökonomie (3, 1 — 5, 12) getrennt. Da aber auch 
5, 13 — 24 zur Abrundung; des lehrhaften Gehaltes das Seine bei- 
trägt, resultirte zuletzt Dreitheilung des Briefes nach dem Schema 
Holsten's (Zum Evglm des Paulus und des Petrus S 239 ; Prote- 
stanten-Bibel S 711 f, 748; Pls I, 1, S 60 f; ähnlich auch Saba- 
TiER S 119; vgl. auch Schaff S 5; Kahler S 22 f): 1) Beweis 
des göttUchen Ursprungs des pauhnischen Evglms durch den Nach- 
weis der Unmöglichkeit des Gegentheils auf historischem Wege 
(1, 6 — 2, 21); 2) Beweis des Vollanrechtes der gläubigen Heiden 
an dem Segen der Messiasverheissung durch Widerlegung der Be- 
hauptung, dass das Erbe des messianischen Heils an Beschneidung 
und Gesetz gebunden sei (3, 1 — 4, 1 1) ; 3) Beweis, dass die Lebens- 
gerechtigkeit des Gläubigen durch den ihm verliehenen Geist von 
innen heraus geweckt werde, im Gegensatz zu der vorgespiegelten 
Nothwendigkeit emer durch Unterwerfung unter Beschneidung und 
Gesetz herzustellenden Lebensgerechtigkeit (4, 12 — 6, 10). 

4. Datum des Briefes. 
Wahrscheinlich ist der Brief „bald" (1, 6) nach dem Act 18, 
23. 19, 1 vorausgesetzten Aufenthalt seines Verfassers in Galatien, 
also zu Ende 55 oder zu Anfang 56 entstanden, entweder noch auf 
der Reise nach Ephesus oder in den ersten Zeiten des Aufenthaltes 
daselbst. 

Wollte man ihn früher sogar vor den Apostelconvent setzen (J. D 
IVIicHAELis, Koppe, Keil, Schmidt), so soll er jetzt wenigstens noch auf der 
2. INIissionsreise um 53 oder 54 entstanden sein, nach Hausrath vor der Ueber- 
fahrt nach Macedonien (Pls S 267; Zeitgeschichte III, S 136), nach Schenkel 
bald nach dem Aufenthalte in Philippi (Christusbild S 66, 225), nach Renan 
zwischen der 2. und der dritten Reise (St.-Paul S. 313). Dafür spricht, 1) dass 
Gal 1, 18 f. 2, 1 f nur von zweimaliger Anwesenheit des bekehrten Pls in 
Jerusalem die Rede ist, die Reise Act 18, 22 (indess möglicherweise so un- 
historisch wie die 11, 30. 12, 25 erwähnte, die man bei der Combination von 
9, 26. 15, 4 mit Gal 1, 18 f. 2, 1 f auch iguorirt) also noch in der Zukunft zu 
liegen scheint; 2) dass nach Gal 2, 5 tva tj iX-rjö-eia toö eha-^-^tkioo 8ta|jLelvT(y npbq 
6jxä? die galatischen Gemeinden zur Zeit des Apostelconventes schon bestanden 
zu haben scheinen; 3) dass 2, 1. 13 Barnabas als den Gemeinden, die dann in 
Lykaonien zu suchen wären (was freilich in Frage steht), als bekannt voraus- 
gesetzt scheint (vgl. indessen 1 Cor 9,6). Jedenfalls sieht Pls Gal 4, 13 bereits 
auf eine zweimalige Anwesenheit unter den Galatern zurück; fiele die 2. mit 
Act 16, 4 zusammen, so hätte Pls damals die Leser schlechterdings mit den 
Ergebnissen der kurz zuvor in Jerusalem gepflogenen Verhandlungen, deren 
Objekt sie ja als Heidenchristen bildeten, bekannt machen müssen. Statt dessen 



246 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

wird ihnen der ganze Handel 2, 1 f wie eine bisher unbekannte Neuigkeit mit- 
getheilt (ohne otSaxe hi u. s. w.), und auch Stellen wie 1, 6 f. 3, 1 f. 4, 21 f. 
5, 2 f erklären sich wenigstens leichter unter der Voraussetzung, dass den 
Galatem die ganze Streitfrage neu war. 

Ein zu spätes Datum ist es, wenn man den Brief in den letzten Zeiten 
des ephesinischen Aufenthaltes (Schaff) oder auf der Reise nach Korinth 
(LiGHTFOOT, Sanday) odcr gar in Korinth (Bleek) geschrieben sein lässt. Dafür 
könnte man nur geltend machen die Verwandtschaft des Inhalts mit Rm und 
dass die galatischen Verhältnisse 1 Cor 16, 1 noch geordnet erscheinen, während 
die dort berührte CoUecte für Jerusalem Anlass bieten konnte zu der Be- 
schuldigung des ct'^d'puiKooc, TTEi^stv 1, 10, was 2 Cor 5, 11 noch unbefangen ge- 
schieht. Eine ganz eigenthümliche Combination vertritt Volkmar, dem zu- 
folge der Brief sogar noch aus Antiochia, aber erst nach Act 18, 22 im Jahre 
55 erlassen wäre (ThZSch 1885, S 39 f, 69). Seit Theodoret Hess man den 
Brief sogar erst in Rom geschrieben sein, wie ihn denn noch Köhler (Versuch 
über die Abfassungszeit der epistolischen Schriften im NT 1830, S 125 f) und 
ScHRADER (I, S 216 f) für das letzte Werk des Pls hielten. 

5. Echtheit. 

B. Baüer's Kritik ist in selbstständiger Weise wieder aufgenommen und 
weitergeführt worden von den Holländern A. Pierson (De bergrede S 98 f; 
Verisimilia S 26 f) und A. D. Loman (vgl. oben S 192 f). Aufgeboten werden 
Argumenta e silentio, neue Zurechtlegungen des marcionitischen Streites, neue 
Ansetzungen clementinischer Schriften und vor Allem Umkehr der bisherigen 
Auffassung des schriftstellerischen Verhältnisses zwischen Pls und Justin, um 
zu beweisen, Gal sei um 120 in Weiterführung einer schon in Act angelegten 
Pauluslegende entstanden. Vgl. dagegen Prins, De brief van Pls aan de Gala- 
tiers tegenover de bedenkingen van Dr. A. Pierson 1879. Blüm ThT 1879, 
S 285 f. Schölten, Bijdragen 1882, S 29 f. W. C. van Manen ThT 1886, 
S 319 f. 

Die Briefe an die Korinther. 

Specialcommentare von Billroth (1833), Rückert (1836—37), Osiander 
(1847—58), MoNNERON (1851), A. Maier (1857—65), Neander (herausg. von 
Beyschlag 1859), Hülsten (vgl. oben S 241), G. Heinrici (Das erste Send- 
schreiben des Apostel Paulus an die Korinthier 1880), A. Klöpper (Commentar 
über das zweite Sendschreiben an die Gemeinde in Korinth 1874), Stanley 
(5. Asg 1882), Beet (1882, 3. Afl 1885), Lias (First epistle to the Corinthians 
1886). Dazu P. W. Schmiedel EWK Sect II, 39, S 77 f. I. F. Räbiger 
Kritische Untersuchungen über den Inhalt der beiden Briefe des Apostels 
Paulus an die korinthische Gemeinde 1847, 2 Afl. 1886. 

1. Paulus in Korinth. 
Korinth, die Hauptstadt der Provinz Achaia, war damals kaum 
mehr eine specifisch griechische Stadt zu nennen. Einerseits wirkte 
die römische Färbung der Neugründung (Colonia JuHa Corinthus) 
stark nach, andererseits war Corinthus bimaris überhaupt Stätte des 
Weltverkehrs geworden, und speciell asiatisch ist das Institut der 



Die Briefe an die Korinther. 2. Die Parteien in Korinth. 247 

heiligen Freudenmädchen (korinthische Aphrodite =- phönicische 
Astarte). Auf diesem Boden hat der Apostel, der ihn mit eigen- 
thümlichem Zagen betrat (1 Cor 2, 1 — 4), die tiefsten BUcke in 
die sittHchen Zustände der von griechisch-römischer Bildung über- 
zogenen Völker gethan. Nach Act 18, 4 — 6 hätte er sich mit seiner 
Predigt an seine Volksgenossen, erst als sie ablehnten, auch an 
Heiden gewandt, wogegen man u. A. als Argumentum e silentio 
1 Cor 2, 1 f. geltend macht ^). Sicher besteht zur Zeit der Briefe 
die Majorität der Gemeinde aus geborenen Heiden (1 Cor 6, 9. 10. 
^10, 14—21. 12, 2. 2 Cor 6, 14—7, 1), darunter nur wenig Leute, 
mit welchen man sich in der Welt sehen lassen kann (1 Cor 1, 
26 — 28). Nach Act 18, 7 wäre ein grösserer Erfolg erst ein- 
getreten, nachdem der Apostel seine Sache auch äusserlich von der 
Synagoge getrennt und im Hause des Proselyten Justus eine Central- 
stätte für seine Wirksamkeit gefunden hatte. MögHch, dass der jetzt 
bekehrte Synagogenvorsteher Crispus Act 18, 8 in dem Täufling 
1 Cor 1, 14 zu suchen ist. Auch nach 7, 18. 9, 20. 10, 32. 12, 13 
hat es nicht ganz an jüdischen Mitgliedern gefehlt. Jedenfalls war 
Paulus vorsichtig, als ein weiser Baumeister (1 Cor 3, 10) an seine 
Aufgabe in Korinth herangetreten. Anderthalb Jahre (Act 18, 11) 
verwandte er auf ihre möglichst gründliche Lösung, so dass er dieser 
Gemeinde gegenüber sich so recht als Vater weiss (1 Cor 4, 15). 

2. Die Parteien in Korinth. 
Nachdem der Apostel mit Aquila und Prisca Korinth verlassen 
hatte, traf mit letztgenanntem Ehepaar der Alexandriner Apollos in 
Ephesus zusammen, wurde für das pauhnische Christenthum gewon- 
nen und mit Empfehlungsbriefen nach Korinth gesandt (Act 18, 
24 — 27). Die kunstmässige und rednerisch ausgeschmückte Form, 
in welcher er während des Apostels Abwesenheit seine Lehre vor- 
trug, war der hellenischen Christengemeinde wahlverwandter, als die 
herbe, schmucklose AVeise des Paulus (1 Cor 1, 17. 2, 1 — 5. 3, 1. 2). 
Ohne Zweifel bewegte sich die neue Predigt vorzugsweise in alle- 
gorischer und typologischer Schrifterklärung, während der Kern des 
pauHnischen Evglms darüber in den Hintergrund trat. In der That 
erwiesen sich die Aufschlüsse, welche vermöge solcher Mittel der 
AVissbegierde geboten wurde, so zugkräftig, dass nicht blos neue 
Mitgheder gewonnen wurden, sondern auch in der Gemeinde selbst 
das Ansehen des 2. Stifters wider den 1. und dann natürlich auch 



Vgl. Heinbici S 7 f, 23 f. Holstbn S 186 f. Weizsäcker S 97, 



1_ 



248 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

wieder das des alten Lehrers wider den neuen mit eifersüchtiger 
Leidenschaft geltend gemacht wurde. Unter allen Umständen kann, 
da die Predigt des Apollos sich wenigstens nicht grundsätzlich von 
derjenigen des Paulus unterschied (3, 5 — 9), der Gegensatz zwischen 
Pauhnern und Apolloniern in erster Linie nur ein Gegensatz des Ge- 
schmackes und der persönlichen Liebhaberei gewesen, eine Spannung 
aber erst daraus geworden sein, nachdem Apollos einen Schauplatz 
verlassen hatte, den er auch später nicht mehr aufsuchen mochte 
(16, 12). 

Grösseren Schwierigkeiten unterliegt die Beurtheilung der 3. 
und namentHch der 4. unter den 1 Cor 1, 12 namhaft gemachten 
Parteirichtungen, die sich nach dem Abgang des Paulus einstellten. 
Sicher zwar ist folgender Thatbestand. Schon 1 Cor 4, 3. 18. 9, 

I. 3 sind herabsetzende Urtheüe über den apostolischen Charakter 
des Paulus berücksichtigt. Aber der Satz 1 Cor 9, 2 iq atppaYk (J-oo 
T-^C aTToaroX-^c ojxei^ sais sv %opt(p muss 2 Cor 3, 2 nicht blos wieder 
aufgenommen, sondern auch mit grösserem Aufwände von apologe- 
tischen Mitteln bewährt werden. Denn es waren pharisäische Juden- 
christen (2 Cor 11, 22) mit Empfehlungsschreiben (von Jerusalem) 
versehen (3, 1) nach Korinth gekommen, um sich in den Wirkungs- 
kreis des Paulus einzudrängen (10, 13 — 16), daselbst das Ansehen der 
Urapostel (11, 5. 12, 11), die Nationalprärogativen Israel's (5, 12. 

II, 18) zur Geltung zu bringen, die Nothwendigkeit eines hand- 
greifHchen Offenbarungsglaubens (im Hintergrunde steht das mosaische 
Gesetz 3, 6 f) gegenüber dem dunkeln (4, 3) Evglm des Pls dar- 
zuthun und überhaupt dem Gemeindeleben daselbst die, ihrer An- 
sicht zufolge allein zuverlässigen, Bürgschaften einer legitimen Ent- 
wickelung erst mitzutheilen. Das eoa^Y^^tov srspov 11, 4 ist somit 
dasselbe wie Gal 1, 6, und was von den galatischen Gegnern gesagt 
ist (S. 243) gut auch von den korinthischen. Nur mit der Forde- 
rung der Beschneidung hielten die letzteren noch zurück, um dafür 
eine desto systematischere Opposition der Person des Heidenapostels 
zu bereiten und ihn womöglich aus seinem Gebiete herauszudrängen 
(10, 8. 11, 13—15). 

Was sich fragt, ist blos dies, ob die Anhänger dieser importirten Oppo- 
sition als ol TOD KYjcpä oder als ol toö Xptaxoö zu gelten haben. In jenem Falle 
(so noch Räbiger, Bisping und Meyer) bleibt für Deutung des Bekentnisses 
lyu) 5^ Xpiotoö ein weiter Spielraum offen, welcher seit 100 Jahren in der That 
mit einem Walde von Hypothesen angepflanzt worden ist; vgl. die Acten des 
erst durch Baur (vgl. oben S 187) bedeutsam gewordenen Streites bei H. Holtz- 
MANN ZwTh 1885, S 233 f und bei Räbiger S 1 f). Einen trefflichen Wegweiser 
durch das Dickicht würde allerdings die Erklärung 1 Cor 3, 22. 23 bieten, falls 



Die Briefe an die Korinther. 3. Veranlassung u. Inhalt des 1. Briefes. 249 

durch sie das letzte der 4 Bekenntnisse irgendwie als das richtige bezeichnet 
wäre (so nach patristischem Vorgang Räbiger). Empfangen dagegen 1 Cor 1, 
12 alle 4 Parteirufe gleiche "Werthung und fallen ol xoü Xpioxoö mit den Pau- 
linern, Apolloniern, Petrinern unter dasselbe Gericht, so erscheint es angezeigt, 
in oE xoü flexpou den jüdisch gefärbten Theil der von Pls selbst gesammelten 
Gemeinde, im Verhältnisse zu den Christuslenten also die mildere judenchrist- 
liche Richtung (de Wette, Wieseler, Reuss), die fanatischen Paulusgegner 
aber in den Christusleuten zu finden (Beischlag), deren Bekenntniss nach der 
Analogie des IlauXof), 'ATtoXXio, Kf](pä elvai zugleich auf irgendwelche empirische 
Verbindung mit dem geschichtlichen Messias, vielleicht geradezu auf auxoTcxat xoö 
xop'oo schliessen lässt (Thiersch, Hilgenfeld, Klöpper, Hausrath, Holsten, 
Mangold, Schmiedel, Weizsäcker). Dass Jesus weder selbst das Gesetz ange- 
griffen , noch seine Jünger mit der Ausserkraftsetzung desselben beauftragt, 
dass er das nationale Band nicht verleugnet und mit seiner Wirksamkeit sich 
innerhalb der theokratischen Reichsgenossenschaft gehalten hat, war sonach ihr 
Hauptargument gegen die Competenzen, die sich Pls zuschrieb. In diesem Sinne 
will auch das Xp-.axoö elvai 2 Cor 10, 7 verstanden sein, welche Stelle die 
Identität der 2 Cor 10 — 13 bekämpften Gegner mit den Christusleuten darthut 
und dieselben als eine um palästinische Eindringlinge geschaarte Partei charak- 
terisirt, deren Bösartigkeit der Apostel erst zwischen dem 1. und 2. Briefe voll- 
kommen erproben sollte (xtvi«; 1 Cor 4, 18 = 2 Cor 10, 2. 12), so dass ihr 
Signalement erst in diesem zu finden ist. 

3. Veranlassung und Inhalt des ersten Briefes. 

Aber auch davon abgesehen, war in Korinth lange nicht Alles 
in Ordnung. Wie man in rücksichtsloser Ausdehnung des Anspruches 
auf christl. Freiheit keinen Anstoss daran nahm, Einladungen zu 
heidnischen Opfermahlzeiten anzunehmen (1 Cor 10, 27) und im 
Tempel zu schmausen (8, 10), so mochte auch der christliche Sklave 
sich gegen die auf ihm lastende Knechtschaft sperren (7, 21); die 
Weiber aber bethätigten ihre zunächst auf religiösem Boden er- 
folgte Emancipation im socialen Leben durch schleierlose Kopf- 
tracht (11,2 — 15) und Redefreiheit in den Versammlungen (14, 34 — 36). 
In Streitigkeiten über das Eigenthum suchte man vor heidnischem 
Tribunal Recht (6, 1), während sonst nicht nur die Synagogen- 
gemeinschaft, sondern auch der griechische Cultverein solche Dinge 
von sich aus zu erledigen Hebte. Die MateriaHen für gemeinsame 
Bundesmahle pflegte der Cultverein durch Beiträge der Genossen- 
schaftsmitgheder zu beschaffen. Die korinthische Christengemeinde 
schloss sich dieser Uebung in der Form an, dass dabei Jeder das 
von ihm selbst Mitgebrachte ass, was nur zur Beschämung der die 
Mehrheit bildenden Düi'ftigen ausfallen konnte (11, 17 — 34). Aber 
auch manche Liebhabereien für Spiel des Geistes und der Rede, 
für mysteriöse Kundgebung und ekstatisches Wesen begleiteten die 
aus den Heiden gesammelten Gläubigen in den neuen Stand her- 



250 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

über. Nicht blos die pneumatische Kraftprobe der GlossolaHe (12, 
1 f . 14, 1 f ) wurde überschätzt, sondern auch, die begeisterte Rede 
überhaupt in einer Weise geübt, welche auf den ünbetheiligten den 
Eindruck heiliger Raserei machen konnte (14, 23). Allenthalben 
gingen die Korinther ihre eigenen Wege und setzten sich gleich- 
gültig über das hinaus, was als übereinstimmende Sitte der übrigen 
Christenheit (11, 16. 14, 33. 36), als apostolische Ueb erlief erung 
galt (11, 2. 23. 15, 1). Selbst den gemeinschaftlichen Glauben an 
die zukünftige Auferstehung bedrohte hellenische Dialektik mit Auf- 
lösung (15, 12). Schon dies, noch mehr aber die altgewohnte 
Zuchtlosigkeit in geschlechtlicher Beziehung, welcher ja die geborenen 
Heiden bisher unbefangen gehuldigt hatten und nunmehr schwer 
entsagen mochten (5, 9—11. 6, 12—19. 2 Cor 6, 14—18. 12, 21), 
konnte nur dazu dienen, des Apostels Geistes- und Freiheitsevglm 
in den Augen der an Zucht- und Familienordnung gewohnten Juden- 
christen zu compromittiren. Schon einmal hatte er desshalb von 
Ephesus aus eine schriftliche Mahnung zur Keuschheit an die Ge- 
meinde ergehen lassen (1 Cor 5, 9). Nachher erfuhr er von einem 
in Korinth vorgekommenen, besonders ärgerlichen Fall, dass näm- 
lich Einer mit seiner Stiefmutter in verbotenem Umgang lebte (5, 1). 
Zugleich erhielt er auch Kunde von dem verheerenden Parteiwesen, 
und zwar durch das Gesinde der Chloe (1, 11). Die stärksten Auf- 
forderungen zu einer neuen Ansprache an die Gemeinde bot endlich 
ein Brief, welchen die Gemeindeversammlung an den Apostel ab- 
fassen und wahrscheinhch durch Stephanas, Achaicus und Fortunatus 
überbringen Hess (16, 17). Denn dieser Brief, wiewohl offenbar in 
grosser Selbstgefälligkeit darauf hinzielend, dem Apostel einen sehr 
hohen Begriff von der christl. Einsicht und Freiheit der Gemeinde 
beizubringen, konnte doch nur den Erfolg haben, die tiefgehenden 
sittUchen Schäden, daran sie litt, vollends blos zu legen. Zunächst 
waren des Apostels Forderungen in seinem früheren Briefe über- 
spannt worden , um mit der Möglichkeit auch die Pflicht ihrer Be- 
folgung um so zweifelhafter erscheinen zu lassen (5, 9 — 11). Daran 
schlössen sich Anfragen zunächst bezüglich ehelicher Verhältnisse 
(7, 1 TTEpl §£ wv k((A^0Lze) , dann bezüglich des Götzenopferfleisches 
(8, 1 Tuepi 81 Twv stöwXo^UTwv) , bezüglich der Geistesgaben (12, 1 
TTspl §e zm 7rv£ü{xaTixto)v) , bezüghch der CoUecte (16, 1 Tuspl Ss rr^c 
XoYia(;) und bezüglich der Rückkehr des Apollos (16, 12 irspl 8k 
'AttoXXw TOD aSsX^oö). In den meisten dieser Fälle lagen Streitfragen 
vor, bezüglich welcher die Majorität sich kurzer Hand die Zustim- 
mung des Pls zu ihrem keineswegs sehr rücksichtsvollen Verhalten 



Die Briefe an die Korinther. 4. Veranlassung u. Inhalt des 2. Briefes. 251 

ZU verschaffen gedachte. Alle diese Vorkommnisse und Zustände 
boten Veranlassung genug, nicht blos den Timotheus nach Korinth 
zu senden (4, 17. 16, 10 ; vgl. Act 19, 22), sondern auch den zurück- 
kehrenden Gesandten das Schreiben mitzugeben, welches sonach noch 
in Ephesus abgefasst worden ist (1 Cor 16, 5. 8. 19). 

Auf Gruss (1, 1 — 3) und Eingang (1, 4 — 9) folgt sofort die 
Besprechung und Verurtheilung des Parteiwesens (1, 10 — 4, 21), 
verbunden mit der Vertheidigung der kunstlosen Weise, in der Pls 
das Evglm predigt , und mit Zurückführung so verdriesslicher 
Irrungen und Spaltungen auf den falschen Stolz, welcher sich selbst- 
gewählter Führer zu rühmen liebt. Solche Ueberhebung um so 
vollständiger zu dämpfen, dient eine Erinnerung an die schreiendsten 
Uebelstände, an welchen das Gemeindeleben der Korinther litt. 
Der Apostel verlangt ernste Bestrafung des Blutschänders (5, 1 — 8) 
und berührt zugleich die schlechte Ausrede, womit die Gemeinde 
sich seinen früheren Mahnungen , den Umgang mit Unzüchtigen ab- 
zubrechen, zu entziehen versucht hatte (5, 9 — 13). Anschliessend 
hieran missbilligt er auch das Laufen vor heidnische Gerichte 
(6, 1 — 11). In eine allgemeine Rüge der eingerissenen sittlichen 
Erschlaifung läuft dieser erste Theil aus (6, 12 — 20). Der allgemeine 
Charakter desselben bestand darin, dass lauter Uebelstände zur 
Sprache gebracht wurden, die dem Apostel auf mündlichem Wege 
kund geworden waren, Beziehungen auf schriftliche Aeusserungen 
der Gemeinde nur ausnahmsweise vorkamen (5, 10. 6, 12). Das 
umgekehrte Mischungsverhältniss hat im 2. Theile statt, wo der 
Apostel den Gemeindebrief zur Hand nimmt, um ihn Punkt für 
Punkt zu beantworten: 1) Ehefragen (7, 1 — 40); 2) das Götzen- 
opfer (8, 1 — 11, 1); 3) die Gemeindeversammlungen (11,2 — 14, 40), 
wobei zuerst (11, 2 — 16) und zuletzt (14, 34 — 36) die Stellung der 
Frauen, hauptsächlich aber das Herrenmahl (11, 17 — 34) und die 
pneumatische Rede (12, 1 — 14, 33) Behandlung finden ; 4) die Auf- 
erstehung der Todten, die einzige dogmatische Darlegung des Send- 
schreibens (15, 1 — 58); 5) die Collecte (16, 1—4) mit angehängten 
Reiseplänen (16, 5 — 11); 6) Rückkehr des Apollos (16, 12), woran 
sich allerlei Briefliches knüpft (16, 13— -24.) 

4. Veranlassung und Inhalt des zweiten Briefes. 

Das eben skizzirte Sendschreiben sollte dem bereits abgereisten 
Timotheus noch zuvorkommen (16, 10) und kurz vor der Osterzeit 
58 in Korinth eintreffen (5, 7). Nach Pfingsten bricht Pls selbst 
von Ephesus auf (16, 8j. Noch im Herbste desselben Jahres (nach 



252 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

jüdischer oder macedonischer Rechnung zu Beginn des folgenden/ 
vgl. 2 Cor 8, 10), ist das 2. Sendschreiben abgefasst und zwar in 
Macedonien (2, 13. 7, 5. 8, 1. 9, 2. Act 20, 1), wo Pls den Som- 
mer zubrachte, um in Korinth zu überwintern (1 Cor 16, 6). Vor- 
her sollte aber dieser zweite Brief daselbst anlangen. Mit Ueber- 
bringung war derselbe Titus beauftragt (2 Cor 8, 6. 16-24), der ihn 
auch durch direct an den Apostel gebrachte Nachrichten veranlasst 
hatte (7, 5. 6). Der Aufenthalt dieses Geschäftsträgers in Korinth 
war von Erfolg begleitet gewesen. Aus zahlreichen Wendungen er- 
hellt, dass die grosse Mehrheit der Gemeinde sich dem Apostel 
ergeben erwiesen hatte (2, 3. 5. 3, 2. 6, 11—13. 7, 4. 7—16. 9, 2); 
die Gegner erscheinen als wenige und fremde (3, 1. 10, 2. 7. 11. 
12. 11, 4. 13. 21 f), bei deren Schilderung er zu einem ihm be- 
freundeten Leserkreis spricht (11,2. 11. 12, 11 — 19). Eingeschüchtert 
aber waren sie darum noch keineswegs. Zwischen ihnen und Pls 
handelt es sich jetzt um Sein oder Nichtsein. Feindseligste Angriffe 
gelten ebenso seiner persönlichen Würde wie seiner apostolischen 
Machtvollkommenheit. Ein Verführer sollte er sein (6, 8), der alles 
nur aus sich selbst schöpfe (3, 5), sich selbst predige (4, 5) und empfehle 
(3, 1. 4, 2. 5, 12. 6, 4. 10, 12). Mit Berufung auf seine Christus- 
vision und auf seine Ekstasen bezeuge er sich nur als einen über- 
spannten Thoren (5, 13. 11, 1. 16. 12, 1 — 7). Nur in seinen Brie- 
fen, nicht aber in seiijem persönHchen Auftreten wisse er zu impo- 
niren (10, 1. 9 — 11. 11, 6. 21). Brieflich werfe er sich zum Herrn 
des Glaubens der Gemeinde auf (1, 24); ja er gebrauche seine 
Macht wie zum Verderben einzelner Glieder (7, 2), so zur Zerstö- 
rung des Ganzen (10, 8. 13, 10) — Letzteres mit Beziehung auf die 
den Sündern angedrohten Gottesurtheile (1 Cor 5, 4. 2 Cor 13, 2), 
wobei man andererseits wieder auf die mangelnde Fähigkeit hinwies, 
die Worte mit entsprechenden Thaten zu bekräftigen (13, 3. 6). Im 
Zusammenhang damit führte man es auf Feigheit und Zweizüngigkeit 
zurück, wenn sein angekündigter Besuch in Korinth immer wieder 
hinausgeschoben wurde (1, 15 — 23). Zu allen diesen, als Signale- 
ment seines Bildes ausgestellten, Zügen sollte evidenter Mangel an 
solider Begründung seiner amtlichen Ansprüche eine Kehrseite von 
gleich werthlosem Gepräge bilden. Schien er doch die Schäden seines 
Apostelrechts selbst zu empfinden und einzugestehen, wenn er, auf 
seine Befugniss, Unterhalt von der Gemeinde zu nehmen, ver- 
zichtend, lieber von seiner Hände Arbeit lebte (1 Cor 9, 1 — 14. 
2 Cor 11, 7 — 12), wobei diejenigen, welche für ihre Person einer 
bequemeren Praxis huldigten, ja nach des Pls ürtheil die Gemeinde 



Die Briefe an die Korinther. 4. Veranlassung u. Inhalt des 2. Briefes. 253 

aussaugten (11, 20), sich nicht scheuten, ihn zu verdächtigen, als 
halte er sich dafür an der Collecte schadlos (12, 16 — 18). 

In dem so veranlassten Briefe sehen wir desshalb den Apostel 
mit der Feststellung seines erschütterten apostolischen Ansehens, 
mit Yertheidigung seines persönlichen Charakters , mit Entwaffnung 
unversöhnUcher Feinde beschäftigt. Man merkt, wie viel ihm an 
Erhaltung der Position gelegen ist, welche er in Korinth errungen 
hatte. Das Sendschreiben will daher die Gemeinde auf die jetzt 
endlich bevorstehende Ankunft des lange entfernt Gewesenen vor- 
bereiten, sie in diejenige Verfassung bringen, welche er vorfinden 
musste, wenn seine Ankunft nicht das Signal zum Ausbruche leiden- 
schaftUcher Erörterungen von unberechenbarem Verlaufe werden 
sollte. Der Plan des Briefes liegt darum ausgesprochen in der 
Bemerkung 10, 6 ev £TOt[i({) s^ovcs? iY.8i%fpoi'. :raoav TcapaxoYJv, otav 
tcXyjpcdO"^ 6[jlc()v ri oTiazoT]. Der Erreichung des letzteren Zweckes 
sind die sieben ersten Kapitel gewidmet, beginnend mit Gruss (1, 1. 2) 
und Dank für Bettung aus schwerer Lebensgefahr (1, 3 — 11), fort- 
schreitend zu Auseinandersetzungen wegen Abänderung seines Beise- 
planes (1, 12 — 2, 4), dann Befriedigung aussprechend über die Er- 
ledigung eines peinlichen Falles, der leicht Anlass zu gänzHchem 
Bruche zwischen dem Apostel und der Gemeinde hätte geben können 
(2, 5 — 11); hierauf in reicher Ausführung gegenüber allen Verun- 
glimpfungen der Menschen, ja selbst gegenüber allen Erniedrigungen 
des Geschicks die Hoheit des apostohschen Amtes feiernd, wie es 
Pls führt (2, 14—7, 1); zurückkehrend endlich zu dem Ausgangs- 
punkte (2, 12. 13), den Nachrichten , die Titus brachte, und auf 
Grund derselben die volle Versöhnung des Apostels mit der Ge- 
meinde constatirend (7, 2— 16). 

Die 2. Hälfte des Briefes zerfällt in 2 ungleiche Theile (Kap. 8, 
9 und 10 — 13). Aus guten Gründen (vgl. 12, 16 — 18) wird das 
Collectenwerk, welches immer noch lässig betrieben worden war 
(8, 16 f. 9, 4 f), nicht wie 1 Cor 16, 1 — 4 am Schlüsse, sondern 
schon im 8. und 9. Kap. empfohlen. Erst nachdem so zwischen ihm 
und der Gemeinde Alles bereinigt , die Gegner aber isolirt worden 
waren, holt der Apostel wider diese zu einem letzten Hauptschlag 
aus in den 4 Schlusskapiteln, welche das AffectvoUste enthalten, 
was er jemals geschrieben hat ; hier entladen sich die gewitter- 
schwangeren Wolken , welche schon im 1. Theil zuweilen (2, 17. 
3, 13. 4, 2. 4. 5, 12) wie im Wetterleuchten geglüht hatten. Leider 
fehlen uns directe Nachrichten über den Erfolg dieser gewaltigen 
Schutz- und Trutzrede. 



254 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

5. Verhältniss der beiden Briefe zu'einander. 

Unsicher geblieben sind die Entstehungsverhältnisse der Korin- 
therbriefe nur, wenn man sie in ihrem gegenseitigen Verhältniss auf- 
fasst, während die Situation, welcher jeder für sich genommen ent- 
stammt, vöUig klar erscheint. 

In jener Beziehung bewegt sich eine lebhafte, und noch immer nicht ab- 
geschlossene Debatte (vgl. die Acten derselben bei H. Holtzmann ZwTh 1879, 
S 455 f) um folgende Fragen: 

1) Ist Timotheus, der 1 Cor 4, 17. 16, 10. 11 nach Korinth gehen und 
wieder zu Pls zurückkehren soll, auch 2 Cor 1, 1. 19 bei ihm ist, wirklich dort 
gewesen? 2 Cor berichtet darüber nichts und so leugnen Schmidt, Bertholdt, 
Schleiermacher, Neander, Credner, Rückert, de Wette, Maier, Hausrath, 
Davidson die Ausrichtung seiner Mission. 

2) Sollte gleich dem 1 Cor 5, 9 erwähnten Brief nach Korinth, welchen 
übrigens Hilgenfeld und Franke (StKr 1884, S 544 f) in 2 Cor 6, 14—7, 1 
wenigstens zum Theil erhalten sehen, ein 2. verloren gegangen sein, der zwischen 
unseren beiden erhaltenen geschrieben und 2 Cor 2, 4. 7, 8. 9. 12 gemeint wäre ? 
Derselbe müsste u. A. zur Einführung und Beglaubigung des Titus gedient haben. 
So Olshausen, Credner, Neander, Beyschlag, Ewald, Reuss, Godet, van Rhijn 
und die sub 3 und 4 zu Nennenden. 

3) Bezog sich dieser Zwischenbrief auf den 1 Cor 5, 1 f berührten Fall, 
so dass es sich um Ausführung oder Sistirung des 5, 3 — 5 vorgeschriebenen 
Verfahrens handelt (Bleek, Krenkel, Eylau, Klöpper, Davidson, Meyer), 
oder auf eine völlig neue Situation, als deren Kern eine offene Schmähung des 
Apostels in der Gremeindeversammlung resultiren würde? 

4) Kann überhaupt 2 Cor 2, 5 — 8. 10 den Blutschänder betreffen? Ist 
der äSixTj^ei? 7, 12 der Vater des Blutschänders oder nicht vielmehr Pls selbst, 
der 2, 5 — 11 Verzeihung für jene Beleidigung anbietet? Letzteres nach Mangold, 
Hilgenfeld, Weizsäcker und Schmiedel. 

5) War Titus, welchen Pls nach Korinth gesandt hatte und auf seiner 
Rückkehr zwar nicht in Troas 2, 13, dafür aber in Macedonien, 7, 5. 6 auch 
wirklich antraf, und dessen Nachrichten den 2. Brief veranlasst haben, mit dem 
er abermals nach Korinth geht (8, 6. 17), schon vor diesen beiden Reisen ein- 
mal dort gewesen (so Schrader, Billroth, J. G. Müller einerseits, Hausrath 
und Schmiedel andererseits), oder fällt 12, 18 mit der 7, 6 f. 14 f erwähnten 
Reise zusammen? 

6) Geht die 2 Cor 10—13 vorausgesetzte Situation der im übrigen Briefe 
erkennbaren voraus, so dass der sub 2 in hypothesi erschienene Zwischeubrief 
in jenen Kapiteln (Hausrath's „Vierkapitelbrief" 1870, im Wesentlichen ver- 
treten auch von Schmiedel) wieder zu erkennen wäre? 

7) Ist die 1 Cor 16, 1 — 4 angeordnete, nach 2 Cor 8, 6 von Titus in's 
Werk gesetzte CoUecte auch 12, 16—18 gemeint? Und ist letztere Stelle mit 
7, 2 als in Einem Briefe stehend denkbar? Jenes leugnet Schulze, dieses 
Hausrath. 

8) Ist zwischen 1 Cor und 2 Cor etwa auch wieder ein Gemeinde- 
Bchreiben der Korinther an Pls anzunehmen, gleich dem 1 Cor 7 — 16 erledigten? 
So Bleek und Hofmann. 



Die Briefe an die Korinther. 5. Verhältniss der beiden Briefe zu einander. 255 

9) Nöthigt trotzdem, dass 1 Cor 2, 1 blos eine einzige frühere Anwesen- 
heit des Pls in Korinth, nämlich die 17? jährige Act 18, 11, vorausgesetzt 
scheint und Pls im 1. Brief überhaupt von den Korinthem durch mündhche 
und schriftliche Mittheilungen, nicht aber durch erneute eigene Anschauung 
Kunde hat, der 2. Brief zur Annahme einer in Act nicht erwähnten Anwesenheit 
des Apostels in Korinth? So wegen 2 Cor 2, 1. 12, 14. 21. 13, 1. 2 (vgl. auch 

1 Cor 16, 7) Bleek, Wurm, Schneckenburger, J. Gr. Müller, Osiander, W. Grimm, 
VoLKMAR und die sub 10 zu Nennenden. 

10) Hatte dieser von Reiche, Lange, de Wette, Baur, Märcker, Schölten, 
Renan, Hilgenfeld, Heinrici und Davidson überhaupt geleugnete Zwischen- 
aufenthalt in der Zeit Act 18, 11 (Michaelis, J. E. Chr. Schmidt, Schott, Anger, 
Völter) oder in der Periode Act 19, 10 und zwar vor 1. Cor (Schrader, 
Ne ander, Credner, Billroth, Olshausen, Rückert, Reüss, Wieseler, Otto, 
Schenkel, Hofmann, Meyer, Hausrath, Klöpper, Holsten, Schmiedel) oder 
endlich zwischen 1 Cor und 2 Cor (Ewald, Weizsäcker, Eylau, Krenkel, Hagqe, 
Weiffenbach, Mangold) statt? 

11) Hat Pls vor 1 Cor, sei es im 5, 9 erwähnten Brief, sei es mündlich, 
durch Timotheus ein baldiges directes Kommen nach Korinth angekündigt, 
welchem Plan er nachträglich 1 Cor 16, 5 — 7 die Landroute über Macedonien 
vorzieht, so dass eßouXofjLviv 2 Cor 1, 15 über die Abfassung von 1 Cor 16, 5 
hinaus und auf den 1. Reiseplan zurückgreift, der im Gegensatz zu 1 Cor 16, 5 
den Besuch in Macedonien nur als einen von Korinth unternommenen Ausflug 
(2 Cor 1, 16) darstellte? So die gewöhnliche Auffassung gegen Hausrath, 
Schmiedel und Mangold, welche 1 Cor 16, 5 — 7 den ursprüglichen Plan finden, 
bezüglich des Verhältnisses von 2 Cor 1, 15 zu 12, 14. 20. 21. 13, 1 aber ver- 
schiedenartige, unter sich differirende Combinationen treffen. 

12) Stellt 2 Cor 10 — 13 den vorausbedachten Schlusstheil des Briefes 
dar, oder ist derselbe dem Apostel nur gleichsam unter der Hand erwachsen 
(Ewald), wenn er nicht gar ursprünglich ein selbständiges Schreiben dargestellt 
hat (Semler, Mich. Weber, Weisse, Davidson)? 

Soweit diese Fragen überhaupt mit einiger Sicherheit beant- 
wortet werden können, mag als leitende Directive die Beobachtung 
der engen Zusammengehörigkeit beider Briefe gelten. Allzuviele 
Zwischenereignisse werden undenkbar, wenn doch 2 Cor 1, 8 — 10. 
2, 12. 13 sich unmittelbar an die Situation 1 Cor 16, 8. 9 an- 
schliesst , wenn ferner 2 Cor 1, 12 auf 1 Cor 2, 4 — 14, ebenso 

2 Cor 1, 13—17. 23 auf 1 Cor 16, 5 zurücksieht, wenn 2 Cor 
1, 17. 23. 10, 1. 2. 10. 11 den Ton von 1 Cor 4, 18-21 fortsetzt, 
wenn 2 Cor 1, 24, tq ^ap TUiaret sonjxaTe den Erfolg der Ermah- 
nung 1 Cor 16, 13 nnrixeTE ev tq niozBi bezeugt, wenn der Ausdruck 
a^vö«; Iv T(j) 7cpdY{jLaTt 2 Cor 7, 11 auf lOiauiT] Tropveta 1 Cor 5, 1 
zurückweist, wie Iv TrpoowTrq) Xptaxoö 2, 10 auf Iv T(j) ovcftatt toö 
xopioo Yjiwv 'iTjaoö 1 Cor 6, 4 und speziell der Satan 2 Cor 2, 11 
auf 1 Cor 5, 5, das tcsv^eiv 2 Cor 12, 21 auf 1 Cor 5, 2, so dass 
auch ToioöToc 2 Cor 2, 6. 7 mit totoOroc 1 Cor 5, 5 und xiq 2 Cor 2, 5 



256 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

mit TIC 1 Cor 5, 1 identisch sein wird, überhaupt die Selbigkeit des 
ganzen Hintergrundes von Vorgängen, Stimmungen und Interessen 
fast als erwiesen gelten kann. 

Der Brief an die Römer. 

Specialcommentare von Tholuck (1824, 5. Afl 1856), Klee (1830), Benecke 
(1831), Paulus (vgl. oben S 241), Rückert (1831, 2. Asg 1839), Reiche (1833—34), 
Glöckler (1834), KÖLLNER (1834), Stengel (1836, 2. Afl 1854), C. F. A. Fritzsche 
(1836—43), Nielsen (deutsch von A. Michelsen 1843, 2. Afl 1856), Baumgarten- 
Crusiüs (1844), Krehl (1845), Reithmayr (1845), Philippi (1848, 3. Afl 1866), 
VAN Hengel (1854-59), Umbreit (1856), Hodge (1856), Jowett (vgl. oben S 233), 
Th. Schott (1858), Arnaud (1863), Ortloph (1865— 66),Volkmar (1875), M. Stuart 
(3. Asg 1876), GoDET (1879, 2. Asg 1883, deutsch von Wunderlich 1881- 82), 
Oltramare (1881— 82), Ch. Hoffmann (Bibelforschungen, 2 Bde 1882—84), E. Otto 
(Bibelstudien 1883), Riddle (1884), J. T. Beck (1884), Beet (5. Asg 1885), 
C. W. Otto (1886), E. Böhmer (1886). Dazu Holsten, JprTh 1879, S 95 f, 
314 f, 680 f. 0. Pfleiderer ebend. 1882, S 506 f. Gräfe, Ueber Veranlassung 
und Zweck des Römerbriefes 1881. W. Mangold, Der Römerbrief und die 
Anfänge der römischen Gemeinde 1866-, Der Römerbrief und seine geschicht- 
lichen Voraussetzungen 1884. Lorenz, Der Römerbrief 1884; Das Lehrsystera 
im Römerbrief 1884. 

1. Datum und Inhalt. 

Den "Winter des Jahres, in welchen beide Korintherbriefe fallen, 
verbrachte Pls in Korinth (Act 20, 2. 3) und schrieb, wahrschein- 
lich gegen Frühjahr 59, im Hause des von ihm selbst getauften 
Gajus (Rm 16, 23 = 1 Cor 1, 14) unseren Brief. Auch dadurch, 
dass die 1 Cor 16, 1-3. 2 Cor 9, 4 bestellte Collecte Rm 15, 26 
vollendet erscheint und sowohl Rm 16, 21 als Act 20, 4 Timotheus 
und Sosipater (Sopater) in der Umgebung des Pls erscheinen, ist 
die Situation, welcher der Brief angehört, gesichert (vgl. Bleek 
S 535 f. Schenkel BL V, S 115. Wieseler, Zur Geschichte der 
neutest. Schrift und des Urchristenthums 1881, S 91 fj. 

Der Brief trägt mit Ausnahme des Schlusskapitels den Cha- 
rakter eines Sendschreibens und zerfällt in 2 Hauptmassen (Volkmar: 
„Heilsbelehrung" und „Heilsermahnung"), welche durch a{j.YJv 11, 36 
und den neuen Anfang 12, 1 deutlichst geschieden sind. Aber auch 
die 11 Kapitel des lehrhaften Haupttheiles zerfallen in 2 ungleiche 
Theile, sofern die 8 ersten Kapitel und dann wieder die 3 folgen- 
den sich enger zusammenschliessen^). Der Eingang (1, 1—17) läuft 

*) Als Proben verschiedener Formulirungen des Gegensatzes mögen hier 
auftreten Mangold: Rechtfertigung der Heilslehre und der Mi;:sionspraxis des 
Apostels ; Holsten : Rechtfertigung des Inhaltes und des Erfolges seiner Heils- 
predigt; Pfleiderer: dogmatische und geschichtliche Exposition. 



Der Brief an die Römer. 1. Datum und Inhalt. 257 

aus in thematischer Charakterisirung des paiiUnischen Evgbns als 
56va[JLi<; d-BOü st? awt'/jpiav Tudvct T(j) TüLarsDOvri (1, 16) und Aufstellung 
der StxatoaDVY] -O-soö Ix Triarso)? biq Tütaiiv (1, 17) als Kern und Wesen 
desselben. Diese Gottesgerechtigkeit aus Glauben, nicht aus Wer- 
ken, wird begründet und gerechtfertigt gegenüber den Einwendungen, 
welche sich dem jüdischen Be^vusstsein dagegen zunächst vom reli- 
giösen (1, 18 — 5, 21), dann auch vom sittlichen Standpunkte aus 
(6, 1 — 8, 39) aufdrängen müssen. Die 1. Gruppe beschreibt das 
neue Heilsprincip der Gottesgerechtigkeit gemäss seiner Voraus- 
setzung, der allgemeinen Sündhaftigkeit (1, 16—3, 20), als einen 
Universahsmus der Gnade (3, 21-30), für dessen Wahrheit (ähn- 
lich Avie Gal 3, 1 — 4, 7) eine dreifache Beweisführung erfolgt: aus 
den Zeugnissen der alttest. Heilsgeschichte (Rm 3, 31 — 4, 25), aus 
den Erfahrungen des christl. Gemüths (5, 1 — 11) und aus der all- 
gemeinen Entwickelungsgeschichte der Menschheit, die in Adam und 
Christus ihren beherrschenden Angelpunkt hat (5, 12—21). Aber 
auch den ethischen Forderungen genügt die paulinische Heilslehre ; 
daher in der 2. Gruppe zuerst die Forderung, als müsse die Frei- 
heit vom Gesetz eine Freiheit zur Sünde sein , zurückgewiesen 
(6, 1 — 7, 6), sodann der aus der vorausgesetzten Zusammengehörig- 
keit von Sünde und Gesetz gezogene Schluss, dass Pls letzteres 
selbst zur Sünde mache, widerlegt (7, 7 — 25), endlich aber gezeigt 
wird, dass das Evglm sich gerade auch in Bezug auf die sitthche 
Aufgabe als Suvai^tc si<; awTYjfjiav erweise (8, 1 — 39). Aber nicht 
blos am Inhalt, sondern auch an dem thatsächlichen Erfolg der 
paulinischen Predigt musste das Judenchristenthum Anstoss nehmen, 
sofern derselbe mit einer schweren Schädigung des auserwählten 
Volkes verbunden war. Daher wird dieser Erfolg, Massenbekehrung 
unter den Heiden, Zurückdrängung Israels in die Minorität, nach- 
dem ihn Pls mit Schmerz constatirt (9, 1 — 5), zuerst vom Stand- 
punkte des göttlichen Determinismus aus gerechtfertigt (9, 6—29), 
dann aber als Ergebniss einer Verschuldung Israels begreiflich gemacht 
(9, 30 — 11, 10). Zum Schlüsse wird der so harte ßathschluss 
Gottes, der zeitweilige Verwerfung mit sich führt , auf einen , die 
Beseligung Aller erzielenden, Heilsrath zurückgeführt, so dass auch 
Pls mit seiner Heidenmission nur im Interesse seines Volkes han- 
delt, welches dadurch zur Eifersucht gereizt werden und Rettung 
finden soll (11, 11—36). Wie das Evglm sich als 8üva|xtc ek ocDnr]- 
fviav auch im Leben der Gemeinde bewährt, zeigt der praktische 
Theil, der das Prinzip der christl. Heiligung an die Spitze stellt 
(12, 1. 2), sodann in 2 Hauptabschnitten (Lorenz: christhche Moral 

Hol tz mann, Einleitang. 2. Anflago. j<9 



258 Besonderer Theil. Die paulinisclien Briefe. 

und christliche Toleranz) erstlich das Verhalten der Gläubigen 
untereinander (12, 3—16) und zur Welt (12, 17—13, 10) regelt, 
woran sich eine Schlussermahnung zur Selbstzucht knüpft (13, 11 - 14), 
zweitens aber eine specielle, auf Ausgleichung innergemeindlicher 
Differenzen gerichtete, Ermahnung bietet (14, 1—15, 13). Den 
Epilog bilden persönliche Bemerkungen (15, 14 — 33), Empfehlungen 
(16, 1. 2) und Grüsse (16, 3—16), Warnung vor Irrlehrern (16, 
17 — 20), Erwähnung der grüssenden Umgebung (16, 21 — 23) und 
Schlussdoxologie (16, 24—27). 

2. Die Leser. 

Die berühmte Debatte über den Juden- oder heidenchristlichen Charakter 
der Mehrheit (nur darum handelt es sich zur Zeit noch) der römischen Gemeinde 
hat mehrere Stadien durchlaufen. Das altherkömmliche Urtheil lautete auf 
Heidenchristenthum. Nur Koppe (NT perpetua annotatione illustratum, Bd 4, 
3. Afl 1824, S 13) hatte die Gremeinde für judenchristlich erklärt, welches Urtheil 
Baur (zuerst ZTh 1836, 3, S 114) wieder aufiiahm und neu begründete. Nach- 
dem ihm ScHWEGLER, Reuss, Krehl, Thiersch, van Hengel gefolgt waren, 
schien diese Annahme in Folge der ersten Arbeit von W. Mangold (1866) 
längere Zeit über das Feld siegreich zu behaupten; gegen einzelne Anhänger 
der traditionellen Annahme, wie Hofmann, Riggenbach, Wieseler, Philippi und 
DiETZscH standen jetzt kritische Theologen wie Straatman, Rovers, Seyerlen, 
Krenkel, Luoht, conservative wie K. Schmidt, Th. Zahn, Historiker wie Renan, 
Hausrath, H. Schiller, aber auch, wiewohl mit entschiedener Betonung des 
blosen Majoritätsverhältnisses, Volkmar, Lipsiüs, Sabatier, Ritschl, Holsten, 
Schenkel, Weiffenbach, E. Otto. Ein Rückschlag erfolgte durch Weizsäcker's 
Eintreten zu Gunsten der alteren Beurtheilung , wobei jedoch eine juden- 
christHche Minorität anerkannt blieb (JdTh 1876, S 248 f). Ebenso votirten 
A. Harnack, Neubaur, GtOdet, Oltramare, "Weiss, Bleibtreu, 0. Pfleiderer, 
J. T. Beck, Lechler, Gräfe, Schlatter (StKr 1886, S 582 f), in Hitzig's 
Nachfolge auch Kneücker (Die Anfänge des römischen Christenthums 1881, 
S 9, 11, 47), während Mangold (1884) und Hülsten (PrK 1885, S 195 f) 
ihren Standpunkt behaupteten. Eine Vermittlung ist in dem Sinne einer Unter- 
scheidung zwischen nationalem Charakter und religiöser Richtung versucht 
worden. Die Leser sollen nach Beyschlag (StKr 1867, S 627 f; HbA S 1153), 
dem sich modificirend Kneucker (S 23 f) anschliesst, Proselyten, also geborene 
Heiden (so schon de Wette, auch Joseph Langen, Geschichte der römischen 
Kirche bis zum Pontificat Leo's I, 1881, S 24 f, 33), aber nicht umsonst durch 
die Schule des Judenthums hindurchgegangene Heiden, also wesentlich judaistisch 
denkende Proselyten gewesen sein. Aehnlich H. Schultz (JdTh 1876 S 105), 
während zwischen Beyschlag und Weizsäcker vermittelnd Schürer das Problem, 
ein nicht-jüdisches Christenthum vorstellig zu machen, das von Pls unabhängig 
entstanden und auch nicht im Besitze der prinzipiellen Sicherheit des gesetzes- 
freien Standpunktes gewesen sei, zu lösen sucht durch Hinweis auf die freiere 
Stellung der hellenistischen Diaspora zum Ceremonialwesen (ThLz 1878, S 359. 
1882, S 420. 1884, S 333 f). 

Die Frage hängt, wie man sieht, zusammen mit den Vorstellungen be- 



Der Brief an die Römer. 2. Die Leser. 259 

züglich der Vorgeschichte der römischen Gemeinde, worüber Neubaur eine voll- 
ständige Uebersicht der Literatur gibt (Beiträge zu einer Geschichte der römischen 
Christengemeinde in den beiden ersten Jahrhunderten 1880). Diese Geschichte 
lässt sich zu Gunsten eines jüdischen Ursprungs und judenchristlichen Charakters 
der Gemeinde auf keinen Fall mehr in demjenigen Sinne verwerthen, wie auf 
Grund der mit Irenäus (LH, 1, 1. 3, 2) anhebenden patristischen Tradition die 
kath. Kirche gethan hat, indem sie den Petrus zum Stifter und ersten Bischof 
der römischen Christenheit erhob^). Selbst wenn der paulinische Grundsatz, 
nicht auf fremden Grund zu bauen, wie er E,m 15, 20. 21 gerade der Gemeinde, 
um die es sich handelt, gegenüber zum Ausdruck gelangt, nur für das Morgen- 
land Geltung gehabt hätte oder als Nachbildung von 2 Cor 10, 15. 16 zu be- 
urtheilen wäre, durfte Pls eine von Petrus gegründete Gemeinde nach Gal 2, 9 
auf keinen Fall aufsuchen. Da nun aber auch er nicht Stifter der Gemeinde 
sein kann, vielmehr in Rom schon längere Zeit Christen gewesen zu sein scheinen, 
ehe Pls dahin schrieb (Rm 13, 11. 16, 7?), erhebt sich die Frage, woher diese 
nach Rom oder wie an sie in Rom das Christenthum gekommen sei. 

Nach Einigen wäre die Gemeinde von Anfang an heidenchristlich und 
paulinisch gewesen. Paulinische Männer haben bald nach 40 (Wieseler, Zur 
Geschichte der neutest. Schrift 1880, S 62) bei Gründung der römischen Ge- 
meinde mitgewirkt, ja geradezu das Christenthum nach Rom gebracht (Godet I, 
S 87 f. C. W. Otto S 8). Oder die aus verschiedenen Gegenden des Reiches 
zufällig in Rom sich begegnenden Gläubigen sind erstmalig von Aquila und 
Prisca, als diese aus dem Orient zurückgekehrt waren, zu einer (wesentlich 
paulinischen) Gemeinschaft gesammelt worden (Oltramare I, S 81 f, 90 fj. 
Speciell wären es Gläubige aus Puteoli und Ostia gewesen, welche sich in Rom 
sammelten, ohne irgendwie mit der Synagoge in Berührung zu treten (Renan, 
L'antechrist S 7 f). Jedenfalls ist die Rechnung mit mehr zufälligen Ursachen 
(so Oltramare S 85 f. Wieseler S 58, Reuss, Ep. Paul. IT, S 7) der sie zu 
Gunsten einer sehr fi^gwürdigen Hypothese verwerfenden Ansicht Kneucker's 
(S 7) vorzuziehen. Anstatt mit einem römischen Aufenthalt des Titus um 52, 
also zu einer Zeit, da dieser Titus noch nirgends in der beglaubigten Geschichte 
aufgetaucht ist, zu rechnen (so Kneücker S 9 f, 17, 25, 42 f, 57, vgl. dagegen 
H. Holtzmann ZwTh 1881, S 411 f), dürfte man eher aus 1, 12. 2, 16. 15, 
14. 15. 22—24. 30—32. 16, 17. 25 (Kneücker S 13), mit noch mehr Recht 
vielleicht aus dem xotco? ot^ax'^? 6, 17 (Weiss S 315. Pfleiderer S 495 gegen 
Lipsius, Hülsten, Gräfe S 47) auf eine im Allgemeinen für Pls günstige 
Stimmung in Rom schliessen. Näher besehen halten aber alle diese Beweise 
nicht Stich (Weizsäcker S 419 f), imd lässt sich nichts behaupten, was über 



') Die Katholiken (z. B. noch Hundhausen, Die beiden Pontifikalschreil)en 
des Petrus I, S 15 f, 21 f ) fassen nach einer auf Eusebius und Hieronymus zu- 
rückgehenden Anleitung Act 12, 17 im Sinne einer Reise nach Rom, wo Petrus 
von der Synagoge aus das Christenthum verbreitet haben soll. So auch Thiersch, 
Kirche im apost. Zeitalter, 3. Afl S 95, 97. Ewald, Apost. Zeitalter, 3. Afl S607. 
Vgl. dagegen Kneücker S 56. Die darauf erbaute Theorie von einem 25jährigen 
römischen E])iskopat des Petrus haben selbst katholische Gelehrte, wie Hug, 
Klee, A. Maier, aufgegeben; auch Langen zeigt, dass Petrus, der um 53 noch 
in Jerusalem und Antiochia ist (Gal 2, 7 f. 11 f), unmöglich vor Pls in Rom 
gewesen, überhaupt frühestens um 63 dahin gekommen sein kann (S 17 f, 23 f, 40 f). 

17* 



260 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

allgemeine Bekanntschaft der römischen Christen mit dem Missionswerke des 
Pls und über persönliche Verbundenheit mancher Mitglieder der Gemeinde mit " 
ihm (falls nämhch 16, 3—16 nach Rom adressirt ist) - hinausginge. Eher schon 
darf man damit rechnen, dass „Ausländer von Rom" nach Act 2, 10 als Zeugen 
der Entstehung der ersten Christengemeinde erscheinen und dass, falls sie als 
nicht wieder nach Rom zurückkehrend zu denken wären ("Wieseler S 56), es 
doch sonst an Verkehr zwischen der römischen und der syrischen Judenschafb 
keineswegs mangeln konnte. Thatsache ist die ausserordentliche Ausbreitung, 
welche das Judenthum in Rom gefunden, seitdem Pompejus 64 v. Chr. jüdische 
Sklaven daselbst in Masse importirt hatte. Die später Freigelassenen (Liberti) 
besetzten ein eigenes Quartier, jenseits des Tibers. Die Nachricht, dass dieselben 
auch in Jerusalem eine Synagoge besassen (Act 6, 9), spricht an sich schon für 
die Verbindung der römischen Juden mit Jerusalem — eine Verbindung, welche 
durch Festbesuche, Entrichtung der Tempelsteuer und die römische Verwaltung 
Judäas an Intensität nur noch gewinnen mochte. Bei der a priori bestehenden 
"Wahrscheinlichkeit, wornach die Kunde, dass in Palästina ein Messias aufge- 
treten sei, in Rom nur bei Juden und Judengenossen Verständniss und Wider- 
hall finden konnte (vgl. Langen S 19 f), wird auch nur in der Synagoge die 
Wiege des römischen Christenthums zu suchen sein. Ueberdies stellt sich einer 
solchen Construction die bekannte Notiz des Suetonius in der Biographie des 
Claudius (25) zur Verfügung. Die nur ganz ausnahmsweise noch von Hofmann (III, 
S 630 f), Wieseler (Chronologie S 122; Zur Geschichte der neutest. Schrift 
S 58 f), GODET (I,.S 81 f), Oltramare (I, S 88) und Mommsen (RG V, S 523) 
bestrittene Verwerthbarkeit derselben für die Entwickelungsgeschichte des 
römischen Christenthums hat Mangold (S 244 f) aufs Neue dargethan. Aber 
gerade über die Folgen des Ediktes für die christliche Gemeinde besteht eine 
tiefgreifende Differenz zwischen ihm, der das jüdische Christenthum sich von 
jetzt ab in völliger Lostrennung von der Synagoge weiter entwickeln lässt (S 249), 
und HuG, Olshausen und Anderen (vgl. die Literatur bei Oltramare S 88 f), 
welche die zuvor judenchristliche Gemeinde durch die Judenvertreibung in eine 
vorzugsweise heidenchristliche sich umwandeln lassen. Der impulsore Chresto 
entstandene Tumult habe zur baldigen Ausscheidung der messiasgläubigen Glieder 
aus dem Judenthum Veranlassung gegeben und das auf solche Weise dem losen 
Zusammenhange mit der Synagoge vollends entzogene Christenthum habe 
während der Dauer des Exils der Juden sich um so mehr als heidenchristliche 
Gemeinde weitergebildet. Nach Langen mussten unter Claudius mit den Juden 
auch die Judenchristen die Stadt verlassen, um erst unter Nero zurückzukehren. 
Einstweilen hatte sich eine wesentlich heidenchristliche Gemeinde um einige 
zurückgebliebene Proselyten angesetzt (S 27, 33, 35). Für derartige, an sich 
ja gar nicht unwahrscheinliche, Combinationen liegen aber die Beweise nur in 
der Thatsache, dass mindestens erst zehn Jahre später die römische Obrigkeit 
unter Nero zwischen Juden und Christen zu scheiden weiss und dass vollends 
seit den Zeiten des Clemensbriefes an dem wesentlich heidenchristlichen Charakter 
der römischen Gemeinde kein Zweifel sein kann. Mögen aber auch die Christiani 
des Tacitus (Ann. 15, 44) ihrer Mehrzahl nach Heidenchristen gewesen sein, so 
folgt daraus noch gar nichts für die nationale Beschaffenheit des Leserkreises, 
welchen Pls 58—59 voraussetzt (Mangold S 251). Ja selbst aus der von grossen 
Schwierigkeiten bedrückten Erzählung über seine Aufnahme in Rom Act 28, 
17 f erhellt höchstens die Unheilbarkeit des Bruches, welcher durch die Messias- 



Der Brief an die Römer. 2. Die Leser. 261 

frage in der römischen Judenschaft schon unter Claudius eingetreten war (S 253). 
Möglicherweise könnte auch erst in Folge des persönlichen Auftretens des Pls 
in Rom die Heidenmission so in Aulnahme gekommen sein (Phl 1, 12 — 14. 4, 22), 
dass die Gemeinde eine heidenchristliche Physiognomie auf die Dauer gewann. 
Die ganze Controverse (vgl. über ihren jetzigen Stand H. Holtz- 
MANN JprTh 1886, S 107 f j, erwachsen aus der Macht eines Total- 
eindrucks, welcher mit der einfachsten Auslegung der Adresse in 
diametralem Widerspruche steht, ist vielleicht insofern unlösbar, 
als man es im ünterscliied von den bisher betrachteten Briefen dem 
vorHegenden anmerkt, dass Pls keine eigene Anschauung von der 
Gemeinde hat, an die er schreibt. Die Frage nach den statistischen 
Verhältnissen derselben würde er wohl selbst , als er den Brief 
schrieb, nicht zu lösen im Stande gewesen sein. Kommt es darauf 
an, darzuthun, dass er überhaupt in Eom etwas zu suchen hat, so 
zählt die im Mittelpunkt der Heidenwelt befindliche und genug 
imbeschnittenes Volk (darunter gewiss auch Proselyten) in sich ver- 
einigende Gemeinde ja gewiss zu den Heiden (1, 5. 6. 13 — 15) und 
wenigstens die Erwägungen 11, 13 — 32 sind geradezu direct und 
ausschhessHch auf geborene Heiden berechnet. Vergegenwärtigt er 
sich diejenigen Elemente, von deren religiöser Vorbildung (7, 1) und 
innerer Vorgeschichte (7, 4 — 6), Antipathien (3, 5—8. 11, 1. 11) 
und Sympathien (3, 1 — 4. 9. 9, 1 — 5. 10, 1. 2), von deren ganzer 
Art auf sein Evglm zu reagiren (6, 1. 15. 7, 1) er sich ein be- 
stimmtes Bild machen kann, die er darum auch sofort anredet (2, 1. 
17 — 27), so sind das Juden, deren theokratische Vorzüge durchweg 
anerkannt, deren sitthche und rehgiöse Bedenken schonend beseitigt, 
deren Missverständnisse oder Verdächtigungen zurückgewiesen werden. 

Von den Entstehungsverhältnissen abgesehen, sprechen im Briefe selbst 
für einen wesentlich heidenchristlichen Charakter der Gemeinde („einige wenige 
Judenchristen" gibt selbst Kneucker S 53 zu) folgende Data: 

1) Die Adresse zählt 1, 5. 6 die Leser in demselben Sinne zu „allen 
Heiden", wie Gen 12, 3. Ex 19, 5. Mch 4, 5. Jes 25, 6—8 navta xa s^vy) und 
Israel Gegensätze büden (so auch eÖ-vf] Rm 2, 14. 3, 29. 9, 24. 30. 11, 11. 12. 
26), und der weitere Fortgang stellt sie 1, 13 tot? \onzol(; e^veotv vollkommen 
gleich, so dass beidemal xa eO-vYj wie Gal 1, 16. 2, 8. 9 als Ort der spccifisch 
paulinischen Wirksamkeit erscheinen; auch die Motiviruug des Schreibens durch 
Verpflichtung gegen Griechen und Barbaren , gegen Gebildete und Unge- 
bildete 1, 14 weist auf die verschiedenen Schichten der heidnischen Welt 
(Einwand: einer aus Nationalrömern gesammelten Gemeinde hätte der Apostel, 
um sein Recht, sie anzureden, zu erweisen, nicht erst wiederholt klar zu 
machen gehabt, dass sie unter die Kategorie toc eD-vYj fallen). 2) Die Heiden, 
welche 11, 13 — 24 gewarnt werden, sich über die Juden zu erheben, müssen die 
tonangebende Majorität in der Gemeinde gebildet haben; in ihnen redet daher 
Pls 11, 25. 28. 30. 31 die ganze Gemeinde an (Einwand : vielmehr bedeutet 11, 



2ß2 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

13 üjilv 8e XeY"> '^olc, e^vsotv Adresse an einen besonderen Bruchtheil der Ge- 
meinde). 3) Die Starken, welche 14, 14 — 15, 7 ermahnt werden, nicht in 
eitler Selbstgefälligkeit die Schwachen zu verletzen uiid die Eintracht der Ge- 
meinde zu stören, sind 14, 2. 5 (wer uioTsaei cpaYsIv iravta und alle Tage für 
gleich heilig hält, ist kein gesetzespflichtiger Jude), deuthcher noch 15, 8—12 
Heiden, die sich über die jüdische Minorität wegsetzten (Einwand: der Gegen- 
satz 14, 1 f betrifft nicht Christen aus den Juden und solche aus den Heiden, 
sondern eine innerhalb der judenchristlichen Masse bestehende Sonderrichtung, 
welche der essäischen Ascese ergeben war). 4) Die Leser werden 6, 17. 18 als 
1^ l^vüiv ajxapxtoXoi (Gal 2, 15) gekennzeichnet und darum 6, 19. 12, 1. 2. 13, 
12 — 14 vor den Hauptsünden des Heidenthtims gewarnt (Einwand: 2, 1. 21—23. 
7, 5. 6). 5) Der Epilog 15, 14 -21 leitet Recht und Pflicht, an die Römer zu 
schreiben, abermals aus dem heidenapostolischen Beruf ab, wobei der Apostel 
seine 12, 1 — 15, 13 gegebene Sittenpredigt entschuldigen zu müssen glaubt; 
daher 15, 15 ToXfXTjpoxspov Se sYpa^^a 6jjiiv (Einwand: diese Entschuldigung gelte 
vielmehr seinem Auftreten als Sachwalter der Heidenmission und wenn er, was 
15, 16 über sein Thun als XsixoopYO? Xpiatoö et? xoc e^VYj gesagt war, 15, 17 — 21 
gegen den Verdacht leerer Prahlerei sicher stellt, so sieht er sich dabei gegen 
judenchristl. Verdächtigungen vor, gerade wie in den verwandten Stellen 2 Cor 
10, 12-18. 12, 11. 12). 

Für den wesentlich judenchristlichen Charakter der Gemeinde (Mangold 
S 212: „allerdings gab es auch heidenchristliche Elemente in Rom, wie aus 
15, 9 — 13 und 11, 13 f hervorgeht") sprechen folgende Data: 1) Stellen, da Pls 
sich und seine Leser in der 1. Person Plur. zusammenfasst, trotzdem dass er 
(anders 1 Cor 1, 1) nur in eigener Person schreibt: 3, 5 (?). 9 (TCpoeyojjLe^a). 4, 1 
(H A C D 'Aßpaccji- xöv TCpoirdxopa y]|XU)V xaxa aapxa). 12. 7, 5. 6 (vovl hh uaxirjpY'ri^rjp.sv 
äizb tob vofJLou). 9, 10 (Einwand: 4, 16 Traxvjp tcocvxcov 7|]ülü)V, d. h. aller Gläu- 
bigen; auch 4, 12. 9, 6 f. Gal 3, 7; vgl. auch 1 Cor 10, 1 ol iraxepe? 7]|j.ü)v). 2) Der 
Brief entwickelt nicht sowohl die paulinische Theologie überhaupt als vielmehr 
ihre das Judenthum überwältigenden, die gesetzlich befangene und beschränkte 
Bewusstseinsform überragenden Elemente, setzt sich daher in fortdauerndem 
dialektischem Kampfe mit den Einwänden und Instanzen des religiösen wie des 
sittlichen Bewusstseins geborener Juden auseinander (vgl. S 257), daher 3, 1 
xt OüV xö irsptooöv xoö 'louBaioo ; 6, 1 xt o5v £poö|JLEV; iTCtjJLevtofXsv x^ a|j.apxia tva 4j 
X^P^'i TtXgovao-jy ; 15 xi oov; dixapxYjawjJLsv oxi ohv. lo|JLev bizb vojjlov akXä ütcö x^'P^Vj 
7, 7 xt OüV spoö/xev; 6 wi^oq djiapxta; |X7] '^hoixo (Einwand: auch nach Galatien 
und Korinth, wo die Heidenchristen in der Mehrheit waren, richtete Pls antiju- 
daistische Polemik; Rom aber war mindestens bereits bedroht). 3) Mag 7, 1 
Ytvwoxoootv Y«? vojjiov XaXw anders deutbar sein, so hat es doch nur gegenüber 
geborenen Juden, welche die Lösung des Bandes mit dem Gesetz wie einen 
Act der Untreue empfanden, einen Sinn, wenn Pls seinen allgemeinen Satz 
7, 2. 3 mit der Analogie des jüdischen Ehegesetzes erläutert, 7, 4 — 6 sich selbst 
mit den Lesern in der gemeinsamen Erfahrung zusammenfasst, dass das Mit- 
gestorbensein mit Christus zugleich ein dem Gesetze Abgestorbensein umschliesse, 
und endlich den überwundenen Zustand als TcaXatoxT]? Ypa|J-|J'.axo(; (vgl. 2 Cor 3, 6) 
bezeichnet (Einwand: nach Gal 4, 9 steht die ganze vor- und ausserchristliche 
Menschheit unter dem Strafurtheil des Gesetzes, welches nach Rm 1, 32. 2, 12—16 
universale Bedeutung, wie die „Schrift" überhaupt, hat; die 7, 7 f geschilderten 
Erfahrungen macht das Gewissen des Menschen, nicht des Juden). 4) Der Trost 



Der Brief an die Römer. 3. Zweck. 263 

für Israel Rm 9 — 11 hat wenig Interesse für eine heidenchristliche Gremeinde-, 
die hier erledigten Bedenken konnten nur aus theokratischen Anschauungen 
fliessen (Einwand: gleichwohl werden gerade 11, 11 f die Leser ausdrücklich 
als geborene Heiden angeredet, wogegen 9, 1 f. 10, 1 f die Juden in 3. Person, 
wie wenn die Leser nichts mit ihnen gemein hätten, die Judenchristen vollends 
11, 5 als ein Xsljj.[j,a, ein Rest, eine IVIinorität auftreten). 5) Nur Rücksicht auf 
ein vorzugsweise judenchristliches Publicum erklärt die vorsichtige Abwehr jedes 
Gedankens an Feindschaft gegen sein Volk, verbunden mit Hervorhebung eigener 
Fähigkeit, die Vorzüge der jüdischen Geburt zu schätzen 3, 2. 9, 1- 5, wozu 
nicht blos die captivirenden Redewendungen des Epilogs (z. B. 15, 14 die Vor- 
aussetzung, dass die Leser auch ohne Pls schon mit der ganzen Erkenntniss 
erfüllt sind), sondern auch ganze Abschnitte, welche lediglich dem Nachweise 
des Einklanges alter und neuer Offenbarung gelten (3, 31 — 4, 25), die sichtlich 
höhere Taxirung des Gesetzes 7, 12. 14 im Vergleiche mit Gal 3, 19. 20. 4, 3. 
9 und andere Spuren davon kommen, dass Pls ein jüdisch-christliches Bewusst- 
sein auf dessen eigenem Boden zu überwinden sucht (Einwand: die Opposition 
welcher die antijudaistischen Pointen des Briefes gelten, war von aussen importirt). 
6) Die "Warnung 13, 1 — 7 scheint aus der jüdischen und judenchristlichen Ab- 
neigung gegen das vom theokratischen Standpunkte (Dtr 17, 15) aus illegitime 
und durch missliebige Erinnerungen (Census des Quirinius, Caligula, Judenver- 
treibung) verhasste Römerregiment zu erklären. In der That begreift sich eine 
grundsatzmässige Opposition am leichtesten auf der genannten Seite , während 
heidenchristliche Dokumente, Act voran, wenn sie überhaupt politische Gesichts- 
punkte vertreten, das Christenthum auf guten Fuss mit der Staatsmacht zu 
stellen suchen (Einwand: der Stelle ist höchstens präventive Tendenz zuzuschreiben-, 
ihre Nachklänge begegnen noch 1 Clem. ad Cor. 61 zu einer Zeit, da an dem 
heidenchristl. Charakter der Gemeinde kein Zweifel obwalten kann). 7) Aus- 
schHesslicher als irgend ein anderer Brief, Hbr ausgenommen, bewegt sich der 
unsrige in den Denkformen des jüdischen Geistes: von Anfang (1, 2. 3 Pro- 
phetenzeugniss und Davidssohnschaft) bis Schluss (16, 26 alttest. Schriften) auf 
Schritt und Tritt zahllose alttest. Beziehungen, Beweisgründe und Citate (Ein- 
wand: im apostolischen Zeitalter schloss sich jedwede christliche Erkenntniss 
an das AT an und erfuhr auf Grund desselben Vertiefung und Förderung). 

3. Zweck. 

An der Frage nach dem Leserkreis unseres Briefes hängt die Frage nach seinem 
Zweck. An diesem Problem sind schon die Theologen des patristischen Zeitalters 
nicht ganz vorbeigegangen. Der bedeutendste Versuch, dem Briefe durch Nachweis 
einer geschichtlichen Veranlassung die Eigenthümlichkeit eines für augenblickliche 
Bedürfnisse des ersten Leserkreises bestimmten Sendschreibens zu wahren, findet 
sich im Commentar des sog. Ambrosiaster. Freilich ist der Gedanke, es sei 
in der römischen Gemeinde eine jüdische Gesetzlichkeit aufgekommen, welcher 
Pls habe begegnen wollen, nic^its weiter als ein Schluss , der aus dem allge- 
meinen Eindrucke des Briefes gewonnen wurde und insofern auf einer Linie 
mit anderen Hypothesen steht, wie wenn nach Chrysostomus Manichäer, nach 
Theodoret Antinomisten bekämpft werden sollen. Nur schiessen diese letzteren 
Annahmen am Ziele vorbei, während die erstgenannte den Hauptpunkt trifft, 
dass nämlich die bekämpften Mängel mit dem Judaismus zusammenhängen. 
Victor von Capua zog sich auf die freilich mit Unrecht dem Hieronymus zuge- 



264 Besonderer Theil. Die ])aulinischen Briefe. 

schriebene Ansicht zurück, dass der Apostel durch seinen Brief der Eifersucht 
zwischen der judenchristlichen und der heidenchristlichen Fraction der römischen 
Gemeinde habe begegnen wollen. So dachte meist das Mittelalter. Erasmus 
setzte dafür einen prophylaktischen Zweck, als wehre Pls einer zu befürchtenden 
Ansteckung durch den Judaismus. Dagegen herrscht bei den Reformatoren die 
verallgemeinernde dogmatische Auffassung des Römerbriefes vor, und wurde ihm 
das Gepräge eines unter gewissen geschichtlichen Voraussetzungen an einen 
local abgegrenzten Leserkreis zur Erreichung eines bestimmten Zweckes gerich- 
teten Sendschreibens so sehr abgestreift, dass er geradezu das biblische Grund- 
buch der evangelischen Kirche, der Leitfaden wurde, nach welchem Melanchthon 
sein dogmatisches Compendium schrieb. Luther nannte ihn ai)solutissima 
epitome evangelii. Diese ältere, die geschichtlichen Bedingungen für die Aus- 
legung des Briefes übersehende, Anschauungsweise herrschte lange, und speciell 
in Nachfolge der reformatorischen Exegese haben die meisten früheren Aus- 
leger jeden polemischen Zweck abgelehnt. Möglichst allgemein geben aber 
den Zweck des Briefes auch fast alle neueren Theologen, und zwar selbst 
solche an, welche die speciellen Entstehungsverhältnisse der Epistel richtig 
beurtheilen. 

Zur Veranschaulichung dieser mehr oder weniger doctrinären Auffassung von 
Rm möge folgende Musterkarte von Ausdrücken dienen. Reiche : Betrachtungen 
über die Nothwendigkeit und Herrlichkeit der Heilsanstalt ; Köllner : Document, 
wie Pls das Evglm überhaupt predigte-, Glöckler: Erhabenheit des Christen- 
thums über das Heidenthum und Judenthum; Fritzsche: Dogmatische und 
ethische Grundzüge des Christenthums ; Bleek: eine fast rein objectiv gehaltene 
Auseinandersetzung des Wesens des Evglms ; Baumöarten-Crusius : die Gemein- 
samkeit der Juden und Heiden in der christlichen Kirche; Wieseler: eine 
meistens objectiv gehaltene und darum für jede aus Juden- und Heidenchristen 
zusammengesetzte Gemeinde, in welcher im Allgemeinen gesundes Glaubensleben 
herrschte, passende Darstellung; Reüss: Grundlegung der paulinischen Glaubens- 
lehre; Olshausen: die wesentlichen Momente der paulinischen Dogmatik in rein 
gegenständlicher Haltung ; de Wette : der einzige Brief, in dem Pls seine Lehre 
im Zusammenhang vorträgt; Meyer: ein vollständiges, bleibendes Denkmal 
seines Evglms, aufgestellt im Angesicht der Welthauptstadt und mit denjenigen 
speciellen Bezügen, wie er sie in Rom jetzt, im Falle seiner Anwesenheit, münd- 
lich gepredigt haben würde; Beyschlag: planmässige Darlegung der paulinischen 
Heilspredigt; Schenkel: zusammenhängende Darstellung von dem Grunde und 
Zwecke seiner Heilsbotschaft ; Hausrath : der wesentliche Inhalt seiner sonstigen 
mündlichen Predigt; Hilgenfeld: eine vollständige Darlegung des Evglms, 
welches Pls unter den Heiden predigt; Lipsius: sein Evglm in ausführlicher 
Darlegung ; Pfleiderer : eine aus dem Wesen des Evangeliums selbst geschöpfte, 
sachlich objective Entwicklung seiner Wahrheit; Lorenz: das erste Lehrbuch, 
welches in zusammenhängender Gedankenentwicklung die hervorragendsten 
christlichen Lehrpunkte bespricht; Godet: dogmatischer und moralischer Kate- 
chismus; Beck: des Apostels Gesammtanschauung von der Offenbarung. Classisch 
ist Volkmar: S Vni „ein System" und S IX, 107, 136 „ein Lehrbuch". Die 
Auffassung des Briefes als eines Inbegriffs christl. Lehre oder paulinischer Dog- 
matik ist übrigens unter den Neuem besonders von Tholuck (1—4. Afl) ver- 
treten, an welchen sich mehr oder weniger auch Benecke, Hüther, Dietzsoh, 
Delitzsch, Oltramare, Renan und viele der schon oben Genannten anschliessen. 



Der Brief an die Römer. 3. Zweck. 265 

Demgemäss findet noch Weiss (bei Meyer 7. Afl S 35) die Veranlas- 
sung zu den Ausfiilirungen des Apostels, „nicht sowohl in Bedür&issen der 
römischen Gemeinde, als vielmehr in einem Bedürfuiss des Apostels selbst", 
welcher der Nöthigung gefolgt sei, den geistigen Ertrag der unmittelbaren Ver- 
gangenheit sich selbst zum Bewusstsein zu bringen und durch eine schriftstel- 
lerische Darstellung zu fixiren. Wie er gewohnt war, thut er dies nicht in einem 
Buche, sondern in einem Briefe, welchem aber nicht eine durch die Verhält- 
nisse der Gemeinde hervorgerufene Nöthigung, sondern die Art, wie seine ganze 
Anschauung sich in den letzten Jahren des Kampfes entwickelt hatte, eine bald 
polemische, bald apologetisch klingende Form verleiht. Dabei wird meist vor- 
ausgesetzt, dass die Gemeinde schon mehr oder minder paulinisch gesinnt war, 
als Pls an sie schrieb (so Neander, Olshausen, de Wette, Hofmann, Beck, 
RücKERT, RiGGENBACH, Weiss). Das Zugeständniss, womit zuletzt schon Tholuck 
(5. Asg, S 5 f) der anderen Auffassung entgegenkam, Pls habe es nebenbei auch 
mit vorhandenen oder drohenden Irrungen seitens der Judaisten zu thun, erhielt 
sich in der Form der Annahme eines prophylaktischen Zweckes (so Meyer, 
Wieseler, Philippi, aber auch Credner, Jatho, Th. Schott, Beyschlag). 

Im Grunde verzichtet man bei einer solchen Totalanschauung auf ein wirk- 
lich geschichtliches Verständniss des Briefes. Denn aus reiner Freude an der 
Kunst der Selbstdarstellung hat im apostolischen Zeitalter Niemand zur Feder 
gegriffen (vgl. oben S 95 f). Wenn die Polemik in Rm eine weniger persön- 
liche Färbung trägt, als in Gal und Cor, so liegt dafür der Grund auf der Hand: 
Pls schreibt diesmal an eine ihm noch unbekannte Gemeinde, ist weder über die 
Neigungen der letzteren, noch über die Erfolge seiner Gegner genau unter- 
richtet; sein Verfahren kann nur überwiegend sachlich gerichtet sein. Dieser 
Erwägung verdankt die Auffassung der Kirchenväter ihre zeitgemasse Erneue- 
rung: es sollte dem Briefe so wenig wie den übrigen ein praktisches Motiv in 
U^r AVirklichkeit des Lebens abgehen. Man suchte dasselbe nunmehr bald in 
( iuer bestimmten Situation seines Verfassers, bald in concreten Bedürfnissen 
seines Leserkreises. Der letztere Gesichtspunkt fand zuerst Anerkennung, indem 
im Briefe eine Streitschrift wider das Judenthum (Eichhorn, Schwegler) oder 
lieber ein Versuch gefunden wurde, die Eintracht zwischen den römischen 
Judenchristen und Heidenchristen herzustellen (HuG, Bertholdt, A. H. Schott, 
Hemsen, Klee, Bretschneider, Flatt, Bleek). Polemik wider den christlichen 
Judaismus anzunehmen, lud schon die Stelle 16, 17 — 20 ein. So zuerst Schmid, 
De Paulinae ad Romanos epistulae consilio atque argumento quaestiones 1830; 
dann Grau. Mehr noch reizte der Abschnitt 9 — 11 (so zuerst Rückert 1831). 
In erfolgreicher Weise hat hier Baur eingegriffen (1836, vgl. oben S 187). Der 
bei den übrigen Briefen bewährten Methode folgend, construirte er einen dem 
Inhalte des Briefes entsprechenden Zustand der Gemeinde, und fand, dieselbe 
müsse stark vom Judaismus inficirt gewesen sein, daher die 9 — 11 bezeugte 
Beunruhigung der Judenchristen über das rasche Zunehmen des heidenchrist- 
lichen Elementes in der Kirche ; es habe sich nämlich der Gegensatz des Juden- 
christenthums gegen das Heidenchristenthum in Rom dahin zugespitzt, dass man 
nicht mehr über die Form, unter welcher die Heiden Antheil am Reiche Gottes 
nehmen sollten, gestritten habe, sondern darüber, ob die Zulassung der Heiden 
zum Gottesreiche überhaupt zu billigen und nicht als Verkürzung der Anrechte 
Israels, als Beeinträchtigung des Primates, welcher dem auserwähltcn Volke 
gebühre, zu verurtheilen sei. Rechtfertigung des paulinischen Evglms gegenüber 



266 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

judaistischen Bedenken hiess jetzt der Zweck des Briefes auch bei Kling (StKr 
1837, S 320 f), Krehl, Lutterbeck, Thiersch, van Hengel, auch bei C. W. Otto, 
welcher die Veranlassung des Briefes in einem Conflikt zwischen der paulinischen 
(gemeinde und dem judenchristlichen Conventikel des Aquila sucht (S 16 f). Gegen 
die Tübinger Auffassung machte Theodor Schott geltend, dass nicht blos die 
inneren Verhältnisse einer Gemeinde den Apostel zum Briefschreiben bestimmen 
konnten, sondern eben so gut auch seine persönliche Lage und das Verhältniss 
der römischen Gemeinde zur ganzen Christenheit überhaupt (Der Römerbrief, 
seinem Endzweck und Gedankengange nach ausgelegt 1858). In theilweisem 
Anschlüsse an ihn hat dann W. Mangold (1866 und 1884) die Wahrheit der 
Tübinger Aufstellung anerkannt, ihre Uebertreibungen beseitigt. Er geht von 
der Annahme aus, dass Pls es mit gegenwärtigen Bedenklichkeiten der Gemeinde 
zu thun hat, sofern der Heidenmission und ihrem apostolischen Träger innerhalb 
der römischen Gemeinde, die er gewinnen will, ein doppelter Anstoss entgegentrat: 
man beanstandete vom Standpunkte der jüdischen Vergangenheit aus seine 
Lehre, insofern sie den Glauben an Christus zur einzigen Bedingung des Heils 
machte, und man beanstandete seine Praxis, die ohne die Bekehrung Israels als 
Volk abzuwarten, sofort zur Gründung einer gesetzesfreien Kirche aus den 
Heiden schritt; daher der Doppeinachweis, dass an die Stelle des Gesetzes das 
Evangelium und dass an die Stelle der Juden die Heiden treten werden. Wie 
die Letztgenannten legt auch Ewald (Sendschreiben des Pls S 315 f) grossen 
Werth auf die brieflichen Notizen 1, 1 — 15. 15, 14 — 33. Allerdings ist in den- 
selben ein Wendepunkt im apostolischen Berufsleben angedeutet, in welchem 
Ortloph den völlig zureichenden Erklärungsgrund für Abfassung des Römer- 
briefes erkennt (S 27). Der Apostel will seinen orientalischen Wirkungskreis 
mit dem occidentalischen vertauschen und sieht sich zu diesem Behufe nach 
einem zu erwählenden Mittelpunkte um. Darum setzt er den Römern ausein- 
ander, wie auch sie zu seinem Missionsgebiete gehören, wie er aber bisher un- 
möglich habe zu ihnen kommen können ; jetzt sei dies jedoch unumgängHch nöthig, 
da er von Jerusalem bis Hlyrien hin eine ausreichende Anzahl von Gemeinden 
gestiftet hat und seine Aufgabe im Orient als gelöst ansehen darf. Sowohl Th. 
Schott wie Ortloph gehören der Schule Hofmann's an, welcher den Brief aus 
der von Pls empfundenen Nöthigung erklärt, die das Centrum der Heidenwelt 
bildende Gemeinde wissen zu lassen, wie er zu ihr stehe. Auf entgegengesetzter 
Seite sieht Volkmar (1875) in diesem „Streit- und Friedensschreiben" den Ver- 
such gemacht, eine judaistisch beschränkte Mehrheit sowohl mit dem Inhalt als 
mit dem Erfolg der paulinischen Heilsbotschaft auszusöhnen und eben damit 
auch den Frieden zwischen ihr und der paulinischen Minderheit herzustellen. 
In ähnlicher Weise conciliatorisch fassen bei Anerkennung der antijudaistischen 
Apologetik auch Sabatier, Hilgenfeld, 0. PFLEroERER und namentlich Holsten 
Sinn und Zweck des Briefes; Letzterer, indem er zugleich auf das Doppelziel 
der beiden Metropolen des Judenchristenthums hinweist , auf welches der Blick 
des Apostels von Korinth aus gleichzeitig gerichtet sein musste, wenn er die 
judenchristlichen Gegner zu entwaffnen das Bedürfniss fühlte. Ruhelos drängt 
der eigene Trieb den Apostel nach Westen (1, 10. 13—15), wälu-end die Feind- 
seligkeit des Judenchristenthums, die vorher beschworen sein will, nach Osten 
ruft (ZwTh 1872, S 446 f; JprTh 1876, S 83 f. 1879, S 713 f)- Mit ihm 
harmonirt in allem Wesentlichen Lipsius (Protestanten-Bibel 1872, S 476 f), indem 
er die Aufgabe des Briefes wesentlich darein setzt, die Ankunft des Apostels 



Der Brief an die Römer. 3. Zweck. 267 

in Rom vorzubereiten (S 482, ähnlich H. Schultz JdTh 1876, 127. Schenkel, 
Christusbild S 263. Langen S 36. Gräfe S 50 f). Der Apostel beweist nach 
Weizsäcker der Gemeinde zuerst, dass er ein Recht auf sie habe und ihr 
auch bisher keineswegs etwa aus Feigheit ferne geblieben sei, um sodann zur 
AViderlegimg der beiden Verdächtigungen überzugehen, mittelst welcher die 
Judaisten ihm den Weg nach Rom abzuschneiden versuchten, als thue nämlich 
seine Gnadenlehre der Sünde Vorschub und verunehre zugleich das Gesetz, 
indem sie dasselbe als sündenmehrende Potenz auffasse. Eine noch dringhchere 
Veranlassung zu der ganzen apologetischen Auffassung enthüllt sich da, wo Pls 
9, 1 f mit beweglichen Worten dem Vorwurfe begegnet, dass er ein Abtrün- 
niger sei, dessen Lehre darauf ziele, die eigenen Volksgenossen um ihre Ver- 
heissungen zu bringen. Hiernach wäre der Brief gegen einen Judaismus ge- 
richtet, welcher in Rom bereits von aussen eingedrungen war und sich ebenso 
sehr, wie Paulus, um den Besitz einer bisher neutralen Gemeinde bemühte (Ap. 
Zeitalter S 440 f). Dieselbe Grundansicht ist vertreten von Grau, Neübaür 
Gräfe und Pfleiderer, welcher den im Briefe bekämpften Geist des Judaismus 
in die IVIinderheit der Gemeinde verlegt. Aehnlich stehen auch Beyschlag, 
demzufolge der Apostel das milde Judenchristenthum der römischen Proselyten 
zur vollen Höhe des eigenen Standpunktes emporheben will (StKr 1867, S 656 f, 
660), und diejenigen Theologen, denen zu Folge der Brief einer Gemeinde, welche 
bezüglich der in Griechenland und Kleinasien schwebenden Fragen noch unent- 
schieden, unklar oder neutral war (Sabatier, Seyerlen, Lorenz), dazu verhelfen 
will, die wünschenswerthe Stellung zu nehmen (Hausrath), indem er dem auch 
dieser Gemeinde bedrohenden altjüdischen Vorurtheil wider die Zulässigkeit 
der Heiden unter andern Bedingungen als denen des vorgängigen Einverständ- 
nisses mit der theokratischen Gesetzesautorität entgegentritt (Schenkel BL V, 
S 109; Christusbild S 79). Mehr oder minder kommt in allen diesen Hypothesen 
endlich noch der andere Gesichtspunkt zur Geltung, wonach dem Apostel es 
bei Erlass des Schreibens vornemlich um einen Stützpunkt für seine Mission 
im Abendland zu thun war (Th. Schott, Mangold, Krenkel, Reüss, Riggenbach, 
Beyschlag, Gräfe). 

Als feststehende Ergebnisse dürften folgende zu betrachten 
sein ^) : 

1) Der Brief erklärt sich zunächst daraus, dass die äussere Lage 
seines Verfassers dazu angethan war, seine Aufmerksamkeit auf die 
römische Gemeinde zu lenken. Derjenige Apostel, welcher, im 
Unterschied von den Zwölfen, die Fahne der Heidenmission auf- 
gepflanzt hatte und seine Aufgabe darin fand, die neue Heilslehre 
vorweg auf allen Brennpunkten des Völkerverkehrs einheimisch zu 
machen, musste früher oder später den Mittelpunkt der christl. 
Geographie und die Stätte, da die Schicksale des Christenthums 



^) Wären dieselben in sich so bodenlos und dem wirklichen Gehalt des 
Briefes so wenig entsprechend, wie Pierson und Naber zu zeigen versuchen 
(S 287 f), 80 würde daraus gleichwohl nicht folgen, dass die bisher geübte 
Methode mühsamer Forschung zu verlassen und mit einem Sprung in's Dunkle 
zu vertauschen wäre. 



268 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

sich entscheiden sollten, in Rom finden. Nach 1, 10 ist er dess- 
halb schon längst darauf gespannt, diese Stadt zu erreichen und 
die dortige Gemeinde sich zu verbinden. In dem unserem Briefe 
zunächst vorangehenden Sendschreiben überfliegen seine Gedanken 
bereits das in Korinth winkende nächste Ziel seiner Wirksamkeit 
(2 Cor 10, 15. 16; vgl. Rm 15, 24. 28). Nur ein Meer trennte 
ihn in Korinth von der AYelthauptstadt, dem längst in Sicht genom- 
menen Anhaltspunkt für sein ferneres Wirken (Act 19, 21). Vor 
sich her schickt er, den Römern „ein Unbekannter, und doch be- 
kannt" (2 Cor 6, 9), als Zeichen seiner Theilnahme und Liebe 
(1, 11) diesen Brief, welcher ebenso seinem Verfasser brüderHche 
Aufnahme in Rom verschaffen sollte, wie 2 Cor ihm Raum in 
Korinth bereitet katte. Die Römer sollen, so lange sie ihn persön- 
Hch nicht in ihrer Mitte haben, wenigstens wissen, wie nahe sie 
seinem Herzen stehen und dass er keineswegs Scheu hegt, sein 
Evglm auch ihnen zu verkündigen (1, 16); sie sollen auch wissen, 
von welcher Art dieses Evglm ist und was sie von ihm zu erwarten 
haben. 

2) Um die Zeit der Korintherbriefe war aber zugleich auch 
eine innere Krisis in der Laufbahn des Apostels eingetreten. Die 
zuvor gemachten Erfahrungen waren an ihm nicht ohne tiefe Spuren 
zu hinterlassen vorübergegangen. Sollte das Christenthum sich nicht 
im inneren Kampfe zerreiben, so musste die eingetretene Spannung 
beseitigt und der Hass des Judenchristenthums beschworen werden. 
Eben darum geht er nicht direct nach Rom, sondern lässt sich vor- 
läufig durch den Brief vertreten, um persönlich sich noch einmal 
nach Jerusalem zu begeben und mit der Friedensgabe der Collecte 
seine Wirksamkeit im Orient abzuschliessen (15, 25. 30 — 32). Dem 
bedeutsamen Wendepunkt der apostolischen Laufbahn, auf welchem 
es Entstehung gefunden, entspricht ganz der milde und ausgleichende 
Charakter des Sendschreibens. Paulus kommt hier dem Juden- 
christenthum nicht blos sonst überall bis an die Grenzen des Mög- 
lichen entgegen (1, 8 f. 16. 2, 1 f. 9. 10. 3, 2. 9, 1 f. 4. 5. 11, 16f. 
15, 14 f. 22. 33), sondern lässt auch 14, 1 f. den absonderhchen Vor- 
schriften essäischer oder essäerartiger Asceten eine Schonung zu 
Theil werden, welche ein noch grösseres Maass von Duldung für ein- 
fach gesetzespflichtige, den mosaischen Speiseverboten naclilebendeii 
Juden zur selbstverständlichen Voraussetzung hat. Der alte Streit, 
welcher den christhchen Orient aufgewühlt hatte, sollte, wo immer 
möglich, dem Abendlande fern gehalten werden. 

3) Eben darum ist der Brief doch aucli irgend wie durch das 



Der Brief an die Römer. 4. Inte^tät des Briefes. 269 

Bild bedingt, welches der Apostel sich von dem Zustande und den 
Bedürfnissen der Gemeinde entworfen hatte, an welche er schreibt. 
Sie war ihm bisher nur in einzelnen, nach dem Osten versprengten, 
Mitghedern bekannt geworden (16, 3. 4 == Act 18, 1 — 3). Aber 
bei dem regen Verkehr der syrischen und kleinasiatischen Juden- 
schaft mit dem Mittelpunkte des Reiches mochten leicht die in 
Galatien und Achaia ausgebrochenen Kämpfe auch in Rom Fort- 
setzung finden. Der Apostel will dieser entweder schon eingetretenen 
(3, 8 '/aO-w? ßXaa(pYj{JLo6[i£^a zal za^ox; ^paaiv tivs? ^ä«; Xs^etv) oder 
mit höchster WahrscheinHchkeit zu befürchtenden Gefahr wehren; 
er kann und darf bei der Unsicherheit über das, was ihm in Jeru- 
salem begegnen wird (15, 30. 31), nicht warten, bis er selbst per- 
sönlich in Rom auftreten wird. Noch ist das Gebiet frei; morgen 
kann es occupirt sein. Allermindestens muss er in Rom die näm- 
Hchen Hindernisse für sein in Aussicht genommenes Wirken voraus- 
setzen, welche der Judaismus aller Orten gegen die Gnadenlehre 
geltend machte, weil jedem geborenen Juden starke Voreingenommen- 
heit gegen eine Lehre, welche dem Ansehen des Gesetzes zu nahe 
zu treten schien, auf der einen, gegen Erfolge, welche der nationalen 
Prärogative Israels Abbruch zu thun schienen, auf der anderen 
Seite im Blute lag. Während daher der Brief in einzelnen Partien 
durch die in einer gemischten Gemeinde drohende Uneinigkeit über- 
haupt, speciell durch die hochmüthige Ueberhebung der Mehrheit 
über die ascetischen Liebhabereien einer Minderheit motivirt ist, will 
er im Grossen und Ganzen die Gemeinde gegen judaistische Occu- 
pationsgelüste sichern und positiv soweit fördern, um erwarten zu 
dürfen, sie werde bei seiner Ankunft in Rom bereitwiUig auf seine 
Pläne eingehen oder ihn doch wenigstens friedlich gewähren lassen 

;i, 12). 

4. Integrität des Briefes*). 
Nachdem schon Semler von einem doppelten Anhang zum 
lömerbrief (Paraphrasis epist. ad Rom 1769), Paulus von Neben- 
)riefen an die Aufgeklärten und Vorsteher (De originibus cpistolae 
'ad Rom. 1801), Gkiesbacii, Flatt und Eichhorn von Beigaben 
zur weiteren Ausführung des zuletzt behandelten Gegenstandes ge- 
sprochen und theilweise auch die Frage angeregt hatten, ob insonder- 
heit Kap. 16 als ein nach Rom gerichtetes Stück zu begreifen sei, 
erkannte in letzterem zuerst David Schulz das Fragment eines 



*) Vollständige Literatur bei Lucht, Ucbcr die beiden letzten Kapitel des 
Römerbriefes 1871, S 2 f. Mangold 1884, S 1 f. 



270 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe, 

Epheserbriefes (StKr 1829, S 609 f) — eine Ansicht, welche bis 
auf die neueste Zeit sich des grössten Beifalles erfreut. Nur über 
den Umfang dieses Epheserfragments ist niäii noch nicht in's E-eine 
gekommen, sofern dasselbe sich bald auf 1 — 20 (Eichhorn, D. Schulz, 
ReüsS; "Weiss und Renan), bald auf 1 — 23 (Weizsäcker), bald auf 
3 — 20 (Ewald, Mangold, Ritschl, Heinrici, van Rhijn), bald 
auf 1 — 15 (Laurent, Hitzig), bald auf 1 — 6. 17 — 20 (Lucht, 
LiPSius), bald auf 1—16. 21—23 (Holsten), bald auf 1-16 
(Krenkel), bald auf 3 — 16 (Kneucker) erstrecken sollte. Ja sogar 
auf Kap. 9—11 (Weisse, Beiträge zur Kritik der paul. Briefe 1867, 
S 46 f) oder auf Kap. 12—14 (Straatman ThT 1868, S24f, 55 f. 
H. Schultz JdTh 1876, S 104 f) wollte man die Ephesus-Hypothese 
ausdehnen, wogegen Rovers (ThT 1868, S 310 f). Kremer (ebend. 
1869, S 26 f) und Mangold (S 21 f) aufgetreten sind, während 
Renan eine mehrfache Ausstellung des ganzen Briefes durch Pls 
selbst annimmt, so dass nach Rom blos die 11, nach anderen Ge- 
meinden die 14 ersten Kapitel bestimmt gewesen wären, nach 
Ephesus insonderheit mit dem Zusätze 16, 1 — 20 (St. Paul 1869, 
S LXVf, LXXIIf, 461 f). Ebenso Sabatier (S 184), während 
Schenkel in Kap. 16 ein ostensibles Empfehlungsschreiben der 
Phöbe sieht, bestimmt für die verschiedenen, auf der Reise berühr- 
ten Gemeinden, also zunächst für Ephesus, zuletzt auch für Rom 
(BL y, S 114 f). Baur, Schwegler, Zeller ihrerseits hielten 
beide Schlusskapitel für einen ausgleichenden , dem Judenchristen- 
thum entgegenkommenden Nachtrag aus dem 2. Jahrh. Nachdem 
Straatman sich die Tübinger Bedenken angeeignet, jedoch Stellen 
wie 15, 8. 15. 16. 23. 25 — 29 für pauhnisches, vom Redactor über- 
arbeitetes Material erklärt hatte, hat sich seit 1871 Lucht, der 
scharfsinnigste Vertreter der Interpolationshypothese, das Verdienst 
einer eingehenden und erschöpfenden Darstellung des gesammten, 
der Beurtheilung sich darbietenden Materials erworben, lieber ilm 
hinaus sind Volkmar und Schölten gegangen, jener, indem er 
Alles, ausser 15, 33 — 16, 2. 21 — 24 für theils in Rom, theils im 
Orient hinzugedichtet nimmt (ThJ 1856, S 321 f-, Römerbrief S 55 f, 
69 f, 129 f), dieser, indem er den echten Schluss auf 16, 1. 2. 
21—24 reducirt (ThT 1876, S 1 f.). Holsten endlich hält den ur- 
sprünglichen Schluss geradezu für verloren (Lit. Centralblatt 1875, 
S 763; PrK 1885, S 195 f). 

Folgendes sind die Hauptpunkte, darum die Debatte sich bewegt, in 
welcher nicht blos Advokaten der Ueberlieferung, sondern auch Hilgenfkli», 
Schenkel, PpLErDERER, "Weizsäckkr, H. Schultz, Seyerlen, Reuss, Meykh, 



1 



Der Briet an die Römer. 4. Integrität des Briefes. 271 

''eiss und Mangold als Vertheidiger der Echtheit aufgetreten sind (vgl. die 
Lcten des Streites bei H. Holtzmann ZwTh 1874, S 504 f). 

1) Während die 14 ersten Kapitel ein wohlgeordnetes, in klare Gruppen 
ich auseinanderlegendes Ganzes bilden, beginnt der Strom der Rede von 15, 

etwas zu versanden und endlich in verschiedenen Bächen dem Meere sich zu 

lem. Der Brief ist fertig und gewinnt doch kein Ende. Der vierfache Schluss 

33. 16, 20. 24. 27 fällt auf, zumal in der Verbindung mit der textkritisch 

lurchaus unsicheren Stellung der Doxologie 16, 25 — 27 und dem, zwischen die 

Griisse gewaltsam hereingezwängten, polemischen Abschnitt 16, 17 — 20. 

2) Nach des Origenes Commentar zu Rm 16, 25 — 27 (T. X, 43) schnitt 
Marcion den Brief mit 14, 23 ab (dissecuit) und nach Tertullian (Marc. 5, 14) 
las er die Stelle 14, 10 in clausula. Möglicher Weise missfielen ihm Stellen 
wie 15, 4. 8. 9. 21. 27. Anders läge die Sache, wenn es nicht zufällig wäre, 
dass Irenäus, welcher den Brief in seinen übrigen Theilen häufig citirt, gerade 
die beiden Schlusskapitel ignorirt, und wenn sich nachweisen Hesse, dass die 
abendländische Kirche sie noch im 3. Jahrh. nicht gelesen hat. Doch scheint 
schon Tertullian sie zu kennen (Mangold S 36 f), und Can. Mur. mit seiner 
viel umstrittenen Behauptung, dass Lucas semote passionem Petri et pro- 
fectionem Pauli ab urbe ad Spaniam behandle, auf Rm 15, 24 hinzudeuten, wo 
dieselbe ungewöhnliche Form für Hispania oder 'Ißvjpia steht. Ausdrücklich 
citirt finden sich Stellen aus beiden Kapiteln erst bei Clemens von Alexandria. 

3) Der Abschnitt 15, 1 — 13 soll zwar das Thema von den Starken imd 
Schwachen fortsetzen, operirt aber mit neuen Ausdrücken (ocaO-evqji.axa = im- 
becilKtates, BovaTot und &S6vaxoi «= firmiores und infirmiores) und scheint jenem 
speciellen Gegensatz von 5, deutlicher noch von 8 ab den allgemeineren von 
Judenchristen und Heidenchristen zu substituiren (eine Schwierigkeit, die für 
diejenigen nicht existirt, welche auch schon Kap. 14 nur Heidenchristen und 
Judcncliristen, sei es auch essenerartige, sich entgegentretend finden). Dabei 

. fallt 4 die Belehrung über den Nutzen des AT aus dem Zusammenhang heraus 
(Mangold: „Abschweifung"), und die Aufforderung zur hoffenden Geduld in 
Leiden, von welchen weder vorher, noch nachher die Rede war, ist lediglich 
durch das Schriftcitat und eine Reminiscenz aus 3 veranlasst. In den Zusammen- 
hang von 1 und 2 wird dann 5 mit der lexikalischen Verbindung 6 d-tbc, x-yj? 
6t:o[xovyj? %al tyj? 7:apaxX*f]a£u>(; zurückgelenkt, wie auch d-sbq xriq BXTtioo(; 13 nur 
formal -an die Schlussworte des vorangehenden Citats anschliesst. Mindestens 
beginnt hier die bisherige Geschlossenheit des Gedankenfortschrittes sich zu 

I ackern, wenn auch die Citate 9 — 12 durch ihre gemeinsame Beziehung auf 7 
l? So^av Toö ^£0ü mehr Halt gewinnen. 
4) Manches macht den Eindruck des Entgegenkommens gegen juden- 
hristliche Prätensionen. Christus heisst 15, 8 Stdxovo? TCepixo|X'y](; und scheint 
zunächst nur um der Juden willen gekommen. Diesen allein gelten hier (anders 12) 
auch die Verheissungen. In demselben Zusammenhang ist es gedacht, wenn Pls 
19 seine Mission von Jerusalem aus aufiiimmt, wenn 27 die Gemeinde von Jeru- 
salem als Lehrerin der Heiden und wenn 29 die Herstellung eines brüderlichen Ver- 
hältnisses zwischen Juden- imd Heidenchristen durch die CoUecte als irX*rjpoi}Aa 
eiXo^ta? erscheint. Freilich könnten derartige Erscheinungen weniger befremden, 
wenn der Brief an eine wesentlich judenchristl. Gemeinde in conciliatorischer 
Tendenz gerichtet wäre. Auch 1 Cor 9, 11. 16, 1 f. 2 Cor 9, 12 f. Gal 2, 10 
sind die Heidenchristen den Heiligen in Jerusalem verschuldet, und dass die 



272 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

Juden wegen der Väter Grottgeliebte seien, sagt Pls auch Rm 11, 28; ja in Stellen 
wie 11, 13 f. 17 f. 28 f wird der Heidenmission sogar selbstständige Bedeutung 
abgesprochen, sie wird zum Mittel zur Erreichung., des eigentlichen Zweckes, 
der Bekehrung Israels. Nimmt man hierzu das 1, 16. 2, 9. 10. 3, 2. 9, 1 — 5. 
10, 1 bezeugte heilige Interesse des Apostels für sein Volk, so wird man den 
Abschnitt von dieser Seite her verständlicher finden. 

5) Im ganzen Abschnitte 15, 14 — 28 scheint 2 Cor 10, 12 — 18 nachzu- 
kUngen. Auch die Berufung auf die vollbrachten Wunder und Zeichen Rm 

15, 19 hat in 2 Cor 12, 12, der Grundsatz Rm 15, 20 jjiy] stc' ^cXXoxpiov ■O-sjxeXtov 
oixo8ojJ.(Ju in 2 Cor 10, 15 (ohv. tlc, zä ajULexpa icau/a)jj,s:voi iv äWaxpioic, v.6v:oi(;). 
16 (ohv. Iv aXXoTpiü) xavovi) auffällige Seitenstücke. Dasselbe Parallelitäts Verhältnis s 
lässt sich sogar noch weiter verfolgen (15, 24. 28 = 1 Cor 16, 6, 7 und 2 Cor 
10, 16. Rm 15, 25 = 2 Cor 9, 1. Rm 15, 27 = 1 Cor 9, 11. 2 Cor 8, 14. Rm 

16, 16 = 1 Cor 16, 19. 20. 2 Cor 13, 12), und man müsste sich zuletzt con- 
sequenter Weise auch an Rm 14, 13. 15. 21 = 1 Cor 8, 9 f. stossen. Für 
gewisse, häufiger sich einstellende Aufgaben scheint sich Pls stereotype An- 
schauungen, Behandlungsmittel und Ausdrucksweisen gebildet zu haben. 

6) Die persönlichen Notizen 1,8—15 werden 15, 14 -24 (beziehungsweise 
29) nicht blos reproducirt, sondern auch durchweg modificirt. Bezieht sich 
1, 8 der Dank des Pls darauf, dass die Leser überhaupt Christen sind, was den 
Apostel 1, 11. 13 nicht abhält, ihnen tiefere Erkenntniss des Evglms mitzu- 
theilen, so ist die Gemeinde dagegen nach 15, 14 auch ohne sein Zuthun voll 
aller Trefflichkeit und Erkenntniss, so dass der Brief fast überflüssig erscheint. 
Daher 15 die Entschuldigung, dass er TöX|jLY)p6x£pov geschrieben habe; aber er 
beabsichtigt ja auch nur wieder in Erinnerung zu bringen (ax; STcavafxtfjLVTjaxwv), 
was sie längst schon wissen, also nichts Neues zu sagen. Warum Letzteres 
ihm nicht zusteht, erfahren wir, wenn als Grund des 1, 13 blos durch Hindernisse 
entschuldigten Fernbleibens 15, 20 — 22 die Reflexion geltend gemacht wird, 
dass Rom eigentlich ein dem Pls fremdes Gebiet sei. Während daher nach 
1, 10 Rom das eigentliche Missionsziel ist, wo er das Evglm predigen will (1, 15), 
erscheint 15, 24, 28 als Ziel vielmehr Spanien, das noch unberührte, ofiene 
Gebiet, und wird Rom nur als Durchgangspunkt, der römische Besuch gleichsam 
nur als Höflichkeitsakt, eine römische Wirksamkeit aber als nicht beabsichtigt 
hingestellt. Das dieser Tendenz entgegenstehende eitiTCoO-u) yap 't^s^v üjxä? 1, 11 
erscheint somit 15, 23 neben lirqv.ixi totcov tyjiov Iv xot? TcXijiaatv zooxoiq nur als 
Hülfsconstruction, mittelst welcher sich der Apostel gegen den Vorwurf, den 
15, 20 aufgestellten Grundsatz verletzt zu haben, decken will. Doch erträgt 
letztere Stelle, wenigstens wenn man statt mit B D F G P cptXoTtfj,oö|j.ai mit K 
A C E L <ptXoTi|JLou|j,£vov liest, auch eine Auffassung, der zufolge Pls die Aussage, 
dass er den Orient christianisirt habe, der Wahrheit gemäss dahin beschränken 
will, dass er bisher überall da, wo ihm noch keiner vorangegangen war, gewirkt 
habe. Mindestens beweisen die verschiedenen Gesichtspunkte eine gewisse 
Doppelstellung, vielleicht sogar Verlegenheit, in der sich Pls gerade der 
römischen Gemeinde gegenüber befand. 

7) Der Wirkungskreis des Apostels wird mehr nach der Apostelgeschichte 
dargestellt, d. h. es wird 15, 19 vorausgesetzt, dass Pls airö 'lepooaaXYjfx xal xuxXo) 
(wie Act 1, 8. 26, 20. Lc 24, 47 f) mit seiner Predigt angefangen habe. Man 
mu88 hier den Nachdruck allerdings vom Centrum schon recht künstlich nach 
der Peripherie (xuxXo?) rücken, damit als dieser Anfangspunkt Syrien und 



Der Brief an die Römer. 4. Integrität des Briefes. 273 

Cilicien (Gal 1, 21) gelten können. Und auch an den Endpunkt, d. h. [J-syp'. 
xoö 'IXXopixoö reicht 2 Cor 10, 14—16 (vgl. 2, 12. 13. 7, 5. 13, 1) nur bei 
ähnlichen Maassnahmen. Höchstens in rhetorischer "Weise rr]v S'.axövtav So^aCcuv 
(Rm 11, 13) könnte Pls schon in die als Scheide des Morgen- und Abend- 
landes geltende Provinz des Reiches gelangt sein, also den ganzen Orient durch- 
messen haben und ebenso jetzt, da er |X7]x£ti totiov eyoiv ist (15, 23) im Morgen- 
lande, sofort auch das neue Gebiet des Abendlandes in seinem aussersten 
Zielpunkte auffassen, indem er et? tyjv Sitaviav strebt (15, 24. 28) — ein Plan, 
von dessen Ausführung die beglaubigte Geschichte so wenig etwas weiss, als 
von dem Aufenthalt in Illyrien. Der Interpolator liess demgemäss den Apostel 
bis nach Illyrien gekommen sein, weil derselbe nach Rom wollte, und ihn 
nach Spanien reisen, weil er in Rom nicht verbleiben durfte. Um so weniger 
scheint freilich 15, 30—33 in einer derartig angeschriebenen Rechnung auf- 
zugehen. 

8) Mancherlei Anschauungen könnten auf spätere Zeiten weisen. So 16, 1 
die erst 1 Tim 3, 11 wieder vorkommende Diakonissin; 15, 16 der XsitoopYo?, 
ein Ausdruck, welcher für die Thätigkeit der von den Aposteln eingesetzten 
Kirchenvorsteher üblich wurde; auch lepöopYslv und Tcpoo^popa deuten bereits auf 
sacrificielle Functionen des Klerus. Aber die Anschauung eines Boten Christi, 
an die Heiden, der das Evglm Gottes priesterlich verwaltet, um eine aus den 
Heiden bestehende Opfergabe an Gott zu erzielen, führte ungezwungen auf jene 
Ausdrücke. Sollte dagegen 15, 20 — 22 wirklich aus einer Auffassung stammen, 
derzufolge Rom und Italien einen dem Pls fremden Boden darstellen, nicht zu 
seiner Provinz gehören, so dürfte sich der Epilog bereits den Petrus als Stifter 
der römischen Gemeinde vorstellen. 

9) Es ist schwer zu denken, dass Pls in einer Gemeinde, in welcher er 
noch gar nicht gewesen ist, so viele Bekannte gehabt haben sollte, wie nach 
16, 3 — 15 vorausgesetzt werden müsste. Sofern in dieser Liste von Notabein 
die Namen Junias 7, Narcissus 11, Rufus 13 (vgl. Mr 15, 21), Hermas 14 
Xereus 15, vielleicht auch Aristobulus und Herodion als Herodäer-Namen 10. 11 
nach Rom weisen, andere auch wirklich auf Grabinschriften aus der ersten 
Kaiserzeit vorkommen, könnten sie ja auch der ältesten Localsage entnommen 
sein. Andererseits kennt das Corpus inscriptionum graec. Namen wie Hermas 
und Narcissus auch in Griechenland und Kleinasien. 

10) Die eingeschaltete Warnung vor Irrlehrern 16, 17 — 20 passt schwerlich 
in eine Anrede des Pls an die römische Gemeinde vom Jahre 59; zulässiger 
ist immerhin die Adresse nach Ephesus (1 Cor 16, 8. 9. Act 20, 29. 30). Da- 
gegen erinnert schon 17 an 2 Joh 10. 2 Tim 3, 5 und der Ausdruck tcoieIv toi? 
oiyozxa'zirxi xal xa cxavSala icapcc xy]v Z'.^ayxiv r^v ufAsI? eixdO-exs führt auf gnostisi- 
rende Häretiker, welche von dem gemeinschaftlichen Glauben abweichen; die- 
selben werden 18 ähnlich wie 1 Tim 1, 6. 6, 20 als redefertige (Sia xtj? xP"'1<3'co- 
Xo^ta? xai e?)XoYta(; = Col 2, 4 ev uiO-avoXoYiot), aber sittlich verkommene Menschen 
beschrieben, und 19 wird mit leisem Anklang an Mt 10, 16 der Gemeinde das 
Zeugniss ausgestellt, dass sie bisher von Irrlehren unberührt geblieben sei; dies 
wieder nach 1, 8, wo aber nur vom Vorhandensein einer römischen Gemeinde, 
nicht von ihrer Rechtgläubigkeit Weltbekanntschaft ausgesagt war. Ist der 
Abschnitt pseudopaulinisch, so fällt der Verfasser, nachdem er 19 sich in die 
Zeit des Pls zurückzuversetzen suchte, 20 aus der Rolle, indem er unmittelbar 
gegenwärtige Kämpfe voraussetzt. 

Iloltzmann, Einleitang. 2. Auflage. ]3 



274 Besonderer Theil. Die paulinisclien Briefe. 

11) Nach Ephesus scheinen auch Aquila und Prisca Rm 16, 3. 4 zu 
weisen, da sie sowohl vorher (Act 18, 18. 26. 1 Cor 16, 19) als nachher (2 Tim 
4, 19^ daselbst sich befinden-, ebenso 5 die ötirap^*»] t^l? 'Aota? et? Xptoxov. Auf 
die Zeit der Gefangenschaft deuten aovar/_jj-aXu)Tot fxoo 7 = Col 4, 10. Phm 23. 

12) Auch von Reiche, Krehl, Delitzsch, Pfleiderer, Hilgenfeld, H. 
Schultz, Mangold aufgegeben ist die Doxologie 16, 25 — 27, welche in anti- 
gnostischem Sinne aus Reminiscenzen an 1, 2. 5. 11. 2, 16. 11, 33. 36 gebildet 
ist. An sich könnte sie freilich, wie Eph 3, 20. 21 (vgl. weitere Anklänge Eph 

3, 5. 9. 10) beweist, auch am Schlüsse von Rm 14 stehen, ohne dass daraus 
etwas für die Unechtheit der Schlusskapitel folgte, da dieselben ohnedies als 
Nachträge zu betrachten sind. Ueberhaupt dürfte der Schluss des Briefes, 
vielleicht auch weil die Abreise der Phöbe sich verzögerte, mit Unterbrechungen 
geschrieben worden sein, wesshalb 15, 1 — 3 die Wiederaufnahme des allgemeinen 
Gredankens von Kap. 14 erst einen neuen Fluss der Gedanken veranlasst, wobei 
der Apostel vielleicht auf Grund neuer und bestimmterer Nachrichten über die 
Physiognomie der römischen Gemeinde dem Bedürfnisse nach Glättung und 
Milderung des Eindruckes, den der Brief machen konnte, nachgab ; hierauf tritt 
der Vorsatz, den Brief zu schliessen, 15, 33 noch einmal hervor, aber nur, um 
abermals Aufschub der Ausführung zu erfahren. 

Der Brief an Philemon. 

Specialcommentare von Hagenbach (1829), M. Rothe (1844), Demme (1844), 
Koch (1846), Ellicott (A commentary critical and grammatical on St. Paul's 
epistles to the Philippians, Colossians and to Philemon, 3. Asg 1865), Bleek, 
herausgegeben von F. Nitzsch (Vorlesungen über die Briefe an die Kolosser, den 
Philemon und die Ephesier 1865), J. B. Lightfoot (St. Paul's epistle to the 
Colossians and to Philemon 1875, 7. Asg 1884). Dazu H. Holtzmann ZwTh 
1873, S 428 f. 

Dem als oovspYÖg des Apostels (1) ausgezeichneten Philemon, 
in dessen Haus ein Theil der Gemeinde sich versammelte (2), war 
sein Sklave Onesimus entlaufen (18). Da derselbe anderswo (Col 

4, 9) als der Gremeinde zu Kolossä angehörig erscheint, sucht man 
ebendaselbst auch den Wohnort seines Gebieters. Weil aber der 
Zuspruch an Archippus Col 4, 17 im Gefolge des den Kolossern 
und Laodicenern aufgetragenen Briefaustausches begegnet, versetzt 
eine Minderheit (A. Maier, Wieseler, Thiersch, Laurent JdTh 
1866, S 130) den Philemon sammt Appia und Archippus, die ihm 
nach Phm 2 eng verbunden sind (als Gattin und als Sohn?), nach 
Laodicea. Dagegen scheint aber so gut wie gegen die gewöhnliche 
Annahme der Umstand zu sprechen, dass Pls, der den Philemon 
bekehrt hat (19), nach Col 2, 1 weder am einen, noch am anderen 
Orte gewesen ist. Demnach muss man entweder unter Voraus- 
setzung der Echtheit von Col 4, 9 den Philemon (und wohl auch 
Archippus und Onesimus) dem Apostel an einem 3. Orte, etwa in 
Ephesus, begegnet sein lassen oder aber unter der entgegengesetzten 



Der Brief an Philemon. 275 

Voraussetzung ihm geradezu die genannte Stadt als Wohnort an- 
weisen (Hitzig, Zur Kritik paulinischer Briefe S 31), wohei sein 
Name freilich 2 Tim 4, 19, eventuell auch E,m 16, 3 — 15 vermisst 
würde. Spätere Zeiten sehen in Philemon, Archippus und Onesimus 
die Bischöfe von Kolossä, Laodicea und ßeröa (Const. ap. 7, 46. 
Can. ap. 73). 

Erst Baük hat den Brief angefochten. Das romanhafte Zu- 
sammentreffen ganz eigenthümlicher Umstände, das ihm verdächtig 
vorkommt, verschwindet übrigens, wenn man annimmt, dass Pls 
und Onesimus sich schon früher gekannt haben. Sobald daher der 
Flüchtling Reue fühlte oder in bedrängte Umstände gerieth, suchte 
er den Apostel auf, der damals gefangen w^ar (1. 9. 10. 23) sei es 
in Cäsarea, wohin jener zu Fuss gelangen konnte, sei es in Rom, 
wohin über Ephesus von Kolossä der Gelegenheiten viele, und zwar 
mit der hier erforderlichen Schnelligkeit, führten (Strabo XIV, 2, 
29), und wo auch Versteck und Unterkunft zu finden waren. Der 
Apostel aber war nach Act 28, 30 daselbst jedenfalls zugänglicher 
als im militärisch besetzten Palast des Herodes in Cäsarea, wo der 
Procurator wohnte und nach Act 23, 35 auch seine Gefangenen 
verwahrte. Jedenfalls gewann Pls den in der Gefangenschaft be- 
kehrten Onesimus lieb (12. 13. 16. 17) und sandte ihn gelegentlich 
mit Tychicus (Col 4, 7 — 9) dem Philemon mit einem Privatschreiben 
zurück, darin er nach Zuschrift (1 — 3) und Eingang (4 — 7) diesen 
ermahnt, dem Sklaven zu vergeben und ihn als Bruder zu betrachten 
(8 — 21); an Ankündigung baldiger eigener Ankunft und Herberge- 
l)estellung (22) reiht sich der Schluss (23—25). 

Da auch Col 3, 22—25 (= Eph 6, 5—9) die Sklavenverhältnisse ange- 
legentlichst geregelt werden, könnte man in unserem Briefe eine Exemplification 
dazu finden und demgemäss das eigentliche Motiv seiner (nachpaulinischen) 
Entstehung in dem Bedürfnisse finden wollen, für das schwierige und gerade 
innerhalb der christl. Gemeinschaft peinlich empfundene Sklavenwesen eine 
apostolische Norm vom idealsten Standpunkte aus aufzustellen. Aber dann 
würde der Brief an Stelle der lediglich individuellen eine principiellere Be- 
handlung erwarten lassen, auch wohl definirbarere Vorschläge machen (Haus- 
RATH III, S 362), während er sich in Wirklichkeit gerade auf der paulinischen 
Linie 1 Cor 7, 21 f hält (Weizsäcker JdTh 1876, S 20, doch vgl. Ap. Zeitalter 
S 565). Dem Briefe, der den paulinischen Ton z. B. 14 und 16 so unnach- 
ahmlich trifft, wäre überhaupt nur von einem bestimmten Standpunkte aus, den 
die Kritik von Eph und Col gewährt, beizukommen, und auch dann wird es sich 
höchstens darum handeln können, ob einzelne Stellen, vor Allem die exegetisch 
nicht zu bewältigenden Verse 4 — 6 (= Eph 1, 15 — 17. Col 1, 3. 4. 9) Spuren 
«'iner redigirenden Thätigkeit aufweisen, so dass bei aller Originalität Phm doch 
auch in dieser Beziehung der 3. im Bunde mit den beiden anderen Briefen 
wäre, deren Abfassungsverhältnisse er theilt. Im Grossen und Ganzen aber 

IS* 



276 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

bildet selbst auf diesem Standpunkte „die lebhafte, gedrängte Sprache das 
Gegentheil der oratorischen Breite des Epheserbriefes und der Interpolationen 
des Kolosserbriefes" (Hausräte S 363). 

Der Brief an die Kolosser. 

Specialcommentare von Bahr (1833), Böhmer (1835), Steiger (1835), Huther 
(1841), Baumgarten- Crusius (Commentar über die Briefe an die Epheser und 
Kolosser 1845—46), Dalmer (1858), Bleek (vgl. oben S 274), Ellicott (ebenso) 
Lightfoot (ebenso). Klöpper (1882). Dazu H. Holtzmann, Kritik der Epheser- 
und Kolosserbriefe 1872. H. v. Soden JprTh 1885, S 320 f, 497 f, 672 f. 
Schmiedel EWK Sect. H, 38, 1886, S 138 f. 

1. Paulus und die Kolosser. 

Die Notizen Phm 2. 10. 11 stimmen zu Col 1, 7. 4, 9. 17 und sichern 
beiden Briefen die gleichen Entstehungs Verhältnisse. Dass Phm 23 Epaphras, 
Col 4, 10 Aristarch des Pls oüvai)(_jxaXwxo(; heisst, während doch dieser auch 
Phm 24, jener auch Col 4, 12 genannt ist, führt nur auf kleine Veränderungen 
der unmittelbarsten Umgebung 5 in der weiteren befinden sich auch Marcus, 
Demas, Lucas Phm 24 = Col 4, 10. 14. Um so unklarer sind die Ursprünge, 
der Gemeinde in Kolossä. Pls war zweimal in Phrygien gewesen (Act 16, 6. 
18, 23). Das erstemal wehrten ihm Weissagungen den Eintritt wenigstens nach 
Asia proconsularis, das zweitemal, als er alle vorhandenen Gemeinden besuchte, 
Hess er die von seiner Route südwestlich abgelegenen Theile, wo Laodicea, 
Hierapolis und Kolossae (KoXoaaai, im Yolksdialekt KoXaoaai) zu suchen sind, 
unberührt. Das „Städtchen" (Strabo XII, 8, 13 Tr6Xiajj.a, erscheint dagegen bei 
Plinius, Hist. nat. V, 41, 145 unter den oppida celeberrima) lag am oberen 
Lykus, von welchem rechtwärts Hierapolis (Col 4, 13), linkwärts Laodicea (2, 1. 
"4, 13 — 16) als Nachbarstädte die Schicksale Kolossä's theilten. Ein Erdbeben 
betraf nach Tacitus (Ann. 14, 27) Laodicea im Jahre 61, nach Eusebius (Chron. 
Ol. 210, 4) alle 3 Städte 64, nach Orosius (Histor. 7, 7) erst 68. Daraus ist 
kein Schluss zu ziehen, als ob Col etwa vor 61 geschrieben sein müsste. Da- 
gegen ist in Apc zwar Laodicea (3,14 — 22) angeredet, nicht aber das wohl noch 
verödet liegende Kolossä. 

Da für einen nach Act 18, 23 fallenden späteren Besuch im 
Leben des Pls kein Raum mehr ist, so kann Pls die Gemeinde in 
Kolossä weder gestiftet, noch auch nur gesehen haben; sonst hätte 
er 1, 23 anders gefasst. Damit stimmt Col 2, 1 (vgl. 1, 4. 8. 9), 
wonach Pls Kolossä so wenig kannte als Laodicea; dagegen hat 
sich um die Gründung der Kolosser-Gemeinde Epaphras verdient 
gemacht, ein Kolosser, der dem Pls besonders nahe gestanden haben 
muss (1, 7. 8. 4, 12. 13) und dessen christliche Predigt dieser als 
correct anerkennt (1, 4. 2, 6). Die wohl erst nach dem Zeitpunkt 
Act 18, 23 gegründete (1, 3—5. 9. 2, 6. 7) Gemeinde bestand 
vorwiegend aus Heidenchristen (1, 21. 27. 2, 11. 13) und war von 
Anfang an paulinischen Charakters. Daher die grosse Theilnahme 
des Apostels (1, 9. 2, 1) für die zu seinem Missionsgebiet gehören- 



Der Brief an die Kolosser. 2. Die Irrlehre. 277 

den (1, 25) Christen in Kolossä. Gerne möchte er in ihrer Mitte 
sein (2, 5), wie auch sie um ihn sich bekümmern (4, 7). Aber er 
ist verhindert (4, 3), gefangen (1, 24. 4, 18); seine Grefangenschaft 
theilte eine Zeit lang Epaphras (Phm 23), welcher von Kolossä zu 
Pls gekommen war; auf seine Nachrichten hin schrieb der Apostel, 
wahrscheinlich durch die Hand des 1, 1 mitgenannten Timotheus 
den Brief, welchen sofort Tychicus nach Kolossä brachte (4, 7. 8). 
Die Nachrichten des Epaphras scheinen sich hauptsächlich auf das 
Eindringen gefährHcher Elemente bezogen zu haben; zwar wai* der 
Kern der Gemeinde noch gesund (1, 4 — 8. 2, 5), ihr Friede aber 
durch das Auftreten der Irrlehre in bedrohHchster Weise gefährdet 
(3, 14. 15). 

2. Die Irrlehre. 
Für den jüdischen Charakter der Gegnerschaft, die dem Pls 
in Phrygien erwuchs, kann man sich zumeist auf ihre Beobachtung 
der Speise- und der Festordnung (2, 16), wahrscheinlich auch der 
Beschneidung (2, 11) und des Gesetzes überhaupt (2, 14), sowie 
der :rapaSoai<; twv av^pwTTCöv (2, 8 =-- Mr 7, 8) berufen. Aber was 
ydr vom Inhalte der letzteren weiter erfahren, nöthigt uns über den 
gleichfalls der Tradition huldigenden vulgären Judaismus, wie ihn 
Pls früher zu bekämpfen hatte, hinauszugehen, trotzdem dass dem 
Werthlegen auf den Festkalender Gal 4, 10 und der Unterordnung 
dieser Dinge unter den Begriff der axor/sLa toö xöafxoo (Col 2, 8. 20) 
Gal 4, 3. 9 entspricht. Die spätere Erscheinung des judenchristlichen 
Gegensatzes, mit der wir es hier zu thun haben, greift über jene 
frühere und damit auch überhaupt über die gemeinjüdische Sitte 
dadurch hinaus, dass ihr Dogmatismus (vgl. 2, 20) sich auch auf 
ßpwoK; xal TTÖot? (2, 16) erstreckt; wenigstens letzterer Artikel ist 
im Pentateuch nur für Priester, Leviten und Nasiraer von (zeit- 
weihger) Bedeutung. Auch über ihre Geistesverwandten in Eom 
gehen diese zu Kolossä auftauchenden Judaisten insofern hinaus, als 
jene es nur sich selbst zur Gewissenssache machen, jüdische Fest- 
zeiten zu beobachten (Em 14, 5. 6) und Fleisch (14, 2) wie Wein 
zu vermeiden (14, 17. 21), während hier eine derartige a^siSta owjiaxo«; 
(Col 2, 23) zur Bedingung des Heils für Alle erhoben werden sollte. 
Daher die Verbote [xtj atj^ijj |j.7]S^ ysootq |A7]S^ O-iyto«; (2, 21), welche 
Speise- und Reinigungsvorschriften 2, 8 TrapdSooK; twv avi^pwTrwv und 
22 ta ^VTdX[j.aTa xal SiöaoxaXiat twv avO-pwjrwv heissen. Wird ihre 
Lehre gleichzeitig eine ^tXooo^ia genannt (2, 8, vgl. 23 aiivd eaitv 
X^YOv {JL^ ^x°^Ta oocpia(;), so ist dieser Ausdruck, welchen übrigens 
Philo und Josephus auf die jüdische Religion und Theologie häufig. 



278 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

zuweilen aber auch auf einzelne Richtungen derselben anwenden, 
hier entweder in ähnlichem Sinne zu nehmen, oder er weist auf die 
i^eXo^pYjazsta %al TaTistvo^poaovY] (2, 23), die TaTTSLVo^^poaüVYj xal ^p7]a- 
xsia zm «yy^Xoov (2, 18), folglich auf eine dualistische Weltanschauung 
zurück, welcher zufolge der dem irdischen Stoff entstammte Mensch 
zu niedrig ist, um unmittelbar mit Gott zu verkehren, daher der 
Vermittlung angelischer Kräfte bedarf. Wie also praktisch als 
Ascese, so stellt sich die Irrlehre theoretisch als Verehrung der 
Engel dar. Sie verstieg sich in die transcendenten Regionen einer 
höheren Geisterwelt (2, 18) und führte in dieser Richtung Vor- 
stellungen mit sich, durch welche die einzigartige Stellung Christi 
beeinträchtigt erschien (2, 19 oo xpatwv t7]v xs^aXYJv). 

Daraus verstehen sich die christologischen Digressionen, sofern 
solche eine Erkenntniss von Christi Person und Werk sicher stellen, 
vor welcher die Irrlehre von selbst zu Boden fällt (daher 1, 18f == 2, 
9 f. 18 f). Es scheinen also die Engel insonderheit theils an der 
Weltschöpfung in einer für Christus präjudicirlichen Weise betheihgt 
(1, 17), theils aber auch als active Versöhnungsmittler (1, 18 — 20) 
gedacht zu sein, während auf der anderen Seite der Christ vermöge 
seiner materiellen Leibesnatur noch unter dem Einflüsse feindhcher 
Geisteskräfte steht, welchen er sich durch entsinnhchende Ascese 
und (als Symbol dafür) Beschneidung entziehen muss. Dieser Ver- 
kümmerung der Vollkommenheit des Erlösungswerkes durch Engel- 
lehre und Engeldienst gelten die antithetisch zu begreifenden Aus- 
sagen, dass Christus slxwv toö -O-soö (1, 15) und Wohnstätte des ge- 
sammten göttHchen TiX-j^ptoj^a ist, der durch das Blut seines Kreuzes 
Frieden und Versöhnung gestiftet (1, 20. 2, 14), dadurch aber auch 
allen feindlichen Geistesmächten den Grund etwaiger Ansprüche an 
die Gläubigen entzogen hat (2, 15). Indem der Verfasser das, was 
die Gegner von der Geisterwelt aussagten, vielmehr auf Christus 
bezieht (1, 19. 2, 9), welcher Schöpfer und Erlöser sei, und zwar 
auch für Engel, so dass diese nicht selbst wieder vermittelnde und 
versöhnende Functionen ausüben können (2, 10), greift er zu dem 
Ausdrucke TrXTJpcöixa, mit dessen vom gemein neutest. abweichenden 
Gebrauche er sich seinerseits der eigenthchen Gnosis nähert. 

Diese Irrlehrer haben nach Bleek, Hofmann, Reüss, Weiss mit pharisäisch- 
gesetzlichen auch theosophisch-ascetische Elemente verbunden. Mit dem Alexan- 
drinismus bringen sie zusammen Schenkel und Koster ; für in die christliche 
Gemeinschaft übergegangene Theosophen und Asceten essenischer Art hielten 
sie Flatt, Rheinwald, Credner, Meyer, Ewald, Thiersch, Ritschl, Wittichen, 
LiGHTFOOT, Salmon; für christianisirte Essäer Klöpper und Mangold, für mit 
Cerinth verwandte önostiker Mayerhoff, Neander undF.NiTZscH; für gnostisirende 



Der Brief an die Kolosser. 3. Datum und Inhalt. 279 

Ebjoniten Baur, Lipsius, Sabatier, Hoekstra, DAvrosoN, Blom, PpLEroERER und 
ScHMiEDEL; für theils ebjonitischen , theils gnostischen Charakters Renan und 
HiLGENFELD, wahrend die Anhänger der Interpolations-Hypothese unterscheiden 
zwischen dem ursprünglichen Bilde essenisch-christlicher Asceten, die ungefähr 
auf dem Niveau der ftaO-svoövxE? Rm 14 stehen (Holtzmann S 288, mehr noch 
V. Soden S 677 f, 681 f ), und der bestimmteren Färbung angelologisch-dualistischer 
Speculation, welche ihm der Ueberarbeiter gegeben hätte; ähnlich Weizsäcker, 
Apost. Zeitalter S 563 f. 

3. Datum und Inhalt. 
Der Inhalt des Briefes, welcher nach 4, 3. 4 (= Act 28, 31). 
10 (den Marcus versetzt die altkirchHche Sage nach Rom). 14 
(Demas = 2 Tim 4, 10) eher in Eom als in Cäsarea, also nach 61, 
geschrieben ward, ist bedingt durch die Gefahr, welche die Irrlehre 
den Gemeinden zu Kolossä und Laodicea bereitet hatte. Das Ganze 
zerfällt nach herkömmhcher Auffassung in zwei gleiche Theile. Der 
1. beginnt mit Gruss (1, 1. 2) und Danksagung für den Christen- 
stand der Kolosser (1, 3 — 8), dessen fernere Entwicklung in Form 
eines Gebetswunsches geschildert wird (1, 9 — 12). "Wie nämlich 
Pls sich freut über den gesegneten Fortgang des Evglms unter den 
Lesern, so ist es jetzt Sache dieser, sich der Wohlthat der durch 
Christus reaUsirten Erlösung und Versöhnung in ihrem ganzen Um- 
fange immer bewusster, im Glauben und Hoffen immer fester zu 
werden (1, 13 — 23). In diesem Zusammenhange tritt der erste 
christologische Excurs des Briefes (1, 14 — 21) auf, worin in noch 
unausgesprochenem Gegensatze gegen das System der Irrlehrer die 
Vermittelung der Gläubigen mit Gott durch Christus gelehrt wird, 
der überhaupt das Centrum des Universums, das Haupt der Geister- 
welt, der Herr der Kirche ist. Nebenbei spricht der Verfasser in 
einem Uebergangsabschnitt, darin er persönlich der Gemeinde sich 
vorstellt, von seinem apostolischen Berufe (1, 24 — 29) und seinem 
darin begründeten Interesse für die Leser (2, 1 — 5). So vorbereitet 
geht er nunmehr (2, 6 — 23) zu dem eigentlichen Gegenstande 
über, um desswillen der Brief geschrieben ist, zu der "Warnung vor 
fremden und falschen Einflüssen, welchen die Leser ausgesetzt sind. 
In der Entwickelung dieser Antithese des Briefes kommt es zwischen 
den parallelen "Warnungen 2, 8 und 16 zu einer zweiten christolo- 
gischen Ausführung, in welcher gezeigt wird, wie der volle Begriff 
des "Wesens Gottes in Christus wohne, welcher das Haupt sei aller 
Engel und Geistermächte, so dass künftighin die Gläubigen, als mit 
Christus der "Welt abgestorben, über die natürhche Weisheit und 
Menschensatzung der Irrlehrer hinaus seien. Dafür sollen sie, wie 
> in der praktischen Hälfte (3, 1 — 4, 6) gezeigt wird, in der Gemein- 






230 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

Schaft mit dem überweltlichen Christus sich als dem Erdendasein 
bereits entrückt erachten (3, 1 — 4), alles dessen mit Fleiss sich 
entäussern, was jener widerstreitet (3, 5 — 17)^ namentHch aber, im 
Gegensatze zu dem unfruchtbaren Ascetismus der Irrgeister, die 
Standespflichten und Berufsaufgaben des Lebens richtig würdigen 
(3, 18 — 4, 1), in der eigenen Mitte den Gebetssinn, nach aussen den 
Wandel in Weisheit und Vorsicht pflegen (4, 2 — 6). Zum Schlüsse 
folgen noch mancherlei Grüsse und Nachrichten persönlicher Art 
(4, 7-18). 

4. Echtheit. 

Nachdem schon Mayerhoff (Der Brief an die Kolosser mit vor- 
nehmlicher Berücksichtigung der Pastoralbriefe 1838) Wortvorrath, 
Ausdrucksweise und Gedankengehalt unpaulinisch gefunden hatte, 
begann seit 1845 der regelrecht geführte Feldzug der Kritik, indem 
Baür, Schweglek, Planck, K. R. Köstlin, Hilgenfeld, B. Bauer, 
HoEKSTRA, Blom, Straatman, Pfleiderer, Hausrath, Davidson, 
Thoma, Schmiedel im Col den Uebergang fanden zur Theologie 
des 4. Evglms, besonders durch die über die paulinische hinaus- 
gehende Christuslehre, die nur in einem von gnostischen Ideen 
erfüllten Kreise entstehen konnte. Christus erscheine hier als das 
allgemeine Centralwesen des Universums (1, 15 — 19), in welchem 
sich daher die Gegensätze der Engel- und Menschenwelt und in 
letzterer wieder die des Juden- und Heidenchristenthums auflösen 
müssen (1, 20 — 22). Eine so hochfliegende, transcendente An- 
schauung von der Person und Würde Christi finde sich nirgends 
in den echten Briefen. Unser Brief erscheint wenigstens bei Baur 
geradezu als ein Versuch, die paulinische Lehre mit der Logoslehre 
auszugleichen, die letztere in den PauHnismus einzuführen. In Be- 
zug auf biblisch-theologische Fragen wird allgemein betont, dass 
Christus gegen Rm 11, 36. 1 Cor 8, 6 Weltziel (1, 16. 20 sk 
a6TÖv),_zusammenhalt ender Weltmittelpunkt (1, 17 toc Tudvia iv aktp 
aov^aTYjxev) , Wiederhersteller nicht sowohl der sitthchen Menschen- 
natur als vielmehr des Universums (1, 20), ;up(OTÖToxo<; nicht sv 
noXkolq aSsX^oig (Rm 8, 29), sondern ;raa7]<; XTLasw? (Col 1, 15) sei, der 
in_seinem Kreuzestod nicht blos Menschen (wie Rm 11, 15. 2 Cor 
5, 19), sondern auch die höhere Geisterwelt theils mit Gott aus- 
gesöhnt (1, 20), theils ihrer Macht beraubt habe (2, 15). Ersteres 
kann er nach Rm 8, 3 gar nicht thun, weil im Verhältnisse zu 
den Engeln die gemeinsame Grundlage und Voraussetzung des 
6{xoiü)[j.a aapxöc afiapriac fehlt. Letzteres wird er nach 1 Cor 15, 



Der Brief an die Kolosser. 4. Echtheit. 281 

24 — 26 erst als Erhöhter thun, damit Gott sei la :rdvTa Iv Tuäatv 1 Cor 
15, 28, während hier die Losung 3, 11 gilt ta Tüavta Tcai Iv Tüäaiv Xptaiö*;. 

Die kirchenhistorische Bedeutung des Briefes fand man demgemäss in 
seiner friedeschaffenden, ausgleichenden Tendenz, welche sich auch in der Er- 
wähnung der petrinischen und paulinischen Gehülfen Marcus (4, 10) und Lucas 
(4, 14), sowie in der Betonung der nothwendigen Kircheneinheit (3, 14. 15) 
ausspreche. Dieses Argument Baur's ist von Schwegler noch dahin pracisirt 
worden, dass Col den Unionsbestrebungen innerhalb der kleinasiatischen Kirche 
eingereiht wurde^ welche mit Hülfe des beginnenden Gnosticismus den ursprüng- 
lichen Ebjonitismus verdrängt habe. An die Stelle der populären Ausgleichungs- 
formel Tcbxt? xal £pYa seien daher auch hier höhere BegrüFe getreten wie ä'(a.Kriy 
^-i^vojaK;, ixuaxTjp'.ov. Die Späteren heben mehr hervor, dass die christologischen 
Aussagen zwar im Allgemeinen die paulinischen, aber bereits in die Formen 
der Gnosis eingekleidet seien, wie es denn namentlich mit der Vorstellung von 
der Kirche als einem owjxa und ^XY^pcufia Xpiaxoö, einer Ergänzung des Hauptes 
(2, 19) zusammenhängt, wenn der Apostel 1, 24 in mindestens befremdlicher 
und an Ignatius (Eph. 21, 1. Smyrn. 10, 2. Polyc. 2, 3. 6, 1) erinnernder "Weise 
seine eigenen Leiden als eine die ^X[']/£t(; Xptaxoö ergänzende und auf ihr VoU- 
maass bringende Leistung zu Gunsten der Kirche einführt. 

Diese Auffassung ist nicht ohnej Widerspruch geblieben, und haben ihr 
gegenüber namentlich sämmtliche Commentatoren, aber auch Beyschlag, W. Grimm, 
Renan, zuletzt noch (gegen H. Holtzmann) B. Weiss (Biblische Theologie des 
NT 4. Afl S 202 f •, JdTh 1872, S 748 f), J. Koster (De echtheid van de brieven 
aan de Kolossers en de Epheziers 1877; vgl. dagegen H. Holtzmann ThLz 1877, 
S 609 f) und A. Klöpper (Der Brief an die Kolosser 1882; vgl. dagegen 
H. Holtzmann ThLz 1883, S 29 f ; ZwTh 1883, S 460 f) die paulinische Origi- 
nalität des Briefes empfohlen. Der angeblich conciliatorischen Tendenz des 
Briefes widerspreche die Art und Weise, wie derselbe, ohne die mindeste Con- 
cession zu machen, gegen den Ebjonitismus der Irrlehrer polemisirt, imd Niemand 
habe merken können, dass die in der Personenliste weit von einander getrennten 
Namen Marcus und Lucas hier als Symbole der Kirchenunion auftreten sollten. 
Der Gnosticismus aber ruhe, namentlich in seiner judaisirenden Gestalt, auf 
Anschauungen, die älter als das Christenthum sind. Kein Wunder daher, wenn 
des Apostels Polemik gegen einen speciell dem Essäismus entstammten Judaismus 
von der sonst bekannten Bekämpfung des pharisäischen Judenchristenthums in 
dem Maasse sich entfernt, als der erstere Standpunkt über den letzteren hinaus- 
reicht. Im Gegensatze zu ganz neuen christologischen und soteriologischen 
Theorien sah sich Pls veranlasst, Christi Verhältniss zur Geisterwelt und damit 
überhaupt seine universale Stellung und kosmische Bedeutung absichtsvoller her- 
vorzuheben. Lässt sich eine Ausdehnung des Erlösuugswerkes, wie sie 1, 20 
liervortritt, innerhalb der sonst feststehenden Grenzlinien paulinischer Vor- 
stcllungsreihen nicht nachweisen, so liegen doch die Elemente zu einer solchen 
Erweiterung der Christuslehrc in Stellen wie Rm 1, 3. 4. 9, 5. 1 Cor 8, 6. 
10, 4. 2 Cor 4, 4. 5, 19. 8, 9 vor; und dafür, dass von diesen Ausgangspunkten 
('ol Fortsetzungslinien zieht bis zu den Punkten, welche zuvor noch nicht erreicht 
waren, lässt sich geltend machen, thoils dass Pls sonst nach dem Grundsatz 
l Cor 2, 2. 6 handelt, von welchem aber hier abzuweichen er eben durch die 
Natur des zu widerlegenden Irrthums veranlasst war, theils dass weitere Ent- 



282 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

Wickelungen einzelner Theile seines Lehrbegriffes überhaupt nicht grundsätzlich 
auszuschliessen sind. Schon seit Jahren seinen alten Gemeinden und ihren 
individuellen Bedürfnissen entrückt, wendet der Gefangene seine Aufmerksamkeit 
der Gesammtkirche zu (daher exvtXYjoia, nicht mehr IxTcXfjatat) und zieht 1, 24 
im Rückblick auf sein langes, drangsalsvolles Berufsleben die segensvollen Resul- 
tate desselben für die Gesammtheit der Gemeinden in Betracht. 

Vermittelungshypothesen gingen von Ewald (Sendschreiben des Pls S 11, 
466 f) und Renan (L'antechrist S 91) aus, welche annahmen, dass Timotheus, 
der gewohnte Secretär des Apostels, mit der Zeit selbstständiger arbeitete und 
als alter ego die Form des gegebenen Stoffes bestimmte. Insonderheit fand der 
Erstgenannte die Sprache theilweise unpaulinisch ; so die ungewöhnlichen Wort- 
zusammensetzungen und Schwerfälligkeiten der 2 ersten Kapitel, während Pls 
später (4, 7. 18) die Feder wieder mehr selbst in die Hand genommen habe. 
Aber gerade jene Kapitel enthalten ja den eigentlichen Schwergehalt des Briefes 
und sehen es recht deutlich darauf ab, den Eindruck paulinischer Abstammung 
zu machen. Schon 2, 1. 5, besonders aber h(<h UabXoq 1, 23 nöthigt die Leser 
zur Annahme mindestens eines directen Dictates (dies auch gegen die Annahme 
einer redigirenden Thätigkeit des Tychicus und des Onesimus bei Gardthausen 
S 298 f), oder aber das so angelegentlich wiederholte l^^twiii]')^ lyw Siaxovo? 
(1, 23. 25) verräth die Absicht eines späteren Verfassers, der auf diese Weise 
das Seine thut, um dem Briefe paulinische Autorität zu verleihen. Doch 
könnte die Lösung des Räthsels auch drittens in einer Aufstellung liegen, 
der zufolge der Brief zugleich paulinisch und nichtpaulinisch erscheint (vgl. 
unten S 295 f.). 

In formaler Beziehung wird apologetischer Seits die „antithetisch-plero - 
phorische Sprachweise", die „äusserst schwierige und gedrungene Gedanken- 
entwickelung" als charakteristisch für das Sendschreiben zugegeben (Klöpper 
S 119, 399) und bewundert, sofern sich darin die „ganze Energie diplomatisch 
genau markirender Ausdrücke" (S 348) in eher hyperpaulinischer als unpau- 
linischer Weise kund gebe (Koster S 101). Ausdrücke wie cptXococpia, voojAYjvta, 
SoYfJLaxtCetv und ^TCO^pT^ai? finden hinlängliche Erklärung aus der Besonderheit 
des polemischen Zweckes. Die längeren Wortzusammensetzungen belegt man 
mit parallelen Erscheinungen der anderen Briefe, wie ^iXoxifjLeloO-at, -/^priaxoXö^ia, 
&itoxapa8oxia, oofJLTcapaXajxßdvsiv, hxtpol^o'^Bly, elScuXoXaxpsia, xsvoBo^ca; dem ent- 
sprechen hier e!pf]VOTiotelv 1, 20, %i^a\io\o'^ia 2, 4, l^sXoO-pYjaxEta 2, 23, alo^po- 
Xo^ia 3, 8. Was gleichwohl Anstoss bereiten könnte, ist nur die unverhältniss- 
mässige Häufung der sesquipedalia verba, zumal solcher, die sich sonst bei Pls 
nicht finden (vgl. übrigens Analogien bei v. Soden S 330 f). Für den ver- 
hältnissmässig kleinen Brief ist es schon viel, wenn er ausser 34 eigentlichen 
&Ttai XeY&fJ-eva noch 23 Wörter bietet, die auch sonst im NT, aber nur gerade 
nicht bei Pls vorkommen, während eine Reihe von Ausdrücken ganz vermisst 
wird, welchen zu begegnen man sonst bei Pls gewöhnt ist; darunter sind auch 
Elemente von rein formaler Art, wie jiäXXov, sl jxyj, o^Se, outs, ei ti«;, tl xat, 
et Tzoi(;, etuep, iiovoy, ob juiovov 5e . . diXkä v.(xi, eti, oöxext, jJLTjxsxt, xs, die bei Pls 
so häufigen Zusammensetzungen mit bizkp, die Folgerungspartikeln 8t6, hioxi, apa, 
Äpa ouv. Doch fehlt es nicht an logischen Conclusionen mit ei, y«P> o^v, vöv, also 
an der dialektischen Fortbewegung der Gedanken, wenn auch der Stil im All- 
gemeinen ruhiger, die Perioden dagegen ausgebildeter sind, als in den erregten 
Streitbriefen (v. Soden S 540). Ein Abstand von der aus Gal, Cor, Rm be- 



Der Brief an die Epheser. 1. Inhalt. 283 

kannten syllogistischen Form des Pls macht sich immerhin fühlbar. „Statt der 
Springfedem seiner Dialektik, statt des unruhigen Widerspiels von Thesen und 
Antithesen, des Vorwärtsstürmens einer kriegerischen Polemik — ein langsames, 
mühevolles Fortschieben von wenig innerlich zusammenhängenden Gedanken, ein 
lockeres Aneinanderreihen oft luxurirender Wortgefüge, ein liturgischer Erguss 
kettenartig angeknüpfter Stimmungsmotive" (Klöpper S 16 im Namen seiner 
Gegner redend). Dazu beweist der durchgehende, keine Hoffnung auf Schlichtung 
bietende Dissensus der Ausleger darüber, welche der 1, 15 — 19 begegnenden 
Prädicate dem präexistenten, welche dem historisch existenten, welche dem 
postexistenten Christus zukommen, schon an sich, wie schwankend und undurch- 
sichtig das Vorstellungsgebiet, oder wenigstens wie vieldeutig seine Ausdrucks- 
weise ist. 

Der Brief an die Epheser. 

Specialcommentare von Holzhaüsen (1833), Matthies (1834), F. K. Meier 
(1834), RücKERT (1834), Harless (1834, 2. Afl 1858), Baumgarten-Crusiüs (s.oben 
S 276), Hodge (1856), R, Stier (Die Gemeinde in Jesu Christo 1848—49, ver- 
kürzt 1859), Bleek (vgl. oben S 274), Ellicott (3. Afl 1864), Ewald (Sieben 
Sendschreiben des Neuen Bundes 1870), Dale (1882). Dazu H. Holtzmann 
(vgl. oben S 276). Schmiedel (ebenso). 

1. Inhalt. 
"Würde uns dieser Brief nicht in der Hinterlassenschaft des 
Pls begegnen, so würden wir ihn als einen Hirtenbrief von sehr 
allgemeiner, vorzugsweise praktischer Natur unter die katholischen 
Episteln einreihen. Schon nach der patristischen Exegese zerfällt er 
in zwei, durch die Doxologie 3, 20. 21 geschiedene Theile, von 
welchen der 1. mehr lehrhafter Art ist, aber doch ganz zur Vor- 
bereitung auf den 2., d. h. die ethische Hälfte, dient. 

Nach der Zuschrift (1, 1. 2) folgt eine lang ausgedehnte Lob- 
preisung Gottes (1, 3 — 14), welche den Lesern zu Gemüthe führen 
dass ihr Christenstand nicht eine Sache eigenen Behebens und 
Intschhessens, sondern VerwirkHchung eines vorzeitlichen und auf 
len Abschluss aller Geschichte zielenden Rathschlusses Gottes ist. 
Daran reiht sich (1, 15 — 23) eine Danksagung mit Fürbitte, dass 
Gott sie möge erkennen lassen, wie etwas Grosses es sei um diesen 
Christenstand und wessen sich die Gläubigen von der Krafterweisung 
Gottes, die ja in ihnen die gleiche ist, wie in Christus, versehen 
dürfen. Im unmittelbarsten Anschlüsse hieran wird die Versetzung 
in solchen Stand als eine der Auferweckung Christi gleichkommende 
Erweckung aus dem Sündentode durch eine grosse Tliat göttlicher 
Macht und Gnade beschrieben (2, 1 — 10) und auf diese Weise eine 
Erinnerung an die Heidenchristen motivirt (2, 11 — 22), dass sie 
dem heilsgescliichthchen Gemeinwesen zuvor fremd waren und ihren 
Eintritt nur dem, die Scheidewand zwischen Israel und der Völker- 



284 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

weit niederreissenden, Kreuzestode Christi zu verdanken haben. 
Alle diese Ausführungen, in denen nach 3, 4 der Schwergehalt des 
Briefes ruht, werden schliesslich noch sicher gestellt durch Hin- 
weisung auf den gefangenen Apostel, welchem die Heidenchristen 
die Bekanntschaft mit jenem, für die Menschen- und Geisterwelt so 
bedeutungsvollen, Greheimnisse von der Aufnahme der Heiden in die 
göttliche Heilsgeschichte verdanken (3, 1 — 19). Die Ermahnungen 
des praktischen Theiles werden zunächst (4, 1 — 16) aus dem Wesen 
der neuen Gemeinschaft abgeleitet, in welche die Leser herüber- 
getreten sind, und fordern demgemäss ein der grossartigen Einheit 
des Leibes Christi entsprechendes und dieselbe bewahrendes Liebes- 
verhalten der Einzelnen unter sich und ein durch das organische 
Ineinandergreifen Aller dem Ganzen zu Gute kommendes Streben 
nach christlicher Vollreife. Insonderheit muss ihr jetziger Wandel 
das reine Widerspiel sein von dem früheren heidnischen (4, 17 — 5, 
20) und die christHche Tüchtigkeit sich in richtiger Würdigung der 
natürlichen Gemeinschaftsverhältnisse und Berufskreise bewähren 
(5, 21 — 6, 9). Bei dem Allem aber ist und bleibt des Christen 
Leben ein beständiger Kampf wider die Mächte der Finsterniss; 
dazu und zum Gebet wird noch aufgefordert (6, 10 — 20). Briefliches 
macht den Schluss (6, 21 — 24). Die Einheit des die ganze persön- 
liche Welt umfassenden Heilsplans, die Zusammenfassung der bis- 
herigen, in Heidenthum und Judenthum getrennt gewesenen Mensch- 
heit ist der durchschlagende Gedanke, die höchste Idee sowohl im 
dogmatischen, wie im ethischen Theil (2, 13 — 22. 3, 6. 4, 3 — 6). 

2. Die Adresse. 

1) Der Adresse zufolge ist der Brief gewidmet lotc aYiotc toic 
o\i(5i\f £v 'E^sacj) xal maroic sv Xpiaiij) 'lyjaoö (1, 1). Nun hatte Pls in 
Ephesus Jahre lang (Act 19, 10. 20, 31) gewirkt, zuerst unter 
Juden, dann auch unter Heiden (19, 9. 10. 17), aber vorzugsweise 
bezeugt ist das Vorhandensein eines starken judenchristHchen Ele- 
mentes in Ephesus (18, 19. 20. 19, 8. 13—16. 34. 1 Cor 16, 9. 
Apc 2, 1. 2. 6). Als Leser unseres Briefes dagegen sind blos 
Heidenchristen gedacht (2, 1. 2. 11—13. 19. 3, 1. 6. 4, 17. 22. 
5, 8), sei es nun, dass das *^{jl£i? im Gegensatze zu ujjlsi«; die Juden- 
christen (gewöhnliche Auffassung) oder Juden- und Heidenchristen 
zusammen (Hofmann IV, 1, S 64) oder bald das eine, bald das 
andere bedeute (Kiene StKr 1869, S 297 f). Der ganze Abschnitt 
4, 25 — 6, 9 enthält eine Art von Gesetzgebung und Sittencodex 
für das Heidenchristenthum (Ewald S 160). 



Der Brief an die Epheser. 2. Die Adresse. 285 

Von einer persönlichen Bekanntschaft dieses Publikums mit dem Verfasser 
begegnet nirgends eine Spur. Vielmehr kennt man sich gegenseitig nur vom 
Hörensagen (1, 15. 3, 2). Auf das Lesen und Studiren seines Briefes werden 

3, 4 die Angeredeten hingewiesen, um sich von der Competenz des Verfassers 
in Sachen christl. Wahrheiten zu überzeugen : und als ob er es selbst nicht wissen 
könne, setzt er 4, 21 zu E|xaO-cX£ xov Xp'.axov ein tX-^z aüxöv vjxooaats. Daher 
nach Theodor von Mopsuestia und Theodoret die Epheser dem Pls noch per- 
sönlich unbekannt gewesen sein sollen, als er an sie schrieb. Neuere Versuche, 
jenen Stellen theils eine mildere Deutung zu geben, theils sie als Ironie zu fassen, 
theils ihnen die Beziehung auf die Vergangenheit abzuerkennen, haben den be- 
stimmten Wortlaut gegen sich. Je lebhafter das Interesse ist, welches der 
Schreibende sowohl selbst an dem Leserkreise nimmt, als auch bei diesem be- 
ansprucht (1, 15—18. 3, 1. 13—19. 6, 10. 19—22), desto befremdlicher wirkt 
der Mangel aller Grüsse an einzelne Christen (wie ganz anders der hypo- 
thetische Epheserbrief Rm 16, 3 — 16) oder von einzelnen Freunden, die, wie 
Timotheus und Aristarch mit dem Apostel in Ephesus gewesen waren (1 Cor 

4, 17. Act 19, 29) und zur Zeit der Briefabfassung seine Umgebung bildeten 
(Col 1, 1. 4, 10. Phm 1.). Die herkömmliche Ausrede, Tychicus werde nach 6, 
21. 22 alles Persönhche mündlich besorgen, verfängt nicht, da er ja gleichzeitig 
auch einen anderen Brief überbringt (Col 4, 7. 8), in welchem derartige Be- 
grüssungen nicht überflüssig erschienen (4, 10 — 17). Und w^as wollen nach 
lauter allgemeinen Erörterungen und Ermahnungen die kurzen Grüsse Eph 6 
23. 24 besagen, wo so innige Beziehungen statt hatten wie die Act 20, 17 — 38 
beschriebenen ! 

2) Aeussere geschichtliche Thatsachen bestätigen den befremd- 
hchen Eindruck. Sowohl Marcion als sein Gegner TertulHan haben 
im Eingange des Briefes keine Adresse gelesen. Denn wenn jener 
ihm die wahrscheinlich dem Eindrucke von Col 4, 15. 16. (2, 1) 
entstammte Adresse :rpö<; Aao5i%sa<; lieh (Tertull. Marc. 5, 11. 
Epiph. Haer. 42, 9, wozu vgl. Hilgenfeld S 51), so macht dies 
auf TertuUian keineswegs den Eindruck der Fälschung (vgl. S 145) 
sondern nur der Affeetation besonderer Gelehrsamkeit (Marc. 5, 
17 quasi et in isto diligentissimus explorator). Aus einem von 
A. Gramer (Catenae VI, S 102) mitgetheilten Fragment aus dem 
Commentar des Origenes geht bevor, dass dieser nur die Worte las 
Tol? ol^iok; toi? ouat xal Tctatot«;. Nach BasiHus (Eunom. 2, 19) 
nennt Pls die Christen övrac, weil sie auf wahrhafte Weise durch 
Erkenntniss tcj) ovtt geeinigt seien (oorto Yocp xal ot Tupö ii\Lm Ttapa- 
SsSwxaat xal Yjjtsi^ Iv tote i:aXaiotg twv avrtYpa'^wv ei)p7jxa|i£v), und in 
>< und B ist iv 'E'f^acj) in der Tliat erst nachträglich eingefügt. 
Auch Hieronymus thut im Commentar zu der Stelle der basiliani- 
schen Deutung Erwähnung (ab eo qui est hi qui sunt appellantur). 

3) In neuerer Zeit hat man die Schwierigkeiten der Adresse 
bald durch Annahme von Textverderb niss oder willkürhcher Aus- 
lassung, bald durch neue Uebersetzungsversuche des ooaiv ohne iv 



286 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

'E'f^a(p abhelfen wollen, wie „den Heiligen, die es in der That sind" 
(ScHNECKENBURGER, Beitr. S 133), „an sämmtliche da seiende Heilige 
und Griäubige" (Matthies), „an die Heiligen, welche auch Gläubige 
sind" (Hofmann, Weiss). Aber abgesehen davon, dass es keine 
f^Ytacj{jL£Voi gibt, die nicht auch Jütarol sv XpLorij) 'Itjcjoö wären, kann 
der Brief doch wohl nicht an alle Heiligen und an alle Grläubigen 
gerichtet sein. Ein einigermaassen abgegrenzter Leserkreis wird 
1, 15. 16. 2, 11. 19. 3, 1. 4, 20 vorausgesetzt (auch in Ermah- 
nungen wie 4, 28. 5, 4. 18). SchHesslich kann der Schreiber zoIq 
oootv nicht anders gemeint haben, als so, dass es, wie in den Parallel- 
stellen Em 1, 7. 2 Cor 1, 1. Phl 1, 1, die Ortsbestimmung auf- 
nehmen sollte. 

Allen anderweitigen Erklärungsversuchen ist noch immer voraus die von 
Beza und Grotius angedeutete, von Usher (1650) begründete Hypothese, wornach 
der Brief ein Umlaufschreiben gewesen wäre. So J. D. Michaelis, Schmidt, 
HuG, Eichhorn, Flatt, H. A. Schott, A. Maier, Credner, Thiersch, Neander, 
Anger, Kiene, Wiggers, J. P. Lange, Langen, Renan, Schenkel (Christusbild der 
Apostel S 88, anders BL 11, S 124) und sogar Weiss (Theol. des NT S 202). Den 
Umstand aber, dass diese Adresse früh schon fehlte, muss man entweder dahin 
deuten, dass der Apostel gleich von vom herein mehrere Exemplare habe 
schreiben lassen (Olshaüsen, Rückert); oder aber, da in diesem Falle zu er- 
warten wäre, dass sich auch Spuren von den übrigen Adressen erhalten hätten, 
dass die Adresse in blanco gelassen wurde, um jedesmal in entsprechender 
Weise ausgefüllt zu werden (Westcott und Hort, auch Chr. Hoffmann, Bibel- 
fbrschungen II, 1884, S 166). Neben dem Typus, welcher gar keine bestimmte 
Adresse nannte, würde sich letzteren Falles ein anderer gebildet haben, welcher 
hinter xolq oöoiv gleichsam als exemplificirendes Muster der Ausfüllung die Worte 
Iv 'Ecpsaü) brachte, zumal wenn der Brief für diese G-emeinde in erster Linie be- 
stimmt war ; vgl. W. Seüfert ZwTh 1881 S 183. Vielleicht besitzt man aber auch 
noch wirklich eine Spur von anderweitiger Adresse in dem besprochenen marcio- 
nitischen Titel. Schon vielfach hat man in Eph geradezu den Col 4, 16 
signalisirten Laodicenerbrief finden wollen (Mill, Wettstein, Holzhausen, 
Räbiger, Laurent, Klostermann, Grau, aber auch Baur, Yolkmar, Hausrath) ; 
insonderheit nahmen Bleek (S 593, 596 f; Die Briefe an die Solosser etc. 
S 181 f) und Kamphausen ( JdTh 1866, S 742 f ) an, unser Brief sei zwar nach 
Laodicea gesandt, und zwar ausschliesslich dahin, später aber auf irgend einem 
Wege von den Ephesern annectirt worden. Als eine an die phrygischen Ge- 
meinden gerichtete Encyklica, die u. A. auch nach Laodicea und von da (daher 
Col 4, 16 tY]V ex AaoSixsta?, nicht tyjv sl^ AaoSty.etav) nach Kolossä gelangen 
sollte, fassen den Brief Reuss (Ep. Paul. II, S 153 f), Sabatier (S 209 f) und 
W. Schmidt (bei Meyer zu Eph S 17). Einen Schritt weiter gehend zählt 
Hofmann (S 154, 177) Ephesus und Laodicea in gleicher Weise zu den Be- 
stimmungsorten des Briefes. Dies aber führt auf eine Reihe, welche an die 
7 Gemeinden Apc 1, 11 erinnert, sofern deren Cyclus von Ephesus eröffnet 
(2, 1) und von Laodicea beschlossen wird (3, 14). Dann hätte Tychicus die 
Aufgabe gehabt, sowohl die 7 Gemeinden (Eph 6, 22), als speciell die Kolosser 



Der Brief an die Epheser. 3. Echtheit. 287 

(Col 4, 8) über die Lage des Apostels zu beruhigen; an letzterem Orte sollte 
man sich die, durch Tychicus schon zuvor von Ephesus aus in Umlauf ge- 
setzte, Encyklica verschaflfen, sobald selbige an der Endstation Laodicea ange- 
langt sein würde. 

3. Echtheit. 

Zum Vorspiel des kritischen Prozesses gehörte es, wenn üsteri 
(PauKnischer Lehrbegriff 1824, S 2 f ) und de Wette (1826) Zweifel 
äusserten, die bei Letzterem mit der Zeit bis zur Ablehnung der 
pauHnischen Authentie sich steigerten (Ex. Handbuch IT, 4, 1843). 
AehnHch stand Schrader (V, 1836, S 175 f), während Schleier- 
macher auf die Meinung gerieth, der Apostel habe, nachdem er 
Col geschrieben, einen seiner Gehülfen, den Tychicus, aufgefordert, 
einen ähnhchen Brief an eine andere Gemeinde zu richten (Einl. 
S 165 f, 194). Noch bedeutend verschärft wurden aber die Zweifels- 
gründe von Baur, Schwegler, Planck, K. R. Köstlin und Zeller, 
welche die zeitgeschichthchen Beziehungen auf Gnosticismus und sogar 
auf Montanismus betonten. Ohne diese Begründung durchweg zu theilen, 
haben den Brief dem Pls entschieden aberkannt Ewald, Renan, 
Davidson, Hausrath, Hilgenfeld und in Folge neuer eingehender 
Untersuchungen Hoekstra (ThT 1868, S 599 f). Hitzig (Zur Kritik 
paulinischer Briefe 1870, S 22 f), Honig (ZwTh 1872, S 63 f), 
O. Pfleiderer (Der Paulinismus 1873, S 28, 431 f), Weizsäcker 
(S 330 f, 561 f, 693 f), welchen sich Schölten, Yolkmar, Lucht, 
Holsten, Blom, Straatman, Ritschl, Mangold, A. Krauss, 
C. Hase, Weiffenbach, H. v. Soden, Thoma, Seufert, Schmiedel 
gelegentlich angeschlossen haben. 

Die Sätze der apologetischen Kritik (hier auch vertreten von Theologen 
wie RücKERT, Räbiger, Krenkel, Klöpper, Reuss, Schenkel) erstrecken sich 
hauptsächlich auf folgende Punkte: 

1) Die Klarheit der geschichtlichen Verhältnisse. Der Brief ist nach 6, 21 
durch Tychicus nach Ephesus gebracht, gleichzeitig mit Col (vgl. Eph 6, 
22 — Col 4, 8) und Phm (vgl. S 276). Pls hat befriedigende Nachrichten aus 
Ephesus empfangen, aber es fehlt noch am rechten Greist der Einheit (2, 11 f. 
4, 1 f) und an entschiedenem Bruch mit heidnischen Unsitten (4, 25 f. 5, 3 f). 
Andererseits ist freilich der Brief durchaus nicht so durchsichtig wie die früheren 
und zweifellos echten Sendschreiben. Er bewegt sich ganz in Betrachtung 
einer allgemeinen Situation der Kirche. Der Heidenapostel redet zu Heiden- 
christen, welchen er eine Zi^fxy^'q zukommen lässt, ähnlich der im Namen der 
Zwölfapostel überlieferten Schrift (S 113). Daher erscheinen auch die Leser 
mehr wie eines Predigers Publikum, welchem die Einheit der christlichen Kirche 
und die daraus sich ergebenden Folgerungen und Pflichten zu Gemüthc geführt 
werden sollen. 

2) Der Geist und Charakter der Schrift. Selbst de Wette findet ihr 
den Stempel des apostolischen Zeitalters aufgedrückt (1. Afl S 264). Aber es 



288 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

handelt sich hier um das Gepräge des paulinischen Greistes, dessen theilweiser 
Mangel durch beständige Einschärfung der amtlichen Stellung des Verfassers 
(3, 1 — 3. 7. 4, 1. 6, 20) wenigstens nicht ausgeglichen "wird. Eher steht es einem 
Späteren zu Gesicht, welcher auf die Ergebnisse des bereits abgeschlossenen 
Werkes des Pls zurückblickt, wenn 2, 20. 4, 11 in rein objektiver Art von den 
Aposteln die Rede ist. Speciell die ganz unpaulinische Bezeichnung ot 
5r(ioi aizoQ'zokoi 3, 5 erklärt sich auf natürliche "Weise nur als rhetorisches 
Produkt einer Zeit, die den Aposteln bereits ferner steht und mit um so grösserer 
Ehrfurcht zu ihnen als der Lehrautorität der kanonischen Epoche des Christen- 
thums hinaufblickt (vgl. oben S 125 f). Die Annahme einer Glosse (Reuss, Ep. 
Paul. II, S 162) hilft nicht über den Anstoss hinweg, sofern dieser den ganzen 
Zusammenhang betrifft, zumal die Erinnerung an seine Vergangenheit (3, 8 
6 l:\ayiQz6xtpoc, udvxtov aYituv, unmotivirte Steigerung des wohl motivirten hluyiczoc, 
T(Lv ^TToaxoXajv 1 Cor 15, 9) und die wenig geschickte Berufung auf seine Ein- 
sicht in den göttUchen Rathschluss, von welcher die Leser sich (aus der Leetüre 
von 2, 11—22) selbst überzeugen können (3, 4). Während der geschichtliche 
Pls und die Urapostel getheilte Arbeit treiben und jener in zeitweiligem Gegen- 
satze zu diesen wirkt, besitzen Eph 3, 6 alle Apostel in gleicher Weise die 
Einsicht in das Geheimniss der Gleichstellung der Heiden mit den Juden im 
Gottesreich und bilden 2, 20 als einheitliche Kategorie gedacht den Grundstein 
des Gotteshauses (vgl. dagegen 1 Cor 3, 11). 

3) Der grossartige, dem paulinischen Lehrbegriffe ganz angemessene Inhalt. 
Allerdings ist die im Briefe gefeierte Kirche 1, 23. 4, 12. 16. 5, 23 acüfj.« 
XptGxoö, wie 1 Cor 12, 27. Während aber für Pls die gläubigen Individuen 
zusammen ev ocojxa Iv Xpioto) sind (Rm 12, 5. 1 Cor 12, 13), Christus daher 
nicht sowohl xscpaXYj, als vielmehr das den Leib beseelende TCvsöjxa (1 Cor 6, 17. 
12, 13) ist, ist er Eph 4, 15. 5, 23 der Kirche als seines Leibes Haupt, bildet 
mit ihr eine organische Einheit, wie Mann und Weib (5, 28), wozu 1 Cor 11, 
3 den Anlass und Uebergang bot. Was so die Kirche ideell ist, ein vom 
Haupt aus belebter und durchdrungener Organismus (Eph 4, 12 — 16), dazu 
sollen die Glieder, ein jedes an seinem Theile, sie reell machen (4, 13). Wie hierin 
der praktische, so gipfelt der theoretische Gehalt des Briefes durchaus in der 
speculativen Durchbildung des Begriffes der Universalkirche im Gegensatz zu 
den bei Pls gewöhnlich begegnenden IxvtXTjaiat, Localgemeinden (vgl. A. Krauss, 
Das protestantische Dogma von der unsichtbaren Kirche 1876, S. 134 f, 138 f). 
Geht die Auffassung unseres Schriftstückes auf diesem Punkte über Pls hinaus, 
80 findet sich andererseits 2, 8—10 dieselbe Zurückstellung, zwar nicht der 
Gnaden- aber der Glaubens- und Rechtfertigungslehre, die in Verbindung mit 
steigender Betonung der epya so charakteristisch für den kirchl. Instinkt 
des werdenden Katholicismus ist. Dazu eine Christologie, deren Tragweite das 
individuelle Bewusstsein des Pls als einen Widerspruch mit seinen eigenen 
theologischen Prämissen empfunden hätte (Eph 1, 10. 21. 5, 5 gegen 1 Cor 15, 
24—28). Der Brief feiert bereits den Sieg der Sache, in deren Entwicklungs- 
krisen der paulinische Lehrbegriff entstanden ist. Der uns bekannte Pls steht 
auf jeder Station seines Lebens mitten in der Arbeit am unfertigen Werke, 
und die 5 Jahre, welche nach seinen grossen Briefen liegen, haben darin schwer- 
lich eine Aenderung gebracht, in deren Folge z. B. die Gal 3, 13 ausgesprochene 
Abrogation des Gesetzes durch den Sühnetod des Sohnes Gottes zu einer Abro- 
gation der den Heiden verhassten Lebensordnung des jüdischen Volkes, zu 



Der Brief an die Epheser. 3. Die Echtheit. 289 

einer Aufhebung des n.to6xoiy[ov xöö cppaYjjLoö und dadurch zum Motiv der Ver- 
einigung der bisher getrennten Theile der Menschheit im einheitlichen owjjia 
der Kirch^ (2, 14—16. 18), jener Tod selbst aber zu einem Opfer behufs Weihung 
dieser Kirche geworden wäre (5, 2. 25 — 27). 

4) Sprachvorrath und Periodenbau. Bei den durchgehenden Anklängen 
an die bekannte paulinische Art müsste der Verfasser, wenn er nicht Pls selbst 
gewesen sein sollte, diesen mit unbegreiflichem Glück nachgeahmt haben. So 
begegnet das bei Pls so beliebte Bio, das selbst in Col fehlt, in Eph fünfmal; 
20 Wörter stehen im NT nur in den bisher betrachteten Plsbriefen und in Eph. 
Andererseits begegnen an letzterem Orte allein 40 ocTra^ Xs^ojAsva und 44 Wörter, 
die im NT gerade nur bei Pls nicht zu finden sind — Verhältnisse die im 
Einzelnen vielfach auf zufälligen Ursachen beruhen mögen, im Ganzen aber den 
Ijesonderen Griffel kennzeichnen, welchem so durchaus eigenthümliche Ver- 
bindungen oder Formen angehören, wie ta uvco/xaxtxa xy]«; 7tov7]pia(; (6, 12), 
u^a^bq ^p6<; xc (4, 29), a.'(a::ä.v xtjv IxxXtjowv von Ohristus (5, 25), ocYai^äv xöv 
xup'.ov (6, 24, wie 2 Tim 4, 8. 1 Pe 1, 8, während Pls sagt a-^aKäv xöv d-sov 
Rm 8, 28. 1 Cor 2, 9. 8, 3), 4] ä-^irx iv.y.XYjo:« (5, 27), xa xaxwxepa (fJ-ep*^) rrj«; 
*i"^? (4, 9; vgl. Phl 2, 10 xaxay^ovtoi), toxs '(ivixiOv.ov'ZB(; (5, 5), jJLsö-oSsia xoü 8ia- 
^öXoo (6, 11; Pls sagt überhaupt nicht h6t.'^o'ko<;, wie hier auch 4, 27, oder gar 
apywv TTj? I^oüoiac; xoü aepo?, wie 2, 2, sondern aaxavä<;), SiSovai xiva xi (1, 22. 
4, 11), ^YttiiY) }X£xa TzioxBUic, (6, 23, welche Formel in bezeichnender Weise ver- 
mittelt zwischen der paulinischen uioxk; ot' a-^ÜTz-riq Gal 5, 6 und |X£Ta Kioxeco? 
xal a.-^6.Tzti<; 1 Tim 1, 14), avefxoi; zri<; St^aoxaXta? (4, 14), "rifxspa a7coXüxpa)a£U)(; 
(4, 30; Pls sagt xup'lou 1 Cor 5, 5). Statt ohpavoq oder oüpavot sagt Eph auf- 
fälligerweise lä litoüpavia (1, 3. 20. 2, 6. 3, 10. 6, 12), und durchaus eigen- 
thümlich sind die Formeln fic, Tzäoac, xa<; -^Bveäq xoö alüivoc xüiv aia>vu)V 3, 21 
(Pls kennt weder •^tvsaX xoö alcüvo? noch einen alu>v xwv aitovcDv), aluive? e7iep)r^6- 
|xevoi (2, 7, wofür das NT sonst sagt alojv tpyoix^voq), tp-^a axap^a (5, 11, wozu 
der positive Gegensatz Tit 3, 14 sich findet; bei Pls nur voö? axapKo^ 1 Cor 
14, 14), 7tv£üp,a xoü vo6<; (4, 23) u. a. Das Hauptgewicht der Entscheidung ruht 
indessen erst auf dem Gebiete der Wort- und Satzverbindung. Längst haben 
die Exegeten diese gewaltsame Häufung von Substantiven, diese dunkle und 
nicht immer gerade durch Ueberfluss von Stoff und Gedanken motivirte Fülle 
des Ausdrucks, den breiten, wortreichen und tautologischen, oft schwülstigen 
Ton, die mit Zwischensätzen überladene, ungelenke Schreibart, infolge deren oft 
Sätze wieder aufgenommen werden, die man bereits vergessen hat, bemerkt und 
liervorgehoben. Alle Berufungen auf „hohen Stil", „freien Schwung der Ideen", 
„kühne Tropen" und „ausgesuchte Redensarten" können die Thatsache nicht 
aufliel)en, dass gegenüber der scharfen, markirton Schreibweise, dem lel)ondigen 
dialektischen Gange in Rm das Einschachtelungssystcm der Perioden in Eph 
sehr weit geht. Finden sich ähnliche Ungefügigkeiten auch da und dort in den 
un])e8trittenen Briefen des Apostels, so bildet „jene endlose und zutällige Satz- 
verbindung, die durch immer neue Relativa oder Participia den Gedanken nach 
einer anderen Richtung weiterspinnt" (Schmiedel S 141), hier geradezu die 
Kegel. Mit einem unmässig langen Satze hebt der Brief 1, 3 — 14 au, und da 
2, 1—10 syntaktisch und logisch eng mit 1, 15-23 zusanmienhängt, stellt im 
Grunde auch 1, 15 — 2, 10 eine einzige Periode dar. Die Gruppe 3, 1 — 12 
besteht zwar aus zwei Sätzen 3, 1 — 7 und 8-12, aber der zweite ist nur die 
Wiederaufnahme eines im ersten schon vierfach (3, 2. 3. 5. 7) angelegten öe- 

Uolt/. mann, Einleitung. 2. Auflage. |9 



290 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

dankens, und in der schon an sich schleppenden Periode 3, 14—19 findet vollends 
3, 1 Wiederaufnahme. Fernere Beispiele liefern Stellen wie 4, 11 — 16. 17 — 19. 
20—24. 5, 18—21. 6, 5—8. 

5) Das Zeugniss der Tradition. Die unleugbar schriftstellerische Ver- 
wandtschaft mit 1 Pe (wo Eph benutzt ist nach H. Holtzmann S 259 f; das 
umgekehrte Verhältniss statuiren B. Weiss, 0. Pfleiderer, Hilgenfeld, David- 
son, Honig, Koster S 207 f ; dagegen streitet Seufert für Identität des Ver- 
fassers beider Schriften ZwTh 1881, S 178 f), mit Lc und Act (H. Holtzmann 
S 250 f ) und mit Clemens (ebend. S 276 f ; ZwTh 1877, S 394 f. Hofmann V, 
S 24 f) wird noch immer nicht allenthalben auf übereinstimmende Weise be- 
urtheilt und erklärt. Um so gewisser haben den Brief gekannt Hermas (Mand. 
ni, 4 = Eph 4, 30), Justin (Dial. 39. 87 = Eph 4, 8. Dial. 120 = Eph 1, 21), 
Polycarp (1, 3. 12, 1 = Eph 2, 8. 9. 4, 26) und Ignatius (Eph. 2, 2 naoXoo 
oufX|j.6oTai o? Iv Tzdo'Q hmoToX'Q juivYjfxovsus: ü/xwv == Eph 3, 4-, vgl. Zahn, Ignatius 
S 612). Marcion hatte den Brief in seinem Kanon; die Valentinianer beriefen 
sich mit unverkennbarer Vorliebe auf^ ihn, und zwar scheint es fast, als sei der- 
selbe in ihrer Schule förmlich commentirt worden (Heinrici, Die valentinia,nische 
Gnosis und die h. Schrift S 184 f, 192). 

4 "8^ Der Mangel an Tendenz und Spuren späterer Zeitverhältnisse. Nirgends 
werden mit Schärfe streitende Parteien gezeichnet, deren Versöhnung etwa 
Veranlassung oder Zweck des Briefes hätte sein können. Ebenso wenig werden 
bestimmte Wege zur Herbeiführung oder Förderung einer solchen Einheit ge- 
bahnt, und die sittlichen Ermahnungen sind ganz allgemeiner, den Voraus- 
setzungen der Tendenzkritik widerstrebender Art. „Mit Sicherheit kann con- 
statirt werden, dass der Stand der Parteien derselbe war, wie in den Tagen 
des Pls" (Koster S 40). Aber die Christenheit, wie sie sich von dem Zeit- 
hintergrunde unseres Briefes abhebt, kennt thatsächlich keine Streitfragen, wie 
die um die Geltung des Gesetzes und um Dass oder Wie der Zulassung der 
iSeiden mehr (2, 11 — 22); dagegen wird in Eph nicht blos mannigfache Lockerung 
des paulinischen Gedankengefüges zu Gunsten eines mittleren Durchschnitts von 
Lehre beobachtet, sondern 4, 13. 14 auch bereits gewarnt vor Lehrwillkür und 
Umherschwanken zwischen verschiedenen Systemen, wie solche mit den ein- 
fachen Gegensätzen des apostolichen Zeitalters nichts zu thun haben, um so mehr 
aiier an Betriebsamkeit und Concurrenz der gnostischen Schulparteien erinnern 
(Ewald, Sieben Sendschreiben S 192). Dem Wechsel menschlicher Irrlehre 
gegenüber soll die Kirche, deren Verwirklichung sogar Gegenstand und Ziel 
eines vorweltlichen Bathschlusses Gottes ist (1, 4—11. 3, 9 — 11), eine voll- 
kommene Einheit des Glaubens und der Verfassung darstellen (4, 5. 6). Dabei 
geht aber schon Alles irdischer und menschlicher zu. Die wunderbaren unter 
den 1 Cor 12 28 aufgezählten Geistesgaben werden 4, 11 ausgelassen, dafür 
den Aposteln, Propheten und Evangelisten, als den mit einem Auftrag an die 
ganze Kirche versehenen Functionären, zur Seite und entgegengestellt ttoiijlsvs;«; 
xal otodtaxaXot, die Vorsteher und Lehrer der Einzelgemeinden. In der Beziehung 
bildet die AiSax'rj ein commentirendes Seitenstück zu Eph. Um Förderung des- 
selben Aufbaus handelt es sich (2, 20. 21. 4, 12. 16), dessen Vollendung die 
Grundidee des Hermas bildet, während die neben der Heiligkeit so stark hervorge- 
hobene Einheit der Kirche (4, 3 — 6) bereits die Tendenzen der Ignatianen präformirt. 
Als denkbar frühester Termin mag die Zeit um 75(Ewald) oder 80 (Schölten) gelten ; 
als spätester die Zeiten Hadrian's (Volkmar, Hausräte, Hilgenfeld und Davidson). 



Der Brief an die Epheser. 4. Das Verhältniss zum Kolosserbrief. 291 

4. Das Verhältniss zum Kolosserbrief. 

1) Für die Kritik von Eph nicht minder als auch von Col liegt 
der Hauptknoten, welcher Lösung verlangt, erst in dem eigenthüm- 
lichen schriftstellerischen Verhältnisse beider Briefe. Dieselben lassen 
nämhch einen bei Pls sonst nicht wieder vorkommenden Parallelis- 
mus der Gedanken und Ausdrücke erkennen. Insonderheit stimmen 
überein Gruss (Col 1, 1. 2 =- Eph 1, 1. 2), Dank und Bitte zu Gott 
in Betreff der Leser (Col 1, 3—13 = Eph 1, 15—19), Darlegung 
der Weltstellung und versöhnenden Thätigkeit Christi (Col 1, 14 — 23 = 
Eph 1, 20 — 2,22), Hervorhebung der heidenapostolischen Berufsthätig- 
keit des Pls (Col i, 24—27 = Eph 3, 1—9), Mahnung zu sitthcher 
Erneuerung (Col 3, 5—17. 4, 5. 6 = Eph 4, 21—5, 21), Auf- 
stellung der Haustafel (Col 3, 18—4, 1 — Eph 5, 22. 33—6, 9), 
Aufforderung zu Gebet und Fürbitte (Col 4, 2—4 ^ Eph 6, 18—20), 
Briefliches (Col 4, 7. 8 = Eph 6, 21. 22). 

Selbstständiger gehalten erscheinen daher in Eph Stellen, wie 
1, 3 — 14 (Eingang). 3, 10 — 21 (zumal von 13 an: Ermahnung zu 
innerer Kräftigung). 4, 1 — 20 (zumal bis 16 : Ermahnung zu kirch- 
licher Einigkeit). 5, 23—32 (Christi Ehe mit der Kirche). 6, 10—17 
(geistliche Waffenrüstung). 23. 24 (Schluss). 

Umgekehrt erreicht Col eine gewisse Originalität erst 1, 6 — 8. 
13. 23. 28. 29, theilweise auch in den christologischen Aussagen 

1, 15 — 19. Selbstständig erscheint besonders 2, 1 — 9, welche Stelle 
abermals in einer christologischen Ausführung gipfelt. Der Abschnitt 

2, 10 — 15 dagegen findet, wie schon zuvor 1, 9 — 12. 14. 20. 21 in 
Eph 1 und 2 vielfache Parallelen. Fast ganz ohne solche steht da- 
gegen Col 2, 16—3, 4 da; nur Col 2, 19 und Eph 4, 16 berühren 
sich auffällig. In der Ermahnung 3, 5 — 4, 6 hat dafür blos die 
Aussage 3, 11 keine augenfälligen Doppelgänger in Eph. Erst Col 
4, 9 — 18 ist wieder durchaus eigenthümlicli. 

Eine Parallelen-Tafel nach dem Gange von Eph gibt de Wette 6. Afl 
S 313 f. Unter Voranstellung von Col dagegen gestaltet sich das Verhältniss 
wie folgt: 





Col. 


Eph. 


Col. 


Eph. 




3. 4. 9 


- 1, 15. 16. 


1, 24 


= 3, 1. 13. 




10 


==4, 1. 


1, 25 


= 3, 2. 7. 




14 


= 1,7. 


1, 26 


= 3, 3. 6. 9. 




10 


= 1, 21. 


1, 27 


- 1, 9. 18. 3, 8. 9. 




18. 19 


-- 1, 22. 23. 


2, 11 


^ 2, 11. 




20 


- 1, 10. 2, 16. 


2, 13 


= 2, 1. 5. 




21 


— 2, 1. 3. 12. 17. 


2, 14 


= 2, 15. 




22 


-= 1, 4. 2, 5. 6. 


2, 19 


= 4, 16. 




23 


= 3, 7. 


3,3 


= 3,9. 

19* 



292 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 



Col. 


Bph. 


Col. 


Eph. 


3, 5 


= 4, 19. 5, 3. 5. 


3, 20 


= 6, 1. 


3, 6 


= 5, 6. 


3, 21 


= 6, 4. 


3, 7-10 


= 2, 2. 3. 4, 22—26. 


3, 22-25 


-= 6, 5—8 




29. 31. 5, 4. 


4, 1 


= 6, 9. 


3, 12. 13 


== 4, 2. 32. 5, 1. 2. 


4, 2—4 


= 6, 18—20. 


3, 14. 15 


= 4, 3. 4. 


4, 5 


= 5, 15. 16. 


3, 16. 17 


= 5, 19. 20. 


4, 6 


= 4, 29. 


3. 18. 19 


= 5, 22. 24. 25. 28. 


4, 7. 8 


= 6, 21. 22. 



Man hat den Parallelentafeln vorgeworfen, sie Hessen gerade die 
Hauptsache im Dunkel, dass nämlich nur einzelne Gedanken, Schlagwörter, 
Formeln die grössere Verwandtschaft bilden, nicht aber die doppelte Exposition 
eines und desselben Themas (Reuss I, S 108). Allerdings ist das Thema keines- 
wegs identisch, und findet beiderseits freie Bewegung des Gedankens statt. 
So folgt z. B. auf die Versicherung steter Danksagung Col 1, 3. 4 = Eph 1, 15 
beiderseits, jedoch so, dass Col 1, 5 — 8 ein kurzer, auf individuelle Verhältnisse 
hinauslaufender Abschnitt dazwischentritt, eine längere Fürbitte (Col 1, 9 f 
Eph 1, 16 f). Aber „im Briefe an die E^heser erbittet sie den Lesern Er- 
kenntniss des hoheii^ Werthes ihres Christenstandes und derjjrrösse der gött- 
lichen Macht, deren sie sich getrösten dürfen, dagegen im Briefe an die Kolossgr 
volle Erkenntniss des "Willens Gottes, wie sie wandeln sollen, und was sich an 
diese Erkenntniss anschliesst" (Hofmann IV, 2, S 168). „Col 2, 19 gehört in die 
Ideenreihe von Christi göttlicher Würde und alleiniger Bedeutung für die Ge- 
meinde, Eph 4, 16 in die Ideenreihe von der Organisation und einheitlichen 
Gliederung letzterer" (Reuss S. 108). Die Stellen Eph 3, 1—9 und Col 1, 24—27 
laufen parallel in der Beschreibung des heidenapostolischen Berufs. Aber in 
Eph ist der Verfasser natürHch dazu veranlasst durch die vorangehende Aus- 

! führung über die Bestimmung_.der Heiden, gemeinsam mit den Juden als Bau- 
steine in den Tempel Gottes hineingebaut zu werden, während in Col die Moti- 
virung in dem dargestellten Heil überhaupt und in der es krönenden Versöhnung 

I Gottes und der Menschen insonderheit beruht. In_Eph wendet sich der Apostel 
nachher wieder zur EmpfehIung„„dßJ Einigkeit an die Christen, in Col dagegen 

I benutzt er die Erwähnung seines Berufes, um zu eigener Besorgniss und zur 
Warnung an die Leser überzugehen. Beidemal sind es ihm persönlich fremde 

i Gemeinden, welche durch die parallelen Abschnitte in die rechte Stimmung 
versetzt werden sollen, um sich das sagen zu lassen, was der Briefsteller ihnen 

' zu sagen hat. 

Aber gerade bei dieser verhältnissmässigen Selbstständigkeit des beider- 
seitigen Ideenganges befremdet um so mehr, dass in sinnverwandten Stellen 
beiderseits das gleiche Wortmaterial zu Tage tritt '). So ist die Stelle Col 2, 

i 11 — 14 in ihren einzelnen Wortelementen vorhanden Eph 1, 19. 20. 2, 1. 
4— 6. '11. 15. Wie Eph 3, 17. 18 folgt auch Col 2, 2 auf die Erwähnung der 



^) Vgl. SCHMIEDEL S 139. „Von den nicht ganz 1600 Wörtern des Kolosser- 
briefes stimmen weit über 400, öfters in ununterbrochenen Reihen bis zu 10, 
Buchstabe für Buchstabe mit solchen des Epheserbriefes überein, ausserdem 
gegen 160 im Wortstamme, während die Endung wegen abweichender Con- 
struction eine andere ist, und etwa 30 in der Endung, während der Begriff 
durch ein Synonymum ausgedrückt wird." 



c Der Brief an die Epheser. 4. Das Verhältniss zum Kolosserbrief. 293 



xapSiai aÖTüJV oder ofi-üiv ein in Apposition zu diesen Genetiven stehendes 
Particip im Nominativ mit dem Zusatz iv aYartig, Aus Addition der Ausdrucks- 
mittel von Eph 4, 2 — 4. 32 lässt sich die Stelle Col 3, 12 — 15 gewinnen. Hier 
hat doch wohl entweder der Autor ad Colossenses, indem er zunächst Eph 4, 
32 copirte, die Stelle 4, 2 — 4 nachträglich eingearbeitet und sonach beide Stellen 
combinirt, oder aber der Autor ad Ephesios hat den Zusammenhang von Col 
3, 12 — 15 auf zwei Partien seiner Ausführung sorgsamst vertheilt; zumal da 
auch die 12 beiden Parallelen gemeinsamen Begriffe mit nur einer Ausnahme 
beiderorts die gleiche Reihenfolge innehalten. Dies ist aber keineswegs der 
einzige Fall, dass die Parallelen zu Col an zwei auseinanderliegenden Puncten 
von Eph begegnen. Man vergleiche z. B. 



Eph 1. 

9. •^'^(»pioa<; 4j}jlIv xb [au- 
ax-fiptov TOD ^sX-fjfxaTO? 
aüToö. 
18. e'.osvat öfxä? ti? eaxtv 
4j sKkk; zri<; xX-fjoeux; 
a&xoö xal Ti? 6 itXoö- 

povo}xia(; aoxoü ev zolc, 



Col 1. 

27. ol? eO-eXvjasv 6 d-zbc, 
Yvcopbat xl xö tzKoö- 

xo? x-fj<; o64f](; xoij [xu- 
axYipioo xouxoo Iv xoI(; 
ed-vsoiv loxiv Xpt- 

rrj? oo^Yj?. 



Eph 3. 

8. ev xoT? ed-vsotv e^ay- 
YeXioao^at xö ävs^i- 
)(viaoTOv tcXoöxo(; xoö 

XptOXOD. 

9. xal cpcoxioat udvxa? xt<; 
4] olxovo|xia xoö jxü- 

OXYjplOU. 

16. xaxa xö irXoöxoi; xyj? 
86^Y|? aüxoö. 

17. xaxotxTjaat xöv Xpt- 
oxöv 8ia x*»]? itioxeux; 
ev xaT(; xapSiai«; 6}X(Ji>v. 

Hier finden die] complicirtesten Wechselbeziehungen statt. Die INIittel- 
stelle ist verbunden 1) mit Eph 1, 9 durch die Begriffe des }xuax*f]piov, des d-ilfnia. 
oder O-eXsiv, endlich des y^^^P'-Cs'-v, 2) mit Eph 1, 18 durch die eXttI? (xX-fjoecj? 
oder Sö^f]";), durch xt<; 6 oder xi xö ttXoöxoc, xyj? oo^ric, ev xolc; (dYtot<; oder e^vsaiv), 
3) mit Eph 3, 8 durch den TtXoöxo? und das Iv xoT? e^-vsatv, 4) mit Eph 3, 9 
durch die, das einemal an fvwpiaai, das anderemal an «ptuxbat angehängte, in- 
directe Frageform xi xö ttXoöxo? . . . xoö fxuoxYjpiou oder xi? yj o'.xovojjiia xoö 
jiüoxTjpioo, 5) mit Eph 3, 16 durch den Begriff kKoöxoi^ zr^q So^vj«;, 6) mit Eph 
3, 17 durch die, dem izkobxoq xyj(; o6^y](; beiderorts auf dem Fusse folgende, 
Vorstellung Xpioxö? ev (ojxiv oder xal? xap^iai? 6}X(I»v). In allen drei Reihen sind 
in wesentlich gleicher Bedeutung und Beziehung vertreten namentlich folgende 
Elemente: 1) das .[jLüax*fiptov, 2) der Tzkoöxoq vr^q So^yj?, 3) die Frageform x'k; 
oder xi eaxiv xö oder -rj. Man beachte, wie die Parallelen im 1. oder im 3. 
Kapitel von Eph beisammen stehen, und zwar im letzteren wieder so, dass nicht 
blos 3, 16. 17 schon durch die Akoluthie beider Verse sich als Parallele zu Col 
l, 27 bewährt, sondern auch 3, 8. 9 direct zu dem Gedanken des jJiuoxYjpiov 
d::oxexpüjxfi.evov überleitet, welcher Col 1, 26 unmittelbar vorhergegangen ist. 
Zugleich berühren sich die Stellen Eph 1 und 3 unter sich nur durch Ver- 
mittelung von Col 1, 27. 

2) Bei so beschaflfcner Sachlage ist ohne Zulassung irgend eines Maasses 
von schriftstellerischen Beziehungen bei der Erklärung des Thatbestandes nicht 
auszukommen, wie denn auch die Vertheidiger der Echtheit, wenn sie in Eph 
den zuvor geschriebeneu Brief sehen, sich darauf berufen, dass briefliclie Mit- 
theiluugen bei wiederholter Redaction kürzer auszufallen pflegen (Reuss, Gesch. I, 



294 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

S 109). Sollte dagegen künstliche Nachahmung im Spiele sein, so erscheint 
eher Eph als ins Breite gezogene, wortreiche Erweiterung des anderen Briefes, 
welcher in seiner reichen Kürze und seinen strengen Uebergängen das Gepräge 
der Ursprünglichkeit trägt. So de Wette, Schleiermacher, Ewald, Renan, 
während Mayerhoff umgekehrt die Echtheit auf Seite von Eph gefunden hatte. 
Im Falle, dass beide Briefe unpaulinisch sein sollten, wird durchgängig die 
Priorität auf Seiten von Col gefunden, sei es nun, dass Ein Pseudopls beide 
Briefe verfasst habe (Baur, Straatman), sei es, dass man zwei Autoren unter- 
scheide (Schwegler, Hilgenfeld, Davidson, Hoekstra ThT 1868, S 599 f). Aber 
auch nach Hönig's Eintreten für eine totale Abhängigkeit von Eph (ZwTh 1872, 
S 63 f) sind neben zahlreichen Punkten, wo diese Hypothese unzweifelhaft im 
Recht ist, der Gegeninstanzen nicht wenige übrig geblieben (vgl. H. Holtzmann, 
S 40 f, 46, 71 f). Der gewöhnlichen Voraussetzung zufolge wäre überhaupt nicht von 
der Abhängigkeit des einen Briefes vom anderen, sondern nur beider von einer 
herrschenden Stimmung und geistigen Beschäftigung des Augenblicks zu sprechen, 
so dass der Verfasser bei Abfassung des 2. Briefes die einzelnen Gedanken, 
Wendungen und Ausdrücke des zuerst geschriebenen, die ihm noch in der Seele 
hafteten, frei verwerthet hätte. Damit würde freilich das Verwandtschaftsver- 
hältniss einen möglichst unschuldigen Charakter gewinnen, gleichwohl aber immer 
noch es sich fragen, ob als der zuerst geschriebene Brief Eph (Eichhorn, Hug, 
Credner, Schneckenburger, Matthies, Böttger, Guericke, Reuss, Klostermann, 
Braune und Hofmann) oder Col (Wiggers, Harless, Neander, Bleek, Meyer, 
Schenkel, Wieseler, Sabatier und Koster) zu gelten habe. Es besteht nämlich 
unter den Vertheidigern der Echtheit beider Briefe keine Einigkeit darüber, ob 
Pls, als er den Tychicus nach Kleinasien sandte, zuerst die lokale Gefahr ins 
Auge gefasst (Col 4, 7 — 9) und dann sich entschlossen habe, bei dieser Gelegenheit 
auch einem weiteren Kreise Kunde von sich zukommen zu lassen, weil zu Eph 
6, 21 tva 8s eISyjts xal uixst? xa xat' Ep.£ die Parallele Col 4, 7 kein xal auf- 
weist. Die für Abfassung der Encyklica gebotene Eile Hesse die Anlehnung 
des Inhalts und der Form an den früher geschriebenen Brief allenfalls erklärlich 
erscheinen. Ebenso möglicherweise aber hat Pls zuerst diese Encyklica ge- 
schrieben, welche von Ephesus, wohin Tychicus zunächst gelangte (vgl. 2 Tim 
4, 12), bis Laodicea gehen sollte. Nachher erst schien es ihm von Nöthen, an 
die Kolosser, welche nicht mit in diese Reihe eingeschlossen waren, noch eine 
besondere Ansprache zu richten, worin der allgemeine Inhalt des früher ge- 
schriebenen Briefes concentrirt wiedergegeben und mit einer polemischen Pointe 
versehen wurde. Weil aber auch Laodicea in derselben Lage war wie Kolossä 
und sich dadurch von anderen Gemeinden unterschied, wird 4, 15. 16 Vorsorge 
getroffen, dass der 2. Brief auch nach Laodicea gelangt, was am füglichsten 
auf dem Wege eines Austausches gegen die Encyklica, sobald dieselbe ihren 
Weg bis nach Laodicea gefunden, geschehen konnte. Daher der Verfasser, 
welcher sich bewusst ist, zuvor ähnliche Ermahnungen an eine Gesammtheit 
von Gemeinden gerichtet zu haben Col 3, 8 (vovl ^k 8cir6^£0^e xal öfxel? xa icavia), 
„auch" (fehlt in der Parallele Eph 4, 22, vgl. 25.. 31) die Kolosser und Laodi- 
cener zu ähnlicher Leistung auffordern kann. Die Frage, wie denn die Leser 
des einen Briefes dazu hätten kommen können, eine solche Beziehung auf einen 
anderen, zunächst nicht an sie gerichteten Brief herauszufinden, besteht zu 
gleichem Recht auf den beiden gegnerischen Seiten, die sie wider einander aus- 
spielen. Ein xai wiegt so schwer wie das andere. 



Der Brief an die Epheser. 4. Das Verhältniss zum Kolosserbrief. 295 

3) Die Sackgasse, in welcher sich diesmal die conservativen Kritiker mit 
ihrer Gegnerschaft zusammenfinden, dürfte vermieden werden, wo man als Prä- 
missen für jede Urtheilsbildung folgende Thatsachen anerkennt: 

1: Die Verwandtschaft ist allerdings z. Th. eine solche, welche auf die 
Voraussetzung der Einheit des schriftstellerischen Subjectes führt, zum anderen 
und wohl grösseren Theil aber eine schriftstellerisch vermittelte, wie besonders 
aus den Stellen erhellt, wo ein gemischter Wortvorrath in beiden Briefen auf 
verschiedene Weise fast wie mit Sorge, dass nichts verloren gehe, vei*theilt 
erscheint. Mit ausschliesslicher Betonung der 1. Hälfte dieses Satzes (Einheit 
des zeitlichen und psychologischen Moments) ist die vorliegende Aufgabe nur auf 
bequeme Manier umgangen; denn auch der identische Verfasser beider Briefe 
müsste doch immer bei Abfassung des späteren den früheren vor sich liegen 
gehabt und z. Th. pedantisch reproducirt haben. 

2: Aber auch die in irgend welchem Maasse unausweichbar sich auf- 
drängende Annahme eines schriftstellerischen Abhängigkeitsverhältnisses lässt 
sich ebenso wenig unter der Voraussetzung einer Priorität von Eph, wie unter 
der entgegengesetzten reinlich und vollständig durchführen. In jedem der beiden 
Briefe laufen Merkmale des Ursprünglichen und des Seeundären nebeneinander 
her und durcheinander hin, so dass man sich auf eine Hypothese verwiesen 
sieht, der zufolge gegenseitige Abhängigkeit denkbar erscheint. 

3: Den Weg zu einer solchen weisen die Beobachtungen, dass zwar Eph 
ein Stück aus Einem, aber nicht aus dem paulinischen, Gusse, dagegen Col in 
jeder Beziehung theilweise ist, was Eph ganz (Baür, Pls II, S 39), dass alle 
aulfälhgen Spracheigenthümlichkeiten , womit Col die paulinische Linie über- 
schreitet, sich mit Wortvorrath und Stil von Eph berühren (Zeller ThJ 1843, 
S 540 f) und folglich Col ein „Doppelgesicht" trägt (Ewald, Göttingische ge- 
lehrte Anzeigen 1872, S 1621), sofern sich Spuren der Abfassung durch Pls 
einerseits, durch den Verfasser von Eph andererseits durchkreuzen. 

Da nun eine wesentlich nur eigenes Product wiederholende Thätigkeit 
dem schöpferischen Geiste des Pls nicht entspricht, so weist der 3. dieser Sätze 
in Verbindung mit dem 1. auf ein methodisch durchgeführtes Interpolations- 
und Ueberarbeitungsverfahren hin von oben (S 225 f) beschriebener Art (An- 
wendung auf Col zuerst bei Weisse, Philosophische Dogmatik I, 1855, S 146 ; 
Beiträge zur Kritik der paulinischen Briefe 1867, S 59 f). Speciell um des 1. 
Satzes willen muss dann aber der Autor ad Ephesios mit dem Interpolator von 
Col identisch sein, so dass ein echter Plsbrief mit mancherlei Material in der 
Manier von Eph unterwebt, durchwirkt und erweitert wurde (so zuerst Hitzig, 
Zur Kritik paulinischer Briefe 1870, S 22, 26). Dem 2. Satze gemäss nöthigt 
aber das Abhängigkeitsverhältniss in der complicirten Gestalt, wie es vorliegt, 
zu der Annahme, dass der Autor ad Ephesios nicht blos den echten Plsbrief 
als Grumllage benutzt, sondeni ihn der so gewonnenen eigenen Vorlage nach- 
träglich auch auf dem Wege eindringender Uebemrbeitung conformirt hat. Das 
Gewirrc der Parallelen wird nämlich durchsichtiger, sobald man bemerkt, wie 
theils einzelne Abschnitte des ursprünglichen Plsbriefes der Reihe nacli in Eph 
zur Verarbeitung kommen, theils aber auch Eph Stück für Stück zur Ausfiillung 
in Col venvendet ist. Die auf auseinander liegenden Punkten erscheinenden 
Parallelenreihen in Eph finden dann in demselben Verhältnisse ihre Erklärung, 
welches auch mit sich bringt, dass die Parallelen in Col theilweise als aus Eph 
übertragen, theilweise aber als Originale für Eph zu betrachten sind. Diejenigen 



296 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

Bestandtlieile endlich, welche nach Ausscheidung alles sprachlichen und sach- 
lichen Eigenthums des Autor ad Ephesios theils als bereits in Eph benutzt, 
theils als überhaupt in Col original und selbstständig 'im Reste bleiben, schliessen 
sich untereinander zwanglos zu einem neuen Ganzen zusammen, dessen theolo- 
gischer Gehalt allenthalben durch den genuinen Paulinismus der anerkannten 
Hauptbriefe gedeckt wird. Ein Versuch durchgängiger Reconstruction wurde 
1872 geboten, von welchem Haüsbath (Pls, 2. Afl S 461 5 Zeitgeschichte III, 
2. Afl 1875, S 358 f) in Einzelheiten abweicht (Mangold bei Bleek S 602 erhofft 
wenigstens in der hier gewiesenen Richtung die endliche Lösung des vorliegenden 
Problems), während 0. Pfleiderer (Paulinismus, S 366 f, 370 f, 431 f), v. Soden 
(1885) und eventuell auch Schmiedel (S 143) die Interpolationshypothese vielmehr 
in der Weise durchführen, dass sie nach Hönig's Vorgang zwischen dem Autor 
ad Ephesios und dem Interpolator von Col scheiden, wobei v. Soden nur 
1, 15 — 20. 2, 10. 15. 18 (von d-iXcav bis e}j.ßax£Uü>v), Pfleiderer auch die ganze 
Umgebung dieser Verse ausscheidet. 

Aus der Entfernung aller nicht nachweisbar und deutlich paulinischen 
Elemente resultirt übrigens ein sehr einfach angelegtes Schreiben, welches der 
keinen einheitlichen Gedankenfortschritt darbietenden , den Redegang vielmehr 
undurchsichtig machenden Digression 1, 14 — 22 ledig geht und sein Thema in 

1, 10 usptTCaxYjoai 6|i.äi; ailiuc, toö d-zob findet. Da wo dasselbe aus dem weit- 
bauschigen Gewände des jetzigen Briefes wieder hervortaucht, 1, 23, schliesst 
sich der Uebergangsabschnitt 1, 24 — 2, 5 an, in welchem Pls den Lesern näher 
rückt, um sie vor dem Irrwege einer ascetischen Gesetzlichkeit zu warnen 
(2, 8) und darüber zu belehren, wesshalb sie als Gläubige über jenes Satzungs- 
wesen hinaus sind (2, 11 — 3, 4). Die gemeinchristlichen Tugenden der Barm- 
herzigkeit, Verträglichkeit, Bruderliebe u. s. w., sowie auch die Erfüllung der 
Berufspflichten finden hierauf (3, 5 — 4, 6) im Gegensatze zu einer Irrlehre Em- 
pfehlung, welche die Vollkommenheit vielmehr auf dem Wege des ascetischen 
Abenteuers zu erreichen sucht. Tychicus, welcher den Brief überbrachte (4, 7), 
und Epaphras, der alsbald zu den Kolossern zurückkehrend gedacht (4, 12) und 
im voraus als Vertreter und Geschäftsträger des Apostels legitimirt ist (1, 7), 
werden die mündliche Interpretation der kurzen Zuschrift übernehmen. Diese 
Reliquie des Apostels, deren Wortlaut selbstverständlich nur noch mit mehr 
oder weniger Wahrscheinlichkeit festzustellen, nicht aber in jedem Detail sicher 
reconstruirbar ist, wäre sonach der Kirche erst in derjenigen Gestalt bekannt 
geworden, welche der Autor ad Ephesios, der sie der Vergessenheit an abge- 
legenem Orte entriss, ihr zu geben für gut fand, indem er Col und Eph als 
Zwillingsbriefe ausgehen und ein vereintes Zeugniss für die Herrlichkeit der 
werdenden Völkerkirche ablegen Hess. Während er dabei speciell in der positiven 
Ausführung (Eph) ein Progamm der Lebenstührung für die geborenen Heiden ent- 
wirft, bekämpft er dagegen eine drohende Gefahr in Col, wo die metaphysische 
Begründung der Ascese durch ^pYjaxsta tcüv a-^^kliü^ 2, 18 einen in das ursprüng- 
liche Bild hineingemalten, bereits die Gnosis ankündigenden Zug darstellt. 

. 4) Im Gegensatze zu letztgenannter Zeiterscheinung (S 133 f) verlegen beide 

Briefe den sich realisirenden Ejad^s^ck Ggitjas. nipht sondern in^ 

djft bcxX-no ca (Eph 3, 10-, vgl. Col 1, 20—22), feiern demgemäss die Kirche, 

\ welche, auf dem Grunde der Apostel und Propheten erbaut (Col 1, 23. 25. Eph 

2, 20 — 22), sich als ein mit dem erhöhten, einheitlichen Haupte unzertrennlich 
verbundener Leib organisch zusammenfügt (Col 2, 19. 3, 15. Eph 1, 22. 23. 



Der Brief an die Philipper. 1. Abfassimgsort u. VerhältnisszuEph, Col, Phm. 297 

4, 4. 12. 15. 16. 5, 23. 25—27. 29. 30. 32), in nerhalb de ssen es^nen Unter- 
s chied vo n jrygT'.^ jiitd ,YV-<J^?1^ g^t)t (4, 13), da die (/.'(ojz-fj^'zoö Xptaxoö alle fvwat? 
übertrifft (3, 19j. Andererseits verallgemeinem sie den Erlösungsprozess 
(Eph 1, 7—10. 12. 18. 20. 23. 4, 9. 10. Col 1, 16. 20. 3, 11) und stellen Christus 
als^kosmisches Centralwesen dar, welches ebenso in der Kirche sein TCXrjpcufxa 
findet (Eph 1, 23. 4, 10. 12. 13), wie es selbst seinerseits das 7tX-f]p(i)fAa Gottes 
ist (Col 1, 19. 2, 9. 10 = Eph 3, 19). In diesem Christus liegen daher alle 
Schätze der Weisheit und Erkenntniss (Col 2, 3), aber nicht etwa als zu ewiger 
Verborgenheit, sondern gegentheils als zur Erleuchtung der ganzen Menschheit, 
nicht blos der Gnostiker, bestimmte (Col 1, 28. Eph 3, 18. 4, 13). Daher die 
I(l( •■ ( iiu s vdii Anbeginn der "Welt her in Gott verborgenen, jetzt aber den 
Aposteln und durch sie der Kirche geoffenbarten jxooxYjpiov mit Vorliebe gepflegt 
wird (Eph 1, 9. 10. 3, 3—5. 9. 5, 32. 6, 19. Col 1, 26. 27. 2, 2. 4,3), 
wie andererseits das viele Reden von Stavoia, aoveo'.?, (ppovYjai?, yvwok;, Iuiyvcooi;, 
Gocpia, SiSdoxeiv, jj-avO-dvstv, cpcuxtCeiv, dTCOxaXoTCxetv , vosiv, "^viopi^^tiv , cpavepoöv 
u. s. w. an Gnosis und Mysteriencult erinnert. Für alle diese Eigenthümlichkeiten | 
einer deuteropaulinischen Weltanschauung fehlt es an vereinzelten Ansätzen in 
Kundgebungen des Heidenapostels nicht, und so hat der Verfasser schliesslich 
auch seine Darstellungsweise an derjenigen seines Vorbildes herangebildet, indem ' 
er sich einzelner Vorkommnisse und Elemente der paulinischen Lehrsprache f 
mit Liebhaberei bemächtigte und sie zu wirklichen Eigenthümlichkeiten steigerte, f 
Daher Häufungen von Synonymen, von Genetiven, von Fragewendungen mit xt? ^ 
oder xt im Sinne von quantus und quäle, von mit uä<; verbundenen Substan- , 
tiven ; zahlreiche Worte, die den Begriff der Fülle ausdrücken, wie TtXvjpoov, 
7cXirjpoüa9-ai, dvxavaTcXYjpoöv, i^Xir^pocpopsIoO-at, uXYjpocpopia, TrXviOfi.ov'r] und itX*f|p(üjjLa; 
längere Wortzusammensetzungen, wie imter den 84 anal Xs^o/Asva beider Briefe 
namentlich dv^ptoTidpeGxof;, o^fd-aXit-oZooKtia, aTcaXXoxptoöaO-at und <5cTCoxaxaXXdoaeiv, 
wogegen unsere Briefe nur 5 Wörter ausschliesslich mit Pls gemein haben; vgl. ( 
oben S 282. 

Der Brief an die Philipper. 

Specialcommentare von Rhelnwald (1827), IVIatthies (1835), van Hengel 
(1838), Hölemann (1839), Rilliet (1841), Baumgarten-Crusius (s. oben S 233), 
Jatho (1857), Weiss (1859), Ellicott (vgl. oben S 274), L B. Lightfoot (1868, 
t). Afl 1881), C. L Vaughan (1882), Eadie (1884). Dazu C. Hülsten JprTh 
1875, S 425 f. 1876, S 58 f, 282 f. P. ScmiiDT, Neutestamentliche Hyperkritik 
;in dem jüngsten Angriff gegen die Echtheit des Philipperbriefes auf ihre Me- 
tliodc hin untersucht 1880. Th. Zahn ZWL 1885, S 182 f, 243 f, 281 f. 

1. Abfassungsort und Verhältniss zu Eph, Col, Phm. 

Viermal, wie in den übrigen Briefen aus der Gefangenschaft 
(Phm 1. 9. 10. 23. Col 1, 24. 4, 3. 10. 18. Eph 3, 1. 13. 4, 1. 
♦>, 20), erfahren wir auch in diesem Briefe (1, 7. 13. 14. 17), dass 
der Apostel Fesseln trägt. Nun istPhl, woran unter den Neueren 
nur Bleek zweifelt (S 563, 603 f), jedenfalls nach den 3 anderen 
i;eschrieben. Für Cäsarea, wo Paulus (De tempore scriptae prioris 
ad Tim. atque ad Phil, epist. Pauli 1799), Büttger (Beiträge zur 



298 Besonderer Theil. Die paulinischen Briefe. 

historisch- kritischen Einleitung in die paulinischen Briefe 1837, 11, 
S 37 f) und Thiersch (Kirche S 173) auch Phl entstanden sein 
Hessen, spricht, dass unter dem Prätorium 1, 13 und Kaiserhaus 4, 22 
auch der Palast des Herodes daselbst als das bedeutendste öffent- 
Hche Gebäude verstanden sein könnte (Act 24, 23). Treffender aber 
scheint die Beziehung von 1, 13 auf die Kaserne, der praetorianae 
cohortes (Sueton. Tib. 37) und von 4, 22 auf das kaiserliche Gesinde. 
Möglicherweise war Pls kürzlich aus dem {iLa^w^i^a Act 28, 30 in ein 
Gefängniss beim kaiserlichen Palast gebracht worden. Bestimmter 
weist die ihm zum Verdrusse geübte judenchristHche Lehrthätigkeit 
nach Eom, wie denn gerade die antijüdische Polemili auch den 
Kolosserbrief (2, 11 — 14. 16. 17) mit dem unsrigen verbindet und 
nach Eom zieht. Pls ist Phl 1, 14 von einer grossen Gemeinde um- 
geben, womit die Col 4, 3. 4 (= Eph 6, 19. 20) sich eröffnende 
Aussicht auf eine fruchtbringende Thätigkeit stimmt. Insonderheit 
aber schliesst sich Phl 2, 20. 21 steigerungsweise an die Col 4, 11 
ausgedrückte Stimmung bezüglich seiner Mitarbeiter an. Schliess- 
lich treten auch die mancherlei Hoffnungsstrahlen, die Phl 1, 25 — 27. 
2, 23. 24 hervorbrechen, wieder zurück hinter dem Gedanken an das 
nahe Ende. Stellen wie 1, 20. 21. 2, 17. 3, 10. 11 fehlen in den 
3 anderen Briefen gänzHch. Es ist das Testament des Apostels, 
das wir vor uns haben — und das schrieb er in Rom. 

In neuerer Zeit gilt daher als ausgemacht, dass Phl, falls überhaupt echt, 
vom Rom aus datirt ist (anders nur noch E. Böhmer, Rm S .185 f), selbst für 
den Fall, dass die 3 anderen Grefangenschaftsbriefe, welche allerdings zusammen- 
gehören und gemeinsame Abfassungsverhältnisse voraussetzen, in Cäsarea ge- 
schrieben wären (D. Schulz, Schott, Wiggers, Meyer, Reüss, Schenkel, Weiss). 
Auf keinen Fall darf man daher noch Eph allein in Palästina, dagegen mit Phl 
auch Phm und Col in Rom abgefasst sein lassen (Schneckenburger, Beiträge 
S 143). Alle Andern treten für Rom als Abfassungsort aller 4 Briefe in die 
Schranken; sofern sie ihnen überhaupt Echtheit zuerkennen, auch Renan, Aube, 
Davidson, Hitzig, während Hausrath, Pfleiderer, Hilgenfeld, in gleichem 
Falle befindlich, nur Phl in Rom, das Uebrige in Cäsarea entstanden sein lassen, 
endlich Credner (Einl. S 390; Das NT S 290) und de Wette (Rom 1826 
und 1843—47, Cäsarea 1830—1848) sich schwankend verhielten ; vgl. H. Holtz- 
mann, Kritik der Epheser- und Kolosserbriefe S 279 f. 

2. Veranlassung. 

Die Christen in Philippi, welche Pls auf der ersten Missionsreise 
gesammelt (Act 16, 12 — 40) und auf der 2. mehrfach besucht hatte 
(20, 1 — 6), waren im Gemüth mit dem gefangenen Apostel um so 
mehr beschäftigt, als der Prozess gegen ihn endlich (28, 30. 31) be- 
gonnen und damit seine Lage scheinbar eine Wendung zum Schhm- 



Der Brief an die Philipper. 2. Veranlassung. 299 

meren genommen hatte. In Wirklichkeit freilich diente der Anfang 
des Prozesses nur dazu, die rein religiöse Ursache seiner Gefangen- 
schaft an's Licht zu bringen (Phl 1, 7. 13) und den gesunkenen 
Muth der deprimirten Gemeinde Roms wieder zu heben (1, 14). Die 
Philipper aber hatten bereits den Epaphroditus (welchen Manche 
seit Grotius mit Epaphras Col 1, 7. 4, 12 Phm 23 identificiren) 
zu ilmi gesandt, welcher in Rom fast einer schweren Krankheit er- 
legen wäre, wovon seine Gemeindegenossen nur zu ihrer noch grösseren 
Beunruhigung Kunde empfangen hatten (2, 26. 27. 30). Wie nun 
aber Pls auch sonst ausnahmsweise von seinen „Macedoniern" Ge- 
schenke angenommen hat (4, 15. 16 = 2 Cor 11, 8. 9), so war auch 
Epaphroditus mit einer Gabe eingetroffen (2, 30. 4, 10. 18). Die 
Pflicht, liierfür zu danken, und das Bedürfniss, sich sowohl über seine 
Lage als über die Gemeindezustände in Philippi, wie sie ihm der 
Gesandte geschildert hatte, auszusprechen, motiviren den Brief, wel- 
chen Pls dem zurückkehrenden Epaphroditus (2, 25. 28. 29) mit 
einer Empfangsbescheinigung (4